Archive for the ‘Staatsschauspiel Dresden’ Category

„Sterne über Senftenberg“ und „Wir kommen“ – Theaterstücke über die Nachwende-Generation in Senftenberg und die Generation der Millennials in Dresden

Mittwoch, Mai 3rd, 2017

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Sterne über Senftenberg – Dominic Friedel inszeniert die Neuauflage eines alten Fritz-Kater-Stücks über ostspezifische Wendeprobleme an der Neuen Bühne Senftenberg

Sterne über Senftenberg von Fritz Kater – Foto (c) Neue Bühne Senftenberg

Bereits im September 2016 hat sich die Neue Bühne Senftenberg mit „Wir sind 70!“ ein Theaterfest zum Jubiläum ausgerichtet. Etwas verspätet kommt dazu nun auch noch ein separates Stück, das man beim Autor Fritz Kater [im sonstigen Leben Theaterregisseur und Intendant des Schauspiels Stuttgart mit Namen Armin Petras] bestellt hatte. Sterne über Senftenberg ist eine Art Fortschreibung des 2003 in Leipzig von Petras selbst uraufgeführten Stücks Sterne über Mansfeld. Darin sind diverse Wendeschicksale verschiedener, in der Region des ehemaligen Kupferbergbaus lebender Personen miteinander verwoben. Kater erzählte von Wünschen, neuen Zielen und Perspektiven im Umbruch sowie dem tragischen Scheitern von Träumen und Beziehungen.

Im neuen Stück, das der Ex-Regieassistent von Armin Petras am Berliner Gorki Theater und heute selbst vielbeschäftigte Regisseur Dominic Friedel in der Studiobühne des Senftenberger Theaters zur Uraufführung brachte, sind dieselben ProtagonistInnen eher lockerer ost-verortet in einer Region, die mit dem Wandel zur gestalteten Kulturlandschaft aber deutlich an die ehemaligen Gebiete des Braunkohletagebaus rund um Senftenberg und Cottbus erinnert. Und auch sonst kann man die Handlung ganz gut mit dem zum Theaterfest uraufgeführten Stück Birkenbiegen des in Cottbus geborenen Autors Oliver Bukowski vergleichen. Hiergebliebene treffen auf Rückkehrer und Zugezogene, die sich mit alten Wunden und neuen Problemen auseinandersetzen müssen.

Wie im Mansfeld ist Polizist Christian (Roland Kurzweg) auch in der Lausitz mit dem Fernrohr immer auf der Suche nach den Sternen, die er seiner Nichte Janica (Marianne Helene Jordan) auf dem Dach eines Bühnenkubus, der am Beginn noch mit Papier eingeschlagen ist, zeigen will. In jenem Kubus steht nach dem Abreißen der Papierbahnen Janicas Vater, der Ex-Rockmusiker Thomas (Robert Eder), der seine E-Gitarre immer wieder einstöpselt und den rauen Sound des Abends gibt. Thomas war vor dem Ende der DDR mal kurz ganz nah dran an einem Plattenvertrag, wie der Schlagzeuger von Rockhaus, einer bekannten Ostband, der nun in einer Stones-Revival-Band spielt. Früher hat Thomas etwas gewagt, wie seine Frau Betty (Eva Geiler) am Küchentisch erzählt – heute verkauft er Versicherungen, um die Schulden für das Haus abzubezahlen. Die Idee einer Go-Kart-Bahn scheitert nicht nur an den Banken, sondern auch an über 600 fehlenden alten Autoreifen.

 

Sterne über Senftenberg – Foto (c) Neue Bühne Senftenberg

 

Ein weiterer Wendeverlierer liegt schon zu Anfang im Straßengraben. Benjamin, ein Parteiarbeiter im Ruhestand (Sybille Böversen), hat versucht sich das Leben zu nehmen und wird vom zugereisten Pastor (Sebastian Volk) gefunden, der im Osten auf Missionarstour ist. Das rund um den drehbaren Kubus sitzende Publikum zieht der junge idealistische Pastor immer wieder mit ein. So fragt er z.B. nach einem Handy, dem fehlenden Glauben oder der Wahrheit. Finden wird er nur Isabell, eine junge Frau auf der Suche nach Liebe (Katrin Flüs), die von einem Jesus an der Fleischtheke im Supermarkt phantasiert, der mit christlichen Litaneien aber in diesem Leben nicht zu helfen ist.

So hat hier jeder sein Päckchen zu schultern, nur der junge Pastor versucht noch die Last des alten Parteigenossen, dessen Gott eine versteckte Stalinbüste ist, mit zu tragen. Unermüdlich fordert er den am Bein Versehrten zum Weiterlaufen auf, aber Benjamin sackt immer wieder in sich zusammen. Er hat den einzigen Schuss der Wendeunruhen abbekommen. Ein Betriebsunfall der Geschichte. Den Pastor bezeichnet Benjamin als Reaktionär, einen der das Rad der Geschichte zurück drehen will. Einziger Hoffnungsschimmer bleibt die junge Janica, die den Absprung vom Graffiti-Sprayen an die Londoner Kunsthochschule schafft, trotz eines fast tödlich ausgehenden Zugunglücks.

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Soweit ist die Senftenberger Story fast identisch mit der aus dem Mansfeld, und man fragt sich schon, ob dieser als Uraufführung angesetzte Abend nicht nur eine örtlich umgesetzte Mogelpackung ist. Auch die recht sprunghafte Inszenierung von Dominic Friedel sorgt da nicht wirklich für Klärung. Das Neue ist dann aber nicht etwa das Weglassen des Chors der älteren Damen, sondern die Einführung der neuen zukunftsweisenden Figur, des Jungen Jeremias, den die aus London zurückgekehrte Janica mit in die alte Heimat bringt. Ihren Sohn, den sie mit einem Jamaikaner zeugte, spielt der 13jährigen Dae Eun Choi, Kind einer Koreanischen Musikerin und eines Senftenberger Schauspielers.

Der knapp 100minütige Inszenierung wird nicht nur von vereinzelten Versen des DDR-Literaten Wolfgang Hilbig und der an Metaphern reichen Sprache Fritz Katers aufgewertet. Am Ende gibt es, nachdem der Bühnenkubus wieder mit Spanplatten verkleidet ist, auch noch einen Blick in die Zukunft des freiwilligen Nierenspenders Christian, der Altenpflegerin Betty sowie von Mutter Janica und Sohn Jeremias. Regisseur Friedel lässt sie um den Kubus rotieren und immer wieder gemeinsam ihre Texte ins Publikum sprechen. „Es gibt keine Wahrheit. Keine Lüge. Nur Aktion. Aber die muss man schon selber machen.“ sagt Jeremias. Oder etwa: „Wir müssen wieder magische Orte schaffen.“ Zumindest dieses vage Versprechen des Theaters kann hier in Teilen erfüllt werden.

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STERNE ÜBER SENFTENBERG (Studiobühne Senftenberg, 08.04.2017)
Von Fritz Kater
Regie: Dominic Friedel
Bühne und Kostüm: Peter Schickart
Dramaturgie: Maren Simoneit
Besetzung:
Thomas, früher mal Rockmusiker … Robert Eder
Christian, sein Bruder, Ex-Polizist, Frührentner, Tauchlehrer … Roland Kurzweg
Pastor, nicht von hier … Sebastian Volk
Benjamin, Parteiarbeiter i. R. … Sybille Böversen
Isabell, auf der Suche nach Liebe … Katrin Flüs
Betty, Frau von Thomas … Eva Geiler
Janica, ihre Tochter … Marianne Helene Jordan
Jeremias, Janicas Sohn … Dae Eun Choi
Uraufführung an der Neuen Bühne Senftenberg: 8. April 2017
Weitere Termine: 22., 23.05.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-senftenberg.de/

Zuerst erschienen am 10.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Bleierne Traurigkeit – Im Kleinen Haus 3 am Staatsschauspiel Dresden bringt Tea Kolbe Ronja von Rönnes Debut-Roman Wir kommen auf die Bühne

Wir kommen (nach dem gleichnamigen Roman von Ronja von Rönne) am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) Matthias Horn

Wir kommen heißt der erste Roman der 1992 in Berlin geborenen und im oberbayerischen Markt Grassau aufgewachsenen Bloggerin und Journalistin Ronja von Rönne. Woher, wohin, ob zu früh oder zu spät, spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Der Roman beschreibt nur das vage Gefühl es womöglich nicht zu wissen, sich das Recht zum Ausprobieren aber nicht nehmen lassen zu wollen. Beim Bloggen wie beim Schreiben für die Tageszeitung Die Welt (das Springerblatt für Intellektuelle) vertritt Ronja von Rönne aber auch gern mal „Radikalpositionen“. Eine solche zum Thema Warum mich der Feminismus anekelt brachte ihr 2015 nicht nur von Seiten radikaler Feministinnen einigen Ärger ein. Viel Lob gab es dann allerdings auch aus der eher konservativen Ecke.

Infolge dieses medialen Hypes und ihrer Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Peis-Lesen in Klagenfurt ging es bald nicht mehr nur um Inhalte und literarisches Können. Eine gewisse Frechheit kann man dem sogenannten „Rönne-Sound“ ihres Blogs Sudelheft allerdings nicht absprechen. Ronja von Rönne polarisiert und scheint selbst davon überrascht zu sein. Wie man lesen kann, bedauert sie heute ihre damals spontan dahingeworfene Wutrede. Einen Axel-Springer-Preis für ihren kontrovers aufgenommenen Text lehnte sie ab. Durchaus gespalten fiel auch die bundesdeutsche Literaturkritik zu von Rönnes Debutroman aus. Die Einschätzungen gehen von exzellent, raffiniert und witzig bis zu lustlos, wurstig oder gar verzichtbar.

Am 9. April hatte nun die erste Bühnenadaption von Wir kommen am Staatsschauspiel Dresden Premiere. In der Welt lieferte danach die anwesende Autorin unter dem Titel: So gruselig ist es, das eigene Theaterstück zu sehen höchst selbst einen Bericht davon ab. Nebenbei ein recht guter Beitrag zum Verständnis der Figuren, die, wie von Rönne meint, „viel jammern, in einem Beziehungsgeflecht miteinander feststecken und ansonsten wenig tun“. Das klingt nicht gerade nach großer dramatischer Spannung, und wie bei jeder Romanadaption für die Schauspielbühne braucht es dazu nicht nur einen triftigen Grund, sondern auch ein paar gute Ideen, um dem Ganzen eine Wirkung im Theater zu verleihen. Aber wie exzellent oder verzichtbar stellt sich die Geschichte auf der Bühne wirklich dar?

Nora, die junge Protagonistin des Romans, leidet seit einiger Zeit an allmorgentlichen Panikattacken, die ihr die Luft zum Atmen nehmen. Nicht erst seit Thomas Melles Die Welt im Rücken sind Beschreibungen von Depressionen oder bipolaren Störungen ein Thema in der deutschsprachigen Literatur. Auch Ronja von Rönne weiß, wovon sie da schreibt. Allerdings ist das Ergebnis weit davon entfernt, die psychopathologische Analyse einer Krankheit zu sein. Die Autorin liefert eher ein düsteres Stimmungsbild einer Generation, die Meister der Aufarbeitung ist und darüber die Orientierung verloren hat, worum es im Leben überhaupt geht. Diffuse Vorstellungen von Glück, Liebe und beruflicher Karriere gehen mit einer ebenso undefinierbaren lähmenden Angst davor einher.

 

Wir kommen (nach dem gleichnamigen Roman von Ronja von Rönne) am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) Matthias Horn

 

Der besondere Clou der Inszenierung von Regisseurin Tea Kolbe im Kleinen Haus 3 ist es, die Schauspielerin Hannelore Koch als personifizierte Panik auftreten zu lassen. Wirklich angsteinflößend ist diese Figur jedoch nicht. Sie ist wie im Roman eher ein zur Gewohnheit gewordener Partner, der in Stunden der Einsamkeit behutsam mit Sätzen wie „Du verpasst nicht viel.“ das schlechte Gewissen, sich gehen zu lassen, wegreden will, aber auch beharrlich am Selbstbewusstsein nagt. Abhilfe soll der Besuch bei einem Psychotherapeuten schaffen. Als der mit seinem „perfekten Leben“ in den Urlaub fährt, empfiehlt er Nora in seiner Abwesenheit Tagebuch zu führen. Auch ein bewährtes Mittel zur Selbstreflexion. Und so bekritzelt Antje Trautmann als Nora schon zu Beginn mit Kreide den Boden eines runden, drehbaren Spiegelkabinetts.

Die Geschichte entspinnt sich nun zwischen ironischen Gegenwartsspiegelungen Noras und ihrer polyamourösen Beziehung zu Jonas, Karl und Leonie, Mutter der stummen fünfjährigen Tochter Emma-Lou, sowie Rückblenden in Noras Kindheit auf dem Land mit ihrer besten Freundin Maja, die sich gerade das Leben genommen hat. Auf der Rückseite der Spiegelpaneele lassen sich Namen, Alter und Strichsilhouetten zeichnen. Lucie Emons verkörpert dabei immer wieder Maja und zusammen mit Hannelore Koch die anderen Figuren des Romans. Auch Maja, ein früher recht lebensfrohes Mädchen mit ziemlich radikalen Zielen, scheint an einem unverarbeiteten Trauma gelitten zu haben. Der Wunsch, der Enge des Dorflebens zu entfliehen, wird beschrieben. Eine Mutprobe mit tödlichem Ausgang und der Weggang Noras haben die einstigen Freundinnen einander entfremdet.

Nora hadert mit dem Tod Majas, was jedoch nicht der einzige Grund für ihre Angststörungen ist. Auch damals gab es schon eine Vierergruppe, die allerdings nicht unbedingt auf Freiwilligkeit basierte. Nun versucht es Nora besser zu machen. Doch im komplizierten Beziehungsgeflecht der neuen Gruppe kriselt es ebenfalls mächtig. Verschiedene Auffassungen von Liebe und Lebensglück sowie Egotrips und Eifersüchteleien führen trotz einem gemeinsamen dreiwöchigen Urlaub am Meer schließlich zum Bruch. Die gleichen Codes oder eine finale Party liefern nicht den „sozialen Klebstoff“, an dem man schnüffelt, „um wieder abhängig voneinander zu sein“.

Die Dresdner Bühnenfassung versucht von Rönnes zuweilen etwas weitschweifigen Text aufs Wesentliche zu verdichten und die drei Schauspielerinnen schaffen es, die entsprechende Atmosphäre zwischen Hoffnung und bleierner Traurigkeit, von der immer wieder die Rede ist, ganz gut zu transportieren. Trotz einer gewissen, auch treffenden Kritik an typischen Mode-Macken und der im Selbstverwirklichungsstress hyperventilierenden Gesellschaft, die sich erst nach und nach ihrer Müdigkeit bewusst wird (im Programmheft wird mal wieder der Müdigkeits-Philosoph Byung-Chul Han zitiert), meiden Autorin wie Regisseurin die ganz großen Themen. Da ist „ein Tattoo der Bundesrepublik auf dem Rücken“ schon das Schlimmste. Aber eine gewisse Abneigung zur radikalen Gesellschaftskritik scheint der Social-Media-Generation der Millennials, zu der auch Ronja von Rönne gehört, eigen zu sein. Nicht nur, was die Einstellung zum Feminismus betrifft.

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Wir kommen (Kleines Haus 3, 15.04.2017)
Nach dem Roman von Ronja von Rönne
In einer Bearbeitung von Tea Kolbe und Julia Fahle
Regie: Tea Kolbe
Bühne: Anne-Alma Quastenberg
Kostüm: Steffi Rehberg
Licht: Andreas Rösler
Dramaturgie: Julia Fahle
Besetzung:
Nora: Antje Trautmann
Maja: Lucie Emons
Panik: Hannelore Koch
Uraufführung war am 09.04.2017 im Kleinen Haus 3 am Staatsschauspiel Dresden
Dauer der Aufführung: 1 Stunde, 20 Minuten, keine Pause

Termine: 07., 24.05.2017

Info: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 19.04.2017 auf Kultura-Extra.

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89/90 – Christina Rast und Anna Rietschel adaptieren den Dresdner Wende-Roman von Peter Richter für das Kleine Haus des Staatsschauspiels

Dienstag, September 20th, 2016

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89/90 von Peter Richter war 2015 für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagen. Der Roman behandelt die letzten Monate vor der Wende 1989 und das letzte Jahr der DDR bis zur Deutschen Wiedervereinigung 1990 aus Sicht eines 16jjährigen Schülers, der wiederum rückblickend diese Zeit des Übergangs und Erwachsenwerdens am Ende der sozialistischen Ära in der Stadt Dresden in kurzen Berichten und Anekdoten reflektiert. Dass dieser Roman ein Jahr später an gleich zwei ostdeutschen Stadttheatern in verschiedenen Bühnenfassungen fast gleichzeitig aufgeführt wird, überrascht nicht. Die Aufarbeitung dieser deutschen Geschichtsstunde ist sicher noch nicht erschöpfend erfolgt. Man könnte aber auch sagen: Schon wieder ein Buch aus den Vorwendetagen in Dresden auf der Bühne? Hatten wir hier nicht mit dem Turm von Uwe Tellkamp erst den ultimativen Wende-Roman, der sogar noch zu Fernsehehren gekommen ist? Man würde damit aber Peter Richter sicher unrecht tun. Die Gefahr der ostalgischen Verklärung ist bei solchen Unternehmungen am Ort der Handlung zwar nie ganz auszuschließen. Der Drang vieler sich zu erinnern (in welcher Form auch immer) dürfte aber weiterhin ungebrochen sein.

89/90 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) David Baltzer

89/90 am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) David Baltzer

Bevor das Schauspiel Leipzig in der nächsten Woche seine Version an den Start bringt, hatte bereits am 27. August die Bühnenfassung von der Schweizer Regisseurin Christina Rast und ihrer in Elsterwerda geborenen Dramaturgin Anna Rietschel am Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels Premiere. Dass dies nicht auf der großen Bühne geschah, liegt sicher daran, dass das Große Haus am Postplatz gerade saniert wird. Projekt „Spielplansicherung“ nennt das die Stadt Dresden. Ein löbliches Ziel – sieht man, wie der Ex-Intendant Wilfried Schulz gerade mit den Umbauwidrigkeiten an seiner neuen Wirkungsstätte in Düsseldorf zu kämpfen hat. In einer Interimsspielzeit können die Dresdner nun aber mal ganz neue Spielstätten wie das Schlosstheater in der Dresdner Residenz oder das Palais im Großen Garten kennenlernen. Und Saal 1 im Kleinen Haus ist dann eigentlich auch nicht wirklich zu klein für diesen Versuch, Peter Richters Dresdner Wende-Erinnerungsreigen wirkungsvoll auf die Bühne zu bringen.

Unterstützt werden die beiden Theatermacherinnen von der Dresdner Band DŸSE, was schon mal die halbe Miete für den gut 160minütigen Abend ist. Richters Roman ist nämlich neben dem eigentlichen Erzählstrang auch so etwas wie ein Soundtrack zur Wende. Sein Hauptprotagonist und dessen Freund S. – Namen sind hier Schall und Rauch und eigentlich auch nicht wirklich wichtig – wollen nämlich (wovon Teenager wohl überall träumen) eine eigene Band gründen. An Namensvorschlägen mangelt es jedenfalls nicht. Vorbilder sind Ost-Punkbands wie Kaltfront oder Feeling B sowie englische Wave-Heroen wie New Order oder The Cure. Hauptsache, es klingt düster und kalt und nicht so beige wie die amerikanische Rockmusik jener Jahre. Das notwendige Equipment wird man sich schon irgendwie zusammensparen.

Dieses Punk-Feeling kommt durch den harten Live-Sound von DŸSE auch bestens rüber. Ansonsten ist – wie bei einem richtigen Jungsbuch (und das ist 89/90 zu mindestens 99,9 Prozent; ein gutes DDR-Wahlergebnis!) – ein ausschließlich männliches Schauspielensemble auf der Bühne, das die verschiedenen Charaktere der Geschichte wechselnd verkörpert. Mädchen, mit denen man im Buch geht und die dann irgendwann plötzlich in den Westen abhauen, werden einfach in Mimik und Gestik entsprechend adaptiert. Auch die schillernde Figur des Transvestiten T wird so kurz hin karikiert.

Aber es ist nun mal vor allem ein Stimmungsbericht eines männlichen Teenagers in der End-DDR mit allem, was an Jugendkultur in dieser Zeit so abging oder was systembedingt noch oder plötzlich möglich war. Dass DDR-Musiker wie Gerhard Gundermann, der singende Baggerfahrer, oder Art-Rocker wie die Stern-Combo-Meißen bei den Jungs verpönt waren, braucht man kaum zu erwähnen. Die Mix-Tape-Hitparade der 1980er war, ganz nach Geschmack, auch in der DDR vor allem geprägt vom Chart-Pop oder Underground des Westens, und als einzige Bekleidung aus volkseigener Produktion ging gerade noch die Unterwäsche.

Auch ideologisch hatte die DDR (das kennt man schon aus dem Turm) bei einem Großteil, nicht nur der Dresdner Bevölkerung, bereits abgewirtschaftet. Das will uns zumindest Peter Richter mit seinem Buch vermitteln. Und auch wenn das sein ganz persönliches Erleben ist, hatten sogenannte Hundertprozentige, die das auch noch offen zeigten, wie etwa die Freundin des Erzählers, L., einen gewissen Exotenstatus. Diese widersprüchliche Beziehung, die der Roman in einigen Kapiteln beleuchtet, wird hier auf nur wenige Szenen reduziert, wie etwa Diskussionen über Musik und Literatur oder den ersten West-Berlinbesuch der beiden nach dem überraschenden Mauerfall Anfang November 89.

 

89/90 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) David Baltzer

89/90 am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) David Baltzer

 

Der letzte Sommer des Sozialismus beginnt aber zunächst ganz normal mit einem nächtlichen Schwimmbadbesuch, der die Jugendlichen bei ihren Cliquenspielen zeigt. Dass sich einige von ihnen wenig später mal die Köpfe rasieren und auf anderer Köpfe einschlagen werden, ahnt da noch keiner. Richter lässt das aber in seinen rückblickenden Reflexionen schon mit anklingen. Der Autor, der jetzt als New-York-Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung schreibt, hat seine Kindheit und Jugend in Dresden verbracht. Man könnte ihm sicher vorwerfen, dass sein Buch auch nur mittlerweile gut bekannte DDR-Klischees auswalzt. Allerdings mit welchem ironischen Charme das hier erfolgt, ist dann doch durchaus lesenswert.

Auf der Bühne in Dresden, an deren Rückwand Franziska Rast eine Pseudolandkarte mit den politischen Koordinaten dieser Zeit Washington, Bonn, Berlin, Moskau und natürlich Dresden angebracht hat, sieht das dann auch eher wie eine lustige Party oder Fete aus, wie man früher zu sagen pflegte. Richter hat ja seinen Romanseiten zur näheren Erklärung sage und schreibe 134 Fußnoten angefügt, die an sich schon eine ganze DDR-Novelle hergeben. Hier werden sie ab und zu mit eingestreut, damit auch der aus dem Westen zugereiste Zuschauer weiß, wie man in der DDR Konsum aussprach oder was HO und EVP bedeutete usw.

Aus seitlich stehenden Spinden werden Blauhemden, Fahnen, GST-Klamotten oder Arbeiter-Blaumänner geholt und wieder versenkt. So entstehen die passenden Bilder zu Staatsbürgerkundeunterricht, 1.Mai-Demo, Wehrlager, PA- und ESP-Unterrichtung (Fußnote: PA für „Produktive Arbeit“ und EVP für „Einführung in die Sozialistische Produktion“). Wir erfahren, was die radikalen Pazifisten des Friedenskreises Wolfspelz waren, sind bei der Kirche von unten und recht plastisch bei den Wendedemos vor dem Dresdner Hauptbahnhof mit dabei.

Es werden mächtige Politikerpappköpfe und natürlich auch wieder die üblichen, kollektiven Erinnerungshighlights bemüht, etwa die berühmten Genscher-Worte im Garten der Deutschen Botschaft in Prag oder die denkwürdige Rede von Helmut Kohl vor der Ruine der Frauenkirche, die wie im Roman auch in der Inszenierung ausführlich wiedergegeben und mit den Kommentaren der jugendlichen Punker unterlegt wird, bevor diese schließlich vor der geballt anwesenden Skinheadmacht türmen müssen.

 

89/90 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) David Baltzer

89/90 am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) David Baltzer

 

Nach der Pause folgt dann die geballte Jugendrevolte oder wie Richter es passend ausdrückt: „… da kommt was, Kinder, das wird heftig.“ Und damit sind sicher nicht nur die endlos beschriebenen Rechts-Links-Schlägereinen zwischen Skins und Zecken der sich plötzlich entsprechend ihrer Cliquenzugehörigkeit gegenüberstehenden Jugendlichen gemeint. Am Bühnenrand liegen passend dazu die neuen Baseballschläger. Auch die Deutschland- und D-Mark-Rufe werden lauter, denn nicht nur Dresden veränderte sich damals schlagartig in eine Containerfiliale der Allianz oder Commerzbank. Leider lässt dann auch die Intensität des Spiels etwas nach. Der recht interessante Teil zur neuen Jugendfreiheit mit Häuserbesetzung und Gründung der Bunten Republik Neustadt, der man im benachbarten, mittlerweile zum Touristen-Kiez verkommenen Kneipen-Areals noch immer jährlich gedenkt, wird recht kurz abgehandelt.

Auch der Sturm auf die Dresdner Stasizentrale, die Volkskammerwahl mit der plötzlich bunten Parteienlandschaft, Währungsunion und beginnende Prostitution werden gestreift. Dass man dafür merkwürdigerweise die Figur des ambivalenten Mentors der beiden Freunde, M., einen doch recht typischen Dresdner Allgemein-Bildungsbürger (zu allem auskunftsfähig und-willig) weggelassen hat, ist schade. Richters zukunftsweisender Ausblick in die beginnende Techno-Ära, einem neuen und eher unpolitischen Lebensgefühl der Spaßgesellschaft, wird aber geschickt ans Ende der Inszenierung gesetzt. Der bleiernen Kohl-Zeit folgten Schröder und Merkel, und dass sich da im Bühnenhintergrund die ganze Zeit ein alter Mann langsam wieder einmauert, ist sicher nicht ganz zufällig ein Verweis auf Pegida und die erstarkende AfD. Der Grundstock für deren jetzigen Erfolg wurde mit Sicherheit schon während der Wendezeit gelegt.

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89/90 (10.09.2016, Kleines Haus 1)
nach dem Roman von Peter Richter
Bühnenfassung von Christina Rast und Anne Rietschel
Regie: Christina Rast
Bühne: Franziska Rast
Kostüm: Gunna Meyer
Musik: Jarii van Gohl
Video: Julia Laggner
Dramaturgie: Anne Rietschel
Licht: Peter Lorenz
Besetzung:
Marius Ahrendt, Ben Daniel Jöhnk, Simon Käser, Loris Kubeng, Matthias Luckey, B. Pino Räder, Nicolas Streit und die Dresdner Band DŸSE mit Andrej Dietrich, Jarii van Gohl
Uraufführung war am 27. August 2016, Staatsschauspiel Dresden, Kleines Haus 1
Dauer: ca. 2 Stunden, 40 Minuten, eine Pause
Termine: 24.09. / 19.10., 26.10. / 05.11., 06.11. / 25.12.2016

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Weitere Empfehlungen zum Thema:

Peter Richter: 89/90. Roman.
Luchterhand Literaturverlag, München 2015.
413 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783630874623

Ende vom Lied: East German Underground Sound 1979 – 1990
Bands: Ornament & Verbrechen, Planlos, Zwitschermaschine, Rosa Extra, AG Geige, Herbst in Peking, Baader, Der Expander des Fortschritts u.a.
Genre: Punk, Underground, Post Punk, Avantgarde, Art Rock
Erschienen am 15. Juli 2016 zur gleichnamigen Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien
CD Digipack mit 24seitigem Booklet in English und Deutsch
ENDE VOM LIED ist ein Projekt der Künstlerhaus Bethanien GmbH
Infos: http://www.bethanien.de
Kurator: Christoph Tannert
Texte & Compilation: Henryk Gericke
Übersetzung: Rick Minnich
Soundmastering: Norbert Grandl (Tonlabor Danziger 50)
Layout: Tobias Frindt

Zuerst erschienen am 12.09.2016 auf Kultura-Extra.

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„Der Spieler“ in München und „Der Idiot“ in Dresden – Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Adaptionen von Dostojewski-Romanen

Mittwoch, April 6th, 2016

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Christopher Rüping inszeniert an den Münchner Kammerspielen unter neuer Intendanz eine verspielte Adaption des Romans Der Spieler

Die Überraschung war groß, als im September 2013 bekannt wurde, dass Matthias Lilienthal, der ehemalige Leiter des Berliner Hebbel am Ufer, die Nachfolge von Johan Simons als Intendant der Münchner Kammerspiele antreten würde. Lilienthal steht programmatisch eher für interdisziplinäre Kunst und ein genreübergreifendes Theater. Und obwohl er versprach, dass drei Viertel des Programms ganz normales Ensemble- und Repertoiretheater sei, werden nun auch Musik, Architektur, bildende Kunst und Performance im Traditionshaus an der schicken Shoppingmeile Maximilianstraße Einzug halten. Neben den an deutschsprachigen Stadttheatern bereits gut bekannten Regisseuren wie Nicolas Stemann, Stefan Pucher, David Marton oder Simon Stone werden weitere internationale Künstler wie Rabih Mroué, Philippe Quesne und Boris Nikitin sowie freie Theaterkollektive wie Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop an den Kammerspielen arbeiten.

 

Dostojewski in der Kammer 1 - Foto: St. B.

Dostojewski in der Kammer 1 – Foto: St. B.

 

Ein weiterer Neuzugang als junger Hausregisseur ist Christopher Rüping, der bereits mit seiner Stuttgarter Bühnenadaption des Dogma-Klassikers Das Fest zum letzten Theatertreffen eingeladen wurde und u.a. auch für das Deutsche Theater Berlin inszeniert. Das hoffnungsvolle Regietalent hat sich mit einer Adaption des Romans Der Spieler von Fjodor Dostojewski gleich einen Brocken Weltliteratur als Einstand ausgesucht. Wobei Der Spieler mit seinen nur etwas über 200 Seiten eher als Leichtgewicht unter den immer wieder gern für die Bühne adaptierten Werken des russischen Schriftstellers zählt. Auch Frank Castorf hat ihn schon an der Volksbühne inszeniert. Dostojewski – selbst an permanenter Geldnot leidend – diktierte die Story um eine illustre Gesellschaft, die im fiktiven Ort Roulettenburg ihrer Spielsucht frönt, innerhalb von nur einem Monat seiner Frau, um wegen der Schulden gegenüber seinem Verleger nicht die Rechte an seinen Romanen zu verlieren. Die Geschichte des jungen Aleksej, Hauslehrer im Dienste des Generals Sagorjanski, der in seiner Liebe zu dessen Stieftochter Polina der Spielsucht verfällt, trägt auch autobiografische Züge.

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Passend zum Thema geht Christopher Rüping seine Inszenierung, die am 17. Dezember 2015 Premiere hatte, auch ganz spielerisch an. Als Art Katalysatoren dienen ihm dabei die beiden jüngeren Kinder des Generals Mischa und Nadja, die verdoppelt in der Gestalt der 9-12-jährigen Kinder Kaspar Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen und Marlene Witzigmann zu Anfang im Bühnenbild aus lauter aufgestapelten Umzugskisten auftreten, dem Souffleur Joachim Wörmsdorf (der nebenbei noch einen eher wortlosen Mr. Astley gibt) das Textbuch wegnehmen und eben wie im Spiel die ersten Seiten des Romans mit der Vorstellung aller handelnden Personen bei einer Gesellschaft im Haus des Generals szenisch lesend performen. Zu launiger Klaviermusik arbeiten sie sich besonders schön an der recht bildlichen Darstellung der Charaktere ab und stupsen nach und nach die noch etwas lethargisch wirkenden SchauspielerInnen des Ensembles in ihre Rollen.

Es hat durchaus seinen Witz, das Spiel hier buchstäblich wörtlich zu nehmen, was sich dann auch in den weiteren Romanszenen fortsetzt, die Christopher Rüping recht chronologisch abhandelt. Hie und da läuft dem jungen Regisseur sein performativer Grundgedanke, das Ganze wie eine improvisierte Stellprobe aussehen zu lassen, in der jeder noch nach der Haltung zu seiner Figur sucht, aber etwas aus dem Ruder. Der hochverschuldete General (Gundars Āboliņš) tritt irgendwann als tapsiger russischer Bär auf, der den alle finanziell in der Hand habenden Franzosen Marquis de Grieux ständig angrunzt. Niels Bormann spielt ihn näselnd im Rokokokostüm mit Perücke. Mademoiselle Blanche, die Geliebte des Generals, ist bei Ivana Uhlířová eine rätselhafte Frau mit Vergangenheit, die ihre Kostüme wie die Namen wechselt. Halbwegs normal wirkt da noch die Polina der Anna Drexler, die sich allerdings mit Thomas Schmauser, dem Darsteller der Hauptfigur Alexej, ein paar schöne dann auch wieder recht eigenwillige Rededuelle liefert. Mit diesen beiden steht und fällt die gesamte Inszenierung.

 

Der Spieler an den Münchner Kammerspielen - Foto (C) David Baltzer

Der Spieler an den Münchner Kammerspielen
Foto (C) David Baltzer

 

Einerseits macht Rüping im intensiven Zusammenspiel von Polina und Alexej sehr schön die zerstörerischen Wechselwirkungen des Spiels um Geld und/oder Liebe deutlich, andererseits übertreibt es der Regisseur auch ein wenig, wenn Schmauser immer wieder aus der Inszenierung aussteigt und auch noch mit Pieps-Stimme die plötzlich in Roulettenburg auftauchende Tante des Generals spielen muss. Die Babuschka, an deren Rockzipfel die Kinder hängen, haut nun das Erbe, auf das die ganze Blase eigentlich wartet, bei einem Kasinobesuch auf den Kopf, während die anderen hilflos über die gesamte Pause in Schaukelseilen hängend dem finanziellen Crash zusehen müssen. Zero, nichts geht mehr. Das Spiel im Spiel ufert nun in wildem Tanz, Schlagen mit Schaumstoffschlangen sowie ständigem Umstapeln und Einstürzenlassen der Kisten aus. Der Einsatz von Mikrofonen, das Projizieren von Live-Videos auf die Kisten und laute Sounds vom Band verstärken noch die etwas zu infantil geratene Dekonstruktion, ohne wirklich den Spielzwang als Ausbruchsversuch zu erklären.

Ein bisschen Ernüchterung ob all des Spaßes am Spiel macht sich dann auch gegen Ende des gut dreistündigen Abends breit. Die Hinterbühne öffnet sich, und die Figuren, nun in Paris angekommen, irrlichtern verloren in den Kulissen herum. Niels Bormanns erzählt in aller Ruhe Alexej das Ende der Geschichte und dass Polina nun bei Mr. Astley in der Schweiz sei, ihn aber gerne noch einmal wiedersehen würde. Allein Schmausers Alexej hat sich nun vollends seiner Sucht ergeben und findet wie ein völlig überdrehtes aber erschöpftes Kind nicht mehr raus aus dem Spielmodus. Wie zu Beginn wieder an der Rampe stehend deklamieren die Kinder: „Das sind alles nur Worte und wieder Worte, und hier sind Taten nötig!“ Rüpings assoziatives Spiel-Experiment zeigt sich da selbst etwas ratlos.

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Der Spieler (Kammer 1, 30.12.2015)
von Fjodor Dostojewski
in der Übersetzung von Swetlana Geier
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Video: Bert Zander, Licht: Christian Schweig, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg
Mit: Gundars Āboliņš, Niels Bormann, Anna Drexler, Thomas Schmauser, Ivana Uhlířová, Kaspar Huber, Nikolai Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen, Marlene Witzigmann, Joachim Wörmsdorf

Premiere an den Münchner Kammerspielen war am 17.12.2015
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Termine: 14.05.2016

Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 07.01.2015 auf Kultura-Extra.


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Der Idiot – Ex-Burgdirektor Matthias Hartmann lässt am Staatsschauspiel Dresden Dostojewskis Roman nacherzählen

Auch Der Idiot hat wie schon der zwei Jahre zuvor entstandene Roman Der Spieler autobiografische Bezüge. Fjodor Dostojewski litt wie seine Hauptfigur, Fürst Myschkin, an Epilepsie. Die Anfälle verursachten bei ihm tagelange Dämmerzustände und Depressionen. Die Augenblicke kurz davor empfand Dostojewski allerdings als „solches Glück, wie es in gewöhnlichem Zustand nicht möglich ist…“. „Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und dieses Gefühl ist so stark und so süß, dass man für einige Sekunden dieser Seligkeit, zehn Jahre seines Lebens, ja, meinetwegen das ganze Leben hingeben könnte.“ Über solche „Lichtblitze“, oder „Augenblicke höheren Bewusstseins“ berichtet auch Lew Nikolajewitsch Myschkin. Er betrachtet diese Empfindungen aber auch ganz nüchtern als eine „Unterbrechung des normalen Zustandes, eben als seine Krankheit“.

 

Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden - Foto: St. B.

Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

 

Dostojewski hat mit dem jungen Fürsten Myschkin, der nach einem längeren Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium nach St. Petersburg zurückkehrt, eine große idealistische Außenseitergestalt geschaffen, einen „vollkommen guten und schönen Menschen“, der von den anderen nur als unschuldiger „armer Ritter“, oder auch „Christus-Narr“ bezeichnet wird. Und dennoch verfallen alle seiner grundehrlichen, einnehmenden Art und beginnen völlig irrational gegen ihren eigenen Vorteil zu handeln. So wie im Spieler der Protagonist Aleksej Iwanowitsch das Geld als Voraussetzung für das Glück in der Liebe ansieht und damit der Spielsucht verfällt, sind die Figuren im Roman Der Idiot bereit für die Leidenschaft ihren Reichtum bedingungslos hinzugeben. Aber auch sonst gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen den Personen beider Romane. Hier wie da geht es um Geld oder Liebe.

Und natürlich endet auch Der Idiot tragisch. Einerseits steht Myschkin zwischen zwei Frauen, der Geliebten des Großgrundbesitzer Totzkij, Nastassja Filippowna Baraschkowa, und der Generalstochter Aglaja Iwanowna Jepantschina, anderseits bilden der Fürst und der Kaufmann Rogoschin eine weitere verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit Nastassja. Myschkin will die als junges Mädchen von Totzkij missbrauchte Nastassja aus Mitleid heiraten, was diese allerdings in letzter Minute ablehnt und später vom eifersüchtigen Rogoschin erstochen wird. Daraufhin verfällt Myschkin wieder in seinen alten Krankheitszustand und kehrt ins Schweizer Sanatorium zurück.

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Legendär ist sicher die knapp sechsstündige Adaption von Frank Castorf im Neustadt-Bühnenbild von Bert Neumann an der Berliner Volksbühne mit Martin Wuttke in der Hauptrolle. Ganz so wild treibt es Matthias Hartmann in seiner ersten Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden nach dem schmählichen Rauswurf am Burgtheater Wien, dessen juristische Folgen für ihn immer noch nicht gänzlich absehbar sind, nicht. Ist dadurch Hartmanns Ansehen als Intendant mit Sicherheit etwas ramponiert, so hat er sich zumindest seinen doch teils ironisch boulevardesken Regiestil bewahrt. Und noch etwas Bewährtes hat der Ex-Burgdirektor mitgebracht. Johannes Schütz recycelt sein Türen-Bühnenbild aus Hartmanns Wiener Inszenierung von Schillers Der Parasit. Diesmal sogar mit herausziehbaren Wänden. Und ganz im Stile seiner Krieg und Frieden-Stückentwicklung am Kasino Wien lässt der Regisseur auch in Dresden das Ensemble an die Rampe treten und alle tragenden Rollen erzählender Weise vorstellen.

Doch zunächst hat der junge Dresdner Schauspieler André Kaczmarczyk in einer Art Prolog seinen großen Auftritt als Fürst Myschkin mit besagten Lichtblitzen, Störgeräuschen und einem Monolog über die höchste Harmonie und Schönheit gegen die Störung des Normalzustands durch die Krankheit. Im ersten Teil des Abends entwickelt sich nun Stück für Stück und Szene für Szene die Handlung von der Ankunft des Fürsten im Zug, der Begegnung mit Rokoschin (auftrumpfend Christian Erdmann) und dem Beamten Lebedjew (fast hündisch auf Knien rutschend Philipp Lux) über den Antrittsbesuch im Haus des Generals Jepanschin (Holger Hübner) und der Vorstellung bei Gattin (mit viel trockenem Humor Rosa Enskat) und Töchtern (Lieke Hoppe als Aglaja und Cathleen Baumann im Kopftuchwechsel die beiden anderen) bis hin zur bildhaften Erscheinung von Nastassja (Yohanna Schwertfeger), die von Totzkij (Rainer Philippi) mit Ganja Iwolgin (Kilian Land) mitgiftschwer verkuppelt werden soll. Das ist viel Stoff und daher braucht das Publikum auch eine erste Pause.

 

Der Idiot - Foto (c) Matthias Horn

Der Idiot Foto (c) Matthias Horn

 

Bis ist hierher das höchst lebendig gestaltet, nebst Nebel, Geräuschen und Myschkins wundersamen Geschichten über ein schwindsüchtigen Mädchen in der Schweiz, Hinrichtungen mit der Guillotine in Frankreich und die Mysterien der menschlichen Seele. Der naive, gute „Fürst Christus“ presst sein Bündelchen an sich und wagt seine ersten erstaunten Schritte in der St. Petersburger Gesellschaft, die entweder von ihm fasziniert ist, ihn nicht ganz ernst nimmt, oder für erste kleine Intrigen einspannen will. Hartmann versucht dabei etwas zu sehr die Komödie aus dem schweren Stoff zu kitzeln. Ein paar schöne Szenen mit Gesang hathier vor allem Rosa Enskat als Generalin Jepanschina. Allerdings schafft das auch nicht viel mehr als eine leicht ironisch aufgelockerte Atmosphäre.

Der zweite Teil beginnt bei der Familie Gawrila (Ganja) Iwolgins mit dessen besoffenen Vater (Jan Maak), lässt sich noch mit großem Video-Kaminfeuer etwas länger bei der Geburtstagparty von Nastassja aus mit der Versuchung Ganjas, sich für die 100.000 Rubel Rogoschins die Finger zu verbrennen. Der Rest bis zur zweiten Pause wird nur kurz erzählt, einer der Nachteile dieser Art zu inszenieren. Es folgen kurze Gesprächs- und Briefszenen auf dem Landgut zwischen Rogoschin, dem Fürsten, Aglaja und Nastassja. Der Spannungsbogen steigert sich zum Ende hin vor dem Zusammenbruch noch einmal in ein fast mystisch dunkles Spiel vom Leiden und einer unter Schleiern aufgebarten Braut Nastassja. Herausfahrende Wände verdeutlichen immer wieder die Isolation der Figuren und Myschkin ist am Ende wieder der Ausgestoßene, ganz in seiner Krankheit Gefangene.

Die geistige Spannung des Anfangs lässt sich über den zweiten und dritten Teil des Abends nicht ganz halten. Um eine echte philosophische oder höhere, transzendente Problematik scheint es Matthias Hartman in seiner kollektiven Nacherzählung des Romans nicht zu gehen. Er hält sich im Großen und Ganzen an die eher einfach zu fassenden Dinge, wie die Verwirrnisse aus Geldangelegenheiten und Liebesgeflechten, die sich bei Dostojewski zwischen den einzelnen Figuren entspinnen. Hartmann hat den weitläufigen Personenkreis auf die zentralen Gestalten hin ausgedünnt. Der ideologische Gegenpart Myschkins, Ippolit Terentjew, fehlt gar völlig. Überfordert wird hier sicher niemand. Man kann sich also ganz auf die recht unterhaltsame Erzähldramaturgie einlassen, ohne Angst haben zu müssen, den Faden zu verlieren. Was das Ganze allerdings auch ein wenig zu einfach und gefällig macht.

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Der Idiot (25.03.2016, Staatsschauspiel Dresden)
nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewskij
Bühnenfassung auf der Basis der Übersetzung von Swetlana Geier von Matthias Hartmann, Janine Ortiz und dem Ensemble
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Johannes Schütz, Kostüm: Tina Kloempken, Musik: Parviz Mir-Ali, Video: Moritz Grewenig, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Janine Ortiz, Dramaturgische Mitarbeit: Nora Otte
Mit: André Kaczmarczyk, Christian Erdmann, Yohanna Schwertfeger, Holger Hübner, Rosa Enskat, Cathleen Baumann, Lieke Hoppe, Jan Maak, Kilian Land, Rainer Philippi, Philipp Lux.
Dauer: 4 Stunden, zwei Pausen
Premiere war 16.01.2016 im Schauspielhaus
Termine: 08., 13. und 26.04. / 05. und 16.05. / 04.06.2016

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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Fellinis „Schiff der Träume“ – hübsch inszeniert von Jan Gehler am Staatsschauspiel Dresden

Donnerstag, März 31st, 2016

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Federico Fellinis Film Das Schiff der Träume (E la nave va), dieser große poetische Tanz auf dem kurz vor dem Ausbruch stehenden Vulkan Europa, bei dem eine dekadente Gesellschaft aus Künstlern, Verehrern und österreich-ungarischen Aristokraten im Sommer 1914 die Asche einer verstorbenen Operndiva bei einer Fahrt mit dem Luxusliner „Gloria N.“ im Mittelmeer verstreuen will und dabei auf schiffbrüchige Serben trifft, ist seit der aktuellen europäischen Flüchtlingskrise bei den Theaterschaffenden scheinbar wieder auf großes Interesse gestoßen. Erst kürzlich konfrontierte Karin Beier in ihrer recht freien Adaption am Deutschen Schauspielhaus Hamburg die in melancholische Agonie verfallene Schiffsbesatzung mit einer Schar afrikanischer Künstler, die den leckgeschlagenen Dampfer mit Tanz, Rap und coolen Sprüchen wieder auf Vordermann bringen wollte.

Fellinis Schiff der Träume am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) Matthias Horn


Foto (c) Matthias Horn

Dagegen hält sich Regisseur Jan Gehler bei seiner Bühnenversion am Staatsschauspiel Dresden relativ genau an Fellinis Filmplot und lässt die wichtigsten Figuren gleich zu Beginn nach kurzen Einführung zu einer in Sepia-Licht getauchten, stummfilmreifen Parade vor dem Eisernen Vorhang auftreten. Das Dresdner Ensemble steckt dabei in glanzvollen historischen Kostümen und trällert den titelgebenden Song E la nave va (Ein Schiff fährt vorbei), während die Urne der toten Sopranistin Edmea Tetua feierlich an Bord getragen wird.

Nachdem sich der Vorhang gehoben hat, sieht man ein in drei Ebenen geteiltes Bühnengerüst mit Oberdeck, Salon und niedrigem Unterdeck, auf dem sich Koch (Kilian Land) und Köchin (Lou Strenger) in gebückter Haltung umherwuselnd um das leibliche Wohl der Passagiere oben bemühen und ein Klavierspieler (Sven Kaiser) für den passend mondänen Soundtrack sorgt. Auch hierbei ist man wie schon bei Fellini ganz der vergangen Kunst des Stummfilms verpflichtet. Als personifizierte Hommage an Charly Chaplin trippelt Kilian Land als Stummfilmkomiker Ricotin, der doch auch als richtiger Schauspieler ernstgenommen werden möchte. Es wird viel und schön gesungen. Dabei kommt es zu einigen recht hübsch nachgestellten bzw. geringfügig variierten Szenen des Films – wie einem Blaskonzert auf Flaschen, dem Hypnotisieren des Kochs durch Gesang, bei dem er wie ein Huhn zu gackern beginnt und natürlich schwebt auch ein Nashorn vorbei.

Jan Gehler konzentriert sich auf das kunstschaffende Personal des Films wie den eitlen Tenor Aureliano Fuzziletto (Jan Maak), die Mezzosopranistin Ines Ruffo Saltini (Anna-Katharina Muck), den Generalintendanten Reginald Dongby (Thomas Eisen) nebst lasziver Ehefrau Lady Violett (Yohanna Schwertfeger), die auch als Medium zu den Toten fungiert, und die geheimnisvoll verschleierte Wagner-Sopranistin Ildebranda Cuffario in Gestalt von André Kaczmarczyk, der auch den glühenden Opernliebhaber Conte di Bassano spielt. Komplettiert wird die Künstlergilde durch den dicklichen österreichischen Großherzog (Meik von Severen) und seine blinde Schwester Prinzessin Lerinia (Lou Strenger), die ähnlich wie im Film Gesangstöne mit Farben assoziieren kann.

 

Fellinis Das Schiff der Träume am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) Matthias Horn

Fellinis Schiff der Träume am Staatsschauspiel Dresden
Foto (c) Matthias Horn

 

Neben den bekannten Filmnummern spielen sich zwischen den ProtagonistInnen jede Menge Eitelkeiten, Intrigen und Eifersüchteleien ab. Hat man sich nicht in den Haaren, wird über die wegen Übersetzungsschwierigkeiten missverständliche großherzögliche Allegorie zur internationalen Lage sinniert oder über das Prinzip Hoffnung und die Frage „Was ist denn eigentlich ein Mensch?“ philosophiert. Eine weltfremde, manierierte Blase schwärmt von der Sangeskunst der verblichenen Diva, probt ihr zu Ehren ein Totenoratorium und starrt melancholisch den Mond an.

Das ist sicher beabsichtigt, um die nötige Fallhöhe zu den aus Seenot geretteten Schiffbrüchigen zu erreichen, allerdings wartet man doch etwas lang auf den Umschwung, der urplötzlich mit Schiffsirene und dem Aufritt einer Gruppe von Kinderdarstellern erfolgt, die sich sofort unter die Passagiere mischen und klammernd Schutz suchen. Ein geschickter Schachzug, der auf Wirkung inszeniert ist, um die sich sofort breitmachenden Ressentiments und Sicherheitsbedenken der honorigen Luxus-Passagiere auch aus heutiger Sicht ad Absurdum zu führen. Die unbedingte Schutzbedürftigkeit von Kriegsflüchtlingen wird so künstlich überhöht deutlich, ohne sich authentisch echter Geflüchteter bedienen zu müssen.

 

Fellinis Schiff der Träume am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) Matthias Horn

Fellinis Schiff der Träume am Staatsschauspiel Dresden
Foto (c) Matthias Horn

 

Allerdings grenzt das Ganze selbst oder auch gerade wegen der äußerst kunstvollen Schauspiel- und Sangeskünste etwas an Kitsch; und die inszenatorische und dramaturgische Vereinfachung der Flüchtlinge zum Kinderchor wirkt im Angesicht der aktuell einströmenden medialen Bilderflut doch etwas zu banal. Und man kann sich fragen, was heute schöner oder abstruser erscheint: Auf der Bühne Kunst und Flüchtlingsnot zu verknüpfen oder in der Realität die Flüchtenden gemäß dem Gebot der Menschlichkeit aus Seenot zu retten, nachdem man ihnen vorher die Fluchtwege abgeschnitten hat.

In Dresden macht man sich darüber weniger Gedanken und lässt, nachdem der samtene Vorhang runtergerissen ist und den Rost des blanken Schiffsgerippes zeigt, die Kyrie eleison (Herr, erbarme dich!) singende Künstlerbagage untergehen. Ein durchaus unterhaltsamer Theaterabend, der sehr schön anzuschauen, aber auch recht folgenlos ist, da ja zumindest die Passagiere der „Gloria N.“ wie auch im Film gerettet werden. E la nave va. Und die Flüchtlingsboote und Luxusliner fahren weiter.

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DAS SCHIFF DER TRÄUME – E LA NAVE VA (Staatsschauspiel Dresden, 26.03.2016)
von Federico Fellini
Regie: Jan Gehler
Bühne: Sabrina Rox
Kostüm: Irène Favre de Lucascaz
Musik: Sven Kaiser
Licht: Jürgen Borsdorf
Dramaturgie: Beret Evensen
Besetzung:
Sir Reginald Dongby, Generalintendant … Thomas Eisen
Lady Violet, Sir Reginald Dongbys Frau … Yohanna Schwertfeger
Ricotin, Stummfilmkomiker / Koch … Kilian Land
Aureliano Fuciletto, Tenor … Jan Maak
Ines Ruffo Saltini, Mezzosopranistin … Anna-Katharina Muck
Ildebranda Cuffari, Sopranistin / Conte di Bassano … André Kaczmarczyk
Großherzog / Geistlicher … Meik van Severen
Prinzessin Lerinia, Schwester des Großherzogs / Köchin … Lou Strenger
Kapitän … Sven Kaiser
Serbische Flüchtlinge … Hilde Alice Behrens, Darnell Donat, Gloria Gruß, Mathilda Kaufhold, Konrad Neidhardt, Carlotta Panico, Ella Rox, Finn Seidel, Paul Terpe, Arthur Leo Weinhold und Mira Fanny Weinhold
Premiere im Schauspielhaus war am 19. März 2016
Weitere Termine: 2., 7., 30. 4. / 3. 5. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Zuerst erschienen am 29.03.2016 auf Kultura-Extra.

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Graf Öderland / Wir sind das Volk – Volker Lösch bringt die Moritat von Max Frisch mit einem Bürgerchor und Pegida-Stimmen auf die Bühne des Dresdner Staatsschauspiels

Dienstag, Dezember 8th, 2015

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Die Bürgerchöre können am Staatsschauspiel Dresden bereits auf eine längere Tradition zurückblicken. Regisseur Volker Lösch hat sie immer wieder in seinen Inszenierungen – von der Orestie des Aischylos‚ bis zu Hauptmanns Webern – als Stimme des Volkes eingesetzt. Auch als eine aktuell-politische Note der ganz besonderen Art. Das Hinzufügen von Aussagen Dresdner Arbeitsloser führte 2004, nach Intervention der Hauptmann-Erben, sogar zu einem Verbot der Weber-Inszenierung. Umso gespannter konnte man jetzt sein, wie Volker Lösch mittels der Chöre die Moritat Graf Öderland von Max Frisch auf die auf dem benachbarten Theaterplatz vor der Semperoper aktuell stattfindenden Pegida-Demonstrationen jener Bürgerbewegung, die sich mittels patriotischer und fremdenfeindlicher Parolen der nach ihrer Meinung drohenden Islamisierung des Abendlandes entgegenstemmen will und sich dabei auch Losungen der friedlichen Revolution von 1989 bedient, zuschneiden würde. Lösch nennt seine Inszenierung dann auch folgerichtig Graf Öderland / Wir sind das Volk.

Frischs Öderland besitzt eine durchaus wechselhafte Aufführungsgeschichte. Zweimal hat der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker das Stück umgearbeitet. Ein großer Erfolg war ihm dennoch nie beschieden. Schriftstellerkollege Friedrich Dürrenmatt kritisierte vor allem, dass Frischs Theaterstück im Privaten steckenbleibe und somit keine Allgemeingültigkeit besitze. Und in der Tat wundert sich der Leser schon, wie dem aus Langeweile aus seinem Alltagsleben ausgebrochenen Staatsanwalt, der als mythische Figur Graf Öderland mit der Axt in der Hand eine Schar Aufständische um sich ringt, die Macht zufällt, ohne dass er eine konkrete Vision von ihr hätte. Max Frisch wilderte für seinen Grafen tief in der deutschen Dramengeschichte. Es gibt Parallelen zu Büchners Leonce und Lena, den anarchischen Räubern von Schiller, wie auch zu Brechts Faschismusparabel vom Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui. Selbst das Freiheitssymbol des Schiffs, mit dem der Graf der Ödnis seines Lebens nach Santorin zu entrinnen versucht, besitzt in der finsteren Moritat vom Grafen Öderland Ähnlichkeit zu Brechts Seeräuberjenny. Letztendlich aber kommt dem Staatsanwalt am Ende sein Ausbruchsversuch nur wie ein Traum vor.

 

Graf Öderland / Wir sind das Volk am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) Matthias Horn

Graf Öderland / Wir sind das Volk am Staatsschauspiel Dresden – Foto (C) Matthias Horn

 

Kein Traum dagegen sind die wöchentlichen Pegida-Demonstrationen, auf denen sich die selbsternannten Unzufriedenen mit ungezügelt fremdenfeindlichen Hasstiraden Gehör verschaffen wollen. Und wie in Frischs Stück bestehen die Stimmen des Volkes aus einem diffusen Brei von Wünschen und Meinungen. Bleibt bei Frisch aber die breite Masse aus Köhlern, Bauern und kleinen Angestellten noch weitestgehend hinter ihrem Anführer zurück, so bekommen in Volker Löschs Pegida-Aneignung die „Enttäuschten und Verbitterten“ (lt. Soziologe Heinz Bude) mit ihren lauten Forderungen klare Konturen. Das Team um Lösch hat diesem sogenannten Volk, das u.a. von einem übergestülpten System und Abstiegsängsten nach der Wende klagt, genau aufs Maul geschaut und dem breitgefächerten Chor aus Dresdner Bürgern seine z.T. erschütternden Recherchetexte in den Mund gelegt. Mit Fahnen, Fackeln und schließlich Äxten bewaffnet treten sie immer wieder aus dem Dunkel der Bühne, sitzen auf Holzkohlemeilern und an Lagerfeuern.

Diesem defizitären Demokratieverständnis, gespeist aus Vorurteilen, Hass und Ausgrenzung, setzt Lösch noch einige Stimmen von Dresdnern entgegen, die sich für Pegida schämen oder auch über fremdenfeindliche Gewalttaten aus eigenem Erleben berichten. Als Einzelner gegen die dumpfe Masse tritt schließlich noch der junge Syrer Joussef Safok auf und erzählt mit ruhigen Worten vom Bürgerkrieg, seiner Flucht nach Europa und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die SchauspielerInnen des Ensembles treten zwischen den Szenen immer wieder aus den Rollen und sprechen über ihre persönlichen Gefühle und Gedanken oder geben Erklärungen ab. Dabei werden der Ausverkauf von Empathie, Unvermögen zur Selbstreflexion und ein dauerndes Beleidigt-Sein beklagt. Beim politischen Streit gehen die Risse mittlerweile quer durch die Familien. „Wo seid ihr, warum macht ihr nichts dagegen?“ ruft die junge Schauspielerin Lea Ruckpaul ins Publikum. Sie will „Theater, das die Wirklichkeit verunmöglicht“. Auch Bürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und die lösungsunwilligen CDU-Politiker im Land, die die Probleme lieber aussitzen, bekommen in einer minutenlangen Tirade von Annedore Bauer ihr Fett weg.

 

Graf Öderland / Wir sind das Volk am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) Matthias Horn

Graf Öderland / Wir sind das Volk am Staatsschauspiel Dresden – Foto (C) Matthias Horn

 

Daneben wirkt die eigentliche Inszenierung des Dramas in ihrer kantigen Schablonenhaftigkeit wie mit der Axt gehauen und gerät dabei zum bloßen Stichwortgeber für die von Bernd Freytag fantastisch aufgestellten Chöre. Auch aus den Figuren von Frischs Stück fertigt Regisseur Lösch zum größten Teil nur grobe Holzschnitte. Der Staatsanwalt von Ben Daniel Jöhnk ist kaum der sinnierende, bürgerliche Zweifler, der sich von der sinnlos erscheinenden Tat eines Axtmörders (Thomas Braungardt) aus Langeweile inspirieren lässt, sondern ein kühl berechnender und entschlossener Räuberhauptmann. Ein charismatischer Genussmensch, der Zigarren raucht und Ansprachen in der Art eines Karl Moor hält. An seiner Seite lässt die vielseitig begabte Lea Ruckpaul in den drei Frauenrollen Hilde, Inge und Coco in wechselnden Kostümen und Blondperücken ihren Verführungscharme spielen.

Auch die Gegenseite der Macht, bestehend aus Kommissarin, Innenminister und Staatspräsident, ist mit Annedore Bauer und Torsten Ranft ähnlich eindimensional besetzt. Beide können aber ihr komödiantisches Talent für köstliche Politikerkarikaturen und Merkel-Persiflagen nutzen. Im Barockkostüm als sächsischer Kurfürst August der Starke übergibt der Präsident schließlich dem Staatsanwalt ein Schwert als Insignie der Macht. Dieser tritt hier nicht einfach nur mit Coco auf den Balkon der Residenz ab, sondern verbindet sich mit ihr in einem Höllentanz zum Pegida-Duo-Infernale Lutz Bachmann und Tatjana Festerling. Das geht bis zur Erklärung von der Beendigung des deutschen Schuldkomplexes. Was auch gut zu einem immer wieder von westlichen Politikwissenschaftlern prophezeiten Ende der Geschichte passt. Wie man aber unschwer am Phänomen Pegida erkennen kann, geht ein Sieg der liberalen Marktwirtschaft nicht unbedingt mit der uneingeschränkten Durchsetzung demokratischer Denkweisen einher. „Wer, um frei zu sein, die Macht stürzt, übernimmt das Gegenteil der Freiheit, die Macht“ heißt es bei Max Frisch. Neben der Freiheit braucht es zur Lösung von Widersprüchen aus Verteilungsungerechtigkeiten echte Visionen und auch den Willen zum Wandel. Also noch jede Menge Handlungsbedarf für die Politik.

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Graf Öderland / Wir sind das Volk
von Max Frisch, mit Texten von Dresdnerinnen und Dresdnern
Textfassung von Volker Lösch, Robert Koall und Stefan Schnabel
Regie: Volker Lösch, Bühne: Cary Gayler, Kostüm: Carola Reuther, Licht: Michael Gööck, Andreas Barkleit, Video: Clemens Walter, Dramaturgie: Robert Koall, Stefan Schnabel
Mit: Ben Daniel Jöhnk, Antje Trautmann, Benjamin Pauquet, Lea Ruckpaul, Thomas Braungardt, Albrecht Goette, Annedore Bauer, Torsten Ranft, Alexandra Weis, Jannik Hinsch, Joussef Safok; Dresdner Bürgerchor: Hartmut Arnstadt, Grit Buchmann, Gunther Ermlich, Friederike Feldmann, Berndt Fröbel, Katrin Hanschmann, Franziska Hauer, Christine Hrzan, Mario Jäkel, Katrin Kaden, Stephanie Kölling, Luise Körber, Gisela Liscovius, Bertolt List, Hans-Joachim Neubert, Bernd Oppermann, Ivaylo Petrov, Andreas Richter, Annabell Schmieder, Ingrid Schulz, Mario Spanninger, Jana Sperling, Hans Strehlow, Günter Tannert, Claudia Weltz, Manja Wildenhain, Sandro Zimmermann
Premiere am Staatsschauspiel Dresden war am 28.11.2015
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Termine: 11.12.2015 und 07.01.2016

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 01.11.2015 auf Kultura-Extra.

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Flüchtlinge und der NSU sind die Themen bei den Autorentheatertagen 2015 am Deutschen Theater Berlin

Samstag, Juni 20th, 2015

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Zwei eng miteinander verbundene Themen durchziehen in diesem Jahr die Spielpläne der deutschsprachigen Theater: Fremdenfeindlichkeit und die Problematik der Flüchtlinge in Europa sowie die rechtsgerichtete Terrorzelle des NSU, deren einziger Überlebenden Beate Zschäpe gerade in München der Prozess gemacht wird. Bereits beim zurückliegenden Berliner Theatertreffen im Mai zeigte Nikolas Stemann seine Hamburger Version von Elfriede Jelineks Flüchtlingsdrama Die Schutzbefohlenen. Das Stück wird in der Interpretation des Wiener Burgtheaters (Regie: Michael Thalheimer) zu den Autorentheatertagen in die Hauptstadt kommen. Ebenso zu sehen war bereits die Münchner Uraufführungs-Inszenierung von Jelineks NSU-Stück Das schweigende Mädchen (Regie: Johan Simons). Und was die Jury des Theatertreffens demnach nicht getan hatte, holen daher die Macher der diesjährigen Autorentheatertage nach: den Blick (auch) in die deutsche Theaterprovinz, wo – neben München, Wien, Hamburg oder Köln – ebenso aktuell-politisches Theater zu besagten Themen abgehandelt wird; nachstehend gleich zwei Beispiele…

theatrale Stolperpersteine - Die ATT in Berlin - Foto: St. Bock

theatrale Stolperpersteine bei den ATT in Berlin
Foto: St. B.

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Wir sind keine Barbaren! von Philipp Löhle in der Regie von Ronny Jakubaschk als Gastspiel vom Neuen Theater Halle bei den ATT 2015 am Deutschen Theater Berlin

Kein Unbekannter bei den Autorentheatertagen ist Autor Philipp Löhle, dessen Stücke nach Berlin, Hamburg und Mannheim nun auch in Dresden oder Halle/Saale aufgeführt werden. Und hier v.a. das 2014 in Bern uraufgeführte Stück Wir sind keine Barbaren!, das Löhle im Zuge der im letzten Jahr durchgeführten Masseneinwanderungsinitiative für die Abschottung der Schweiz gegen vermehrte Zuwanderung aus dem Ausland geschrieben hat. Durch die Pegida-Bewegung in Deutschland hat es unerwartet an Aktualität gewonnen. In der Inszenierung von Ronny Jakubaschk vom Neuen Theater Halle steht das Volk nun als „Heimatchor“ der Überlegenen und Abwehrer alles Fremden in der Box des Deutschen Theaters und skandiert: „Hier sind wir… kein Platz mehr.“

Foto: Schaukasten DT-Kammerspiele

Schaukasten DT-Kammerspiele

Als das heimeliche Klischee des deutschen Kleinbürgers schlechthin hat Annegret Riediger eine vergoldete Sperrholzschrankwand auf die Bühne gebaut. Davor dann zwei benachbarte Paare, die sich gerade erst bei einer etwas verkrampften Cocktailparty kennengelernt haben. Barbara (Stella Hilb), Paul (Alexander Gamnitzer), Linda (Sonja Isemer) und Mario (Matthias Walter) sind typische Vertreter des mittelständigen Städtebewohners, der sich gesund und vegan ernährt, zum Yoga geht, neben Sex und Sport aber auch ganz technikaffin auf die modernste Unterhaltungselektronik abfährt.

Als Prüfung der Toleranz gegenüber dem Eindringen in ihren Hort der häuslichen Biederkeit schickt Autor Löhle einen klatschnassen Fremden aus dem Regen vorbei, der nachts an die Türen der beiden Paare klopft und um Einlass bittet. Von Linda und Mario zunächst abgewiesen, findet dieser Eindringling, von dem nur geredet wird, der aber selbst nicht auftritt, schließlich bei Barbara und Paul Aufnahme.

Nun spult sich mal auf der einen, dann wieder auf der anderen Seite der Schrankwand (es wechselt dabei nur das Paarfoto an der Wand) ein fröhlicher bis heftiger Schlagabtausch der Für- und Widerargumente ab. Man tauscht Vorurteile aus und ergeht sich in gängigen Rassismen gegenüber dem Flüchtling Bobo oder Klint, vermutlich aus Afrika oder anderswoher. So genau kann man das ja nicht wissen, weil man ihn nicht versteht. Immer wieder unterbrochen wird die Handlung durch den Chor, in dem die Paare in Aussehen und Kleidung völlig aufgehen.

Es bilden sich Fronten und Allianzen, mal zwischen den Männern, dann wieder zwischen den Frauen. Während sich bei Linda ein merkwürdiges Helfersyndrom herausbildet und sie den Fremden zur großen Metapher für die ganze Welt erklärt, verzweifelt der sich vernachlässigt fühlende Paul. Linda hegt sexuelle Phantasien, und Mario fängt schließlich an, einen Schutzraum im Schlafzimmer zu bauen, den er mit der Angst vor den Afrikanern begründet, die nun in Scharen daher kämen, wo es das Wissen gibt, was ihnen fehlt. Der moderne Germane als früherer Barbar bereitet sich auf „die Welle“ neuer fremdartiger Völker vor, die ihn nun sozusagen als Rache für Pizarro überrollen.

Das ist – wie immer bei Löhle – etwas nahe am Boulevard und wird von Jakubschk auch als flotte Konversationsfarce inszeniert. Ziemlich schwarz-humorig und böse endet die Geschichte aber spätestens, wenn nach dem Mord an Barbara mittels Pauls geliebtem Riesenflachbildschirmfernseher die Schuldfrage sofort eindeutig und keine weitere Erklärung mehr nötig ist. Barbaras herbeigeeilte Schwester Anna, die berechtigte Zweifel am Tathergang hegt, wird rüde niedergebrüllt und vom aufmarschierenden Heimatchor ausgeschlossen. „Wir sind das Volk… Wir müssen uns schützen.“ Und so weihen Mario und Linda dann auch sogleich den fertiggestellten Schutzraum ein.

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Wir sind keine Barbaren
von Philipp Löhle
Premiere war am 29. Januar 2015 im Neuen Theater Halle
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühne und Kostüme: Annegret Riediger, Dramaturgie: Henriette Hörnigk, Musik: Bastian Bandt
Besetzung: Barbara / Anna: Stella Hilb Linda: Sonja Isemer Paul: Alexander Gamnitzer Mario Matthias Walter
Chor: Kerstin König, Philipp Noack, Louise Nowitzki, Enrico Petters, Max Radestock, Maria Radomski, Andreas Range, Barbara Zinn
Dauer: 1h 30 min., ohne Pause

Infos: http://buehnen-halle.de/produktionen/wir-sind-keine-barbaren-2014-2015?for_event=5564

http://buehnen-halle.de

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mein deutsches deutsches Land – der Dresdner Hausregisseur Tilmann Köhler inszeniert eine NSU-nahe Polit-Fiktion von Thomas Freyer

mein deutsches deutsches Land - Foto (c) Matthias Horn

mein deutsches deutsches Land Foto (c) Matthias Horn

Auch Stücke von Thomas Freyer sind schon in Berlin aufgeführt worden. Eine lange künstlerische Verbindung besteht aber seit ihrer Weimarer Zeit zum Regisseur Tilmann Köhler. Nach Das halbe Meer ist mein deutsches deutsches land die zweite Zusammenarbeit der Beiden am Staatsschauspiel Dresden. Freyer hat für das Stück, das sich lose an die Geschichte der drei bekannten NSU-Aktivsten anlehnt, viele Akten und Bücher über den Fall sowie Protokolle von Untersuchungsausschüssen gelesen. Herausgekommen ist eine etwas mühsam zusammengepuzzelte Fiktion, die das Versagen der Ermittlungsbehörden als einen Politthriller um Korruption und Vertuschung durch den Verfassungsschutz und die Einflussnahme politischer Verantwortungsträger erzählt. Leider bewegen sich Text und Inszenierung dabei über weite Strecken auf dem Niveau eines flauen Fernsehkrimis.

Damit man als Zuschauer nicht den Faden zwischen den drei abwechselnd ablaufenden, zeitlich aber versetzten Spielebenen verliert, die gestern, heute und morgen miteinander verschränken sollen, werden Personen und Handlungsorte der einzelnen Szenen auf Bildschirmen angezeigt. Dazu dreht sich unaufhörlich eine Plattform mit großer Sperrholzwand, an die Karten und Ermittlungsdetails gepinnt oder große Videoprojektionen von einer Livekamera geworfen werden. Als nette Regieidee machen die Darsteller, die gerade nicht spielen, am Rand der Bühne Szenengeräusche. Eine nervtötende Umbaupausenmusik vermischt die deutsche Nationalhymne immer mal wieder mit orientalischen Klängen. Das ist dann aber fast schon der einzige Verweis auf die eigentlichen Opfer der rechten Terrorzelle, deren Angehörige gern die Hintergründe der Taten erfahren würden, aber selbst nur Verdächtigungen ausgesetzt sind.

Freyer interessiert sich zwar auch für die Drahtzieher hinter dem Geschehen, verortet alles Übel aber nur in den Chefetagen der Ämter und bei Parteifunktionären, die ihre Ministerämter missbrauchen, um aus Angst um ihre Wahlchancen die Morde an ausländischen Studenten nicht als rechtsradikale Terrorserie verfolgen lassen wollen. Hier wäscht eine Hand die andere. Dagegen ermitteln ein ehrlicher Polizeikommissar (Thomas Braungardt) und seine Assistentin (Ina Piontek) auf verlorenem Posten.

mein deutsches deutsches Land - Foto (c) Matthias Horn

mein deutsches deutsches Land
Foto (c) Matthias Horn

Die Motive der drei in die Rechtsradikalität abgerutschten Jugendlichen werden bei Sarah (Lea Ruckpaul) mit der Opposition gegen ihre gutmenschelnden, kleinbürgerlichen Erzeuger, bei Dominik (Jonas Friedrich Leonhardi) mit einer hyperreligiösen Übermutter und beim Schulschläger Florian (Kilian Land) mit einem verwahrlosten Elternhaus und Neonazibruder erklärt. Das ist recht simpel, weil man so natürlich auch ziemlich alles begründen kann. Jedenfalls verschwindet die Gang irgendwann erwartungsgemäß im Untergrund, kommt an eine mysteriös verschwundene Polizeiwaffe und beginnt die Morde zu planen. Die Verbindung zum rechten Heimatschutz gegen Islamisierung erfolgt über einen tumben Skinhead mit Baseballschläger.

Dazwischen laufen die Mordermittlungen, die von Seiten des Verfassungsschutzes behindert werden, der seine Anweisungen vom Innenminister persönlich bekommt. Kilian Land (erst Florian) verwandelt sich als besonderer Coup schließlich vor aller Augen in Minister Nöde. Ein biederer, karrierebeflissener Verfassungsschutzbeamter (Matthias Lucky) zieht die Fäden und verpasst den zwei bei einem Autounfall überlebenden Tätern eine neue Identität. Der Chef von Kommissar Wolff wird nach Brüssel versetzt, eine nachbohrende Journalistin bestochen. Die Ermittlungen verlaufen ruhig im Sand, und schließlich ist der Weg für den Minister und seinen Helfer ganz nach oben frei. In der dritten Ebene rechtfertigt man sich etwas später dann süffisant gegenüber den Fragen ergebnisloser parlamentarischer Untersuchungsausschüsse. Die Akten sind ja eh bereits geschreddert.

Es liegt sicher nicht an dem doch recht guten Spiel der immer wieder schnell zwischen den Rollen switchenden Schauspieler, das man irgendwann das Interesse an dem wie ein geöltes Uhrwerk ablaufenden Plot verliert. Auch kann man sich die Verwicklungen zwischen den staatlichen Ämtern und Regierungsebenen gut als parteipolitisches Gerangel vorstellen. Der tatsächlichen Aufklärung rechtsradikaler Gewalttaten als gesamtgesellschaftliches Phänomen dient das aber wenig. Da wäre ein rein dokumentarischer Ansatz doch die ehrlichere Variante der Herangehensweise gewesen. Aber auch das kommt ja noch bei den ATT. Man darf also weiter gespannt sein.

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mein deutsches deutsches Land
von Thomas Freyer
Uraufführung war am 04.12.2014 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüm: Barbara Drosihn, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturgie: Robert Koall
Mit: Lea Ruckpaul, Ina Piontek, Thomas Braungardt, Kilian Land, Jonas Friedrich Leonhardi, Matthias Luckey
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Infos: http://staatsschauspiel-dresden.de

Zuerst erschienen am 19.06.2015 auf Kultura-Extra.

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O Brother, where art thou? Die Deutschland-Premiere von Stefano Massinis Banken-Saga um die Lehman Brothers in der Regie von Stefan Bachmann am Staatsschauspiel Dresden

Samstag, Juni 13th, 2015

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Neben JP Morgan Chase und Goldman Sachs war Lehman Brothers eine der wohl bekanntesten, global operierenden Investmentbanken und unmittelbar in den weltweiten Bankenskandal von 2007 verwickelt. Die folgenschwere Insolvenz des Bankhauses löste die größte Finanzkrise der Nachkriegszeit aus. Der italienische Autor Stefano Massini hat ein Theaterstück über das Familienimperium der Lehman Brothers geschrieben, das 2013 in Paris uraufgeführt wurde. In einer Koproduktion des Staatsschauspiels Dresden mit dem Schauspiel Köln hat nun Regisseur Stefan Bachmann die deutsche Erstaufführung von Massinis Stück Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie (Lehman Trilogy. I Capitoli del Crollo) inszeniert. Die deutschsprachige Erstaufführung am Staatsschauspiel Dresden fand vorgestern statt.

Lehman Brothers. am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) David Baltzer

Lehman Brothers am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) David Baltzer

Stefano Massini breitet in einer epischen Länge von fast 250 Seiten den Aufstieg der Nachfahren eines jüdischen Viehhändlers aus dem bayrischen Rimpur zur Dynastie der US-amerikanischen Lehman Brothers Bank vor uns aus, beginnend mit der Übersiedlung des ersten Bruders, Heyum (Henry) Lehmann, in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Montgomery Alabama bis in die 1980er Jahre der New Yorker Wall Street. Es ist aber nicht nur eine Geschichte vom typisch amerikanischen Traum des wirtschaftlichen Aufstiegs aus dem Nichts, von Gier nach Macht und immer mehr Geld, sondern auch die eines Verfalls religiöser und familiärer Traditionen, gepaart mit dem Verlust ethischer und moralischer Werte. Leider aber ohne einen vertiefenden Blick auf die wirklichen, finanzpolitischen Aspekte des herrschenden Bankensystems zu werfen.

Das Stück beginnt mit der Ankunft Heyums, „Sohn eines Viehhändlers, beschnittener Jude mit Bart“ in der Neuen Welt. Bereits mit der Änderung des Namens setzt der langsame Verlust der alten Identität ein, die zu Beginn noch geprägt ist durch das Einhalten jüdischer Rituale und Vorschriften, die immer mehr, einem anderen Gott folgend, der Prosperität des Geschäfts geopfert werden. Das birgt natürlich die Gefahr des Klischierens eines jüdischen Geldimperiums in sich. Der Autor hält sich hier aber strikt an historische Fakten, die er geschickt mit der verstärkten Einwanderung von Juden nach Amerika und deren Kollision mit dem Mythos des allgemeinen amerikanischen Traums mixt. Henry (Thomas Müller), dem Kopf der Familie, stehen im ersten Teil bald die Brüder Emanuel (Torsten Ranft) als Arm und Mayer (Ahmad Mesgarah) als eher unterschätztes, aber ausgleichendes Korrektiv der beiden Hitzköpfe zur Seite.

Lehman Brothers. am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) David Baltzer

Lehman Brothers am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) David Baltzer

Die ersten Dollars machen die Brüder mit einem Geschäft für Tuchwaren und Kleidung, bis sie, noch in der Zeit der Sklaverei im Süden der Vereinigten Staaten, gezielt anfangen, billig Baumwolle zu erwerben, um sie als „Mittler“ an die großen Tuchfabriken an der Ostküste teurer wieder zu verkaufen. Das durchweg spielfreudige Ensemble aus Dresdner und Kölner Schauspielern schlüpft dabei immer wieder schnell in andere Rollen und zeigt typenartig etwa den Sklaven-Vorarbeiter Rundkopf Deggoo (Jörg Ratjen) oder den Tuchfabrikanten Teddy „Sauberhand“ Wilkinson (Philipp Lux). Begleitet wird das durch das Erzählen der Handlung und erklärende Einschübe, wie beispielsweise die Geschichte der Blue Jeans. Die Besonderheit des Textes, der kaum echte Dialogszenen enthält, liegt in seiner epischen Beschaffenheit. Eine inszenatorische Herausforderung an Regisseur Bachmann. Wobei dann einiges doch nur holzschnittartig angerissen wirkt wie der Digest einer fast biblischen Romanhandlung.

Ist die Inszenierung im Ersten Teil noch etwas schwerfällig, nimmt sie dann spätestens im zweiten Teil nach dem Ende des Sezessionskriegs doch noch Fahrt auf. Das Stück verbindet immer wieder Ereignisse aus der Geschichte Amerikas (das vor allem auch für sein Kriege Geld braucht) mit dem schier unaufhaltsamen Aufstieg der Lehman Brothers, die nach dem Zusammenbruch der Baumwollplantagen im Süden bald mit dem Geld der Regierung als Macher des Wiederaufbaus in Nord wie Süd gleichermaßen reüssieren. Was folgt, ist die Gründung der Bank und die fortschreitende Aufgabe des Handels mit Kohle, Kaffee oder Tuch. Die Lehmans werden zu Bäckern, die nicht mehr wissen, was Brot ist. Ihr Mehl ist das Geld für den wirtschaftlichen Aufschwung. Und mit der Gründung der Wertpapierbörse an der Wall Street ist gleich der nächste Schritt ganz nach oben getan.

Lehman Brothers. am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) David Baltzer

Lehman Brothers am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) David Baltzer

Dabei ist den Lehman Brothers jedes Mittel recht, es wird dynastisch gedacht und geheiratet. Hier erlaubt sich Regisseur Bachmann auch ein wenig Slapstick und Travestie im Reifrock. Natürlich kommt es mit den Jahren immer wieder auch zum Generationenkonflikt. Mit dem Siegeszug der Eisenbahn geht der Aufstieg des Neffen Philipp (Jörg Ratjen) einher, der sich als cleverer Player den in die Jahre gekommenen Brüdern Emanuel und Mayer in einer wie ein Westernduell gestellten Verhandlung mit der Eisenbahngesellschaft an die Seite stellt. Der Profit für die noch nicht greifbare Investition in die Zukunft wird ihnen einen Millionenprofit einbringen. Sein System beschreibt Philipp selbst als Wette gegen einen Hütchenspieler. Er setzt aber nicht mit Glück, sondern Technik auf die richtige Karte.

Ähnliche Bilder finden Autor und Regisseur mit einem Seiltänzer ohne Absicherung hoch über der Wall Street, der hier schnell in den Bühnenhimmel gezogen wird und zum ersten Mal beim Börsencrash 1929 abstürzt. Dazu erschießen sich im Minutentakt die ruinierten Börsenmakler. Im dritten Teil des Abends schlägt die Stunde für den letzten der Lehmans. Während Cousin Herbert (Thomas Müller) als Karrierist in die Politik wechselt und den New Deal mit Präsident Roosevelt einrührt, soll Philipps Sohn Bobbie (Philipp Lux) – wie einst der biblische Noah – eine auffangende Arche für die Bank bauen. Der smarte Yale-Absolvent finanziert aber lieber Hollywoodfilme, setzt auf den Massenkonsum als neues Marketingkonzept und führt letztendlich auch das Traiding-System ein. Es beginnt ein höllischer Tanz auf dem Vulkan Börse. Ein schwindelerregender Maskenball der Wertpapierhändler unter dem feisten, hemdsärmeligen Lewis Glucksman (Simon Kirsch), der schließlich in einem angedeuteten Squash-Match sein „ungarisches Reich“ gegen den neuen Direktor Pete Peterson (Sascha Göpel) durchsetzt. Die Fortsetzung der Entmenschlichung des Geschäfts hin zu anonymen Zahlenreihen auf Computerbildschirmen.

Das Amerikabild Massinis als große Spieluhr und laufender Motor des Fortschritts übersetzt Bühnenbildner Olaf Altmann in ein sich unaufhaltsam und immer schneller drehendes Rad aus drei spitzen Hämmern, das den gesamten Vordergrund der Bühne einnimmt. Wenn die Lehmans sogar zu Geldgebern der NASA werden, leuchten am Bühnenhorizont Sterne auf. Der sich für unsterblich haltende Bobbie hat schließlich die ganze Welt in der Hand und greift nach dem Universum. Doch das Vertrauen in die „Marke“ Lehman wird bald erschüttert sein. Das Aussterben der Dinosaurier vollzieht sich hier nach und nach mit dem Auskleiden an der Rampe, dem zu Beginn noch ganz nach jüdischem Trauerritus das Schließen des Geschäfts für eine Woche, Zerreißen eines Anzuges und Aufsagen des Kaddisch folgen, bis nach dem Tod Philipps nur noch drei Schweigeminuten den Fortgang des Geldgeschäfts unterbrechen. Am Ende steht der Tod der Bank selbst, der noch einmal die verstorbenen Geister herauf beschwört und mit einem irren Gekicher die letzte Schiwa halten lässt. Nur dass sich das große Rad heute auch ohne Lehmans weiterdreht.

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LEHMAN BROTHERS. (05.06.2015)
Aufstieg und Fall einer Dynastie (Lehman Trilogy. I Capitoli del Crollo)
von Stefano Massini
Deutsch von Gerda Poschmann-Reichenau
Regie: Stefan Bachmann
Bühne: Olaf Altmann
Kostüm: Barbara Drosihn
Musik: Sven Kaiser
Licht: Andreas Barkleit
Dramaturgie: Felicitas Zürcher
Dramaturgische Mitarbeit: Sibylle Dudek
Besetzung:
Pete Peterson, Ruth Lamar u.a. … Sascha Göpel
Lewis Glucksman, Babette Newgass u.a. … Simon Kirsch
Bobbie Lehman, Teddy Wilkinson u.a. … Philipp Lux
Mayer Lehman, Marketingleiter u.a. … Ahmad Mesgarha
Henry Lehman, Herbert Lehman u.a. .. Thomas Müller
Emanuel Lehman, Paul Mazur u.a. … Torsten Ranft
Philip Lehman, Rundkopf Deggoo u.a. … Jörg Ratjen

Premiere der DEA war am 5. Juni 2015 im Schauspielhaus Dresden

Weitere Termine: noch mal am 22. 6. 2015

Koproduktion mit dem Schauspiel Köln (Premiere dort im März 2016)

Spieldauer: 3 ½ Stunden, je eine Pause nach dem 1. und 2. Teil

Weitere Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 07.06.2015 auf Kultura-Extra.

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Drei Schwestern – Tilmann Köhler inszeniert Anton Tschechows Tragikomödie am Staatsschauspiel Dresden als Lebensdrama nutzlos Wartender.

Dienstag, Oktober 7th, 2014

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Anton Tschechows 1901 uraufgeführtes Drama Drei Schwestern ist eine Tragikomödie über die vergebliche Sehnsucht nach einem glücklichen und erfüllten Leben von Menschen, die in der Vergangenheit hängend über ihre Zukunft schwadronieren und dabei die Gegenwart vergessen. Die drei Töchter des verstorbenen Batteriekommandeurs Prosorow, Olga, Mascha und Irina, seit Jahren in der russischen Provinz gefangen, wünschen sich zurück in ein neues, interessantes Leben nach Moskau. Der dreifache Ausruf Irinas: „Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!“ ist zum geflügelten Wort für unerreichbare Ziele und das Scheitern hehrer Vorsätze geworden. Er darf in keiner Inszenierung fehlen. Und auch Tilmann Köhler verzichtet nicht darauf, bevor es zur Pause seines dreieinviertelstündigen Abends geht.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden - Foto: St. B.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

Am Anfang steht aber das vielleicht schönste Bild der Inszenierung. Ein in Wellen geräuschvoll flatternder Papiervorhang füllt die gesamte Bühne und dient als riesige weiße Projektionsfläche, auf die sich die sehnsüchtigen Blicke der drei Schwestern (Ina Piontek, Yohanna Schwertfeger und Lea Ruckpaul), die zunächst noch mit dem Rücken zum Publikum davor stehen, fokussieren. Diese Papierwand wird dann im Anschluss bei der Namenstagfeier Irinas von allen Darstellern mit fettem Edding ausgemalt. Es entstehen so Körpersilhouetten und Schattenrisse ihrer „schönen Gedanken“ und Vorsätze.

Köhler, bisher recht erfolgreicher Hausregisseur des Staatsschauspiels Dresden, transportiert in seiner neuesten Inszenierung viel über dieses Bild des fragilen, papierenen Vorhangs, der den Schwestern zunächst ein träumerisches Ziel verheißt, sie aber auch von der Verwirklichung ihres Traums abzuhalten scheint. Durch den aus Moskau kommenden, ihre Sehnsüchte wieder nährenden neuen Batteriekommandeur Werschinin (Matthias Reichwald) wird er sogar durchsprungen, bis ihn Irina, wenn sich im zweiten Teil die Träume langsam zerschlagen haben, vollends abreißt und zu einem Haufen zusammenträgt, in dem sich die Schwestern noch kurzzeitig gut verstecken können, bis das Knäuel schließlich vom schlaffen Bruder Andrej (Thomas Braungardt) und seiner das Regime im Haus übernehmenden Frau Natascha (Antje Trautmann) von der Bühne geräumt wird.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) Matthias Horn

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) Matthias Horn

Dazwischen haben die für gewöhnlich an unabänderlichem Weltschmerz leidenden Protagonisten viel Zeit zum Schwärmen, Palavern und Lamentieren über den ermüdenden Alltag. Sie tun dies hier zumeist monologisierend an der Rampe. Ein andauerndes Aneinander-vorbei-Reden, das im Programmheft auch treffend als ein „Lautwerden innerer Monologe“ bezeichnet wird. Allerdings bringt das vor der Pause nicht allzu viel Neues in die gut 100jährige Aufführungspraxis (z.B. in der Volksbühne oder im Thalia Theater) des Stücks. Köhler bemüht sich zwar um eine Zuspitzung der inneren Konflikte der Figuren durch körperlich angestrengtes Agieren seiner Darsteller und ein Spiel der deutlichen Zeichen, hält sich aber doch ziemlich getreu an die Tschechow’sche Dramaturgie des langsamen Zeittotschlagens.

Tische und Stühle, die mal zur großen Tafel oder wieder zu Einzelgruppen arrangieren werden, bilden im ersten Teil das Setting auf der Bühne. Die Schwestern fallen allein schon durch ihre Kostüme aus dem Rahmen des unscheinbaren, alltäglichen Einheitslooks aus Schlabberpullis, Sweatshirts, Jeans und Arbeitshosen. Ihre Typen sind damit gesetzt. Irina, die Jüngste, trifft es optisch noch am besten. Olga, die stets pflichtbewusste Älteste der Schwestern, kommt wie ihre Ansichten in relativ unmodischen Kleidern daher. Die unglückliche Mascha spielt nur scheinbar die Coole und steckt mit dauerqualmender Fluppe im Mundwinkel in existentiell depressivem Schwarz.

Bunt und rosig im Gesicht ist dagegen Schwägerin Natascha, die sich nicht lange ziert und die anfängliche Unsicherheit bald ablegt, wobei das ständige Bobik hier und Bobik da nicht nur die Schwestern rasch zu nerven beginnt. Der weiche Bruder Andrej ist ganz der verhinderte Künstler mit Gitarre, fügt sich aber immer mehr in die eintönige Laufbahn des Kreisangestellten und flieht doch ständig vor dem ihm Akten nachtragenden Diener Ferapont (Jochen Kretschmer). Aus Frust und Langeweile verspielt er das Erbe und redet sich die Beziehung zu seiner untreuen Natascha schön. Schließlich setzt er sich selbst in den Kinderwagen und beklagt lautstark sein Schicksal.

Auch die anderen Männerfiguren neben den drei titelgebenden Schwestern sind bloße Typen, die aus der grauen Masse lediglich durch den verzweifelnden Drang nach Lautstärke hervorzustechen versuchen. Da bekommt jeder seine kleine Nummer. Maschas ungeliebter Mann, der Gymnasiallehrer Kulygin (Holger Hübner), ist ein schmierig schwafelnder, unangenehm übergriffiger Widerling, Baron Tusenbach (Jonas Friedrich Leonhardi) ein für seine idealistischen Ideen schon mal auf den Tisch springender Brausekopf und sein Widersacher Stabshauptmann Soljony (Kilian Land) ein unsicherer aber ebenfalls laut tönender Psychopath, der sich ständig zwanghaft die Hände mit Parfum bestäuben muss. Der alte Militärarzt Chebutykin (Albrecht Goette) zerfließt völlig in Selbstmitleid, wogegen der Unterleutnant Fedotik (Lukas Mundas) einen überflüssigen Witzbold gibt und dauergrinsend Fotos macht.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) Matthias Horn

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) Matthias Horn

Die Inszenierung ist mit einem live eingespielten, dauerklimpernd melancholisch stimmenden Soundteppich unterlegt, der nicht gerade zur Stimmungsaufhellung beiträgt. Es sind immer wieder Einzelaktionen, die die Figuren kurz aus ihrer Lethargie reißen. Die Auftritte erfolgen meist aus der ersten Reihe des Parketts, eine von Jürgen Gosch übernommenen Praxis einer improvisierten Probensituation. Nach der Pause versucht es Köhler dann noch zusätzlich mit etwas Gefühl und Emphase. Der emotional hochdramatische Zusammenbruch Maschas nach dem Abrücken der Soldaten und dem damit verbundenen Scheitern ihrer Liebe zu Werschinin bilden zugleich den Höhepunkt dieser recht illusionslosen Inszenierung.

Dem Ganzen liegt auch ein wenig die Idee des in kapitalistischen Zeiten nutzlos gewordenen Menschen zu Grunde, dem einen Platz einzuräumen der Dramaturg Carl Hegemann im Gastbeitrag fürs Programmheft empfiehlt. Theater als Überfluss. Der Luxus der Kunst gegen die Effizienz der Marktwirtschaft. Eine kleine sozialkritische Komponente fügt auch Köhler in seine Inszenierung ein. In der Nacht des Wartens auf die Karnevalsmasken, die kurz in eine alkoholschwangere Fete mündet, klingelt es draußen im Foyer und rüttelt plötzlich an den Türen – wie als Zeichen des Einbruchs der realen Welt in der Künstlichkeit des Theaters. Man kann dies auch als eine Art Geisterbeschwörung verstehen, die Ankündigung des Weltenbrands, der in seiner Folge die nutzlosen Träumer hinwegfegen wird.

Aus Olgas „Wenn wir’s doch wüssten“ am Ende wird in der Übersetzung von Angela Schanelec (2005 für die legendäre Inszenierung von Jürgen Gosch in Hannover erarbeitet) ein Beckett’sches „Man weiß es nicht.“ Man könnte da sicher noch über so einiges nachdenken. Köhlers Inszenierung bietet allerdings selbst wenig Ansatz dazu.

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Drei Schwestern
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Karoly Risz
Kostüm: Susanne Uhl
Musik: Jörg-Martin Wagner
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Janine Ortiz
Besetzung:
Andrej Sergejewitsch Prosorow: Thomas Braungardt
Natalja Iwanowna, Prosorows Braut, später seine Frau: Antje Trautmann
Olga: Ina Piontek
Mascha: Yohanna Schwertfeger
Irina: Lea Ruckpaul
Fjodor Iljitsch Kulygin, Gymnasiallehrer, Maschas Mann: Holger Hübner
Alexander Ignatjewitsch Werschinin, Oberstleutnant und Batteriekommandeur: Matthias Reichwald
Nikolai Lwowitsch Tusenbach, Leutnant: Jonas Friedrich Leonhardi
Wassilij Wassiljewitsch Soljony, Stabshauptmann: Kilian Land
Iwan Romanowitsch Chebutykin, Militärarzt: Albrecht Goette
Alexej Petrowitsch Fedotik, Unterleutnant: Lukas Mundas
Ferapont, Bote der Landesverwaltung: Jochen Kretschmer
Anfissa, Kinderfrau: Brigitte Wähner
Musiker: Florian Lauer, Georg Wieland Wagner

Weitere Infos: www.staatsschauspiel-dresden.de

Die nächsten Termine: 09.10., 14.10., 26.10., 03.11., 21.11., 03.12. und 28.12.2014

Zuerst erschienen am 06.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Im schützenden Mantel der Kunst – Dresden und Senftenberg feiern sich und ihre Theater als Orte der Repräsentation und Wahrheitssuche.

Montag, September 30th, 2013

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King Arthur, eine Semiopera von John Dryden und Henry Purcell zum Hundertsten Geburtstag des Staatsschauspiels Dresden.

Dresden, 13.09.13 – Trompeten und Hörner bliesen es von den Zinnen der Feste. Großes stand an diesem Abend bevor. Das Staatsschauspiel Dresden beging am Freitag, dem 13. sein hundertjähriges Bestehen. 100 Jahre in 100 Bildern. Zu festlich barocken Streicherklängen zog noch einmal die bewegte Geschichte des mächtigen Theaterbaus an der Ostra-Allee an den Augen der Anwesenden vorbei.

Staatsschauspiel Dresden_Premiere King Arthur

Staatsschauspiel Dresden, Premiere King Arthur – Foto: St. B.

Wilfried Schulz, der Intendant des Staatsschauspiels Dresden, musste sich am Abend mehrfach zum Hundertsten gratulieren lassen. Natürlich immer mit der Floskel verbunden, dass er natürlich noch lange nicht so alt aussehe. Der 61-jährige, gebürtige Preuße an der Spitze des Sächsischen Staatsschauspiels hat sich mit seiner stetigen, ehrlichen Bürgernähe die Sympathie der Dresdner redlich verdient. In seiner klugen Rede beschwor er das Theater als Ort der Repräsentation und des Authentischen im schützenden Mantel der Kunst, immer auf der Suche nach Wahrheit und einem veränderbaren Zustand der Welt. Und dabei lächelt die Kunst auch über ihre eigene Widersprüchlichkeit. Theater ist für Schulz eben auch, die Möglichkeit des Scheiterns auszuhalten.

Das selbst Hundertjährige in eine, wie auch immer geartete Notlage geraten und dann einfach so verschwinden können, mit diesem Bonmot wollte Stanislaw Tillich, seines Zeichens Ministerpräsident des Sächsischen Freistaats, punkten. Der Mann muss es wissen, er ist Hauptfinanzier des Staatsschauspiels. Er verglich das Theater mit einer Romanfigur des Schriftstellers Jonas Jonasson. In dem schwedischen Bestseller Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand macht sich ein Mann, der in seinem hundertjährigen Leben eher zufällig in der internationalen Weltpolitik mitgemischt und für so manch Explosives gesorgt hatte, an seinem Ehrentag einfach aus dem Staub. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Eigentlich ein versteckter Fingerzeig für das Stadttheater, auf der verzweifelten Suche nach seiner gesellschaftlich relevanten Traumrolle, nichts dem reinen Zufall zu überlassen. Diese Vorstellung könnte aber auch zum Albtraum geraten, sollte das Theater die allzu große Nähe zu den Mächtigen nicht tunlichst meiden.

Staatsschauspiel Dresden

Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

Tillich lenkte mit seinem kleinen Ausflug in die Literatur aber auch, gewollt oder nicht, kurz das Augenmerk auf den tragischen, tödlichen Fall des Schriftstellers Erich Loest aus Leipzig, der anderen großen sächsischen Stadt mit einem Theater, das nach langen kulturpolitischen Querelen erst wieder zu feiern lernen muss. Außer dem erwähnten kurzen Schweden-Intermezzo war Tillichs Rede von ausgewogen regionaler Schlichtheit. Er sprach von sächsischer Ingenieurskunst, einem Darlehn der Bürger Dresdens, das den Bau ihres Theaters erst ermöglichte und dem Lesen zwischen den Zeilen, auch eines der bekanntermaßen rein sächsischen Phänomene. Neben Kulturförderung ist in Sachsen vor allem Popularität wichtig. Der Mann ist Pragmatiker, er will wiedergewählt werden. Das ist sein förderstes Staatsziel.

Umso reflektierter dann der Beitrag des Dresdner Schauspielensembles. Damit Theater eben nicht einfach nur zum Bestseller verkommt, äußerten die Schauspieler, vertreten durch das jüngste (Lea Ruckpaul) und älteste (Albrecht Goette) Ensemblemitglied drei fromme Wünsche, die es vieler Orts noch zu erfüllen gilt. Die beiden wünschten sich, ein Publikum, das sich zur Verfügung stellt, eine Politik, die Kunst und Markt trennt und ein Theater, das seine Aufgabe nicht vergisst, ein anderer Ort zu sein. Was die beiden genau darunter verstehen, soll hier nicht weiter ausgeführt werden, denn echtes Theater wurde natürlich auch noch gespielt.

Lea Ruckpaul und Albrecht Goette bei der Feierstunde am Staatsschauspiel Desden. - Foto: St. B.

Lea Ruckpaul und Albrecht Goette bei der Feierstunde am Staatsschauspiel Desden. – Foto: St. B.

Um der gemeinsamen Zeit des Staatstheaters mit der Staatsoper Dresden zu gedenken, hatte man um die beiden Kunstgattungen wieder zu vereinen, zum Jubiläum die Semiopera King Arthur mit der Musik von Henry Purcell und dem Text von John Dryden ausgewählt. Die beiden Engländer huldigten 1691 ihrem König Charles II. und dem Sieg der Briten über die heidnischen Sachsen mit einer Art „Nationaloper“. Das könnte natürlich gerade am Sächsischen Staatsschauspiel und aus Sicht der Dresdner Geschichte einiges an Brisanz bieten.

Armin Petras, der in Dresden mit seiner Dramatisierung des Tellkamp-Romans Der Turm glänzte, hat die Oper mit einem frischen Prolog versehen. In schönstem Kontrast zu den Sonntagsreden der Politik stehen die Worte von Staatssalat und -bankrott, Kunst und Macht, sowie wenig Hirn und viel Eitelkeit. Matthias Reichwald, der hernach als King Arthur wieder zum am Bühnenrand steckenden Schwert greift, spricht sie direkt ins Publikum mit seiner hohen sächsischen Prominenzdichte.

Zur Ouvertüre versammelt sich dann auch jede Menge finsteres Personal zum Schlachtgetümmel und stürzt dabei die lange Bühnenschräge hinunter, die nach hinten spitz zuläuft. Während König Arthur im Soldatenmantel seine Briten zum Kampf treibt, rufen die geschlagenen Sachsen ihre Götter an. Dem noch zaudernden König Oswald (Christian Erdmann) drückt dabei der bassgewaltige Zauberer Grimbald (Peter Lobald) einen Speer in die Hand. Zum martialischen We have sacrificed … Come if you dare werden drei Geopferte an Sicherheitsgeschirren hochgezogen.

Christian Erdmann (Oswald, König von Kent) und Yohanna Schwertfeger (Emmeline, Conons Tochter) - Foto: David Baltzer

Christian Erdmann (Oswald, König von Kent) und Yohanna Schwertfeger (Emmeline, Conons Tochter) – Foto: David Baltzer

Der Sachse rührt sich wieder, was erste Lacher im Publikum auslöst. Bei all der Pathetik, die Drydens Text und Purcells Musik bietet, legt sich die Inszenierung von Tilmann Köhler, der sich am Staatsschausiel zum vielbeachteten Hausregisseur gemausert hat, auch ein passendes Sicherheitsgeschirr an. Und zwar das Allheilmittel der Ironie. Man ist sich dessen durchaus bewusst und vergisst auch nicht im Programmheft zu betonen, dass schon in Drydens Text ironische Kritik versteckt sei.Neben dem Kriegsgeschäft der Könige geht es in einer zweiten Ebene um die Liebe zur blinden Emmeline. Beide Kontrahenten sind in ihre schönen Augen, die nichts sehen, versunken. Mit der herrlich nöligen Stimme Yohanna Schwertfegers spricht Emmeline von der Liebe mit Hand und Seele und ist dann doch wie ein Kind von ihrem Schatten fasziniert, als ihr das Augenlicht durch Zaubersaft gegeben wird. Gerade dem Wiener Burgtheater von Matthias Hartmann in Richtung Dresden entkommen, gerät Yohanna Schwertfeger nun in die Fänge Oswalds und seines intriganten Zauberers Osmond. Benjamin Pauquet gibt ihn als notgeile Variante eines im Gesicht kreuzweise geschnürten Malvolios. Osmond heiß ich, und ich will Liebe gesteht er Emmeline mit heruntergelassener Hose.

Dass Autor Dryden Shakespeare verehrt und bearbeitet hat, muss nicht erst betont werden. Das gipfelte in der ebenfalls mit Purcell verfassten Semiopera The Fairy Queen, einer Version des Sommernachtstraums. Und so lässt sich sein King Arthur durchaus auch als ein zauberhafter Traum von Sein und Schein lesen und besitzt der zwischen den Fronten schwankende Luftgeist Philidel die Züge eines Pucks. All das verbirgt die Inszenierung von Köhler nicht. Im Gegenteil, sie stellt es in Persona der stets quirligen, mal wimmernd, mal neckend auf der Bühne herumwuselnden Sonja Beißwenger gerade zu aus. Schauspielerisch fraglos gekonnt stemmt sich das Energiebündel gegen Widersacher Grimbald, muss sich allerdings in den Gesangspassagen von der Sopranistin Arantza Ezenarro doubeln lassen.

Die Irrungen und Verwirrungen auf der Bühne sind Programm. Erst irrlichtern Sachsen und Briten, wechselseitig getrieben durch Grimbald und Philidel durch den Sumpf, – This way, hither, this way bend – dann betören die Gesänge des Cupido (Romy Petrick) selbst die Sinne des coolen Grimbald. Bei der am Theater gern und oft kopierten Arie des Cold-Genius schmilzt der Eisberg Grimbald zu einem stimmlichen Softeis zusammen. Die Kraft Oswolds ist damit aber noch nicht gebannt. Er verzaubert nun sogar einen ganzen Wald.

King Arthur im Zauberwald

Sinfoniechor Dresden, Ilhun Jung (Waldgeist / Aeolus / Pan / He), Arantza Ezenarro (Luftgeist / Sirene / She), Simon Esper (Herold / Schäfer / Waldgeist / Comus), Matthias Reichwald (König Arthur), Nadja Mchantaf (Matilda, Emmelines Dienerin / Sirene / Venus) – Foto: David Baltzer

Als graue Eminenz der zaubernden Gegenwehr schwebt Merlin (Albrecht Goette) mit Rauschebart und Hirschgeweih vom Bühnenhimmel herab. Außer den umgeschnallten weißen und schwarzen Engelsflügeln vermag nur sein Zauberstab, Gut und Böse voneinander zu scheiden. In der schönsten Szene der Inszenierung bewegt sich der herausragende Chor (Sinfoniechor/ Extrachor der Semperoper Dresden) in bunten Fantasiegewändern auf den ihren Sirenengesängen fast schon erlegenen König Arthur zu. Der Baum in dem er seine Emmeline zu sehen glaubt, wird aus einem Bündel gold-glänzender Tücher gebildet. Sie verleihen dem Bühnenbild von Karolyi Risz einerseits schlichte Schönheit gegen die barocke Macht der Musik und lassen sich anderseits zu wehenden Fahnen, schützenden Gewändern oder fesselnden Banden verwenden.

Am Ende greift die bis dahin eher zurückhaltende Regiehand von Tilmann Köhler noch einmal entscheidend in die Handlung ein. Ein Balanceakt auf wackeligen Prospektstangen kippt das Happy End und lässt die nun eigentlich zum Preisen des Paars in heutiger Abendgarderobe angetretene und Holy Land intonierende Menge zunächst etwas ratlos aussehen. Es ist nichts, wie es scheint, ist die Aussage der Inszenierung, und löst damit die These des Theaters als einem anderen Ort zumindest in Ansätzen ein. Und während das wunderbar aufgelegte Prager Collegium 1704 unter der Leitung von Felice Venanzoni auf ihren Barockinstrumenten weiter in Wohlklängen schwelgen darf, kommt endlich auch die von Herrn Tillich gepriesene sächsische Ingenieurskunst in Form der dreiteiligen Versenk-Schiebe-Bühne zum Einsatz.

Premiere King Arthur - Großer Applaus für das Ensemble - Foto: St. B.

Premiere King Arthur – Großer Applaus für das Ensemble – Foto: St. B.

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Das 10. GlückAufFest an der Neuen Bühne Senftenberg zum Thema Wirklichkeit

GlückAufFest LogoSenftenberg, 21.09.13 – Authentisch und möglichst nah an der Wirklichkeit wollen die Theater ja immer irgendwie sein. Nur wie man das anfängt, da scheiden sich dann meist die Geister. Welche Themen sind wirklich aktuell und besitzen wo und für wen Relevanz? Und vor allem, woher die erforderlichen Stoffe nehmen, wenn nicht stehlen? Rennt man einem Trend hinter, beauftragt man einen jungen Autor mit dem Schreiben eines themenbezogenen, dramatischen Werks, oder gräbt man im Bekannten?

An der Neuen Bühne Senftenberg, tief in der südbrandenburgischen Provinz, hat man nun eine Möglichkeit gefunden, unsere deutsch-deutsche Wirklichkeit, trotz mangelnder aktueller dramatischer Vorlage, auf erstaunlich frische Art und Weise auf die Bühne zu bringen. 23 Jahre nach der Wende und kurz vor der nächsten Bundestagswahl packt man hier die Gelegenheit noch einmal beim fast schon kahlen Schopf und findet, nicht gerade überraschend, mehr als nur ein Motte im Pelz der wiedervereinten Nation. Und was wäre besser, als diesen im Rahmen eines die Spielzeit eröffnenden Theaterfestes gehörig auszuklopfen.

Das 10. GlückAufFest in Senftenberg handelt das Thema Wirklichkeit nun an zehn aufeinanderfolgenden Wochenenden bis in den November anhand von vier ausgewählten Prosatexten aus den letzten drei Jahren von Ingo Schulze, Christoph Hein, Rainald Goetz und Volker Braun sowie einem abschließenden aerodynamischen Liederabend des vielseitigen Musikers Hans Eckardt Wenzel ab. Und das ist der andere Aufhänger. Man kann sich in der Provinz das Schmunzeln über die Probleme der Berlin-Brandenburgischen Pleiten-, Pech- und Pannenpolitik nicht verkneifen und baut die Neue Bühne kurzerhand zu einem voll funktionstüchtigen Flughafen SenftenBER aus.

Neue Bühne Senftenberg nachts_Foto Stefan Bock

SenftenBER an der Neuen Bühne Senftenberg.
Foto: St. B.

Am Check-In erhält man dann Flugplan und Bordkarte für einen rund neuneinhalb-stündigen Flug in die Wirklichkeit und der Chef des Towers, Intendant Sewan Latchinian, lässt es sich natürlich nicht nehmen, die Fluggäste persönlich zu begrüßen. Auch für das leibliche Wohl bei den vier Zwischenlandungen ist reichlich gesorgt. Anschnallpflicht besteht nicht und selbst auf die obligatorischen Schwimmwesten kann bei dieser imaginären Reise verzichten werden. Damit das Unternehmen nicht baden geht, versucht das Senftenberger Boden- und Bordpersonal wirklich alles zu unternehmen, den Zuschauersaal zum Abheben zu bringen.

Zum Einstieg bringt Sewan Latchinian die Dresdner Rede von Schriftsteller Ingo Schulz aus dem Jahr 2012 als bissigen Kommentar zur aktuellen Lage unserer Demokratie auf die Bühne. Schulz hatte sie nach Andersens Märchen von Des Kaisers neuen Kleidern Unsere schönen neuen Kleider genannt. Ein kluger Text, der sich anhand auch einiger ermüdender Fakten und Zahlen mit den Auswirkungen der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung seit der Wende, nicht nur in der „ehemaligen“ DDR (eines der vielen schönen Nachwendevokabularien), beschäftigt.

Bernd Färber in UNSERE SCHÖNEN NEUEN KLEIDER - Foto: Steffen Rasche

Bernd Färber in UNSERE SCHÖNEN NEUEN KLEIDER – Foto: Steffen Rasche

Pointe dieser allegorischen Überstülpung ist hier nicht nur der bekannte Ausruf des Jungen, sondern vor allem, dass es, ganz wie im Märchen, immer jemanden braucht, der sich traut, diese Erkenntnis auch lauthals zu unterstützen. Bernd Färber schlüpft, ganz Schauspieler, beim Reden in einem flotten theatralen Schminkprozess von der Rolle des nackten Kaisers hinüber in die der Kanzlerin (samt Raute), die mit ihrer Floskel von der marktkonformen Demokratie und bleiernen Alternativlosigkeit zur Weberin der allerschönsten „unserer neuen demokratischen Kleider“ geworden ist.

Nach ersten unpopulären politischen Wahrheiten folgt mit der Dramatisierung von Christoph Heins Roman Weiskerns Nachlass der Blick auf die Verfasstheit der geisteswissenschaftlichen Elite Deutschlands, die sich mit halben Stellen immer am Rand der Privatinsolvenz durchs Leben schlägt, und der, ähnlich der Kunst, die Mittel immer weiter zusammengestrichen werden. Kulturwissenschaftler Stolzenburg (Alexander Wulke) ist ein solch unterbezahltes Exemplar. Er findet für seine liebhaberische Werkausgabe des unbekannten Mozartlibrettisten Weiskern keinen Verleger und sieht sich aus Geldmangel bald den unmoralischen Angeboten seiner Studenten ausgesetzt.

Juschka Spitzer, Hanka Mark und Alexander Wulke in WEISKERNS NACHLASS - Foto: Steffen Rasche

Juschka Spitzer, Hanka Mark und Alexander Wulke in WEISKERNS NACHLASS – Foto: Steffen Rasche

Hein lässt den notorischen Schürzenjäger und Konfuziussprücheklopfer Stolzenburg durch eine Achterbahn der Ereignisse und Gefühle gehen. Regisseur Latchinian macht daraus einen neunzigminütigen ironischen Discountflug in der Economy Class. Zum Teil auf Flugzeugsitzen spulen die Darsteller das Ganze wie einen rasanten Kunstfälscher-Krimi samt Beziehungsstress und Mozartbegleitung ab. Die bedauernden Worte von Stolzenburgs Steuerberater, der in einer Woche dessen Jahresgehalt an der Börse verdient, bringen es aber schließlich auf den Punkt. Stolzenburg wird auch weiterhin die Business Class versperrt bleiben. Auch wenn sich seine Albträume kurzzeitig in Luft auflösen, der finanzielle Absturz der/des Wissenschaft/lers ist vorprogrammiert. Hier wird kein Château Rothschild kredenzt. Im Abgang bleibt ein leichter Nachgeschmack von zu viel Tomatensaft.

Sewan Latchinian liest JOHANN HOLTROP - Foto: Steffen Rasche

Sewan Latchinian liest JOHANN HOLTROP – Foto: Steffen Rasche

Mit oberflächlich angeeigneten kulturellen Phrasen wirft der Vorstandsvorsitzenden Johann Holtrop gern bei Interviews, Reden oder Geschäftsgesprächen um sich, bevor es dann nach Abschluss in den Puff geht. Rainald Goetz gleichnamiger Roman liefert in sprachlich exquisiter Form ein entblößendes Sittenbild der Wirtschaftselite unseres Landes. Sewan Latchinian führt ihn als szenische Lesung unter Mithilfe zweier Schauspielerinnen und Videoleinwände auf. Er selbst gibt den Aufstieg und Absturz dieses Manager-Dinosauriers als gymnastischen Slapstick mit Aktenkoffer und Wasserflasche. Die gekippten Videobilder verdeutlichen kongenial die psychische und emotionale Schieflage Holtrops sowie die verzweifelte Akrobatik seiner aus hohlen Gesten und Worten bestehenden Rettungsrhetorik. Zweifellos ein Höhepunkt des Abends, den reichlich Szenenapplaus begleitet.

Hanka Mark, Till Demuth, Bernd Färber, Juschka Spitzer, Catharina Struwe, Johannes Moss, Inga Wolff, Anna Kramer, Jan Schönberg, Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Franz Sodann - Foto: Steffen Rasche in DIE HELLEN HAUFEN - Foto: Steffen Rasche

Hanka Mark, Till Demuth, Bernd Färber, Juschka Spitzer, Catharina Struwe, Johannes Moss, Inga Wolff, Anna Kramer, Jan Schönberg, Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Franz Sodann – Foto: Steffen Rasche in DIE HELLEN HAUFEN
Foto: Steffen Rasche

Bis hierin bauen die Texte thematisch wunderbar und dramaturgisch geschickt aufeinander auf. Und zur fortgeschrittenen Stunde gibt es dann zum Thema Geschichte und Utopie auch noch eine Dramatisierung der Erzählung Die hellen Haufen von Volker Braun. Ein Abriss der Geschehnisse um die Abwicklung der Mitteldeutschen Kali-Betriebe im Jahre 1992 in fast poetischen Worten und religiösen Bildern. Der Marsch der Kalikumpel auf Berlin in den Fußstapfen der schwarzen Haufen Thomas Müntzers aus dem deutschen Bauernkrieg. Das Ensemble bewegt sich in Sewan Latchinians epischer, sehr eindrucksvoller Inszenierung um eine graue Abraumhalde, auf der sich die Arbeiter schließlich gegen die Übermacht des Staates verteidigen müssen. Gerechtigkeit, Solidarität und Gewaltfreiheit stehen im Raum sowie die Frage: Was wäre wenn?

Zum Abschluss darf das ausnahmslos großartige Ensemble noch einmal zeigen, dass es auch musikalisch zu unterhalten weiß. In der Revue Auf dem Flughafen nachts um halb eins… singt eine Hautevolee aus verlor’nen Lumpen, die nicht in diese Welt passen will, in der Kneipe einer verlassenen Abflughalle voller Witz und Überlebensmut gegen die graue Wirklichkeit des deutschen Tiefsinns (immer nur die Mitte) an. Eine bezaubernde Stunde der liebeswerten Irren und Idioten. Nach dem Abflug in theatrale Wirklichkeiten folgt irgendwann auch wieder die Ankunft in der Realität. In Senftenberg kann man sich diesem, über den Theaterraum hinausgehendem Abenteuer getrost hingeben.

Inga Wolff, Hanka Mark, Jan Schönberg, Mirko Warnatz, Bernd Färber, Sybille Böversen in AUF DEM FLUGHAFEN NACHTS UM HALB EINS… - Foto: Steffen Rasche

Inga Wolff, Hanka Mark, Jan Schönberg, Mirko Warnatz, Bernd Färber, Sybille Böversen in AUF DEM FLUGHAFEN NACHTS UM HALB EINS… – Foto: Steffen Rasche

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Weitere Termine für King Arthur und das GlückAufFest unter:

http://www.staatsschauspiel-dresden.de/home/king_arthur/termine/

http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/premieren/10-glueckauffest.html

Beide Beiträge sind am 16.09.13 und 25.09.13 auf KULTURA-EXTRA erschienen.
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Zweimal Brecht zur Abendunterhaltung (Teil 2) – „Herr Puntila und sein Knecht Matti” am Staatsschauspiel Dresden

Donnerstag, April 19th, 2012

„Seit jeher ist es das Geschäft des Theaters wie aller andern Künste auch, die Leute zu unterhalten. Dieses Geschäft verleiht ihm immer seine besondere Würde; es benötigt keinen anderen Ausweis als den Spaß, diesen freilich unbedingt.“ Bertolt Brecht aus „Kleines Organon für das Theater“ (1948)

Diese Feststellung Brechts lässt sich natürlich auch auf seine eigenen Stücke anwenden, allerdings sollte das sicher nicht als Freibrief dafür verstanden werden, dem „Unternehmen, das Abendunterhaltung verkauft“ Vorschub zu leisten oder gar nur dem reinen Klamauk zu frönen. Bertolt Brecht sah in seinem Volksstück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ eine gesellschaftliche Komödie, und eben nicht nur das „Ewig Komische“ eines Clownsturzes, der sein gesellschaftliches Element an das schlechthin Biologische verloren hat. „Für Stücke wie den ,Puntila’ wird man nicht allzu viel in der Rumpelkammer des ,Ewig Komischen’ finden.“ Es ist eher das Maßlose eines Baal gepaart mit dem satten Weltschmerz eines Mauler und das Naive einer Johanna mit dem Bauernschlauen eines Schwejk oder einer Courage, was die Figuren des Stücks auszeichnet. „Die Schauspieler, die ,Herr Puntila und sein Knecht Matti’ spielen, müssen die Komik aus der heutigen Klassensituation ziehen, selbst wenn dann die Mitglieder der oder jener Klasse nicht lachen.“ (Bertolt Brecht „Das gesellschaftlich Komische“ in Theaterarbeit 1947-1956) Das Komische, das aus der leuteseligen Art des besoffenen Puntila und den trockenen Reaktionen seines Chauffeurs Matti resultiert, verkrampft zusehends und schlägt schließlich bei Puntila in Katerstimmung und bei Matti in einen finsteren Zorn um. Die Ballance zwischen der reinen Komödie und dem antagonistischen Aufbrechen des symbiotischen Verhältnisses Herr und Knecht ist schwer zu halten. Aber gerade darin liegt die eigentliche Fallhöhe des Stücks, die aus dem Schenkelklopfen erst ein wissendes Lachen des sich Erkennenden macht, auf die Gefahr hin, dass es ihm im Halse stecken bleibt.

dresden_staatsschauspiel_puntila-1.jpg Foto: St. B.
Herr Puntila und sein Knecht Matti am Staatsschauspiel Dresden

Am Schauspiel Köln hat Herbert Fritsch bereits im Januar aus dem Puntila eine Slapstickkomödie und aberwitzig grellbunte Revue gemacht, wie man es schon aus seinen früheren Arbeiten her kennt. Leider setzten ihm hier erstmals auch die Erben Grenzen, die für Fritsch bis dato kein Thema waren. Die Puntila-Inszenierung von Stückekomprimierer Michael Thalheimer dagegen kommt schroff daher und mit stark reduzierter Komik aus. Thalheimer setzt ganz auf die Wucht seines Puntiladarstellers Norman Hacker. Ein Vieh von einem manisch Depressiven, der sich erst im Suff wirklich lebendig fühlt. Zum Nüchternwerden prasseln ganze Sturzbäche von Wasser immer wieder auf ihn nieder. Dagegen steht der Matti von Andreas Döhler mitten im Leben und weiß genau, wie er die menschelnden Anwandlungen seines Herrn zu nehmen hat. Eine wüste, zornige Inszenierung, die auf jegliche naturalistische Landschaftselemente und Pathos verzichten kann. Die Inszenierung des Thalia Theaters in Hamburg von 2009 ist vom Deutschen Theater in Berlin unter Ulrich Khuon übernommen worden. Eine wirklich kluge Entscheidung. Regisseurin Barbara Bürg hat sich nun in ihrer Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden nicht wirklich für die eine oder andere Seite entscheiden können und laviert sich instinktiv sicher durch eine mit heutigen Bezügen leicht satirisch aufgepeppte Klamotte. Etwas Revueartiges hat die Inszenierung aber auch. Am Klavier sitzt den ganzen Abend der Musiker Sven Kaiser und spielt alles mögliche vom Schlager bis zu Paul Dessau. Der Chor der Puntila-Verlobten (Anna-Katharina Muck, Holger Hübner, Matthias Luckey und Ines Marie Westernströer) tritt als gemischte Doppel auf und gibt den Queenklassiker „Bohemian Rhapsody“ zum Besten.

Auch in Dresden steht und fällt die Inszenierung mit den Darstellern des ungleichen aneinandergeketteten Paars Puntila und Matti. Thorsten Ranft ist ein kleiner quirliger Springteufel, der ganz gut die zwei Seiten des Puntila verkörpert, dabei aber immer wieder etwas zu sehr ins sympathisch Slapstickhafte abdriftet. Dagegen ist Knecht Matti bei Ahmad Mesgarha eher zurückgenommen, und mit einem sonnigen Gemüt ausgestattet, erträgt er geduldig die Launen seines Herrn. Nicht ganz ohne den nötigen Witz, vermag er aber immer wieder die Verwirrungen, die Puntila im Suff stiftet, zu lösen. Für einige Zuschauer im Publikum wird der Gesindemarkt sogar zur großen Herausforderung, sucht sich doch Thorsten Ranft seine Waldarbeiter direkt aus den ersten Reihen des Parketts aus. Der rote Sukkala (Martin Schmitz) baut dann auch gleich mitten auf der Bühne sein Zelt auf, bis er von Matti wieder von der Bühne gezerrt wird, um dem ernüchterten Puntila nicht unter die Augen zu geraten. So reit sich eine Nummer an die nächste und sorgt für reichlich Belustigung im Publikum. Ernste Töne gibt es höchstens wenn die Schmuggleremma (Anna-Katharina Muck) ihre „Finnische Erzählung“ von der Mutter des eingesperrten Athi erzählt, die achtzig Kilometer zu ihrem Sohn ins Lager fährt, mit einem gebettelten Fisch und einem Pfund Butter, die dieser aus Stolz nicht annehmen will. Brechts Gesellschaftskritik wird ansonsten mit viel Ironie überspielt oder mit großen Werbetafeln ausplakatiert. Das Theater stellt sich hier genüsslich selbst als  Kommerzmaschine dar, als eine Genussware, für die man mit seinem  Eintrittsgeld auch bezahlt hat.

Foto: St. B. dresden_staatsschauspiel.jpg Staatsschauspiel Dresden

Als wahrer Glücksgriff erweist sich aber die Besetzung von Puntilas Tochter Eva mit der noch vom Maxim Gorki Theater Berlin bekannten Rosa Enskat. Sie gibt hier eine durchaus ebenbürtige Partnerin ab, die mit Matti nicht nur eine urkomische Saunaszene hat und ansonsten sich gut des aalglatten, waschlappigen Attachés (Benjamin Pauquet) zu erwähren weiß. Die Hochzeitsszene, in der der wieder besoffene Puntila den Attaché aus dem Haus wirft und seine Tochter lieber „einem Menschen“ verloben will, spielt vor einem kleinen Glitzervorhang als Sinnbild der gespielten Maskenhaftigkeit der Hochzeitsgäste. Der provozierte Eklat kann niemanden so richtig aus der Ruhe bringen. Die anschließende Examinierung Evas durch Matti lässt Barbara Bürk von Eva selbst sprechen, die bereits die Unmöglichkeit ihrer Beziehung zu Matti als reine Laune erkannt hat und doch nicht wahr haben will. Matti ist da eher prakmatisch und weiß sich beim Stubenmädchen Fina (Ines Marie Westernströer) zu trösten. Ahmad Mesgarhas Matti ist hier aber einfach einen Tick zu gutmütig angelegt. Er lässt den ganz großen Zorn des Hatelmabergbauens vermissen. Das findet nur noch in der reinen Imagination statt. Das Mobiliar bleibt beim letzten großen Besäufnis Puntilas ganz. Der Abgang Mattis erfolgt dann auch eher resignativ und der Herr Puntila tapert mit heruntergelassener Hose seinem Knecht hinterher. Da haben sich zwei gefunden, die noch lange nicht von einander lassen können. Alles in Allem ein ganz passabler, unterhaltsamer Abend, den Barbara Bürk da auf die Dresdener Bühne gestellt hat, der aber leider nicht so recht Stellung zur Alltagsfrage: „Wer wen?“ beziehen will.

„Das Theater darf nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums befriedigt, sondern danach, ob es sie zu ändern vermag.“ Bertolt Brecht aus „Über Politik auf dem Theater“

Termine Staatsschauspiel Dresden:

  • 21.04.2012, 19:30 Uhr – 21:15 Uhr
  • 25.04.2012, 19:30 Uhr – 21:15 Uhr
  • 15.05.2012, 19:30 Uhr – 21:30 Uhr
  • 22.05.2012, 19.30 Uhr – 21:30 Uhr
  • 27.05.2012, 19:00 Uhr – 21:00 Uhr

Termine Deutsches Theater Berlin:

  • 02.05.2012, 19.30 Uhr – 21.10 Uhr

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