Archive for the ‘Theater 89’ Category

Über das Erinnern (2) – Drei Theaterstücke in Berlin beschäftigen sich mit der DDR-Vergangenheit

Samstag, März 17th, 2012

„Jeder Mensch ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig und jeder Aufmerksamkeit würdig.” Hermann Hesse

She She Pop öffnen im Hau 2 mit ihren Gästen Ost-West-Erinnerungs-Schubladen

Fritz Kater ist mit seinem Stück „zeit zu lieben zeit zu sterben“ das Kunststück gelungen, Erinnerung unmittelbar auf der Bühne erlebbar zu machen. Das ist es auch, was Armin Petras als Regisseur immer wieder mit der Inszenierung von Romanen versucht. Antú Romero Nunes ist es am Maxim Gorki Theater gelungen Katers Erzählstrom mittels Klang, Bild und Bewegung in mitreißendes Theater zu übersetzen. Wie sieht das nun mit den Mitteln des Diskurstheaters oder der Performance aus? Wie lässt sich also das Erinnern einer realen Person authentisch auf der Bühne umsetzen und dabei noch künstlerisch ansprechend darstellen? Am Internationalen Frauentag luden drei Performerinnen von She She Pop, alle in West-Deutschland aufgewachsen, ins HAU 2. Sie räumten gemeinsam mit drei Gast-Frauen, die in der DDR sozialisiert wurden, genüsslich ihre ganz privaten Schubladen aus. Zum Vorschein gekommen sind die teilweise sehr unterschiedlichen Sichtweisen nicht nur zum Feminismus in Ost und West, auch systemimanente Begriffsdefinitionen und Erziehungsfragen wurden einander gegenübergestellt. Dass das Ost-West-Thema erst nach immerhin 22 Jahren Einheit auf den Tisch der Theatermacherinnen West gelangt ist, erklären diese ehrlich mit ihrem anfänglichen Desinteresse sowie einem gewissen Selbstverständnis und der Ignoranz eben andere Probleme wichtiger zu finden. Man scheute auch die ständigen Fragen nach der Herkunft, aus Angst ein vermeintliches Tabu zu berühren. Damit sollte nun endlich Schluss sein. (Siehe „Das erste Mal“ – She She Pop im Gespräch; der Freitag, 08.03.12)

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Aus der Schublade gekramt: Befreiung West versus Aufklärung Ost

She She Pop benutzen in ihren Stücken, wie z. B. auch in „Testament“, oft Musik für ihre vielfältige Erinnerungsarbeit. In „Schubladen“ kam nun auf einem Plattenteller ein ganz besonderes Sampling von über 30 Jahren deutsch-deutscher Vergangenheit zu Gehör. An Tischen sitzen drei Paare auf Bürorollstühlen, die sich auch für schöne Bewegungschoreografien eignen, und ziehen kleine Wägelchen mit Büchern, Briefen, Fotos und Schallplatten zu sich heran. Auf den Tisch kommt nun das persönliche Erinnerungsmaterial, das man der jeweils Gegenübersitzenden an konkreten Beispielen aus der eigenen Biografie näher bringen will. Es prallen Ideologien aufeinander und öfter wird vom Gegenüber „Stop!“ gerufen und „Definiere!“ z.B. Kapitalist, Dividende, Klassenbrigadier und Pazifist. Oder nicht doch eher Pazifistin? Da stehen das West-Befreiungsbuch von Alice Miller „Das Drama des begabten Kindes“ neben Heinrich Brückners DDR-Aufklärungsfibel „Denkst du schon an Liebe?“, Westaufsätze über die DDR gegen die Definition eines Kapitalisten aus dem Heimatkundelehrbuch DDR Klasse 4. Man erzählt sich seine Kindheit vom daheim behüteten Westmädchen oder dem nach sechs Monaten in die Krippe gegebenen Ostmädchen. West-Performerin Nina Tecklenburg summt genüsslich die Titelmelodien kitschiger Vorabendserien und die in Rostock aufgewachsene Soziologin Wenke Seemann kontert mit dem Neid-Lied aus Reinhard Lakomis „Traumzauberbaum“.

Das wirkt am Anfang noch etwas bemüht, entwickelt aber immer mehr seinen Charme, wenn die kurzen Berichte mit konkreten Erlebnissen, Anekdoten oder ganz persönlichen Tagebucheintragungen unterfüttert werden. Die Sopranistin Alexandra Lachmann erzählt von der Schere im Kopf, dem Verstellen in der Schule und wie ihr Bruder kurz vor der Wende über Ungarn in den Westen ausgereist ist. Die Schriftstellerin Annett Gröschner litt unter der Bevormundung im Studium und fing an ihre Albträume aufzuschreiben. Aber bei all der schweren Erinnerungsarbeit, darf auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Was war wirklich drin im Westpaket und hätte Frau Ost nicht doch lieber Tampons anstatt Seife und echt 4711 gehabt? Es darf an der Rampe bei einem Gläschen Wodka kurz abgelästert werden über die verzärtelten Westfrauen. Diese haben ihre Probleme damit, dass die eigene Mutter vom Geld des Vaters lebt oder dem schwierigen Erbe von Onkeln die heute immer noch wie Karl Marx aussehen. Stolz ist man über die erste eigene Wohnung und das politische Engagement. Es wird der Song „Wir sind geboren um frei zu sein“ von Ton Steine Scherben aufgelegt, die Ostfrauen halten ihre Favoriten dagegen. So gibt ein Klischee das andere, bis die Westfrauen schließlich über das Fehlen der sozialistischen Alternative klagen. Wenke Seemann bringt es auf den Punkt: „Hast Du eigentlich eine Ahnung davon, wie es ist, in Deiner Alternative aufzuwachsen.“

Bis in die Zeit kurz nach der Wende geht der Abend dann noch und die Ostfrauen berichten von merkwürdigen Feministinnencamps, falschen Vorstellungen und ersten Enttäuschungen. Die verschlafene Wendenacht, die Enge am Grenzübergang in der Schlange auf der Warschauer Brücke oder Männern mit tätowierter Werbung auf dem Gemächt, regelrecht literarisch wird es, wenn Annett Gröschner aus ihren Traumtagebüchern zitiert. Johanna Freiburg schwärmt von einer ersten platonischen Liebe und Ilia Papatheodorou imaginiert ein erotisches Erlebnis. Auch die Westfrauen sind mittlerweile im Osten von Berlin angekommen, stellen aber bestürzt fest, dass man im Adressbuch kaum Telefonnummern von Ostfreunden hat. Das sich das ändern könnte, dafür steht dieser sympathisch humorvolle und nie ganz von Ironie freie Gesprächsabend. Konsens findet sich bei der Theatermacherin West Johanna Freiburg und der Schriftstellerin Ost Annett Gröschner schnell beim Dramatiker Heiner Müller oder Nina Tecklenburg und Wenke Seemann schwärmen von Eiskunstlaufolympiasiegerin Katarina Witt und führen eine Carmenkür auf ihren Bürodrehstühlen auf. Da heben sie für einen kleinen Moment ab, lassen den theoretischen Ballast am Boden und alles Schubladendenken weit hinter sich.

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„Das Ende der SED“ – Im Europasaal des Auswärtigen Amtes zeigt das Theater 89 noch einmal die letzten Tage des Zentralkomitees der SED

Um eine ganz andere Art der Erinnerung geht es in dem Stück „Das Ende der SED – Die letzten Tage des Zentralkomitees der SED“, das das Theater 89 im Europasaal des Auswärtigen Amtes uraufführte. Hier am historischen Platz lassen die Schauspieler in der Regie des Theaterleiters Hans-Joachim Frank die letzten Zentralkomiteesitzungen von Oktober bis Dezember 1989 revuepassieren. Der Historiker und Publizist Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam hat mit Gerd-Rüdiger Stephan von der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Abschriften der Original-Tonbandmitschnitte dieser Sitzungen 1997 in einem gleichnamigen Buch beim Ch. Links Verlag veröffentlicht und bot diese Texte seitdem verschiedenen Theatern wie Sauerbier an. Das Theater 89 hat nun in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ein Theaterstück daraus gemacht.

Das Material bietet sich tatsächlich für eine theatrale Aufarbeitung an, sind doch alle Elemente eines klassischen Dramas darin enthalten. Man könnte es auch als antike Tragödie aufführen, allein der eigentlich Leidgeprüfte ist nicht anwesend. Man hat vergessen das Volk ins Stück mit einzubauen. Dafür intoniert ein Chor (Singakademie Frankfurt/O.) Arbeiterkampflieder, die hier nicht ganz unbeabsichtigt wie Klagelieder einer vergangenen Zeit wirken. Die Götterdämmerung im Herbst 1989 erreichte die gottgleich auf ihrem Olymp erstarrte Parteinomenklatur scheinbar wie aus heiterem Himmel. Die Hybris der führenden Rolle hatte die SED lange unangreifbar erscheinen lassen, umso schneller kam der selbstverschuldete Sturz in den Orkus der Geschichte. Die Tragödie wurde zum kleinbürgerlichen Trauerspiel um Erklärungsnot und scheinheilige Schulddebatten. Das Theater 89 versuchte nun diese Ereignisse der Wendewirren dem Vergessen zu entreißen. Vielen im Publikum werden ihre eigenen Erinnerungen an die Zeit der Wende wieder gegenwärtig, anderen ist es immerhin eine lebendige Geschichtsstunde.

dsc06527.JPG Foto: St. B.
Genosse Austauschbar. – Pappkameraden in grauen Anzügen beim Ende der SED im Europasaal des Auswärtigen Amts

Das Schauspielensemble, weiß geschminkt und in grauen Anzügen, stellt die verschiedenen ZK-Mitglieder dar, die in endlosen Debatten und Redebeiträgen nach Fassung ringen und sich gegenseitig ins Wort fallen. Es wird auf einen schnellen Entschluss gedrängt, das Heft des Handelns nicht aus der Hand zu geben. Den Draht zum Volk hat man aber längst verloren. Es wird nach Ursachen gesucht, allerdings nach dem alten Motto: Bloß keine Fehlerdiskussion. Aus den Kreisleitungen der Partei kommt erster Widerspruch und einige ZK-Mitglieder üben zerknirschd Selbstkritik. Vorn im Präsidium sitzen zu Anfang noch der neue Generalsekretär Egon Krenz, Kurt Hager, Armeechef Heinz Kessler und andere Politbüromitglieder. Lange können sie sich da nicht mehr halten, die ehemalige Führung wird nach und nach ausgetauscht. Die entstehenden Lücken füllen Puppen in grauen Anzügen aus. Für die Künstler in der Partei spricht der Schriftsteller und Verbandspräsident Hermann Kant, der das Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten anprangert und im Dialog mit dem Volk die Führungsrolle wiedererlangen will. Andere ergehen sich in belanglosen Scheindebatten und Schönfärbereien. Dazwischen immer wieder sakrale Chorpassagen mit Brechts „Kinderhymne“, dem „Lied der Partei“, „Spaniens Himmel“ oder Wolfgang Langhoffs „Moorsoldaten“. Es wird die unfreiwillige Grenzöffnung mit Schabowski-O-Ton eingespielt und die Wirtschaftslenker des ZKs gestehen ihre Fehler ein. Alle haben sich im Zuge der Parteidisziplin dem Urteil der Parteioberen gebeugt.

Das Land steht 1989 am Rande des Bankrotts und niemand will es bemerkt haben. Der Arbeiter- und Bauerstaat hing schon lange am Tropf des Westens. Die Schuldfrage ist schnell geklärt. Die Genossen fühlen sich vom Politbüro des ZKs, das die Belange der Partei und des Staates nach Gutdünken lenkte, betrogen. Der 86 Jahre alte Genosse Bernhard Quandt, der von 1939 bis 1945 in Sachsenhausen und Dachau saß, verlangt unter Tränen die standrechtliche Erschießung der Verantwortlichen für die erlittene Schmach des Machtverlusts. Einer Reflexion auf die eigene Schuld hin sind nur wenige fähig. Ein wirklicher Widerpart ist hier auch nicht zu erwarten. Dazu fehlen kontroverse Stimmen von außerhalb der Parteikreise, die die Inszenierung nicht für nötig hält und sich strikt am Text der Aufzeichnungen orientiert. Das ist nicht nur künstlerisch ein Manko. Problematisch ist bei dieser Herangehensweise, dass die Schuld hier leicht delegierbar scheint und dadurch einer umfassenden Aufarbeitung entgegenwirkt. Die Stimme des Volkes wird zum Schluss wieder eingeblendet, es ruft die bekannten Worte: „Wir sind ein Volk.“ Das war es auch schon vorher.

„Niemals haben Menschen so vieles vergessen sollen, um funktionsfähig zu bleiben, wie die, mit denen wir leben.“ Christa Wolf aus Kindheitsmuster

Die nächsten Aufführungen in Berlin:

  • 31.03.12, 19:00 Uhr, Akademie der Künste am Hanseatenweg
  • 14.04.12, 19:00 Uhr, im Kleistsaal der Urania
  • 12.05.12, 19:00 Uhr, Haus der Kulturen der Welt
  • 02.06.12, 19:00 Uhr, Zionskirche

Literatur: _______________________ das-ende-der-sed_buch_cover.jpg

Hans-Hermann Hertle/Gerd-Rüdiger Stephan (Hg.), Das Ende der SED. Die letzten Tage des Zentralkomitees. Mit einem Vorwort von Peter Steinbach, Berlin: Ch. Links Verlag 1997

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