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DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING von Martin Heckmanns – Nach „X-Freunde“ die neue Inszenierung von Stephan Thiel am Theater unterm Dach.

Mittwoch, Januar 7th, 2015

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„Jetzt wissen wir fast alles voneinander. Jetzt haben wir uns fast alles gesagt. Jetzt kennen wir unsere Tage im voraus. Und erkennen uns schon am Klang unseres Gangs. WAS KANN DENN JETZT NOCH KOMMEN?“ Anne und Johann, ein Paar im verflixten siebten Jahr, sind in ihrer Beziehung festgefahren. Der Partner ist wie er ist und dabei so berechenbar. „Nach dir kann man die Uhr stellen.“ weiß Johann sicher. Die Zukunft malt man sich vor dem inneren Auge wie in schlechten Film-Melodramen aus. Glorreiche Erkenntnis Annes: „Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“ – Hä?

DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD - Foto (c) Stephan Thiel

DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD
Foto (c) Stephan Thiel

Das wundervolle Zwischending heißt die 2005 uraufgeführte Beziehungskomödie von Dramatiker Martin Heckmanns, der mit Schieß doch, Kaufhaus 2002 seinen ersten großen Erfolg am kleinen TIF des Staatsschauspiels Dresden feierte und mit diesem und anderen Stücken auch zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen wurde. Nun hat Stephan Thiel, Spezialist für die feine Inszenierung kurioser zwischenmenschlicher Unzulänglichkeiten (z.B. X-Freunde von Felicia Zeller), Das wundervolle Zwischending mit den Schauspielern Hannah von Peinen und Christoph Schüchner in den Rollen des beziehungsgebeutelten Paars für das Berliner Theater unterm Dach neu eingerichtet.

Anne und Johann, beide dem sogenannten Künstlerprekariat zugehörig, („Und was machst du so?“ „Ich mach Kunst.“ „Echt?“) beschließen ihr eingerostetes Liebesleben als Projekt neu zu beleben, vorzugsweise als selbstreflexives 90-Minuten Doku-Filmchen. „Wir betrachten uns als Kunstwerk. – Das hilft.“ Gemeinsam geschaffene Kunst muss als Problemhelfer herhalten, und so machen die beiden kurzerhand ihre Einraum-Sozialwohnung zum Filmset. Der hat im Bühnenbild von Sabine Schmidt einen kleinen Laufsteg mit gardienen-artigen Vorhängen, Schirm, Scheinwerfer und ein großes, rotes Kitsch-Herz.

Das Reenactment einer versuchten Liebe an 7 aufeinanderfolgenden Tagen. Aber die Schöpfung ist nach 10.000 Jahren Sex immer noch nicht weiter. Ob Musical oder Thriller, Experimental- oder Liebesfilm, „Wir enden gut.“ versichert man sich. Der Regisseur verzichtet hier auf die naheliegende Kamera, lässt nur ein paar Videos im Hintergrund flimmern. Davor wird aber echt geschauspielert. Hannah von Peinen und Christoph Schüchner gehen mit vollem Körpereinsatz in den Clinch. Vom Erinnern des Kennenlernens über den verbalen und echten Schlagabtausch bis zur erotischen Phantasie, das Paar schenkt sich nichts. Die Liebe ist weder Ruhekissen noch Nagelbrett. Ihr spontan geplanter Sex vollzieht sich in einer kunstvollen Hebeakrobatik bis zum vorzeitigen Bandscheibenvorfall und Samenerguss.

DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD Foto (c) Stephan Thiel

DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD
Foto (c) Stephan Thiel

Die ungelösten Zweierprobleme können so noch eine Weile in der Schwebe gehalten werden, bis sich dann irgendwann der plötzlich vor der Tür stehende Mann vom Amt ins Paar-Konzept drängt. Silvio Hildebrandt irrlichtert mit Motorradhelm als Szenenüberbrücker, Albtraummann und ganz realer Störenfried durchs Setting. Mit welchem Leistungsangebot sie denn die demokratische Öffentlichkeit für ihre Solidarität entschädigen würden, will der Sozial-Detektiv wissen. „Phantasie“, ist die trockene Antwort von Johann. Dass sich der Mann von Amt schließlich selbst als phantasiereich im Auftreiben von Fördergeldern erweist, bedeutet für das Projekt in seiner ursprünglichen Form gleichzeitig auch das Ende. Anne führt Bertram in ihr Bett und als Gegenspieler für Johann in den Plot ein. Der soll an den Konflikten wachsen und die stagnierende Zweibeziehung doch noch zum echten Beziehungsdrama werden lassen.

Johann, ganz der Künstler, flüchtet sich aber nach kurzer Erregung lieber in poetische, nichtssagende Gesänge zur Glasharfe vom unheimlichen Du und einem Hauch aus Nichts. Autor Heckmanns pflegt in seinem Stück des Öfteren die ironisch-lyrische Wortschöpfung, was das Paar auch wortreich ausschöpfen darf. „Von Dir, mein Schatz, zum Wortschatz, ist es nur ein Wort.“ Da sich echte Probleme aber nicht einfach als Kunstprobleme weg reden lassen, landen die Kunstfilmer schließlich wieder im normalen Alltag aus Wiederholungen des immer Wiederkehrenden, was hier bis zur mentalen Erschöpfung exerziert wird.

Und was ist das Ende vom Film? Das gemeinsame Projekt am Ende? Und wenn schon, denkt sich Heckmanns, auf ein Neues. Bleibt die Frage: „Was machen wir jetzt?“ – „Be Not So Fearful“ singt da Johann mit dem romantischen Melancholiker Bill Fay. A never ending Happening.

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DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING (13.12.2014)
von Martin Heckmanns
Regie: Stephan Thiel
Bühne/Kostüm: Sabine Schmidt
Mit: Hannah von Peinen, Christoph Schüchner, Silvio Hildebrandt
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere war am 20.11.2014 im Theater unterm Dach

Termine: 10. und 11.01.2015 im Theater unterm Dach sowie am 15. und 17.01.2015 im Winterspielplan der Freilichtspiele Schwäbisch Hall

Infos: http://www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

 http://stephan-thiel.com/inszenierungen/zwischending/

Zuerst erschienen am 14.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Dreimal explosive Dreierkonstellation – „X Freunde“ von Felicia Zeller, „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ nach Harold Pinter im Theater unter Dach und „Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe“ im Ballhaus Ost

Freitag, Juni 28th, 2013

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X Freunde – Stephan Thiel inszeniert Felicia Zellers neues Stück am Theater unterm Dach Berlin

„Stress soll ja auch positiv, obwohl, positiver Stress, diesen Begriff hat sich auch mal wieder jemand ausgedacht, dessen Job es ist, diese Welt für uns Unglückliche und Verzweifelte POSITIVER STRESS! Gestresst zu sein, ist nichts weiter als ein modischer Euphemismus für einen schlecht gelaunten, müden und aggressiven Menschen WIR WARTEN! HALLO!“ Peter Pilz in „X Freunde“ von Felicia Zeller

X Freunde von Felicia Zeller im Theater unterm Dach - Foto: St. B.

X Freunde von Felicia Zeller im Theater unterm Dach.
Foto: St. B.

Felicia Zellers Figuren stehen ständig unter Strom. Es scheint, als müssten die Schauspieler bei einem Schnellsprechwettbewerb reüssieren, und nicht am Theater, für das Zeller ihre Charaktere aus dem prallen Leben immer wieder direkt auf die Bühne katapultiert. Da tummeln sich dann biertrinkende Frauen, gestresste Mütter wollen ihre Au-pairs heiraten oder drei überforderte Sozialarbeiterinnen verzetteln sich in groteskem Sozialamtsdeutsch. Am liebsten nimmt sich die in Stuttgart geborene und seit einigen Jahren in Neukölln lebende Autorin aber die alltäglichen Klischees aus dem eigenen Umfeld vor und verwurstet diese in anarchisch komischen Kolumnen wie „Einsam lehnen am Bekannten“. Eine Auswahl daraus gab es 2011 am Ort ihres Entstehens im Heimathafen Neukölln zu sehen.

Zellers Stücke sind im wahrsten Sinne des Wortes dreidimensionale Gebilde, wie sie selbst es formuliert. Bühneraum, Körper und Sprache ergeben dabei im besten Falle eine untrennbare Einheit, was den Schauspielern auch immer einiges an Körperbeherrschung abverlangt. Anfang Oktober 2012 wurde Felicia Zellers vom Schauspiel Frankfurt/M in Auftrag gegebenes Stück „X Freunde“ ebenda uraufgeführt. Wieder ein extrem schnelles Sprachgebilde über eine typisch deutsche Sozialkrankheit, der schier unheilbaren Sucht nach Arbeit, befördert durch einen ständigen Kreativzwang und unbegrenzt freiwillige Selbstausbeutung. Eine Mischung aus der Explosivität einer Dreierkonstellation unter Freunden und situationsbedingter Sprachkomik.

Das Stück wurde außerdem in der Inszenierung von Bettina Bruinier zu den im Mai stattfindenden Mülheimer Theatertagen eingeladen. Die Regisseurin stellt die drei notorisch nervösen Zellerfiguren als Zappler und Schaumschläger in einen mit Papierwänden ausstaffierten Raum der mit Matratzen ausgepolstert ist. Geschlafen wird, wenn überhaupt, nur im Stehen. Man kann dies auch als eine Kreativzelle des beginnenden Wahsinns deuten. Die Figuren bewegen sich im Dauerbetrieb und fallen nur hin und wieder in einen kurzen Standby. Aus diesem festumzirkelten Ring gibt es kein Entrinnen, geht keiner als Sieger hervor. Man kann den Darstellern vergnügt fast 2 Stunden beim Frasieren, Jammern oder ihre Hymnen an den Laptop singend zusehen. Aber nachdem die Papierfassaden abgerissen sind und die Gerippe ihrer Existenzen zum Vorschein kommen, ist die Luft auch ziemlich raus aus dem bunten Treiben auf der Bühne.

Allen, die nicht nach Frankfurt oder Mülheim fahren konnten und auch das Gastspiel bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater Berlin verpasst haben, sei das Berliner Theater unterm Dach wärmstens empfohlen. Dort hat Regisseur Stephan Thiel nach seiner gefeierten Inszenierung von „Kaspar Häuser Meer“ Anfang April auch das neueste Stück von Felicia Zeller auf die kleine Bühne unter dem Dach des kommunalen Kulturzentrums an der Danziger Straße gebracht.

Mit von der Partie ist wie schon in „Kaspar Häuser Meer“ die quirlige Tilla Kratochwil als Unternehmensberaterin Anne, die nach der Kündigung ihr eigene Agentur „Private Aid“ gegründet hat, und nun die Politik mit neuen Ideen für „Wege aus der Gleichgültigkeitskrise“ versorgen will. An ihrer Seite hat Christoph Schüchner als Ehemann Holger und ehemaligem Betreiber eines Pleite gegangen Cateringservice keinen leichten Stand. Als beider Freund und Bildhauer Peter hadert Jaron Löwenberg mit sich und dem fordernden Kunstbetrieb. Seinem Projekt „X-Freunde“ fehlt der krönende Abschluss für die bevorstehende Ausstellung in Schwaden-Schwaden. Ein riesiger Stein-Monolith steht in seinem Atelier und wartet auf die finale Idee des Künstlers, den ultimativen letzten Freund.

X-Feunde_TuD

X Feunde im Theater unterm Dach.
Foto: (c) Produktion

Diese drei Charaktere stehen stellvertretend für ein zum ständigen Erfolg verurteiltes Kreativprekariat, very busy und immer auf dem Sprung. Keine Zeit mehr für eine Pause, man ist ja schließlich kein Schokoriegel aus der Werbung und schon gar nicht in einer dieser Komm-doch-mal-auf-einen-Espresso-vorbei-Ich-bin-schon-da-Agenturen. Für ein Bier oder einen Kaffee unter Freunden bleibt da kaum noch Zeit. Das ehemalige Trio Cappuccino aus dem Café Tasse, schwärmt sentimental in Erinnerungen an alte Zeiten. Längst lebt man nur noch für die Arbeit, oder sucht verzweifelt nach Auswegen aus der Schaffenskrise. Da droht bei einer Freundschaft unter Dreien immer der Schwächste auf der Strecke zu bleiben.

Während sich Anne in ihrem wichtigen Projekt mehr und mehr zum völligen Kontrollfreak entwickelt, lenkt sich Peter mit Internet, Twitter und anderen „privatberuflichen“ Dingen ab. peter.pilz@pilzpeter.de, immer präsent und aktiv um Aufmerksamkeit heischend. Ständige Nachfragen der Kuratorin, jeder Anruf und jede noch so kleine Störung reißen ihn immer wieder aus dem Kreativprozess. Geradezu an Aufmerksamkeitsdefiziten leidet der unterbeschäftigte Holger. Unfähig mit der neuen Freiheit umzugehen, bekocht er seine Frau und sieht ihren Erfolg mangels eigener Ideen als sein Projekt. Verzweifelt trägt er sogar Baumarktbesuche als Geschäftstermine ein. Ein ertrotzter gemeinsamer Urlaub mit Anne auf einer Sonneninsel wird zur Katastrophe.

Felicia Zellers hyperventilierenden Text setzen die drei Schauspieler im Theater unterm Dach in kongeniale Bewegung um. Sie treiben zum Beat der Sprache den Wahnsinn auf die Spitze. In gekonnten Soloeinlagen wird der biegsame, flexible Mensch beim Meistern der alltäglichen Stresssituationen performt. Das Bühnenbild von Halina Kratochwil mit dem unendlich variablen Stapelregal lässt sich wunderbar den einzelnen Spielszenen anpassen. Es ist hippes Wohnaccessoire, Weinregal und Skulptur, zeigt den in sich gefangenen Künstler Peter und ist Bahre für Holger. Zur Untermalung gibt es passender Weise wunderbare A-cappella-Versionen der Kraftwerk-Songs „Computerliebe“ und „Autobahn“.

Gestresste Zeitgenossen auf Abruf - CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG und TILLA KRATOCHWIL als Holger, Peter und Anne in Felicia Zellers „X Freunde" am TuD - Foto: (c) Produktion

Gestresste Zeitgenossen auf Abruf – CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG und TILLA KRATOCHWIL als Holger, Peter und Anne in Felicia Zellers X Freunde am TuD – Foto: (c) Produktion

Laptop und das allgegenwärtige Smartphon werden zum handlichen Dauerslapstick. Tilla Kratochwil trägt einen großen Telefonhörer wie angekettet mit sich herum. Der gefeierte Neubeginn gerät letztendlich für alle immer mehr zum Fluch. Die anfängliche Erfolgstrunkenheit weicht schnell allgemeiner Ernüchterung. Die „Generation Beißschiene“, eine wunderbar doppeldeutige Bezeichnung, hat bald ihre Bissigkeit verloren und leidet an Zahn-, Kopf- und Rückenschmerzen. Trotzdem scheint allen die Suche nach der entscheidenden „Idee, die es nicht gibt“ als alternativlos. Selbst der verordnete Ausgleich durch Laufen wird für Anne gleich wieder zum Projekt.

Wie in einem Albtraum trifft man sich irgendwann bei den anonymen Workaholics. An ein Aufhören ist aber nicht mehr zu denken. Für den Erfolg macht Anne einfach immer weiter und bezahlt den Preis dafür. Einen Tod muss man schließlich sterben. Das es gerade Holger trifft, verwundert dabei nicht, sind doch Angehörige von Süchtigen aller Art selbst akut gefährdet. Für Anne geschieht auch das wie immer gerade jetzt zur unpassenden Zeit. Es fällt ihr sogar erst nach 36 Stunden wirklich auf. Das ehemalige Trio schrumpft zum Duo Infernale.

Von Peters X-Freunde-Projekt bleibt schließlich nur mehr der Staub der Steine, zugleich Grabmahl und Asche seiner auf der Strecke gebliebenen Freundschaft zu Holger. Und selbst diese Niederlage lässt sich in einem nach immer Ausgefallenerem süchtigen Kunstbetrieb wie ein Erfolg feiern. Die Laudatorin des 2009 an Felicia Zeller verliehenen Clemens-Brentano-Preises, Katja Lange-Müller, attestierte der Autorin im wahrsten Sinne des Wortes, aus Scheiße Bonbons machen zu können. Das Team um Stephan Thiel verarbeitet diese neue Steilvorlage nach allen Regeln der Kunst zu geradezu süchtigmachenden Pralinés. Bitte unbedingt weiter machen, denn auch wir zahlen gerne den Preis dafür.

Felicia Zeller bei der Preisverleihung im DT - Foto: St. B.

Felicia Zeller bei der Preisverleihung
im DT – Foto: St. B.

Einen weiteren Preis heimste Felicia Zeller am 7. Juni 2013 bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater ein. Nach der Aufführung ihres Stückes „X Freunde“ in der Frankfurter Inszenierung von Bettina Bruinier wurde ihr der mit 5.000 € dotierten Hermann-Sudermann-Preis für herausragende Leistungen im Bereich der deutschen Dramatik verliehen. Laudator Gerhard Jörder, Theaterkritiker und Zeit-Autor, würdigte den Mut der Autorin, uns die „Banalität unserer alltäglichen Lebensnot noch einmal aufzutischen“. Sie schreibe aber keine Sozialdramen sondern Sprachfarcen und wolle uns damit zeigen, wie „Menschen beim Sprechen scheitern“. Dabei sei für Jörder der zentrale Satz des Stücks „Der Wahnsinn ist, dass der Wahnsinn für alle schon Normalität ist“. Er plädierte für mehr Empathie und Mitleidensfähigkeit. Jörder stimmte weiterhin auch ein Loblied auf den heute angeblich so unterbewerteten Theater-Autor an. „Stücke, die so viel Eigen- und Hintersinn, Wahrheitswillen und Witz atmen wie die Ihren – auf sie wollen wir unter gar keinen Umständen verzichten.“ Dem ist, was Felicia Zeller betrifft, nichts weiter hinzuzufügen.

Außer, dass die Produktion X FREUNDE in der Regie von Stephan Thiel für den Friedrich-Luft-Preis 2013 nominiert ist.

Weitere Termine:

X FREUNDE von Felicia Zeller im Theater unterm Dach Berlin
mit TILLA KRATOCHWIL, CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG
Ausstattung HALINA KRATOCHWIL
Assistenz JULIA OTTEN

  • Sa 29.06.13, 20:00 Uhr
  • So 30.06.13, 20:00 Uhr
  • Sa 28.09.13, 20:00 Uhr
  • So 29.09.13, 20:00 Uhr

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Flokati-Boulevard der Lügen – Mit „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ inszeniert Schauspieler Cornelius Schwalm im Theater unter Dach eine Berlin-Mitte-Ménage-à-trois nach Harold Pinters Stück „Betrogen“

„Eine Verständigung der Menschen untereinander ist etwas so Schreckliches, dass sie lieber dauernd aneinander vorbeireden, ständig über etwas anderes sprechen, als über das, was ihren Beziehungen zugrunde liegt“ Harold Pinter

Der Titel ist doppeldeutig und führt eigentlich auf eine falsche Fährte. Der irische, romantisch-symbolistische Dichter William Butler Yeats legte sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts den Titel „Daemon est deus inversus“ als Mitglied einer esoterischen Loge zu. Harold Pinter drehte in seinem bösen Boulevard-Albtraum „Betrayal“ (Betrogen) aus dem Jahr 1978 über die Beziehungslügen zwischen drei Freunden lediglich die Handlung um. Er begann mit dem Ende, bei dem das Lügengebäude langsam einzustürzen beginnt, und arbeitete sich langsam zum Beginn der Geschichte mit der Hochzeit des Paares Emma und Robert vor. Zwischen beiden steht Roberts Freund Jerry, der gleich nach der Heirat ein Verhältnis mit Emma beginnt, das über sieben Jahre andauert, in denen die drei sich aber weiterhin wie Freunde begegnen und sich dabei eiskalt und gekonnt etwas vormachen.

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott_TuD_Promo

Verena Unbehaun, Katja Uffelmann und Merle Wasmuth in „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ am Theater unterm Dach – Foto: Promo

Regisseur und Schauspieler Cornelius Schwalm (MARIAKRON) dreht noch ein wenig weiter, und besetzt die beiden Männerrollen auch mit Frauen. Bei ihm heißt Jerry nun Arndt, ist Literaturagent und wird von der bekannten Berliner Wengenroth-Darstellerin Verena Unbehaun gespielt. Seinen Freund, den Verleger Robert, gibt Katja Uffelmann, Merle Wasmuth ist seine Frau und Galeristin Emma. Schwalm reichert dieses sogenannte „amourösitäre Beziehungsbestinarium“ noch mit weiteren Motiven nach August Strindberg, Henry Rollins, Franz Xaver Kroetz und David Foster Wallace an, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, sieht man mal davon ab, dass man William Butler Yeats und David Foster Wallace vermutlich auch als Brüder im Geiste bezeichnen könnte. Das Grundmotiv ist und bleibt der umgedrehte Gott, und der ist hier der janusköpfige Dämon der Lüge, der einem trügerischen Geflecht aus Liebe, Sex und Eifersüchteleien entspringt. Man findet ihn natürlich auch in den anderen angegeben Quellen wieder.

Wir befinden uns hier wie bei Felicias Zeller wieder im kreativen Intellektuellen-Milieu. Die Story siedelt Schwalm dabei im hippen Berlin Mitte an und spult den retrospektiven Boulevard der Lügen auf weißem Retro-Flokati (Bühne: Hovi-M) ab. Eine Frau zwischen zwei Männern, die dazu noch beste Freunde sind, eine nicht ganz ungewöhnliche Konstellation, der man wohl nicht mehr allzu viel Neues entlocken kann. In mehreren Spielszenen, die durch Schwarzblende von einander getrennt werden, breiten die Drei ihr Spiel aus feinen Lügen, Eitelkeiten und Psychospielchen aus. Solange der Schein gewahrt bleibt, ist für Robert halbwegs alles in Ordnung und auch Arndt scheut die Enthüllung der Affäre und die daraus entstehenden Konsequenzen. Außenwirkung und die Beibehaltung des Status Quo sind ihnen wichtiger, als klare Verhältnisse. Und dabei geht es ihnen nur ganz am Rande um eine Freundschaft oder die Fortsetzung einer bereits gescheiterten Ehe. Nur der Erfolg zählt, Scheitern ist im Lebensplan der beiden Männer nicht vorgesehen.

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott am TuD

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott am TuD
Foto: Promo

Katja Uffelmann und Verena Unbehaun spielen ihre Hosenrollen ziemlich überzeugend, lassen aber auch kein Männerklischee ungenutzt, um es köstlich bloßzustellen. So überdreht die Story an manchen Stellen etwas. Regisseur Schwalm setzt noch einen drauf, und lässt es sich nicht nehmen, als Szeneautor Wadim Bolotkowski, eine immer wieder erwähnte Randfigur des Stücks, im Foyer in einer auf Spontanwirkung zielenden ironischen Startsequenz in den Abend einzuführen. Durch die entscheidende Kraft von Merle Wasmuths Emma, ein als Einzige zu so etwas wie echten Gefühlen fähiges Wesen und Frau, wird schließlich die anscheinend so festgefügte Fassade der Männerfallance ins Wanken gebracht und das übertriebene Spiel der anderen wieder wohltuend geerdet. Ein in vielerlei Hinsicht ähnlich angelegtes Stück wie Felicitas Zellers „X Freunde“, was vor allem das Karikaturhafte der Charaktere angeht. Regisseur Schwalm siedelt das Ganze aber noch näher am Boulevard an. Das Bittere der Lebenslügen in Pinters böser Psychofarce schlägt hier nicht angemessen ernst genug auf die Figuren zurück. So funktioniert das Stück nicht mehr unbedingt als psychologische Beziehungsstudie der Zielgruppe Mitte-Boheme, aber als sarkastischer Independent-Boulevard doch allemal noch sehr gut.

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott
Ein Beziehungsbestinarium nach Harold Pinter, Franz Xaver Kroetz, David Foster Wallace, Henry Rollins und August Strindberg. Eine Produktion von MARIAKRON
Regie: Cornelius Schwalm
Dramaturgie: Sophie Nikolitsch
Bühne: Hovi-M
Kostüm: Andrea Göttert
Spiel: Katja Uffelmann, Verena Unbehaun, Merle Wasmuth

  • Zurzeit keine weiteren Termine im Theater unterm Dach.

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Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. Ein Schauspiel zwischen medialem Kult, schwarzer Boulevardkomödie und deutscher Geschichte am Ballhaus Ost.

Eine explosive Dreierkonstellation der ganz anderen Art gibt es im Ballhaus Ost zu sehen. Da steht er vor uns, der nackte blanke Wahnsinn, gekleidet in einen frotteeweichen, weißen Bademantel der häuslichen Normalität. Und das gleich mal drei. Das Ballhaus zeigt „Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe“. Der Leipziger Schauspielers Andrej Kaminsky ist Beate. Eva Bay und Gina Henkel geben die beiden Uwes. Regisseurin Mareike Mikat und Autorin Olivia Wenzel haben ein Theaterstück erarbeitet über die Zwickauer Terrorzelle, die gemeinsam sieben Jahre lang den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) bildete und seit dem spektakulären Doppelselbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als Schlagzeilen durch die bundesdeutsche Presse geistert. Übrig geblieben ist der weibliche Teil des Trios, Beate Zschäpe, die gerade im Begriff ist, im Zuge des NSU-Prozesses ihre zweite Medienkarriere zu beginnen. Der Teufel im Look einer Beate Mona Lisa.

Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. im Ballhaus Ost. - Foto: Marie Roth

Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe.
im Ballhaus Ost. – Foto: Marie Roth

Die von der Presse kreierte Bezeichnung „Döner-Morde“ schaffte es 2011 sogar zum Unwort des Jahres. Für den halbwegs vernunftbegabten Mensch wird es da schwierig Hintergründe zu deuten und Begriffe richtig einzuordnen oder gar die Wahrheit hinter all den Schlagzeilen, Spekulationen und angeblichen Fakten zu erfassen, die hier noch einmal auf uns niederprasseln. Die drei Täter fläzen dabei auf einem bequemen Sofa und werfen dem Publikum ihre ganze Verachtung entgegen. Sie haben gehandelt, während wir in unserer verkackten Mittelmäßigkeit allabendlich vor dem Laptop sitzen. Ihre Botschaften sind so simpel wie gefährlich. Was letztlich im Spiegel der Medienberichte davon übrig bleibt, ist ein von jeglichen Inhalten befreiter, medial aufbereiteter Brei aus schwarzem Boulevard und sexueller Fantasie. Wie geschaffen für die theatrale Verwurstung. Sieg geil!

Die Hasstiraden der drei werden mit einem fast spießigen Familienleben zu dritt konterkariert. Beate kocht für ihre Jungs. Hm, ganz köstlich. Und Böni, der noch beim Kaffeetrinken mit der Großmutter von „Negerschweiß“ redet, zieht daheim OP-Überzieher über seine Springerstiefel. Jährlich fährt das Trio in den Sommerurlaub nach Fehmarn und täuscht unter den Namen Lisa, Max und Garry für Wochen ein normales Leben vor. Auf der Videowand sieht man Meer und Strand, die Darsteller wiegen sich im Wind und amen Möwen nach. An den Wänden hängen gehäkelte Verballhornungen dieser deutschen Gemütlichkeit. Auch Goethe kommt zu Wort und Adorno. Sein „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ bekommt hier noch mal eine ganz andere Dimension. Oder sogar die einzig richtige.

Das Stück lässt nichts aus. Es greift viele, vielleicht zu viele Themen auf, stellt aber auch unbequeme Fragen. Was ist eigentlich los mit den Ostdeutschen, was wollen die und wer sind die? Der unbekannte Osten als Keimzelle des Rechtsradikalismus? Der ewige Ossi mit dem viel zu kleinen Pimmel, der gegenüber dem dicken Schwanz des Wessis immer den Kürzeren zieht und sich über den Mustafa im BMW wundert. Der Türke im „Baader Meinhoff Wagen“ hat einen Schwanz mit Vanillegeschmack, die Skorpiens singen „Wind of Change“ und Moral ist die kollektive Wahnvorstellung einer Mehrheitsgesellschaft. Das ist der Theaterstoff für viele Jahre und ganz großes Kino mit Moritz Bleibtreu, Daniel Brühl und Nora Tschirner in ihrer ersten ernsthaften Rolle. Die Tränen von Iris Berben sind ihnen gewiss. Der Rest ist das Schweigen der Beate Z, der stolzen Nazi-Witwe.

Obwohl die Truppe mit Uwe Mundlos, der trotz der langen Haare sogar Meese mag, so etwas wie einen gebildeten Kopf besitzt, gibt es eigentlich keinen wirklich intellektuellen Hintergrund. Genau wie bei Anders Breivik werden nur die altbekannten Vorurteile einer faschistisch chauvinistischen Ideologie reproduziert. Und das ist bei allen schrecklichen Gemeinsamkeiten wohl der große Unterschied zum anderen Terrortrio der bundesdeutschen Geschichte. Im Gegensatz zur Baader-Meinhoff-Gruppe fehlt es ihnen an einer echten Utopie. Dass die finsteren Gedanken aber direkt aus unserer Mitte entspringen, lässt noch einmal eine der früheren Bekannten des Trios erkennen, die klar zwischen guten Ausländern, die wie Deutsche grillen und ackern, und schlechten in Asylbewerberheimen unterscheidet. Für sie wird Beate Zschäpe immer ihre Lisa bleiben, dieser herzensgute Mensch.

Unter Drei. Beate Uwe und Uwe im Ballhaus Ost - Foto: Marcus Lieberenz

Unter Drei. Beate Uwe und Uwe. im Ballhaus Ost
Foto: Marcus Lieberenz

Die Opfer erscheinen zunächst nur als geisterhafte Schattenrisse hinter einer Wand aus Pergament. Als Slapstick-Spiel des Unvorstellbaren beleuchten Eva Bay und Gina Henkel nun als Süleyman, Mehmet oder Halit die verwirkten Leben der sogenannten Kanaken, die das Mord-Trio wie nebenbei aus ihrer Lebensmitte geschossen hat. Sie ringen hier in verzweifelt komischer Gestalt um Kontur und ihre verblassende Geschichte. Selbst die ermordete Polizistin Michéle Kiesewetter a.D. liefert sich mit dem in seinem Internetcafé in Kassel praktisch vor den Augen eines Verfassungsschutzmitarbeiters mit dem Spitznamen „Klein Adolf“ erschossenen Halit Yozgat einen wahnwitzigen Dialog über Zuständigkeiten und eine katastrophale Polizeiarbeit.

Am Ende aber wird die diffuse Wand rissig und die Gestalten verlassen ihr Schattendasein für kurze Zeit. Sie treten ins Rampenlicht und übernehmen die ihnen bisher vorenthaltene Deutungshoheit. Ein fiktiv utopisches Gedankenspiel um Mitleid, Rache und Vergebung. Man träumt von einer neuen Mordserie gegen Nazis und will den NMU (Neuer Migrantischer Untergrund) gründen. Letztendlich wird mit den gesammelten Nägeln niemand ans Kreuz geschlagen. Verziehen werden kann nicht, einer Rache bedarf es aber ebenso wenig. Die Diskussion darüber wird weitergehen. Die im Premierenpublikum sitzende Schauspielerin Sascha Ö. Soydan, Darstellerin in Milo Raus „Breiviks Erklärung“, machte später im Hof des Ballhaus Ost schon mal einen Anfang.

Weitere Vorstellungen von Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. am Ballhaus Ost

  • Fr 28.06.13, 20:00 Uhr
  • Sa 29.06.13, 20:00 Uhr
  • So 30.06.13, 20:00 Uhr

mit EVA BAY, GINA HENKEL, ANDREJ KAMINSKY
Regie MAREIKE MIKAT Dramaturgie SOPHIE NIKOLITSCH Ausstattung MARIE ROTH Musik FRANCESCO WILKING Regieassistenz JOHANNES AMBROSIUS Ausstattungsassistenz CLARA AURICH Technische Leitung RALF ARNDT Produktionsleitung DANIEL SCHRADER / BALLHAUS OST; UNTER VERWENDUNG VON TEXTEN AUS „WEISSES MÄUSCHEN, WARME PISTOLE“ VON OLIVIA WENZEL
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