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Arthur Millers „Hexenjagd“ und Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ – Fanatismus und Extremismus in zwei Inszenierungen am Staatstheater Cottbus

Mittwoch, Mai 31st, 2017

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Höllenfeuer und Verdammnis in Salem – Andreas Nathusius inszeniert Arthur Millers Hexenjagd  als Vernunft-Stück gegen fanatischen Glauben, Ideologien und politisch motivierte Verleumdungsszenarien

Nachdem das US-Justizministerium wegen der Russland-Affäre erst kürzlich einen Sonderermittler ernannte, twitterte US-Präsident Donald Trump in gewohnter Manier seinen Unmut darüber heraus. Es handele sich um „die größte Hexenjagd auf einen Politiker in der amerikanischen Geschichte“. Der Mann ist wahrlich ein Kuriosum in der US-amerikanischen Geschichte, mit der er es scheinbar aber auch nicht so genau nimmt. Der Untersuchungsausschuss des republikanischen Senators McCarthy, vor den man zwischen 1947 und 1956 Künstler, Politiker und andere Intellektuelle zitierte und ihnen kommunistische und antiamerikanische Umtriebe vorwarf, ist nach wie vor beispiellos als eine der größten politischen Hetzkampanien des Kalten Krieges. Antikommunistische Verschwörungstheorien und Schwarze Listen sorgten damals für eine Atmosphäre der Angst vor gegenseitiger Denunziation.

Der ebenfalls betroffene Dramatiker Arthur Miller hat 1953 als unmittelbaren Kommentar darauf das Stück Hexenjagd geschrieben, das immer noch hochaktuell ist. Gerade Verschwörungstheorien aller Art haben momentan Hochkonjunktur. Miller berief sich in seinem Stück auf einen historischen Fall aus dem Jahr 1692 in einer puritanischen Gemeinde in Neuengland. Bei den Hexenprozessen von Salem (Salem witch trials) wurden 150 Menschen wegen des Verdachts der Hexerei angeklagt, weitere 200 beschuldigt und letztendlich sogar 21 Verurteilte hingerichtet. Der Fall ist als eine der größten Hexenhysterien bekannt. Die Erklärungen dafür gehen selbst schon wieder in den Bereich der Verschwörungstheorien. Man kann aber davon ausgehen, dass schon länger schwärende Streitigkeiten in der Gemeinde eine der Ursachen waren.

Diesen Grund lässt auch Miller im Stück anklingen, wenn sich die Bauern untereinander des Landdiebstahls bezichtigen und schließlich Kinds- und Viehsterben auf Hexerei der Widersacher zurückegführt wird. Auslöser für den Hexenprozess war allerdings ein vom Gemeindepfarrer Parris entdeckter nächtlicher Tanz mehrerer Mädchen im Wald. Aus Angst vor der Strafe der puritanischen Gemeinde, in der Tanzen als anzüglich streng verboten war, beginnen die Mädchen sich krank zu stellen und nach der Herbeirufung des mit den Riten der Hexerei bewanderten Reverend John Hale wahllos Gemeindemitglieder zu beschuldigen, sie verhext zu haben. Anführerin der Gruppe ist die Nichte und Ziehtochter von Reverend Parris, Abigail Williams, die ein heimliches Verhältnis mit ihrem Dienstherren John Proctor hatte, woraufhin sie von dessen Frau Elisabeth entlassen wurde und nun eine Möglichkeit zur Rache sieht.

Dass eine Schar pubertierender Mädchen eine ganze Gemeinde in die religiöse Hysterie treibt, ist für heutige Verhältnisse schwer zu begreifen. Das Stück wird vermutlich daher eher selten aufgeführt, ist es doch von Miller auch sehr didaktisch angelegt und relativ schwer zu modernisieren. Verlegt man sich nun auf religiösen Wahn oder institutionelle Machtwahrung, führt man ein Liebes- und Eifersuchtsdrama auf, oder spielt man es einfach stumpf vom Blatt, es bleiben immer ein paar ungeklärte Fragen. Besonders die jungen Frauen kommen hier nicht besonders gut weg, allen voran Abigail, die von John Proctor, um seine Frau vor dem Galgen zu retten, schließlich als Hure und Lügnerin bloßgestellt wird und dadurch nur noch mehr in ihren Eifersuchts- und Rachewahn verfällt. Proctor, am Staatstheater Cottbus dargestellt von Gunnar Golkowski, ist hier vor allem der standhafte Mann im weißen Hemd, der sich seiner Gefühle zwar nicht ganz klar ist, letztendlich aber standhaft Wahrheit und eigene Würde verteidigt und dafür selbst an den Galgen geht.

Die Mädchen sind bei Maja Lehrer als Mercy Lewis, Lucie Thiede als Betty Parris, Ariadne Pabst als Mary Warren und schließlich Lisa Schützenberger als Abigail ganz in schwarz gekleidete, verführbare und selbst verführende Wesen, die ihren Platz in der bigotten Erwachsenenwelt noch suchen, sich dabei aneinander klammern und eine eigene Allianz des Schutzes bilden. Ihnen ist im Prinzip nichts vorzuwerfen. Gegen die erwachende Sexualität der jungen Frauen, die in den Szenenübergängen immer wieder in Mikros stöhnend und chorisch Kirchenlieder singend in einem Bühnenbild aus geschlitzten Holzpaneelwänden wandeln, steht die Macht der Erwachsenen, denen wie dem feigen Reverend Parris (Thomas Harms) aus Angst selbst angeklagt zu werden, oder dem reichen Thomas Putnam (Oliver Seidel) und seiner Frau Ann (Susann Thiede), um Widersacher aus dem Weg zu räumen, die gespielten Wahnvorstellungen der Mädchen ganz recht kommen. Oder die wie Ezekiel Cheever (Henning Strübbe) einfach nur opportunistisch mitlaufen. Dazu gesellt sich das starre Beharren auf einmal gefassten Beschlüssen des stellvertretenden Gouverneurs und Richters Danforth (Dirk Witthuhn), um die eigene Autorität zu waren.

Die Zeichnung der Charaktere muss hier nicht überspitzt oder krampfhaft ins Heute gezogen werden, sie ist auch so klar erkennbar. Standhaft streitbar und mit ehrlichem Gottvertrauen sind die Angeklagten Giles Corey (Michael Becker) und Rebecca Nurse (Heidrun Bartholomäus) ausgestattetet. Das Vernunftzentrum versucht Regisseur Andreas Nathusius um John Proctor und dessen Frau Elisabeth (Sigrun Fischer) aufzubauen, die sich beide vergeblich gegen die anhaltende Selbsthysterisierung der Gemeinde zur Wehr setzen. Etwas hilflos zwischen den Parteien hangelt der bibelfeste John Hale (Alexander Höchst), dessen zunehmende Zweifel am Gericht ihn auch nicht zu einer klaren Haltung dagegen bewegen können.

Andreas Nathusius, der zum ersten Mal in Cottbus Regie führt, ist mit seiner zwar recht konventionellen Inszenierung aber dennoch ein recht eindrucksvoller Ensembleabend geglückt. Ein Stück der Stunde gegen fanatischen Glauben, Ideologien und politisch motivierte Verleumdungsszenarien.

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HEXENJAGD (Staatstheater Cottbus, 20. Mai 2017)
Schauspiel von Arthur Miller Deutsch von Hannelene Limpach und Dietrich Hilsdorf Mitarbeit: Alexander F. Hoffmann
Regie: Andreas Nathusius
Bühne und Kostüme: Annette Breuer
Musik: Felix Huber
Video: Konrad Kästner
Dramaturgie: Sophia Lungwitz
Regieassistenz: Jens Dierkes
Besetzung:
Reverend Parris: Thomas Harms
Betty Parris: Lucie Thiede
Abigail Williams: Lisa Schützenberger
Mrs. Ann Putnam: Susann Thiede
Thomas Putnam: Oliver Seidel
Mercy Lewis: Maja Lehrer
Mary Warren: Ariadne Pabst
John Proctor: Gunnar Golkowski
Rebecca Nurse: Heidrun Bartholomäus
Giles Corey: Michael Becker
Reverend John Hale: Alexander Höchst
Elisabeth Proctor: Sigrun Fischer
Francis Nurse: Rolf-Jürgen Gebert
Ezekiel Cheever, Gerichts-Beisitzender: Henning Strübbe
Danforth, stellv. Gouverneur: Dirk Witthuhn
Marshall Herrick: Statist
Die Premiere war am 20. Mai 2017 im Staatstheater Cottbus
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, eine Pause
Termine: 28., / 17., 27.06.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 23.05.2017 auf Kultura-Extra.

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„Und natürlich kann geschossen werden.“ – Moritz Peters stellt Kleists Michael Kohlhaas als Scherenschnittspiel zwischen Medien- und Terrordrama auf die Cottbuser Kammerbühne

In Zeiten von zunehmender Radikalisierung fanatischer Gotteskrieger, selbsternannten Bewahrern der Werte des Abendlandes oder auch Zweifeln an staatlicher Gewalt und sozialer Ungleichheit wird immer wieder die Frage von Recht und Gerechtigkeit laut, ob man für das Erreichen seiner Ziele das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen und gar zur Selbstjustiz greifen sollte. Die Privatfehde des Rosshändlers Michael Kohlhaas mit dem Junker Wenzel von Tronka um einen zu Unrecht verlangten Passierschein und zwei zu Schanden gekommene Rösser aus Kohlhaas Besitz ist bekannt und steht nicht zum ersten Mal als Beispiel für eine Radikalisierung auf der Theaterbühne (z.B. im TuD und Gorki Theater). Heinrich von Kleist hat sie 1808 in seiner Novelle Michael Kohlhaas niedergeschrieben. Aber wer war dieser Mann? Für Kleist war er „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, der „bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können.“ Durch eine korrupte Adelsclique im Glauben an sein Recht erschüttert, griff Kohlhaas zum Schwert und kam schließlich, nachdem er blutig sein Recht selbst erstreiten wollte, durch selbiges um.

Kleist lässt seinen zunächst noch recht braven Rosskamm aus der Zeit der Reformation „Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!“ rufen. Regisseur Moritz Peters bringt Kleists Novelle zu Beginn als ebenso braven und sachlichen Lichtbildervortrag auf die Cottbuser Kammerbühne. Pferde, Menschen, Städte und Burgen werden als Schattenrisse auf einen Overheadprojektor gelegt. Ebenso erscheinen Ausschnitte aus dem Originaltext auf der Projektionsfläche an der Bühnenrückwand. Kristin Muthwill, Michael von Bennigsen und Mathias Kopetzki schlüpfen wechselnd in die Rolle des Erzählers oder der handelnden Personen. Sie tragen dabei mausgraue Gefangenenkleidung. Lediglich etwas Lippenstift oder weiße Schminke benutzen die drei, wenn z.B. Kristin Muthwill Kohlhaas‘ Frau Elisabeth darstellt, oder sich die drei etwas später, wenn Kohlhaas‘ sämtliche Bittschriften an die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg abgelehnt wurden, als eine Art Terrorzelle der Rote Armee Fraktion zu radikalisieren beginnen.

Als Spielfeld hat Lisa Marie Wehrle einen Parcours aus aneinandergereihten roten Holzquadern gebaut, auf denen man wie auf Wegen entlanglaufen, sie auseinanderreißen oder zu Podesten neu zusammenbauen kann. Das lässt das zunächst recht statische Erzählspiel im Lauf der Handlung immer dynamischer werden. Dazu kommt nun der Einsatz einer Livekamera, vor der sich die drei wie bei einem Bekennervideo mit dem Kohlhaas’schen Mandat und Ultimatum an den Staat wenden. Dazu hören wir aus Ulrike Meinhofs 1970 auf Tonband gesprochenem politisches Pamphlet das berühmte Zitat: „…und natürlich kann geschossen werden.“ Zur Musik der Pixies Where Is My Mind entspinnt sich nun sogar eine Art Medienkrieg mit Livesendungen des Fernsehsenders K1 „Politik am Morgen“ und „Talk in Dresden“. Ein Scherenschnittmob fordert Freiheit für Kohlhaas auf Plakaten. Und auch Kohlhaas´ Mitstreiter Nagelschmidt bekommt seine Auftritte mit ultimativen Forderungen.

Etwas anachronistisch wirken da die Auftritte des wetternden Luther und der beiden Kurfürsten im schwarzen, innen rotgefütterten Mantel. Selbst die magische Kapsel mit der Zigeuner-Prophezeiung um den Namen des letzten sächsischen Kurfürsten spielt noch ihre Rolle. Das ist meistenteils gut und engagiert gespielt. Der Abend kommt aber dennoch nicht über ein bloßes Bebildern der Kleistnovelle mit einer halbherzigen Aktualisierung hin zu Medienkritik und Terrordrama hinaus. Aktuelle Fragen um Staatsgewalt, Terror, Recht und Gerechtigkeit muss sich natürlich jeder selbst stellen.

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MICHAEL KOHLHAAS (Kammerbühne, 26.05.2017)
Von Heinrich von Kleist
Fassung von Moritz Peters
Regie: Moritz Peters
Bühne und Kostüme: Lisa Marie Wehrle
Dramaturgie: Bettina Jantzen
Mit: Kristin Muthwill, Michael von Bennigsen und Mathias Kopetzki
Premiere am Staatstheater Cottbus: 26. Mai 2017
Weitere Termine: 15., 24.06.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 27.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Bedrohter Mittelstand, Wutbürger und kulturpolitisches Faustrecht in der deutschen Theaterprovinz – „Ich habe Bryan Adams geschreddert“ am Staatstheater Cottbus und „Götz von Berlichingen“ am Anhaltischen Theater Dessau

Freitag, April 17th, 2015

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Ich habe Bryan Adams geschreddert – Am Staatstheater Cottbus inszeniert Schauspieldirektor Mario Holetzeck die zynische Mittelstandskomödie von Oliver Bukowski.

„Deutschland – Wunder und Wunden“ heißt das aktuelle Spielzeitmotto am Staatstheater Cottbus. Passend dazu hat Schauspieldirektor Mario Holetzeck das 2014 in Göttingen uraufgeführte Stück Ich habe Bryan Adams geschreddert des in Cottbus geborenen Dramatikers Oliver Bukowski inszeniert. Der stellvertretende Chef der Belegschaft eines mittelständigen Sanitär-Keramik-Unternehmens veranstaltet eine Motto-Party, bei der er teambildendes Krisenmanagement betreiben will. Auslöser ist die Entlassung des Mitarbeiters Christopher, dessen angekündigte Teilnahme an der Festivität alle in helle Panik zu versetzen scheint. Im Laufe des Abends beginnt dann unter dem Einfluss der Wahrheitsdroge Alkohol die Fassade der heilen Reihenhauswelt zu bröckeln, und die Sommersonnenwendfeier im Kleingartenidyll wird zum allgemeinen Wendepunkt für die innerlich angstzerfressene Partygesellschaft. Das Wunder eines beschworenen Teamgeists erweist sich als hartes und opferreiches Überlebenstraining, das so manche seelische und körperliche Wunde schlägt. Eine Art Tanz auf glühenden Grillkohlen beginnt.

ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT  © Marlies Kross

ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT
Foto © Marlies Kross

Dazu hat Gundula Martin eine spießige Partyhölle auf Kunstrasen mit Liegestühlen, Elektrogrill, Mini-Pool und einer Gartenschmalspurbahn gebaut. An der machen sich Schmalspurchef Frank (Amadeus Gollner) und Management-Kollege Patrick (Kai Börner) als fachsimpelnde große Jungs zu schaffen, während ihre Frauen Bowle, Schnapsflaschen, Grillgut und Frühlingssalate heranschleppen. Gastgeberin Tanja (Susann Thiede) und Simone (Kristin Muthwill) scheinen sich mit ihrem Schicksal in der zweiten Reihe abgefunden zu haben. Simones tägliche Motivation ist der Griff zur Flasche, was ihr bereits deutlich anzumerken ist und einige Spitzen seitens Ehemann Patrick einträgt. Der aalglatte Schleimer hegt selbst versteckte Ambitionen auf einen Chefposten. Simone bezeichnet ihn dann irgendwann auch als karrieregeile Ratte. Das Ziel der Lästereien wechselt kurzzeitig als Sachbearbeiterin Paula (Johanna-Julia Spitzer) mit ihrem neuen Freund Sascha (Thomas Harms) eintrifft. Der Mann aus der Luftfahrt im blauen Zweireiher mit Sonnenbrille entpuppt sich schnell als zum Bodenpersonal gehöriger Fluglotse, dem die einfache Buchhalterin selbst etwas von einer Deputy Key Account Managerin vorgegaukelt hat.

Der ausgebootete Christopher schwebt metaphorisch, wie sich Simone ausdrückt, über dem Abend, was Personalchef und Gastgeber Frank zur Rechtfertigung für das Gesundschrumpfen der Firma – er nennt es auch Ballast abwerfen – nötigt. Es herrscht eine spürbare Verspanntheit, die Frank mit ein paar Gesellschaftsspielen aufzulockern versucht, was hier immer wieder für Peinlichkeiten sorgt und jede Menge Anlass zu Slapstick-Nummern bietet. Als weiteren Katalysator für aufgestaute Aggressionen fungiert Franks 18jähriger Sohn Jannik (erstaunlich vielseitig Johannes Kienast), der das zwanghaft fröhliche Feierkollektiv mit dem Handy filmt, die verzweifelten Gebaren der Partygäste mit zynischer Verachtung und coolen Sprüchen kommentiert und schließlich mittels selbsterdachter schräger Performance und später noch in Mutters kleinem Schwarzen provoziert.

Nach dem Austausch vieler hinreichend bekannter Klischees und mehrere Drinks später beginnen alle schließlich mit einer quälender Selbstreflektion, die weder vor der eigenen noch der Demütigung anderer Halt macht. Autor Bukowski lässt die Kollegen immer wieder neue Allianzen bilden, Fronten aufmachen und Gräben ziehen. Die das Jetset kopierenden Helden des Mittelstands gerieren sich als Highperformer in eigener Sache. Körperliches und verbales Muskelspiel als Ausdruck einer typischen Form der Selbstoptimierung für das Bestehen im täglichen Konkurrenzkampf. Frank schwört dabei auf Morgengymnastik zu Bryan Adams „Summer of 69“. Yoga für das bessere Verbiegen im Job, wie es Tanja nennt. Sie ist es dann auch, die die Bryan-Adams-CD ihres Mannes im Gartenhecksler genüsslich zerschreddert. Den anderen Männern ergeht es nicht viel besser, bis der „Chor der Klageweiber“ sich auch gegenseitig zerfleischt. „Ich bin wenigstens noch Mutter, wenn alles den Bach runtergeht. Was seit ihr?“ hält Tanja den anderen beiden Frauen vor, die ihren Kinderwunsch der Karriere geopfert haben. Tanjas eigene Leibesfrucht macht es ihr allerdings nicht gerade einfach, den kurzzeitigen Triumpf zu genießen.

ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT -  © Marlies Kross

ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT – Foto © Marlies Kross

Jannik gibt einen Kurzeinblick in seinen bevorstehenden Werdegang von der Wohlstandsverwahrlosung über die persönliche Bedeutungslosigkeit bis ins soziale Prekariat. Den Alten prophezeit Jannik noch das große Sauriersterben. „Erst das Industrieproletariat, jetzt ihr, der Mittelbau.“ Die alkoholschwangeren Protest- und Rocker-Attitüden der bedrohten Mittelständler à la „Wehrt euch!“ entlarven sich allerdings recht schnell selbst. „Es gibt keine reelle Gegenwehr, solange einer immer besser sein will als die anderen.“ An diesem Abend frönt aber alles noch mal dem Partywahn und lässt den jugendlichen Störenfried einfach abtreten. „Du kannst nach Hause gehen.“ skandiert der drittklassige Cottbuser Fußballchor, bevor schließlich alle Hüllen und Hemmungen fallen. Die so heiß entflammte Selbstüberschätzung wird schließlich kalt mit dem Gartenschlauch abgespritzt. Der Ernüchterung folgen trockene Handtücher, Brandsalbe und schon wieder neue Pläne für die Zeit nach dem Ausstieg aus dem Job. „What a wonderful world this would be.“

Bukowski lässt in seiner schwarzen Komödie die Betroffenen selbst über ihre Ängste und den „blinden Fleck“ ihres Berufslebens sprechen. Ein Hamsterrad aus Leiharbeit, Sonderschichten, drohenden Versetzungen und letztlich dem Rauswurf, wenn man nicht mehr funktioniert. Vom großen Durchstarter zur finalen Bruchlandung. Der Mittelstand befindet sich in einem ständigen sozialen Jetlag. Mario Holetzeck macht daraus in Cottbus eine rundum spaßige Volldröhnung mit viel Rock und Pop aus der Konserve. Das Beste der 70er, 80er und 90er. Die gezeigte Wut und Depression des um seine Errungenschaften fürchtenden Bürgertums, das man ja auch unter den Zuschauern vermuten könnte, lässt einen aber kaum mal wirklich das Lachen im Hals gefrieren. Das Potential dieser durchaus bissigen Satire verpufft so ein wenig zu gut gelaunt.

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Ich habe Bryan Adams geschreddert
Schauspiel von Oliver Bukowski
Regie: Mario Holetzeck
Bühne und Kostüme: Gundula Martin
Dramaturgie: Sophia Lungwitz
Regieassistenz: Matthias Grätz
Besetzung:
Frank Peukert, Chef einer mittelständischen Sanitärkeramikfirma: Amadeus Gollner
Tanja Peukert, seine Frau: Susann Thiede
Jannik, ihr Sohn Johannes Kienast
Simone Lange, angestellt bei Peukerts: Kristin Muthwill
Patrick Lange, ihr Mann, ebenfalls angestellt: Kai Börner
Paula Röder, Sachbearbeiterin bei Peukerts: Johanna-Julia Spitzer
Sascha, Paulas Freund, Fluglotse: Thomas Harms

Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Premiere am Staatstheater Cottbus: 11.04.2015
Termine: 15.04., 30.04. und 07.06.2015

Infos: http://www.staatstheater-cottbus.de/programm/schauspiel/artikel_ich-habe-bryan-adams-geschreddert.html

Zuerst erschienen am 13.04.2015 auf Kultura-Extra.

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Götz von Berlichingen – Ein deutsches Lied von der Freiheit – Intendant André Bücker verabschiedet sich vom Anhaltischen Theater Dessau mit einer fulminanten Inszenierung des Sturm-und-Drang-Klassikers von Johann Wolfgang von Goethe

Götz_Anhaltisches Theater Dessau_April 2015

Das Anhaltische Theater Dessau – Foto: St. B.

Freiheit gibt es nur im Jenseits, die Welt aber ist ein Gefängnis. Das ist die resignierte Einsicht des Götz von Berlichingen am Ende des gleichnamigen Sturm-und-Drang-Dramas von Johann Wolfgang von Goethe. Titelheld Götz, den man eigentlich mit einem wesentlich kämpferischen Spruch in Verbindung bringt, liegt hier aber bereits zerstört am Boden. Der Mann des Faustrechts „mit der eisernen Hand“ muss sich der staatlichen Gewalt des Kaisers und seiner Gerichte nach langem Kampf beugen. Und gekämpft wird viel in André Bückers fast vier Stunden dauernder Inszenierung, mit der sich der Intendant nach sechs Jahren vom Anhaltinischen Theater Dessau verabschiedet. Auch Bücker hat es die Landespolitik nicht leicht gemacht. Er hat den zuständigen  Machthabern getrotzt und gegen beschlossene Etatkürzungen und drohende Spartenschließungen protestiert. Schließlich hat die Stadt in  vorauseilendem Gehorsam  gegenüber Stephan Dorgerloh (seines Zeichens Kulturminister  des Landes Sachsen-Anhalt) dem unbotmäßigen Intendanten den Vertrag nicht verlängert. Wenn man an die momentanen Vorgänge um die Entlassung von Sewan Latchinian in Rostock  oder die Querelen um Claus Peymann und Frank Castorf in Berlin denkt – ein weiterer Beweis, wie verbissen  mittlerweile der Kampf um die  Kulturhoheit in deutschen Landen geführt wird.

Götz_Dessau_Vor dem Theater_André Bücker

Intendant André Bücker auf dem Theatervorplatz in Dessau
Foto: St. B.

Nun, so könnte man meinen, schlägt der geschasste Intendant Bücker noch mal zurück und streckt den selbstherrlichen Landesvätern die gereckte Faust entgegen. Doch geht es dem Trotz zum Trotze in seiner Inszenierung des Götz noch um so einiges mehr. Und nicht etwa einfach nur mal eben um ein Glas Sekt oder Selters. Hier geht’s tatsächlich um nichts weniger als knallharte Überzeugungen. Dazu trinkt der ehrliche, streitlustige Mann sein Bier, was hier schon zu Anfang in rauen Mengen aus Blechdosen strömt, während die saturierten Würdenträger am Bamberger Bischoffs-Hof Sekt aus der Flasche schlürfen. Bückers Sicht auf die Freiheit des kleinen Mannes und die feige Staatsmacht, die, um das aufmüpfige Rittergeschlecht zur Raison zu bringen, intrigiert und nach Gutdünken Gesetze erlässt, ist dann aber gottlob doch nicht ganz so vereinfachend. Der Regisseur setzt Goethes Skepsis gegen Recht und Staatsgewalt sowie seine Sympathie für den unbeugsamen Ritter Götz eine ganze Reihe bekannter Stimmen aus der deutschen Zeitgeschichte entgegen. Goethes Stück-Fassung von 1773 hat Bücker u.a. Texte von Friedrich Hölderlin, Georg Büchner, Rosa Luxemburg, Bertolt Brecht, Gudrun Ensslin oder der russischen Punk-Band Pussy Riot untergemischt.

Foto: St. B.

Gerald Fiedler auf dem Dach – Foto: St. B.

Diese Fremdtexte, die hier meist direkt aus den Szenen heraus den handelnden Personen in den Mund gelegt werden, sollen den Zuschauer natürlich auch verwirren und im besten Falle zum Nachdenken anregen. Bereits vor dem Beginn der Aufführung findet auf dem Theatervorplatz ein kleines Vorspiel mit historischen Figuren statt, die quer aus verschiedenstem Freiheits- und Unterdrückungsvokabular vortragen. So spricht etwa Gerald Fiedler hoch vom Dach des trutzigen Dessauer Theaterbaus als Politiker im breitesten anhaltinischen Dialekt Worte des Königs Kreon aus SophoklesAntigone. Rosa Luxemburgs berühmte und gern zitierte Feststellung von der Freiheit der Andersdenkenden aus den Breslauer Gefängnismanuskripten und „Die zwölf Artikel“ des deutschen Bauernkrieges sind zu hören, wie auch der Reformator Martin Luther, der gegen die aufständischen Bauern in Thüringen unter Thomas Müntzer wettert. Eine regionale Parallele zu den Kämpfen im Fränkischen, bei denen die umherziehenden Bauernhaufen Götz für kurze Zeit als Hauptmann gewinnen konnten. Was natürlich auch Goethes Drama und Bückers Inszenierung auf der Dessauer Bühne thematisieren.

Götz (Felix Defèr) ist der scheinbar Gesetzlose mit Rockermanieren und einem ausgeprägtem Sinn für Gerechtigkeit. Außen raue Schale, im Inneren ein guter Kern. Die ehrenhaften Fehderitter waren aber damals schon eine aussterbende Spezies. Bücker inszeniert seinen Ritter dann auch als anachronistisches Urvehikel, aber nicht von der traurigen Art, sondern als Westerner im langen Ledermantel. Quentin Tarantinos Django Unchained lässt grüßen. Der Kaiser (Stephan Korves), den Götz neben Gott als einzige Instanz gelten lässt, ist hier selbst ein abgetakelter, fränkisch parlierender Ritter, der einen Sarg hinter sich her zieht. Maximilian I. hatte tatsächlich auf Reisen sein letztes Möbel immer dabei.

Felix Defèr als Goetz von Berlichingen - Foto © Claudia Heysel

Felix Defèr als Goetz von BerlichingenFoto © Claudia Heysel

Nach der Pause, in der man aufgefordert war, neben dem Essen einer Wurst auch mal über seine Freiheit nachzudenken, steht Götz-Darsteller Defèr mit seinem Schwert an der Rampe und redet sich frei von der Leber weg regelrecht in Rage. Über die Ruhelosigkeit unserer Gesellschaft, Doktortiteln von Politikern und platzenden Spekulationsblasen kommt er schließlich zum Zorn als Gestaltungsmittel der Gesellschaft (Thomas von Aquin) und den Ausführungen des Historikers und Juristen Justus Möser, der 1770 das alte Faustrecht gegenüber der absolutistischen Fürstenherrschaft glorifizierte. Auch eine Inspiration Goethes für seinen Götz. Der Wutbürger in Aktion gegen eine nach Gutdünken regierende Obrigkeit. Hier funktioniert die Interaktion mit dem Publikum ganz unmittelbar. Dass man mit solchen Parolen heute schnell auch am Pegida-Stammtisch landen kann, dürfte fast jedem im Saal klar sein. Defèrs Monolog stellt eine Art Knackpunkt in Bückers Inszenierung dar, genau wie die Entscheidung Götz‘ Frau Elisabeth (Ines Schiller) als Gudrun Ensslin auftreten zu lassen. „Entweder Schwein oder Mensch … Entweder Problem oder Lösung. Dazwischen gibt es nichts.“ Die Proklamation der RAF für den „Kampf bis zum Tod“.

Goetz von Berlichingen - Foto © Claudia Heysel

Goetz von Berlichingen
Foto © Claudia Heysel

Gespielt wird dann auch mit vollem Einsatz. Intendant Bücker bietet noch mal sein ganzes Ensemble auf. Neben den zuvor genannten sind das vor allem Mario Klischies (Georg), Gerald Fiedler (Lerse), Dirk Greis (von Selbitz) und Patrick Wudtke (von Sickingen) als Götz‘ Getreue sowie in vielen weiteren Rollen. Die Gegenseite ist u.a. durch Illi Oehlmann als verführerische Adelheid von Walldorf vertreten, der erst Goetz‘ Freund Weislingen (Sebastian Müller-Stahl) erliegt, bevor sie noch dessen Burschen Franz (Patrick Rupar) betört. Beim großen Sterben ist dann viel von Engeln die Rede. Adelheid stirbt zu Rilkes Ein jeder Engel ist schrecklich, und dem vergifteten Weislingen erscheint seine einstige Liebe und Götz‘ Schwester Maria (Katja Siedler) als Heiner Müllers Engel der Verzweiflung. Dazu darf es mit Rammsteins „Engel“ auch noch mal ordentlich pathetisch werden.

André Bücker hat seinen Abend nicht von ungefähr im Untertitel auch „Ein deutsches Lied von der Freiheit“ genannt. Der Dessauer Opernchor intoniert meist vom Rang herunter entsprechendes deutsches Liedgut wie Schenkendorfs „Freiheit die ich meine“ aus den Napoleonischen Befreiungskriegen, Freiligraths „Trotz alledem!“ aus dem Vormärz oder „Steh auf, wenn du am Boden bist“ von den Toten Hosen. Es erschallt der kleine Trompeter, und die Haufen formieren sich auf der Bühne unter den verschiedensten Fahnen. Der Hinweis auf die Freiheit als Ideologie liegt nahe. Die Geschichte des Reichsritters Götz von Berlichingen, der seine persönliche Freiheit durch die Fürsten und seinen Widersacher den Bischoff von Bamberg eingeschränkt sieht, ist hier eingebettet in eine übergreifende, zwingende Frage nach der allgemeinen Freiheit des Menschen. Politischer und fordernder war Theater schon lange nicht mehr.

Vorspiel auf dem Theatervorplatz in Dessau
Deutsche Theaterhelden auf dem Weg zum Arbeitsplatz.
Fotos: St. Bock

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Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand
von Johann Wolfgang von Goethe
als Ein deutsches Lied von der Freiheit am Anhaltischen Theater Dessau (12.04.2015)

Premiere war am 20.03.2015

Regie: André Bücker, Kampfchoreografie: Klaus Figge, Kostüme: Jessica Rohm, Musikalische Leitung: Helmut Sonne, Chorarrangements: Andres Reukauf, Dramaturgie: Andreas Hillger.
Mit: Felix Defèr, Mario Klischies, Ines Schiller, Katja Sieder, Gerald Fiedler, Illi Oehlmann, Stephan Korves, Dirk Greis, Sebastian Müller-Stahl, Patrick Rupar, Patrick Wudtke, Jan-Pieter Fuhr, David Ortmann, Boris Malré, Silvio Wiesner, Christel Ortmann, Constantin Ruhland / Neele Wagner, Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie, Opernchor des Anhaltischen Theaters.

Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Termine: 03.05., 29.05. und 20.06.2015

Infos: www.anhaltisches-theater.de

Zuerst erschienen am 15.04.2015 auf Kultura-Extra.

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Blut ist dicker als Wasser – „FamilienBande!“ Ein Spielzeit-Spektakel am Staatstheater Cottbus.

Dienstag, Januar 31st, 2012

Blut ist zwar immer noch dicker als Wasser, aber die sogenannten Blutsbande, oder wie man den Leim, der die bürgerliche Familie zusammenhalten soll, nennen will, sind seit Bertolt Brechts „Kleinbürgerhochzeit“ nicht unbedingt verlässlicher geworden. Was uns die Familie in den heutigen schnellen und durch Wertewandel sowie Globalisierung geprägten Zeiten immer noch bedeutet und welchen Widrigkeiten und Verwerfungen sie ausgesetzt ist, das untersucht das Staatstheater Cottbus in dieser Spielzeit. Zum Themenschwerpunkt Familie veranstaltete es nun sogar ein großes Theaterspektakel mit insgesamt 5 Inszenierungen an einem Abend. Zwei Inszenierungen waren für alle im großen Haus zu sehen. Drei weitere standen im Mittelteil des Abends zur Wahl. Neben Brecht konnte man sich für die Autoren Theresia Walser, Neil LaBute, oder Oliver Bukowski entscheiden, die ebenfalls Stücke über die „FamilienBande!“ geschrieben haben.

„Die Kleinbürgerhochzeit“ von Bertolt Brecht in der Regie von Mario Holetzeck

Vor etwa 12 Jahren, zu Beginn der Peymann-Ära, inszenierte Philip Tiedemann Brechts Einakter „Die Kleinbürgerhochzeit“ am Berliner Ensemble. Es war der Beginn einer falsch verstandenen musealen Brechtverehrung und der Anfang vom Ende des Traditionshauses am Schiffbauerdamm. Durchaus bezeichnend, dass das derbe Volksstück über eine missglückte Spießbürgerhochzeit dort immer noch auf dem Spielplan steht und damit einem anderen Brechtstück in einer legendären Heiner-Müller-Inszenierung, nämlich dem „Arturo Ui“ mit Martin Wuttke in der Hauptrolle, Konkurrenz macht. Tiedemann mottete den alten Brechtvorhang mit der Picasso-Fiedenstaube wieder aus und mit dem Hans-Albers-Hit „La Paloma ade!“ sofort wieder ein. Mehr Brechtironie war dann leider nicht und die grell geschminkten BE-Darsteller wurschtelten sich brav durch den Brechttext und spielten Schenkelklopf-Klamotte. Auf die Idee, dass damit heute noch jemand gemeint sein könnte, kam man dabei aber nicht.

staatstheatercottbus_familienbande-2.JPG Foto: St. B.
FamilienBande! Das Staatstheater Cottbus feiert wieder ein Spektakulum.

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Wer bin ich und wenn ja wie viele? Jan Bosse und dreimal Amphitryon – Von der Gebrechlichkeit der Welt. Armin Petras und She She Pop experimentieren mit Kleists Novellen – Eine Nachbetrachtung zum Kleistfestival im Maxim Gorki Theater. Teil 3

Sonntag, Dezember 4th, 2011

Kleists Kantkrise und die Tragikkomödie des „Aphitryon“

„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün ­ und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.“
Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, 22. März 1801

Die meisten Werke Heinrich von Kleists entstanden infolge der Verarbeitung seiner sogenannten Kantkrise. Kleist war nach dem Studium von Kants „Kritik der Urteilskraft“ in eine existentielle Krise gestürzt, die einerseits dadurch begründet war, dass nach Kant der Verstand, den Kleist so hoch schätzte, nicht in der Lage sei, die Wahrheit und somit die Welt zu erkennen und anderseits darin, dass alles Streben nach, „Liebe, Ruhm, Glück usw.“ sinnlos wird, „…wo alles unweigerlich mit dem Tode endigt!“ Kleists Fazit: „Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr.“ Dass er dennoch in den 10 ihm noch verbleibenden Jahren 8 Dramen, 8 Erzählungen sowie zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und theoretische Schriften verfasst hat, zeugt immerhin von einer unglaublichen Willens- und Schaffenskraft. Kleist konnte sich immer wieder entsprechend disziplinieren, wenn auch seine eigentlichen Lebensziele und Unternehmungen fast ausnahmslos scheiterten.

„Wirklich, es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles was ich unternehme, zugrunde geht, wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter den Füßen entzieht.“
Heinrich von Kleist an seine Schwägerin Marie von Kleist vom 17. Sept. 1811.

kleist_berlin_2011-5.JPG alter Kleist-Grabstein

Nach der schon besprochenen Tragödie „Die Familie Schroffenstein“ ist der „Amphitryon“ wohl das Stück, welches die Identitätskrise Kleists und seine Zweifel an der Erkennbarkeit der Wahrheit am besten ausdrückt. Das Lustspiel des französischen Komödiendichters Molière über den Gott Jupiter, der mit der Alkmene in Gestalt ihres Gemahls Amphitryon eine Liebesnacht verbringt und die Protagonisten damit in eine existentielle Glaubenskrise stürzt, hatte Kleist in der französischen Gefangenschaft zu seiner Version einer Tragikomödie inspiriert. Das Stück bekam einige gute Rezensionen, nur Goethe hatte wie immer etwas daran auszusetzen und wollte lieber Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ in Weimar aufführen. Goethe bekam das Manuskript von Kleists Verleger Adam Müller zugesandt, der in dessen Abwesenheit für das Stück trommelte, und analysierte das Lustspiel genau. Er schrieb am 14.07.1807 an F. W. Riemer: „Das Ende aber ist klatrig. Der wahre Amphitryon muß es sich gefallen lassen, dass Zeus diese Ehre angetan hat. Sonst ist die Situation der Alkmene peinlich und die des Amphitryon zuletzt grausam.“ Und an Adam Müller: „… es ist allenfalls nur ein wunderlich Symbol, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt.“ Für Goethe war das Stück, „jenes merkwürdige poetische Produkt“, nur als Einwickelpapier für Geld gut, dass er dem Verleger Frommann nach Jena schickte. Dort wurde das Exemplar aber, neben anderen Werken Kleists, zur Abendunterhaltung von Frommann selbst vorgetragen.

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Jung-Siegfried von nebenan, Martin Schüler bringt uns Wagners „Siegfried“ näher – Der 2. Tag der Ring-Tetralogie am Staatstheater Cottbus

Donnerstag, März 31st, 2011

Seit 2003 (Rheingold) entsteht am Staatstheater Cottbus Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ als semiszenisches Orchesterwerk. Intendant Martin Schüler hat nun nach der „Walküre“ (2008) den zweiten Tag der Tetralogie inszeniert. Mit dem „Siegfried“ war Wagner „…durch die Kraft meiner Sehnsucht auf den Urquell des ewig Reinmenschlichen gelangt…“. Durch seine naive, stürmische Natur ist der junge Held ein idealer Gegenpart zu den nach Macht strebenden und sich gegenseitig beneidenden Nibelungen, dem auf der Macht sitzenden Riesen Fafner und dem in seine Verträge und Gesetze verfangenen Gott und Realpolitiker Wotan. In Wagners Welten-Drama über Neid, Besitzgier und Machtstreben stellt „Siegfried“ mit seiner Erweckung der Walküre Brünnhilde die Seite der Liebe und damit der Erschaffung einer neuen Welt nach dem Untergang der alten dar.
Martin Schüler nimmt Wagner nun wörtlich und versucht uns die Figuren des Rings tatsächlich menschlich näher zu bringen. Dass das Staatstheater keine ideale Bühne für große Wagneropern darstellt, wird dabei nicht zum Manko sondern erweist sich als großes Glück. Das Philharmonische Orchester unter Generalmusikdirektor Evan Christ sitzt wie bereits des öfteren hinter einem Gaze-Vorhang auf der Bühne, davor agieren die Sänger, den Haupt-Szenen der drei Aufzüge gemäß, in einem sparsam von Gundula Martin eingerichteten Bühnenbild. Das lässt einen genauen Blick auf die Protagonisten zu und erleichtert die Verständlichkeit der durchweg guten Stimmen, drängt aber die Musik trotzdem nicht in den Hintergrund. Das hat kammerspielartigen Charakter aber semiszenisch wird es dennoch nie, die Handlung der Oper bleibt im Spiel der Darsteller klar erkennbar.
Der Erste Aufzug zeigt die Schmiede des Nibelungen Mime, der verzweifelt versucht des Schwert Notung zusammen zu schweißen. Uwe Eikötter mit Schweißerbrille hämmert auf dem Amboss in der Mitte der Bühne herum, köchelt erst Spagetti und dann seine Zaubertränke, ansonsten hat er mit dem ungestümen Siegfried zu tun, dargestellt vom Wiener Gasttenor Peter Svensson, der ihn mit Bärenfell erschreckt und an den Amboss bindet. Dieser Siegfried ist die Überraschung der Inszenierung, der blondgelockte Svensson in schwarzer Lederhose und Harnisch gibt ihn als kleines, hüpfendes Kraftpaket, ganz Jung-Siegfried in naiver Reinform. Schüler weckt hier die komödiantische Seite in Wagners Ring-Tragödie. Mime dagegen ist listig, verschlagen und weiß Siegfried für seine Zwecke einzusetzen. Der als Wanderer verkleidete Wotan (Bass-Bariton Nico Wouterse) in Mantel, Hut und Sonnenbrille und natürlich mit seinem Zeichen dem Vertragsspeer, treibt Mime zwar in die Enge und gibt ihm letztendlich doch die Lösung seiner Frage, dass nur einer der die Angst nicht kennt, das Schwert Notung wieder schmieden kann. Unter ordentlich Dampf tut Siegfried das dann auch und beide ziehen zur Neidhöhle des Wurms Fafner, dem versprochenen Abenteuer entgegen. „Notung! Notung! Neidliches Schwert!“ und der Ambos fällt unter dem Hieb Siegfrieds in zwei Stücke.
Im Zweiten Aufzug nach der ersten Pause befinden wir uns dann in einem mit Tannen angedeuteten Wald, der Bühnenhintergrund ist mit Stacheldraht abgezäunt. Hier geht Alberich (Bariton Andreas Jäpel) in Mantel und Schapka auf und ab, das Lager Fafners bewachend und auf den günstigen Augenblick wartend, den Ring wieder zu erlangen. Wotan zerschneidet den Draht und ruft den Wurm Fafner (Ingo Witzke), der aber sitzt müde auf einem Berg Goldbarren hinter dem Orchester. „Ich lieg‘ und besitz‘, laßt mich schlafen!“ Sein Bass ertönt verstärkt durch ein riesiges, offenes Megaphon. Alberich flieht und erst Siegfried vermag den trägen Wurm mit einem kräftigen Hornruf zu wecken. Svensson steht dabei neben Evan Christ und bläht die Backen, bevor er Fafner erlegt und auch der hinterlistige Mime dran glauben muss. Das Waldvögelein ist erst ein sanfter Flötenton und flattert an Fäden hängend über die Bühne, zwei weitere Exemplare sitze in den oberen Seitenlogen. Cornelia Zink, ganz in grün, springt dann mit ihrem hellen Sopran vor Siegfried her und lässt sich von ihm über die Bühne jagen. „So wird mir der Weg gewiesen: wohin du flatterst folg‘ ich dem Flug!“, mit dem Ring dem Brünnhildenfelsen entgegen.
Zu Beginn des Dritten Aufzugs ist die ganze Bühne mit weißem Tuch ausgeschlagen, unter dem einige Möbel zu erahnen sind. Es blitzt und donnert, Wotan erweckt die Göttin Erda (Marlene Lichtenberg, Mezzosopran) die auf einem Sofa ruht, beide in weiß gewandet singen vom Ende der Götterherrschaft. „Laß mich wieder hinab! Schlaf verschließe mein Wissen!“ Erda wird mit dem Tuch in die Tiefe unter der Bühne gezogen. Siegfries taucht nun auf und stellt Wotan. Dieser kann ihn nicht mehr aufhalten, nicht das Schwert zerspringt, sondern der Speer Wotans unter dem Schlag Siegfrieds. „Zieh hin! Ich kann dich nicht halten!“ Die Musik wallt nun auf und Siegfried stürzt davon zum Feuergürtel. Ein schönes Bild geben hier Statistinnen des Theaters, die unter dem Tuch lange Wellenbewegungen ausführen. Nachdem sie ebenfalls wieder im Untergrund verschwunden sind, gibt die Bühne nun den Blick auf schiefe Möbel und einen zerstörten Tresor frei. Die Walküre Brünnhilde (Sabine Paßow, Sopran) hat dort Schild und Harnisch verstaut und sitzt schlafend in einem Sessel. Nun entspinnt sich ihre Erweckung durch Siegfried, der erst unbeholfen immer wieder zurückschreckt, ehe er sie dann endlich wach küsst. „Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht! Heil dir, leuchtender Tag!“ Ein starkes Gesangsduo, das auch nach über 4 Stunden nichts an Kraft vermissen lässt.
Viel Beifall, Blumen und Bravi für die Solisten und das Orchester, aber auch einige Buhs für Martin Schüler, der mit seiner leicht ironischen Art wohl einige Wagnerpuristen vergrätzt hat. Er holt mit seiner Inszenierung Wagners Oper nicht zwanghaft ins Heute, sondern erzählt hier eher ein modernes Märchen für jedermann. Auch etwas unfreiwillige Komik vermag da den Gesamteindruck nicht zu schmälern. Für alle denen Schüler damit Wagner wieder näher gebracht hat, sei gesagt, dass sich 2013 zu Wagners 200. Geburtstag am Staatstheater „Der Ring“ schließt und die „Götterdämmerung“ heraufzieht. Man darf schon gespannt sein, wie sich Martin Schüler dann das brennende Walhall mit dem Untergang der Götter vorstellt.

Video aus rbb-Tipps

Der Theaterregisseur Christoph Schroth erhält das Bundesverdienstkreuz

Sonntag, Oktober 3rd, 2010

Wie die Lausitzer Rundschau vermeldete, wird dem Theaterregisseur und langjährigem Intendanten Christoph Schroth, u.a. von 1974 bis 1989 am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin und 1992 bis 2003 am Staatstheater Cottbus, das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Festakt findet heute im Staatstheater Cottbus statt.
Erst einmal Glückwunsch an Christoph Schroth, ein renommierter gesamtdeutscher Theaterpreis für ihn wäre mir zwar lieber, aber mit dem Bundesverdienstkreuz trifft es hier auf jeden Fall jemanden, der nicht erst nach der Wende deutsche Theatergeschichte mit geschrieben hat. Ein Zufall wollte es, das ich gerade heute erst in Cottbus war und von dieser Auszeichnung erfuhr. Konnte leider zur Feierstunde nicht dableiben. Mit Christoph Schroth verbinde ich immer noch einige meiner schönsten Theatererlebnisse.
Es trifft auf jeden Fall zu, was Sewan Latchinian sagt, das er den Theatern die er geleitet hat ein außerordentliches künstlerisches Profil und hohe gesellschaftliche Relevanz verliehen hat. Sein Faust 1 und 2 in Schwerin ist legendär. Er hat sicher mit seinem Schaffen Leute wie Castorf, Hartmann oder Latchinian als Intendanten erst möglich gemacht. Schauspieler wie Ulrike Krumbiegel und Veit Schubert haben sich in Schwerin ihre ersten Sporen verdient. Einige der Schweriner Truppe hat er nach der Wende mit ans Staatstheater Cottbus gebracht. Hier hatten auch unter ihm Anne Ratte-Polle als Effi Briest und Stephanie Schönfeld u.a. als Käthchen ihre ersten großen Erfolge. Unvergessen sind Schroths Zonenrandermutigungen in dieser Zeit, die zu einem Theatererlebnis für ein großes begeistertes Publikum wurden. Denn das war ihm vor allem wichtig, keine elitäre Selbstverwirklichung, sondern Arbeit mit dem Ensemble und die Heranführung breiter Schichten an das Theater. Sein Konzept eines Bürger-Theaters der sozialen Aktion ist mit Sicherheit aufgegangen. Davon zehrt auch heute noch sein Nachfolger Martin Schüler. Mit ihm kam eine große Zäsur für das Staatstheater mit Sparmaßnahmen und einer radikalen Verkleinerung des Sprechtheaterensembles, was leider auch zu einigen qualitativen Einbußen in dieser Sparte geführt hat. Trotzdem ist es immer wieder ein Erlebnis in Cottbus ins Theater zu gehen und die Begeisterung des Publikums zu spüren.
Sewan Latchinian führt das Konzept Schroths nun mit dem Glück-Auf-Fest an der Neuen Bühne in Senftenberg weiter, mit großem Zuspruch wie ich am Samstag selbst feststellen konnte. Auch dort inszeniert Christoph Schroth immer noch und eine seiner langjährigen Mitstreiterinnen Gisela Kahl wirkt dort und in Cottbus als Dramaturgin.
Zum Abschluss möchte ich noch Martin Linzer (langjähriger Theaterkritiker von TdZ und der LR) aus dem Artikel der Lausitzer Rundschau zitieren: „Will man ein paar Kriterien andeuten, die für Schroths Theater prägend sind, so könnte man sagen: Für ihn ist das Publikum immer wichtiger als das Feuilleton, das künstlerische Handwerk wichtiger als der ‚Einfall‘ (an Fantasie fehlt’s ihm trotzdem nicht), das Ensemble wichtiger als der Star . . .“ Dem ist nichts hinzu zu fügen.

www.staatstheater-cottbus.de