Archive for the ‘Stefan Pucher’ Category

Tri tra trullala – Zweimal poppige Revolutionrevue an Berliner Theatern

Mittwoch, November 30th, 2016

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NOT MY REVOLUTION, IF… im HAU1 – ancompany&Co. erzählen in einem ironischen Agit-Pop-Musical DIE GESCHICHTEN DER ANGIE O.

angie-o-_hau_notmyDie Welt steckt in der Krise. Sei es nun die Finanzkrise, Flüchtlingskrise oder die Krise der westlichen Demokratie mit Wahlsiegen rechter Populisten von der AfD bis hin zu Donald Trump. Immer wenn gerade mal wieder die ökonomische Krise des Kapitalismus wie das baldige Ende der Welt eingeläutet wird, erinnert sich das Theater seiner politischen Mission und haben Bertolt Brecht und Heiner Müller auf den Bühnen Hochkonjunktur. So zurzeit auch in Berlin. Und auch das Performancekollektiv andcompany&Co. hat sich schon ausführlich mit den beiden Säulenheiligen des politischen Theaters beschäftigt, ob nun als anthropophage Einverleibung mit Fatzer-Braz nach Bertolt Brecht oder als einen kybernetischen Müller in Metropolis. In ihrer neuen Inszenierung im HAU1 kommt man dagegen mal wieder ganz ohne dramatische Vorlage aus und singt, die Bühne zum revolutionären Protestcamp machend, das hehre Lied von der Geschichte der „Angie O.“.

Allerdings ist das ein ironisches Wortspiel mit der englischen Kurzform NGO für Non-Governmental Organisation (zu Deutsch: Nichtregierungsorganisation). In Not my Revolution, if…: Die Geschichten der Angie O. zelebrieren die beiden deutschen Performerinnen Nicola Nord und Claudia Splitt, unterstützt durch ihre beiden holländischen Kollegen Krisjan Schellingerhout und Vincent van der Valk, einen ganz unterhaltsamen, leicht kritisch angehauchten Agit-Pop-Abend. Zum Protestslogan „Merry crisis and a happy new fear“ intoniert das Ensemble im Stile der britischen Protestband Chumbawamba zu Gitarre, Fanfaren und Trommeln einiges an politischen Rock- und Rebel-Songs. Ein durchaus witziger Bühnen-Marsch durch einige Jahrzehnte Protestbewegung.

Als metaphorische Bühnenfigur dient dabei also besagte Angie O., die bestens vernetzt durch die Welt jettet, in einer Fair-Trade-Coffee-Shop-Kette arbeitet und ihr Zelt in Parks, auf Plätzen, vor Banken oder wie hier auf der Bühne aufschlägt. Sie ist überall da, wo es gilt Menschen zu helfen oder mal eben die Welt zu retten. „Es helfen Menschen, wo Menschen sind.“ Aber anstatt Menschen kommen meist Organisationen. Am schlimmsten sei dabei immer der Ausspruch: „Ich bin von der Regierung und bin gekommen, um zu helfen.“ andcompany&Co. beleuchten also das institutionalisierte Business der internationalen Hilfs- und Protestorganisationen, ob nun non-governmental oder nicht.

(c) Noah Fischer

(c) Noah Fischer

 

Der Abend taugt allerdings nur bedingt als ernstzunehmende Reflexion auf die Geschichte der Protestkultur, auch wenn man dabei im Stile traditioneller, amerikanischer Singer-Songwriter agiert, die Krise des Kapitalismus rappt, „The Man Who Sold the World“ singt oder zur Melodie des PJ-Harvey-Songs „The Weel“ über die Bühne marschiert. „It’s the song I hate“ sangen die Sonic Youth in den 1990ern. Und so changiert man beständig zwischen Pop und Parolen, Songs und Smoothies. Es gibt wenig Erleuchtendes, was ja meist auch nicht im Sinne der ausufernden Performances der andco’s ist.

So assoziieren sich die mit Schürzen und Namensschildern ausgerüsteten Zapatista-Baristas auf der Suche nach einem geeigneten, unabhängigen „Third Space“ durch das „Wood Wide Web“ der Rhizome bildenden Pilze. Eine Vision der Angie O., die nach dem Genuss von Magic Mushrooms erst die globale Vernetzung von Organisationen entdeckte. Oder man treibt mit einem Abraham-Lincoln-Penny als Kopf lustige Wortspiele mit Coffee und Money. Ja, die Investition ins Geschäft mit der Moral und Fair-Trade-Produkten kann sich auszahlen. Starbucks macht‘s vor, und Angie O. wäre damit auch nur die neoliberale Variante der Heiligen Johanna der Schlachthöfe, womit wir wieder bei Brecht wären. From save our sells to sells our souls. Selbst für free hugs muss jemand bezahlen.

Natürlich reflektiert man auch die eigene Rolle als Actor und politischer Akteur, was in einem Umfallerslapstick von Krisjan Schellingerhout mündet und dem Witz, dass Künstler zwar viel über Neoliberalismus reden, aber nicht mal ihre Steuererklärung verstehen. Neben ein wenig Medienkritik, wobei die Akteure ihr Gesichter in große ausgeschnittene Smartphonedisplayatrappen stecken oder wie die russischen Pussy Riot auftreten, wird auch noch anhand des großen pyramidenförmigen Zelts auf der Bühne, in dem Schaumstoffpupen an Stangen hängen, die Verteilung des weltweiten Reichtums erklärt. Oben stehen 10 %, die 86 % besitzen, unten 50 % mit nichts außer ihrer Arbeitskraft. Dazwischen wäre dann die sogenannte Mittelklasse mit 14 % des Reichtums anzusiedeln. Nicht nicht mitgerechnet die, die außerhalb des Zelts stehen und gar nicht mehr gebraucht werden.

Der Abend ufert dann endgültig in einem an eine schlechte Pollesch-Parodie erinnernden Streitgespräch auf einer Demo im Angesicht der die Staatsgewalt ausübenden Polizei aus. Theaternebel und Tränengas simulierende Tränenstifte stiften untergehakten Gemeinsinn. Die Protestgemeinschaft als hierarchisch organisierte Affinitätsgruppe, aus dem der Ausbruch nur eines Ichs die Lücke für den Zugriff schlägt. Aktion und Gegenaktion – wer A sagt, erwartet ein B, obwohl eigentlich schon A gilt oder nichts. Da erweist sich die kleine Gruppe der tapferen Bühnen-Aktivisten, die verzweifelt die schlaff am Boden liegenden Schaumstoffpuppen wiederbeleben und aufstellen will, ganz gemäß dem PJ-Harvey-Song als eine ewige „Community of Hope“.

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NOT MY REVOLUTION, IF…: DIE GESCHICHTEN DER ANGIE O. (HAU1, 25.11.2016)
Von und mit: Noah Fischer, Alexander Karschnia, Nicola Nord, Krisjan Schellingerhout, Claudia Splitt, Sascha Sulimma und Vincent van der Valk&Co.
Text: Alexander Karschnia & Co.
Musik: Sascha Sulimma und Vincent van der Valk&Co.
Bühne: Noah Fischer&Co.
Kostüme und Mitarbeit Bühne: Franziska Sauer&Co.
Licht Design: Rainer Casper
Ton: Mareike Trillhaas
Regieassistenz: Hilkje Kempka
Technische Leitung: Marc Zeuske
Premiere im HAU Hebbel am Ufer: 24. November 2016
Eine Produktion von andcompany&Co. in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer (Berlin), Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, FFT Düsseldorf, Ringlokschuppen Ruhr, Theater im Pumpenhaus Münster und brut Wien und House on Fire

Weiterer Termin siehe: http://www.andco.de/

Weitere Infos siehe auch: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Zuerst erschienen am 27.11.2016 auf Kultura-Extra.

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Marat/Sade am Deutschen Theater – Stefan Pucher veranstaltet mit dem Revolutionsspiel von Peter Weiss ein monströses Schaubudenspektakel

Marat/Sade am DT Berlin - (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

Im Deutschen Theater Berlin soll das Publikum laut Spielzeit-Motto „Keine Angst vor niemand“ haben. Dafür gibt man sich reichlich Mühe mit deutscher Dichtung angefangen bei Goethe über Brecht bis Peter Weiss. Zum hundertsten Geburtstag bringt dem deutschen Dramatiker, den man inhaltlich irgendwo zwischen Bertolt Brecht und Heiner Müller verorten kann, der Pop-Regisseur Stefan Pucher ein Revolutionsständchen mit dessen 1964 als Stück der Stunde am Berliner Schillertheater uraufgeführtem Drama in zwei Akten: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade, abgekürzt: Marat/Sade. Länger geht’s nur bei René Pollesch an der Volksbühne. Dringend zu kürzen ist hier nicht nur der Stücktitel, obwohl darin der ganzen Plot schon bestens erklärt ist, sondern auch der Text. Und auch da hat sich Stefan Pucher reichlich Mühe gegeben. 1 Stunde und 45 Minuten kurz ist die Inszenierung. Die Pause für Schwätzchen bei Brezeln und Bier wurde gestrichen.

Schwatzen darf hier nur, wer den entsprechenden Text dafür hat. Reichlich davon gibt es für Anita Vulesica, die als Irrenanstaltsdirektor Coulmer in die Handlung einführen und als Ausrufer zwischen den Szenen Moderation auf Revolution reimen darf. Ansonsten teilt der schlimme Finger Marquis de Sade, wie schon im Stücktitel erwähnt, die Sprechrollen zu. Felix Goeser gibt ihn recht herrisch als dominanten Regisseur, der bei Revolution eher an Kopulation denkt und sich beim Auspeitschen auch schon mal lustvoll ans Gemächt greift. Das ist nicht etwa Ekeltheater, sondern echter Weiss. Ansonsten brüllt Goeser seine Puppenschauspieler an oder die Souffleuse nach Text. Leider sind den Figuren hier nicht nur ein paar Texte abhandengekommen, sondern auch die Beine, die sie nun wie Kasperlepuppen als Stummel vor dem Bauch geschnallt tragen. Ähnliches hatte schon Philip Tiedemann in seiner Schiller-Inszenierung Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen am Berliner Ensemble gezeigt.

Und auch Tiedemann war es, der zum letzten Mal vor 16 Jahren in Berlin den französischen Revolutionsführer Marat in Gestalt von Martin Wuttke in eine Wanne setzte, in der dieser so agil plantschte, dass es bis in die erste Reihe des Zuschauerraums im BE spritzte. Schwamm drüber. Im DT bleibt die Wanne leer. Das heißt, Daniel Hoevels als Marat mit schön aufgeschminkten Ekzemen tut nur so, als ob sein Blut das Wasser trüben würde wie das der Toten, die zu Tausenden in den Zeiten des großen Terrors über die Guillotine gehen. In einem Schaukasten sieht man abgetrennte Köpfe wie in einem Gruselkabinett der Revolution, in das uns Stefan Pucher führt. „Illusionen, Sensationen, Original Gespenster- und Geistererscheinungen, Horror und Monstrositäten“ steht über der Jahrmarktsbude auf der Bühne. Der Fall ist klar: Die Revolution ist begraben und erlebt hier lustig-ironische Auferstehung zwecks Publikumsbespaßung. Angst soll ja niemand haben.

 

Marat/Sade am DT Berlin - (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

 

Nun hat ja Peter Weiss sein Drama durchaus auch als Komödie mit Musik angelegt. Nur wollte er dabei schon, dass man das verhandelte Thema auch entsprechend ernst nimmt. Nun gibt es am Deutschen Theater nach Kuttners Fatzer-Revue bereits den zweiten witzigen Musiktheaterabend in Sachen Revolution. Erst über eine, die nicht kommt, dann über eine, die sich tot gemordet hat. Die Reihenfolge von Brecht zu Weiss ist dabei durchaus gut gewählt. In beiden Fällen geht es aber nicht nur um die Gewalt als Mittel zum Zweck. „Wir morden nicht / wir töten aus Notwehr“ sagt der seine Revolutionsideale verteidigende Marat zu de Sade im Disput der Weltanschauungen. Wie auch im Fatzer geht es aber vor allem um die Auseinandersetzung des Individuums mit dem ideologischen Massenmenschen. „Es gibt kein Wir / Ich scheiße auf alle / Ich glaube nur an mich selbst“ sagt hier der von der Revolution enttäuschte und zum Zyniker gewordene Freigeist und Individualist de Sade.

Diese Szenen kommen auch bei Pucher nicht zu kurz. Nur versucht er sie immer gleich wieder doppelt ironisch zu brechen. Weiss wollte in Abkehr zur Brecht auch kein didaktisches Lehrstück schreiben, sondern das Publikum emotional packen. Das allerdings gelingt Pucher mit seinem Kasperletheater, bei dem er Felix Goeser auch noch heutiges Regietheater persiflieren lässt, nicht. Hier fühlt sich niemand ernsthaft gemeint. Der Rest des Irrenanstaltspersonals fristet sein Dasein als ulkige Randfiguren der Geschichte. Katrin Wichmann spielt die Marat mordende Charlotte Corday als fehlgeleitete Fanatikerin, und Benjamin Lillie den ehemaligen Priester Jacques Roux als Hassprediger und Aufpeitscher der Massen. Michael Goldberg gibt im Fummel Marats Frau Simonne Evrard, und Bernd Moss den opportunistisch abwartenden Corday-Liebhaber Dupperet, der seiner Angebeteten beim trauten Sing-Sang auch mal an die Puppenwäsche gehen darf.

Wirklich stark gelingt Pucher nur der das Volk darstellende Chor aus Studierenden der HfS „Ernst Busch“, der uniform gekleidet immer wieder auf den ins Publikum ragenden Laufsteg tritt und ruft: „Marat was ist aus unserer Revolution geworden / Marat wir woll’n nicht mehr warten bis morgen“. Später wird der Chor sich dann mit Marats Worten vor der Nationalversammlung an das Publikum wenden: „Immer werdet ihr vom Volk / als von einer rohen und formlosen Masse sprechen“. Die sich von den korrupten, lügenden Eliten abgehängt Fühlenden sehen die Nation in Gefahr und rufen nach dem wahren Abgeordneten des Volkes, dem Chef in der Zeit der Krise. Hier kann man auch ohne direkten Pegida-Bezug spüren, inwieweit uns dies alles heute noch betreffen könnte. Das ist in seiner verstörenden Mehrdeutigkeit näher an uns dran, als jedes billige Revolutionstheater.

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MARAT / SADE (Deutsches Theater Berlin, 27.11.2016)
von Peter Weiss
Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Meika Dresenkamp
Künstlerische Leitung des Chors: Christine Groß
Coaching Puppen: Jochen Menzel
Dramaturgie: John von Düffel
Licht: Matthias Vogel
Maske: Andreas Müller
Mit: Felix Goeser, Daniel Hoevels, Michael Goldberg, Katrin Wichmann, Bernd Moss, Benjamin Lillie, Anita Vulesica
Chor: Johanna Meinhard, Tabitha Frehner, Victor Tahal, Viktor Nilsson, Johannes Nussbaum, Thomas Prenn, Mascha Schneider, Sonja Viegener, Daniel Séjourné und Juno Zobel
Musiker: Chikara Aoshima und Michael Mühlhaus
Premiere war am 27. November 2016

Weitere Termine: 3., 10., 21. 12. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 29.11.2016 auf Kultura-Extra.
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Nord-Süd-Gefälle – Inszenierungen aus Zürich, München und Hamburg beim 53. Theatertreffen in Berlin

Donnerstag, Mai 26th, 2016

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Whistleblower im Demokratiesumpf – EIN VOLKSFEIND vom Schauspielhaus Zürich

Henrik Ibsen geht immer, hat sich die Jury des 53. Theatertreffens gesagt und auch in diesem Jahr zwei Inszenierungen von Stücken des norwegischen Dramatikers aus dem 19. Jahrhundert eingeladen. Nur genau das geht eben nicht – zu Ibsens etwas in die Jahre gekommenen Dramen, die auch gern als Stücke der Stunde bezeichnet werden, gehört natürlich auch ein aufgefrischter, heutiger Text.

Bereits vor einem Jahr versuchte sich der australische Newcomer-Regisseur Simon Stone an Ibsens Banker-Drama John Gabriel Borkman. Er überschrieb in seiner modernen Übersetzung für das Akademietheater Wien den Text mit einer Art Neusprech aus netzaffinen Wortschöpfungen und Floskeln wie „Internetshopping“, „Play Station spielen“, „Googeln“ und „Fannys Rezepte auf Facebook“. Dazwischen wirkte der langhaarige Borkman wie ein anachronistisches Mammut im rieselnden Bühnenschnee. Trotzdem – oder gerade deswegen – eine etwas mühselige Angelegenheit. Obwohl wir das beim Theatertreffen 2015 in einer Inszenierung von Karin Henkel vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg schon wesentlich witziger gesehen hatten, kann man die mit Birgit Minichmayr, Caroline Peters und Martin Wuttke hochkarätig besetzte Wiener Inszenierung nun bei der 53. Berliner Leistungsschau der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen sehen.

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Merkwürdig Retro wirkt auch die aus dem Jahr 1882 in eine nicht näher definierte Zukunft katapultierte Neufassung von Ibsens Gesellschaftsdrama Ein Volksfeind, für die der Publizist und Schriftsteller Dietmar Dath eine neue Textüberschreibung geschaffen hat. Regisseur Stefan Pucher hat sie zum Spielzeitstart im Herbst 2015 am Schauspielhaus Zürich inszeniert.

 

(c) Schauspielhaus Zürich

 

Die Story um den engagierten Badearzt Tomas Stockmann (Markus Scheumann), der eine Verschmutzung des Kurbad-Wassers durch die heimische Gerberei aufdecken will, ist im Zeitalter des Internets und der Whistleblower angekommen. Dabei müssen sich die Schauspieler immer wieder mit den Smartphones selbst filmen, vegan essen, und Stockmanns Frau Katrine (Isabelle Menke) kommt auch mal als Tabletbildschirm-Erscheinung hereingefahren. Die Wasseranalysen bringt allerdings immer noch die Post. Das Ergebnis ist ein durch Fracking chemisch und radioaktiv verseuchter Boden.

Die von Bühnenbildnerin Barbara Ehne recht funktional gestaltete, allerdings auch etwas steril wirkende theatrale Benutzeroberfläche hat große Videoleinwände und in der Mitte ein Spielzeugmodel des grünen Kleinstadtidylls. Der Kurort zeigt sich als fortschrittliche Modeldemokratie, die sich durch den Energiedeal mit einem Ölkonzern finanziert und den Erlös in die Selbstverwaltung mittels E-Gouvernment steckt. Demokratie braucht also Energie und Kohle. Man fährt hippe Rennräder oder treibt Aerobic zu Robot-Dance-Beats von Musikerin und Fitnesstrainerin Becky Lee Walters. „Yes we can!“ Die Aufdeckung des Öko-Übels durch den Badearzt stört das schöne, basisdemokratische Gesellschaftsgefüge allerdings erheblich. Stockmanns Bruder und Stadtvorsteher Peter (Robert Hunger-Bühler) befürchtet das Versiegen der Geldquelle und den kommunalen Niedergang.

Problematisch ist die Verfrachtung von Stoffen aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart immer. Das wirkt dann hier auch oft etwas unfreiwillig komisch, obwohl das selbst immer wieder ironisch angesprochen wird. Nun ist das Ganze ja ein Gedankenspiel. Daths Überschreibung ist wie alle seine utopischen Romane mehr in einer möglichen Zukunft angesiedelt als in der Gegenwart. Dabei wollen uns Autor und Regisseur nicht nur die Welt erklären, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte, wenn Wirtschaftskonzerne mehr Macht und Einfluss auf die Politik bekämen. So läuft z.B. gerade in den USA der politische Wahlkampf fast nur noch übers Geld. Wie anders könnte auch sonst der Wirtschaftsmilliardär und Populist Donald Trump solche Meinungsmacht generieren. Er braucht dazu momentan nicht mal sein eigenes Geld, er bekommt die garantierte Medienaufmerksamkeit auch so.

Das wird auch wunderbar in der Zürcher Volksfeind-Inszenierung deutlich. In der auch hier einberufenen Bürgerversammlung wird Tomas durch Abstimmungsspielchen seines Bruders im Bunde mit dem um den Mittelstand besorgten Softwarehersteller Aslaksen (Matthias Neukirch) am Reden gehindert, indem beide das Publikum auffordern, mit ihnen den Saal zu verlassen. Der auf der Bühne stehengelassene, aufgebrachte Badearzt redet sich nun im Eifer über die „Arschlochdemokratie“ mit ihren „Arschlochergebnissen“ um Kopf und Kragen. Mittels Diffamierungen und populistischer Äußerungen von beiden Seiten zeigt sich etwas dramatisch überhöht, wie demokratische Meinungsbildung durch gezielte Manipulation und Selbstmanipulation unterwandert wird. Das sich zunächst noch unabhängig gebende Demokratie-Online-Portal des zur smarten Enthüllungs-Bloggerin gegenderten Volksboten-Redakteurs Hovstad (Tabea Bettin) und ihres Assistenten Billing (Nicolas Rosat) macht sich dabei zum Sprachrohr derer, deren Meinung gerade am populärsten erscheint.

Also durchaus ein gesellschaftliches Problem, über das sich im Zeitalter der propagierten Informationsfreiheit und Meinungsvielfalt im Internet diskutieren ließe. Leider lädt die außer im recht agilen Mittelteil merkwürdig altbackene und mit Schlagworten wie „Nachhaltigkeit“, „Transparenz“, „Crowdfunding“ und „Klickzahlen“ ironisch um sich werfende Inszenierung nicht unbedingt dazu ein. Auch in diesem Fall braucht‘s – wie schon im Borkman – wesentlich mehr als ein digitales Update mit mimisch eingefrorenen Text- und Bühnenbild-Avataren.

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EIN VOLKSFEIND (Haus der Berliner Festspiele, 11.05.2016)
Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Video: Ute Schall
Kostüme: Annabelle Witt,
Musikalische Leitung: Christopher Uhe
Dramaturgie: Andreas Karlaganis
Live-Musik: Becky Lee Walters
Mit: Tabea Bettin, Sinan und Timur Blum, Sofia Elena Borsani, Robert Hunger-Bühler, Isabelle Menke, Matthias Neukirch, Nicolas Rosat, Markus Scheumann und Siggi Schwientek
Premiere am Schauspielhaus Zürich war am 10. September 2015
Gastspiel zum Berliner THEATERTREFFEN 2016

Zuerst erschienen am 17.05.2016 auf Kultura-Extra.

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MITTELREICH – Anna-Sophie Mahler verbindet ihre elegische Bühnenfassung von Josef Bierbilchers Seewirts-Roman mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms

Es beginnt mit einer Beerdigung und endet mit dem Warten auf den Tod. Anna-Sophie Mahler lässt dazu Brahms‘ Ein deutsches Requiem spielen, das auch zum großen Begräbnisakt des Seewirts Pankraz Birnberger gespielt wird. „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ heißt es da im ersten Satz. Leid ist auch viel, Trost weniger im autobiografisch angehauchten Roman Mittelreich des bayerischen Film- und Theaterschauspielers Josef (Sepp) Bierbichler, den die junge Regisseurin und ehemalige Assistentin von Christoph Marthaler und Christoph Schlingensief für die neuen Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal adaptiert hat.

 

Mittelreich von Sepp Bierbichler an den Münchner Kammerspielen – Foto (c) Judith Buss

 

Bierbichler ist ein körperlich starker Mime, der neben einigen stillen Momenten, in denen er selbst gern singt, auch mal kraftvoll auf der Bühne Holz hacken kann. Holzschlachten. Ein Stück Arbeit hieß ein Soloabend an der Berliner Schaubühne von und mit ihm, bei dem er Vergangenheitsbewältigung mit der Axt betrieb. Kraftvoll ist auch die ans Bayerische angelehnte Kunstsprache seines Romans über den Aufstieg und Niedergang einer Wirtsfamilie am Starnberger See, die über drei Generationen Vergangenheit verdrängt. Dabei erlebt der Leser ein gutes Stück deutsche Geschichte vom Ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik, den Zweiten Weltkrieg, Flucht und Vertreibung, die Wirtschaftswunder-Nachkriegszeit bis hinein in die 1980er Jahre des NATO-Doppelbeschlusses aus der Perspektive der ländlichen Bevölkerung mit ihrer katholisch geprägten Tradition.

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Diese Kraft der Sprache soll in der nun zum Theatertreffen nach Berlin eingeladenen Inszenierung von der pathosgeladenen, kathartisch wirkenden Musik Brahms‘ übernommen werden. Unter der musikalischen Leitung von Bendix Dethleffsen spielt ein kleines, mit zwei Flügeln und Pauke instrumentiertes Ensemble im Orchestergraben. Der Chor des Jungen Vokalensembles München singt vom 1. Rang, marschiert auf der Bühne auf, gibt sich mal als Statisterie, mal als tragendes Element. Das ist gut gedacht und auch wirkungsvoll in der Umsetzung der Musikpassagen, allein das Spielerische hinkt dem doch vor allem im ersten Teil vor der Pause etwas hinterher.

 

Mittelreich von Sepp Bierbichler an den Münchner Kammerspielen – Foto (c) Judith Buss

 

Anna-Sophie Mahler beschränkt die Spielszenen stark auf das rein Familiäre, was natürlich auch im Buch einen breiten Raum einnimmt, nicht zuletzt, weil die Seewirtschaft während des Zweiten Weltkriegs Ausgebombte aus (dem hier immer Hauptstadt genannten) München und nach dem Krieg Flüchtlinge aus dem Osten aufnehmen muss. Wer aber den Roman nicht gelesen hat, dem wird hier Einiges, was die Inszenierung nur anreißt, doch zum tieferen Verständnis fehlen. Die Übergabe des Erbes und der Verantwortung vom alten Seewirt (Stefan Merki) zum jungen (Thomas Hauser), der lieber eine Gesangskarriere begonnen hätte, erfolgt hier mit dem Wechsel des Jacketts. Familiengründung mit der Lothoftochter Theres (Anette Paulmann) nebst Kinderkriegen und Einzug zum Kriegsdienst folgen im Schnelldurchlauf. Daneben wird die Vorgeschichte des ostpreußischen Fräuleins Zwittau (Damian Rebgetz) mit einer Fast-Vergewaltigung durch die Russen erzählt.

Gespielt wird das alles auf einer leeren Bühne als Gastraum mit Tisch und Stühlen vor zunächst noch geschlossener Faltwand, die dann später einen weiteren, fast identischen Raum mit abgeblätterter Wand- und Deckenfarbe freigibt. Spätestens hier tritt ein erster Marthalereffekt ein, der sich durch die recht statische, fast elegische Spielweise vor der Pause noch verstärkt. Nach etwa einer Stunde wird bei stark gedämpftem Licht noch recht dramatisch der Sturm in der ersten Nachkriegsfaschingsfeier im Wirtshaus gegeben, bei dem das Dach vom Hause wegzufliegen droht. Ein schwerer Kampf mit sich und der Natur sowie ein entscheidender Schnitt für den Seewirt Pankraz (jetzt dargestellt durch Stefan Merki), der nun gänzlich sein Hadern mit dem eigenen Schicksal, gegen die Verantwortung gegenüber dem „verfluchten“ Erbe und der Familie eintauschen muss.

Als fast stummer Beobachter sitzt die ganze Zeit am Rand Pankraz‘ Sohn Sebi (Steven Scharf), der zunächst noch leise erste Fragen nach dem „was der Wehrmachtssoldat, der mein Vaters war, im Krieg gemacht hat“ stellt und erst nach der Pause immer stärker in den Mittelpunkt der Handlung rückt. Ins Klosterinternat abgeschoben, erlebt Sebi körperliche Nähe nur beim Turnen, was in drastische, stotternd vorgetragene Schilderungen von sexuellem Missbrauch durch einen Pater mündet. Hier gelingen Anna-Sophie Mahler ein paar eindrückliche Bilder, bei der sie den Vortrag Scharfs mit der Szene vom Sauschlachten und dem nackten Körper von Thomas Hauser verbindet. Wer den Roman kennt, kann das auch mit dem späteren, furchtbaren Mord am Pater assoziieren. Etwas verunglückt dagegen die Verkörperung des Fräulein Zwittau in einer Travestienummer. Ihr Anderssein als tragisches Zwitterwesen kann zumindest noch für die Abneigung der Seewirtsfrau gegen alles Fremde herhalten, während die Missbrauchsvorwürfe von Sebi unerhört an ihr abperlen.

Das Politische und die Schilderung der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte mit ihrer nicht nur auf dem Land versäumten „Entnazifizierung“, die sichtlich bis heute nachwirkt und für die Bierbichler vor allem in einigen Kneipenszenen starke Worte findet, erschöpft sich hier auf die späte Kriegsbeichte des 70jährigen Seewirts, der der Vergasung von jüdischen Kindern in seinem Feldküchenwagen tatenlos zusah. Die Toten wie das Fräulien Zwittau, die gelähmte Mutter, der Seewirt und der treue, aus Schlesien stammende Knecht Victor (Jochen Noch) gehen in den Orchestergraben ab, bis nur noch der an Vergangenheit wie Zukunft gleichermaßen verzweifelnde Sebi auf der leeren Bühne zurückbleibt und die Klappe des Plattenspielerschranks, der musikalischen Wirtschaftswundermaschine des Vaters, zutritt. Das geht tief, und das „Deutsche Requiem“ ist hier wieder beim Anfang angelangt. „Und der Seewirt begriff, daß Kunst Leben ist. Und Leben Geschichte. Und Geschichte Menschheitsgeschichte.“ Bei Anna-Sophie Mahler bleibt das ein wenig Behauptung.

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Mittelreich (18.05.2016, Gastspiel im Deutsches Theater Berlin)
Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler
in einer Fassung von Anna-Sophie Mahler und Johanna Höhmann für die Münchner Kammerspiele
Regie: Anna-Sophie Mahler
Bühne: Duri Bischoff
Kostüme: Pascale Martin
Musik und musikalische Leitung: Bendix Dethleffsen
Dirigentin: Julia Selina Blank
Licht: Jürgen Tulzer
Dramaturgie Johanna Höhmann
Übersetzung: Anna Galt
Übertitelung: Yvonne Griesel (Sprachspiel)
Semi: Steven Scharf
Junger Semi / Junger Seewirt: Thomas Hauser
Alter Seewirt / Seewirt: Stefan Merki
Theres / Kammersängerin: Annette Paulmann
Victor: Jochen Noch
Fräulein von Zwittau: Damian Rebgetz
Am Flügel: Bendix Dethleffsen, Stefan Wirth sowie alternierend Sachiko Hara, Manfred Manhart
Pauke: Anno Kesting
Chor: Junges Vokalensemble München
Statisterie: Renate Krämer, Anna Molitor
Uraufführung an den Münchner Kammerspielen war am 22.11.2015
Dauer ca. 2 h 30 min, eine Pause

Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 20.05.2016 auf Kultura-Extra.

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EFFI BRIEST – ALLERDINGS MIT ANDEREM TEXT UND AUCH ANDERER MELODIE durch das Deutsche Schauspielhaus Hamburg

Recht versöhnlich beendete am Freitagabend auf der Seitenbühne der Berliner Festspiele eine kleine, feine und witzige Inszenierung den diesjährigen Reigen der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen im deutschsprachigen Theaterraum. Die Auswahl-Jury des Berliner Theatertreffens wird in ihrer Abschlussdiskussion am heutigen Samstag trotzdem Einiges zu erklären haben. Unser Fazit folgt.

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Clemens Sienknecht, erprobter Musiker aus der Marthaler-Familie, inszeniert schon seit ein paar Jahren, oft zusammen mit seiner Frau, der Regisseurin Barbara Bürk, ganz erfolgreich eigene Musiktheaterabende. Nun haben sie ebenfalls gemeinsam Fontanes großen wilhelminischen Gesellschaftsroman Effi Briest vertheatert: Allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie, wie sie im Untertitel ihrer Inszenierung für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg behaupten.

 

Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto (c) Matthias Horn

 

In Sienknechts Vita liest man, dass er einige Zeit als Klavierspieler tourte und aus der Gala-Kapelle von Vicky Leandros rausgeflogen war. Dafür scheint der Musiker sich jetzt öffentlich rächen zu wollen. Seine musikalische Romanadaption ist eine Radioshow, die sich genüsslich an den besten Songs der 70er, 80er und 90er vergreift. Vor allem die Zeit der Schlaghosen und Fönfrisuren hat es Sienknecht sichtlich angetan. Mit ihm bevölkert ein Team von vier Kollegen (Yorck Dippe, Markus John, Friedrich Paravicini, Michael Wittenborn) und einer Kollegin (Ute Hannig) die zum Studio des Radiosenders „Briest“ umgebaute und mit 70er Jahre-Accessoires und Nippes vollgestellte Bühne.

Das Repertoire der zu Klavier, Gitarre, Violine, Bass, Saxofon und Trompete vorgetragenen Songs reicht von „Sympathy for the devil“ von den Rolling Stones über Hits von Frank Sinatra, Queen oder Frank Zappas vieldeutigem „I have been in you“ bis zum Hip-Hop-Klassiker „The Sugarhill Gang“ von Rapper’s Delight. Aber auch Mozarts Requiem aeternam erklingt sehr schön zum traurigen Finale mit Effis frühem Tod. Ansonsten lässt das Radioteam keine Gelegenheit aus, um den Klassiker der Weltliteratur, der Generationen von Schulklassen albträumen ließ, in ein sattes Ironiebad zu legen.

Das wirkt hier aber nie platt und aufgesetzt, sondern hangelt sich witzig, atmosphärisch passend und fast werktreu entlang an Fontanes Plot um (wie schon das Programmheft verspricht): „Lust und Leidenschaft, Verrat und Verhängnis, Eifersucht und Gier, Tod und Verbrechen“. Die sittenstrengen Gebaren und Ansichten des bigotten preußischen Landadels werden hier herrlich überzeichnet und karikiert. Das geht von einer betulichen Runde am Couchtisch, genannt „Stille Tage in Kessin“, bei der man einer alten Hörfunkeinspielung des Romans lauscht und splapstigartig die Nadel des Plattenspielers immer weiterscratchen lässt, über eine dramatische Schlittenfahrt in Bademoden bis zur urkomisch steifen Anbahnung des Duells zwischen Prinzipienreiter Baron von Instetten (Markus John) und dem Galan seiner Frau Effi, Major von Crampas (Yorck Dippe).

Durchbrochen und geerdet werden die kleinen Spielszenen ganz im Stile von privaten Radiosendern mit Programm-Jingles, die neue Folgen der Serie „Berühmte Seitensprünge der Weltliteratur“ ankündigen, Werbespots für Backmittel senden sowie Wetter- und Verkehrsmeldungen durchsagen. Als einzige Frau auf der Bühne macht Ute Hannig auch im Bikini und Wintermuff eine gute Figur. Die preußische Männerrunde ergeht sich derweil in Posen, kleinen chauvinistischen Seitenhieben, und Michael Wittenborn darf als alter Briest James Browns „This is a Man’s world“ und Stevie Wonders „Lately (Oh, I’m a man of many wishes / I hope my premonition misses)“ röhren.

Der berühmte Satz des alten Briest: „Das ist ein weites Feld, Luise.“ – Frau von Briest wird von Sienknecht selbst im Hochgeschlossenen gespielt – darf dabei ebenso wenig fehlen, wie das von Instetten antrainierte „O gewiss, wenn ich darf“ der kleinen Tochter Anni, das hier als verzerrter Loop immer wieder vom Band eingeschaltet wird. Eine Fortsetzung soll es dann, wie am Ende mit Graf Wronski und Tolstois Anna Karenina angedroht, auch noch geben. Man darf also gespannt sein.

Und sollte sich tatsächlich jemand fragen: Darf man das mit einem Klassiker machen? Wenn man’s kann. Die Frage, ob so etwas nun unbedingt beim THEATERTREFFEN gezeigt werden muss, erübrigt sich da angesichts des bisher Gezeigten sowieso. Und um einen weiteren Hochkultur-Klassiker (?) der deutschen Literatur zu zitieren: „Das putzt ganz ungemein.“ Vor allem in Berlin.

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EFFI BRIEST – ALLERDINGS MIT ANDEREM TEXT UND AUCH ANDERER MELODIE (Haus der Berliner Festspiele, Seitenbühne – 20.05.2016)
Regie: Clemens Sienknecht und Barbara Bürk
Bühne und Kostüme: Anke Grot
Licht: Björn Salzer
Dramaturgie: Sybille Meier
Es spielen: Yorck Dippe, Ute Hannig, Markus John, Friedrich Paravicini, Clemens Sienknecht und Michael Wittenborn
Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg war am 19. September 2015
Gastspiel zum Berliner THEATERTREFFEN 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-festspiele.de/theatertreffen

Zuerst erschienen am 21.05.2016 auf Kultura-Extra.

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„Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen“ am Thalia-Theater Hamburg und „Nora“ am Deutschen Theater Berlin – Zwei ganz unterschiedliche Inszenierungen um Liebe und Ökonomie

Montag, Dezember 14th, 2015

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Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen – Jette Steckel verbindet am Thalia-Theater Hamburg zwei Stücke von Ödön von Horváth

„Und die Liebe höret nimmer auf.“ heißt es ziemlich ironisch in Ödön von Horváths Oktoberfest-Schauspiel Kasimir und Karoline, in dem der „abgebaute“ Chauffeur Kasimir nach der Anstellung auch noch seine Braut Karoline verliert. Die spielt mit dem Gedanken nach Höherem, muss aber am Ende erkennen, dass sie für ihren rosigen Blick in die Zukunft zu tief unter sich hinunter müsst, um höher hinauf zu können. Auch die Elisabeth aus Glaube Liebe Hoffnung, die am Anfang noch ganz hoffnungsvoll in ihre Zukunft als Vertreterin für Miederwaren blickt, erfährt am eigenen Leib in Horváths kleinem Totentanz mit unvermeidlichem Trend nach unten den ökonomischen Zusammenhang von Gefühl und Karriere. Karoline und Elisabeth sind zwei der typischen Horváth’schen Engel „mit gebrochenen Flügeln“. In beiden Stücken (1932 geschrieben) sind die Menschen mehr oder weniger dazu gezwungen „egoistischer zu sein, als sie es eigentlich wären, da sie doch schließlich vegetieren müssen“ (Zuschneider Eugen Schürzinger in Kasimir und Karoline) oder wie es Elisabeth sagt: „Das seh ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind.“ Folgerichtig hat nun die Regisseurin Jette Steckel am Thalia Theater Hamburg beide Dramen zu einem gemeinsamen Reigen und Requiem um Liebe und Ökonomie zusammengefügt.

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Ob es nun heute ein bisschen gerechter zugeht, liegt ganz im Auge der BetrachterInnen, für die der Bühnenbildner Florian Lösche den Bühnenhimmel voll riesiger luftgefüllter Glücksbälle gehängt hat, die zuerst noch wie überdimensionale Weihnachtsbaumkugeln über den Protagonisten schweben und später dann, auf die Bühne heruntergefallen, wie ein undurchdringliches Labyrinth wirken. Wie Atlas trägt Kasimir (Mirco Kreibich) die Last des vermeintlichen Wiesn-Glücks, das für ihn zunehmend zur psychischen Belastung wird. Seine Karoline (Maja Schöne) bandelt nach einem Streit mit dem Zuschneider Eugen (Sebastian Rudolph) an, während sich Kasimir seiner Melancholie und dem Suff ergibt. Immer wieder schaltet Jette Steckel hier Szenen aus Glaube Liebe Hoffnung dazwischen, in denen Birte Schnöink als Elisabeth parallel ihren Weg vom Anatomischen Institut, in dem sie ihren Körper für die fehlenden 150 Mark für den Wandergewerbeschein verkaufen will, über die Beziehung zum Präparator und dem Schupo Alfons (Sebastian Zimmler) bis in den wässrigen Tod geht. Eine Frau will für die erhoffte Selbständigkeit nicht nur ihren zukünftigen Leichnam verkaufen, sie begibt sich auch schon zu Lebzeiten in eine männlich dominierte finanzielle und körperliche Abhängigkeit.

Der Präparator, der Elisabeth nicht ganz uneigennützig die 150 Mark vorstreckt, ist hier identisch mit dem Zuschneider Eugen. Er bringt erst Elisabeth wegen Betrugs ins Gefängnis und reicht alsbald seine Wiesenbekanntschaft Karoline an seinen Chef, den Oberpräparator/Kommerzienrat Rauch (Matthias Leja) für einen Karrieresprung weiter. So verschneidet Jette Steckel geschickt Stücke, Personen und Schicksale ganz wirkungsvoll miteinander, dass daraus tatsächlich ein unmittelbar zusammenhängender Reigen aus ökonomisch bestimmten Paarbeziehungen entsteht. Etwas zu sehr als Typen an den Rand gedrängt wird dabei das andere Paar Erna und der Merkl-Franz (Karin Neuhäuser und André Szymanski), das dafür aber mit ein paar schräg-komischen Slapstick-Einlagen glänzen darf. Ebenfalls etwas zu plakativ geraten die Figuren der Hermine Prantl-Speer (Patrycia Ziolkowska), Chefin von Elisabeth, und ihrem Mann, einem Amtsgerichtsrat (Oliver Mallison), der auch noch als volltrunkener Landgerichtsdirektor Speer durch die Oktoberfest-Szenen geistert.

 

Kasimir und Karoline - Glauben Lieben Hoffen am Thalia Theater Hamburg - Foto (c) Krafft Angerer

Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen am Thalia Theater Hamburg – Foto (c) Krafft Angerer

 

Wie schon in ihrer kürzlich mit dem FAUST ausgezeichneten Inszenierung von Shakespeares Romeo und Julia hat Jette Steckel die Band 1000 Robota von Anton Spielmann mit der Live-Musik betraut. Die spielt vor allem schrägen Free-Jazz, aber auch ein paar deftige, elektronisch verstärkte Volkslied-Parodien. Es geht, wie bei einem Stationen-Drama üblich, recht flott von Szene zu Szene. Ein Tempo, das sich bis zur Pause hält, danach aber immer mehr in einen chaotischen Drehbühnen-Run mündet. Die Inszenierung beginnt sich immer schneller im Kreis zu drehen, es wird getanzt, gesungen, und bei der immer lauter werdenden Musik müssen schließlich die Texte per Übertitel eingeblendet werden. Kasimir steppt sich minutenlang seinen Frust vom Leib und spült erschöpft mit reichlich Bier nach. Die Luft scheint nicht nur aus den Bällen raus, auch die Handlung zerfasert dabei fast komplett.

Dass die Idee der Verquickung beider Stücke dennoch aufgeht, verdankt sie den Schwestern im Geiste Karoline und Elisabeth sowie ihren eindrucksvollen Darstellerinnen Maja Schöne und Birte Schnöink, die mit ihrem Spiel den getriebenen Frauenfiguren viel Glaubwürdigkeit und trotz aller Demütigungen auch Würde verleihen können. Die am Ende von Elisabeth verzweifelt ans Publikum gerichtete Frage, wer denn zuständig sei, kann man dann getrost als Aufforderung mit nach Hause nehmen.

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KASIMIR UND KAROLINE – GLAUBEN LIEBEN HOFFEN (04.12.2015)
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Anton Spielmann (1000 Robota)
Dramaturgie: Julia Lochte
Mit: Mirco Kreibich (Kasimir), Matthias Leja (Oberpräparator Konrad Rauch), Oliver Mallison (Amtsgerichtsrat Werner Speer), Karin Neuhäuser (Erna Reitmeier), Sebastian Rudolph (Präparator Eugen), Birte Schnöink (Elisabeth), Maja Schöne (Karoline), André Szymanski (Franz Merkl), Sebastian Zimmler (Schupo Alfons Klostermeyer) und Patrycia Ziolkowska (Hermine Prantl-Speer, Sanitäterin) sowie den Musikern Gabriel Coburger (Basklarinette, Flöte, Tenorsaxophon), Olvier Gutzeit (Altsaxophon), Stephan Krause (Percussion) und Christophe Schweizer (Posaune, Tuba, Alphorn, Trompete)
Premiere im Thalia Theater Hamburg war am 26. November 2015
Weitere Termine: 11., 12. 12. 2015 / 2., 3., 5., 11., 13., 14. 1. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am erschienen am 08.12.2015 auf Kultura-Extra.

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Echt krass – Stefan Pucher inszeniert NORA nach Henrik Ibsen in einer modernen Textüberschreibung von Armin Petras fürs Deutsche Theater Berlin.

Foto DT-Schaukasten

Foto DT-Schaukasten

Zur Uraufführung 1879 verursachte der Norweger Henrik Ibsen mit seinem Emanzipationsdrama Nora noch einen veritablen Skandal. Ibsen musste den Schluss, bei dem Nora ihren Mann Torvald und die gemeinsamen Kinder verlässt, sogar umschreiben. Mittlerweile scheint das Stück allerdings schon so blaustrumpfig, dass man es wieder umschreiben, sprich für die heutige Zeit aufpeppen muss. So geschehen jetzt am Deutschen Theater Berlin. Es ist nicht das erste Lifting für Ibsens Nora und wird wohl auch nicht das letzte sein. Immer noch legendär ist die Inszenierung von Thomas Ostermeier mit Goldfischaquarium im Berlin-Mitte-Schick an der Schaubühne, an deren Ende Nora ihren Mann spektakulär über den Haufen schoss. Am Maxim Gorki Theater hetzte ein paar Jahre später Scheidungskind Jorinde Dröse das Ehepaar Helmer in einen regelrechten Rosenkrieg, und Herbert Fritsch trieb in Oberhausen mit Ibsens Figuren sein knallbunt-böses Spiel unterm Weihnachtsbaum.

Für das DT wurde der Stuttgarter Intendant, Regisseur und Dramatiker Armin Petras mit einer Modernisierung des Textes beauftragt. Er hat ihn mit einer merkwürdigen Kunstsprache unter der Verwendung jeder Menge Anglizismen und Jugendslang-Wörtern überschrieben, die die Figuren wie in einem Hipster-Comic in kurz angebundenem Neosprech reden lässt. Alles ist hier echt krass, geil, irre, fancy oder trendy. Man kennt das Verfahren bereits vom Wiener John Gabriel Borkman, bei dem der australische Regisseur Simon Stone Ibsens Bankerstück in die Sprach-Welt von Internet und Social Media verlegte. Das entbehrt, wie nun auch in Berlin, nicht einer gewissen Komik, nivelliert das eigentliche Drama und die Fallhöhe der Charaktere aber auf ein küchenpsychologisches Niveau, was sich auf der DT-Drehbühne in einem entsprechend stylischen Wohnküchenambiente niederschlägt.

Für die Psychologie und inneren Gefühlswelten der Ibsen-Figuren scheinen sich aber weder der Autor Armin Petras noch der Regisseur Stefan Pucher wirklich interessiert zu haben. Man schrammt im Schick der 1970er Jahre an der Oberfläche des Plots entlang und gibt sich dabei ganz popkulturell beflissen immer wieder dem Singen von Songs über Money, Romance oder Blame hin. Ein wenig glamourös, ein bisschen schräg, mal nerdig, mal oldschool, wozu vermutlich auch gehört, dass die DarstellerInnen in den schwarz-weiß gehaltenen Hintergrundvideos den Ibsen-Text in einer klassischen Übersetzung und den dazu passenden Kostümen aufsagen. Lauter ästhetische Oberflächen, wie sie Stefan Pucher mit Vorliebe zu schaffen weiß (s. seine Hedda Gabler oder Elektra).

 

Nora am Deutschen Theater Berlin - Foto(C) Arno Declair

Nora am Deutschen Theater Berlin – Foto(C) Arno Declair

 

Im Kern will die Inszenierung aber ein ästhetisch stark überhöhtes Bild von vollkommen durchökonomisierten, heutigen Beziehungen geben. Jeder ist hier Teil des Marktes und sucht die Nähe zum anderen nur des eigenen Vorteils wegen. Natürlich lässt sich das so auch aus Ibsens Drama destillieren. Auf Nora (Katrin Wichmann) übt der berufliche Aufstieg ihres Mannes Torvald (Bernd Moss) einen erotischen Reiz aus, sie liebt es nach der vergangenen Durststrecke mehr Geld zu haben. Torvald wiederum schmückt sich mit seiner Frau, um vor der Gesellschaft eine gute Figur zu machen. Die Liebe passt sich dabei den Marktgesetzen an. Dasselbe lässt sich auch für den kleinen Bankangestellten Krogstad (Moritz Grove) und Christine Linde (Tabea Bettin) sagen, die beide ihre alten Beziehungen und geheimes Wissen nutzen, um über Nora am Aufstieg Torvalds teilzuhaben oder dem drohenden Abstieg entgegenzuwirken.

Eher außen vor ist da der Hausfreund Doktor Rank (Daniel Hoevels), der zwar Geld besitzt, aber todkrank schnell aus dem Rennen um Liebe und Ökonomie ausscheidet. Rank hat hier als einziger eine etwas romantische Ader, gilt damit aber sofort als oldschool. Nora bedauert ihn nur, als Liebhaber kommt er für sie nicht in Frage. Da die verschiedenen Liebeleien und Karriereambitionen der ProtagonistInnen nicht allzu viel Dramatisches hergeben, wird hauptsächlich doch nur die leidige Geschichte mit Noras Schuldschein abgehandelt. Sie hatte die Unterschrift ihres bereits gestorbenen Vaters für einen Kreditantrag gefälscht, um mit dem Geld ihren kranken Mann zu retten. Was Krogstad nun ausnutzt, um seine Kündigung zu verhindern, von Bankdirektor Helmer aber via Tablet schließlich doch gefeuert wird. Die Quittung kommt zum Schluss dann wieder als echter Brief.

Es wird viel über Basics, Profile und einen medialen Großangriff gesprochen. Die eigentlichen Themen wie Moral, Lüge und Schuld versinken dabei allenfalls in neoliberalen Klischees und hölzernen Phrasen. Wie sich das früher mal bei Ibsen angehört hat und was Nora wirklich bewegt, flimmert parallel zur Anschauung über die Leinwand. „Du verstehst die Gesellschaft nicht.“ sagt Torvald beschwichtigend, nachdem er seine Nora zuvor für ihre Verfehlungen auf das Übelste beschimpft hat, und man versteht wirklich nicht, wie diese schrecklich banale Gesellschaft einen ganzen Theaterabend bestimmen kann. Da bleibt eigentlich nur noch, selbst zum finalen Befreiungsschlag auszuholen, und wie Nora das „Projekt“ einfach abzubrechen und zu gehen.

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Nora (DT, 07.12.2015)
von Henrik Ibsen
Für die Bühne neu eingerichtet von Armin Petras
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Meika Dresenkamp, Licht: Matthias Vogel, Ton: Martin Person, Matthias Lunow, Dramaturgie: Juliane Koepp
Mit: Tabea Bettin, Moritz Grove, Daniel Hoevels, Bernd Moss und Katrin Wichmann
Premiere war am 04.12.2015 im Deutschen Theater Berlin
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Termine: 12., 14. und 31.12.2015, 10. und 16.01.2016

Infos: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 09.12.2015 auf Kultura-Extra.

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Shakespeare-Tage in Berlin. Teil 1 – Stefan Pucher inszeniert einen zwittriges „Was ihr wollt“ am Deutschen Theater Berlin

Dienstag, März 3rd, 2015

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Was ihr wollt - Foto: DT-Schaukasten

Was ihr wollt
Foto: DT-Schaukasten

Das Illyrien in Shakespeares Komödie Was ihr wollt ist ein Traumort, der wahr ist und gleichzeitig nicht. Hier scheint zunächst alles möglich. Es wird unabhängig von sozialer Stellung, Geschlecht und sexueller Ausrichtung begehrt und geliebt. Als zusätzlich identitätsverwirrendes Wesen erscheint die an den Gestaden des Eilands gestrandete Viola als androgynes Wesen Cesario in der Kleidung eines Mannes und dem Aussehen eines Knaben, oder irgendetwas dazwischen. Sie wirbt in Diensten des Liebes- und Lebensmelancholikers Herzog Orsino um die Gunst der schönen, aber um ihren toten Bruder trauernden Gräfin Olivia. In den scheinbaren Knaben verliebt sich nun die unnahbare Gräfin, während das Mädchen im Knaben den unerreichbar scheinenden Orsino begehrt. Das alles hat Shakespeare mit viel Wortwitz und einer deftigen Nebenhandlung mit sangesfreudigen Saufgelagen nach Art der Twelfth Night sowie jeder Menge Spaß, Hoffart, Neid und Intrige am Hofe Olivias gewürzt. Eine dark comedy mit frivolen wie politischen Anspielungen, die heute kaum noch verständlich sind und daher einer klugen Übersetzung bedürfen.

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Einer, der das anerkannter Weise sehr gut beherrschte, war der Dichter, Dramatiker und Filmregisseur Thomas Brasch, der gerade im Februar seinen 70. Geburtstag gefeiert hätte, wenn er nicht viel zu früh gestorben wäre. Am Deutschen Theater Berlin verwendet Regisseur Stefan Pucher nun eine Neuübersetzung von Jens Roselt, die recht modern klingt und Shakespeares Blankvers immer wieder auflöst, mit ihm spielt und dem deutschen Text zu derben Späßen auch recht explizite Worte gönnt. Auch wird hier nicht nur das Spiel mit den Identitäten betont. Um wie immer auch Kritik an der Spaßgesellschaft („Wer gut drauf ist, hat was zu lachen, wie’s weitergeht, ist einerlei.“), TV-Shows und dem eitlen Theaterbetrieb selbst zu üben, lässt Pucher die Darsteller auch mal aus der Rolle fallen und diese in ihrer momentanen Lage lässig reflektieren. Man gibt sich modern mit dem Bühnenbild von Barbara Ehnes und der Live-Musik von Masha Qrella und Michael Mühlhaus, lächerlich bis mondän in den Kostümen von Annabelle Witt, ergänzt durch fantastische Videofilmchen, die wie immer Chris Kondek über die Bühnenrückwand flimmern lässt.

Puchers Illyrien scheint es noch nicht an Land geschafft zu haben oder sich bereits wieder im Untergang zu befinden. Ein sagenhaftes Unterwasserreich mit U-Booten, zwittrigen Seepferdchen und umherirrenden Spermien. Um die Sehnsucht und Ambivalenz aller Protagonisten zum Ausdruck zu bringen, legt Pucher immer wieder die Betonung auf Sätze wie: „Ich wünschte, Sie wären so, wie ich sie haben will.“ oder „Ich bin nicht, was ich spiele.“ Verstärkt wird diese Zerrissenheit durch die stark aufspielende Katharina Marie Schubert im weinroten Kurzhosenanzug, die als Viola/Cesario zuweilen betont schizophren mit sich selbst im Zwiegespräch steht. Sie gibt auch den verschollen geglaubten Zwillingsbruder Sebastian, der die Verwirrtheit der Figuren ins Aberwitzige steigert, als er auch noch am Hofe Olivias auftaucht. Als seemännische Begleiter der beiden Schiffbrüchigen fungieren mit Susanne Wolff und Andreas Döhler ausgerechnet die Darsteller des nicht zueinander kommenden Illyrier-Paars Olivia und Orsino. Pucher will also schon in den Rollenverteilungen mit unseren Wahrnehmungen spielen.

Was ihr wollt

Was ihr wollt
Foto: DT-Schaukasten

Das Problem der Inszenierung liegt aber gerade in der Zusammenführung der unterschiedlichen Handlungsebenen. Da sind einerseits die verkopften Intellektuellen Orsino und Olivia, wobei Andreas Döhler schon zu Beginn den melancholisch verhuschten Philosophen im asiatischen Morgenmantel gibt, ansonsten aber seinen gelangweilten Herzog meist zur Seite weg nuschelt. Wogegen Susanne Wolff erst im elisabethanischen Blütendruckgewand die Unnahbare spielt und dann im Glitzerkimono etwas Verruchtheit verströmt. Fürs frivol Grobe sind wie immer der versoffene Sir Toby Rülps und sein trotteliges Anhängsel Ritter Andrew Backenfahl zuständig, die bei Christoph Franken und Bernd Moss gemeinsam den Gipfel der Vergnüglichkeit erklimmen, inklusive Blowjob. Ihnen steht Anita Vulesica als nöliges Blondchen Maria zur Seite. Die feuchtfröhliche Partyblase lässt keine Zote aus. „Humor, wenn es dich gibt, bring mich in Stimmung.“ Aber da hilft auch kein Lachgummi mehr. Zumal Margit Bendokat als Narr Feste, ein einziges Understatement in Sachen Humor, mit lauter Zaunpfählen winken und als Oskar-Matzerat-Double auch noch Blechtrommeln muss. Verschenkt.

Nur mäßig witzig chargiert sich das exquisit besetzte DT-Ensemble haarscharf am Rande von Krawall und Remmidemmi durch die Inszenierung. Das ruft dann natürlich die Sittenpolizei und Spaßbremse Malvolio auf den Plan. Entsprechend hochnäsig und herablassend geriert sich Wolfram Koch als Haushofmeister der Spießigkeit und schlechten Laune. Bis auch er seine Slapstickeinlage mit dem am Fuß angeklebten getürkten Brief der „Kammerschnalle“ Maria bekommt, bevor der dauergrinsende Schwätzer nach seinem Auftritt in gelb-schwarz getapten Strumpfhosen komplett gebondaged zum Schweigen gebracht wird. Nicht ohne eine Wiederkehr, bei der der Gedemütigte seinen Hass-Monolog des Ungeliebten vor dem Vorhang halten darf. Ob nun als moralinsaurer Puritaner oder Puerto-Ricaner ist dabei einerlei.

„This is not a Love-Song.” Shakespeares Happy End ist ja bekanntlich auch ein eher faules. Das hat selbst Stefan Pucher erkannt und holt das Stück wieder da ab, wo es andere zu oft schon liegen gelassen haben. Im Video wird die optische Täuschung des Zwitterwesens Sebastian/Viola noch mittels Verdoppelung und Überblendung verdeutlicht. Zum Schluss treten dann alle in Gender-Switchshirts an die Rampe, damit auch jeder versteht, worum es geht. Nichts ist, wie es ist, oder was ihr wollt, oder so ähnlich. Das ist Puchers Mahnung, die bei aller Liebe doch selbst irgendwie leicht lust-verklemmt wirkt. Wir sehen weder einen originalen Shakespeare noch einen richtigen Pucher, sondern ein eher unentschlossenes Zwitterwesen, wie es dem Regisseur so vielleicht doch nicht vorgeschwebt haben dürfte. Seine grandiose Münchner Sturm-Inszenierung von 2007 erreicht Stefan Pucher mit diesem lauen Lüftchen am DT nicht mal in Ansätzen.

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Für April hat nun das DT sogar Shakespeare Tage angesagt. Bis dahin versuchen sich noch das ewige Regietalent Tilmann Köhler an einer Neuinszenierung der blutrüstigen Tragödie des Macbeth mit Ulrich Matthes in der Hauptrolle und Nachwuchshoffnung Christopher Rüping an der großen Liebestragödie von Romeo und Julia. Man darf gespannt sein, ob da mehr Wumms hinter ist.

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Was ihr wollt
Von William Shakespeare
In einer Übersetzung von Jens Roselt
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Chris Kondek, Phillip Hohenwarter, Dramaturgie: Juliane Koepp
Mit: Margit Bendokat, Andreas Döhler, Christoph Franken, Wolfram Koch, Bernd Moss, Katharina Marie Schubert, Anita Vulesica und Susanne Wolff

Termine: 06., 14., 15., 26.02.,03., 12., 26.04.2015

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 01.03.2015 auf Kultura-Extra.

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BAAL der Viechsmensch – In den Kammerspielen des DT inszeniert Stefan Pucher das spätexpressionistische Frühwerk des jungen Bertolt Brecht.

Donnerstag, Dezember 4th, 2014

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In der Folge, in der sich die Lage der kapitalistischen Gesellschaft verschärft, drängt auch ihr schärfster Kritiker, der Dichter Bertolt Brecht, wieder auf die deutschsprachigen Bühnen. Es ist nicht allein das dramatische Erbe, dem sich (wie am Berliner Ensemble) die Regisseure zusehends verpflichtet sehen, sondern die Zeitlosigkeit der Themen, die Brecht in seinen Stücken behandelt, ihre dialektische Aufarbeitung samt treffenden Kommentaren zur Lage der Gesellschaft, die sich zur aktuellen künstlerischen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen marktorientiert ausgerichteter Politik anbieten. Das Deutsche Theater unter Ulrich Khuon hatte bei der Auswahl der Stücke und den darauf folgenden Inszenierungen bisher eigentlich ein gutes Händchen. Verwiesen sei dabei auf Nicolas Stemanns leicht ironisch diskursive Heilige Johanna der Schlachthöfe oder die Übernahme Michael Thalheimers kraftvoller Inszenierung Herr Puntila und sein Knecht Matti vom Thalia Theater in Hamburg.

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Baal - Foto DT-Schaukasten

BaalFoto DT-Schaukasten

Es war ein regelrechtes Brecht-Jahr 2009 am DT. Und auch Brechts „Viechsmensch“ Baal schaffte es da schon einmal in Gestalt des sportiven Springteufelchens Mirco Kreibich in der Regie von Christoph Mehler auf die Bühne der Kammerspiele. Nun, fünf Jahre später, hat Stefan Pucher das frühe Brecht-Stück erneut in den Kammerspielen des DT inszeniert. Der Regisseur ist bekannt für seinen ausladenden Breitwand-Stil mit Kino-Zitaten und poppigen Settings, wie etwa in seiner Feme-Version der Elektra des Sophokles oder der stildesignten Hedda Gabler von Henrik Ibsen aus der letzten Spielzeit des DT. Dass er das auch mit Brechts vollkommen Ich-süchtigem, alles vertilgenden Menschenverbraucher Baal, der sich sicher ebenso gut für eine bunte Revue enteignen ließe, an den vergleichsweise kleinen Kammerspielen versuchen würde, lag nahe, hat sich aber erstaunlicher Weise doch nicht so bewahrheitet.

Relativ stilsicher geht Pucher allerdings auch diesmal zu Werk. In großen Versalien ist schon zu Beginn auf der Videoleinwand der kommende Protagonist angekündigt. Ein Dichterturm mit Ausguck, auskragenden Stegen und einem leeren Raum im unteren Teil steht konzentrisch auf der Drehbühne. Das Bühnenbild von Barbara Enes begrenzen zwei sitzende überlebensgroße Nacktstatuen auf hohen Sockeln. Auftritt Christoph Franken als Baal im Harlekinkostüm (Annabelle Witt). Ein müder Clown, der seinen „Choral vom großen Baal“ trotzig betonungslos ins Publikum rotzt. Der Kloß, der nach Brechts Ankündigung am Himmel Fettflecken hinterlassen soll, ist nicht gerade ein maitoller Bursche, sondern schiebt eher gewaltigen Novemberfrust. Nach getaner Arbeit verzieht er sich in seinen Künstlerturm, frisst, säuft (Tanzen kommt später) und wartet auf die Verklärung in Form von Lobhudeleien der Gäste seines Chefs Mäch (Daniel Hoevels im Entertainerfrack). Auch diese sind als Clowns verkleidet und fangen das andere Publikum mit der Handykamera ein. Ja, da sind wohl auch wir gemeint.

Pucher macht das Theater um den Künstler Baal zum großen Groupie-Zirkus um einen Flegel mit fettigem Langhaar, der mit Hühnerbeinen und Fäkallyrik um sich wirft. Von Anbeginn eher Attitüde als Ausdruck einer echten Normüberschreitung. „Orge sagte mir: der liebste Ort / Auf Erden war ihm immer der Abort.“ singt man hier brav, gemäß Brecht’schem Vorbild, begleitet von der Hammondorgel des Livemusikers Michael Mühlhaus. Franken spielt das allerdings gut, wie er sich immer wieder in Pose wirft und mit den Pfunden seines voluminösen Körpers wuchert. Mann und Frau muss sich zu ihm hinaufbemühen, wie er dort auf seinem Ansitz lauert und gnadenlos Kasse macht.

Denn ansonsten nimmt es der Dichter im Stück des jungen Brecht nämlich eher vom Lebendigen. Er benutzt und demütigt etliche Frauen, darunter die seines Chefs sowie die fünfzehnjährige Johanna, Freundin seines Jüngers Johannes, wirft sie anschließend wieder weg (Johanna geht darauf ins Wasser) und fängt sich die Schauspielerin Sophie Dechant zur Anbetung ein. Anita Vulesica und DT-Neuzugang Tabea Bettin spielen das meist demütig, mal in weißem oder schwarzem Büßerkleid. Ihrer überdrüssig geht Baal mit Saufkumpan und Musiker Ekart (Felix Knopp ganz in geheimnisvollem Schwarz) auf Trebe und will die schwangere Dechant an seinem Busenfreund abtreten, den er später als Konkurrent aus dem Weg räumt, wie er zuvor dessen Freundin erwürgt hatte. Auf der Flucht kehrt Baal wieder in die Wälder zu den Holzfällern zurück, die er zuvor schon um ein Fass Brantwein prellte, und verreckt dort allein in einer Hütte.

Baal in den Kammerspielen des DT - Foto (C) Arno Declair

Baal in den Kammerspielen des DT – Foto (C) Arno Declair

Bei Stefan Pucher laufen die Szenen wie ein Stationen-Drama chronologisch hintereinander ab. Man könnte auch sagen: kurzer Aufstieg und andauernder Niedergang eines wütenden Genies. Die überquellende Naturlyrik Brechts kontrastiert Pucher mit formeller Strenge ohne einen Anflug wirklicher Ironie. Er bleibt dabei erstaunlich werktreu. Dazwischen Videosequenzen von Chris Kondek, die das Gesagte bebildern (Franken ist eine Orange, wenn von schießenden Säften die Rede ist) und zusätzlich überhöhen, aber auch nicht weiter stören. Ein stetiger Wechsel der Stile, von allem was das Theater so zu bieten hat. Betreibt Brecht stilistisch expressionistische Leichenfledderei und setzt dem Pathos etwas wirklich Vitales entgegen, macht Pucher aus Baals Genusssucht und Hang zur Ausschweifung eine auf böse geschminkte Karikatur und zitiert vom romantischen Märchen bis zum Hollywoodfilm, was ihm gerade passend erscheint. Er lässt Bären in der Holzfällerszene auftreten, steckt Franken in ein Gorillakostüm und gibt ihm auch noch eine weiße Frau in die Hand. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes das Tier erst von der Leine gelassen und später wieder eingefangen.

Baal ist bei Pucher auch der verzweifelte Kindskopf mit dem Fettherzen, der sich von seiner Mutter terrorisiert fühlt. Er rappt sich die Seele aus dem Leib. „Ohne Schnaps keine Lyrik.“ Die Angst vor dem weißen Papier, das sich in der Flasche spiegelt. Franken tobt und schwitzt in seiner Dichterhöhle Schnaps und Text. Baal flieht das Kabarett als tägliche Tretmühle des Broterwerbs, macht sich nackt und frei. Die Kunst als treibende und sich schlussendlich selbstverzehrende Kraft. Der Zwiespalt des Künstlers als Süchtiger, der ohne dem nichts schaffen kann und mit seiner Sucht zu Grunde geht. Satt kann er nimmer werden. Auch ein Verweis auf die kreative Selbstzerstörung. Neuester Beweis: die Bekenntnisse des Filmregisseurs Lars von Trier über seinen Alkoholmissbrauch. Letztendlich wie Brechts Baal ein Bürgerschreck, der verstört und damit doch nur die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt.

Am Ende zwängt sich Baal, der aufgedunsene Kosmos, der Sonne schnaufen wollte, selbst in den Frack. Die Transformation Baals vom wollüstigen, bösen Joker zum traurigen Beckett-Clown. Die Inszenierung ist da auch wie eine zynische Parodie auf das Theater und dessen Wirkung selbst. Was aber trotz aufopferungsvollem Spiel aller wieder hinten runterfällt, ist Brechts 1954 bei der Durchsicht seiner Stücke gewonnene Erkenntnis, sein Baal sei auch die Setzung eines Ichs „gegen die Zumutungen und Entmutigungen der Welt“. Der befehdete Künstler in der kapitalistischen Welt, „die nur eine ausbeutbare Produktivität anerkennt“. Bei Pucher bleibt es die reine Not des prekären Künstlers als Außenseiterfigur im Spiegel der ihn umflirrenden Schickeria, die (wer auch immer das heute ist) sich gern mit ihm schmückt, ihn aber sofort bei Missfallen auch wieder fallen lässt. Ein Ringen um Anerkennung, finanzielles Auskommen, gepaart mit dem Druck aufzufallen um jeden Preis. Anziehungskraft und Befremden in einer Person. Dafür ist Brechts Baal noch und Puchers Inszenierung als Referenz sehr gut. Es scheint jedoch, als hätte uns gesamtgesellschaftlich, oder gar politisch gesehen, dieser Baal heute nicht mehr allzu viel zu sagen.

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Baal im DT - Nov. 2014
von Bertolt Brecht
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Chris Kondek, Phillip Hohenwarter, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Christoph Franken, Anita Vulesica, Daniel Hoevels, Tabea Bettin, Felix Knopp, Michael Mühlhaus.

Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause

Termine: 13. und 26.12. 2014 / 06. und 18.01.2015

Info: http://www.deutschestheater.de

Zuerst veröffentlicht am 03.12.2014 auf Kultur-Extra.

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Am kommenden Wochenende beginnt die neue Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 1: Das Deutsche Theater und Berliner Ensemble

Samstag, August 23rd, 2014

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Die Spielzeitpause der Berliner Bühnen neigt sich mal wieder dem Ende. Sie wurde für die an Entzug leidenden Theatersüchtigen ganz gut durch Festivals wie den FOREIGN AFFAIRS, dem TANZ IM AUGUST und natürlich wie immer durch luftig lockeres Open-Air-Theater überbrückt. Auch eine willkommene Abwechslung zur Routine des alltäglichen Einerleis an den hochsubventionierten Theaterbühnen Berlins. Womit wir beim ersten Kritikpunkt der letzten Saison an den fünf Stadttheatern angekommen sind. Es gab weder sehr viel Neues noch wirklich Herausragendes in den Spielplänen der hauptstädtischen Bühnen. Berlin ist auch längst keine Theaterhauptstadt mehr, wie man unschwer beim Theatertreffen im Mai feststellen konnte. Wie es um den Berliner Stadttheaterbetrieb bestellt ist, zeigt eine kleine Rückschau auf die zurückliegende und ein Ausblick auf die kommende Spielzeit.

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Deutsches Theater Berlin. Spielzeit 13/14 - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin. Spielzeit 13/14 – Foto: St. B.

Innehalten hieß es noch zum Abschluss der Spielzeit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in der Schumannstraße. Aber gerade das immer noch als führende Bühne gehandelte DT ist klarer Stadtmeister im Output. Durchschnittlich drei Inszenierungen feiern hier pro Monat ihre Premiere. Die drei Spielorte wollen ja auch entsprechend bespielt sein. Dabei ist man mal mehr, mal weniger darum bemüht, die einzelnen Produktionen in ein übergreifendes Motto zu pressen. Das lässt sich natürlich nicht immer konsequent durchhalten. In der letzten Spielzeit, in der es um Demokratie und Krieg gehen sollte, vermochten hinsichtlich des gesteckten Rahmens nur die wenigsten der Inszenierungen wirklich zu überzeugen.

Als Vielinszenierer fiel nicht erst in der vergangenen Spielzeit Hausregisseur Stephan Kimmig auf. Nachdem sich nach Michael Thalheimer auch Andreas Kriegenburg als tragender Regisseur des Hauses immer mehr zurückgezogen hat, lastete auf Kimmig bei immerhin vier Inszenierungen eine umso größere Erwartungshaltung. Nach einem Fehlstart mit der Doppelinszenierung Demetrius / Hieron. Vollkommene Welt konnte der auch außerhalb Berlins vielbeschäftigte Regisseur gemeinsam mit einer starken Hauptdarstellerin Susanne Wolff zumindest noch ein relativ schwaches Stück der Niederländerin Lot Vekemans retten. Mit Ismene, Schwester von, dem Münchner Gastspiel Judas und Gift war die Autorin immerhin dreimal im Programm vertreten. Bis auf den umjubelten Judas konnten diese Stücke aber nur durch den Einsatz des DT-Starensembles halbwegs überzeugen.

Am Ende standen noch ein kurz hingelaschter Beitrag zu den Autorentheatertagen und die vielleicht bemerkenswerteste Inszenierung der Berliner Theatersaison zu Buche. Kimmig Inszenierung von Wassa Schelesnowa, Maxim Gorkis Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall mit der Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin, war schon eine ziemlich genaue Zeichnung einer kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter in der Regie von Sebastian Hartmann - Foto: St. B.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter, Regie: Sebastian Hartmann – Foto: St. B.

Nur erwartbare Kunst-Routine herrschte dagegen bei Stefan Pucher, dem Regieduo Kuttner/Kühnel oder den schon genannten Regisseuren Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg. Eher enttäuschend auch die erste Inszenierung vom neu ans DT gerufenen Leipziger Ex-Intendanten Sebastian Hartmann. Nur Milan Peschel konnte in seiner zweiten Regiearbeit am DT ausgerechnet mit einem Gegenwartsstück von Nis-Momme Stockmann in den Kammerspielen punkten. Was wieder mal die These bekräftigt, dass die Überraschungen eher auf den kleineren Bühnen des Hauses zu finden sind.

Junge Regisseurinnen haben es weiterhin nicht gerade leicht am Deutschen Theater. Ihnen bleibt bis auf einzelne Ausnahmen nach wie vor die kleine Ausprobierbühne der Box vorbehalten. Ärgerlich in dieser Hinsicht war dann, dass gerade Jette Steckel ihren besonderen Auftritt auf der großen Bühne mit Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre verpatzte. In der neuen Spielzeit werden aber Brit Bartkowiak, Daniela Löffner und Jette Steckel neben Neuzugang Nora Schlocker wieder mit am Start sein.

Nach dem schmerzhaften Verlust von Dimiter Gottschef rücken nun immer mehr jüngere Regisseure ins Rampenlicht. Raffael Sanchez, Tilman Köhler, Simon Solberg, Frank Abt und Bastian Kraft mühten sich redlich um neue Regieakzente mit allerdings recht unterschiedlichen Ergebnissen. Der Star unter den Newcomern ist dabei sicher Bastian Kraft, der mittlerweile an einigen deutschen Stadttheatern Fuß gefasst hat. Seine poppigen Regie-Arrangements erinnern zum Teil an Stefan Puchers Breitwandüberwältigungsstil, entwickeln aber wie auch im Besuch der alten Dame durchaus ihren eigenen Reiz. Das kann aber nicht ganz über die ironiesatten Scheinbilder und harmlose Belanglosigkeit vieler Inszenierungen am DT hinwegtäuschen. Unbedingter Kunstwillen mit Starensemble im Hochglanzformat als einzige Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit?

die DT-Kammerspiele im Juni 2014 - Foto: St. B.

Die DT-Kammerspiele im Juni 2014 – Foto: St. B.

Das soll nun anscheinend in der neuen Spielzeit ganz anders werden. Kein ganz so starres Motto mehr. Intendant Ulrich Khuon lässt in den geplanten Inszenierungen den Umgang mit und die Veränderbarkeit von Realität auf der Bühne untersuchen. Dass damit verstärkt wieder ein Augenmerk auf die Gegenwart gelegt wird, lässt da auf eine spannende Spielzeit hoffen. 10 Autoren hat das DT eingeladen, anhand von 10 Schlüsselwörtern die wichtigsten 10 Neuinszenierungen des Hauses zu beschreiben. Ein Wort- und Text-Memory zu eher ambivalent-realen Empfindungen wie ZEIT, WIDERSPRUCH, SCHMERZ, FREMDE, TAUMEL, MUTTER, BEGEHREN, ANGST, FREIHEIT, GOTT.

Starten wollte das DT am 05.09. mit der Beckett-Inszenierung Warten auf Godot, die ursprünglich Dimiter Gotscheff übernommen hatte. In der Regie von Ivan Panteleev hatte das Stück Anfang Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere. Nach einer Urlaubsverletzung von Wolfram Koch ist die Berlin-Premiere auf den 28.9. verschoben worden. Nun machen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 11.09. Tabula rasa mit Gruppentanz und Klassenkampf. Carl Sternheim verabschiedete mit seiner Komödie bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, die Ideale der Sozialdemokratie. Nach der Münchner Inszenierung von Aus dem bürgerlichen Heldenleben die zweite Auseinandersetzung von Kuttner/Kühnel mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem deutschen Kleinbürgertum. Was bedeutet es heute links zu sein? Eine Frage, der die Beiden sicher wieder auf gewohnte Weise zwischen Didaktik und Comedy nachgehen werden.

Bewährtes gibt es mit Kleists Amphitryon (Andreas Kriegenburgs zweiter Kleistversuch am DT), Büchners Woyzeck (Regie: Sebastian Hartmann), Molières Der Geizige in der Regie von Martin Laberenz, dem zweiten Ex(il)-Leipziger am DT, Ibsens Die Frau vom Meer (Regie Stepahn Kimmig) und Schnitzlers Weites Land (Regie: Jette Steckel). Und natürlich darf Geburtstagskind Shakespeare nicht fehlen. Mit Macbeth (Regie: Tilmann Köhler), Was ihr wollt (Regie: Stefan Pucher) und Romeo und Julia (Regie: Christopher Rüping) wird so ziemlich die gesamte Bandbreite des elisabethanischen Dramatikers abgedeckt.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT Foto: St. B.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT
Foto: St. B.

Das Zeitgenössische Drama ist mit Altbekannten wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig aber auch gefragten jungen Autoren wie Iwan Wyrypajew, Philipp Löhle und Wolfram Lotz ganz gut abgedeckt. Besonders interessant dürfte aber vor allem Stefan Puchers Versuch an Bertolt Brechts frühem Künstlerdrama Baal sein. Erst 2009 scheiterte Christoph Mehler noch recht sportlich in den Kammerspielen. Pucher ist also in guter Gesellschaft und Brecht wieder im Kommen. Auch Volksbühnenchef Frank Castorf greift mal wieder zum proletarischen Dichter und seinem unangepassten Bürgerschreck. Um das zu sehen, muss man allerdings nach München fahren.

Das DT bietet dafür noch eine weitere Überraschung. Gerade erst wurde dem zweimaligen Überquerer der ehemaligen innerdeutschen Grenze Ronald M. Schernikau eine Informationstafel an seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf gewidmet. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November widmet Bastian Kraft dem außergewöhnlichen und leider früh verstorbenen Dichter und Schriftsteller an den Kammerspielen mit Die Schönheit von Ost-Berlin eine theatrale Collage. Es ist immerhin schon wieder vier Jahre her, dass das Theaterkollektiv PortFolio Inc. im Theater unterm Dach ebenfalls mit einer Art Collage biografischer Texte zum 50sten Geburtstag an Schernikau erinnerte.

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Das BE im Dornröschenschlaf ? Foto: St. B.

Das BE im Dornröschenschlaf ?
Foto: St. B.

Also wieder einiges los am Deutschen Theater und wenig Zeit zum wirklichen Innehalten. Dagegen fristet das benachbarte Berliner Ensemble seit Jahren einen eher fast schon museal anmutenden theatralen Dornröschenschlaf, aus dem es zumindest kurzfristig durch Leander Haußmanns fulminante Hamlet-Inszenierung erweckt werden konnte. Und ungewöhnlich früh startet das BE auch mit Haußmann in die neue Spielzeit. Im Duell der Nachbarn hat zumindest Claus Peymann terminlich kurzfristig die Nase vorn. Leander Haußmann bleibt dran und bringt nach Hamlet mit Büchners Woyzeck eine weitere getriebene Männerfigur auf die Bühne am Schiffbauer Damm bevor Anfang Oktober Sebastian Hartmann am Deutschen Theater nachziehen kann.

Viel Bemerkenswertes hatte das BE in der letzten Spielzeit allerdings nicht zu bieten. Neben zwei frühen Brechtfragmenten mit ganz unterschiedlichem Erfolg stand ein launiges Alterswerk von Luc Bondy, der Horvaths aus tiefen Augenhöhlen blickenden Kriegsheimkehrer Don Juan (Samuel Finzi) seine liebe Not mit dem weiblichen Geschlecht haben ließ. Zumindest eine einmalige Zusammenführung mehrerer Jahre Theatergeschichte in Gestalt von Schauspielern aus drei Berliner Theatern.

Die Altherrenriege Peymann und Karge teilte sich den Rest der Neuinszenierungen. Wobei Claus Peymann nur einmal und dann noch mit Kafkas Prozeß für das BE eher untypisch einen Roman inszenierte, wogegen Manfred Karge mit Fatzer am Hausheiligen Brecht scheiterte, Bruckners Die Rassen auf der Probebühne aber durchaus ganz passabel gestaltete. Runde Geburtstage von George Tabori und Heiner Müller brachten dann noch einige wenige Glanzpunkte.

HM  100 Jahre George  Fotos: St. B.

Runde Geburtstage von George Tabori (Die Kannibalen) 
und Heiner Müller (Der Spuk ist nicht vorbei) am BE

Für die neue Spielzeit hat man am Berliner Ensemble noch zwei Komödien-Inszenierungen von Katharina Thalbach (Molières Amphitryon) und Veit Schubert (Shakespeares Zwei Herren aus Verona) sowie einen musikalischen Abend von Franz Wittenbrink in Petto. In Villa Aurora erklingen Lieder aus dem Exil. Gesungen wird mit Sicherheit auch bei Robert Wilsons Faust-Inszenierung im April 2015. Herbert Grönemeyer meets Faust/Mesphisto & friends… steht in der Vorankündigung. Nach Büchners Leonce und Lena die zweite Zusammenarbeit des deutschen Sängers mit dem Texaner Wilson am BE.

Was eine neue Regiearbeit des Hausherren Claus Peymann betrifft, hält man sich am BE wie immer ziemlich bedeckt. Auf die lange angekündigte Uraufführung eines neuen Stücks von Peter Handke muss man wohl weiter vergebens warten. Der Autor äußert sich in seinem gerade erschienenen Gesprächsband über seine Arbeit fürs Theater gegenüber dem Dramaturgen Thomas Oberender auch recht despektierlich zu seinem alten Intimfreund/feind Claus Peymann. Dabei kommt der BE-Intendant im Vergleich zum Regisseur Michael Haneke oder gar dem Klassiker Goethe noch recht glimpflich weg.

Hausheiliger Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble Foto: St. B.

Hausheiliger Bertolt Brecht wacht vor dem Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Peymann wäre als Organisator der Typ Fußballtrainer, allerdings nicht bei Real Madrid sondern eher Arminia Bielefeld. Der Ostwestfälische Ballsportclub mit dem Cheruskerfürsten Arminus im Namen ist bekanntlich über die Jahre von der Bundesliga in die 3. Liga abgestiegen. Um diesen harschen Vergleich zum Fußballgeschäft etwas abzumildern, bescheinigt Handke Claus Peymann aber noch ein Ver- bzw. „Duchwalten“ aus Passion. Das wäre auch wirklich etwas Rührendes an ihm. Claus Peymann also als passionierter Sachwalter und Durchhalter einer musealen Theaterkunst. Da sagt uns Peter Handke wahrlich nicht sehr viel Neues. Das Claus Peymann aus der Deckung kommen wird, um eine neuerliche Guerilla-Abwehrschlacht in den Gazetten anzuzetteln, kann man getrost bezweifeln. Was das betrifft, macht sich bereits eine gewisse Müdigkeit beim alten Theaterrecken breit.

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Fazit der Spielzeitvorschau am Deutschen Theater und Berliner Ensemble: Die üblichen Verdächtigen beackern mit dem allgemeinen Bildungskanon den gewohnten Themenpark. Eine große Verunsicherung wird sich da wohl eher nicht breit machen. Man wird sehen müssen, was das wirklich bringt. Zumindest kann das DT gegenüber dem BE in Sachen Uraufführungen punkten. Was letztendlich sicher auch am nötigen Kleingeld, sprich Subventionen, liegen mag. Allerdings das Stück, was Claus Peymann demnächst (wann auch immer) mal uraufführen wird, will erst noch geschrieben sein.

Fortsetzung folgt…

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Weitere Infos:

Deutsches Theater Berlin: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/

Berliner Ensemble: http://www.berliner-ensemble.de/premieren

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Tragödie als Spektakel – Elektra und Hamlet, zwei Getriebene einer heiligen, selbstauferlegten Pflicht (be)geistern auf Berliner Bühnen.

Montag, Dezember 9th, 2013

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„In meinem Kopf der Krieg hört nicht mehr auf.“ Heiner Müller, aus: Wolokolamsker Chaussee

Flüche, göttliche Eingebungen und Erscheinungen der anderen Art treiben Elektra, Tochter aus dem antiken Herrschergeschlecht der Atriden und Hamlet, Prinz von Dänemark an und um. Zwei Sprosse von höchstem Geblüt sind im heiligen Auftrag unterwegs. Angetreten mit ganz ähnlichen Motiven der Rache sind sie berufen und verdammt zugleich. Sind Kinder der immer gleichen Tragödie aus schicksalhafter Verstrickung, hehrem Pflichtgefühl und großen Selbstzweifeln. Ob sie es nun vermögen ihren Auftrag auszuführen, oder nicht,  sie werden dabei doch auch mitschuldig am Kreislauf der Gewalt und scheitern schließlich am eigenen hohen Anspruch. Eine entschlossene Rachefurie aus einem verfluchten Königsgeschlecht und ein schwermütiger, zaudernder Renaissanceprinz, am Deutschen Theater und Berliner Ensemble stehen sie nun beide in ganz unterschiedlichen Inszenierungen auf der Bühne. Gemeinsam ist ihnen dabei nur der Hang zu Glamour, Trash und dem ganz hohen Ton.

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Hamlet, oder Rache ist Blutwurst – Leander Haußmann dreht am Berliner Ensemble Shakespeare durch den Theaterwolf.

„Es gab vorher immer dieses Hin und Her um die Rache oder nicht Rache. Und das erste Mal, wo er etwas tut, ist es eigentlich was Blindes und was Unkalkuliertes. Es ist kein Plan mehr, es ist nur noch blinde Praxis.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge über seine Hamlet-Inszenierung 1990 am DT (Garather Gespräch)

HAMLET am Berliner Ensemble - Foto: St. B.

HAMLET am Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Paralyse, Parabellum, Panoptikum. So sind sie, die Theatermörderkinder. Erst abwartend und dann umso entschlossener in der Tat. Und ist keine Schusswaffe zur Hand machen es auch Beil, Messer oder Schwert. Bereite dich für den Krieg, denn bereit sein ist alles. Das macht das Morden im Gedanken. Da spuken sie herum, die Theatergeister der Vergangenheit und wollen wieder gegenwärtig werden. Doch zuvor muss man ihnen erst noch gehörig den Gar ausmachen. Das muss alles irgendwann mal raus aus dem Hirn. Da sind die Bühnengeschöpfe wie ihre meist schon verstorbenen Autoren oder die heutzutage an deren Stelle getretenen Regisseure. Was denen durch die Rübe rauscht, wie es ein bekannter Großkritiker verächtlich beschreibt, wird grausame Gestalt annehmen.

Und während Elektra am DT im Nadelstreifen noch wartet, auf einen der die Drecksarbeit macht, wühlt sich Prinz Hamlet am BE höchst selbst durchs blutige Gedärm. Alles muss raus! Raus, raus, raus aus dem verfaulenden Inneren dieser aus den Fugen geraten Welt. Dass er auf diese kam, um sie wieder einzurenken, will dem melancholischen Intellektuellen zunächst nicht recht schmecken. So haben wir es jedenfalls über die Jahrhunderte deutscher Aufführungspraxis gelernt. Ihm fehlt’s an Galle. Doch nun am BE in der Neuinszenierung von Leander Haußmann wühlt sich sein Hamlet tief in die Innereien dieser Welt hinein, vor der ihm eigentlich doch ekelt, um nachzuschauen, was ihm da so stinkt, und mistet bzw. weidet dann den Saustall nach Herzenslust aus. Stellvertretend dafür nimmt er hier die Innereien des frisch geschlachteten, beim Guck und Horch überraschten Polonius. Denn so was kommt von so was. Und renken nach Ränken. Rache ist Blutwurst und nur dem Wurst, der seinen Machiavelli nicht richtig gelesen hat. Vom richtigen Gebrauch der Grausamkeiten ist dem jungen Helden aber weder an der Wiege gesungen noch an der Uni im deutschen Wittenberg gelesen worden.

Doch er lernt schnell. Sein oder nicht sein. Obs edler im Gemüt, Geblüt, oder mehr Inhalt mit weniger Kunstblut zu machen wäre, ist hier die Frage nicht. Und auch des Gedankens Blässe kränkelt Hamlet nicht mehr an. Hirn gibt’s am Stück. Es setzt es Nadelstiche satt. Erst Polonius, dann ein Zuschauer und sogar Hamlets Mutter bekommt ein paar Schläge ab. Später dann noch die verhinderten Flötenspieler Rosenkranz und Güldenstern und so weiter und so fort. Hamlet versucht die Geister in seinem Kopf zu töten. Komödie oder Tragödie wie heißt dies Genre? Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode? Einen Theatertot muss man immer sterben. Und Leander Haußmann stirbt sie alle zugleich. Er tanzt vergnügt auf den Ruinen und Gräbern der Altvordern. Ganz verleugnen kann er sie nicht. „Kommunismus ist die Zeit, wo Shakespeare verstanden wird.“ prophezeite Peter Hacks. Da sei Stalin vor und Heiner Müller. Dem Intellektuellen ekelt vor der Welt, und dieser Ekel „ist ein Privileg / Beschirmt mit Mauer / Stacheldraht Gefängnis“, sagt Müllers Hamlet. Hamlet ist nur ein feister Spießbürger auf Urlaub, ruft da Brecht von der anderen Seite der Schulter. Ein Rückfall in die Barbarei. Kein Humanismus nirgends.

HAMLET am BE - Christopher Nell, Peter Luppa - Foto: Lucie Jansch

HAMLET am BE – Christopher Nell, Peter Luppa
Foto: Lucie Jansch

Doch Haußmann versucht erst gar nicht Shakespeare zu verstehen. Sein Hamlet bleibt Geheimnis, ist Theater satt. Der will nur spielen und lässt dabei die alten Geister aus dem Sack. Sie feiern hier fröhliche Urständ. Man muss ihnen mit der Schaufel an die Kinnbacken schlagen. Von Privilegien sprechen da nur die Totengräber. Und mit ideologischen Totengräbern ist seit jeher schlecht philosophieren. Ihr erdiger Überbau hält bis zum jüngsten Tag. Haußmanns Dänemark ist ein dunkler Knast mit hohen Wänden. Ein sich beständig drehendes Labyrinth, in dem man sich auf dem Weg ins Rampenlicht schon mal verrennen kann. Hamlet tut dies zunächst mit eingezogenem Kopf und hängenden Schultern gegen die Wand. Der kleine Christopher Nell ist dieser Hamlet. Alles überragt ihn um mindestens einen Kopf, falls dieser zu Beginn nicht schon gerollt ist. Ein Leichtgewicht zunächst, läuft er doch mit der Zeit zu wahnhaft großer Form auf. Angestachelt durch einen nackten, bärtigen Vater-Geist (Joachim Nimtz), der ihm das Gebot der Rache anträgt, entledigt er sich schließlich selbst der schwarzen Kluft und läuft im weißen Büßerhemd Amok.

Der Rest des faulen Staates rekrutiert sich aus einem Panoptikum der Theaterchargen. Eine Komparserie der Macht, die Hamlet vereinnahmen will und ihm, als das nicht gelingt, nach dem Leben trachtet. Roman Kaminski und Traute Hoess als Claudius und Gertrude erledigen hier mit viel Verve ihrer Rollen als zweckgebundenes Duo in Royale. Während Traute Hoess das besorgte Muttertier gibt, entwickelt Roman Kaminski regelrecht diabolische Kräfte. Ein Spiel der Muskeln und Masken. Mausefallen überall. Norbert Stöß ist Oberkämmerer Polonius und speichelleckender Buchhalter der Mächtigen. Der reüssiert als talentarmer Kleindarsteller und Schwadroneur moralisierender Benimmfloskeln. Seine Tochter Ophelia erlaubt sich in seiner Anwesenheit schon mal ein Nickerchen. Ganz hinweg zu schnarchen vermag sie das ihr zugedachte Schicksal allerdings nicht. Anna Graenzer gelingt eine berückende Ophelia. In unbeschwerter jugendlicher Schwärmerei, wie in großer Verzweiflung und selbst noch im blumenbekränztem Wahn verleiht sie ihr Würde und fehlende Autonomie.

BE_Leander Haußmann

Leander Hausmann auf der öffentlichen Probe am BE.
Foto: St. B.

Und überhaupt hat man das BE-Ensemble selten so voller Spielfreude erlebt. Wo andere Regisseure die bleierne Schwere der Handlung betonen, kitzelt Leander Haußmann selbst noch in der Tragik die komischen Momente heraus. Sein Hamlet ist ein romantischer Moralist, dem der Sinn für das Gute und Schöne abhandengekommen ist. „So long, my Love, my Killer“ singt das Duo Apples in Space (Julie Mehlum und Haußmannsohn Philipp) in Ophelias Song. Zwischen „The Carneval is over” und „The Death is not the End” begleiten die beiden in engelsgleicher Kostümierung Haußmanns lustvolles Totentänzchen mit viel düsterer Rockmusik von Nick Cave bis Bob Dylan. Und während Hamlet noch seiner persönlichen Rache frönt, ist Fortinbras schon auf dem Weg zur großen Koalition. Nur im Vorübergehen zu besetzen ein Fleckchen Land, „nicht Gruft genug und Raum, um die Erschlagnen nur zu verbergen.“ Die tanzen weiter, im Rücken die Ruinen von Europa. Im Haus von Übervater Brecht fokussiert Haußmann den Hamlet durch das Brennglas der Müllerbrille, bis das intellektuelle Bollwerk einen Sprung bekommt. Was von Heiner Müller einst als Riss zwischen zwei Epochen postuliert wurde, geht heute mitten durch die Gesellschaft. Der Rest ist wie immer Schweigen.

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Elektra, oder Rache als Event – Stefan Pucher lässt am Deutschen Theater die Tragödie des Sophokles singen.

Der Engel der Verzweiflung

Ich bin der Engel der Verzweiflung
Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus,
die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber.
Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei.
Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken.
Meine Hoffnung ist der letzte Atem.
Meine Hoffnung ist die erste Schlacht.
Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt.
Ich bin der sein wird.
Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.

(Heiner Müller, aus: Der Auftrag)

*

So ein Engel der Verzweiflung könnte die Elektra der Katharina Marie Schubert am DT sein. Ganz in schwarz und mit fettem Kajal um die Augenhöhlen beklagt sie die Toten und klagt die Lebenden dafür an. Ein schwarzer Racheengel, Erinnye von Apolls Gnaden. Denn ihr Auftrag heißt nun mal einzig Rache zu nehmen. Für den Mord am aus Troja zurückgekehrten Vater Agamemnon soll die mit dem Mörder Aigisthos in Blutschande lebende Mutter Klytaimnestra ebenfalls mit dem Leben büßen. Was Sophokles einst als antikes Drama über Schicksal, Schuld und der Unmöglichkeit, sich anders entscheiden zu können schrieb, reduziert Regisseur Stefan Pucher auf einen reinen Krimiplot mit passenden Videotrailern und Soundtrack. Schuldfrage XY ungeklärt.

Katharina Marie Schubert ist die ELEKTRA am DT_Promobild filmstarts.de

Katharina Marie Schubert ist die ELEKTRA am DT.
Promobild filmstarts.de

Aber Elektra wirkt hier im schwarzen Nadelstreifenanzug als Mann verkleidet, wie eine verhinderte Comic-Heldin. Anstatt selbst wie Black Mamba aus Tarantinos Kill Bill zur Tat zu schreiten, ist sie auf die Rückkehr des Vollstreckers angewiesen. Aus ihr kann keine emanzipierte Emma Peel mehr werden. Für Heiner Müller liegt die Tragik der Elektra dann auch im Warten müssen auf den Bruder, als Werkzeug der Rache. Müller deutet die Elektra als Sinnbild weiblicher Rebellion, als „Metapher für Verweigerung, für Verweigerung von Anpassung“. Darin sind sich die Figuren Hamlet und Elektra ähnlich. Aber während Hamlets anfängliches Zögern vor dem väterlichen Mordauftrag noch intellektueller Natur ist, stützt sich Elektras unbedingter Wille zur Rache auf ein göttliches Gebot, das keinen Aufschub duldet.

Pucher bringt Sophokles Plot komplett, hier in neuer Übersetzung von Peter Krumme. Er interessiert den Regisseur aber einzig als Aufhänger für eine Rock’n’Pop-Show auf großer Revuebühne. Und da scheinbar schon alles über Elektra gesagt ist, lässt Pucher nun singen. Das Drama findet nicht mehr statt, wie Müller sagen würde. Auf den Brettern die die Welt bedeuten reproduziert es sich nun als Allerweltsgeschichte aus dem TV-Vorabendprogramm. Untermalt mit eingängigen Rock- und Popballaden von den Musikern Michael Mühlhaus und Masha Qrella. Elektra schiebt den Blues, und der Chor swingt dazu mit den Hüften. Sie greint und wartet auf den Mann mit der Axt. Susanne Wolff als Mutter Klytaimnestra dominiert im kurzen, schrillen Soloaufritt. Schwester Chrysothemis (Tabea Bettin) fürchtet um ihre soziale Stellung und möchte sich lieber nicht zu Elektra ins Abseits stellen. Während Bruder Orest wie ein abgehalfterter Grungerocker völlig paralysiert vom Rachegebot über die Bühne schlurft. Er und sein Begleiter sind fette, schlaffe, langhaarige Männer im Rock.

Pucher will den ollen schwarz-weißen Kintopp-Streifen des Sophokles rocken und poppt ihn zusätzlich mit bunten Video-Bildern von Chris Kondek in Breitwandästhetik auf. Der von Michael Schweighöfer reißerisch vorgetragene Bericht des alten Dieners über den angeblichen Wagenrennen-Unfall des Orest wird mit Videos von ebenso gefakten Stock-Car-Rennen untermalt. Im Stile eines Bondgirls schwebt eine dunkle weibliche Gestalt auf einer Axt durchs Bild. Nur ist Orest kein James Bond und Aigisthos kein wirklicher Dr. No. Andreas Döhler spielt ihn als gelangweilten Anzugträger, der, sich seiner Macht ganz sicher, eher erstaunt dem jungen Orest zur Abschlachtung ins Haus folgt. Helter Scalter! Aber auch die Nacht der langen Messer bleibt Behauptung. Felix Goesers Orest schlägt im Video mit der Axt auf Pappmacheköpfe ein. Alles nur Show. And The Show Must Go On will uns Stefan Pucher sagen.

Deutsches Theater Berlin - Foto: St. B.

Deutsches Theater Berlin – Foto: St. B.

Drei Akkorde Aschenputtel, zwei Takte Rockpalast, ein Schuss Denver Clan und fertig ist Puchers neuer Atriden-Cocktail namens Elektravue. Eine aufgeblasene Soap Opera zerplatzt auf Sitcom-Niveau. Elektra erscheint dann nach getaner Arbeit ebenfalls im Showkostüm und reiht sich in den Chor der Angepassten ein. Mit dem Massenmörder Charles Manon singt man nun gemeinsam „Your home is where you’re happy / It’s not where you’re not free”. Was wie ein ironischer Abgesang auf die einstige Rebellion und ein selbstbestimmtes Leben klingen soll, ist hier nichts weiter als Just Another Popsong. Wenn man ein Stück als altbacken und überkommen erkannt hat, dann hilft ihm das einfache Überstülpen neuer ironischer Kleider auch nicht weiter. Stefan Pucher entsorgt die wahre Tragödie der Elektra in der Altkleidersammlung und befördert sie damit von der Theater-Wunderkammer direkt ins Kuriositätenkabinett der Regieeinfälle, einem Panoptikum der blutleeren Theatertoten.


Hier spricht Elektra. Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer. Ich stoße allen Samen aus, den ich empfangen habe. Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift. Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe. Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln. Ich begrabe sie in meiner Scham. Nieder mit dem Glück der Unterwerfung. Es lebe der Hass, die Verachtung, der Aufstand der Tod. Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“ Heiner Müller, aus: Hamletmaschine

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HAMLET
PRINZ VON DÄNEMARK
von William Shakespeare, übersetzt von August Wilhelm Schlegel

Mit: Roman Kaminski, Traute Hoess, Christopher Nell, Norbert Stöß, Anna Graenzer, Felix Tittel, Luca Schaub, Peter Miklusz, Georgios Tsivanoglou, Boris Jacoby, Joachim Nimtz, Peter Luppa, Martin Seifert, Marcus Hahn, Rayk Hampel, René Haßfurther, Franz Jarkowski, Ulrike Just, Carsten Kaltner, Marc Lippert, Haiko Neumann, Apples in Space (Philipp Haußmann, Julie Mehlum).

Hamlet_BE-ÖP 20.11.13 (4)Regie: Leander Haußmann
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Komposition: Apples In Space
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Kämpfe: Rainer Werner

Dauer: 3h 30 Min (eine Pause)

Weitere Informationen: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/95

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ELEKTRA
von Sophokles, Deutsch von Peter Krumme

Mit: Katharina Marie Schubert, Susanne Wolff, Anita Vulesica, Tabea Bettin, Felix Goeser, Michael Schweighöfer, Andreas Döhler; Musiker: Masha Qrella, Michael Mühlhaus; im Video: Damian Fink, Karolin Wiegers.
Regie: Stefan Pucher

Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Chris Kondek
Licht: Matthias Vogel
Ton: Matthias Lunow
Dramaturgie: Claus Caesar

Dauer: 1 h 30 Min (keine Pause)

Weitere Informationen: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/elektra/

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Kunst und Politik. Das Deutsche Theater Berlin zwischen gesellschaftlichem Anspruch und guter Unterhaltung – Rückschau und Ausblick in die neue Spielzeit

Dienstag, August 30th, 2011

Das Deutsche Theater in Berlin hat die letzte nicht gerade berauschende Spielzeit zeitig beendet, nach den Autorentheatertagen, die sich mit dem Thema Komödie beschäftigten, war Mitte Juni Schluss. Da das DT selbst nichts adäquates beisteuern konnte, setzte man die neue Produktion „Tape“ von Stephen Belber in einer Inszenierung von Stefan Pucher als Knaller ans Ende. Man ist beim diesjährigen Theatertreffen übergangen worden, das schmerzt sicherlich, aber nur ein oder zwei Inszenierungen verdienten überhaupt den Titel „bemerkenswert“. Man denkt da in erster Linie an den starken Beginn im September 2010 mit dem Hacks-Abend „Die Sorgen und die Macht“ in der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner oder vielleicht noch an den von den Kritikern vielgelobten Schauspielerabend „Kinder der Sonne“, ein Stück von Maxim Gorki, das Stephan Kimmig auch schon im Oktober 2010 inszeniert hatte.
Man kann sich am DT auf ein starkes Ensemble stützen, das sich seit dem Antritt von Ulrich Khuon vor 2 Jahren auch aus einigen sehr guten Schauspielern des Thalia Theaters in Hamburg speist. Verstärkt wird dieses große Aufgebot immer wieder mit Darstellern, die sich vor allem auch in Film und Fernsehen einen Namen über die Grenzen des Theaters hinaus gemacht haben. Es sind dies vor allem Ulrich Matthes, Katharina Schüttler, Sophie von Kessel und natürlich immer wieder Nina Hoss, wie gerade eben auch in „Tape“. Dagegen setzte schon Anfang Mai diesen Jahres Jette Steckel mit ihrer Inszenierung „Kleinbürger“ von Maxim Gorki rein auf das hervorragende Ensemble des Deutschen Theaters.

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Willy Loman zerbrüllt den Amerikanischen Traum und Natascha Kampusch trifft den bösen Medien-Wolf – Die „großen“ Häuser aus Zürich und Wien beim Theatertreffen 2011

Samstag, Mai 21st, 2011

Die Halle des Radialsystem V, sonst Heimstadt von Sasha Waltz und ihrer Tanzcompany, ist nicht zum ersten Mal Bühne für ein Stück aus dem Schiffbau des Züricher Schauspiels. 2008 zeigte hier Jan Bosse seinen furiosen Mitmach-„Hamlet“ mit Joachim Meyerhoff und Edgar Selge, die Bühne gestaltete auch Stéphane Laimé. Das Publikum saß mit den Darstellern an einer großen Tafel rund um das Geschehen und einige mussten sogar mitspielen. Das bleibt einem bei der Inszenierung Stefan Puchers von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ Gott sei Dank erspart. Man sitzt auf normalen Stühlen und ist nicht mehr Teil des Bühnenbildes, das Stéphane Laimé diesmal noch etwas breiter angelegt hat. Auf der gesamten Länge der Halle, reihen sich Küche, Wohn- und Schlafzimmer der Lomans sowie eine Bar und das Howardsche Büro im 50th-Style vor uns auf. Ganz rechts vor einer Bluescreen steht der Thunderbird, den Willy Loman dank der Videotechnik auch über die Straßen Amerikas fahren kann.
Willy Loman, das ist hier Robert Hunger-Bühler und er ist es, als hätte es nie einen anderen gegeben. Hunger-Bühler geht hier völlig in der Rolle auf, so dass man an ihm alle Gefühlsregungen, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt mehrfach bewundern kann. Dieser Willy lebt den Amerikanischen Traum, auch noch dann, als er schon am Boden zerstört vor seinem einzigen Freund Charly (Siggi Schwientek) steht, trotzdem den angebotenen Job ablehnt und lieber in den Tod fährt. Der Thunderbird steht dabei außerhalb der Halle und man hört nur das Scheppern und Krachen von draußen. Keine Angst, Robert Hunger-Bühler kommt wieder, dem Thunderbird ist auch nichts passiert und Willy singt noch einmal mit musikalischer Begleitung aller den Song von The Velvet Underground „I’m Set Free“. Allein dafür hätte es sich gelohnt zu kommen und zu bleiben, ein bitter-süßer Abgesang auf die Suche nach immer neuen Illusionen. Allerdings muss man bis dahin eine Inszenierung durchleiden, die dermaßen überzeichnet ist, dass man glaubt in eine TV-Reality-Show geraten zu sein. Damit man auch ja keine Gefühlsregung oder irgendeinen Gesichtsausdruck verpasst, wird das Ganze von mehreren Kameras eingefangen und auf großen Videoleinwänden präsentiert.
Friederike Wagner als Linda Loman ist die aufopferungsvolle Gattin bis zur Selbstverleugnung, sie steht in der Küche, lässt sich zurechtweisen und hält trotzdem zu ihrem Willy. Abends im Bett, wie früh morgens beim Kaffee, sie baut ihn immer wieder auf. Nur einmal verliert sie die Kontenance als ihre Söhne besoffen nach Hause kommen und den Vater in der Kneipe alleingelassen haben. Biff und Happy (Sean McDonagh und Jan Bluthardt) sind die Erben des Lomanschen Traums vom Aufstieg, sie wissen nur noch nicht ganz, wie sie ihre ganzen Hirngespinste darüber umsetzen können, aber mit den Frauen klappt es jedenfalls erst mal ganz gut. Die Auseinandersetzungen des schwarzen Schafs Biff mit seinem Vater werden vorzugsweise in der beleidigten Attitüde und lautsstark vollzogen. Dabei nehmen sich beide nicht viel, man muss zwangsläufig an den Schreikrampf von Bruno Cathomas als Biff in der Inszenierung von Luc Perceval an der Schaubühne denken (kleine Kostprobe), nur das Thomas Thieme als Willy sich ein Guantanamera drauf gepfiffen hat. Robert Hunger-Bühler stammelt hier weiter die Mantras der Leistungsgesellschaft.
Pucher bricht den überspitzten Plot immer wieder mit eine paar Musikeinlagen, etwas Glämmer, Videos und seinem üblichen Inszenierungskitsch. Die Veranstaltung schwankt zwischen diesen Extremen und wirkt dadurch stellenweise unfreiwillig komisch. Witzige Einlagen wie der Regieeinfall den Chef Willys als Miss Howard (Julia Kreusch) auftreten zu lassen, die dem konsternierten Willy die Vorzüge ihres neuen Diktaphons erklärt und die Szene in der Biff in einer der vielen Rückblenden den Vater mit einer Geliebten (Michaela Steiger) im Hotelbett überrascht, stehen gegen sich wiederholende, nicht enden wollende Mono- und Dialoge sowie das Auftreten des Bruders Ben (Markus Scheumann), zu dem Willy ständig spricht, als geisterndes Wesen mit Cowboyhut und Spazierstock, fast eine Art Onkel-Sam-Karikatur. Eine Reduzierung der Figuren und weitere Straffung der Handlung wären dringend angebracht. Zugute halten muss man Pucher, obwohl er die „schein“heilige Reklame-Welt des amerikanischen Traums in allen Fassetten auswalzt, dass er ihn auch dementsprechend durch diese völlige Figurenüberzeichnung gnadenlos zercrasht. Allerdings hätte es dazu nicht dieses 50er Jahre Devotionalien-Parkours samt Entourage bedurft. Erwähnenswert sind an dieser Inszenierung tatsächlich nur die überbordende Ausstattung und die Anzahl der Mitwirkenden. Aber das grelle Pathos übersättigt und ermüdet dann auch mit der Zeit, gediegene Langeweile machte sich zusehends unter den Zuschauern breit.

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Der amerikanische Traum schlechthin, Willy Lomans Thunderbird parkt vor dem Radialsystem V (Foto: St.B.)

„Herzlich willkommen zur Ernst Jandl Show!“ ruft das Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße unweit des Hauses der Berliner Festspiele in dem gerade das Theatertreffen 2011 stattfindet. Der Meister des um die Ecke Denkens und Sprechens macht hier nach Wien und München Station mit seiner Wunderwelt aus Text und Stimme. In seinem Stück „Aus der Fremde“ (1980) lässt er die Protagonisten miteinander oder über sich konsequent in der 3. Person und im Konjunktiv sprechen. Das vermittelt die emotionale Leere und persönliche Entfremdung der Personen. Jandl zeigte mit seiner Hauptfigur „Er“ einen Schriftsteller in der Schaffenskrise, einen höchst depressiven Menschen, der sozusagen neben sich steht und sich dabei beobachtet.
Kathrin Röggla benutzt nun diese Technik in ihrem neuen Stück „Die Beteiligten“, das in einer Inszenierung von Stefan Bachmann am Akademietheater Wien herausgekommen ist. Es wird darin der Medienrummel über den Entführungsfall Kampusch verarbeitet. Es treten 6 Personen auf, der quasifreund (Jörg Ratjen), der möchtegern-journalist (Peter Knaack), die pseudopsychologin (Alexandra Henkel), die irgendwie-nachbarin (Barbara Petritsch), das gefallene nachwuchstalent (Simon Kirsch) und die „optimale“ 14-jährige (Katharina Schmalenberg, mal wieder in Berlin zu sehen) und erzählen über ihre Beziehung zu N. K. als wenn diese selbst sprechen würde, in der 3. Person also. Röggla versucht hier eine Distanz zum Gesagten zu erzeugen und die Worte der „Beteiligten“ ihrem Objekt der Begierde in den Mund zu legen. Es wird bereits an den Namen klar, dass das Interesse der Protagonisten an N. K. nur rein persönlicher Natur ist, im medialen Ausschlachten der Story und im Schaffen einer Quasi-Reflexionsfläche für eigene Unzulänglichkeiten. Das Programmheft walzt die Sündenbocktheorie der medialen und gesellschaftlichen „Jagdmeute“ aus und zitiert aus Guy Debords „Gesellschaft des Spektakels“.
Auf der Bühne beginnt alles sehr eindrucksvoll mit einer Pressekonferenz, bei der alle seitlich zum Publikum vor einem Bildschirm sitzen und die Gesichter per Video frontal auf eine Leinwand geworfen werden. Das symbolisiert noch mal sehr gut die indirekte Redeweise der Personen. Anschließend versucht dann aber Bachmann den bisweilen langatmigen Text von Kathrin Röggla aufzupeppen. Willkommen in der Kampuschshow! Die indirekten Monologe rauschen nun fast unmerklich an einem vorbei, erschlagen von den Bildern der Auftritte des gefallenen nachwuchstalents als singender Falco (Jeanny, Out of the Dark) oder tanzender und am Bühnenhimmel schwebender SS-Mann. Bachmann plustert das Stück zu einem Österreich-Geschichtsmusical auf, das mit verdrängter Historie spielt und kitschige Landschaftsbilder an den Bühnenhintergrund wirft. Autoritäre Szenen aus dem Leben der Trappfamilie aus dem amerikanischen Musicalfilm „The Sound of Music“ (Meine Lieder – meine Träume) werden eingespielt. Der Film prägt bis heute das Österreichbild der Amerikaner und wird für Tourismuswerbezwecke gebraucht, den nationalsozialistischen Hintergrund komplett negierend. Dazwischen treten die Schauspieler in fliederfarbenen Blusen und mit Kopftüchern auf, ein Verweis auf das Outfit der Kampusch bei ihrem ersten Fernsehinterview.
Man könnte sagen Bachmann versucht mit diesem Spektakel den dürftigen Text von Kathrin Röggla zu retten, auch Stücke von Elfriede Jelinek haben erst durch ihre kongenialen Umsetzungen auf der Bühne an Relevanz gewonnen. Nur ist Stefan Bachmann nicht vom Schlage eines Nicolas Stemann oder einer Karin Beier und Elfriede Jelinek hat auch schon zwingendere Texte zu den Fällen Kampusch und Fritzl geschrieben. Das Fehlen der eigentlichen Figur Kampusch hat Bachmann dann noch bewogen das Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf abgewandelt in die Inszenierung einzuflechten. Die Leidensgeschichte der N. K. als Opfer „3096 Tage“ (Titel ihres Buches über die Erlebnisse der Gefangenschaft) im Bauch des Wolfes, setzt Bachmann gegen die Ironisierung des Stücktextes durch seine grellen Bilder. Der Befreiungsschlag gegen die Medienmonster im Nacktsuite erfolgt dann durch Katharina Schmalenberg mittels Kill-Bill-Musik und einer Attacke mit dem Samuraischwert. Bombastkitsch gegen Perversion und verquere Moralvorstellungen der Gesellschaft, als mäßig witzige Mediensatire geht das noch halbwegs durch, aber bemerkenswert Neues ist daran nicht zu entdecken.