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Mit Inszenierungen von Katie Mitchell und Simon McBurney gibt sich die Berliner Schaubühne very britisch

Montag, Dezember 28th, 2015

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Kurz vor dem Jahreswechsel gibt sich die Schaubühne am Lehniner Platz mal wieder very britisch. Neben Katie Mitchell, die mit Ophelias Zimmer die Shakespeare’sche Randfigur ins Rampenlicht holt, inszeniert auch Simon McBurney zum ersten Mal mit deutschem Ensemble eine Adaption des im englischen Exil entstandenen Romans Ungeduld des Herzens von Stefan Zweig.

 

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto: St. B.

Premiere von Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto: St. B.

 

Ophelias Zimmer – Katie Mitchell zeigt in der Schaubühne was bei Shakespeares Hamlet im Verborgenen bleibt

Bereits mit einer neuen Version von August Strindbergs Fräulein Julie hat die britische Regisseurin Katie Mitchell ein unbemerkt gebliebenes Frauenschicksal der klassischen Dramatik ins Rampenlicht ihrer Livekameras geholt. Und auch Ophelia, die für das königliche Ränkespiel im faulen Staate Dänemark missbraucht bisher nur als schöne Frauenleiche durch die Kunstgeschichte geistern durfte, bekommt nun einen angemessenen Bühnenauftritt. An den Kammerspielen hatte sich 2012der Belgier Kristof Van Boven an einer Ophelia-Version mit Marie Jung im Werkraum der Münchner Kammerspiele versucht. Eine recht dünne Nacherzählung des Hamlet-Plots aus Sicht der armen Verschmähten. Katie Mitchel hat sich für ihre Fassung an der Schaubühne die britische Theaterautorin Alice Birch geholt und die Ophelia mit Jenny König besetzt, die bereits in Mitchels The Forbidden Zone als Hauptdarstellerin brillieren konnte.

Die Kameras hat Katie Mitchell diesmal weggelassen und sich von Chloe Lamford eine sehr karges Bühnenbild in Form eines Zimmers mit Bett, Nachtisch und Stuhl in den Globe-Saal der Schaubühne bauen lassen. Zwei Türen führen in das Zimmer hinein, wobei die eine nur als Fenster nach außen dient, um den Blick auf kommende und gehende Personen des Hauses wie Vater Polonius oder Bruder Laertes freizugeben. Als metaphorische Aktüberschriften wählt Mitchell die fünf Phasen des Ertrinkens: Abwehr, Atemstillstand, Bewusstlosigkeit, Krampfstadium und klinischer Tod. Entlang dessen spult sich in akribischer Genauigkeit der immer gleiche Tagesablauf ab, der Ophelia beim Schlafen, Ankleiden, Nähen und kurzen Spaziergängen zeigt. Obligatorisch auch der tägliche Blumenstrauß und die Briefe von Hamlet, die eine Bediensteten (Iris Becher) bringt. Die Blumen stopft Ophelia in den Papierkorb, die Briefe sind Kassetten, die sie im Nachtschrank versteckt.

 

Jenny König ist Katie Mitchels Ophelia - Foto (c) Gianmarco Bresadola

Jenny König in Katie Mitchells Ophelias Zimmer
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Die einzelnen Szenen werden durch elektronische Signale und den Wechsel der Beleuchtung getrennt. Hin und wieder fährt ein schwarzer Kubus herunter, auf dem die nächste Phase projiziert wird. Ophelia plagen Albträume, immer wieder erwacht sie nachts und hört sich die wirren und teilweise obszönen Hamlet-Texte auf den Kassetten an. Irgendwann will sie die Briefe nicht mehr annehmen. Zusätzlich hat Alice Birch Texte für die Stimme der toten Mutter (Jule Böwe) geschrieben, die immer wieder aus dem Off zu Ophelia spricht. Sie bedauert das Ophelia keine Junge geworden ist, sondern ein Mädchen, dem sie nichts bieten kann. „Mach dich klein, schlüpf in die Wände. Es herrscht ein bedrückende Stimmung. Die lähmende Enge der Situation wird noch dadurch bildlich verstärkt, dass Ophelia sich nach jedem Tag ein weiteres Kleid überstreift.

Sinn dieser formal strengen, etwas unergiebigen Übung ist wohl, die totale Abhängig Ophelias von den sie für ihre Zwecke instrumentalisierenden Männern zu zeigen, deren Gutdünken oder die Gewalt, der die junge Frau ausgesetzt ist. Das geht bis zum Einsperren ins Zimmer, das Ophelia nur noch zu bestimmten Anlässen verlassen darf. Und später, nachdem ihr gesagt wurde, dass der Vater tot sei, bekommt sie von einem Höfling (Ulrich Hoppe) noch Drogen verabreicht, um ihre Erinnerungen zu trüben und ihren Willen zu brechen. Zweimal nur wird Hamlet (Renato Schuch) in Ophelias Zimmer stürmen, Zuerst um sie zu schütteln und als pure Pose wild wie der suizidale Sänger Ian Curtis zu Love Will Tear Us Apart von Joy Divison zu tanzen. Das andere Mal mit der entstellten Leiche des Vaters.

Einen Ausweg zeigt Katie Mitchell nicht. Das geflutete Zimmer wird zum nassen Grab mit den nun auf dem Wasser schwimmenden Blumen. Die Inszenierung will das Schicksal Ophelias hinter der Wand – einer Mauer des Verschweigens – sichtbar machen, während sich sonst davor das altbekannte Drama abspielt. „Du bist mein Versprechen.“ heißt es in Hamlets Audiobriefen. „Du bist der Stein auf dem die verschwundene Zeit fußt.“ Eine recht verquaste Kitsch-Rhetorik. Leider leihen die Regisseurin und Autorin ihrer Protagonistin keine angemessene Gegenstimme. So muss Ophelia weiter das blasse, verstörte Opfer bleiben. Eine ästhetisch-schöne Wasserleiche mit viel Theaterblut.

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Ophelias Zimmer (16.12.2015)
Mit Texten von Alice Birch
Deutsch von Gerhild Steinbuch
Regie: Katie Mitchell
Bühne und Kostüme: Chloe Lamford
Sounddesign: Max Pappenheim
Dramaturgie: Nils Haarmann
Lichtdesign: Fabiana Piccioli
Mitarbeit Regie: Lily McLeish
Künstlerische Mitarbeit: Paul Ready, Michelle Terry
Mit: Iris Becher, Ulrich Hoppe, Jenny König, Renato Schuch
Die Texte von Ophelias Mutter wurden eingesprochen von: Jule Böwe
Statisten: Oliver Herbst / Mario Kutz
Premiere in der Schaubühne war am 07.12.2015
Dauer: ca. 120 Minuten
Termine: 19. – 21.02.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de

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Ungeduld des Herzens – Der britische Regisseur Simon McBurney erweckt den Roman des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig zu neuem Leben

Der britische Schauspieler und Regisseur Simon McBurney ist kein Unbekannter in der internationalen Theaterszene. Mit seinem Ensemble Complicite ist er seit Jahren gern gesehener Gast auf zahlreichen Theaterfestivals. So auch bei den Wiener Festwochen, wo er 2012 mit seiner Adaption von Michail Bulgakows Roman Der Meister und Magarita (The Master and Margarita) sogar das große Burgtheater füllte. In Berlin gastierte McBurney bisher nur solo. Mit seiner beim F.I.N.D.#15 in der Schaubühne am Lehniner Platz als Work in progress vorgestellten Produktion Amazon Beaming wird er unter dem Titel Encounter bei den Wiener Festwochen 2016 auftreten.

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Gianmarco

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne – Foto (C) Gianmarco

Nach Österreich führt nun auch McBurneys erste Arbeit als Regisseur mit einem deutschsprachigen Ensemble. Für die Berliner Schaubühne hat er Ungeduld des Herzens, den einzigen vollendeten Roman des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig adaptiert. Schachnovelle; Sternstunden der Menschheit oder der als Erinnerungen eines Europäers posthum veröffentlichte Rückblick Die Welt von gestern künden von der Meisterschaft Zweigs als großartigem Erzähler, Biografen und Chronisten seiner Zeit. Und auch in seinem 1939 im Exil erschienen Roman Ungeduld des Herzens beschreibt er akribisch die österreichische Gesellschaft kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

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Der junge Kavallerieleutnant Anton Hofmiller nimmt an einer Gesellschaft des ungarisch-jüdischen Barons Kekesfalva teil und begeht im Überschwang einen folgenschweren Fauxpas. Er fordert in Unwissenheit Edith, die gelähmte Tochter des Barons, zum Tanz auf. Nachdem er sich mit einem Blumenstrauß entschuldigt hat, lädt ihn Edith zu einem Besuch ein, dem viele weitere folgen werden. Hofmiller verstrickt sich immer mehr in sein Mitleid mit dem durch Krankheit gehbehinderten Mädchen und beginnt auf Bitten des Vaters und Drängen des Arztes Condor ein Spiel aus falschen Hoffnungen und Lügen, aus dem er keinen Ausweg mehr findet. Hofmiller verlobt sich schließlich mit Edith, kann aber vor den Kameraden nicht zu dieser Entscheidung stehen. Als Edith davon erfährt, stürzt sie sich, noch bevor der reuige Leutnant vom Ort seiner Versetzung zu ihr zurückkehren kann, von der hohen Terrasse des elterlichen Hauses in den Tod.

Stefan Zweig unterscheidet ganz genau zwischen dem sentimentalen Mitleid, „das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück“ und dem schöpferischen Mitleid, „das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus“. Auch im mit seiner Tochter leidenden Vater, dem einst armen Juden Kanitz, der eine Frau heiratete, der er gerade recht geschäftstüchtig das Erbe der Kekesfalvas billig abgekauft hatte und im Arzt Condor, der eine blinde Patientin ehelichte, die ihn nun für sich allein beansprucht, zeigt Zweig diese gegensätzlichen Arten des Mitleids. Den Zusammenhang erkennt Hofreiter jedoch viel zu spät und stürzt sich verzweifelt in die unsinnigen und blutigen Getümmel des Ersten Weltkriegs.

 

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Gianmarco Bresadola

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne
Foto (C) Gianmarco Bresadola

 

McBurney zieht hier nun gedanklich die Parallelen vom an seiner Zeit verzweifelnden Pazifisten Zweig zu den heutigen Flüchtlingsbildern aus den Medien. Allerdings verdeutlicht der Regisseur das erst ziemlich am Ende seiner Inszenierung mit viel Schlachtgetöse, Videoeinsatz und Theaterblut. Davor läuft der Inhalt des Romans gute zwei Stunden mehr als eine sehr ambitionierte szenische Lesung in Versuchsanordnung ab, in die Schauspieler Robert Beyer einführt wie in eine längst vergesse Zeit. Ein Museumsführer in die gute alte k.u.k.-Monarchie mit in einer Vitrine ausgestellten Uniform. Dazu kann Johannes Flaschberger im schönsten Wienerisch vom ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand berichten. Der Rest des Ensembles setzt sich derweil an Mikrofonständer und Tische.

Wechselseitig, noch ohne genaue Rollenzuschreibungen, werden nun Handlung und Dialoge des Romans erzählt. Wobei Christoph Gawenda als sich erinnernder Hofmiller und Haupterzähler fungiert, während sich Laurenz Laufenberg schließlich die Uniform anzieht und den jungen Leutnant gibt. Aber vor allem bei der Figur der Edith (Marie Burchard) entsteht in den nun aus der Erzählung heraus entwickelnden kurzen Spielszenen eine Art von Verfremdung mit teilweise durch die Mikros verzerrter Stimme oder nur synchron bewegten Lippen zum von Eva Meckbach gesprochenen Text. Im Weiteren wirft man sich kurz Kittel über, werden Geräusche erzeugt; als Terrasse dient ein rollbarer Tisch. Moritz Gottwald spricht einen böhmischen Burschen, und alle zusammen mimen Kavalleriepferde oder die tumben tätowierten Kameraden Hofmillers. Auch Robert Beier kann hin und wieder in seinem besonderen Talent für Verstellungskunst brillieren.

McBurney versucht die direkte Identifikation mit den klar ausgestellten Theatermitteln so gut es geht zu verhindern, lässt dann aber – wie schon in Master and Margarita – etwas zu sehr die Video- und Sound-Maschinerie arbeiten. In diesem eher kleinen Kammerspiel ist und bleibt aber, gewollt oder nicht, sein bester Mitspieler Zweigs Text selbst. Und wenn auch der Regisseur immer mehr aufs Tempo drückt, um eine größere Spannung zu erzeugen, entwickelt sich die gewünschte Empathie mehr über das Wort als über das Bild. Die sieche Seele der österreichischen Gesellschaft – verdeutlicht durch militärischen Drill, Ehrenkodex, Gehorsam und Antisemitismus – sowie dem sich in völliger Selbstüberschätzung in seine Lügen verliebenden Hofmiller („an jenem Abend war ich Gott. Ich hatte die Welt erschaffen und siehe, sie war voll Güte und Gerechtigkeit… Ich und nur ich war der Anfang, die Mitte und der Ursprung ihres Glücks…“) versagt am jungen Geist eines kranken Mädchens. Hofmillers Mitleid bleibt nur eine Illusion davon, einmal im Leben das Richtige zu tun.

Etwas erinnert bei McBurneys Herangehensweise auch an die grandiose Schaubühnen-Inszenierung des zurzeit allerdings mehr mit markigen Worten von sich Reden machenden Letten Alvis Hermanis, in der das Ensemble spielerisch und erzählerisch die Zeit von Puschkins Versroman Eugen Onegin erstehen ließ. Wäre McBurney nicht etwas zu sehr von seinen Theatermitteln überzeugt und ähnlich wie seine Kollegin Katie Mitchell in die Video-Kamera verliebt, hätte das ein sehr großer Abend werden können. Zumindest funktioniert er als Theater und leistet einen recht wirkungsvollen Dienst an der Entdeckung von Zweigs geschichtlich relevanten und eminent wichtigen Texten für die Bühne.

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Ungeduld des Herzens (22.12.2015, Schaubühne am Lehniner Platz)
von Stefan Zweig
Regie: Simon McBurney
Mitarbeit Regie: James Yeatman
Bühne: Anna Fleischle
Kostüme: Holly Waddington
Licht: Paul Anderson
Musik: Pete Malkin, Benjamin Grant
Video: Will Duke
Dramaturgie: Maja Zade
Mit: Robert Beyer, Marie Burchard, Johannes Flaschberger, Christoph Gawenda, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg, Eva Meckbach

Termine: 14.-17.01.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 23.12.2015 auf Kultura-Extra.

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