Archive for the ‘Stephan Kimmig’ Category

Mit Becketts „Glückliche Tage“ und Racines „Phädra“ gibt es verstärkten Divenalarm am Deutschen Theater Berlin

Montag, Mai 29th, 2017

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Gemütlicher Sitzmonolog – Christian Schwochow inszeniert Becketts Glückliche Tage mit Dagmar Manzel in sitzender Hauptrolle

Glückliche Tage am DT
Foto (c) Arno Declair

Kurz hintereinander hat nun das Deutsche Theater Berlin zwei angesehenen Diven der Schauspielkunst eine Bühne bereitet. Corinna Harfouch tritt hier in schöner Regelmäßigkeit alle zwei Jahre mal zu einem Theaterabend an, Dagmar Manzel – einst selbst im Ensemble des DT – hat sich seit Christian Schwochos Gift-Inszenierung 2013 auf der Sprechtheaterbühne etwas rar gemacht und reüssierte als Operetteninterpretin an der von Barrie Kosky geführten Komischen Oper. Nun hat ihr wieder Christian Schwochow einen Beckett-Abend eingerichtet. Die Manzel besteht diesen allein im Solo mit nur einem fast stummen Anspielpartner. Allerdings sitzt sie ihre Rolle als Winnie, Hauptdarstellerin aus Becketts 1960 geschriebenem Stück Glückliche Tage, mehr oder minder aus. Die Manzel steckt hier nicht, wie bei Beckett vorgesehen, erst bis zur Hüfte und dann bis zum Hals in einem Erdhaufen, sondern hält ihren Dauermonolog auf einem Stuhl sitzend, während Jörg Pose als Ehemann Willie nur rücklings Zeitung lesend in einem Türrahmen erscheint.

Es ist keine Frage, dass Dagmar Manzel für diese Rolle nicht nur des Alters wegen prädestiniert erscheint. Sie gibt der Winnie selbstredend auch die nötige Präsens und Eindringlichkeit, die dieser Rolle gebührt. Eine Frau die sich vor dem Unbill der Existenz und Vergänglichkeit mit allen ihr möglichen Mitteln der inneren und äußeren Abwehr gewappnet hat, immer die Contenance wahrend, den alten Stil, wie es bei Beckett heißt. Ein Leben im ewigen Zitat. Nur zeigt die Regie an der Charakterisierung dieser tragikomischen Figur nur wenig Interesse. Und so flötet die alleingelassene Diva in Eigenregie Becketts Worte „Oh, dies ist ein glücklicher Tag! Dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein“ immer wieder im fröhlichen Hochton, oder auch mal schnippisch spitz tönend. Und selbst im Angesicht der völligen Unbeweglichkeit, angedeutet durch eine wollene Stola, die sich die Manzel um den Körper schlingt, absolviert sie ihren Text mit nur etwas mehr Wehmut im Ton. Nur wirklich existenziell ist hier nichts.

Es macht sich ein wenig wohlige Gemütlichkeit und Langeweile breit, vor allem auch im Parkett. Man möchte diesem Abend fast gutmütig Hausschlappen reichen. Und wenn eine Besucherin in den hinteren Reihen ihren Mann dauernd fragt, ob er denn den Text verstünde, dann ist sicher mehr Beckett im Saal als auf der Bühne. Dort oben sieht man sich hinter der Diva selbst in einer Spiegelwand. Mehr Refexion ist nicht. Braucht es wahrscheinlich auch auch nicht. Die Manzel breitet ein Säckchen voll Erinnerungen an vergangene Tage und einige Anekodoten mit Barchborsten-Bürsten und kastrierten Ebern vor sich aus. Die Sirene ertönt, der Eiserne hebt und senkt sich. Am Ende kriecht Willie ein letztes Mal zu seiner Winnie und die singt kurz ein Liedchen aus Franz Lehárs Die lustige Witwe. Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen…“. Dann Black und Beifall. Ein Tränchen vielleicht. Mehr nicht.

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Glückliche Tage (Deutsches Theater, 03.05.2017)
von Samuel Beckett
Deutsch von Erika und Elmar Tophoven
Regie: Christian Schwochow
Bühne: Anne Ehrlich
Kostüme: Asli Bakkallar
Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Dagmar Manzel und Jörg Pose
Premiere war am 22.04.2017 im Deutschen Theater Berlin
Termine: 01., 12.06.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/…

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Die Last der schweren Hüllen – Am Deutschen Theater erstarrt Stephan Kimmigs Phädra im kleidsamen Scham-Affekt.

Foto (c) Arno Declair

Nicht allzu viel Besser ergeht es Corinna Harfouch, auch wenn die Phädra des französischen Tragödiendichters Jean Racine (1639-1699) großes Schauspielfutter für große Schauspieldiven ist. Das klassische Trauerspiel nach der antiken Tragödie des Euripides um die unmögliche Liebe der Gemahlin des Theseus zu ihrem Stiefsohn Hippolyt, der seinerseits in einer verbotenen Zuneigung zur gefangenen Königstochter Aricia gefangen ist, setzt eine gewisse Ausstrahlung genauso wie das Können des hohen Tragödientons voraus, wenn man es denn ernsthaft in der Fassung von Friedrich Schiller spielt, der 1805 die französischen, paarweise gereimten Alexandriner in einen deutschen Blankvers übertrug. Neben Jutta Lampe, Sunnyj Melles, Corinna Kirchhof oder Stephanie Eidt gesellt sich nun also auch die Harfouch in eine illustre deutsche Divenriege.

Es ist aber nicht das erste Mal, dass Corinna Harfouch die Phädra spielt. 2003 an der Berliner Schaubühne tat sie es allerdings in Phaidras Liebe, der modernen und recht brutalen Racine-Überschreibung von Sarah Kane. Ein nicht minder tragisches Eifersuchts- und Inzestdrama, das ziemlich blutig endet und in dem Lars Eidinger als zu Tode gelangweilter Kotzbrocken Hyppolytos auch mal herzhaft „Fuck off“ sagen konnte. Diese Möglichkeit des verbalen Triebabbauses gibt es in Schillers Racine-Übertragung so nicht. Hier sind alle mehr oder minder in ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Scham gefangen. Regisseur Stephan Kimmig hat daher für seine Inszenierung am Deutschen Theater ein wenig Theorie zu Empfindungen und Affekten gelesen, was er gleich zu Beginn als quasi Einstiegserklärung an die weißen Bühnenwände von Katja Haß projizieren lässt.

Kimmig teilt den Abend in mehrere Kapitel, die er mit „Out of Order“, „Freiheit“, „Chaos“ oder „Tod“ überschreibt. Im Grunde geht es hier aber immer um unterdrückte Gefühlszustände, die er durch das Ensemble mittels zunächst sparsamer Mimik und Gestik, zum Teil großen Posen und schließlich auch in eruptionsartigem Körperspiel freisetzen lässt. Die DarstellerInnen rennen dabei immer wieder gegen die weißen Stellwände mit halbrunden Sockeln, auf denen sie sich festsetzen oder wieder daran abrutschen. Allerdings wird aus dieser spontaner Affektion immer wieder auch in besagten Posen ausgestellte Affektiertheit. Das ist durchaus gewollt. Das Verstellen des eigenen Innenlebens aus Angst der Entdeckung moralisch und gesellschaftlich verbotener Gefühle ist großes Thema des Trauerspiels. Es ist zunächst der Skeptiker Hippolyt, den Alexander Khuon zurückgenommen und nachdenklichen spielt, und dann auch Phädra, die nacheinander ihr konträres „Ich liebe“ nur ihren unmittelbaren Vertrauten gestehen. Erst durch die Überschreitung der Scham, wenn Phädra, nachdem sie vom Tod des abwesenden Gatten erfährt, Hippolyt direkt ihre Liebe gesteht, beginnt das eigentliche Drama aus Eifersucht, verletztem Stolz und tödlicher Intrige.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Das hätte durchaus ein von besagten Affekten geleitetes, impulsgeladenes Spiel werden können, so wie man es in Ansätzen auch von Linn Reusse und Mascha Schneider als jugendlich forsche Aricia und ihre Vertraute Panope (wobei Kimmig die Figuren der Ismene und Panope vereint) sieht. Ein Vorzug der Jugend womöglich, den Kimmig dem Lavieren der anderen Figuren gegenüberstellt. Problematisch dagegen schon, dass Alexander Khuon immer noch als jugendlicher Don-Carlos-Verschnitt durchgehen, oder Kathleen Morgeneyer ihre zwischen Loyalität und Verrat zerrissene Phädra-Vertraute Oenone wegstammeln und -tänzeln muss.

„Ich suche mich selbst, und finde mich nicht mehr.“ seufzt die Harfouch. Die wechselnden Gemütszustände ihrer Phädra kommen dann aber meist nur durch den andauernde Perücken- und Kostümwechsel zu Geltung. Mal steht sie mit erhobenem Arm im Grufti-Look als Schwarz-Weiß-Kontrast an der Wand, mal trägt sie Weiß zur roten Mähne. Dann wieder schlichtes Grau und schwarze Robe zum kurzen Bob. Am Ende tritt die Harfouch im roten Tüllreifrock zum theatralischen Selbstmord-Tanz auf. Zuvor übt sie sich noch in eingefrorenem Grinsen bei der unerwarteten Rückkehr des Theseus, den Bernd Stempel erst als stoffeligen, abgerissenen Penner und dann als sonnenbebrillten Womanizer gibt. Das ist immer wieder auch unfreiwillig komisch. Trotz moderner Alltagskleidung wirkt das Ganze doch seltsam aus dem Heute gefallen. Zumal Jeremy Mockridge als Theramen auch noch den Ungeheuer-Tod des Hippolyt in allen Einzelheiten ausmalt.

Die Intensität seiner Wassa Schelesnowa-Inszenierung mit Corinna Harfouch und Alexander Khuon erreicht Stephan Kimmig mit diesem eher auf emotionaler Sparflamme kochenden „Affekt“-Abend bei weitem nicht. Er ist nicht toter Fisch noch lebendes Theaterfleisch.

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Phädra (DT, 12.05.2017)
von Jean Racine
Übersetzung von Friedrich Schiller
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüme Johanna Pfau
Musik: Pollyester
Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Corinna Harfouch, Alexander Khuon, Jeremy Mockridge, Kathleen Morgeneyer, Linn Reusse, Mascha Schneider, Bernd Stempel
Premiere war am 12.05.2017 im Deutsches Theater Berlin
Termine: 06., 10., 27.06.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 13.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Hühnervoodoo und Klamauk – Am Deutschen Theater Berlin treibt Stephan Kimmig Die Glasmenagerie von Tennessee Williams ins absurd Komische

Freitag, Dezember 23rd, 2016

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DT-Schaukasten – Foto: St. B.

Dass man die autobiografisch angehauchte Südstaatentragödie Die Glasmenagerie von Tennessee Williams auch als Komödie lesen kann, hat schon Milan Peschel 2010 am Maxim Gorki Theater zu beweisen versucht. Gorkierprobt sind auch Anja Schneider und Holger Stockhaus, die nun am Deutschen Theater dem Komödienaffen Zucker geben wollen. Nur leider, muss man sagen, will so richtig nichts zusammengehen in der Inszenierung von DT-Hausregisseur Stephan Kimmig. Eine Liebeserklärung an die vom Leben Enttäuschten dieser Welt sollte es werden. Familie Wingfield mit Helikopter-Mutter Amanda (Anja Schneider), Sohn Tom (DT-Nachwuchsstar Marcel Kohler), einem verhinderten „Shakespeare“ mit alltäglichem Lagerhausjob und nächtlicher Weltflucht ins Kino, und der etwas gehandicapten Tochter Laura (Linn Reusse), die leicht autistisch in ihrer Traumwelt aus Glastieren und Hühnern versunkenen ist, macht vor der Pause hyperventilierend auf ADHS-Family und gerät danach an einen ebenso überdrehten Mentaltrainer (Holger Stockhaus), den Tom im Auftrag der besorgten Mutter als erstes Date für die Aschenbecher-bebrillte Laura anschleppt.

Erst voll auf Aggro, dann jede Menge Klamauk – so lässt sich die Inszenierung von Stephan Kimmig recht kurz zusammenfassen. Alles Atmosphärische und Gefühlige in dieser Geschichte um die in ihren Träumen verhangenen Williams-Figuren, die vor der Zukunft ebenso viel Angst haben wie vor ihrer Vergangenheit, hat Regisseur Kimmig konsequent weginszeniert. Zu Beginn gibt es nur einen kurzen Gruß ins mondlichtige Nowhere. Die drei Wingfields leben in einer grünstichigen Fabrikarbeitshölle mit Nähmaschinen, Hühnerstall, Plattenspieler und Foto vom Vater, auf dessen letzter Postkarte aus Mexico nur ein „Lebt wohl“ stand. Am Frühstückstisch gedenken ihm aber alle immer noch in Liebe.

Mutter Wingfield nervt mit ihrem „Morgenstund hat Gold im Mund“ und anderen Küchenweisheiten, die aber weder zum Sorgenkind der Familie Laura noch zum Hoffnungsträger Tom durchdringen. Der von Autor Williams als rückblickender Erzähler Vorgesehene wendet sich nur recht kurz mit einigen Erklärungen zum historischen Hintergrund der großen amerikanischen Depression vor dem Zweiten Weltkrieg ans Publikum. Eine Gesellschaft in Auflösung und am Rand des Nervenzusammenbruchs, den Mutter Amanda zwischen Operndiva und vergangener Disco-Queen vom Mississippi-Delta gestaltet. Wenn Tom nachts das verhasste Heim flieht, legt Laura aus der Plattensammlung des Vaters auf, holt eines der Hühner aus dem Verschlag und träumt sich in einer Art Voodoo-Zeremonie in die Welt ihrer Glasmenagerie. Statt Woody Guthrie hören wir aber u.a. den Neo-Folkie L’aupaire mit seinem Song Rollercoaster Girl, der wie für diesen Abend geschrieben zu sein scheint.

 

Die Glasmenagerie am DT Berlin – Foto (c) Arno Declair

 

Ein Auf und Ab der Neurosen, was allerdings nur für Mutter Amanda zutrifft. Anja Schneider stiehlt mit ihrem Spiel der heimlichen Hauptfigur Laura zunehmend die Show, die die Ernst-Busch-Absolventin Linn Reusse nur kurz nach der Pause für einen Kurzsauftritt als Donna Summer im fliederfarbenen Kleid zurückerobern kann. I feel love im Bronski-Beat-Gedächtnis-Mix. Ein traumartiger Schlangentanz, der sofort wieder ins Ungelenke umschlägt, wenn sie die Mutter mit ihrem Hang zum Optimierungswahn wieder aus ihren Mädchen-Träumen reißt. Es mutet für heutige Ohren schon etwas skurril an, wie hier eine junge Frau für den Heiratsmarkt vorbereitet und ausstaffiert wird. Dass das Essen im Fiasko enden wird, ist da schon so gut wie vorprogrammiert.

Was folgt, ist der Auftritt von Holger Stockhaus als Jim O’Connor im zu knappen Anzug mit Schnauzbart und Brille. Der Absolvent eines Rhetorikkurses für zukünftige Leitungskader mit leichtem Sprachfehler ist der lebende Beweis neoliberaler Versprechungen der Selbstoptimierung und damit Mutter Amandas Traum von einem Schwiegersohn. Dass er mit ein paar Phrasen vom wissenschaftlichen Fortschritt und dem amerikanischen Traum vom Chewing-Gum-Millionär bei der schüchternen Laura punkten kann, hat einen durchaus absurden Witz, steuert die sentimentale Verliererstory allerdings in ganz andere Gewässer. Der oberflächliche Streber Jim, in dem Laura eine frühere, unerreichbare Schwärmerei wiedererkennt, ist nicht der Hoffnungsschimmer am Himmel der Wingfields, sondern nur eine weitere Enttäuschung. Holger Stockhaus liefert ein paar lustige Slapsticks mit Tisch, Kerzen und eine Jazzimprovisation, bevor er Linn Reusse zielsicher auf den Karton mit den Glasfiguren setzt. Die Metapher mit dem kaputten Einhorn verpufft als Klamotte.

Bertolt Brecht bezeichnete 1945 Die Glasmenagerie nach einem Besuch einer Aufführung am Broadway als „völlig idiotisch“. Selbst Tennessee Williams traute irgendwann dem wachsenden Erfolg seines Stücks nicht mehr. Trotz aller darstellerischen Brillanz sorgt Stephan Kimmigs recht ziellos trashige Inszenierung da nicht unbedingt für eine Ehrenrettung des Klassikers.

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DIE GLASMENAGERIE (Deutsches Theater Berlin, 16.12.2016)
von Tennessee Williams
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Anja Rabes
Musik: Michael Verhovec
Licht: Robert Grauel
Dramaturgie: Ulrich Beck
Mit: Anja Schneider (Amanda Wingfield), Linn Reusse (Laura Wingfield), Marcel Kohler (Tom Wingfield) und Holger Stockhaus (Jim O’Connor)
Premiere war am 16. Dezember 2016.
Weitere Termine: 23., 25.12.2016 // 11., 27.01. / 04.02.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 18.12.2016 auf Kultura-Extra.

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Unterwerfung – Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Stephan Kimmig eine weitestgehend harmlose Bühnenfassung des Skandal-Romans von Michel Houellebecq

Mittwoch, April 27th, 2016

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Anfang Februar, ungefähr ein Jahr nach dem Erscheinen des Romans Unterwerfung von Michel Houellebecq und den islamistischen Attentaten auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo, inszenierte Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg die erste Bühnenfassung mit dem bekannten deutschen Fernseh- und Theatermimen Edgar Selge in der Rolle des windelweichen, opportunistischen Literaturprofessors François, der nach dem Wahlsieg einer gemäßigt-muslimischen Partei im Jahr 2022 in Frankreich zum Islam konvertiert. Ein großer Erfolg für Beier und Selge und ein ebensolcher Gewinn fürs Theater. Bühnen in Dresden und Wien folgten. Der Stoff ist nach wie vor brisant. Nun hat Hausregisseur Stephan Kimmig gemeinsam mit seinem Dramaturgen David Heiligers eine eigene Adaption des Romans für das Deutsche Theater Berlin geschaffen.

 

Unterwerfung nach Michel Houellebecq am DT - Foto: St. B.

Unterwerfung nach Michel Houellebecq am DT – Foto: St. B.

 

In der aseptischen Krankenhaus-Bühnenwelt von Katja Haß ist François ein leidender Patient und Sinnbild einer an ihrer Saturiertheit und zunehmenden Orientierungslosigkeit krankenden, westlichen Gesellschaft, deren Wertedecke dünn und papieren ist – wie die Lichtdecke, die über François Kopf schwebt. Er wird sie später, wenn sie sich auf ihn niedersenkt, mühelos durchstoßen können. Das ist für den Anfang und das Ende eine starke Metapher als Rahmen, die allerdings nicht die Kraft besitzt, den ganzen Abend zu tragen.

Houellebecq seziert nicht zum ersten Mal, aber in diesem Roman auf besonders intelligente und auch perfide Weise die französische Gesellschaft und beschwört den Untergang der westlichen Kultur. Hier in Gestalt eines französischen Jedermann, den der Schauspieler Steven Scharff in Kimmigs Inszenierung mal jovial, sich ans Publikum ranwanzend, mal hibbelig über die Bühne tänzelnd, bis weinerlich klagend im Bett liegend darstellt. Dass er dabei auch ein wenig irre wirkt und von Pflegern umsorgt wird, nimmt man zunächst als netten Gag mit. Die breit angelegte Innenschau des Roman-François wird dadurch allerdings zur pathologischen Diagnose eines komatösen Hypochonders, der sich aus dem realen Leben zurückgezogen hat und es nur in homöopathischen Dosen an sich ran lässt.

Diese an die Romanhandlung anknüpfenden Kurzbesuche, die von Lorna Ishema, Camill Jammal, Marcel Kohler und Wolfgang Pregler in verschiedenen Romanrollen absolviert werden, sollen dann auf Dauer auch nicht ihre Wirkung verfehlen. Kimmigs Prinzip des homöopathischen Verdünnens, sprich das Herauslösen und Aufteilen des Textes, der im Roman von François selbst als Reflexionen seines Lebens, aus Beobachtung seiner Umgebung heraus oder beim Ansehen von Fernsehdebatten erzählt wird, auf mehrere Personen, läuft dabei allerdings Gefahr, dass größere Unschärfen entstehen und letztendlich in eine völlig falsche Richtung fokussiert wird.

 

Foto (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

 

Auch wird die Rolle der bürgerlichen Parteien, die um den Sieg des Front National bei der Präsidentschaftswahl zu verhindern nur kurz am Rande erwähnt. In Videoeinspielungen von jungen National-Identitären kommt ein wenig Volkes Stimme zu Geltung. Die allgemeine Situation im Land und wie der Islam nach dem Wahlsieg des Muslimbruders Mohammed Ben Abbes in die Welt des Protagonisten einbricht, lässt Kimmig dann als Nummernrevue aus gespielten TV- Reportagen, Politikerreden und Gesprächsszenen mit François‘ Kollegen, einem geschassten Geheimdienstmann, und seiner Geliebten Myriam vorbeischnurren. Die schwarze Schauspielerin Lorna Ishema gibt hier alle Frauenfiguren, was ihr erstaunlich gut gelingt. Die Verkörperung von Marine Le Pen mit Blondhaarperücke vor Tricolore ist aber ein ebenso stark ironisierender Verfremdungseffekt wie die Darstellung als hereingefahrene schwarze Jungfrau von Rocamadour kitschig wirkt.

Die religiöse Sinnsuche des Literaturprofessors und Huysmans-Spezialisten François endet abrupt auf der einbrechenden papierenen Himmelsleiter. Weinerlich sucht er Trost in den Armen der Jungfrau. „Ich bin für nichts.“ sagt er einmal zu Myriam. Das weiche, unpolitische Handtuch reagiert relativ apathisch auf das Treiben um ihn. Und sogar die Einflüsterungen der politischen Ziele des neuen muslimischen Präsidenten, die Camill Jammal als Ben Abbes minutenlang zelebriert und sich schließlich zu François ins Bett legt, lässt er ungerührt über sich ergehen.

Die Hauptfigur verliert dabei zusehends an Kontur, was bei einem politisch desinteressierten, des eigenen Lebens überdrüssig gewordenen Niemand ja durchaus stimmig wäre. Unterwerfung als Auslöschung des Individuums und Aufgehen in etwas Größerem. Den handelnden Part übernehmen die anderen für ihn. Er bekommt Anweisungen vom Klinikpersonal, wird gewaschen, macht Hüpfballtherapie und windet sich schmerzverzerrt wegen des juckenden Ausschlags an seinen Füßen.

Für den Vergleich mit einem kranken, handlungsunfähigen Europa reicht das allerdings nicht aus. Es verfälscht zudem die Vorlage, die eigentlich auf provokante Art die innere Leere François‘ mit etwas füllt, das potentiell schon immer da war und es der Figur ohne große Mühe gestattet, wie das Wechseln der Garderobe in eine neue Identität zu schlüpfen. Andockpunkt in der Wertegeschichte des Abendlandes, für die Houellebecq in seinem Roman auch viele Beispiele bringt, gibt es genug. Da ist von linker Kapitalismuskritik über den Katholizismus und seine patriarchalen Familienstrukturen bis hin zu rechtem Nationalismus alles dabei.

Bei Kimmigs François vollzieht sich der Wandel recht schnell und fast wie nebenbei, als der neue Präsident der nun islamischen Sorbonne Rediger, ein gewendeter Nietzsche im Gewand eines Mufti (Wolfgang Pregler im seidenen Morgenmantel), bei ihm die richtigen Knöpfe drückt. Dreimal mehr Gehalt als seine Pension und die daraus resultierende Anzahl von Frauen. Das reicht schon für den Macho im Mann, der sich wie Kimmigs Inszenierung durch die Hintertür aus der Geschichte stiehlt.

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Unterwerfung
nach dem Roman von Michel Houellebecq
Fassung von David Heiligers und Stephan Kimmig
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Sigi Colpe, Musik: Michael Verhovec, Video: Julian Krubasik, Licht: Robert Grauel, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Lorna Ishema, Camill Jammal, Marcel Kohler, Wolfgang Pregler, Steven Scharf.
Premiere am Deutschen Theater Berlin war am 22.04.2016
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 27.04. / 11., 21. und 31.04.2016

Infos: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 24.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Die „Clavigo“ – Stephan Kimmig gendert Goethe am Deutschen Theater Berlin

Sonntag, November 22nd, 2015

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Clavigo am DT Berlin - (C) Arno Declair

Susanne Wolff ist Clavigo am DT Berlin
(C) Arno Declair

Stephan Kimmig wollte nicht die hundertste Version einer Geschichte inszenieren, in der ein Mann eine Frau wegen der Karriere sitzen lässt, heißt es aus Kreisen der DT-Dramaturgie zu seiner im Juli bei den Salzburger Festspielen herausgekommenen Clavigo-Version nach Goethe. Kann man verstehen. Auch wenn sich die großen Stürmer und Dränger Goethe, Schiller und Co. das Sprengen der Konventionen sowie Gleichberechtigung und Menschenrechte gegen absolutistische Willkür auf die Fahnen geschrieben hatten, steht das vermeintlich schwächere Geschlecht in ihrer Dramen meist leidend, betrogen oder schmählich verlassen am Bühnenrand rum und hat zu sterben. Also warum in Zeiten fortschreitender Emanzipation und Genderswitching nicht mal die Rollen zumindest auf der Bühne vertauschen. Was in der heutigen grellbunten Show- und Medienwelt dann eigentlich auch kein wirklicher Aufreger mehr ist. Kunst und Gender sind im Mainstream angekommen. Ist das Pop, oder kann das weg?

Vom irisch-englischen Staatsmann der Aufklärung und Vordenker des parlamentarischen Konservatismus Edmund Burke (1729-1797) ist folgendes Bonmot zum Fortschritt der Gleichberechtigung der Männer in Amerika bekannt: „Wirbelstürme tragen jetzt auch männliche Namen!“ Das bedeutet in der Lesart von DT-Hausregisseur Stephan Kimmig: Männliche Vornamen können jetzt auch Frauen tragen und umgekehrt. Wenn schon metro, dann doch bitte geschlechterübergreifend. Ein Wirbelstürmer und -dränger kann aber auch leicht zum lauen Lüftchen verkommen. So ein gewendetes Sturmtief, wie man es heute in Europa nennt, fegte nun in gebremster und leicht verkürzter Form über die Bühne des Deutschen Theaters in Berlin.

Der nach Höhen-Luft ringende Journalist und aufstrebende Künstler-Genius Clavigo ist hier eine Frau in vielerlei Gewändern und wird von der recht vielseitigen Schauspielerin Susanne Wolff dargestellt. Dabei ist nicht eindeutig, welche Art von Kunst sie wirklich betreibt. Sängerin, Performerin, Entertainerin oder Anchorwoman – man möge sich etwas aus dem breiten Repertoire der Kunst- und Medienbranche aussuchen. Was sie performt, ist dann auch  fast schon egal, um nicht zu sagen beliebig austauschbar und mit elektronischer Dauerbeschallung der Musikerin Pollyester unterlegt. Um Eindeutigkeit geht es Kimmig nur insoweit, als hier alle Geschlechter gegen den im Stück vorgeschriebenen Rollenstrich besetzt sind. Das ist dann aber auch schon alles und wirkt dementsprechend arg auf diese Regieidee hin gedrechselt. Die Medienkritik, auf die das Stück auch abhebt, bleibt hier in Form eines schlaffen Heißluftballons auf dem Bühnenboden kleben. Eine pop-mediale Luftnummer eben.

 

Clavigo am DT Berlin - (C) Arno Declair

Clavigo am DT Berlin – (C) Arno Declair

 

Unsere Medien-Kunst-Frau – zumindest behauptet Clavigo mal alle möglichen Typen von Frau zu sein – hat nach erfolgtem Aufstieg („Mein Werk begeistert…“) ihren blassen Verlobten Marie (Marcel Kohler) und ehemaligen Quell der Inspiration abgelegt, um frei zu sein für Höheres („Mir geht in der Welt nichts über mich.“). Der Verschmähte schmachtet und sieht dabei ganz in schwarz mit dickem Kajal um die Augen wie ein depressiver Grufti aus. Er singt dabei düsteren Flower-Power-Pop von Kit Ream oder leidet mit „Jesus Blood Never Failed Me Yet“ von Gavin Bryars. Daraufhin ringt Maries Bruder/Schwester Beaumarchais (Kathleen Morgeneyer) wie ein wütender Sponti im Parka dem betrügerischen Lügenjournalisten ein Geständnis seiner schändlichen Tat vor laufender Kamera ab. Nebenbei muss Morgeneyer auch noch eine traurige Karikatur im Abendkleid mimen. Kimmig möchte nämlich die Salzburger Festspiele zusätzlich als medienrummelndes Charity-Unternehmen entlarven, das sich mit Künstlern schmückt, aber unbequeme Redner wie den Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler schnell wieder auslädt. Zitate aus seiner Rede sind hier nun nachträglich zu hören.

Regisseur Kimmig und seine Dramaturgin sind aber noch auf weiteres, ihnen passend erscheinendes Goethe-Material gestoßen und streuen dieses immer wieder lose in Zitaten und Spielszenen ein. So muss z.B. wieder Kathleen Morgeneyer einer Jugendsünde Goethes wegen im Würstchen-Röckchen á la Josephine Baker etwas aus dessen früher Farce Hanswursts Hochzeit zum Besten geben. Eine Reflexion des damals selbst aufstrebenden Dichters bezüglich seiner gesellschaftlichen Stellung und Verlobung mit einer Dame aus vornehmem Hause. Also alles originaler Goethe, wie Moritz Grove als Clavigos Freund Carlos erklärt und als einziger sein angestammtes Rollengeschlecht behalten darf. Er sieht des königlichen Wuchses ersten Schuss in Gefahr und redet der von Zweifeln beladenen Kumpanin ins mitleidige Künstlerinnengewissen, die erbärmliche Leidenschaft zu Marie doch endlich abzulegen.

Ohne Susanne Wolffs darstellerisches Talent schmälern zu wollen, gerät Grove damit zum eigentlichen Star der Inszenierung, die zum Ego- und Karrieredurchbruch der Titelheldin dann doch die Hilfe eines recht skrupellos gezeichneten, männlichen Vordenkers braucht. So nimmt denn alles auch sein vorbestimmtes Ende, das sich bedeutungsschwanger in stummen Schwarz-Weiß-Videobildern ankündigt und von Marie mit Lippenstift auf einen Spiegel geschrieben wird. Auch wenn alle am Schluss noch ein wenig närrisch mit Clownsnasen um den Ballon tanzen, Kimmig kann Goethes Trauerspielrahmen nicht vollends abstreifen und stürzt seine Inszenierung doch wieder nur ins leidige Gendertroubling. Das Switchen der Geschlechter geht nicht wirklich zielführend in einen Erkenntnisgewinn über. Liebe oder Karriere – so oder so. Einer leidet immer, und wenn es am Ende das Publikum ist.

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Clavigo (Deutsches Theater, 17.11.2015)
nach Johann Wolfgang Goethe
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Eva-Maria Bauer, Kostüme: Johanna Pfau, Musik: Pollyester, Video: Julian Krubasik, Lambert Strehlke, Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Susanne Wolff, Moritz Grove, Kathleen Morgeneyer, Marcel Kohler, Franziska Machens
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen

Berlin-Premiere war am 13. November 2015

Termine: 23.11., 06. und 18.12.2015

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 19.11.2015 auf Kultura-Extra.

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Die neue Langsamkeit in einer Doppelpremiere – „Don Carlos“ von Friedrich Schiller und Peter Handkes „Immer noch Sturm“ am Deutschen Theater Berlin

Montag, Mai 4th, 2015

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Das Deutsche Theater Berlin macht mal wieder auf Doppelpremiere. Kurz vor Beginn des Theatertreffens wollte es die Khuon-Mannschaft noch mal wissen. Es standen Peter Handke in den Kammerspielen und Friedrich Schiller im großen Haus auf dem Programm. Beide Dramatiker stehen auch für Geschichtsbewusstsein und einen ungebunden Geist. Also geben sie Gedankenfreiheit, Sire…

Foto: St. B.

Foto: St. B.

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Immer noch Sturm – Frank Abt inszeniert Peter Handkes poetische Familienaufstellung der Kärtner Slowenen als naturalistisches Requiem.

Das Einzige was den Schrifststeller Peter Handke mit Schiller verbinden dürfte, ist ein Zitat vom Anfang des Don Carlos, das Handke für sein Stück Die schönen Tage von Aranjuez verwendete. Aber nicht den 2012 am Wiener Akademietheater uraufgeführten „Sommerdialog„, der ein Jahr später auf der Probebühne des Berliner Ensembles seine Deutsche Erstaufführung erlebte, hat sich der junge DT-Regisseur Frank Abt ausgesucht, sondern Immer noch Sturm, die mit fiktiven Elementen angereicherte Familiengeschichte des österreichischen Autors mit slowenischen Wurzeln.

Das Stück gastierte in der Hamburger Uraufführungsinszenierung von Dimiter Gotscheff im Juni 2012 bei den Autorentheatertagen im Großen Haus des Deutschen Theaters. Diesen großen Schatten wird die kleine, kammerspielartige Inszenierung von Frank Abt, die auch noch auf die Hinterbühne der DT-Kammerspiele verbannt wurde, leider den ganzen Abend über nicht los. Sie wirkt dann auch in Ästhetik und Darstellungsweise eher wie für die Probebühne des BE konzipiert. Und das ist sehr schade, bietet sich das Stück doch vor allem für eine expressive Ausweitung in den leeren Theaterraum an, was Gotscheff auf der großen Bühne damals auch bestens gelungen ist.

Frank Abt  interpretiert Handkes Familiensaga  aus dem  Zweiten Weltkrieg aber wesentlich intimer. Peter Handke wurde 1943 als unehelicher Sohn einer Kärtner Slowenin und eines Wehrmachtsoldaten geboren. Seine Mutter hat den Vater lange in Deutschland gesucht und schließlich einen anderen Deutschen geheiratet. Davon hat Handke erst sehr spät erfahren, eine Tatsache, die ihn sein Leben lang beschäftigt hat.  Als Ich-Erzähler tritt er nun in Immer noch Sturm – auch dies ein Klassiker-Zitat, diesmal aus Shakespeares König Lear – wie ein Beschwörer der Geister aus seiner Vergangenheit in Erscheinung und schlägt ein Kapitel der tragischen Geschichte der Kärtner Slowenen als unfreiwillige Protagonisten zwischen den damaligen Weltmächten wie ein Familienalbum vor uns auf.

Immer noch Sturm am DT -Foto (c) Arno Declair

Immer noch Sturm am DT – Foto (c) Arno Declair

Regisseur Abt macht daraus eine Art naturalistisches Leporello, das er zunächst in einem kurzen Prolog vom Ende her aufblättert, indem er den Erzähler (Markwart Müller-Elmau) detailliert vom Selbstmord seiner Mutter berichten lässt. Es ist eine Passage aus Handkes Erzählung Wunschloses Unglück, in der er bereits in den 1970er Jahren die Geschichte seiner Mutter verarbeitet hat. Für die Geisterbeschwörung Handkes hat Steffi Wurster eine schmal unterteilte  Miniaturwohnkulisse aus spitzwinkligen Wände auf eine runde, drehbare Scheibe gestellt. Darin sitzen in zeitgemäßer Kostümierung die Vorfahren des Ich-Erzählers, der ihren Berichten auf kahler Bühne andächtig aber weitestgehend passiv lauscht.

Ort des Erinnerns in Handkes Gedanken ist das Jaunfeld, ein offenes Tal, durch das der Fluss Drau in Richtung Slowenien fliest, bekränzt vom Mittelgebirgszug der Saualpen und den Karawanken. Der Dichter beschreibt Berge, Natur und Jahreszeiten mit höchst poetischen Worten. Hier spielt sich das Leben der Familie von Handkes Mutter Maria (Judith Hofmann) ab, das die Darsteller nun in kleinen Spielszenen vor uns ausbreiten. Das Volk der Kärtner Slowenen muss, seiner Sprache und Traditionen beraubt, für das Dritte Reich in den Krieg ziehen. Drei Söhne (Thorsten Hierse, Ole Lagerpusch, Marcel Kohler) haben das Ehepaar Siutz (Katharina Matz und Michael Gerber), von denen zwei fallen werden und einer, Gregor (Thorsten Hierse), seiner Schwester Ursula (Simone von Ziglinicki) zu den jugoslawischen Partisanen folgt. Darüber verbittern die passiven Alten, und die Jungen werden hart. Gegenseitige Vorwürfe, Trotzreaktionen und Wut, ein wortgewaltiges Requiem zwischen Trauer und Resignation.

Und das wird hier sehr breit erzählt und oft auch pathetisch auffahrend gespielt. Nichts von der gedankenoffenen Schwerelosigkeit der Gotscheff-Inszenierung. Die stille Passivität des Erzählers tut ihr Übriges, dass diese Inszenierung zusehends in Schwermut versinkt. Bezüglich seiner Geburt bleibt Müller Elmaus Figur immer außen vor, auch wenn er in der Geschichte seiner Vorfahren gefangen ist. Es überwiegt die Trauer über den Verlust der Heimat durch den Verrat der englischen Verbündeten im Zweiten Weltkrieg, in dessen Folge sie das Jauntal Österreich zuschlagen. Das Bühnenbild wird von Akt zu Akt von den Darstellern selbst abgebaut, bis die leere Scheibe übrig bleibt, und sich die Familienmitglieder zu einem Abgesang an der Rückwand der Bühne versammeln. Regisseur Abt versucht Schicksal und Leid der Menschen emotional erfahrbar zu machen. Aber trotz der guten darstellerischer Leistung bleiben einem diese Figuren doch seltsam fremd.

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Immer noch Sturm
von Peter Handke
Premiere auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele war am 29. April 2015
Regie: Frank Abt
Bühne: Steffi Wurster
Kostüme: Sophie Leypold
Dramaturgie: Meike Schmitz
Mit: Markwart Müller-Elmau, Judith Hofmann, Katharina Matz, Michael Gerber, Ole Lagerpusch, Thorsten Hierse, Simone von Zglinicki, Marcel Kohler

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Termine: 08. und 26.05., 11.06. und 01.07.2015

Infos: https://www.deutschestheater.de/spielplan/immer_noch_sturm/

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Europa in der Schlafstarre – Im großen Haus des Deutschen Theaters führt Stephan Kimmig den spanischen Hof in Schillers Don Carlos als Müdigkeitsgesellschaft vor.

Während es in den Flandern‘schen Provinzen rumort und sich der Aufstand gegen die spanische Krone formiert, befindet sich der Hof von König Philipp (Ulrich Matthes mit angegrautem Bart und Langhaarfrisur) zur Sommerfrische auf dem Land. Doch wie es bei Schiller so schön heißt: „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende.“ Und als Vorbote des Wandels kommt hier der Marquis von Posa (Andreas Döhler im Dutschke-Parker) mit einer Präsentkiste samt Schampus aus Brüssel, um den Freund und Infanten Don Carlos (Alexander Khuon) aus seiner Lethargie zu befreien. Dieser macht sich fit durch Seilhüpfen und Schattenboxen, allerdings scheitert sein kurzer Ausflug in die Aktion am Misstrauen des Vaters, der den Heißsporn schnell wieder in die zweite Reihe zurückstuft. Hier haben eindeutig andere die dicken Eier.

Alexander Khuon ist in Stephan Kimmigs Inszenierung am Deutschen Theater nicht der mad guy, wie zum Beispiel noch Philipp Hochmaier in Nicolas Stemanns Inszenierung von 2007 am gleichen Haus, sondern eher ein düster Brütender, der sich die innere Wut abtrainiert ob seiner ewigen Zweitbesetzung im Wartestand auf den Thron. Auf dem sitzt Vater Philipp, zwar des Amtes relativ überdrüssig, aber wie ein angeschlagener Tiger noch gefährlich genug, um den drohenden Aufstand mit aller Macht niederzudrücken. Das Bühnenbild von Katja Haß zeigt eine fast leere Bürolandschaft mit großen Fenstern und Glastüren, an denen die Jalousien runtergefahren werden, wenn sich das misstrauische Beraterteam (Henning Vogt als Herzog Alba und Jürgen Huth als Pater Domingo) um den machtmüden König nähert. Eine abgeschottete Wirtschaftselite – das EU-Fähnchen steht auf dem Tisch – , das der frechen Provinz die Richtung aufzwingen will.

Don Carlos am DT -Foto (c) Arno Declair

Don Carlos am DT – Foto (c) Arno Declair

Wer würde da nicht an Griechenland denken. Aber hier tanzt keiner Sirtaki, auch wenn mal ein Walzer geprobt wird, und schon gar nicht den Machern der Macht auf der Nase herum. Der Versuch endet dann bekanntlich auch für einige ziemlich tödlich. Das Konzept von Regisseur Kimmig ist in den ersten Minuten seiner Inszenierung durchaus interessant und stimmig, im allgemeinen Intrigensumpf um echte und falsch verstandene Liebe, gekränkte Eitelkeiten, Eifersucht und kompromittierende Briefe beginnt es aber schnell fad zu werden. Da gab es schon wesentlich politischere Deutungen.

Statt das Funktionieren von Machtmechanismen zu überprüfen, wie noch in Schillers Maria Stuart, begnügt sich Kimmig mit der Pathologisierung eines überkommenen Systems, dass sich nach Menschen sehnt (Philipp), aber restriktiv an der Macht hängt. Das Duell ist hier aber nicht Posa und Carlos gegen Philipp, sondern alle gegen alle. Auch Posa, der sich für Carlos in die höfischen Intrigenspiele einlässt, muss das am Ende bitter erkennen. Der Schuss fällt aus dem Hinterhalt. Seinen Idealismus und die Hoffnung auf Gedankenfreiheit hat der Schlacks Posa zu schnell an den Schlips verkauft, der Parker wechselt symbolhaft die Person.

Selbst die Liebe ist hier nicht die Rettung, auch wenn sie in Gestalt der Königin Elisabeth so sympathisch offenherzig wie bei Katrin Wichmann daherkommt. Der Gegenentwurf ist Kathleen Morgeneyers Prinzessin Eboli im smarten Kostüm. Auch sie ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihre Liebe aber kleinmütig verrät, nachdem sie im Nahkampf an der Rampe an der Gefühlsmaschine Carlos abgeglitten ist. In verzweifelten Zweierkonstellationen gehen die potentiellen Revolutionäre hier oft in den Clinch. Der Macht im Sessel haben sie allerdings nicht viel entgegenzusetzen. Das DT probt (wie schon am Vorabend bei Handkes Immer noch Sturm in den Kammerspielen) die neue Langsamkeit. Das Schlaflied Europas singt ein Kind in historischem Kostüm aus den Katakomben der Unterbühne. Als Drahtzieher im Hintergrund tritt dann noch Barbara Schnitzler auf, die ihren Kardinal Großinquisitor frontal ins Publikum deklamiert. Wer da noch nicht entschlummert ist, unterwirft sich freiwillig.

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Don Carlos
von Friedrich Schiller
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Antje Rabes
Musik: Michael Verhoeven
Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Ulrich Matthes, Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Andreas Döhler, Kathleen Morgeneyer, Henning Vogt, Jürgen Huth, Barbara Schnitzler

Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Premiere im Deutschen Theater Berlin war am 30.04.2015

Termine: 14., 19. und 29.05., 04. und 10.06. sowie 05.07.2015

Infos: www.deutschestheater.de

Die Texte sind zuerst am 02.05. und 03.05.2015 auf Kultura-Extra erschienen.

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Schmalhans Küchen(Psycho)meister – Stephan Kimming inszeniert am Deutschen Theater Ibsens „Frau vom Meer“ als halbgare Beziehungssuppe im Halbdunkel.

Montag, Dezember 1st, 2014

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Laut Intendant Ulrich Khuon und Schauspieler Ulrich Matthes hat das Deutsche Theater das wohl in der Breite stärkste Ensemble der Stadt Berlin und auch was das Angebot betrifft ist man nicht auf eine Marke oder ein bestimmtes Konzept festgelegt. Die beiden sprachen erst vor einigen Tagen mit den Theaterkritikern Christine Wahl und Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel. Der Zeitpunkt dafür konnte besser nicht gewählt sein, stehen doch noch vier große Premieren bis zum Jahreswechsel an. Da versichert man sich gern des gegenseitigen Wohlwollens. Das DT ist ganz passabel in die neue Spielzeit gestartet und die Kritik honorierte dies durchaus, was allerdings nicht immer so war. Besonders die beiden Hausregisseure Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig haben sich in früheren Interviews über die Stimmung in Berlin beschwert. Man freue sich nicht mehr so wie beispielsweise noch in Hamburg auf die Premieren. „Da gibt es viele Versuche, uns anzupissen.“

Das wollten die DT-Granden Khuon und Matthes natürlich nicht so stehen lassen. „Selbstbewusst und manchmal ein bisschen zu kulturpolitisch“ sei die Kritik schon, aber „In der Mehrzahl finde ich sie okay.“ gibt Ulrich Matthes zu Protokoll. Intendant Khuon schiebt die Breitseite auf die genannten Regisseure vor allem auf die hohe Erwartungshaltung der Kritiker bei der Vielzahl der Theatererfahrungen im „Feinschmeckerparadies“ Berlin. Wörtlich: „Wenn ich jeden zweiten Abend ein Spitzenrestaurant beurteilen soll, ist das natürlich anstrengend.“ Das hieße, die Kritikerschar der Hauptstadt wäre nahezu übersättigt an der gebotenen Haute cuisine. Dabei fühlen sich, und nicht nur aus der Sicht der beiden Tagesspiegel-Feuilletonisten, doch einige Aufführungen eher wie Kantine an.

Und ja, es fehlt, abgesehen von der außerordentlichen Leistung des Ensembles um die Inszenierung von Beckets Warten auf Godot, mal wieder ein ganz besonderer Leckerbissen auf der Traditionsbühne an der Schuhmannstraße. Eine besondere Tradition hat hier vor allem die Pflegte des naturalistischen Theatererbes. Da wäre neben dem deutschen Vertreter des realistischen Gesellschaftsdramas Gerhart Hauptmann allen voran natürlich der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen zu nennen. Dessen große Feme fatale Hedda Gabler hatte in der vorletzten Spielzeit bereits Stefan Pucher mit Nina Hoss in der Hauptrolle ironisch im Breitwandformat abgefrühstückt.

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Die Frau vom Meer  Foto DT-Schaukasten

Die Frau vom Meer
Foto DT-Schaukasten

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, und das nun auch in der neuen Inszenierung von Theaterkoch Stephan Kimmig. Allerdings erst am Ende einer zweistündigen in der Tat recht halbgaren und konzeptlosen Aufführung von Ibsens symbolistisch aufgeladener Frau vom Meer. Kimmig hat die Hauptrolle der Ellida Wangel mit Susanne Wolff besetzt. Die äußerst dynamische und kraftvolle Schauspielerin hat immer wieder in Inszenierungen des Regisseurs brilliert. Neben ihr, auch nicht zum ersten Mal bei Kimmig, Steven Scharf von den Münchner Kammerspielen als Doktor Wangel. Der Schauspieler wird in der nächsten Spielzeit ganz ins Ensemble des DT wechseln. Mit Sicherheit eine weitere Bereicherung, nicht nur in der Breite.

Möchte Hedda Gabler gern selbstbewusst Schicksal spielen, glaubt Ellida Wangel, die „Frau vom Meer“, wie sie genannte wird, an das Wirken schicksalhafter Kräfte. Die Tochter eines Leuchtturmwärters fühlt sich zum Urelement Wasser in Form des wilden Meeres hingezogen. Einst liebte sie einen finnischen Seemann, der sie mit zusammengeketteten Ringen, die er ins Wasser warf, an sich und das Meer binden wollte. Wegen eines Mordes musste der Seemann fliehen, und Ellida bricht das Versprechen, indem sie den verwitweten Lungenarzt Dr. Wangel ehelicht und mit ihm in einen Badeort ans Ende eines Fjords zieht. Die Ehe ist von Anfang an belastet. Wangel suchte nur den Ersatz für seine verstorbene Frau und auch die Töchter Bolette und Hilde können den Tod der Mutter nicht verwinden. Bei Kimmig führen sie regelrechte Séancen bei Kerzenschein auf. Ellida kann ihren Seemann nicht vergessen, von dem sie ein Kind bekam, das kurz nach der Geburt starb. Seitdem ist die Ehe mit Wangel nicht mehr vollzogen worden und der Doktor mit seinem Latein am Ende.

Stephan Kimmig lässt die vertrackte Beziehungskiste auf offener Bühne und in einem drehbaren Bungalow mit Glasfront spielen. Es ist die meiste Zeit recht dunkel und vor allem sehr geheimnisvoll. Dazu dräut sphärische Popmusik, die nur ab und zu durch ein paar Technobeats der jungen Leute übertönt wird, die sich ausgiebig dem Tanzen widmen, sonst jede Menge Neurosen pflegen und bereits beginnen, sich mit den nötigen Lebenslügen selbst zu versorgen. Die ältere Tochter Bolette (Franziska Machens) will raus aus der Enge, dazu fehlt es allerdings an Geld und dem notwendigen Sponsor. Der verträumte, lungenkranke Maler Lyngstrand (Benjamin Lillie) ist da nur eine kurze Episode, weil er wegen seines „Knacks“ in der Brust eh bald verreckt, wie die junge, wilde Hilde (Lisa Hrdina) spitz bemerkt. Ebenfalls ohne finanzielle Zukunft ist der Möchtegern-Bildhauer Ballested (Timo Weisschnur), und muss daher den Tanzlehrer und sprachbegabten Conférencier der Mädchen mimen.

Das Stück atmet ordentlich alten Gesellschaftsmief, dem Ibsen nur die nach Freiheit ringende, allerdings stets am Rande des Schwermuts treibende Ellida gegenüber stellt. Jedoch auch sie bleibt in ihrer Schicksalsgläubigkeit verhaftet, den Ausbruch erst wagend, als der Seemann plötzlich, wie in Lyngstrands Schauergeschichte vom Orkan prophezeit, wieder erscheint. Das wird der höchst nervösen Frau allerdings als reichlich krank ausgelegt. Die Psychomacke scheint hier aber generell jeden befallen zu haben. Es herrscht eine stets gereizte Stimmung, die sich immer wieder in Verbal-Attacken und Aggressionen und Körperclownerien steigert. Psychopharmaka fänden hier reißenden Absatz. Allerdings bekommt die nur Ellida von ihrem Mann verabreicht. Dazu erschreckt Wangel sie höchst persönlich als fremder Seebär, indem er sich einfach eine Wollmütze überstülpt. Ein Geist, eine Ausgeburt der kranken Phantasie? Was auch immer dieser Besetzungscoup bedeuten soll.

Der vom Doktor herbeigeholte alte Hauslehrer der Mädchen Arnholm (Michael Goldmann) ist auch keine große Hilfe, da er selbst ziemlich angenervt sein Heil im Liebeskauf der verzweifelten Bolette sucht und auch prompt findet. Der Frau vom Meer bleibt da nur die Flucht in den gebückten Möwenschrei. Stephan Kimmig scheint zu all dem selbst kein richtiges Verhältnis gefunden zu haben und flüchtet sich in Andeutungen. Es will so recht nicht einleuchten, dass nach dieser halbgaren Mystery-Soap plötzlich das reinigende Gespräch zu Tisch erfolgt. Der Casus Knaxsus dabei ist, dass Ibsen die Läuterung seiner Protagonistin vorsieht, die, nachdem sie vom Doktor doch noch die Freiheit erhält, sich nun selbst in Rührung frei für ihn entscheidet. Das geht heute nach der Vorgeschichte aus feministischer Sicht so nicht mehr als glaubwürdig durch. Kimmig streicht daher den Schmuseschluss und lässt seine Ellida einfach abgehen. Zurück bleibt ein Suppe löffelnder von Liebe stammelnder Doktor Wangel.

Zu der Idee muss man tatsächlich das Programmheft lesen, um es halbwegs zu kapieren, warum die da oben den halben Abend lang psychologisch animierte Körpergymnastik aufführen und nach zwei Stunden Tappen im Halbdunkel, einem Teller Suppe und zwei Glas Rotwein das Licht ganz ausgedreht wird. Es erschließt sich nicht, warum die Figuren handeln, wie sie handeln und der Waschlappen Wangel nach der Suppe der Erkenntnis das Handtuch wirft. Um es mit dem alten Fontane zu sagen: “Es geht, aber es geht mir zu flink.” Womit nicht das sich schier endlos ziehende, aggressiv fahrige Vorspiel zum Trennungssouper gemeint ist. Dass das alles noch halbwegs genießbar ist, liegt sicher an den beiden Hauptdarstellern. Chefkoch Stephan Kimmig hat dazu nicht allzu viel beigetragen.

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Die Frau vom Meer
von Henrik Ibsen
Premiere: 26. November 2014
Regie; Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Anja Rabes
Musik: Michael Verhovec
Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Steven Scharf (Doktor Wangel), Susanne Wolff (Ellida Wangel), Franziska Machens (Bolette), Lisa Hrdina (Hilde), Michael Goldberg (Oberlehrer Arnholm), Benjamin Lillie (Lyngstrand), Timo Weisschnur (Ballested)

Termine: 06., 19. und 26.12. 2014

Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/die_frau_vom_meer/

Zuerst erschienen am 29.11.2014 auf Kultura-Extra.

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Am kommenden Wochenende beginnt die neue Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 1: Das Deutsche Theater und Berliner Ensemble

Samstag, August 23rd, 2014

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Die Spielzeitpause der Berliner Bühnen neigt sich mal wieder dem Ende. Sie wurde für die an Entzug leidenden Theatersüchtigen ganz gut durch Festivals wie den FOREIGN AFFAIRS, dem TANZ IM AUGUST und natürlich wie immer durch luftig lockeres Open-Air-Theater überbrückt. Auch eine willkommene Abwechslung zur Routine des alltäglichen Einerleis an den hochsubventionierten Theaterbühnen Berlins. Womit wir beim ersten Kritikpunkt der letzten Saison an den fünf Stadttheatern angekommen sind. Es gab weder sehr viel Neues noch wirklich Herausragendes in den Spielplänen der hauptstädtischen Bühnen. Berlin ist auch längst keine Theaterhauptstadt mehr, wie man unschwer beim Theatertreffen im Mai feststellen konnte. Wie es um den Berliner Stadttheaterbetrieb bestellt ist, zeigt eine kleine Rückschau auf die zurückliegende und ein Ausblick auf die kommende Spielzeit.

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Deutsches Theater Berlin. Spielzeit 13/14 - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin. Spielzeit 13/14 – Foto: St. B.

Innehalten hieß es noch zum Abschluss der Spielzeit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in der Schumannstraße. Aber gerade das immer noch als führende Bühne gehandelte DT ist klarer Stadtmeister im Output. Durchschnittlich drei Inszenierungen feiern hier pro Monat ihre Premiere. Die drei Spielorte wollen ja auch entsprechend bespielt sein. Dabei ist man mal mehr, mal weniger darum bemüht, die einzelnen Produktionen in ein übergreifendes Motto zu pressen. Das lässt sich natürlich nicht immer konsequent durchhalten. In der letzten Spielzeit, in der es um Demokratie und Krieg gehen sollte, vermochten hinsichtlich des gesteckten Rahmens nur die wenigsten der Inszenierungen wirklich zu überzeugen.

Als Vielinszenierer fiel nicht erst in der vergangenen Spielzeit Hausregisseur Stephan Kimmig auf. Nachdem sich nach Michael Thalheimer auch Andreas Kriegenburg als tragender Regisseur des Hauses immer mehr zurückgezogen hat, lastete auf Kimmig bei immerhin vier Inszenierungen eine umso größere Erwartungshaltung. Nach einem Fehlstart mit der Doppelinszenierung Demetrius / Hieron. Vollkommene Welt konnte der auch außerhalb Berlins vielbeschäftigte Regisseur gemeinsam mit einer starken Hauptdarstellerin Susanne Wolff zumindest noch ein relativ schwaches Stück der Niederländerin Lot Vekemans retten. Mit Ismene, Schwester von, dem Münchner Gastspiel Judas und Gift war die Autorin immerhin dreimal im Programm vertreten. Bis auf den umjubelten Judas konnten diese Stücke aber nur durch den Einsatz des DT-Starensembles halbwegs überzeugen.

Am Ende standen noch ein kurz hingelaschter Beitrag zu den Autorentheatertagen und die vielleicht bemerkenswerteste Inszenierung der Berliner Theatersaison zu Buche. Kimmig Inszenierung von Wassa Schelesnowa, Maxim Gorkis Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall mit der Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin, war schon eine ziemlich genaue Zeichnung einer kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter in der Regie von Sebastian Hartmann - Foto: St. B.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter, Regie: Sebastian Hartmann – Foto: St. B.

Nur erwartbare Kunst-Routine herrschte dagegen bei Stefan Pucher, dem Regieduo Kuttner/Kühnel oder den schon genannten Regisseuren Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg. Eher enttäuschend auch die erste Inszenierung vom neu ans DT gerufenen Leipziger Ex-Intendanten Sebastian Hartmann. Nur Milan Peschel konnte in seiner zweiten Regiearbeit am DT ausgerechnet mit einem Gegenwartsstück von Nis-Momme Stockmann in den Kammerspielen punkten. Was wieder mal die These bekräftigt, dass die Überraschungen eher auf den kleineren Bühnen des Hauses zu finden sind.

Junge Regisseurinnen haben es weiterhin nicht gerade leicht am Deutschen Theater. Ihnen bleibt bis auf einzelne Ausnahmen nach wie vor die kleine Ausprobierbühne der Box vorbehalten. Ärgerlich in dieser Hinsicht war dann, dass gerade Jette Steckel ihren besonderen Auftritt auf der großen Bühne mit Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre verpatzte. In der neuen Spielzeit werden aber Brit Bartkowiak, Daniela Löffner und Jette Steckel neben Neuzugang Nora Schlocker wieder mit am Start sein.

Nach dem schmerzhaften Verlust von Dimiter Gottschef rücken nun immer mehr jüngere Regisseure ins Rampenlicht. Raffael Sanchez, Tilman Köhler, Simon Solberg, Frank Abt und Bastian Kraft mühten sich redlich um neue Regieakzente mit allerdings recht unterschiedlichen Ergebnissen. Der Star unter den Newcomern ist dabei sicher Bastian Kraft, der mittlerweile an einigen deutschen Stadttheatern Fuß gefasst hat. Seine poppigen Regie-Arrangements erinnern zum Teil an Stefan Puchers Breitwandüberwältigungsstil, entwickeln aber wie auch im Besuch der alten Dame durchaus ihren eigenen Reiz. Das kann aber nicht ganz über die ironiesatten Scheinbilder und harmlose Belanglosigkeit vieler Inszenierungen am DT hinwegtäuschen. Unbedingter Kunstwillen mit Starensemble im Hochglanzformat als einzige Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit?

die DT-Kammerspiele im Juni 2014 - Foto: St. B.

Die DT-Kammerspiele im Juni 2014 – Foto: St. B.

Das soll nun anscheinend in der neuen Spielzeit ganz anders werden. Kein ganz so starres Motto mehr. Intendant Ulrich Khuon lässt in den geplanten Inszenierungen den Umgang mit und die Veränderbarkeit von Realität auf der Bühne untersuchen. Dass damit verstärkt wieder ein Augenmerk auf die Gegenwart gelegt wird, lässt da auf eine spannende Spielzeit hoffen. 10 Autoren hat das DT eingeladen, anhand von 10 Schlüsselwörtern die wichtigsten 10 Neuinszenierungen des Hauses zu beschreiben. Ein Wort- und Text-Memory zu eher ambivalent-realen Empfindungen wie ZEIT, WIDERSPRUCH, SCHMERZ, FREMDE, TAUMEL, MUTTER, BEGEHREN, ANGST, FREIHEIT, GOTT.

Starten wollte das DT am 05.09. mit der Beckett-Inszenierung Warten auf Godot, die ursprünglich Dimiter Gotscheff übernommen hatte. In der Regie von Ivan Panteleev hatte das Stück Anfang Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere. Nach einer Urlaubsverletzung von Wolfram Koch ist die Berlin-Premiere auf den 28.9. verschoben worden. Nun machen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 11.09. Tabula rasa mit Gruppentanz und Klassenkampf. Carl Sternheim verabschiedete mit seiner Komödie bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, die Ideale der Sozialdemokratie. Nach der Münchner Inszenierung von Aus dem bürgerlichen Heldenleben die zweite Auseinandersetzung von Kuttner/Kühnel mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem deutschen Kleinbürgertum. Was bedeutet es heute links zu sein? Eine Frage, der die Beiden sicher wieder auf gewohnte Weise zwischen Didaktik und Comedy nachgehen werden.

Bewährtes gibt es mit Kleists Amphitryon (Andreas Kriegenburgs zweiter Kleistversuch am DT), Büchners Woyzeck (Regie: Sebastian Hartmann), Molières Der Geizige in der Regie von Martin Laberenz, dem zweiten Ex(il)-Leipziger am DT, Ibsens Die Frau vom Meer (Regie Stepahn Kimmig) und Schnitzlers Weites Land (Regie: Jette Steckel). Und natürlich darf Geburtstagskind Shakespeare nicht fehlen. Mit Macbeth (Regie: Tilmann Köhler), Was ihr wollt (Regie: Stefan Pucher) und Romeo und Julia (Regie: Christopher Rüping) wird so ziemlich die gesamte Bandbreite des elisabethanischen Dramatikers abgedeckt.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT Foto: St. B.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT
Foto: St. B.

Das Zeitgenössische Drama ist mit Altbekannten wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig aber auch gefragten jungen Autoren wie Iwan Wyrypajew, Philipp Löhle und Wolfram Lotz ganz gut abgedeckt. Besonders interessant dürfte aber vor allem Stefan Puchers Versuch an Bertolt Brechts frühem Künstlerdrama Baal sein. Erst 2009 scheiterte Christoph Mehler noch recht sportlich in den Kammerspielen. Pucher ist also in guter Gesellschaft und Brecht wieder im Kommen. Auch Volksbühnenchef Frank Castorf greift mal wieder zum proletarischen Dichter und seinem unangepassten Bürgerschreck. Um das zu sehen, muss man allerdings nach München fahren.

Das DT bietet dafür noch eine weitere Überraschung. Gerade erst wurde dem zweimaligen Überquerer der ehemaligen innerdeutschen Grenze Ronald M. Schernikau eine Informationstafel an seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf gewidmet. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November widmet Bastian Kraft dem außergewöhnlichen und leider früh verstorbenen Dichter und Schriftsteller an den Kammerspielen mit Die Schönheit von Ost-Berlin eine theatrale Collage. Es ist immerhin schon wieder vier Jahre her, dass das Theaterkollektiv PortFolio Inc. im Theater unterm Dach ebenfalls mit einer Art Collage biografischer Texte zum 50sten Geburtstag an Schernikau erinnerte.

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Das BE im Dornröschenschlaf ? Foto: St. B.

Das BE im Dornröschenschlaf ?
Foto: St. B.

Also wieder einiges los am Deutschen Theater und wenig Zeit zum wirklichen Innehalten. Dagegen fristet das benachbarte Berliner Ensemble seit Jahren einen eher fast schon museal anmutenden theatralen Dornröschenschlaf, aus dem es zumindest kurzfristig durch Leander Haußmanns fulminante Hamlet-Inszenierung erweckt werden konnte. Und ungewöhnlich früh startet das BE auch mit Haußmann in die neue Spielzeit. Im Duell der Nachbarn hat zumindest Claus Peymann terminlich kurzfristig die Nase vorn. Leander Haußmann bleibt dran und bringt nach Hamlet mit Büchners Woyzeck eine weitere getriebene Männerfigur auf die Bühne am Schiffbauer Damm bevor Anfang Oktober Sebastian Hartmann am Deutschen Theater nachziehen kann.

Viel Bemerkenswertes hatte das BE in der letzten Spielzeit allerdings nicht zu bieten. Neben zwei frühen Brechtfragmenten mit ganz unterschiedlichem Erfolg stand ein launiges Alterswerk von Luc Bondy, der Horvaths aus tiefen Augenhöhlen blickenden Kriegsheimkehrer Don Juan (Samuel Finzi) seine liebe Not mit dem weiblichen Geschlecht haben ließ. Zumindest eine einmalige Zusammenführung mehrerer Jahre Theatergeschichte in Gestalt von Schauspielern aus drei Berliner Theatern.

Die Altherrenriege Peymann und Karge teilte sich den Rest der Neuinszenierungen. Wobei Claus Peymann nur einmal und dann noch mit Kafkas Prozeß für das BE eher untypisch einen Roman inszenierte, wogegen Manfred Karge mit Fatzer am Hausheiligen Brecht scheiterte, Bruckners Die Rassen auf der Probebühne aber durchaus ganz passabel gestaltete. Runde Geburtstage von George Tabori und Heiner Müller brachten dann noch einige wenige Glanzpunkte.

HM  100 Jahre George  Fotos: St. B.

Runde Geburtstage von George Tabori (Die Kannibalen) 
und Heiner Müller (Der Spuk ist nicht vorbei) am BE

Für die neue Spielzeit hat man am Berliner Ensemble noch zwei Komödien-Inszenierungen von Katharina Thalbach (Molières Amphitryon) und Veit Schubert (Shakespeares Zwei Herren aus Verona) sowie einen musikalischen Abend von Franz Wittenbrink in Petto. In Villa Aurora erklingen Lieder aus dem Exil. Gesungen wird mit Sicherheit auch bei Robert Wilsons Faust-Inszenierung im April 2015. Herbert Grönemeyer meets Faust/Mesphisto & friends… steht in der Vorankündigung. Nach Büchners Leonce und Lena die zweite Zusammenarbeit des deutschen Sängers mit dem Texaner Wilson am BE.

Was eine neue Regiearbeit des Hausherren Claus Peymann betrifft, hält man sich am BE wie immer ziemlich bedeckt. Auf die lange angekündigte Uraufführung eines neuen Stücks von Peter Handke muss man wohl weiter vergebens warten. Der Autor äußert sich in seinem gerade erschienenen Gesprächsband über seine Arbeit fürs Theater gegenüber dem Dramaturgen Thomas Oberender auch recht despektierlich zu seinem alten Intimfreund/feind Claus Peymann. Dabei kommt der BE-Intendant im Vergleich zum Regisseur Michael Haneke oder gar dem Klassiker Goethe noch recht glimpflich weg.

Hausheiliger Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble Foto: St. B.

Hausheiliger Bertolt Brecht wacht vor dem Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Peymann wäre als Organisator der Typ Fußballtrainer, allerdings nicht bei Real Madrid sondern eher Arminia Bielefeld. Der Ostwestfälische Ballsportclub mit dem Cheruskerfürsten Arminus im Namen ist bekanntlich über die Jahre von der Bundesliga in die 3. Liga abgestiegen. Um diesen harschen Vergleich zum Fußballgeschäft etwas abzumildern, bescheinigt Handke Claus Peymann aber noch ein Ver- bzw. „Duchwalten“ aus Passion. Das wäre auch wirklich etwas Rührendes an ihm. Claus Peymann also als passionierter Sachwalter und Durchhalter einer musealen Theaterkunst. Da sagt uns Peter Handke wahrlich nicht sehr viel Neues. Das Claus Peymann aus der Deckung kommen wird, um eine neuerliche Guerilla-Abwehrschlacht in den Gazetten anzuzetteln, kann man getrost bezweifeln. Was das betrifft, macht sich bereits eine gewisse Müdigkeit beim alten Theaterrecken breit.

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Fazit der Spielzeitvorschau am Deutschen Theater und Berliner Ensemble: Die üblichen Verdächtigen beackern mit dem allgemeinen Bildungskanon den gewohnten Themenpark. Eine große Verunsicherung wird sich da wohl eher nicht breit machen. Man wird sehen müssen, was das wirklich bringt. Zumindest kann das DT gegenüber dem BE in Sachen Uraufführungen punkten. Was letztendlich sicher auch am nötigen Kleingeld, sprich Subventionen, liegen mag. Allerdings das Stück, was Claus Peymann demnächst (wann auch immer) mal uraufführen wird, will erst noch geschrieben sein.

Fortsetzung folgt…

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Weitere Infos:

Deutsches Theater Berlin: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/

Berliner Ensemble: http://www.berliner-ensemble.de/premieren

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Demetrius/Hieron und eine scheinbar vollkommene Welt in Agonie. – Klassischer Fehlstart mit Kimmig und Schiller zum Spielzeitbeginn am DT. Den können dann auch die Romanows, Rasputin und Kuttner/Kühnel nicht mehr retten.

Mittwoch, September 11th, 2013

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„Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.“
Heiner Müller – Gesammelte Irrtümer 2: Interviews und Gespräche.

 - Foto: St. B.

Demokratie und Krieg in der neuen Spielzeit am DT – Foto: St. B.

Agonie könnte zum heimlichen Motto der Spielzeit 2013-14 werden. So wie die Regierungskoalition kurz vor den Wahlen zum Deutschen Bundestag gebetsmühlenartig die Alternativlosigkeit ihrer Politik proklamiert, so versuchen die deutschen Theater verzweifelt ihre gesellschaftliche Relevanz unter Beweis zu stellen. Die allgemeine Krise macht vor den Tempeln der bürgerlichen Hochkultur nicht halt. Auch wenn relevante Kunst gerade in diesen Zeiten alternativlos erscheint, heißt das noch lange nicht, dass diejenigen, die sie erreichen soll, sie auch als eine zukunftsweisende Alternative wahrnehmen. Und während sich die Freie Szene Berlins gegen ihre Unterfinanzierung auflehnt, verfällt das etablierte Stadttheater trotz Solidaritätsbekundungen zusehends in eine selbstverschuldete Handlungsstarre. Die Beweglichkeit und die Kreativität der global vernetzten urbanen Kunstszene weiß schneller und direkter auf die Vielfalt und Unberechenbarkeit der sich stetig ändernden Welt zu reagieren. Das starre Stadttheatersystem hinkt dem in seiner Suche nach Authentizität und dem jeweils aktuellsten Trend nur noch hinterher.

Wenn der freischaffende Kulturjournalist Tobi Müller im Spielzeitheft des DT der Kunst in Zeiten, „wenn die Wirklichkeit spinnt und die Geschichte durchdreht“, eine ordnende, ausgleichende Funktion zuspricht, so stellt genau das das Stadttheater vor die Wahl, eher konservativ den jeweiligen Zeitgeist zu konservieren, oder dem im eher klassischen Sinne auszuweichen. Allein mit modernen Bearbeitungen des klassischen Bildungskanons wird es der stetig wachsenden Kontroverse in unserer Gesellschaft nicht mehr gewachsen sein. Und wo bliebe denn auch der besagte „Triumph der Fantasie“, bei all dem zu zollenden Tribut an den herrschenden Zeitgeschmack? Gerade da setzt das Deutsche Theater Berlin zum Spielzeitauftakt auf den Klassiker Friedrich Schiller. Freiheit oder Pflicht, dieser Widerstreit im großen Verfechter der erziehenden Wirkung von Kunst, scheint dann auch das deutsche Stadttheater derzeit zu zerreißen. Die Probleme der Welt abbilden oder sie auch lösen. Was kann Kunst heute wirklich bewirken und wo stehen dabei die Theaterschaffenden?

Friedrich Schiller (1759 -1805) - Foto: St. B.

Friedrich Schiller (1759 -1805) – Foto: St. B.

Schillers Begriff von der Geschichte war schon damals ein ganz universeller. Eine „unvergängliche Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet“, wie er es bezeichnete. Die Weltgeschichte als ein wesentlicher Einfluss auf heutige Geschlechter, denen es nun obliegt, ihre lose Enden zu einem Ganzen zu knüpfen und so „das Problem der Weltordnung aufzulösen und dem höchsten Geist in seiner schönsten Wirkung zu begegnen“. So weit, so gut. Auch die Philosophen Hegel und Marx haben danach den Einfluss der Geschichte auf den gesellschaftlichen Fortschritt untersucht und lediglich nur etwas anders interpretiert. Wo Staatsphilosoph Hegel in seiner Abhandlung über das römische Kaiserreich resigniert feststellte: „Unter der Herrschaft dieses Einen aber ist alles in Ordnung; denn wie es ist, so ist es in Ordnung.“ (Man spürt förmlich, wie sich die Hände zur Merkel-Raute fügen.) und die Wiederholung von Geschichte konstatierte, begann Marx mit Hilfe der Dialektik, nach den Ursachen von „weltgeschichtlichen Totenbeschwörungen“ und der mit ihnen einhergehenden wiedergängerischen Geschichtsparodien zu forschen. Bertolt Brecht, Walter Benjamin und Heiner Müller stehen mit ihren Geschichtsbetrachtungen genau in dieser Linie.

All diesen philosophischen Hintergrund erspart uns Stephan Kimmig im Programmbuch zu seiner Inszenierung von Schillers Dramenfragment „Demetrius“ über den falschen Zarewitsch, auch „Pseudo-Dmitri“ genannt, der 1604 nach der Zarenkrone greift. Die Dramaturgie hat Pause und ergeht sich lediglich kurz in der Krise des teleologischen Denkens und Schillers aufkeimendem Geschichtspessimismus. Geschenkt. Angesichts des Verlaufs der Französischen Revolution und ihren Nachwehen ist noch jedem klar denkenden deutschen Dichter jener Zeit ganz defätistisch ums Herz geworden. Dafür wird der komplette Text des Stückes „Hieron. Vollkommene Welt“ des jungen Autors Mario Salazar abgedruckt, der Kimmigs Demetrius-Bearbeitung flankiert, besser gesagt vorangestellt wird. Klingt doch auch bei Salazar eben jener pessimistische Ton an, den die meisten Literaturwissenschaftler aus Schillers „Demetrius“ heraushören wollen. Seine recht simpel gestrickte Handlung beschreibt eine in der Zukunft liegende Dystopie, in der alle Menschen nur noch arbeiten, bei Unproduktivität sofort ausgesondert und am ersten Tag ihrer Arbeitslosigkeit erschossen werden.

Nur am Weihnachtstag pausiert die Arbeitsgesellschaft und trifft sich ganz in Familie mit Braten, Geschenken und gestelltem Familienfoto. In dieser kleinsten Zelle der bürgerlichen Gesellschaft, wie es immer so schön heißt, führt uns Salazar dann auch das gesamte Bild des Systems „Vollkommene Welt“ vor. Den freudigen Fatalismus in Form der Tochter (Olivia Gräser), die von ihrer bevorstehenden Exekution berichtet, die ängstliche, in ihren Lebenslügen völlig aufgehende Mutter (Judith Hofmann), einen traumatisierten, nicht sprechen wollenden Sohn (Elias Arens) und schließlich den zweifelnden Vater (Michael Goldberg), der sich leisen Widerspruch erlaubt. Das kennt man so oder so ähnlich aus Film und Literatur. In einer zweiten Ebene sieht man den gealterten und unzufriedenen Herrscher Hieron (Felix Goeser) an zwei Krücken der Macht gefesselten und ihm zur Seite als dritte Krücke einen windigen Berater (Ole Lagerpusch) in philosophischem Gespräch vertieft. Die Sprache des Textes versucht den hohen Ton Schillers in Prosaversen zu treffen, verfehlt dieses Ziel jedoch um Einiges und wird von der Regie auch nicht besonders förderlich in Szene gesetzt. Rampenstehen, pathetische Gesten und unfreiwillige Komik beherrschen die Szenerie, auf der sich unmotiviert noch einige graue Sperrholzwände drehen. Da macht sich schnell Langeweile breit.

Das Ganze will uns in Form einer Parabel vermitteln, dass absolutistische Herrschaftssysteme nicht vorrangig das Wohl des Volkes im Auge haben, sich nur über Mythen, Heldenverehrung und Propaganda am Leben erhalten und den absoluten Herrscher schließlich selbst in eine unlösbare Sinnkrise stürzen. Ob nun aus lange Weile, infolge der Intrigen seines berechnenden Beraters oder leise aufkeimendem Widerstand im Volk, Hieron bringt sich schließlich selbst um. Er ist als Herrscher auch nicht mehr von Nöten, funktioniert doch das perfekte System vermutlich auch ohne ihn, den man eh nur noch aus Erzählungen kennt, unhinterfragt weiter. Das hat schon etwas sehr Gegenwärtiges, ist in dieser einfachen Form allerdings kaum geeignet, geschichtliche Zusammenhänge zu verdeutlichen. Ein Theaterstück kann und muss das auch nicht wirklich en detail leisten. Für ein gültiges Gleichnis auf herrschende Machtsysteme und den Niedergang der repräsentativen Demokratie greift diese Betonung allein auf die Lügen der Politik und den Selbstbetrug der Masse etwas zu kurz.

Der falsche Dmitry I. und Marina Mnishek. Radierung eines Porträts von F. Snyadetskogo. Anfang des 17. Jh.

Der falsche Dmitri I. und Marina Mnishek. Radierung eines Porträts von F. Snyadetskogo Anfang des 17. Jh.

Nach der Pause wird es dann auch nicht mehr viel besser. Kimmig führt mit dem gleichen Ensemble nun die Story des falschen Dimitri auf, der durch die Intrigen eines polnischen Wojewoden Glauben gemacht wird, der eigentlich von gedungen Mördern Boris Godunows ermordete Sohn des Zaren Iwans des Schrecklichen zu sein. Er reißt in hybrischer Selbstermächtigung das durch einen Friedenvertrag mit Russland gebundene Polen in einen blutigen Erbfolgekrieg um die Zarenkrone. Nach dem Motto: „Macht Gewalt Demokratie“ in der alten Spielzeit soll es nun weiterführend auch um Kriege gehen. Aktueller könnten dabei die momentanen Bezüge zur Wirklichkeit nicht sein. Wer heute wem in friedensstiftende Militäraktionen folgt und aus welchen Gründen, muss man nicht mehr extra erklären. Darüber hinaus verpasst das DT hier leider die Chance, zum Spielzeitstart einen geschichtlich weiteren Bogen zu schlagen, als nur über das kleine Polen des 17. Jahrhunderts bis zum großen Nachbarn dem russischen Zarenreich.

Kimmig lässt sein Personal nun scheinbar etwas freier agieren. Allerdings hat er sichtlich Mühe, die Fragmentstücke zu einem wirklichen Ganzen zu fügen. Er führt die bei Schiller nur in Skizzen vorhandene Figur der Lodoiska (Olivia Gräser) ein, einer jungen Polin, die den Demetrius im Haus des Woiwoden von Sendomir heimlich und ohne Hoffnung liebt, und lässt sie sehnsüchtige polnische Lieder singen. Nach dem Hieron ist Felix Goeser nun auch als Demetrius zu sehen, einem zunächst idealistisch seiner angeblichen Berufung folgenden Kämpfer, der aber von der Regie schnell als Zauderer entlarvt, von anderen fremdbestimmt, schließlich, als ihm dies vom Drahtzieher Mnischek (Markwart Müller-Elmau) entdeckt wird, zum desillusionierten Tyrannen mutiert. Auf ein „falsches“ Pferd gesetzt und mit einem Eimer Kunstblut übergossen, sieht der einst so kühne Prätendent auf die Zarenkrone nun eher wie ein begossener Pudel aus.

Am weitesten fortgeschritten war Schiller noch bei der Zeichnung der Figur der Marina (Natalia Belitski), Tochter des Mnischek, die dem Demetrius versprochen ist, und ihn ununterbrochen anfeuert, in freudiger Aussicht auf die Macht an seiner Seite. Die Maske lässt der stolzen, forschen Woiwodentochter dazu gleich ein Bart ankleben. Vielleicht hatte sie den aber auch noch aus der Szene im polnischen Reichstag. Der Szene, in der Demetrius vor dem polnischen König für seinen Feldzug gegen Russland wirbt. Alle Beteiligten stehen hier mit Rauschebärten und in Fantasiekostümen, die scheinbar die gesamte Zeit vom Barock bis zur Jahrhundertwende in die Moderne umspannen sollen, und stimmen schnell der allgemeinen Mobilmachung des polnischen Volkes zu. Die einzig warnende Stimme des Fürsten Sapieha (Ole Lagerpusch) wird in den Wind geschlagen. Bedeutsam schauen die Protagonisten von der großen Videoleinwand. Der Rest sind wirre Figuren- und Kostümwechsel, Wortfetzen von Schiller oder anderweitig Hinzugedichtetes an der Rampe. Kimmig scheitert mit seinem Projekt auf ganzer Linie. Der vielversprechende Spielzeitstart gerät zum Regiedebakel.

Am interessantesten sind an Schillers Fragment neben den angedeuteten psychologischen Personenzeichnungen vor allem die bereits fertig ausgearbeiteten Monologe der Hauptfiguren. Über dem vielleicht entscheidenden, der Gewissensprüfung der Zarewitschmutter Marfa (hier von Judith Hofmann im pathetisch hohen Ton gespielt), den falschen Sohn anzuerkennen, ist Schiller dann schließlich verstorben. Das Stück lag unvollendet auf seinem Schreibtisch. Nur aus den recht ausführlichen Skizzen lässt sich der Verlauf, den das Drama nehmen sollte, herauslesen. Schiller hatte sich auch mit einem anderen als dem durchweg pessimistischen Ende beschäftigt, ihn aber als künstlerisch uninteressant wieder verworfen. Der 1613 zum Zaren gewählte Michael Romanow beendete die Wirren um die russische Thronfolge, käme also als positive Wendung der Geschichte in Frage, was aber wiederum dem tragischen Verlauf des Dramas widersprochen hätte. Schiller bezeichnete den „Demetrius“ als Gegenstück zur „Jungfrau von Orleans“. Das historische Ende der Johanna änderte er dahingehend ab, dass sie mit dem Tod auf dem Schlachtfeld ihre Berufung erfüllt. Der Demetrius als betrogener Betrüger konnte schlecht für eine Utopie herhalten. Als Schablone für die Darstellung der Schrecken des Krieges vermag er jedoch Stephan Kimmigs Inszenierung zumindest eine gewisse Legitimation zu geben. Wie Michael Thalheimer Schillers „Jungfrau von Orleans“ neu ausdeutet, werden wir dann Ende September wieder am Deutschen Theater erfahren.

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„Protokolle fallenlassen. Man kann nicht mit schmutzigen Methoden einen edlen Zweck verfolgen.“
Zar Nikolaus II. in einer Randnotiz, nachdem eine offizielle Untersuchung die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion“ schuldig blieb. (Zitat aus „Agonie“ von Kuttner/Kühnel)

Agonie_Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra und den fünf gemeinsamen Kindern_1913

Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra und den fünf gemeinsamen Kindern (1913) – Quelle: Wikipedia

Eine wirklich gute Ergänzung zum Demetrius-Abend versprach die zweite Premiere der neuen Spielzeit in den Kammerspielen zu werden. Die Blütezeit Russlands begann bekanntlich mit dem Besteigen des Zarenthrons durch die Romanows. Ihr Ende fällt in die Zeit der Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert, auch genannt die „Zeit der Ruhe vor dem Sturm“. Jürgen Kuttner und sein Regiepartner Tom Kühnel haben sich mit „Agonie“ ein Projekt vorgenommen, das sie im Untertitel „Ein zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows“, der im Jahr nach der Großen Oktoberrevolution umgebrachten Zarenfamilie, nennen. Bisher ging es den Beiden ja in „Die Sorgen und die Macht“ und „Capitalista, Baby!“ um die Gemeinsamkeiten von Ideologien jeglicher Art und in „Demokratie“ um die Ambivalenz von Macht. Nun kommt die europäische Geschichte der Kriege und Machtumwälzungen am Beispiel Russlands dazu.

Im Gegensatz zum Demetrius/Hieron gibt es im Programmheft zu „Agonie“ auch ein wenig Futter, das gut durchgekaut einige Zusammenhänge zwischen dem Niedergang der Romanows und den geschichtlich bedeutenden Umwälzungen in Russland und Europa zu verdeutlichen hilft. Das ausgehende 19. Jahrhundert war ja nicht nur im zaristischen Russland ein Wendepunkt. Die großen Monarchien wackelten zu jener Zeit auch im westlichen Europa. Nach der Niederlage im 1. Weltkrieg verschwanden mit der Habsburger KuK-Monarchie und dem deutschen Kaiserreich die beiden flächenmäßig größten Mächte Europas. In ihrer Folge bildeten sich zwei recht fragile bürgerliche Republiken und eine Reihe von neuen Nationalstaaten an der Grenze zum gerade nach der Oktoberrevolution frisch entstanden Sowjetreich. An dieser Schnittstelle operieren jetzt Kuttner/Kühnel mit ihrem Geschichtsprojekt „Agonie“. Da könnte man weit ausholen, was Dampfplauderer Kuttner ja eigentlich auch liegen müsste.

Der Panzerkreuzer Avrora 1917 in Petrograd - Qhelle: Wikipedia

Der Panzerkreuzer Avrora 1917 in Petrograd
Qhelle: Wikipedia

Die europäische Geschichte ist durch einen ständigen Wechsel aus gesellschaftlichem Fortschritt und Kriegen gekennzeichnet. Auf Blütezeiten folgten Zeiten der Rezession. Die westliche Welt begründete dabei ihren wirtschaftlichen Fortschritt zum größten Teil auf dem Rücken der dritten Welt. Ähnliches vollzieht sich auch heute noch. Es herrschen zu Zeiten von Finanzkrise und Globalisierung der Märkte wieder große Verunsicherung in der Bevölkerung und Agonie in den regierenden politischen Parteien. Die Umwälzungen in der arabischen Welt und das Vorpreschen bzw. Mauern der Großmächte USA und Russland werfen ihre Schatten bis nach Europa. Das wäre der Punkt, wo Kuttner/Kühnel einhaken und die Parallelen zum Niedergang der Zarenfamilie aufzeigen könnten.

Es beginnt mit einer Einführung von DT-Schauspieler Moritz Grove im Matrosenanzug mit dem Schriftzug Awrora (Aurora) auf der Mütze. Gemeint ist der Panzerkreuzer, der das Signal zum Sturm auf das Winterpalais als Startschuss für die Oktoberrevolution und damit dem Ende der Romanows gab. Es ist von kleinbürgerlichem Idyll, Katastrophen, teuflischem Missgeschick sowie Angst die Rede, und natürlich sind die Nihilisten, Freimaurer, Juden und vor allem Lenin an allem Schuld. Der Petersburger Blutsonntag im Jahr 1905 ist eine von mehreren Zäsuren in der Amtszeit von Zar Nikolaus II. Ein weiterer die Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg und natürlich der Eintritt in den 1. Weltkrieg. Weiterhin fehlt ihm ein männlicher Nachfolger, was ihn innenpolitisch unter Druck setzt. Und als dieser lang ersehnte Zarewitsch endlich da ist, hat er mütterlicherseits die Bluterkrankheit geerbt.

rasputin

Grigori Rasputin (1869 – 1916)

Hier nun setzt Kuttners lustiges Politkabarett ein, in das er sich natürlich in mehreren Rollen selbst tatkräftig einbringt. Da wird dem jungen Zarewitsch oder auch Baby-Zar (immer noch Moritz Grove, kurze Hosen, Holzgewehr) das „Lob des Lernens“ gesungen. „Du musst die Führung übernehmen.“ Eine Playbackversion der Zarenfamilie zur Stimme Ernst Buschs. Und wenn das Volk hungert, kommt das Lied vom „Zerissenen Rock“. Immer wenn das Stück an einen neuralgischen Punkt gelangt, setzen Kuttner/Kühnel die Brecht/Eisler-Songs aus der „Mutter“ dagegen. Das hat natürlich was, fehlt doch ansonsten die Reflexion des da Draußen, bewegt sich der Plot doch ausschließlich in den Palästen des Zaren- und der Großfürstenfamilien mit angeschlossenem Personal und pseudodemokratischer Regierungsriege. Und von außen schneit dann plötzlich wie eine Fügung (ob zum Guten oder Schlechten, darum wird sich im Weiteren die Handlung drehen) der Wunderheiler und unangepasste Wanderprediger Rasputin herein und stoppt erstmal mit Handauflegen die Blutungen des Zarewitschs. Eine Paraderolle für Michael Schweighöfer im langen schwarzen Mantel, mit Zottelhaar und -bart.

Ihm verfällt die Zarin Alexandra (Katharina Marie Schubert) und auch der Zar (wunderbar nölig, Jörg Pose) kann sich seinem Einfluss kaum erwehren, was ihm vor allem nun außenpolitisch Probleme bereitet, ist Rasputin doch ein vehementer Kriegsgegner. Diese zwielichtige Gestalt stört die Interessen der Machthaber im Hintergrund. Und in illustrer Runde, beim Wein, Tennis oder mongolischen Medizinmann (Natali Seelig, auch noch in anderen Rollen, wie der Zarenmutter Maria zu sehen) werden Ränke geschmiedet, Schießübungen veranstaltet und Rasputin in einer comedyreifen Slapsticknummer mit zyankalivergifteten Prallines, muffigem Rotwein und unter mehrfachem Pistoleneinsatz schließlich im Hause des Fürsten Jussupow (Daniel Hoevels) zur Strecke gebracht. Am verhängnisvollen Verlauf des 1. Weltkriegs vermag das nichts mehr zu ändern. Den sich mehr und mehr ins Private zurückziehenden Zar Niki kann auch seine liebe Sunny nicht mehr motivieren.

„Das lässt sich nicht ändern“, seufzt Zar Nikolaus irgendwann auf dem Kanapee und legt die Zukunft in Gottes Hand. „Deutschlands Zukunft in guten Händen“ heißt es auch bei der CDU. Da muss also was dran sein. Nicht nur wegen der Merkel-Raute. Trotzdem verkneift sich Kuttner einen Abend zur Wahl und legt uns samt den Romanows lieber auf die Couch. Eigentlich geht es ja, wie schon bei Frank Castorf, auch bei Kuttner nicht nur um den fatalistischen, russischen Muschik. Der hatte wenigsten noch hin- und wieder seinen Hintern hochbekommen. Es ist die Intelligenzija, die nihilistisch auf dem Kanapee hockt und oblomowt. Wem das nicht mehr auffällt, der ist vermutlich gerade kurz selbst mal weggenickt oder bereits völlig komatös. Wie man spannende Abende zur russischen Geschichte hinbekommt, samt schwitzender, religiöser Mystik, geschichtlichen und politischen Querverweisen mit Blick über den deutschen Tellerrand und wieder zurück, kann man in der Volksbühne bei Castorfs turbulent-diskursiven Tschechow– und Dostojewski-Abenden sehen.

"Ja! Die Deutschen!" Das Duell von Anton Tschechow an der Volksbühne. Regie: Frank Castorf

„Ja! Die Deutschen!“ Das Duell von Anton Tschechow an der Volksbühne. Regie: Frank Castorf – Foto: St. B.

Das alles kommt bei Kuttners typisch geschnipseltem Klamauk natürlich auch irgendwie am Rande vor, wird aber mit jeder Menge Ironietünche überdeckt. Was wenigstens noch einige im Publikum zu spärlichen Lachern animiert. Der Rest zuckt verständnislos mit den Schultern. War da was? Völlig aus der Zeit gefallen steht zum Schluss die Zarenfamilie, wie zum Gruppenfoto aufgereiht, und weiß auch nicht mehr wirklich was die Zeit geschlagen hat. Nun regieren neue Herren, ein anderes Kapitel russischer und europäischer Geschichte beginnt, dass Kuttner und Kühnel demnächst wohl etwas erhellender und aufschlussreicher beleuchten könnten.

Während sich andere Häuser konkret dem magischen Datum 1913 und den weltumspannenden Umwälzung vor Einhundert Jahren widmen, wuselt das Deutsche Theater etwas in der russischen Geschichte herum, ohne nur einen der verstreut herumliegenden Fäden wirklich zu fassen zu bekommen. Bei derlei, in Kuttners Fall zwar ganz unterhaltsam aufbereitetem, ansonsten jedoch lediglich populärwissenschaftlich aufgeblasenem Wissen, empfiehlt es sich doch eher selbst einen Ausflug in Schillers Universalgeschichte und die daraus resultierenden Dramen zu unternehmen, oder für eine bildungsbürgerliche Kurzfassung Florian Illies pointiert geschriebenes Buch „1913“ zu lesen.

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Termine im Deutschen Theater:

Demetrius – Hieron. Vollkommene Welt

Agonie

Am 9. Sept. 13 und 11. Sept. 13 auch auf Livekritik erschienen.

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Heute startet die neue Spielzeit am DT – Wo bleibt der große Wurf? Das Deutsche Theater Berlin zwischen deutscher Geschichte und Tradition, Kunstanspruch und Klamotte. Ein Rückblick nicht nur auf die letzte Spielzeit.

Freitag, August 30th, 2013

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„Die republikanische Verfassung eines Theaters ist wohl möglich und für seinen Bestand nicht nur ohne Gefahr, sondern vielmehr von großem Vorteil. (…) Die Tatsache aber ist nicht zu verschweigen, dass, um breiteste Wirkungen im edelsten Sinne auszulösen, nicht der Einfluß eines Theaters genügt, nicht eines oder mehrerer Hoftheater, sondern alle Theater dürften letzten Endes nur dem einen Ziele dienen, dem Ziele der Wohlfahrt und des höchsten Gedeihen des Volkes, wie es von den Besten erkannt und angestrebt wird. Man braucht nur einen Blick auf die Mehrzahl deutscher Bühnen zu werfen, um das betrübende Bewusstsein zu haben, wie wenig von diesen für die Kultur des Volkes geleistet wird, geleistet werden kann!“
Zitat Siegwart Friedemann, Vertrauliche Theaterbriefe. Schlussbetrachtung. 1909, aus: Alexander Weigel: Das Deutsche Theater – Eine Geschichte in Bildern, Propyläen 1999

DT-LogoGeschichte und Tradition am Deutschen Theater Berlin

Bereits in den Jahren vor 1848 bis in die Zeit der Märzrevolution in Deutschland führt in einem alten Casino an der Schumannstraße 14 der Restaurateur und damalige Direktor Friedrich Wilhelm Deichmann kleine revolutionskritische Possen mit „höchst zeitgemäßen Couplets“ wie „Die Nacht der Barrikaden, oder der Engel im Dachstübchen“ und „Eigentum ist Diebstahl oder Der Traum eines roten Republikaners“ auf. Es folgen weitere derlei „komische Genrebilder mit Gesang“ wie „Der deutsche Michel“, „Keine Arbeit mehr!“ oder „Eine Leipziger Barrikade“. Das kleinbürgerlich Verharmlosende dieser mehr spaßig gedachten Bühnenstücke hat Kurt Tucholsky 1919 in „Was darf Satire“ so beschrieben: „Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten.“

Trotzdem strömt das Publikum begeistert ins Wilhelmstädtische Theater bis dann gerade die Aufführung Johann Nestroys „Freiheit im Krähwinkel“ Direktor Deichmann doch noch die befürchtete „permanente Überwachung“ durch das Berliner Polizeipräsidium einbringt. Erst der Errichtung eines Prachtbaus des von ihm beauftragten Architekten Eduard Titz in den Jahren 1849/50 holt das Theater aus der volksnahen Schmuddelecke. Deichmann will von nun an ein Theater für die „bessere Gesellschaft“ leiten. Aber die Aufführungen von Singspielen und komischen Opern, ernste Sachen sind dem Königlichen Theater vorbehalten, finden wenig Anklang beim vergnügungssüchtigen Volk. Erst um 1859 treffen „französische Frivolitäten“ wie die Operetten von Jacques Offenbach wieder den Geschmack auch eines breiteren Publikums. In den folgenden Jahren etabliert sich das Theater immer mehr als gutgehende Operettenbühne und zieht vor allem das durch die deutsche Reichsgründung erstarkte und zahlungskräftige Bürgertum in die Schumannstraße.

Außenfassade des Friedrich-Wilhelmstädtischen-Theaters um 1850 (http://www.deutschestheater.de/dt-freunde/)

Außenfassade des Friedrich-Wilhelmstädtischen-Theaters um 1850 (http://www.deutschestheater.de/dt-freunde/)

Dieses national wie finanziell erstarkte Bürgertum gibt sich aber nicht lange nur dem Frohsinn hin. Es verlangt immer mehr auch nach höherer Erbauung. Entsprechende Aufführungen von Shakespeare-Dramen und nicht zuletzt Kleists „Prinz von Homburg“ entfachen dann in den 1870er Jahren auch regelrechte vaterländische Begeisterungsstürme im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater. Die alte Idee eines „Deutschen Nationaltheaters“ verwirklichen dann Theaterleute um den Kritiker Adolph L’Arronge und Schauspieler Siegwart Friedemann mit der Gründung einer deutschen Schauspieler-Sozietät. Sie kaufen sich in das Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater ein und übernehmen es ab 1883 ganz. Dies ist dann auch die Geburtsstunde des „Deutschen Theaters“, das damit in diesem Jahr auf eine nunmehr 130jährige Tradition unter diesem Namen zurückblicken kann.

DT_Adolph L’Arronge   DT_Otto Brahm

Adolph L’Arronge (1838 – 1908) und Otto Brahm (1856 – 1912) (http://www.berliner-schauspielschule.de/)

Max Reinhardt - Portrait von Emil Orlik

Max Reinhardt – Portrait von Emil Orlik

Mit dem Namenswechsel geht natürlich auch ein entsprechend programmatischer Wechsel vonstatten. Das Haus eröffnet mit Schillers „Kabale und Liebe“. Es folgen Lessings „Minna von Barnhelm“ und Goethes „Iphigenie“. Das nationale Selbstverständnis des deutschen Bürgertums manifestiert sich in einer klassisch deutschen Dramatik. Schillers „Don Carlos“ wird am Deutschen Theater an zwei Tagen komplett aufgeführt und auch der Klassiker Shakespeare verschafft den einzelnen Schauspielstars große Rollen. An deren großem Ego scheitert allerdings auch der erste Versuch eines demokratischen Schauspielertheaters. Ein Traum, den auch bis heute immer wieder mal Theaterregisseure wie Peter Stein oder Peter Zadek an der Schaubühne oder dem Berliner Ensemble zu verwirklichen suchten. Unter dem Intendanten Otto Brahm gehen nach 1894 die Klassikerinszenierungen immer weiter zurück und der Naturalismus mit Ibsen, Hauptmann, Schnitzler und Tolstoi ist auch am Deutschen Theater auf dem Vormarsch. Was sich unter dem großen Schauspielerregisseur Max Reinhardt (1873 – 1943) ab 1905 auch fortsetzt. Neben der legendären Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ von 1903 führt Reinhardt vor allem Hauptmann, Ibsen, Strindberg und Tschechow auf. Neben Shakespeare greift Reinhardt aber in seinem „Deutschen Zyklus“ auch wieder zu Dichtern wie Lessing, Kleist, Lenz und Büchner.

Max Reinhardt: „Ein Traum ohne Wirklichkeit bedeutet mir ebenso wenig als eine Wirklichkeit ohne Traum. Und das Theater besteht ja nur aus verwirklichten Träumen.“

Deutsches Theater und Kammerspiele - Postkarte um 1903

Deutsches Theater und Kammerspiele
Postkarte um 1903

Nach dem 1. Weltkrieg geht Reinhardt nach Salzburg und übergibt seinem Dramaturgen Felix Hollaender die Intendanz des Deutsche Theaters. Die Zeit der Weimarer Republik ist zunächst eher durch künstlerische Stagnation geprägt. Bis die Gruppe um den jungen Brecht mit den Uraufführungen von „Trommeln in der Nacht“ und „Im Dickicht der Städte“ für Aufsehen sorgt. Reinhardt kehrt nach Berlin zurück und setzt seine erfolgreiche Arbeit fort. Die Dramatiker Bruckner, Zuckmayer und Horvath arbeiten nun am DT. Bis schließlich die Machtergreifung der Nazis dieser Ära ein jähes Ende setzt. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten gelingt es dem Intendanten Heinz Hilpert sich weitestgehend aus dem Propagandarummel herauszuhalten. Unter Wolfgang Langhoff  (1901 – 1966) gelangt das Deutsche Theater ab 1946 wieder zu neuer Geltung im deutschsprachigen Raum. Brecht gastiert hier nach seiner Rückkehr aus dem Exil bis 1954 mit seinem Berliner Ensemble. Auch nach dem unrühmlichen Abgang Langhoffs beansprucht das DT weiterhin eine führende Rolle im bürgerlichen Sprechtheater der DDR, was auch im Westen Deutschlands anerkennend bemerkt wird. 1989 wird das DT zum ersten Mal mit Heiner Müllers „Der Lohndrücker“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Diese Tradition setzt sich auch nach der Wende erst unter Thomas Langhoff und ab 2001 unter Bernd Wilms fort. In den Jahren 1992, 1998 (DT-Baracke), 2005 und 2008 wird das DT zum Theater des Jahres gewählt.

Foto: Wolfgang Langhoff (sitzend) mit Dramaturg Heinar Kipphardt und Chefbühnenbildner Heinrich Kilger, Sept. 1953 – Bundesarchiv, Bild 183-21621-0003 / Kemlein, Eva / CC-BY-SA

Große Namen allein sind keine Garantie für den dauerhaften Erfolg

Berlin, 80. Geburtstag Wolfgang Heinz

Foto: 80. Geburtstag von Wolfgang Heinz mit Katja Paryla (m.) Simone von Zglinicki (r.) 19.05.1980 – Bundesarchiv, Bild 183-W0519-0028 / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA

gespenster

Ibsens Gespenster (1983)

Das DT war und ist auch stets ein Theater der großen Namen und Traditionen geblieben. Im Ensemble standen Schauspieler wie Louise Dumont, Gertrud Eysoldt, Tilla Durieux, Adele Sandrock, Elisabeth Bergner, Josef Kainz, Oscar Sauer, Max Reinhardt, Curt Bois, Alexander Moissi, Ernst Deutsch, Peter Lorre, Fritz Kortner, Erich Ponto, Hans Moser, Hans Albers, Inge Keller, Erika Pelikowsky, Elsa Grube-Deister, Käthe Reichel, Gudrun Ritter, Bärbel Bolle, Jutta Wachowiak, Johanna Schall, Katja Paryla, Christine Schorn, Herwart Grosse, Rolf Ludwig, Fred Düren, Dieter Franke, Eberhard Esche, Kurt Böwe, Otto Mellies, Dieter Mann, Christian Grashof, Jörg Gudzuhn, Dagmar Manzel, Ulrich Mühe u.v.a.m. Solch bekannte Regisseure wie Emil Lessing, Cord Hachmann, Felix Hollaender, Max Reinhardt, Oskar Kokoschka, Otto Falckenberg, Erich Engel, Heinz Hilpert, Wolfgang Heinz, Benno Besson, Adolf Dresen, Friedo Solter, Thomas Langhoff, Alexander Lang, Frank Castorf, Heiner Müller, Jürgen Gosch, und kurzzeitig in der Baracke auch Thomas Ostermeier gaben dem Haus mit ihren Inszenierungen ein vielschichtiges Gepräge.

Foto: Ulrich Mühe mit Inge Keller (l.) und Simone von Zglinicki (r) bei einer Aufführung von Ibsens Gespenster, 18. November 1983 – Hartmut Reiche, Bundesarchiv, Bild 183-1983-1118-005 / CC-BY-SA

Auch heute verfügt kaum ein Theater im deutschsprachigen Raum außer der Wiener Burg, den Münchner Kammerspielen oder dem Thalia Theater in Hamburg noch über ein solch großes und auserlesenes Schauspielensemble wie das Deutsche Theater in Berlin. Neben Ausnahmeschauspielern wie Corinna Harfouch, Almut Zilcher, Nina Hoss, Meike Droste, Ulrich Matthes, Samuel Finzi, Wolfram Koch und dem bedauerlicher Weise in diesem Jahr verstorbenen Sven Lehmann stehen die Mitglieder des alten DT-Ensembles wie Margit Bendokat, Gabriele Heinz, Barbara Schnitzler, Simone von Zglinicki, Christian Grashof, Michael Gerber, Michael Schweighöfer und Bernd Stempel neben den Neuzugängen Maren Eggert, Susanne Wolff, Judith Hofmann, Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Felix Goeser, Peter Moltzen, Andreas Döhler u.a., die mit Intendant Ulrich Kuhon zur Spielzeit 2009/2010 aus Hamburg nach Berlin gewechselt sind. Die derzeitigen Regiestars heißen Dimiter Gotscheff, Michael Thalheimer, Stefan Pucher, Nicolas Stemann, Jürgen Kuttner und die Hausregisseure Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig. Die junge Garde ist mit Jette Steckel, Bastian Kraft, Simon Solberg, Rafael Sanchez oder Roger Vontobel bestens vertreten.

Dantons Tod von Georg Büchner (1981)

Foto: „Dantons Tod“ in der Regie von Alexander Lang. Inge Keller (l), Margit Bendokat (3.v.l.), Christian Grashof (2.v.l.) und Günter Sonnenberg (4.v.l.) 20.04.1981 – Bundesarchiv, Bild 183-Z0420-027 / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA

Das alles scheint eigentlich Garant für andauernde Qualität und entsprechende Erfolge für das Deutsche Theater zu sein. Allein diese, wenn man die Einladungen zum Berliner Theatertreffen als Maßstab der Dinge nehmen möchte, lassen seit dem Beginn der Intendanz Ulrich Khuons auf sich warten. Jürgen Goschs Tschechow-Inszenierungen „Onkel Wanja“ (2008) und „Die Möwe“ (2009) sowie Michael Thalheimers „Orestie“ (2007) von Aischylos oder „Die Ratten“ (2008) von Gerhart Hauptmann sind nach wie vor unerreicht. Andreas Kriegenburgs Dea-Loher-Trommel-des-Lebens-Inszenierung „Diebe“ (2010) war das Bemerkenswerteste, was das DT im Leistungsvergleich mit den anderen deutschsprachigen Bühnen seither zu bieten hatte. Seit nunmehr drei Jahren herrscht leider nur noch eine gut gehandwerkelte Beliebigkeit am DT. Und das bei geradezu hausintern künstlich hochgehaltenem schauspielerischem Glamourfaktor. Während die großen Konkurrenten Burgtheater Wien, Münchner Kammerspiele und das Thalia Theater Hamburg beinahe schon auf das Theatertreffen abonniert zu sein scheinen, war auch zu dessen 50. Jubiläum das Deutsche Theater im mittlerweile zur gesamtdeutschen Theaterhauptstadt gewordenen Berlin nicht vertreten. Fast schon demütigend dürfte dabei noch die Tatsache hinzukommen, dass dem DT seither durch den Quereinsteiger Herbert Fritsch, der die ebenso in Agonie verfallene Volksbühne erweckt hat, immer wieder der Witz abgekauft wird. Reizt Fritsch mittlerweile sogar Regiealtmeister Frank Castorf zu neuen Höhenflügen, lieferten das DT-Hausregieduo Kimmig und Kriegenburg dagegen in letzter Zeit eher gefälliges Mittelmaß ab.

Deutsches Theater und Kammerspiele im Jahr 2013 - Foto: st. B.

Deutsches Theater und Kammerspiele
im Jahr 2013 – Foto: St. B.

Höhen und Tiefen der Spielzeit 2012-13

In der Spielzeit 2010-11 und auch 2011-12 gab es wenig Herausragendes zu berichten. Bei weitgehend hohem Premierenoutput verzettelte sich das Deutsche Theater dabei immer mehr zwischen angestrebtem gesellschaftlichen Anspruch und guter Unterhaltung. Erst in dieser Saison war erstmals überhaupt ein durchgängiges künstlerisches Konzept erkennbar. In Zeiten von Krise, Politikverdrossenheit und breiter Empörung gab man sich mit dem Motto „Macht Gewalt Demokratie“ wieder explizit politisch und sogar bisweilen kämpferisch. Herausgekommen ist aber dennoch wieder eine Spielzeit mit eher durchwachsenen Leistungen. Auch Dimiter Gotscheffs mit Spannung erwartete Collage zum Thema Macht und Gewalt „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige” geriet eher zum Heiner-Müller-Gedächtnis-Spezial als zu einem wirklich überragenden Beitrag zum mächtig gewaltigen Themenkomplex. Halbwegs überzeugen konnten die Kritiker des DT nur das Antikendigest „Ödipus Stadt“ um Thebens Herrschergeschlecht der Labdakiden oder die Dramatisierung von Eugen Ruges DDR-Nomenklaturasaga „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, beides durch Vielarbeiter Stephan Kimmig inszeniert. Kimmig konnte hier zumindest teilweise sein feines Gespür für interessante Familienstoffe ausspielen. Trotz einiger schauspielerischer Glanzleistungen vermochten beide Inszenierung aber nicht wirklich zu packen.

Regie-Neuzugang Andres Veiel brachte dem DT mit seinem Doku-Recherche-Stück „Das Himbeerreich“ zumindest einiges an Medienaufmerksamkeit. In einer Art fiktiven Dialogmontage plaudern abgehalfterte Banker aus dem Nähkästchen, träumen von alter Größe und versuchen sich, mehr oder weniger einsichtig, zu rechtfertigen. Das besitzt leider weder einen besonders informativen Gehalt noch dramatischen Reiz und verflacht zusehends bis auf kleine wütende Rampenausflüge von Ulrich Matthes. Fast schon zu einem peinlichen Dauerausfall ist mittlerweile Chefregisseur Andreas Kriegenburg geworden. Weder seine Hebbel-Inszenierung „Judith“, die „Winterreise“ von Elfriede Jelinek oder das Kleistdebakel mit dem sechsfachen „Käthchen von Heilbronn“, noch das neue Dea Loher Stück „Am schwarzen See“ in seiner Regie konnten in der jüngsten Vergangenheit annähernd überzeugen. Im Spielplan stehen überhaupt nur noch zwei von Kriegenburgs Dea-Loher-Arbeiten. Feiern konnte man lediglich die Rückkehr des Regisseurs Michael Thalheimer zu alter Größe. Seine Inszenierung von Horvaths Klassiker „Geschichten aus dem Wiener Wald“ riss das DT kurz vor Ende der Spielzeit noch einmal aus der sich breitmachenden Lethargie. Wie kurzzeitig Verlorengegangene bewegen sich die Protagonisten immer wieder aus dem Dunkel der Bühne nach vorn an die Rampe und erstarren dort nach kurzem Aufbegehren wieder in Eiseskälte hinter Pappmasken. Thalheimer hat seine Liebe zur geschundenen, von den gesellschaftlichen Verhältnissen gebeugten Kreatur in der Gestalt der Marianne (Katrin Wichmann) wiederentdeckt und lässt sie bei aller ungeschützten Nacktheit doch traumzauberisch würdevoll im allen falschen Donau-Walzerkitsch überdeckenden Konfettiregen stehen. Ein wahrhaft großartiger Theaterabend.

Programmzettel der Uraufführung am 2. November 1931 am Deutschen Theater Berlin

Programmzettel der Uraufführung am 2. November 1931 am Deutschen Theater Berlin

„Eine stärkste Kraft unter den Jungen, Horváth, umspannt hier größere Teile des Lebens als zuvor. (…) Unter den Jungen ein Wer; ein Geblüt; ein Bestand. Ansonst ist hier kein Zurückschrauben in die Fibeldummheit; sondern ein Saft. Und ein Reichtum.“ Alfred Kerr 1931 im Berliner Tagblatt zur Berliner Uraufführung von „Geschichten aus dem Wiener Wald“ unter der Regie von Heinz Hilpert am Deutschen Theater

Gelungenes und weniger Gelungenes in der Box und den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin 

Wenn es im großen Haus floppt, konnte man sich am DT bisher wenigstens noch auf kleinere Inszenierungen in den Kammerspielen und der Box verlassen. Waren das in den letzten Jahren vor allem Inszenierungen wie Kafkas „Schloss“ von Nurkan Erpulat, „Jochen Schanotta“ von Ulrich Seidel in der Regie von Frank Abt, die Dauerbrenner „Die Sorgen und die Macht“ von Peter Hacks vom Regie-Duo Kühnel/Kuttner oder „Tschick“ nach dem Roman des gerade verstorbenen Wolfgang Herrndorf in der Regie von Alexander Riemenschneider, so fällt in diesem Jahr die Auswahl wesentlich schwerer. Als kleine Achtungserfolge können auf jeden Fall die Uraufführung von „Muttersprache Mameloschn“ von Marianna Salzmann in der von Regie von Brit Bartkowiak und „Antwort aus der Stille“ nach der Erzählung von Max Frisch in der Regie von Frank Abt in der Box gelten. Neuer wie auch älterer Text werden hier jeweils nur mit drei glänzend aufgelegten Schauspieler_innen zum Leuchten gebracht.

„Manchmal wünsche ich mir einfach eine Bombe im Auto und keine Bremse im Kopf.“ Rahels Monolog aus: „Muttersprache Mameloschn“ von Marianna Salzmann

Marianna Salzmanns berührendes Familienstück über drei Generationen jüdischer Frauen in Deutschland wird durch die DT-Schauspielerinnen Gabriele Heinz, Anita Vulesica und Natalia Belitski mittels viel Witz und Hilfe einer frischen, lockeren Regie hervorragend in Szene gesetzt. Das mit reichlich Mutter- und Sprachwitz ausgestattete Stück ist ganz zu Recht auch für den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis nominiert worden. Max Frischs frühe Erzählung „Antwort aus der Stille“ über eigene Ansprüche, verfehlte Jugendträume und Menschen auf der Identitätssuche zwischen Extrem und Anpassung wird aus der Perspektive der gealterten Charaktere neu erzählt. Gabriele Heinz, Katharina Matz und Markwart Müller-Elmau brillieren in souveräner Weise in der im Gegensatz zum Boulevard-Karussell von Bastian Krafts Frisch-Inszenierung „Biografie: Ein Spiel“ aus dem Vorjahr wohltuend unaufgeregten Dramatisierung von Frank Abt und Meike Schmitz.

Weniger Glück hatte Frank Abt mit seiner recht stilisierten Regie zu Franz Xaver Kroetz’ Missbrauchs- und Emanzipationsdrama „Stallerhof“ aus dem Jahr 1971. Die Geschichte der jungen, geistig behinderten Beppi, gerät in den Kammerspielen des DT zum gut gemeinten integrativen Versuch. Der Blick konzentriert sich in dem klinisch weißen Bühnen-Guckkasten auf die ebenfalls behinderte Schauspielerin Mereika Schulz vom Ensemble des integrativen Theaters Thikwa aus Kreuzberg. Die bei Kroetz sogenannte Randexistenz rückt Abt so bewusst in den Mittelpunkt. Die falsche Moral und Scham der Eltern (Matthias Neukirch und Isabel Schosnig) über die Zurückgebliebenheit ihrer Tochter, die sich in Worten und auch Schlägen äußert, steht neben der Unfähigkeit des Knechts Sepp (Markwart Müller-Elmau) zu sozialem Verhalten, sein Begehren auch entsprechend auszudrücken. In dieser Kette aus Unterdrückung ist Beppi schließlich das schwächste Glied. Da sich zu Gunsten von Mereika Schulz alle anderen Darsteller weitestgehend zurückhalten, entstehen zwar eindringliche Momente, die einen ob der drastischen Sprache des Stücks beklommen machen, aber auch Leerstellen, die weitestgehend darstellerisch ungenutzt bleiben. Die unterstützende Führung durch den Text mit dem Schauspieler Thorsten Hierse als Erzähler, erweist sich nicht als der starke Kunstgriff, wie von Frank Abt gedacht. Textliche Unsicherheiten lassen sich zwar so geschickt kaschieren, dem Stück fehlt aber die spielerische Wucht, wie sie erst im letzten Jahr beim Gastspiel der Wiener Inszenierung von David Bösch mit Sarah Viktoria Frick in der Hauptrolle am BE zu erleben war. Dennoch kann Frank Abts Inszenierung als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters - Foto: St. B.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters
Foto: St. B.

Ebenfalls recht zwiespältig fiel die Inszenierung von Wajdi Mouawads düsterem Bürgerkriegsstück „Verbrennungen“ aus. Das ewige Regietalent Tilmann Köhler hat in Berlin nicht das glückliche Händchen wie am Staatsschauspiel Dresden, wo er seit 2009 als Hausregisseur tätig ist. Man sieht in den Kammerspielen von zwei Seiten auf eine kleine Plattform, auf, unter und neben der die Darsteller die Reise der kanadischen Zwillinge Jeanne (Kathleen Morgeneyer) und Simon (Christoph Franken) mit libanesischen Wurzeln auf den Spuren der Geschichte ihrer Mutter im ehemaligen Bürgerkriegsland, die auch die ihre ist, performen. Die mit vielen Rückblenden versehene komplizierte Handlung kann sich bei ständigen Rollenwechseln, nur Maren Eggert bleibt in der Rolle der Mutter Nawal (Die Frau, die singt) kaum richtig entfalten. Wer die Kraft gelungener Inszenierungen von Tilmann Köhler sehen will, muss weiterhin nach Dresden fahren, was sich auch in jedem Fall lohnt. Leider lohnt sich ein Besuch der Kammerspiele des DT in dieser Spielzeit nur bedingt. Auch ein weiterer gut gemeinter Versuch reale Probleme mittels eines Klassikers auf die Bühne zu bringen, steht mit Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“ in der ersten Regie Simon Solbergs am DT von Anfang an auf verlorenem Posten. Trotz spielfreudigem Ensemble gerät Schillers Story des Kneiperssohns Christian Wolf vom Wilddieb über den verschmähten Liebhaber zum Verbrecher zur wüst kalauernden Klamotte. Das am Ende noch zwei echte ehemalige Knackis auftreten, die bereits zwischen den Szenen in Videoeinspielungen von ihrem Werdegang erzählten, und nun mit dem Ensemble von einem selbstbestimmten freien Vollzug auf einer Musterknastinsel träumen, verkitscht völlig die wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gesellschaft und humaner Strafvollzug.

Humor und Gesellschaftskritik – Neue Inszenierungen von Milan Peschel und Andreas Kriegenburg in den Kammerspielen

„Die Welt, ist eine Bühne und die meisten von uns, sind hoffnunglos unerprobt.“ Seán O´Casey (1880 – 1964)

Nach den schweren Themen zu Beginn der Spielzeit, versuchte man seit Januar an den Kammerspielen auch soziale Themen mit Humor anzugehen. Der irische Dramatiker und Freiheitsaktivist Seán O`Casey sowie der mit jeder Menge absurdem Witz ausgestattete französische Satiriker Georges Courteline scheinen dafür bestens geeignet. Nach seiner recht erfolgreichen Zeit als Schauspieler wie Regisseur an der Volksbühne und am Maxim Gorki Theater, wollte Komödienspezialist Milan Peschel in dieser Spielzeit überraschender Weise ausgerechnet auch am sonst eher humorarmen DT reüssieren. Das Unterfangen dürfte ihm mit seiner Brachial-Inszenierung von O`Caseys irischem Bürgerkriegsdrama „Juno und der Pfau“ gründlich danebengegangen sein. Er bullerte den kleinen Klamottenofen auf der Bühne ordentlich an und ließ das DT-Ensemble, allen voran Michael Schweighöfer als „Käptn“ Jack Boyle, der sich seinerseits schon am DT und MGT in Komödienregie versucht hatte, weitestgehend freien Lauf. Und Schweighöfer nutzt das auch genüsslich, um sich wie ein Pfau zu spreizen und dem Affen ordentlich Zucker zu geben. Ihm zur Seite steht Moritz Grove als Jacks prekärer Saufkumpel Joxer, immer eine Lidl-Tüte und ein paar bauernschlaue Weisheiten parat habend. So liebenswert verhuscht die beiden entschluss- und arbeitsscheuen Trinkkumpane auch durch den Abend schlurfen, grölen und grimassieren, es täuscht nicht über eine Regie hinweg, der nichts weiter zu O`Caseys sozialkritischem Stoff einfällt, als sie zur Farce und die anderen Darsteller zu Randfiguren und Stichwortgebern zu degradieren. Der ernste Hintergrund bei all dem Spaß verschwindet schnell hinter den Brettern, mit der Boyles Klein-Häuschen und kurzzeitig zusammengeborgter Reichtum nach der Pause vernagelt wird. Und wie sich die Verheißung vom Erbe und schnellen Reichtum alsbald in Rauch auflöst, so fällt auch die über dreistündige Story trotz lustiger irischer Pogues-Tanzmusik nach und nach wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Nicht viel besser erging es dem Versuch von Andreas Kriegenburg mit den Einaktern des absurden Dramatikers Courteline den zwanghaften Individualismus unserer Zeit aufs Korn zu nehmen und als neuen kreativen Uniformismus zu entlarven. In Fantasiekostümen, ziemlich dicht an die genderirritierenden Kreationen des australischen Performancekünstlers und Modedesigners Leigh Bowery angelehnt, trashen sich die Schauspieler durch fünf absurde Kurzdramen des französischen Satirikers und Bürgerschrecks des ausgehenden 19. Jahrhunderts. XTRAVAGANZA war das Motto des Stars der Londoner und New Yorker Club- und Modeszene der 80er Jahre, extravagant und gewollt exhibitionistisch ist auch das Auftreten der Darsteller in Kriegenburgs Courteline-Inszenierung „Sklaven“. Alles Sklaven ihres eigenen Strebens nach unbedingter Einzigartigkeit. Leigh Bowery unterlief mit viel schrägem Humor gesellschaftliche Konventionen ebenso wie die Erwartungen der Szene, die gierig jeden neuen individuellen Kick aufsog. Die Diktatur der angepassten Masse, wie die Diktatur der Fashion Victims. Kriegenburg versucht dies mit der absurden Handlungsdramatik Courtelines kurzzuschließen. Weiterer Szeneneinfall des Regisseurs ist die Nachbildung eines der bekanntesten Banksy-Graffitis, ein Blumenstrauß werfender Autonomer, am Bühnenhintergrund. Während sich die Protagonisten zunächst noch subversiv den Weg aus einer mit Zivilisationsmüll gefüllten Hinterbühne freischießen, werden anschließend vorn an der Rampe brav die „Szenen aus der bürgerlichen Hölle“ Courtelines repetiert. Bei aller schauspielerischen Raffinesse, ein Unterfangen, das kaum jemandem im Publikum eine Reaktion abnötigte. Beredtes Treiben auf der Bühne und Totenstille im Saal. Eine wahrlich beängstigende Szenerie der Gleichgültigkeit. Man riecht förmlich den angestrengten Denkschweiß von Kriegenburgs Arbeit. Er macht sich somit selbst zum Sklaven eines zu hoch geschraubten Kunstanspruchs.

"Sklaven" in der Regie von Andreas Kriegenburg - Foto: St. B.

„Sklaven“ in der Regie von Andreas Kriegenburg – Foto: St. B.

„Es gibt im Leben keine bessere Waffe als den Humor.“ Georges Courteline (1858 – 1929)

Shakespeare, Ibsen und Fallada – klassische Stücke in modernem Regiegewand

Den Kunstanspruch der Regisseure in allen Ehren. Zeichnet doch nicht zuletzt das Ausprobieren immer neuer Regiehandschriften ein experimentierfreudiges Theater aus. Wenn sich diese allerdings in möglichst originellen Regieeinfällen, übermäßigem Einsatz von Musik und Video sowie möglichst aufwendigen Bühnenaufbauten erschöpfen, wird Theater vollends zum billigen Pop Event. All das trifft leider auch auf die letzten Regiearbeiten von Rafael Sanchez, Roger Vontobel und Stefan Pucher zu. Dem Motto Macht und Demokratie geschuldet, hat sich Rafael Sanchez an den Shakespeare-Klassiker des römischen Heerführers „Coreolanus“ gemacht. Nur widerwillig beugt sich der Kriegsheld den pseudodemokratischen Gepflogenheiten des Pöbels, den er verachtet, um politische Karriere zu machen. Gekränkt durch des Volkes Wankelmut, das sich von den Volkstribunen aufhetzen lässt, schlägt er sich schließlich auf die Seite der Feinde Roms, fällt dann aber auch hier seinem ungezügelten Zorn zum Opfer. Sanchez hat alle Rollen weiblich besetzt, woraus sich aber im Folgenden kaum ein sichtbarer Gewinn ersehen lässt. Ausgestattet mit Perücken, Fettsuites und martialischen Rocker-Attitüden hangeln sich die fünf Darstellerinnen an einer Wand mit stufenförmig ausfahrbaren Kästchen durch alle Rollen des Stücks. Das lässt sich zunächst gut an und scheint auch recht symmetrisch choreografiert, wirkt aber auf Dauer eher beliebig und unfreiwillig komisch. Wem hier die Sympathie des Regisseurs tatsächlich gehört, will nicht so recht klar werden. Neben Judith Hofmann in der Hauptrolle, Susanne Wolff, Natalia Belitski und Barbara Heynen ist nach langer Abwesenheit mal wieder Jutta Wachowiak in einer Rolle am Deutschen Theater zu sehen und zeigt, dass sie auch mit unausgegorenen Regiekonzepten ganz gut fertig werden kann.

Dass Theatermacher immer häufiger mit Livemusikern zusammenarbeiten, ist nicht mehr grundsätzlich erwähnenswert. Auf den Berliner Bühnen wirkt dieser Einsatz aber mittlerweile fast schon inflationär. Das hat sich wohl auch Roger Vontobel gedacht. Nach seinem Hamlet in Pop in Dresden hat er sich für das Deutsche Theater gleich eine ganze „Inflationsrevue“ ausgedacht. Dazu adaptierte er den Berliner 20er-Jahre-Roman „Wolf unter Wölfen“ von Hans Fallada. Der junge Protagonist Wolfgang Pagel (Ole Lagerpusch cool in Lederjacke) lässt sich durch das fiebrige, alkoholgeschwängerte Berlin der Inflationszeit treiben. Dazu dreht sich die als Roulettetrichter ausgestaltete Bühne, fliegen Geldscheine und Goldflitter durch die Luft und eine ganze Band spielt den jazzigen Sound jener Zeit dazu. Mit Meike Droste, Peter Jordan, Matthias Neukirch, Isabel Schosnig, Christoph Franken und Katharina Marie Schubert bestens besetzt, kommt die Inszenierung, selbst im zweiten Teil auf dem Lande, nicht über ein aufgeregtes Umhertollen und -albern hinaus. Fallada scheint nur noch zum ironischen Klamauk zu taugen. Die Digestdramatisierung dafür lieferte wie immer am DT Hausdramaturg John von Düffel. Groß geklotzt wird in der Revue bei Bühne und Kostümen, da bleibt für Falladas Romanhandlung kaum mehr Platz. Selbst in dreieinhalb Stunden lässt sich seine Geschichte um den Verfall des gesellschaftlichen und politischen Sittenbilds in der Weimarer Republik nicht annähernd abbilden. Anklänge an die heutige Zeit werden dem schnellen Witz geopfert.

Falladas Wolf unter Wölfen, Regie: Roger Vontobel - Foto: St. B.

Falladas Wolf unter Wölfen, Regie: Roger Vontobel – Foto: St. B.

Die Krönung des unsinnig übertriebenen Einsatzes von Bühne, Kostüm und Musik ist allerdings die letzte Inszenierung der Spielzeit. Stefan Pucher hat sich für eine seiner berühmten Breitwandadaptionen alter Theaterklassiker ausgerechnet Ibsens „Hedda Gabler“ ausgesucht. Es scheint wie dessen Volksfeind, den es ausnahmsweise am DT nicht gab, ein Stück der Stunde zu sein. Man wird nicht müde, die vielen unterschiedlichen Versionen und großen Theaterdiven aufzuzählen, die sich schon in der Figur der vom unspektakulären bürgerlichen Leben ihres Wissenschaftlergatten Jögen Tesman gelangweilten Hedda versucht haben. Nun also Nina Hoss, und man fragt sich, wem hier nun die Stunde geschlagen hat. Hedda, ihrem erfolglosen Gatten Tesman (Felix Goeser) oder dem im provozierten Alkoholexzess abgestürzten Eilert Lövborg, dessen Manuskript sie vernichtet, um ihn zu einer letzten großen Tat zu anzutreiben. Pucher zeigt allerdings wenig Interesse an Psychospielchen und dreht die Protagonisten, ausgehend von einer ironisch rustikal anmutenden Blockhütte mit steifem Kragen, über ein elegantes, amerikanisches 30er Jahre Filmset, bis zu einem lässigen Siebzigerambiente im Plastikdesign, durch eine filmreifen Kulisse nach der anderen. Während sich die Szenen langsam auflösen und die Akteure immer mal wieder zur Gitarre greifen, gleitet das Geschehen an Nina Hoss und ihren eng gefassten Teflonkleidern ab, in denen sie, von all dem bemerkenswert unberührt, wie in ihrem eigenen Traum steckt. Auf der Strecke bleibt letztendlich das Stück und mit ihm die letzte Chance auf den großen Wurf. Auch wenn dann noch ein Videoshowdown im Westernstil über die Leinwand flimmert, hat man die Duellpistolen eigentlich schon vergessen und interessiert sich auch nicht mehr für den moralischen Zeigefinger den Margit Bendokat als Tante Tesmans zum Schluss noch einmal herausholt.

Hoffnungsträger Stephan Kimmig, Michael Thalheimer und eine Aussicht auf die neue Spielzeit

Es scheint so, als müsse es in der neuen Spielzeit wieder einmal Vielinszenierer und Hausregisseur Stephan Kimmig richten. Er arbeitet mittlerweile an fast allen großen, renommierten Häusern in Frankfurt, Stuttgart, Hamburg, München oder Wien. Zwei dieser Arbeiten konnte man im Juni bei den Autorentheatertagen am DT sehen. Trotz dieser Mehrfachbelastung bringt er immer mal wieder, wenn auch nicht gerade mit Ewald Palmetshofers verschwiemeltem jüngst am Akademietheater Wien uraufgeführtem Generationendrama „räuber. schuldengenital“, dann doch mit dem Stuttgarter Kroetz-Kaluza-Doppelschlag „Stallerhof / 3 D“, durchaus Bemerkenswertes zustande. Die Ergänzung dieses schon etwas betagten Missbrauchsdramas durch den frischen Text eines jüngeren Autors zum gleichen Thema ist ihm durchaus geglückt und diese Methode scheint auch zukünftig ein ergiebiges Experimentierfeld für Kimmig zu sein. Heute wird er wieder mit einer Doppelarbeit den Premierenreigen am Deutschen Theater eröffnen. Er überblendet Friedrich Schillers spätes Fragment „Demetrius“ mit dem neuen Stück „Hieron. Vollkommene Welt“ des jungen Berliner Dramatikers Mario Salazar. Es geht wie schon in der letzten Spielzeit um Macht und Machterhalt. Ob er damit wieder solche Funken schlagen kann, wie mit seiner aufrührerischen Antigone in „Ödipus Stadt“, bleibt abzuwarten.

Mit den Autorentheatertage wollte das DT 2013 das Weite suchen. Wie wird es in der neuen Spielzeit? - Foto: St. B.

Mit den Autorentheatertage wollte das DT 2013 das Weite suchen. Wie wird es in der neuen Spielzeit? – Foto: St. B.

Am Sonntag greift dann das Regieduo Kuttner/Kühnel an den Kammerspielen in das Geschehen ein. Passend zum Demetriusstoff von Schiller werden die beiden mit „Agonie“ ein zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows zur Aufführung bringen. Nach ihrem seichten Willi-Brandt-Schlagerabend „Demokratie“ bleibt zu hoffen, dass das DT nicht schon zum Spielzeitstart im „Todeskampf“ liegt. Noch einmal Schiller wird es Ende September geben, wenn Michael Thalheimers bereits in Salzburg gezeigte „Jungfrau von Orleans“ Berlin-Premiere feiert. Neben den alteingesessen Strategen Dimiter Gotscheff (Becketts „Warten auf Godot“) und Andreas Kriegenburg („Aus der Zeit fallen“ von David Grossman) werden auch wieder jüngere Regisseure wie Bastian Kraft, Tilmann Köhler, Rafael Sanchez und Daniela Löffner am Start sein. Nach Ibsens „Hedda Gabler“ versucht sich Stefan Pucher nun an Sophokles` „Elektra“. Ob er mit Michael Thalheimers archaischer Burgtheater-Inszenierung mithalten kann, ist fraglich. Nina Hoss, die bekanntlich in Richtung Schaubühne abgewandert ist, wird ihm jedenfalls nicht mehr zur Verfügung stehen.

Auch bringt diese Spielzeit einige Überraschungen und Wiedersehen. Mit „Der Löwe im Winter” von James Goldman gibt der in Leipzig gescheiterte Sebastian Hartmann, der bisher nur am Maxim Gorki Theater inszenierte, seinen Einstand am DT. Nuran David Calis geht in seiner zweiten DT-Arbeit mit „Tee im Harem des Archimedes“ nach dem Roman von Mehdi Charef in die Banlieues von Paris. Und nach der Babypause wird auch wieder eine Regiearbeit von Jette Steckel zu sehen sein. Nach Hauptmanns „Ratten“ am Thalia Theater in Hamburg, bringt sie im März 2014 eine neue Inszenierung auf die Bühne des DT (ursprünglich geplant war „In Zeiten des Aufruhrs“ nach dem Roman von Richard Yates). Ob das endlich der ganz große Wurf für Ulrich Khuons DT ist, wie noch vor einem Jahr Steckels fulminanter „Dantons Tod“ in Hamburg, wird sich zeigen. Wir bleiben zuversichtlich am Ball.

DT_Juni 2013

Noch herrschen sonnige Tage zum Spielzeitbeginn am Deutschen Theater Berlin. – Foto: St. B.

„Dramatiker und Rausschmeißer träumen immer von einem großen Wurf.“ Joachim Ringelnatz (07.08.1883 – 17.11.1934)

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Alle besprochenen Inszenierungen stehen weiterhin im Spielplan des DT.

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Zweimal Tschechow am Thalia Theater Hamburg – Luc Perceval inszeniert den „Kirschgarten“ für Barbara Nüsse als entschleunigten Todesreigen und Jan Bosse lässt Jens Harzer als „Platonow“ in schönster, tragigkomischer Ironie scheitern.

Mittwoch, Oktober 10th, 2012

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„Das Tragische und das Komische, das Katastrophische und das Mitfühlende sollten zusammengehen. … doch wo Shakespeare auf das Tragische beschränkt bleibt, liegt Tschechows Genie darin zu sagen, dass wir gegen jegliche Form des Bösen nichts tun können als ausharren, weitermachen, weiterkämpfen, weiterlieben, weiterlachen.“ Cornel West (geb. 1953 in Tulsa, Oklahoma, USA), Professor für afroamerikanische Studien in Princton und Religionsphilosophie in New York, in einem Interview mit dem Philosophie-Magazin (Nr. 6 / 2012)

Eine Aufführung von Anton Tschechows posthum veröffentlichtem namenlosem Erstling, der außer „Die Vaterlosen“ meist eher nach seinem Titelhelden „Platonow“ benannt wird, benötigt bei seiner kompletten Spielzeit von fast 8 Stunden und etlichen Nebenfiguren vor allem einen Schauspieler, der die Figur des Frauenhelden wider Willens die nötige Präsens verleiht, oder man hat anderweitig triftige Gründe für die Aufführung dieses überbordenden Stücks. Ansonsten dürfte sich der Regisseur schnell dem Vorwurf der vorsätzlichen Langeweile ausgesetzt sehen. Alvis Hermanis musste sich bei seiner knapp fünfstündigen detailgetreuen Kostüm- und Bühnenbildversion zumindest derlei anhören. Das er allerdings das Geschehen zeitlich sehr stark verdichtete und ganz bewusst auch auf seinen Titelhelden abstimmte, den er kongenial mit Martin Wuttke besetzen konnte, war letztendlich der Grund für den Erfolg dieser außergewöhnlichen Inszenierung. Ähnlich starke Inszenierungen sind selten, erwähnenswert aus der jüngsten Vergangenheit vielleicht nur noch Luk Percevals Version mit Thomas Bading an der Schaubühne Berlin oder Karin Henkels Inszenierung mit Felix Goeser als Platonow am Staatsschauspiel Stuttgart. 2006 wurde diese Inszenierung zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen, und Felix Goeser erhielt für seine kraftvolle Darstellung des Platonows den Alfred-Kerr-Preis, übrigens, wie der Zufall so will, vorgeschlagen von Martin Wuttke. Thomas Bading ging als zaudernder Antiheld leer aus und Luk Perceval ging 2010 von Berlin ans Thalia Theater nach Hamburg.

Jan Bosse inszeniert Anton Tschechows Erstling „Platonow“ mit Jens Harzer in der Hauptrolle.

Foto: St. B. platonow_thalia-theater-hamburg_okt-2012.jpg

Hamburg hat nun geradezu eine Tradition für ungewöhnliche Tschechow-Inszenierungen. So stellte Andreas Kriegenburg in „Onkel Wanja“ lauter melancholische Clowns auf die Bühne und Christiane Pohle verbannte die „Drei Schwestern“ auf einen Dachboden. Nun schickt sich der Meister der gesättigten Ironie Jan Bosse an, Tschechows „Platonow“ in einem russischen Trailerpark spielen zu lassen. Das ist dann aber auch schon der einzigste Verweis auf die Geldnöte der stetig klammen Wohnwageninsassen, die an der Nadel des Emporkömmlings und Geldverleihers Bugrow hängen, ihn dafür abgrundtief verachten und ansonsten so weitermachen wie eh und je. Tschechow hat die Story in seinem letzten Stück „Der Kirschgarten“ dementsprechend verdichtet. Alle Figuren seines Schaffens sind im Grunde genommen im „Platonow“ bereits skizziert, wenn nicht sogar schon detailliert ausformuliert. Der Platonow ist somit durchaus als Rough Version des Kirschgartens zu bezeichnen. Ein rauer, leicht verschliffener Rohdiamant sozusagen. Ein Rätsel bleibt dabei, und das lässt natürlich nach wie vor Raum für Interpretationen, die Hauptfigur des zynisch an sich und der Welt verzweifelnden Schwadroneurs und Frauenschwarms Platonow.

Für diese Rolle hat nun Jan Bosse mit Jens Harzer eigentlich die Idealbesetzung gefunden. Harzer schafft spielend die Bandbreite zwischen Arroganz, beißendem Spott, Zynismus und großer Verzweifelung. Der Intellektuelle Platonow zeichnet sich einerseits durch einen notwendigen, zynischen Witz aus, den er sich zugelegt hat, um sich so das Weiterleben zu ermöglichen und anderseits schafft er es dabei dennoch von außen kritisch auf sich selbst zu blicken, um sich einzugestehen, sein Talent verschwendet zu haben. Harzer vermag seiner Figur diese ironische Ambivalenz zu verleihen. Das macht ihn auch für die Frauen des Stücks so interessant, weil er ohne offensiv zu werben, sich allein schon durch seinen provokanten Geist von den anderen langweiligen Schwätzern abhebt. Das sie es hier mit einem selbstzerstörerischen Nihilisten zu tun haben, wollen oder können die Protagonistinnen, die sich mit ihm einlassen, in ihrem Drang aus der eigenen Lebenskrise zu entrinnen, nicht erkennen. Platonow ist nicht in der Lage, ihre Gefühle adäquat zu erwidern, schwankt weiter unentschlossen, wie in seinem bisherigen Leben, zwischen den Frauen hin und her, bis er schließlich in Suff und Selbstmitleid versinkt. Und wie Harzer das hier zelebriert ist schon ansehenswert. Im ersten Teil, wenn alle Beteiligten noch gegen die Hitze und Langeweile ihres Daseins ankämpfen, oder einfach auf das Essen warten und sich mit Sprüchen und Sticheleien die Zeit vertreiben, schafft es Harzers Platonow nur durch einige lakonische Handbewegungen, und beiläufige Worte die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und das Interesse seiner Jugendliebe Sofja (Patrycia Ziolkowska) wieder zu erregen. Die junge völlig ironiefreie Marja Grekowa (Marie Löcker) ist ihm ein leichtes, willkommen Opfer für seine Unterhaltung. Der liebessehnsüchtigen Generalswitwe Wojnizewa (Victoria Trauttmansdorff) versucht er sich so charmant wie möglich zu entziehen. Harzer trumpft dabei nie übertrieben auf. Derber Witz, feine Ironie und schlaksige Melancholie halten sich bei ihm stets die Waage.

Natürlich kann Bosse seinen Drang nach Komik auch bei den anderen Figuren nicht ganz unterdrücken, und so schaut er ihnen ebenfalls mit viel Ironie beim Umkreisen Platonows zu, als dem eigentlichen Zentrum dieser herrlich tragikkomischem Inszenierung. Bruno Cathomas lässt den alten Glagoljew erst von alten Zeiten schwärmen, bevor er sich in Verzweiflung der Generalin vor die Füße wirft. Ein jämmerliche Gestalt, die sich vom schmierigen Kaufmann Bugrow (Matthias Leja) nur noch durch die alberne Aufrechterhaltung grotesk vornehmer Umgangsformen unterscheidet. Die Glagoljew dann aber schnell fahren lässt, als er von der Liebe der Generalin zu Platonow erfährt, und mit seinem Sohn (Sven Schelker) zum Sündigen nach Paris aufbricht. Ein spießiger Weichling und Muttersöhnchen ist der Stiefsohn der Generalin Sergej (Sebastian Zimmler). Paroli kann Platonow nur noch sein dauerbetrunkener, nicht minder an Zynismus leidender Schwager und Landarzt Nikolaj Triletzkij (Jörg Pohl) bieten. Und was in Alvis Hermanis „Platonov“ Martin Wuttke vorbehalten blieb, darf hier Jürgen Pohl abliefern, einen herrlich akrobatischer Trunkenheitsslapstick. Einen geschickten Kontrapunkt zur dekadent umhertobenden Menge setzt Bosse aber mit der Figur des Pferdediebs Ossip (Rafael Stachowiak), der von außen die Szenerie genau beobachtet und deren moralische Verkommenheit erkennt. Stachowiak ist dabei fast die ganze Zeit auf der Bühne anwesend und umschleicht eifersüchtig den Wohnwagen. Einerseits umweht den ganz in schwarz gekleideten Außenseiter ähnlich wie Platonow eine interessante, dunkle Aura, anderseits vermag er nicht in die vornehmen Kreise seiner geliebten Generalin aufzusteigen und nimmt sich nach seinem missglückten Mordversuch an Platonow das Leben.

platonow_thalia-theater-hamburg1_okt-2012.jpg Foto: St. B.
Verloren und ausgebrannt in einem Meer aus Asche. Erst piefiger Wohntrailer dann Platonow’sche Behausung. (Bühne: Stéphane Laimé)

Diese kleine spießige Gesellschaft aus lauter Gestrigen, Vergessenen und Ausgebrannten haben Jan Bosse und sein Bühnenbildner Stéphane Laimé ganz bewusst in einen kleinen Wohnwagen mit Hirschgeweihen, Blümchentapeten und Orgelmusik gesperrt, verlorenen in der Weite der Bühne. Hier glucken sie aufeinander und machen sich das Leben gegenseitig zur Hölle. Man belauert sich förmlich. Bosse reduziert so alle auf ihre zwischenmenschlichen Schwächen. Emotionale Ausbrüche, melancholische Sehnsuchtsmonologe, gelangweilter Smalltalk, alles findet auf engstem Raum statt. Ein Mikrokosmos der verzweifelten Lächerlichkeit. Die Figuren versuchen sich immer wieder in die Komik oder melancholische Ironie zu retten. Niemand fürchtet sich dabei vor dem Abrutschen ins Peinliche. Es werden russische Klagelieder angestimmt oder man setzt sich lustige Hüte auf und tanzt dazu. Nach der Pause wird der Wohnwagen gedreht und stellt jetzt die Behausung und Trinkhöhle von Platonow dar, wo dieser vor sich hin philosophiert und am liebsten nur noch seine Ruhe haben will. Statt dessen sieht er sich aber unaufhörlich und machtlos dem ausgesetzt, was er unter den liebeshungrigen Damen angerichtet hat. Das wird zum großen Solo für Jens Harzer, der nun seinen Platonow langsam aber zielsicher in die Katastrophe treibt. Seine treue Sascha, bei der er immer den Kopf in den Schoss legen konnte, ist nun auch weg. Letzter Halt ist der derangierte Wohn-Trailer, den irgendwann Bukrow einfach abtransportieren lässt. Er hat das Gut der Generalin ersteigert und räumt auf. Übrig bleibt der handlungsunfähige Platonow, der sich für keine der möglichen Auswege entscheiden kann, umringt von den Frauen. Das Ende ist bekannt.

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Tschechows Kirschgarten gibt es auch in Berlin. Zum Beispiel am BE und DT.

Foto: St. B. deutsches-theater-2012.jpg

Am Ende seines Lebens hat Anton Tschechow, wie schon erwähnt, dann doch noch einmal Bezug zu seinem Erstling „Platonow“ genommen. Und momentan ist sein letztes Werk das Stück der Stunde zur Finanzkrise. Dreimal hatten wir nun schon den „Kirschgarten“ von Anton Tschechow in der letzten Spielzeit an den Berliner Theatern gesehen. Rückschauend resignativ war die Inszenierung des kürzlich verstorbenen Thomas Langhoff im Oktober 2011 am Berliner Ensemble. Laut und kraftvoll entluden sich dagegen aufgestaute Emotionen beim Regie-Team Lensing/Hein im Dezember in den sophiensaelen. Stephan Kimmig kitzelte im März am Deutschen Theater Berlin noch einmal die Komödie aus Tschechows letztem Stück. Und da es auch das sogenannte Stück der Stunde ist, in der das alte Europa kriselt, ist es auch als eine Komödie der Wirtschaft brauchbar. So steht es zumindest im Programmheft. Das Unvermögen der Kirschgartenbesitzer mit Geld umzugehen und dabei wissend in den Untergang zu rennen, wirkt heute auf uns grotesk und genauso lässt es Regisseur Kimmig auch angehen. Da man bei Tschechow bekanntermaßen nicht immer genau weiß, ob man nun lachen oder weinen soll, da alles immer irgendwie an der Grenze zum emotional Überspannten steht, läßt uns Kimmig bei seiner Inszenierung diesmal nicht im Unklaren. Immer wenn etwas ins melancholisch Gefühlige zu kippen droht, retten sich seine Figuren schnell in den Klamauk. Felix Goeser tobt als lustig, poltriger Lopachin über die Bühne. Nina Hoss gibt ihre Ranjewskaja als melancholisch Kühle mit leichtem Hang zu theatralischen Gefühlsausbrüchen und Christoph Franken ist ein ganz der tapsig, plumpe Märchenerzähler Gajew. Alles muss irgendwie immer etwas deutlicher sein als bei Tschechow. Sogar an die oft genannten Geldsummen werden immer noch ein bis zwei Nullen mehr angehängt. Ein durchaus kurzweiliger aber wenig nachdenklicher Abend, der schließlich in einigen merkwürdigen Tableaus erstarrt.

„DIE BILDER VERSCHWINDEN AUTOMATISCH UND ÜBERMALEN SICH SO ODER SO! ERINNERN HEISST: VERGESSEN! (Da können wir ruhig unbedingt auch mal schlafen!)“ Christoph Schlingensiefs letzter Eintrag auf seinem Schlingenblog (07.08.2010) – Zitat aus dem Programmheft zum „Kirschgarten“ am Thalia Theater

„Der Kirschgarten“ in der Regie von Luc Perceval am Thalia Theater Hamburg.

Die Nähe zur Finanzkrise scheint Luc Perceval nun an Tschechows Stücken nicht wirklich zu interessieren. Genau so wenig wie ihn am „Platonow“, den er 2006 an der Berliner Schaubühne inszenierte, die Hauptfigur Platonow interessiert hatte. Trotzdem war damals in seinen Schauspielern auf weiter Bühne weitaus mehr Leben, als er ihnen derzeit einräumen will. So ist denn auch seine Fassung des „Kirschgartens“ am Thalia Theater in Hamburg, die ebenfalls im März Premiere hatte, sehr viel schlanker ausgefallen. Luc Perceval hat es hier tatsächlich geschafft, Tschechow auf schlappe 100 Minuten einzudampfen. Schon der vierte „Kirschgarten“ in Folge und man kann doch noch überrascht werden. Allerdings nicht immer im positiven Sinne. Man muss das Stück hier schon sehr gut kennen, um es überhaupt in diesen fragmentarischen Fetzen wiederentdecken zu können, die uns Perceval hinwirft. Er sollte zumindest seine eigenen Stückübersetzungen machen. Wie schon im „Macbeth“ bleibt eh nicht viel von Thomas Braschs Text übrig. Man dämmert also so vor sich hin und alles ist auch schön anzuschauen, mit den vielen Lampen und Lämpchen, die Katrin Brack dort über die Bühne gehängt hat, allein ein Licht will irgendwie nirgends aufgehen. An Tschechow würde ich hier nicht einmal im Traum denken. Das ist einfach kein Theater, nicht mal Tanztheater, obwohl man da auch schon viel Stuhlstand bzw. Stillgang gesehen hat. Perceval redet ja viel von Buddhismus und Leid, aber hier übertreibt er es etwas mit der fernöstlichen Gelassenheit. Leiden muss aber nur der Zuschauer, dem es im Zeitlupentempo die Schuhe auszieht und sich ganz langsam schmerzvoll die Fußnägel hochrollen. Und warum muss Tilo Werner als dauertelefonierender Lopachin immer Ungarisch sprechen, weil er mal in Budapest Theater gespielt hat? Biodiesel statt Datschen! Aber es ist eigentlich auch egal, was er mit dem Kirschgarten anstellt, interessiert hier eh keinen mehr.

thalia-theater-hamburg_kirschgarten.jpg Foto: St. B.

Die Zeit steht nicht nur still, sie läuft rückwärts. Der Firs von Alexander Simon zählt die quälenden Minuten und wirkt wie ein Eintänzer beim Rentnerball. Er ist aber eigentlich eher ein Todesengel, der seine Herrin in sanftem Französisch zu sich hinüberzieht, während sich das Personal in irgendeinem südöstlichen Balkandialekt unterhält und nur widerwillig zum Tanzen zu den Orgelklängen von Lutz Krajewski animieren lässt. Dass die bei Tschechow immer alle aneinander vorbeireden und sich wiederholen ist bekannt, aber sie haben wenigstens noch ganze Sätze und keine Banalitäten zu sagen. Perceval wollte die inneren Monologe der Protagonisten an die Oberfläche bringen, hat dabei aber ihre große Verzweiflung und Ambivalenzen einfach weggestrichen, wie auch die Figuren der Charlotta und des Pischtschik. Ein paar Textbrocken verteilt Perceval einfach auf die Figuren der Dunjascha (Oana Solomon) und des Jepichodow (Rafael Stachowiak). Desorientiert und Verloren wirken hier alle und um Geld geht es auch nicht mehr. Diener Jascha (Matthias Leja) ist ein eitles Schoßhündchen in Pumps, das sich unter dem Stuhl seiner Herrin verkriecht. Sebastian Rudolph als Student Trofimow darf sich ein- zweimal aufregen, was etwas ungewollt prollig wirkt und wird dann von Anja zum Tanzen abgeführt und wieder ruhig gestellt. Die Frauenrollen sind ansonsten jedoch größtenteils zu vernachlässigen. Warja (Oda Thormeyer), Anja (Cathérine Seifert) und Dunjascha sind Totalausfälle. Die Jugend als nichtssagende Nullnummern.

Alles ist auf die alternde Diva Ranjewskaja (Barbara Nüsse) und ihre Erinnerungsschleifen ausgerichtet. Wo sie und ihr Bruder Gajew am DT in Berlin etwas zu jung besetzt sind, stehen sie hier kurz vorm Rollator. Gajew (Wolf-Dietrich Sprenger) kommt von seinem Stuhl schon gar nicht mehr hoch und lallt nur die immer gleichen Textbrocken. Zu einer Versteigerung braucht der nicht mehr zu gehen und konstatiert auch am Ende, dass er gar nicht weg war, nur eben weggetreten. Eine geriatrische Sitzung am Theater, das ist einfach nur plemm plemm und mit Sicherheit keine neue Lesart. Perceval hat schon einmal 2001 Tschechows „Kirschgarten“ am Schauspiel Hannover inszeniert. Laut, schwatzhaft und unsentimental versammelte er eine unverbesserliche Partygesellschaft um einen Billardtisch (Bühne ebenfalls Katrin Brack). Der Kirschgarten ein Birkenstrunk, mehr nicht. Hier macht Perceval nun die Rolle rückwärts. Er kommt auch weiterhin ohne Kirschgarten aus, fährt dazu aber auch noch das Personal emotional runter und nivelliert die Charaktere glatt. Das Recht seine Meinung zu ändern hat ein jeder, und auch aufs Nichtstun, auf die totale Entschleunigung seines Lebens. Aber bitte nicht unbedingt am Theater, da wirkt es meist tödlich. Und so hängt Perceval Tschechows Figuren ganze Mühlsteinladungen künstlicher Melancholie an den Hals. Daran müssen sie zwangsläufig niedersinken und mit ihnen das gesamte Stück. Aber ist auch schon egal, Hauptsache schön langsam und mit Stil. Im Mai gab es eine weitere Fassung von Tschechows „Kirschgarten“ am Residenztheater München. Der spanische Skandalregisseur Calixto Bieito, der sich eigentlich bisher um die Neuinterpretation klassischer Opernstoffe bemühte, hatte mit seiner knalligen Version auch kein allzu großes Glück. Der Reigen der Kirschgarteninszenierungen geht aber auch in dieser Spielzeit weiter. Nun ist Tschechow endlich auch in der Provinz angekommen. Am Anhaltischen Theater Dessau gab es schon am 06.10.12 die erste Premiere. Das Staatstheater Cottbus wird im März 2013 folgen.

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Die nächsten Termine im Thalia Theater Hamburg:

Platonow:

  • Do. 15.11.2012, 19:00 – 23:00 Uhr
  • So. 09.12.2012, 19:00 – 23:00 Uhr
  • Mi. 02.01.2013, 19:30 – 23:30 Uhr
  • Mo. 07.01.2013, 19:30 – 23:30 Uhr

Der Kirschgarten:

  • So. 11.11.2012, 20:00 – 21:40 Uhr
  • Sa. 08.12.2012, 20:00 – 21:40 Uhr
  • Mi. 19.12.2012, 20:00 – 21:40 Uhr
  • Di. 22.01.2013, 20:00 – 21:40 Uhr

Der Kirschgarten in Berlin:

Termine am Deutschen Theater:

  • 13.10.2012, 20.00 – 22.30 Uhr
  • 20.10.2012, 20.30 – 23.00 Uhr
  • 21.10.2012, 20.00 – 22.30 Uhr
  • 03.11.2012, 20.00 – 22.20 Uhr
  • 25.11.2012, 20.30 – 22.50 Uhr

Termine am Berliner Ensemble:

  • So. 21.10.2012 um 19:00 Uhr
  • Mi. 31.10.2012 um 20:00 Uhr
  • Dauer: 2 h 10 Minuten (ohne Pause)

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