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THE GHOSTS – Constanza Macras und Dorky Park beschließen den Tanz im August 2015 in der Berliner Schaubühne mit einem Stück über das Schicksal ausrangierter chinesischer Akrobaten.

Montag, September 7th, 2015

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Zu Beginn von The Ghosts, der neuen Tanzperformance der bereits seit langem in Berlin residierenden argentinischen Choreografin Constanza Macras, zerreißen zwei markerschütternde Schreie den Theatersaal der Schaubühne am Lehniner Platz. Wie in einer Art Séance alter chinesischer Mythen schließt sich eine Prozession weiß verhüllter Gestalten an, begleitet von drei chinesischen Akrobatinnen, die in jeder Hand surrend drei Teller jonglieren. Mit einem alten chinesischen Jonglage-Gerät aus zwei Halbkugeln, dem sogenannten Diabolo (Deutsch: durcheinanderwerfen), das u.a. auch bei Straßenkünstlern sehr beliebt ist, erzeugt dazu einer der beiden großartigen ebenfalls chinesischen Musiker ein anschwellend sonores Geräusch in der Luft. Zum Abschluss vom TANZ IM AUGUST 2015 hat auch Constanza Macras passend zum diesjährigen Asien-Schwerpunkt einen ganz interessanten Beitrag über aussortierte chinesische Akrobaten abgeliefert.

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Foto: St. B.

Bereits in The Past zeigte sich Macras‘ Affinität zu asiatischen Schlangenmenschen, als sich ihr japanischer Tänzer Nile Koetting aus einer Einkaufstasche schälte. Nun vergleicht die Choreografin die schon in jungen Jahren in staatlichen chinesischen Akrobatenschulen gedrillten und dann bereits mit Mitte Zwanzig kurz nach ihrem Leistungshöhepunkt ohne ökonomische Absicherung wieder aussortierten Künstler mit den sogenannten „hungrigen Geistern“ aus der asiatischen Mythologie, die von Geistern verstorbener Ahnen berichtet, die immer wieder nach Hause zurückkehren, um ihren Hunger zu stillen. Um diese Geister zu besänftigen, stellen ihnen die Verwandten bei einem jährlichen Fest in Form von Essen und verbranntem Geld Opfergaben vor die Tür. Eine fast ebenso lange Tradition hat auch die Akrobatik in China.

Der deutsche Zuschauer liebt das Dokutheater, hat die 15jährige Huanhuan Zhang bei den Proben gelernt, und so erzählt die junge Akrobatin anhand eines Vortrags mittels an die Rückwand der Bühne geworfenen Videobildern von ihrem Alltag auf einem chinesischen Vergnügungspark, auf dem sie mit den beiden Schwestern Xiaorui Pan und Huimin Zhang, die ebenfalls im Stück mitwirken, und ihrem Onkel als Akrobatentruppe auftritt. Das so Vorgetragene wird noch durch weitere Biografien ergänzt inklusive der Geschichte der chinesischen Akrobatik. Bereits vor unserer Zeitrechnung verbürgt, wurde sie im 14. Jahrhundert Volkskunst und schließlich auch von den Kommunisten in den 1950er Jahre entdeckt. Mao spannte die Akrobatik als „revolutionäre Kunst“ für seine Ziele ein. Constanza Macras‘ TänzerInnen bilden hier immer wieder kämpferische Gemeinschafts-Tableaus mit den chinesischen Akrobaten. Weiter erfahren wir, dass sich der soziale Status der Truppen in den staatlichen Akrobatenschulen zunächst verbesserte, allerdings die Akrobatik in der Zeit der Kulturrevolution dann auch schnell wieder als bürgerliche Unterhaltungskunst verunglimpft wurde.

 

The Ghosts in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Thomas Aurin

The Ghosts in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (C) Thomas Aurin

 

So reihen sich die Vorträge an artistische Nummern wie Jonglagen, Körper-Kontorsionen und Akrobatik an einem von der Decke hängendem Tuch. Es wird viel auf Händen gelaufen und zirzensisch in den Seilen gehangen. Eines der Mädchen jongliert liegend relativ abenteuerlich zunächst einen großen Tisch und dann eine ihrer Schwestern auf den Füßen. Irgendwann sind wir dann auch noch auf dem Tian’anmen-Platz und landen schließlich in der Gegenwart der sich rasant entwickelnden chinesischen Industriegesellschaft, in der die Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden in den damals noch blauen Himmel schießen. China startet zum nächsten großen Sprung. Sogar die Einkind-Politik wird noch mit eingeflochten. Dabei kommt nochmal sehr schön der Mythos der traurigen Geisterfrauen zum Tragen. Eine Tochter ist kein Junge, aber am Ende besser als nichts, und kann zumindest als Akrobatin den Unterhalt für das Studium eines Familienmitglieds erarbeiten.

Nach dem Entzünden einer auf der Bühne stehenden Opferschale gibt es noch einen schönen Auftritt der Frauen in Ballkleidern, die künstlerische Wiederbelebung der „Hungergeister“ will aber so recht nicht gelingen. Der viele Text und die natürlich das Publikum begeisternden, akrobatischen Darbietungen dominieren die ganze Performance und drücken das tänzerische Element zu sehr an den Rand. Die fünf unterstützenden TänzerInnen von DorkyPark treten dabei zu Gunsten der chinesischen ProtagonistInnen und ihrer Emotionen heischenden Geschichten fast völlig in den Hintergrund. Es ist dann auch mehr die mit alten chinesischen Instrumenten erzeugte, wunderbar schräg anmutende Musik, die sich als wirklich künstlerisches Ereignis an diesem sonst so disparaten Abend angenehm ins Unterbewusstsein drängt.

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Tanz im August_logoTHE GHOSTS
Regie und Choreographie: Constanza Macras
Bühne: Janina Audick
Kostüme: Allie Saunders
Musik: Chico Mello in Kollaboration mit Wu Wei, Jiannan Chen, Fernanda Farah und Yi Liu
Sound: Stephan Wöhrmann
Dramaturgie: Carmen Mehnert
Licht: Sergio de Carvalho Pessanha
Von und mit: Emil Bordás, Jiannan Chen, Fernanda Farah, Lu Ge, Yi Liu, Chico Mello, Juliana Neves, Xiaorui Pan, Daisy Phillips, Wu Wei, Huanhuan Zhang, Huimin Zhang

Premiere in der Schaubühne Berlin: 03.09.2015

Eine Produktion von Constanza Macras | DorkyPark und Goethe-Institut China in Koproduktion mit Tanz im August, Schaubühne am Lehniner Platz, CSS Teatro stabile di innovazione del FVG, Udine und dem Guangdong Dance Festival.

Weitere Vorstellungen von THE GHOSTS am 7. + 8.9.2015

Infos: http://www.tanzimaugust.de/programm/festivalplan/constanza-macras-dorkypark-the-ghosts/

Weitere Informationen und Tickets: www.schaubuehne.de/de/produktionen/the-ghosts

Zuerst erschienen am 06.09.2015 auf Kultura-Extra.

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