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O Brother, where art thou? Die Deutschland-Premiere von Stefano Massinis Banken-Saga um die Lehman Brothers in der Regie von Stefan Bachmann am Staatsschauspiel Dresden

Samstag, Juni 13th, 2015

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Neben JP Morgan Chase und Goldman Sachs war Lehman Brothers eine der wohl bekanntesten, global operierenden Investmentbanken und unmittelbar in den weltweiten Bankenskandal von 2007 verwickelt. Die folgenschwere Insolvenz des Bankhauses löste die größte Finanzkrise der Nachkriegszeit aus. Der italienische Autor Stefano Massini hat ein Theaterstück über das Familienimperium der Lehman Brothers geschrieben, das 2013 in Paris uraufgeführt wurde. In einer Koproduktion des Staatsschauspiels Dresden mit dem Schauspiel Köln hat nun Regisseur Stefan Bachmann die deutsche Erstaufführung von Massinis Stück Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie (Lehman Trilogy. I Capitoli del Crollo) inszeniert. Die deutschsprachige Erstaufführung am Staatsschauspiel Dresden fand vorgestern statt.

Lehman Brothers. am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) David Baltzer

Lehman Brothers am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) David Baltzer

Stefano Massini breitet in einer epischen Länge von fast 250 Seiten den Aufstieg der Nachfahren eines jüdischen Viehhändlers aus dem bayrischen Rimpur zur Dynastie der US-amerikanischen Lehman Brothers Bank vor uns aus, beginnend mit der Übersiedlung des ersten Bruders, Heyum (Henry) Lehmann, in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Montgomery Alabama bis in die 1980er Jahre der New Yorker Wall Street. Es ist aber nicht nur eine Geschichte vom typisch amerikanischen Traum des wirtschaftlichen Aufstiegs aus dem Nichts, von Gier nach Macht und immer mehr Geld, sondern auch die eines Verfalls religiöser und familiärer Traditionen, gepaart mit dem Verlust ethischer und moralischer Werte. Leider aber ohne einen vertiefenden Blick auf die wirklichen, finanzpolitischen Aspekte des herrschenden Bankensystems zu werfen.

Das Stück beginnt mit der Ankunft Heyums, „Sohn eines Viehhändlers, beschnittener Jude mit Bart“ in der Neuen Welt. Bereits mit der Änderung des Namens setzt der langsame Verlust der alten Identität ein, die zu Beginn noch geprägt ist durch das Einhalten jüdischer Rituale und Vorschriften, die immer mehr, einem anderen Gott folgend, der Prosperität des Geschäfts geopfert werden. Das birgt natürlich die Gefahr des Klischierens eines jüdischen Geldimperiums in sich. Der Autor hält sich hier aber strikt an historische Fakten, die er geschickt mit der verstärkten Einwanderung von Juden nach Amerika und deren Kollision mit dem Mythos des allgemeinen amerikanischen Traums mixt. Henry (Thomas Müller), dem Kopf der Familie, stehen im ersten Teil bald die Brüder Emanuel (Torsten Ranft) als Arm und Mayer (Ahmad Mesgarah) als eher unterschätztes, aber ausgleichendes Korrektiv der beiden Hitzköpfe zur Seite.

Lehman Brothers. am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) David Baltzer

Lehman Brothers am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) David Baltzer

Die ersten Dollars machen die Brüder mit einem Geschäft für Tuchwaren und Kleidung, bis sie, noch in der Zeit der Sklaverei im Süden der Vereinigten Staaten, gezielt anfangen, billig Baumwolle zu erwerben, um sie als „Mittler“ an die großen Tuchfabriken an der Ostküste teurer wieder zu verkaufen. Das durchweg spielfreudige Ensemble aus Dresdner und Kölner Schauspielern schlüpft dabei immer wieder schnell in andere Rollen und zeigt typenartig etwa den Sklaven-Vorarbeiter Rundkopf Deggoo (Jörg Ratjen) oder den Tuchfabrikanten Teddy „Sauberhand“ Wilkinson (Philipp Lux). Begleitet wird das durch das Erzählen der Handlung und erklärende Einschübe, wie beispielsweise die Geschichte der Blue Jeans. Die Besonderheit des Textes, der kaum echte Dialogszenen enthält, liegt in seiner epischen Beschaffenheit. Eine inszenatorische Herausforderung an Regisseur Bachmann. Wobei dann einiges doch nur holzschnittartig angerissen wirkt wie der Digest einer fast biblischen Romanhandlung.

Ist die Inszenierung im Ersten Teil noch etwas schwerfällig, nimmt sie dann spätestens im zweiten Teil nach dem Ende des Sezessionskriegs doch noch Fahrt auf. Das Stück verbindet immer wieder Ereignisse aus der Geschichte Amerikas (das vor allem auch für sein Kriege Geld braucht) mit dem schier unaufhaltsamen Aufstieg der Lehman Brothers, die nach dem Zusammenbruch der Baumwollplantagen im Süden bald mit dem Geld der Regierung als Macher des Wiederaufbaus in Nord wie Süd gleichermaßen reüssieren. Was folgt, ist die Gründung der Bank und die fortschreitende Aufgabe des Handels mit Kohle, Kaffee oder Tuch. Die Lehmans werden zu Bäckern, die nicht mehr wissen, was Brot ist. Ihr Mehl ist das Geld für den wirtschaftlichen Aufschwung. Und mit der Gründung der Wertpapierbörse an der Wall Street ist gleich der nächste Schritt ganz nach oben getan.

Lehman Brothers. am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) David Baltzer

Lehman Brothers am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) David Baltzer

Dabei ist den Lehman Brothers jedes Mittel recht, es wird dynastisch gedacht und geheiratet. Hier erlaubt sich Regisseur Bachmann auch ein wenig Slapstick und Travestie im Reifrock. Natürlich kommt es mit den Jahren immer wieder auch zum Generationenkonflikt. Mit dem Siegeszug der Eisenbahn geht der Aufstieg des Neffen Philipp (Jörg Ratjen) einher, der sich als cleverer Player den in die Jahre gekommenen Brüdern Emanuel und Mayer in einer wie ein Westernduell gestellten Verhandlung mit der Eisenbahngesellschaft an die Seite stellt. Der Profit für die noch nicht greifbare Investition in die Zukunft wird ihnen einen Millionenprofit einbringen. Sein System beschreibt Philipp selbst als Wette gegen einen Hütchenspieler. Er setzt aber nicht mit Glück, sondern Technik auf die richtige Karte.

Ähnliche Bilder finden Autor und Regisseur mit einem Seiltänzer ohne Absicherung hoch über der Wall Street, der hier schnell in den Bühnenhimmel gezogen wird und zum ersten Mal beim Börsencrash 1929 abstürzt. Dazu erschießen sich im Minutentakt die ruinierten Börsenmakler. Im dritten Teil des Abends schlägt die Stunde für den letzten der Lehmans. Während Cousin Herbert (Thomas Müller) als Karrierist in die Politik wechselt und den New Deal mit Präsident Roosevelt einrührt, soll Philipps Sohn Bobbie (Philipp Lux) – wie einst der biblische Noah – eine auffangende Arche für die Bank bauen. Der smarte Yale-Absolvent finanziert aber lieber Hollywoodfilme, setzt auf den Massenkonsum als neues Marketingkonzept und führt letztendlich auch das Traiding-System ein. Es beginnt ein höllischer Tanz auf dem Vulkan Börse. Ein schwindelerregender Maskenball der Wertpapierhändler unter dem feisten, hemdsärmeligen Lewis Glucksman (Simon Kirsch), der schließlich in einem angedeuteten Squash-Match sein „ungarisches Reich“ gegen den neuen Direktor Pete Peterson (Sascha Göpel) durchsetzt. Die Fortsetzung der Entmenschlichung des Geschäfts hin zu anonymen Zahlenreihen auf Computerbildschirmen.

Das Amerikabild Massinis als große Spieluhr und laufender Motor des Fortschritts übersetzt Bühnenbildner Olaf Altmann in ein sich unaufhaltsam und immer schneller drehendes Rad aus drei spitzen Hämmern, das den gesamten Vordergrund der Bühne einnimmt. Wenn die Lehmans sogar zu Geldgebern der NASA werden, leuchten am Bühnenhorizont Sterne auf. Der sich für unsterblich haltende Bobbie hat schließlich die ganze Welt in der Hand und greift nach dem Universum. Doch das Vertrauen in die „Marke“ Lehman wird bald erschüttert sein. Das Aussterben der Dinosaurier vollzieht sich hier nach und nach mit dem Auskleiden an der Rampe, dem zu Beginn noch ganz nach jüdischem Trauerritus das Schließen des Geschäfts für eine Woche, Zerreißen eines Anzuges und Aufsagen des Kaddisch folgen, bis nach dem Tod Philipps nur noch drei Schweigeminuten den Fortgang des Geldgeschäfts unterbrechen. Am Ende steht der Tod der Bank selbst, der noch einmal die verstorbenen Geister herauf beschwört und mit einem irren Gekicher die letzte Schiwa halten lässt. Nur dass sich das große Rad heute auch ohne Lehmans weiterdreht.

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LEHMAN BROTHERS. (05.06.2015)
Aufstieg und Fall einer Dynastie (Lehman Trilogy. I Capitoli del Crollo)
von Stefano Massini
Deutsch von Gerda Poschmann-Reichenau
Regie: Stefan Bachmann
Bühne: Olaf Altmann
Kostüm: Barbara Drosihn
Musik: Sven Kaiser
Licht: Andreas Barkleit
Dramaturgie: Felicitas Zürcher
Dramaturgische Mitarbeit: Sibylle Dudek
Besetzung:
Pete Peterson, Ruth Lamar u.a. … Sascha Göpel
Lewis Glucksman, Babette Newgass u.a. … Simon Kirsch
Bobbie Lehman, Teddy Wilkinson u.a. … Philipp Lux
Mayer Lehman, Marketingleiter u.a. … Ahmad Mesgarha
Henry Lehman, Herbert Lehman u.a. .. Thomas Müller
Emanuel Lehman, Paul Mazur u.a. … Torsten Ranft
Philip Lehman, Rundkopf Deggoo u.a. … Jörg Ratjen

Premiere der DEA war am 5. Juni 2015 im Schauspielhaus Dresden

Weitere Termine: noch mal am 22. 6. 2015

Koproduktion mit dem Schauspiel Köln (Premiere dort im März 2016)

Spieldauer: 3 ½ Stunden, je eine Pause nach dem 1. und 2. Teil

Weitere Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 07.06.2015 auf Kultura-Extra.

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