Archive for the ‘Susanne Kennedy’ Category

DIE SELBSTMORD-SCHWESTERN / THE VIRGIN SUICIDES – Susanne Kennedy unterweist das Publikum an den Münchner Kammerspielen (und nun auch an der Volksbühne Berlin) in der Kunst des Sterbens

Montag, März 19th, 2018

___

Die Selbstmord-Schwestern
Foto (c) David Baltzer

Kurz vor Ende des Castorf-Ära an der Berliner Volksbühne, warf genau vor einem Jahr schon Zukünftiges seine Schatten voraus. Es sind dies Bilder aus dem Totenreich. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Susanne Kennedy, die seit Herbst letzten Jahres zur künstlerischen Leitung der neuen Volksbühne unter Chris Dercon gehört, hat sich in der ersten Koproduktion der Dercon-Intendanz mit den Münchner Kammerspielen an eine Adaption des Romans The Virgin Sucides (dt.: Die Selbstmord-Schwestern) von Jeffrey Eugenides gewagt. Die Produktion ist nun auch an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz übergesiedelt.

Dieser Abend ist rein rational nicht zu fassen. Auf einer knallbunten, wie zu einem Popkultur-Schrein umgebauten Bühne mit Devotionalien, Blumen, Video-Screens und einer in einem Terrarium liegenden Wachsleiche findet ein ritueller Totenkult für die fünf Lisbon-Töchter aus dem Roman, der 1999 auch erfolgreich von Sophia Coppola verfilmt wurde, statt. Susanne Kennedy, bekannt durch ihre recht spezielle Verfremdungstechnik mit Silikonmasken und verzerrter Stimmwiedergabe aus dem Off, dient die Romanvorlage allerdings nur als Stichwortgeber für eine Reise in eine transzendente Bewusstseinsebene.

Dieser Trip wickelt sich nach den rituellen Lehren zur Sterbebegleitung aus dem Tibetanischen Totenbuch, getaktet in 49 Tage, ab. Ein weiblicher Avatar vermittelt dazu per Videobotschaft die einzelnen Wahrnehmungsstufen, die der LSD-Papst Timothy Leary 1966 in seinem Buch The Psychedelic Experience nach eigenen Drogenerfahrungen aufgezeichnet hatte. Auch er befasste sich wie schon der Psychoanalytiker C.G. Jung sehr eng mit dem Tibetanischen Totenbuch. Eine deutsche Übersetzung erfolgt leider nicht. Wer des Englischen nicht mächtig ist, sollte sich das Programmheft kaufen, in dem Ausschnitte des Textes abgedruckt sind.

 

Die Selbstmord-Schwestern – Foto (c) David Baltzer

 

„Das Ziel der Reise ist Ekstase, die Grenzen der normalen Wahrnehmung und des Bewusstseins zu überschreiten und die entfernten Regionen deines Nervensystems zu erreichen.“ So spricht Learys Computer-Avatar zu uns. Loslassen, Geschehenlassen und Genießen ist sein Rat. Es geht dabei um Akzeptanz für das, wofür wir keine Worte haben oder das wir, wie eben den Tod, gerne auch verdrängen. Auf die Suche nach der Erklärung für den Selbstmord der Lisbon-Schwestern gehen weiterhin vier Schauspieler, die lange weiße Hemden, Stoffmasken mit großen Augen und bunte Blumenkränze auf den Köpfen tragen. Sie wirken dabei wie kultische Fruchtbarkeitspriesterinnen in Manga-Gestalt. Ein Pop- und spiritueller Culturclash quer durch Welt-Religionen. Ein Statist nimmt während der Performance noch ein leuchtendes Herz aus einer der Vitrinen, das angebetet wird. Das brennende Herz als Jesus-Symbol ist auch weitverbreitetes Zeichen im Buddhismus.

Auch wenn das mitunter etwas esoterisch oder gar kitschig wirkt, wird hier jeder etwas für sich finden, soweit er denn bereit ist, sich auf dieses Spiel einzulassen. Und damit hat der Abend dann auch so seine Probleme. Kennedys Inszenierung wirkt eher wie eine gewaltige Bild-Ton-Installation. Es gibt viel Videoeinsatz, z.B. sogenannte kleine YouTube-Tutorials mit Schminktipps von amerikanischen Teenagerinnen. Die Stimmen der Darsteller kommen in der sogenannten Voice-Over-Technik vom Band. Die Performer bewegen dazu nur die Münder. Sie reflektieren wie im Roman die Geschehnisse aus Sicht der männlichen, voyeuristischen Bewunderer der Mädchen.

Der Genießer konventioneller Theaterkunst wird sich hier spätestens nach einigen unfreiwillig komischen Sanges- und Tanzeinlagen mit plötzlicher Kotzattacke abwenden und die Flucht ergreifen. Türenknallen und Buhrufe gehören zurzeit scheinbar auch zur Aufführungspraxis an den Kammerspielen. Dennoch spielt die Inszenierung durchaus geschickt mit ungewohnten Wahrnehmungsebenen und entwickelt dabei eine gewisse Faszination, die sich leider nicht jedem erschließen wird. Bigotte Triebunterdrückung, das Phänomen der westlichen Jungfrauenerotik bis zur sexuellen Verklärung gekoppelt mit der letzten großen Bewusstseinserweiterung, der Todeserfahrung und deren bewusster Begleitung ist sicher schwer ertragbar. „The world will glow for you.“ sind Timothy Learys letzte Worte. Ob Susanne Kennedy damit Herzen, Augen und Geist des Berliner Publikums erleuchten wird, bleibt die große Frage.

***

DIE SELBSTMORD-SCHWESTERN / THE VIRGIN SUICIDES (Kammer 1, 20.04.2017)
Regie: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Newton
Kostüme: Teresa Vergho
Video: Rodrik Biersteker
Licht: Stephan Mariani
Sound: Richard Janssen
Dramaturgie: Johanna Höhmann
Mit: Hassan Akkouch, Walter Hess, Christian Löber, Damian Rebgetz und Ingmar Thilo
Eine Koproduktion mit der Volksbühne Berlin
Uraufführung an den Münchner Kammerspielen: 30.03.2017
Die Berlin-Premiere war am 15.03.2018
Weitere Termine in München: 10.04.2018
Für Berlin siehe: https://www.volksbuehne.berlin/de/programm/792/die-selbstmord-schwestern

Weitere Infos siehe auch: http://www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 21.04.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Die Eröffnung der neuen Volksbühne mit drei Beckett-Einaktern von Walter Asmus und „Women in Trouble“ von Susanne Kennedy

Mittwoch, Dezember 6th, 2017

___

Nicht Ich / Tritte / He, Joe – Walter Asmus inszeniert drei Einakter des irischen Dramatikers Samuel Beckett als Referenz für das Avantgarde-Erbe der neuen Volksbühne Berlin unter Chris Dercon

Viel Streit im Vorfeld (Castorf– versus Dercon-Jünger), dann Tanzeröffnung im September auf dem Tempelhofer Feld, eine syrische Iphigenie-Adaption im Hanger 5 und dann nochmal Ärger mit einer Besetzung des Haupthauses am Rosa-Luxemburg-Platz durch junge politisch engagierte Performance-Künstler. Sie wurden nach gescheiterten Verhandlungen durch die von Chris Dercon herbeigerufene Polizei geräumt. Absperrgitter standen seitdem vor dem Zugang. Kaum glaubte man noch daran, dass auch hier wieder Theater auf der großen Bühne gespielt werden würde. Nun ist also am Wochenende des 10. bis 12. November die Volksbühne Berlin unter neuer Intendanz doch noch ganz offiziell mit drei Beckett-Einaktern – flankiert von Arbeiten des deutsch-britischen Performances-Künstlers Tino Sehgal – feierlich eröffnet worden. Sehr begeistert zeigte sich das Gros der Kritikerzunft jedoch nicht.

*

In den Spielplan der Volksbühne übernommen wurden die Einakter Nicht Ich / Tritte / He, Joe, inszeniert vom ehemaligen Beckett-Assistenten und jahrelangen Regisseur von dessen Stücken Walter Asmus, gespielt von der ehemaligen Schauspielmuse des Schaubühnenintendanten Thomas Ostermeier Anne Tismer (die schon vor Jahren ins freischaffende Performancegeschäft gewechselt ist, das Ballhaus Ost mitbegründete und eine Zeitlang in Togo lebte). In He, Joe ist der dänische Schauspieler Morten Grunwald (bekannt als Benny aus zahllosen Olsenbanden-Filmen) zu sehen.

 

Anne Tismer´s Mund im Beckett-Monolog Nicht ich an der Volksbühne Berlin – Foto (c) David Baltzer

 

Die neue Volksbühnenleitung beansprucht den irischen Schriftsteller und Dramatiker Samuel Beckett als neuen Hausheiligen. Chris Dercon ist dabei vor allem bemüht um Becketts spätes dramatisches Werk, das aus einer starken formalen Reduktion früherer Stückthemen besteht. Sehr viel Endspiel, etwas von Glückliche Tage oder auch Das letzte Band. Immer geht es um letzte Dinge, verzweifelte Rückblicke und den ausweglosen Horror aus immer gleichen, sinnlosen Verrichtungen. Hier steht aber mehr Becketts Sinn für Bilder, Bewegung, Licht, Stimme und Ton im Vordergrund. Es geht um die Frage – wie es Programmdirektorin und Dramaturgin Marietta Piekenbrock in der Einführung zur Vorstellung am 28. November ausdrückte – , welches Erbe uns das 20. Jahrhundert übergeben hat. Beckett als Motor der heutigen Avantgarde. Ein Gruß „tief aus dem Maschinenraum des 20. Jahrhunderts“ an die Zukunft, die gerade die Grenzen zwischen Theater und Performance auslotet.

Der späte Beckett mit seinen experimentellen Einaktern ist da tatsächlich eine Referenz, besonders was die Nähe zur bildenden Kunst, um die es Museumsmann Dercon ja auch geht, betrifft. Mit seinen streng zu befolgenden Regieanweisungen hat Beckett geradezu ikonische Inszenierungen geschaffen, die Walter Asmus dann auch fast schon retrospektiv rekonstruiert. Im Nachgespräch mit Intendant Chris Dercon betonte der Regisseur seine Abneigung gegenüber modernen Interpretationen, in denen etwa Glückliche Tage nicht in einem Erdhügel, sondern in einer überfluteten Küche spiele. Damit muss er wohl die Inszenierung von Katie Mitchell am Deutschen Schauspielhaus Hamburg meinen. Die ebenfalls sehr formstark arbeitende britische Regisseurin hatte bereits 2014 für die Werkstatt der Staatsoper Berlin im Schillertheater Footfalls (Tritte) mit einer Opernbearbeitung von Neither nach dem Text Becketts durch den Komponisten Morton Feldman zusammengeführt.

 


Volksbühne Berlin am 28. November 2017: Chris Dercon (li.) im Gespräch mit Walter Asmus – Foto: St. B.

 

Das ist wohl das, was Asmus dann auch mangelnde Demut oder grassierenden Hochmut des Regietheaters nennt. Variationen würden den Stücken die Poesie nehmen. Von Peter Stein und Claus Peymann sind ähnlich lautende Aussagen zum mangelnden Respekt vor Autor und Text bekannt. Dass Chris Dercon von Claus Peymann die Abschaffung des Literaturtheaters vorgeworfen wurde, kontert der nun geschickt, allerdings auch etwas anachronistisch, mit diesen werktreuen Beckett-Rekonstruktionen von Walter Asmus. Auch wenn der, wie er betonte, nicht ewig im Beckett-Schleim waten möchte, schwelgt er an diesem Abend noch etwas in Anekdoten aus Becketts Berliner Zeit und wirft dem „Dödel von der Presse“, der ihm peinlichen Kitsch vorwarf, ein „So what“ hinterher.

Dass Marietta Piekenbrock in der Einführung allerdings dermaßen vehement auf Becketts German Diaries abhebt, macht den Abend fast schon zur Werbeveranstaltung für die gerade angelaufene Ausstellung German Fever. Beckett in Deutschland und die Volksbühne Berlin zur Dependance des ausrichtenden Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Der sich 1936/37 auf Bildungsreise in Deutschland befindende Beckett trifft auf den der 1970er Jahre mit seinen legendären Inszenierungen am Berliner Schillertheater. Beckett und Deutschland eine Art stetige Hassliebe. „Ich bin froh, wenn ich hier weg bin“, schreibt Beckett über München. Wer möchte da nicht an Chris Dercon denken.

**

Zur Wirkung des Abends muss man leider sagen, dass der durch eine plötzliche Unpässlichkeit Anne Tismers hier nicht wirklich in Gänze beurteilt werden kann. Die Schauspielerin erlitt direkt nach dem ersten Stück Nicht ich einen Kreislaufzusammenbruch, wie Walter Asmus später berichtete. Bei der starken Intensität der Textdarbietung, bei der gemäß Vorgabe Becketts in totaler Dunkelheit nur der angeleuchtete, grellrot geschminkte Mund der Performerin zu sehen ist, verwundert das nicht. Asmus selbst sprach von Übelkeitsanfällen im Publikum bei der Uraufführung 1972 in New York.

Es bedarf hier seitens der Schauspielerin einer bestimmten Atemtechnik, um den in stetigen Schleifen nur durch kurze Pausen und Schreie unterbrochenen, stakkatohaft ausgestoßenen Wortschwall (ein, wie es im Text auch heißt, Sausen im Hirn) zu bewältigen. Sprache und Stimme wirken hier sehr körperlich. Asmus betonte die außergewöhnliche Musikalität des Textes, der wie eine Partitur strukturiert sei. Tismer gelingt die Umsetzung dieser Kopfstimme, die sich in ständig flimmernder Selbstvergewisserung vor dem letztendlichen Auslöschen wehrt, auch auf sehr eindrucksvolle Weise.

Leider musste die anschließende Aufführung des zweiten Stücks Tritte, einem Kopfdialog einer Tochter mit ihrer Mutter, den Tismer ansonsten im Gegensatz zum Original ganz allein bewältigt, ausfallen. Als Tochter hat sie beständig eine ganz bestimmte Schrittanzahl zu absolvieren, während sie parallel auch die Mutter spricht. Eine ganz genau bemessene zeitliche Abfolge von Stimme, Licht und Bewegung im Raum, die einen sehr starken fast schon maschinellen Installationscharakter besitzt.

 

Morten Grunwald in Großaufnahme bei Becketts He, Joe an der Volksbühne Berlin – Foto (c) David Baltzer

 

Stimmen im Kopf auch bei dem 1965 für die BBC entstandene Film Eh Joe (He, Joe). Beckett hat ihn zeitlich parallel mit dem Aufkommen der Videokunst als Experiment ohne jeglichen Schnitt entworfen. Das „Stück für Stimme und Gesicht“ hat Beckett dann 1966 nochmal für den Süddeutschen Rundfunk aufgenommen. Morten Grunwald sitzt nun in der deutschen Erstaufführung einer Bühnenfassung, die allerdings schon in Kopenhagen gespielt wurde, hinter einem Gazevorhang, während sein Gesicht in Großaufnahme auf den Vorhang projiziert wird. Die Kamera fährt dabei mit der Zeit immer näher an die sich lediglich mimisch bewegende Gesichtslandschaft von Grunwald. Vom Band kommt flüsternd die Stimme Anna Tismers. Es ist die Stimme des Gewissens, die dem Mann den Selbstmord einer früheren Geliebten vorwirft und ihm seine Schuld und Einsamkeit vor Augen führt, ihn dabei geradezu verhöhnt.

Dieses sehr minimalistische Spiel mit Bild und Sprache bei Beckett ist es, was Chris Dercon so fasziniert, das er es mit zeitgemäßen Darstellungsformen vor allem in der Performancekunst wie etwa den Silikonmasken tragenden menschlichen Avataren in den Inszenierungen von Susanne Kennedy, bei der die Stimmen der ProtagonistInnen ebenfalls vom Band eingespielt werden, vergleichen will. Woman in Trouble, Kennedys erste Inszenierung für die Volksbühne, hatte auch just am 30. November im Großen Haus Premiere. Es wird sich zeigen, inwieweit die Übertragung dieses retrospektiven Avantgardegedankens aus den 1970er Jahren auf die zeitgenössische Theaterkunst nicht auf einem großen Missverständnis beruht. Ansonsten dürfte diese Art des Theaterspielens nämlich kaum noch wirklich zeitgemäß sein und auf Dauer auch nicht den großen Saal der Volksbühne füllen.

***

Nicht Ich / Tritte / He, Joe (Volksbühne, 28.11.2017)
Von Samuel Beckett
Regie: Walter Asmus
Bühne & Kostüme: Alex Eales
Dramaturgie: Marietta Piekenbrock
Mit: Anne Tismer, Morten Grunwald
Die Premiere war am 10.11.2017 in der Volksbühne Berlin
Dauer: ca. 75 min.
Termine: 21., 28.12.2017

Info: https://www.volksbuehne.berlin/de

Zuerst erschienen am 01.12.2017 auf Kultura-Extra.

 

**

*

Women in Trouble, eine 3D-Computerwelt mit Live-Avataren von Susanne Kennedy beschließt den Reigen der Eröffnungspremieren an der neuen Volksbühne Berlin

Susanne Kennedy ist seit ihren Münchner Inszenierungen von Marie-Luise Fleißers Fegefeuer in Ingolstadt und Rainer-Werner Fassbinders Warum läuft Herr K. Amok bekannt für ihre übertrieben künstliche Ästhetik, bei der die DarstellerInnen Latex-Masken tragen und die Stimmen vom Band kommen. Die Regisseurin hat dieses Prinzip immer weiter verfeinert, und in ihrer dritten Münchner Inszenierung The Vergin Sucides wandeln ihre Figuren wie Computer-Avatare durch eine künstliche Bühneninstallation. Letztere Arbeit entstand in Koproduktion mit der neuen Volksbühne unter Chris Dercon und wird dort auch im März 2018 in den Spielplan übernommen. Seitdem bekannt ist, dass Suzanne Kennedy zum künstlerischen Stab der neuen Volksbühne gehört, war man vor allem gespannt auf ihre erste Arbeit, die nun den Abschluss der Eröffnungspremieren im Haupthaus bilden sollte.

 

Women in Trouble an der Volksbühne Berlin
Foto (c) Julian Röder

 

Im Vorfeld hatte Programmdirektoren Mariette Piekenbrock die Nähe von Kennedys Maschinenwesen aus ihrer neuen Produktion für die Volksbühne zu den Figuren in den ästhetisch stark reduzierten Einaktern von Samuel Beckett aus den 1960er und 70er Jahren betont. Beckett wurde als „Motor aus dem Maschinenraum des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet und als Beglaubigung der Begründung einer neuen Theatertradition im selbst an Traditionen nicht armen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz über die erste Spielzeit gestellt. Das scheint starker Tobak, sollte sich aber nur wenige Wochen später tatsächlich bewahrheiten. Jetzt bekam das Theaterpublikum zur Premiere von Women in Trouble diese neuen Welten auch live auf der Bühne präsentiert. „Lifespring“ heißt diese Wellness-Oase, die sich Regisseurin Kennedy von ihrer Bühnenbildnerin Lena Newton mit mehreren Räumen auf der Drehbühne im Großen Haus am Rosa Luxemburgplatz hat bauen lassen.

Eine Computerspielwelt in 3D, in der mehrere wie Avatare auftretende PerformerInnen [Namen s.u.] in den besagten ausdruckslosen Silikonmasken zu einer vom Band laufenden Tonspur in englischer Sprache mit ebenso emotionslosen Stimmen die Münder bewegen. Den Text hat sich Suzanne Kennedy aus Blogs, Fernsehserien und Kinofilmen wie etwa John Cassavetes Opening Night sowie Schriften von Gilles Deleuze und Antonin Artaud zusammengesucht. Den Plot bildet dann auch eine fiktive Web-Serie, in der eine Schauspielerin namens Angelina Dreem die Hauptrolle spielt. Angelina hat Lungenkrebs und geht zur Behandlung in besagte Krebsklinik eines Dr. Chue. Aber sie spielt diesen Part gleichzeitig auch in der Serie, die ihr Sterben sozusagen als Reality-Show ausschlachtet. Sich wiederholende Szeneanordnungen, die von einer männlichen Stimme aus dem Off diktiert werden, zeigen Angelina im Gespräch mit ihrem Lover, der Mutter, dem Arzt oder bei TV-Interviews. In Drehs für die Serie, bei der sie von ihrem männlichen Partner geschlagen werden soll, thematisiert Kennedys Inszenierung auch genderspezifische Probleme.

Dabei laufen die Szenen vom einen Raum des Bühnenkarussells zum nächsten, verdoppeln und verdreifachen sich diese Angelinas oder spiegeln sich vor einer durchsichtigen Wand ineinander. Und wenn dieser weibliche Avatar ohne jegliche innere Regung betont „I am on my way to happiness and free future“, dann ist das natürlich auch eine zutiefst traurige Botschaft, sind doch diese Heilsversprechen der Selbstoptimierungsindustrie bekanntlich auch extrem fragwürdig. Die teilnahmslose Trostlosigkeit dieser Bilder überträgt sich dabei automatisch auch auf das Publikum, das sicher spätestens nach einer halben Stunde begriffen haben wird, wohin das alles zielt, allerdings nicht durch die glatte Oberfläche dieser Welt tiefer einzutauchen vermag. Durch die Röhre eines laut brummenden Computertomografen erfolgt schließlich der Übertritt in eine neue Stufe des Bewusstsein, ob nun mit oder ohne Körper. Die philosophischen und spirituellen Textsplitter vom Band lassen das Ganze wie eine pseudowissenschaftliche Esoterik-Show wirken.

 

Women in Trouble an der Volksbühne Berlin
Foto (c) Julian Röder

 

Die Verheißung der Wiedergeburt führt dann aber lediglich in eine weitere Welt des ewig Gleichen, nur dass sich die Bühne nun in die andere Richtung dreht. Ein immer währender Limbus. Die Vorhölle dessen, was nun in Zukunft an der Volksbühne stattfinden wird. Und da gleicht diese Maschinerie der Susanne Kennedy tatsächlich fatal der von Samuel Beckett, der von Marietta Piekenbrock gern als Motor aus dem Maschinenraum des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. Man hat ihn ja ganz bewusst als Beglaubigung des Folgenden an den Anfang der Spielzeit gestellt, die zunehmend eine Austreibung des Menschen-Theaters mit den Mitteln der zeitgenössischen bildenden Kunst betreibt. Objekte, Installationen und Videoarbeiten die all überall schon die Kunsthallen der Gegenwart füllen. Die 9. Berlin Biennale im vergangenen Jahr nannte das „The Present In Drag“. Die Gegenwart hat sich verkleidet, ist weder erkennbar noch zu verstehen. Konventionelle Formen der künstlerischen Gesellschaftskritik greifen daher nicht mehr. Die netzaffine Kunst ist dabei ganz in die Ästhetik der alltäglichen Werbewelt gewandet. Wobei die virtuelle Welt zunehmend als Realität wahrgenommen wird, Nationen als Marken, Menschen als Daten und die Kultur als Kapital. Ähnliches haben wir schon vom neuen Volksbühnenintendanten Chris Dercon gehört.

Und so belässt es Susanne Kennedy auch dabei, lediglich auf unseren Alltag beherrschende Widersprüche zu verweisen. Woman in Trouble ähnelt da sehr der Videoinstallation What the Heart Wants von Cécile B. Evans. Auch da geht es ja u.a. um den Menschen in der der Netz-Gegenwart, um sein Sterben und das Weiterleben als virtueller Avatar im eigenen Social-Media-Account. Sicher geht es in Kennedys Arbeit noch um einiges mehr. Aber das Erstarren des Theaters in einer bloßen Installation, die Menschen als Avatare benutzt und den Text nur als begleitende Tonschleife mitlaufen lässt, ist 2,5 Stunden lang leider ziemlich langweilig. Die fehlenden Emotionen spiegeln sich auch in einem recht eintönigen Technosoundtrack, der sich zunehmend verstärkt und schließlich am Ende in den fast schon kitschigen Choral Lacrimosa II des polnischen Filmkomponisten Zbigniew Preisner, u.a. bekannt durch hochemotionale Orchesterstücke zu Terence Maliks Tree of Life oder Krzysztof Kieślowskis Die zwei Leben der Veronika. Damit setzt Kennedy einen pathetischen Kontrapunkt.

„Ich like America and America likes Me“, heißt es einmal beiläufige im Text. So lautet auch der Titel einer kapitalismus- und kolonialismuskritischen Kunstaktion von Joseph Beyus in einer New-Yorker Galerie, bei der sich der Künstler 1976 vier Tage lang zusammen mit einem Kojoten in einen Käfig einsperren ließ. Der Kojote stand hier vor allem als Symbol für den Schöpfungsmythos der nordamerikanischen Ureinwohner. Mehr muss man zum großen Irrtum dieser bemüht an Vorbildern klebendenden Volksbühneneröffnung nicht sagen. Und wenn die letzten Worte der Inszenierung „Zeige deine Wunde“ lauten, so ist das nicht nur ein Verweis auf den großen Meister der sozialen Plastik, der in diesem Werk seine biografischen Verwundungen thematisiert hat, sondern auch auf seine Nachfolger wie etwa Christoph Schlingensief, der hier wohl auch eine der Inspirationsquellen Kennedys zu sein scheint. Nur hat Schlingensief in seinen letzten Arbeiten dezidiert sich selbst mit seiner Krankheit in den Mittelpunkt ge- und extrem persönliche Empfindungen dazu ausgestellt. Susanne Kennedy zeigt nur ein ausdrucksloses und dazu noch sehr fremdelndes Abbild dessen.

***

Women in Trouble (Volksbühne, 30.11.2017)
Von Susanne Kennedy
Stationendrama
Regie & Text: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Newton
Kostüme: Lotte Goos
Licht: Rainer Casper
Video: Rodrik Biersteker
Sound Design: Richard Janssen
Mit: Suzan Boogaerdt, Marie Groothof, Niels Kuiters, Julie Solberg, Anna Maria Sturm, Bianca van der Schoot, Thomas Wodianka
Die Uraufführung war am 30.11.2017 in der Volksbühne Berlin
Dauer: 150 Min.
Englisch mit deutschen Übertiteln
Koproduktion: Theater Rotterdam
Termine: 03., 10., 23., 27.12.2017

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/

Zuerst erschienen am 03.12.2017 auf Kultura-Extra.

__________

FASSBINDER-FOCUS der Berliner Festspiele 2015 (Teil 2): Drei Inszenierungen im Rahmen des 52. THEATERTREFFENs

Montag, Mai 18th, 2015

___

Die TT-Trophäe gestaltet vom Künstler  Olaf Metzel - Foto: St. B.

Die TT-Trophäe gestaltet vom Künstler Olaf Metzel
Foto: St. B.

Mehr als 40 Filme hat Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) in seiner zwölfjährigen aktiven Schaffenszeit gedreht. Zum 70. Geburtstag in diesem Jahr widmet ihm die Berliner Festspiele sogar eine kleine Ausstellung im Martin Gropius Bau, in der Fassbinders heutige Wirkung z.B. auf die Moderne Videokunst untersucht wird. Aber auch die Theaterschaffenden setzen sich immer wieder inhaltlich mit dem streitbaren Regisseur auseinander. Wie, das war bei einigen Inszenierungen im Rahmen des 52. THEATERTREFFENs zu entdecken.

*

Die Ehe der Maria Braun an der Schaubühne am Lehniner Platz

Wie sich die in der aktuellen Fassbinder-JETZT-Werkschau ausgestellten mondänen Roben auf der Theaterbühne machen, kann man seit einiger Zeit an der Berliner Schaubühne in Thomas Ostermeiers Inszenierung von Fassbinders Film Die Ehe der Maria Braun, seinem großen bundesrepublikanischem Sittengemälde der 1950er Jahre, bewundern. Ostermeier hat seine Inszenierung an den Münchner Kammerspielen aus dem Jahr 2007 an der Schaubühne mit neuer Besetzung wiederaufgenommen. Fassbinder begann mit seinem 38. Film 1979 eine sogenannte BRD-Trilogie, die er mit Lola und Die Sehnsucht der Veronika Voss fortsetzte. Diese Filme sind unwiderruflich verbunden mit den Namen großer Filmschauspielerinnen wie Hanna Schygulla, Barbara Sukowa und Rosel Zech. Im Rahmen des „Focus Fassbinder“ beim 52. Theatertreffen konnte man dieses gute Stück alte Bundesrepublik nun wiederentdecken.

Die Ehe der Maria Braun in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair

Die Ehe der Maria Braun in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair

In Ostermeiers Bühnenadaption spielte zunächst in München Brigitte Hobmeier die Maria Braun. An der Schaubühne hat nun Ursina Lardi die Hauptrolle übernommen. Und das ist in jedem Fall kein Verlust, sondern eher im Gegenteil eine große Lust ihr über die 105 Minuten Spielzeit zuzusehen, wie sie diesen schwierigen Fassbinder’schen Frauencharakter verkörpert. Nicht einfach nur ein Reenactment der Münchner Erfolgsinszenierung oder des Fassbinderfilms, auch wenn einige Szenen einen tatsächlich stark an das souverän zurückgenommene Spiel von Hanna Schygulla erinnern. Ostermeier hat außer der Maria Braun alle anderen Rollen, auch die der Frauen, mit den Schaubühnendarstellern Thomas Bading, Robert Beyer, Moritz Gottwald und Sebastian Schwarz besetzt. Ein großartiger Einfall, der die vier Akteure ein gewaltiges Theaterfeuer aus Komik, Travestie und schneller Verwandlung um den weiblichen Fixpunkt der Aufführung entfachen lässt.

Die Geschichte des Aufstiegs der Maria Braun, die nach ihrer Hochzeitsnacht ihre große Liebe Herrmann an den Krieg verliert und auch nach dessen Ende weiter unbeirrt auf die Rückkehr ihres Mannes wartet, ist die Biografie einer Frau, die in der Nachkriegszeit ihre Chance sieht und selbstbewusst ergreift. Über die Stationen Schwarzmarkt, Nachtbar für amerikanische GI’s und schließlich als Assistentin und Geliebte des Strumpffabrikanten Oswald macht Maria Braun Karriere, nur um ihrem Mann, der während dessen eine Gefängnisstrafe wegen Todschlags für sie absitzt, das bisher entbehrte Glück und Heim aufzubauen. Die anfängliche Freiheit entpuppt sich letztendlich aber als große Illusion in einer Welt, die sich nach wie vor nur um die der Männer dreht.

Gespielt wird das auf einer Möbellandschaft aus den deutschen Fifties mit Cocktailsesseln und Nierentischen, Fernsehschrankwand und schweren Samtvorhängen. Es erklingt die Swing-Musik der Zeit, es wird getanzt, geraucht und viel Sekt getrunken. Den Mythos der Gründerjahre der BRD lässt Fassbinder am Ende in einem großen Knall zur WM-Reportage Herbert Zimmermanns aus Bern in die Luft fliegen. Auch das übernimmt Ostermeier in seine Inszenierung, genau wie berühmte Adenauerreden und historische Filmdokumente, die über die Rückwand der Bühne oder auf die Körper der Schauspieler projiziert werden. Dem Schaubühnenintendanten ist hier die Übertragung eines großartigen filmischen Zeitdokuments auf die Theaterbühne gelungen, das auch sonst wunderbar an den immer noch das mondäne Flair der Vergangenheit atmenden Berliner Kudamm passt.

***

Die Ehe der Maria Braun
Nach einer Vorlage von Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch: Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Nina Wetzel
Kostüme: Ulrike Gutbrod, Nina Wetzel
Video: Sébastien Dupouey
Musik: Nils Ostendorf
Dramaturgie: Julia Lochte, Florian Borchmeyer
Darsteller:
Maria Braun: Ursina Lardi
Hermann Braun, Betti, Amerikanischer Soldat, Journalist, Kellner: Sebastian Schwarz
Standesbeamter, Opa Berger, Bronski, Dolmetscher, Karl Oswald, Notarin: Thomas Bading
Mutter, Arzt, Richter, Senkenberg Wärter, Anwalt, Kellner: Robert Beyer
Rotkreuzschwester, Schwarzmarkthändler Bill, Willi, Schaffner, Amerikanischer Geschäftsmann, Frau Ehmke, Kellner, Wetzel: Moritz Gottwald

Termin beim Theatertreffen: 10.05.2015

Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/die-ehe-der-maria-braun.html

*

Angst essen Seele auf am Maxim Gorki Theater

Neben der Schaubühne am Lehniner Platz, die bereits längere Zeit mit Fassbinder auftrumpft und mit den Patrick Wengenroth-Inszenierungen Angst essen Deutschland auf oder Die bitteren Tränen der Petra von Kant weitere Beiträge zum „Focus Fassbinder“ beim Theatertreffen liefern konnte, hat auch das Maxim Gorki Theater eine Fassbinder-Inszenierung im Programm. Passend zur postmigrantischen Ausrichtung des Hauses am Festungsgraben in Berlin-Mitte hat sich Regisseur Hakan Savaş Mican den Film Angst essen Seele auf ausgesucht. Ein Stück bundesrepublikanische Geschichte der 1970er Jahre, das auch geprägt wurde durch die vielen Arbeitsmigranten, die durch verschiedene Anwerbeabkommen ab dem Beginn der 1960er Jahre nach Deutschland gekommen sind.

Angst essen Seele auf - Foto © Esra Rotthoff

Angst essen Seele aufFoto © Esra Rotthoff

Fassbinder erzählt in seinem Film eine Geschichte von Sehnsucht nach Liebe, Heimat, Anerkennung und immer noch gültigen Ausgrenzungsmechanismen. Im Mittelpunkt steht die Putzfrau und Witwe Emmi (im Film von Brigitte Mira dargestellt), die sich in den jungen marokkanischen Gastarbeiter Ali (Fassbinderdarsteller El Hedi ben Salem) verliebt und ihn gegen alle Konventionen auch heiratet. Aber beider Liebe scheitert letztendlich an den bekannten Vorurteilen gegenüber Ausländern und dem ganz normalen Alltagsrassismus der Familie, Nachbarn und Kollegen von Emmi, die ihnen ihr Glück nicht gönnen wollen, aber auch am eigenen Unvermögen aufeinander zuzugehen und den anderen so zu akzeptieren wie er ist.

Am Gorki sind Ruth Reinecke und Taner Şahintürk in den Hauptrollen zu sehen. Ein starkes Duo, das sehr glaubwürdig die tragischen Fassbinderfiguren verkörpert. Ansonsten setzt Hakan Savaş Mican in seiner Inszenierung ähnlich wie Ostermeier an der Schaubühne auf ein wandelbares Ensemble, das alle anderen Rollen untereinander aufteilt. Das ist sicher ebenso lustvoll und komödiantisch angelegt. Allerdings geraten die tratschenden, lästernden Putzfrauen, verlebten Kneipenexistenzen sowie spießige Nachbarn und Kinder oftmals zur bloßen Karikatur. Um dem Klischee etwas zu entfliehen, gibt der Regisseur Taner Şahintürk einen Eingangsmonolog, in dem er frei von Akzent die Geschichte der Arbeitsmigranten aus den 1970er Jahren erzählen kann. Auch hier schwelgt man mit Schlaghosen und Songs in den historischen Seventies, und auf leerer Bühne fallen abwechselnd Asche oder Flitter. Die Inszenierung ist sehr sympathisch auf Empathie mit den beiden Hauptfiguren angelegt. Das tödliche Magengeschwür Alis wird hier auch nicht weiter thematisiert – der schwerwiegende Satz „Das kann keiner, ohne die anderen leben, keiner“ wird von Emmis trotzigem „Zusammen sind wir stark“ optimistisch übertönt.

***

Angst essen Seele auf
von Rainer Werner Fassbinder
Premiere am Maxim Gorki Theater Berlin war am 06.06.2014
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Sylvia Rieger
Musik: Daniel Kahn
Kostüme: Pieter Bax
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Anastasia Gubareva, Daniel Kahn, Sema Poyraz, Ruth Reinecke, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad und Aram Tafreshian

Termin beim Theatertreffen: 06.05.2015

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/angst-essen-seele-auf/

*

Warum läuft Herr R. Amok? von den Münchner Kammerspielen beim Theatertreffen

Plakat der Münchner Kammerspiele

Plakat der Münchner Kammerspiele

Das Theatertreffen steuerte mit Warum läuft Herr R. Amok? eine als bemerkenswert titulierte Inszenierung zum „Focus Fassbinder“ bei, wo implizit auch die Frage aufkam, warum überhaupt Filme von Fassbinder als Theater gemacht werden sollten – darauf wusste die aus München eingeladene Inszenierung von Susanne Kennedy (die im letzten Jahr schon mit ihrer streng artifiziellen Inszenierung von Fegefeuer in Ingolstadt Kritik und Publikum polarisierte) allerdings keine so rechte Antwort zu geben.

Die Regisseurin wird ab 2017 zum neuen Leitungsteam um Chris Dercon an der Berliner Volksbühne gehören, was sie nun erst recht in das Zentrum der Berliner Kritiker rücken ließ. Im Deutschen Theater steht dann wieder einer ihrer Holzkisten, die einen klaustrophobischen Raum zwischen Hobbykeller und Freizeitsauna zeigt. Darin stehen die Figuren mit Silikonmasken, die ihre Gesichtszüge ebnen und sie wie Puppen aussehen lassen. Im Playback der von Laien eingesprochen Drehbuchtexte von Fassbinder und Mitautor und Regisseur Michael Fengler bewegen die Darsteller nur die Münder. Nach kurzen Pausen, bei denen eine Leinwand runterfährt und den selben Raum noch mal im Video doppelt, sagt eine computergenerierte Stimme die Spielorte der einzelnen Szenen an.

Warum läuft Herr R. Amok? - Foto (C) JU Ostkreuz

Warum läuft Herr R. Amok?Foto (C) JU Ostkreuz

Fassbinder hatte sich schon während der Dreharbeiten vom gemeinsamen Werk distanziert. Der in improvisierten Dialogen gefasste Film, der den monotonen Alltag eines in einem Architekturbüro angestellten Technischen Zeichners beschreibt, der am Ende Frau, Sohn und Nachbarin umbringt, konnte seinen künstlerischer Ansprüchen nicht genügen. Er fand auch, dass dieser halbdokumentarisch wirkende Film, in dem die Kamera einfach nur auf das Geschehen draufhielt und abfilmte, was sie sah, zu denunziatorisch. Es geht um Individualität und Gemeinschaftssinn, Masken und Lügen, was sich hier wunderbar in den spießigen Gesprächen von Nachbarn, Kollegen und der Familie des R. selbst demaskiert. Das kulminiert in einer Betriebsweihnachtsfeier mit dem hilflosen Apell von Herrn R., doch mit seinem Chef Brüderschaft zu trinken. Soziale Kälte, Neid und Missgunst der bundesrepublikanischen Leistungsgesellschaft werden so in jeder Szene spürbar.

Wo der Film in seiner Sparsamkeit dennoch einen stringenten Sog erzeugt, der einen bis zum Ende gefangen nimmt, dehnt sich Kennedys Inszenierung grotesk in die Länge. So wird die Szene, in der Herr R. in einem Plattenladen einen von ihm gesuchten Song vorsingt, in mehrere Teile gestückelt, und die Auftritte mit dem sprachgehandikapten Sohn oder bei dessen Lehrerin geraten wie bei einem Loriot-Sketch. Den sowieso schon relativ persönlichkeitslosen Figuren des Films nimmt die Regisseurin neben der stark eingeschränkten Motorik auch noch die Mimik und eigene Stimme und lässt sie so vollkommen austauschbar und fremdgesteuert erscheinen. Das Mittel der zusätzlichen Verfremdung und Distanzierung ist sicher nachvollziehbar, macht aber auf Dauer nur bedingt Sinn. Es bleibt eine künstlerische Eigenart (die bei Fegefeuer in Ingolstadt noch ganz gut funktionierte), eine Masche, die auf Dauer nervtötend ist und ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn bleibt. Daran ändert im Prinzip auch nicht, dass Kennedy nach dem Amoklauf die Laiensprecher, die vorher schon in den Videos alltäglichen Verrichtungen nachgingen, befreit auftreten und zu Eric Claptons „Let It Grow“ tanzen lässt.

Als Mischform aus Experimentalfilm, Installation und darstellender Kunst wäre die Inszenierung für die Dauer eines Halbstünders womöglich interessant gewesen – in der hier dargebrachten Länge wurde sie jedoch zunehmend beliebig. Susanne Kennedy kappt auch wichtige Passagen aus dem Film, die durchaus gesellschaftspolitische Problematiken behandeln und bis heute keineswegs gelöst erscheinen – neben den rein zwischenmenschlichen Konflikten sind das z.B. die geschlechtsspezifischen Rollenbilder, die freie Entfaltung der Frau gegen die traditionellen Erwartungen (auch an den Mann, ihre Persönlichkeitsentwicklung sowie die Erziehung des Kindes). Diese Entpolitisierung des Stoffs verkauft letztendlich die Kunst an den Effekt.

***

Warum läuft Herr R. Amok?
nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler
Premiere in den Münchner Kammerspielen war am 27.11.2014
tt15_promo_media_gallery_resRegie: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Newton
Kostüme: Lotte Goos
Sounddesign: Richard Janssen
Licht: Jürgen Kolb
Dramaturgie: Koen Tachelet.
Mit: Willy Brummer, Kristin Elsen, Walter Hess, Renate Lewin, Christian Löber, Sybille Sailer, Anna Maria Sturm, Çiğdem Teke, Edmund Telgenkämper, Herbert Volz, Erika Waltemath

Termine beim Theatertreffen: 03.05. und 04.05.2015

Weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

http://www.theatertreffen.de

Zuerst erschienen am 15.05.2015 auf Kultura-Extra.

__________

FEGEFEUER IN INGOLSTADT – Die bereits mit dem 3sat-Preis ausgezeichnete Münchner Fleißer-Inszenierung von Susanne Kennedy war beim 51. TT im HAU 1 zu sehen.

Samstag, Mai 10th, 2014

___

Fegefeuer in Ingolstadt_PlakatVielleicht hat man das 1924 uraufgeführte Stück Fegerfeuer in Ingolstadt der Schriftstellerin Marieluise Fleißer einfach nur lange nicht mehr gesehen. In Berlin führte es zuletzt Manfred Karge 2001 mit Schauspielschülern am Berliner Ensemble auf. Auch die DDR-Erstaufführung fand hier 1987 mit teilweise heute immer noch äußerst bekannten Theaterdarstellern wie Annemone Haase, Renate Richter, Barbara Dittus, Michael Gerber und Corinna Harfouch statt. Im Westen Berlins an der Schaubühne besorgte 1972 Peter Stein eine denkwürdige Inszenierung mit Angela Winkler als Olga und Rüdiger Hacker als Roelle. Bei allen verfügbaren Rezensionen zu den genannten Aufführungen fällt zu allererst die Beschreibung der Künstlichkeit der Sprache wie der szenischen Umsetzung und der Enge des Bühnenraumes auf. „Alles ist wie ein Käfig“, schrieb Hellmuth Karasek damals in der Zeit.

„Fleißer führt Katholizismus, autoritäre Erziehung in der Kleinstadtenge und Gelüste nach Macht und Erniedrigung vor. Die mit biblischen Wendungen durchsetzte Sprache schafft weder Verständigung noch Verständnis.“ lässt sich im Reclam-Schauspielführer nachlesen. Der Theaterkritiker Alfred Kerr bezeichnete das Stück als eine Offenbarung „kleinmenschlicher Raubtierschaft“. Und das bezeichnet wohl auch am besten, was uns Susanne Kennedy in ihren kurzen, merkwürdigen mal stummen, mal sprechenden Tableaus vivants im kargen weißen Bühnenkasten vorführt. Die Figuren stehen tatsächlich immer so, als würden sie sich allzeit nur belauern. Es ist die präzise Vorführung einer Versuchsanordnung, entworfen wie in einem Theaterlabor. Der Bühnenraum wird zum klinisch-pathologischen Abbild einer erstarrten Gesellschaft ohne Fähigkeit zur eigenen individuellen Form und Sprache. Und auch wenn man sich hier in einer längst vergangenen Zeit wähnt, macht gerade das die Inszenierung so seltsam heutig.

Susanne Kennedy hat Fleißers kleinbürgerlichen Personenkreis auf einen Mikrokosmos eingedampft. Schüler und Ministranten sind gestrichen, auch die nähere Umgebung der Berottas ist auf den stumpfen, epileptischen Vater (Walter Hess) und Olgas neidverzehrte Schwester Clementine (mit Pieps-Stimme: Anna Maria Sturm) beschränkt. Olga selbst (Çigdem Teke) zeigt stoisch das lange Unausgesprochene im sichtbar ausgeformten Minikleid deutlich vor. Es bedarf hier keines Exfreundes Peps, um die Ursachen der Schwangerschaft zu erklären. Kennedy konzentriert sich ganz auf die zwei Kernfamilien von Olga und Roelle (Christian Löber), einem ungewaschenen, fanatisierten Jesusdarsteller in unästhetischer Unterwäsche, immer leicht verschwitzt, mit Elendsmine und sakralen Gesten. Um sich aus seiner stinkigen Außenseiterrolle zu befreien, gibt er vor Engel zu sehen und macht Olga schmierige Avancen. Den Geist seines Handelns bekommt Roelle förmlich mit der Suppe und der Muttermilch verabreicht – als schwarze Mutter der Anbetung Heidy Forster.

Fegefeuer in Ingolstadt im HAU

FEGEFEUER IN INGOLSTADT beim 51. TT  im Berliner Hebbeltheater – Foto: St. Bock

Ingolstadts Bevölkerung kommt in Gestalt der beiden diabolischen, schon bei Fleißer nur als Individuum und sein Schützling bezeichneten Protasius und Gervasius (Marc Benjamin und Edmund Telgenkämper) in Rollkragenpullis und kurzen Hosen daher. Ihre vermeintlichen Unschuldsminen durchzieht bisweilen ein aasiges Grinsen. Sie hängen sich an Olga und Roelle und weiden sich an deren Unglück. Dabei wirken sie wie aus Michael Hanekes Film Funny Games entsprungen. Viel ist von Menschen die Rede, nur ist weit und breit keiner zu sehen. Es herrscht die Angst, nicht mehr dazuzugehören. Eine „unerlöste Gesellschaft, die tritt, damit sie nicht getreten wird“, wie es Fleißer selbst erklärt. Und so zitiert das Programmheft dann auch fleißig Fleißer, dass die Figuren monströse Konstruktionen sind, unbestimmbar und nicht bis ins letzte überschaubar.

Schon Fleißers Stück ist ein Konglomerat aus expressionistischen und surrealistischen Elementen sowie Verfremdungseffekten aus Brechts epischem Theater. Das gewollt Artifizielle in Kennedys Inszenierung nimmt all dies wörtlich auf. Fleißers Figuren sind von den Verhältnissen Beschädigte. Bei Kennedy wirken sie fremd und zum Teil bis ins Groteske lächerlich verzerrt. Roelles wiederholt verzweifelter Beichtversuch am Ende und das zusätzlich von Kennedy angefügte von allen bis ins Inbrünstige gesteigerte Anima Christi belegen das aufs Deutlichste, wie ein unabänderliches (Bene)Diktum unserer als alternativlos geltenden Gesellschaft.

Schlussbeifall für das tt-Gastspiel der Münchner Kammerspiele mit Fegefeuer in Ingolstadt Foto: St. B.

Schlussbeifall für das tt-Gastspiel der Münchner Kammerspiele mit Fegefeuer in Ingolstadt
Foto: St. B.

Die Inszenierung ist die konsequente Umsetzung des oben Erwähnten mit heutigen Theatermitteln wie Playback (man kennt diesen künstlichen Ton bereits durch die häufige Verwendung von Mikroports), speziellem Lichteinsatz wie Schwarzblenden und elektronisch erzeugten Störgeräuschen. Man vermeint in dem penetranten Staubsauergeräusch zwischen den Szenen so etwas wie eine klassische Melodie wahrnehmen zu können. Die Zerstörung der gewohnten Hör- und theatralen Ästhetik mittels ästhetischer Verstörung. Handwerklich gut gearbeitet und präzise auf den Punkt gespielt. Es ist in seiner Einzigartigkeit unnachahmlich und damit sicher auch preiswürdig. Nur eines ist es darum eben nicht: Es ist nicht geeignet als innovativer, zukunftsweisender Theaterstil. So kann es mit Sicherheit auch bei Susanne Kennedy nicht weitergehen. Und das ist dann wiederum auch ein bezeichnendes Fazit zur Halbzeit des Theatertreffens.

***

Fegefeuer in Ingolstadt
von Marieluise Fleißer
Regie: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Müller
Kostüme: Lotte Goos
Sounddesign: Richard Janssen
Dramaturgie: Jeroen Versteele
Ton: Katharina Widmaier-Zorn, Martin Sraier-Krügermann.
Mit: Marc Benjamin, Heidy Forster, Walter Hess, Christian Löber, Anna Maria Sturm, Çigdem Teke, Edmund Telgenkämper

Premiere war am 8. Februar 2013
im Schauspielhaus der Münchner Kammerspielen
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 09.05.2014 auf Kultura-Extra.

__________