Archive for the ‘Theater Bonn’ Category

Henriette Dushe und Thomas Melle bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin

Donnerstag, Juni 30th, 2016

___

Bilder von uns von Thomas Melle bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin – Ein Gastspiel des Theaters Bonn

ATT 2016Zunächst einmal gibt es nur ein Bild. Dem erfolgreichen Verlagsmanager Jesko Drescher aufs Handy gesendet, verursacht es fast einen Unfall und lässt Jesko, der sich darauf als fast nackter 12jähriger wiederkennt, sein früheres Leben wie einen einzigen Unfall vorkommen. Es geht im Stück Bilder von uns, das auch für die Mülheimer Theatertage nominiert wurde, um einen Fall von Kindesmissbrauch, verübt von einem Pater und Lehrer eines katholischen Elitekollegs. Inspiriert wurde Autor Thomas Melle von ähnlichen Vorfällen im Bad Godesberger Aloisiuskolleg, an dem er selbst Schüler war.

Der Schauspieler Benjamin Grüter steht als Jesko mit seinem Smartphone zu Beginn im grellen Licht eines Diaprojektors. Um ihn herum auf alten Klassenzimmerstühlen sitzend erzählt das übrige Ensemble die Anfangssequenz. Alte Diaprojektoren sind hier neben den Stühlen einzige Requisiten (Bühne: Cora Saller). Sie sind im weißen Licht wie leere Erinnerungen, die mit flüchtigen Imaginationen gefüllt werden, oder richten sich wie Verhörlampen auf die Protagonisten.

Die Bilder aus einer Vergangenheit, die verdrängt schien, verfolgen Jesko und bringen Unordnung in sein Leben. Der Verunsicherte beginnt nun im Kreis alter Schulkameraden nach dem Versender der Fotos zu suchen, trifft aber zunächst nur auf Ignoranz und Ablehnung. Er reagiert aggressiv, da er die Kontrolle über sein Leben zu verlieren scheint. Schließlich vertraut sich Jesko Malte (Hajo Tuschy), dem Inhaber einer „Werbeklitsche“ und Johannes (Holger Kraft), einem zynischen Anwalt, an.

An wirklicher Aufklärung des Falls, der sich nun wie ein kleiner Krimi entfaltet, scheint aber weder Johannes noch Jesko interessiert. Für den Anwalt ist es ein Fall wie jeder andere mit einer flexiblen Wirklichkeit. Jesko scheut die Konsequenzen eines Gangs an die Öffentlichkeit, einen Wirbel, den keiner braucht. Er möchte nicht zum handlungsunfähigem Objekt und Opfer gemacht werden. Malte ist dagegen für einen offensiven Umgang, bei dem er Diskurs und Deutungshoheit bestimmen will.

Thomas Melle beschreibt hier sehr schön das Funktionieren eines geschlossenen Systems wie das des Kollegs, bestehend aus der Ausnutzung von Macht und Angst, das auch nach dessen Ende noch weiter funktioniert. Ausdruck dafür sind die verschiedenen Mechanismen der Verdrängung, die eine Aufarbeitung fast unmöglich machen. Das schwächste Mitglied, der psychisch gebrochene Konstantin (Benjamin Berger), nimmt sich schließlich das Leben. Nachdem auch Pater Stein gestorben ist, werden Bilder und Akten vernichtet, und Jesko schafft sich abwehrend seinen „neuen Lügenkomplex“. Dadurch verliert er auch seine Frau Bettina (Mareike Hein), nachdem er sich in eine unbefriedigende Affäre mit der Lehrerin Katja (Johanna Falckner) gestürzt hat.

Regisseurin Alice Buddeberg inszeniert das dialogreiche Stück recht sparsam aber durchaus spannend. Einige der reflexiven Prosapassagen werden von Lydia Stäubli wie eine Art schlechtes Gewissen von Jesko gesprochen. Sie ist als Freundin von Konstantin auch die Versenderin der Bilder und letztendlich auch Jeskos „Todesengel“. Es gibt keine Erlösung, wie Konstantin in seinem Abschiedsbrief schreibt. Auch Jeskos Leben geht schließlich in die Brüche. Die Fragmente seines Ichs, damals und heute, fügen sich zu keiner neuen Identität. Der anfängliche Unfall wird Realität.

***

BILDER VON UNS (DT Berlin, 19.06.2016)
von Thomas Melle
Regie: Alice Buddeberg
Bühne: Cora Saller
Kostüme: Emilia Schmucker
Musik: Stefan Paul Goetsch
Licht: Lothar Krüger
Dramaturgie: Johanna Vater
Besetzung:
Jesko … Benjamin Grüter
Malte … Hajo Tuschy
Johannes … Holger Kraft
Konstantin … Benjamin Berger
Katja … Johanna Falckner
Bettina … Mareike Hein
Sandra … Lydia Stäubli
Uraufführung in der Werkstatt am Theater Bonn: 21.01.2016
Gastspiel des Theaters Bonn zu den AUTORENTHEATERTAGEN Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/

Zuerst erschienen am 20.06.2016 auf Kultura-Extra.

**

Lupus in Fabula von Henriette Dushe – Ein Gastspiel des Schauspielhaus Graz bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin

„Der Tod, der Tod, der Tod… ist eine blöde Sau.“ heißt es in Lupus in Fabula von Henriette Dushe. Die junge deutsche Dramatikerin wurde 2013 für ihr Stück mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. Regisseurin Claudia Bossard hat im Januar 2016 am Schauspiel Graz die österreichische Erstaufführung besorgt. Am letzten Wochenende gastierte ihre Inszenierung bei den gerade begonnenen AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin. Der sprichwörtliche Wolf, den man hier beim Namen nennt und somit herbeiruft, ist nichts anderes als der Tod, „die schreckliche Begegnung, die für das Subjekt ironisch erscheinende Vereinigung von Konkretem und Absolutem, und der Gipfel der Ironie ist, das dies noch nicht einmal erfahrbar ist, für das Subjekt.“ Jedenfalls keine Erfahrung, die man später nutzen könnte.

 

Lupus in Fabula - Foto (c) Lupi Spuma

Lupus in Fabula – Foto (c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

 

So weit, so philosophisch, so ironisch und gut. Ganz konkret befasst sich der Abend dann mit der Auseinandersetzung dreier Schwestern mit dem bevorstehenden Tod ihres erkrankten Vaters. Mit Krankheit, dem Sterben und dem Tod an sich beschäftigt sich unsere Gesellschaft kaum. Nis Momme Stockmann hat das 2011 in seinem am Deutschen Theater uraufgeführten Stück Die Ängstlichen und die Brutalen recht drastisch getan. Da war der Vater allerdings schon verschieden. Man spricht nicht gern über dieses Thema und verdrängt den Gedanken an den Tod. Und so verarbeitet jede der Schwestern das Dahinsiechen des einst ganz stattlichen Erzeugers auch auf ihre eigene Weise.

Die Älteste (Evamaria Salcher) hat sich ganz der Pflege des Vaters verschrieben, kommentiert seinen körperlichen und geistigen Verfall hin zu einem Riesenbaby, das man wieder wickeln muss, und widmet sich ansonsten der Ausformulierung einer möglichst perfekten Grabrede. Die Mittlere (Veronika Glatzner) versucht das Leben mit Naturträumereien festzuhalten, was letztendlich um ein sich ständig änderndes Bild des Werdens und Vergehens kreist, und hält dem sterbenden Vater ihr eigenes, gerade erst geborenes Kind entgegen. Die Jüngste (Vera Bommer) bastelt eher erfolglos an ihrer Karriere, schaut mit dem Fernglas in die Zukunft und wünscht sich die Anerkennung des Vaters.

Katharina Trajceski hat drei verschiedene Schränke auf die Bühne gestellt, aus oder hinter denen die Schwestern hervorkriechen. Sie telefonieren mit alten Tastenapparaten, monologisieren oder streiten miteinander und bauen dabei die Schränke um und auseinander. Darinnen befinden sich Küchenutensilien, Medikamente und Wärmflaschen, die nach und nach von der Ältesten auf die Spielfläche geworfen werden, oder Musikkassetten, die die Mittlere immer wieder in einen Rekorder steckt, um die Erinnerung an die Kindheit und Jugend zu wecken.

Drei verschiedene Charaktere – pragmatisch, verträumt, unsicher – finden sich am Bett des Vaters zusammen. Sie sprechen über vergangene Kindheitserlebnisse und auch mal über eigene Probleme. Wissensspiele mit dem Vater, Nordseeurlaub, Arbeit, Baby, Stuhlgang-Philosophien – die Schilderungen der drei Frauen verweben sich zu einem langen gemeinsamen Betttuch aus persönlichen Erinnerungen, das sie später dann bildlich über die ganze Szene ziehen. Sie suchen nach Erklärungen für das eigene Leben und das unvermeidliche Ende, die ihnen der Vater in seiner Verwirrtheit nicht mehr geben kann.

Ein schweres Thema, das Henriette Dushe in eine eindrückliche, bildhafte Sprache fasst, und das von Claudia Bossard mit leichter Hand und tollen Schauspielerinnen inszeniert wird. Ein recht mutiger Versuch mit dem Wolf zu tanzen und zu heulen – gegen die eigenen Zweifel und Ängste.

***

LUPUS IN FABULA (DT-Box, 12.06.2016)
Regie: Claudia Bossard
Bühne: Katharina Trajceski
Kostüme: Susanne Leitner
Dramaturgie: Jennifer Weiss
Mit: Evamaria Salcher (die Älteste), Veronika Glatzner (die Mittlere) und Vera Bommer (die Jüngste)
Uraufführung beim Heidelberger Stückemarkt 2014
Österreichische EA am Schauspielhaus Graz: 21.01.2016
Gastspiel des Schauspielhauses Graz zu den AUTORENTHEATERTAGEN Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus-graz.com/

Zuerst erschienen am 14.06.2016 auf Kultura-Extra.

**

*

In einem dichten Birkenwald, Nebel – Das zweite Stück von Henriette Dushe in einem Gastspiel des Landestheaters Detmold bei den ATT 16

Die junge Dramatikerin Henriette Dushe aus Halle kann man getrost zu den Entdeckungen der diesjährigen AUTORENTHEATERTAGE in Berlin zählen. Sie ist mit zwei Stücken zum Festival im Deutschen Theater eingeladen. Ihr Stück In einem dichten Birkenwald, Nebel, das Regisseur Malte Kreuzfeldt am Detmolder Landestheater uraufgeführt hat, wirkt wie eine thematische Fortsetzung ihres Heidelberger Preisträgerstücks Lupus in Fabula, das in einer Inszenierung von Claudia Bossard vom Grazer Schauspielhaus zu sehen war.

In der nur etwa eine Stunde währenden Detmolder Inszenierung haben sich die drei Schwestern aus Graz in eine Junge (Karoline Stegemann), Ältere (Heidrun Schweda) und Weder noch (Marie Luisa Kerkhoff) verwandelt. Drei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, denen die Autorin noch einen Dreierchor depressiver Männer (Stephan Clemens, Roman Weltzien, Henry Klinder) hinzugesellt hat. Sie alle sind in einem diffusen Birkenwald gestrandet, der sich unscharf auf einem durchsichtigen Gazevorhang abzeichnet, und wissen nicht mehr weiter. Dushe nennt das Ganze dann auch „Eine Bühnenelegie für drei Schauspielerinnen und einen Männerchor von drei Stimmen“.

 

In einem dichten Birkenwald, Nebel am Landestheater Detmold - Foto (c) Landestheater/Schomburg

In einem dichten Birkenwald, Nebel
Foto (c) Landestheater/Schomburg

 

Besagter Chor äußert sich dann auch zunächst recht larmoyant über zunehmende Müdigkeit und ein sich auflösendes Leben. Die Männer sind vom Regisseur in weiße Brautkleider gesteckt worden, während zunächst das sogenannte schwache Geschlecht die Hosen an hat und infolge Beziehungskonflikte mit einem imaginären männlichen Partner ausficht. Während die Männer Stresssyndrome beschreiben und hinter dem Vorhang symbolisch Stühle mit der Axt zertrümmern, geht vorn eine Beziehung an banal erscheinenden Alltagsproblemen und gegenseitigen Vorwürfen in die Brüche. Wie klassische TragödInnen werden alle von inneren Teufeln und Dämonen verfolgt oder Vergleiche wie Hölle und Fegefeuer als persönliche Zustandsbeschreibungen bemüht.

Wie eine sehnsüchtige Ode an die Schönheit der Natur wird immer wieder „Wie schön bist du, freundliche Stille, himmlische Ruh‘!“ gesungen. Gegen den Klagechor der ProtagonistInnen über ein sich nicht einstellen wollendes Glück setzt Henriette Dushe Adolf Krummachers Gedicht Die Nacht in der Vertonung von Franz Schubert und den dichten Birkenwald als Metapher für die Vollkommenheit der Schöpfung. Der Mensch scheitert an den Gegebenheiten des alltäglichen Lebens. Im Unvermögen darüber zu sprechen und konstruktiv miteinander zu streiten, zeigt sich die Müdigkeit einer Generation, die an ihren hehren Zielen und Idealen gescheitert ist. Unzufriedenheit, Burnout-Syndrom und Depressionen sind Ausdruck und Folge der Schnelllebigkeit unserer heutigen Gesellschaft.

Träume zerplatzen wie die an der Decke hängenden Glühbirnen, Kompromisse verhindern die Souveränität und Emanzipation des Individuums. Geschlechterspezifische und typische Ost-West-Konflikte bringt Dushe noch zusätzlich ins Spiel. Wie die Kostüme wechseln im Lauf des Abends die Identitäten, je tiefer man sich ins aussichtslos zerstörte Beziehungsgeflecht verstrickt. Frauen und Männer nehmen schließlich bildlich gesehen ihre vorbestimmten Rollen wieder ein. Der Konflikt verebbt in völliger Lähmung. Eine der Frauen hängt hinter der Bühnentür am Strick. Letzte Ausfahrt Tod. So düster-melancholisch der Text auch klingen mag, eine Umkehr scheint möglich und geboten.

***

IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL (DT-Box, 22.06.2016)
Regie und Ausstattung: Malte Kreutzfeldt
Dramaturgie: Christian Katzschmann
Besetzung:
Marie Luisa Kerkhoff (Weder noch)
Heidrun Schweda (Ältere)
Karoline Stegemann (Junge)
Stephan Clemens (Mann 1)
Roman Weltzien (Mann 2)
Henry Klinder (Mann 3)
Uraufführung am Landestheater Detmold: 15. Januar 2016
Gastspiel des Landestheaters Detmold zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.landestheater-detmold.de

 

Zuerst erschienen am 25.06.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Ein sanfter Schuss im Haus der Berliner Festspiele und ein mächtiger Paukenschlag in der Berliner Theaterlandschaft – Mit Martin Wuttke als „Platonov“ endet das Theatertreffen 2012 und mit Shermin Langhoff als neue Intendantin am Maxim Gorki Theater beginnt der postmigrantische Alltag im deutschen Stadttheater

Dienstag, Mai 29th, 2012

Foto: St. B. theatertreffen-2012.jpg

Der letzte Schuss des Berliner Theatertreffens 2012 hatte sich am vergangenen Montag im Saal des Festspielhauses an der Schaperstraße noch nicht gelöst, da schlug schon eine unglaubliche Nachricht wie eine Bombe bei den Theaterinteressierten ein. Bereits am Nachmittag war das von der Berliner Kulturpolitik lang gehütete Geheimnis über die Neubesetzung des Intendantenpostens des Maxim Gorki Theaters mit einem großen Paukenschlag gelüftet worden. Die eigentlich ab 2014 von den Wiener Festwochen als Doppelspitze zusammen mit Markus Hinterhäuser engagierte Shermin Langhoff wird nun im Doppelpack mit dem Dramaturgen Jens Hillje, der bereits mit Nurkan Erpulat an Langhoffs Ballhaus Naunynstraße zusammengearbeitet hatte und mit „Verrücktes Blut“ zum Theatertreffen 2011 eingeladen war, ab der Spielzeit 2013/14 das Haus am Berliner Festungsgraben leiten. Wow, das hatte gesessen, denn damit dürfte wohl kaum jemand wirklich gerechnet haben. Doch bevor sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer in der Berliner Presselandschaft verbreiten würde, galt es noch fünf Stunden Tschechow vom Akademietheater der Wiener Burg abzusitzen. Der lettische Regisseur Alvis Hermanis hatte mit dessen radikalem Frühwerk „Platonov“ vor ca. einem Jahr seine naturalistische Phase eingeläutet und sich dafür von der Kritik nicht nur Nettigkeiten anhören müssen. Von Publikumsfolter, Verbrechen und Langeweile war gar die Rede. Andere waren von Hermanis „Hyperrealismus“ geradezu begeistert und bescheinigten der Inszenierung trotz ihres konsequenten Traditionalismus sogar eine gewisse Modernität. Da in diesem Jahr Ambivalenz der Theatertreffen-Jury fast schon als sicherstes Auswahlkriterium galt, passte die Inszenierung natürlich bestens ins Programm.

Auf der Bühne (Monika Pormale) ist das Landhaus der Generalin Vojniceva mit Salon, Esszimmer und einer Veranda, die in einen Garten mit Birken führt, historisch detailgetreu nachgestellt. Es tickt die Wanduhr, zwitschern Vögel und zirpen die Grillen. Man spielt Dame, liest seitenraschelnd Zeitung und schwatzt mit- und übereinander, vorzugsweise in seinen Bart oder meistens möglichst vom Publikum weg. Dies scheint für die Schauspieler auch gar nicht vorhanden zu sein. Sie bewegen sich im Verlauf des Stückes in den verschieden Bereichen des Bühnenbilds und sprechen ihre Dialoge ohne Rücksicht auf Verständlichkeit, was sie im Esszimmer sogar zu einem murmelnden Hintergrundgeräusch werden lässt. Hermanis schafft tatsächlich eine fast authentische Alltagssituation in den Zeiten des zaristischen Russlands, inklusive Kostümen und passendem Interieur. Für sein Experiment scheint diese 1880 geschriebene Komödie in vier Akten auch bestens geeignet, hat der junge Tschechow doch hier ausführlich die typische Beschäftigung des damaligen Landadels bis ins Detail beschrieben. Die komplette Aufführungsdauer würde fast acht Stunden betragen. Hermanis hat, sicher auch um das Bühnenbild nicht wechseln zu müssen und somit jede Andeutung von künstlicher Theaterhaftigkeit zu vermeiden, das Geschehen auf die Szenen in und um das Haus beschränkt und den Ablauf der Handlung auf einen Abend, die Nacht und den darauffolgenden Morgen verdichtet. Das funktioniert Dank einer ausgeklügelten Lichttechnik und einer bestechend genauen Dramaturgie fast ohne auffallende Brüche. Lediglich das Absenken eines schwarzen Vorhangs verdeutlicht kurze Zeitsprünge in den einzelnen Akten.

Foto: St. B. wien_akademietheater-juni-2011-75.JPG „Platonov“ im Akademietheater Wien (Juni 2011)

Es ist alles bereits enthalten, was Tschechow später berühmt machen wird, nur sehr viel radikaler, wuchtiger, ungeschliffener. Es geht um den nutzlosen, verschuldeten Landadel ohne Antrieb, lauter Schmarotzer, sich selbst auffressend. Unter ihnen der Dorfschullehrer Platonov (Martin Wuttke), der bereits mit 29 seine Zeit des Sturm und Drangs hinter sich gelassen hat und zum Zyniker geworden ist. Aus lauter Langeweile gibt er den Don Juan und ist doch eher ein Hamlet, den die Zweifel und der Alkohol zerstören. Er weiß das und trotzdem ist die dekadente Salongesellschaft der Vojnicewa das Einzigste, was ihn noch am Leben hält. Hier sind alle bereits wesentlich älter und noch gelangweilter als bei Tschechow, Hermanis hat ihnen zwanzig Jahre mehr angehängt, und Wuttke spielt diese zynische Abgeklärtheit erst in allen Facetten aus, bis er schließlich zum Häufchen Elend gerinnt und die letzte Courage fahren lässt. Die Frauen, allen voran Dörte Lyssewski als resolute Generalin, Johanna Wokalek als schwärmerische Sofja, Platonovs Geliebte und Frau des Sohns der Generalin, Yohanna Schwertfeger als junge emotionale Marja, die Platonov liebt, von ihm aber nur geneckt wird und schließlich Sylvie Rohrer als Platonovs naive aber feinfühlige Frau Sascha, sie alle scheitern an Platonov und sind ihm doch an Lebenslust und Leidenschaft überlegen. Die Männer dagegen sind eitle, verlogene Poser wie die jungen Vojnicev und Glagoljev (Philipp Hauß und Dietmar König), moralisieren wie der alte Glagoljev (Peter Simonischek) oder schwadronieren wie der Arzt Trileckij (Martin Reinke), sind geldgierig wie Petrin (Franz J. Csencsits) und verachten den reichen Juden Abram Abramovic (Michael König). Noch erbärmlicher oder auch sentimental sind sie nur noch im Suff. Für einen herrlich langen Couch-Slapstick, lässt Hermanis den volltrunkenen Platonov mit dem jungen Isaak Abramovic (Fabian Krüger) zusammenprallen, der im Rausch seinen ganzen Stolz fahren lässt und Platonov seine Liebe zur Generalin gesteht und ihm sein Leid klagt, als Jude und Mann nicht anerkannt zu sein.

Man könnte sich natürlich fragen, was gehen mich diese fehlgeleiteten und unentschlossenen Menschen da vorne an, die an ihrem Leiden kaputt gehen und einer Sehnsucht nachhängen, dem Leben etwas mehr an Bedeutsamkeit zu geben und dabei doch immer nur sich selbst meinen. Eigentlich sehr viel sogar, indem Hermanis sie einfach agieren lässt, nichts hineindeutelt und so ganz ungekünstelt wirkende Charaktere erschafft, sind sie uns vielleicht näher, als die abstrakt verfremdeten oder mit jeder Menge Bedeutungskontexten aufgeladenen Figuren des Regietheaters von Karin Henkel, Lukas Langhoff oder sogar Nikolas Stemann. Dass sie sich nicht vordergründig in die Wahrnehmung des Zuschauers drängen, ist Distanz genug, um sich nicht völlig kritiklos in sie hinein zu fühlen, nicht mit ihnen leiden zu müssen, sondern ihr Handeln um so klarer reflektieren zu können. Bei meinem ersten Besuch der Inszenierung im letzten Juni in Wien habe ich noch angestrengt versucht alles zu erfassen und zu verstehen. Aber im Wissen, dass das hier gar nicht notwendig ist, kann man sich eigentlich entspannt zurücklehnen und das mal mehr und minder muntere Treiben wirklich genießen. Auch oder vor allem wegen der hervorragenden Schauspieler ist dies eine bemerkenswerte Aufführung. Und in Hermanis` komprimierter, hochkonzentrierter Form wird dieser „Platonov“ zum Erlebnis. Ja, so schön kann Theater auch sein, so einfach und doch schwierig zugleich. Es ist das sicher keine zukunftsweisende Leistung wie Stemanns „Faust-Projekt“, aber es ist eine andere Möglichkeit Klassiker im alten Gewand wieder ganz neu zu entdecken.

wien_platonov_juni-2011.JPG Foto: St. B.
„Platonov“ im Akademietheater Wien (Juni 2011)

***

Es ist viel geunkt worden, dass Berlin das Theatertreffen dominieren würde. Tatsache ist, dass zwar fünf der zehn eingeladenen Produktionen aus Berlin kommen bzw. von Berliner Theatern mit produziert wurden, dabei aber doch eher dem allgemeinen Trend folgend, durch internationale Theaterfestivals kofinanziert sind. Besonders Longplayer wie „Faus I+II“ und „John Gabriel Borkman“ wären wohl sonst kaum zu realisieren gewesen. Das sich das Theatertreffen diesen internationalen Projekten geöffnet hat, trägt den veränderten Produktionsbedingungen und neuen Finanzierungsmodellen der Theater Rechnung und ist auch ein weiterer Schritt in Richtung Öffnung zur freien Szene, die längst international vernetzt agiert. Umso bedeutender ist es, dass neben der Belgierin Annemie Vanackere, die im September das HAU des scheidenden Geschäftsführers Matthias Lilienthal übernimmt, nun ein weiteres Berliner Theater sich in der Leitung entsprechend neu orientiert. Am 22.05.12 präsentierte Berlins Kulturstaatsekretär André Schmitz auf einer Pressekonferenz das neue Identanteteam für das Maxim Gorki Theater. Trotzdem die Theatertreffen-Jury Nicolas Stemanns Faust-Produktion als herausragende Leistung mit dem 3sat-Preis würdigte, werden nicht er, sondern Shermin Langhoff und Jens Hillje ab 2014 das kleinste der fünf Berliner Stadttheater leiten. Ob das letztendlich allein eine Frage des Geldes war, tritt angesichts des Enthusiasmus mit dem Schmitz in der „Zeit“ den Wandel in der Leitung der Berliner Kulturinstitutionen durch quotengesteuerte Diversität propagiert, vollkommen in den Hintergrund.

Das wird Shermin Langhoff aber hoffentlich nicht weiter tangieren, bei der Planung ihrer ersten Spielzeit am Maxim Gorki Theater, die im Herbst 2013 beginnen wird. Die Herausforderung liegt hier eher in der Bildung des ersten interkulturellen Stadttheaterensembles in Berlin, dem vorwiegend Schauspieler mit Migrationshintergrund angehören sollen, die dann Theater in einem Umfeld mit einem Publikum machen, dass aus einem vorherrschend deutsch bzw. westlich geprägtem Bildungsbürgertum besteht. Eine dauerhafte Akzeptanz wird sich letztendlich nicht allein mit ausschließlich migrationsbestimmten Themen erreichen lassen. Shermin Langhoff ist daher auch gut beraten, den Kontakt zum scheidenden Intendanten Armin Petras nicht abreißen zu lassen. An sein Konzept des „Gegenwarts-, Ensemble- und Autorentheaters“ soll angeknüpft und Petras sowie Jungstar Antú Romero Nunes als Gastregisseure gehalten werden. Weiter will Langhoff auf ihre Verbindungen zur interkulturellen Szene bauen, die bereits am Ballhaus Naunynstraße einige Erfolge erzielen konnte und die freie Szene in ihre Planungen mit einbeziehen. All das wird nötig sein, um nicht nur als große Filiale der Kreuzberger Naunynstraße in Mitte dazustehen und auch nicht als kostengünstigere Variante zu Nikolas Stemanns Experimentiertheatergedanken zu gelten, dessen Verpflichtung für eine Intendanz am zu engen Budget des Gorki Theaters gescheitert war. Der Migrant wird noch oft genug nur als Fremder oder als Exot wahrgenommen, dies nachhaltig zu ändern ist die große Chance von Shermin Langhoffs Intendanz. Und wir können alle mit dabei sein, um zu sehen, wie sich das auf die gesamte Theaterlandschaft und nicht nur auf den Kiez auswirkt, wie ein Stück gelebte kulturelle Vielfalt ganz selbstverständlich in die Berliner Mitte einzieht, mit all ihren noch bestehenden Problemen versteht sich.

Shermin Langhoff shermin-langhoff.jpg auf einer Podiumsdiskussion der Heinrich-Böll-Stiftung über Integration, Chancengerechtigkeit und Teilhabe in Deutschland – Foto: Stephan Röhl, unter CC-Lizens der Heinrich-Böll-Stiftung (flickr.com)

Wie das aussehen könnte, hat geradeerst beim Berliner Theatertreffen Langhoffs Gatte Lukas Langhoff gezeigt. In seiner Version von Ibsens „Ein Volksfeind“ gibt der schwarze Schauspieler Falilou Seck vom Bonner Theaterensemble den Badearzt Dr. Stockmann zwischen allgemeinem Anpassungsdruck und eigenem übertriebenem Integrationswillen. Dabei rennt er vergeblich gegen Ignoranz, Opportunismus und den alltäglichen Rassismus seiner Mitmenschen an und steigert sich schließlich in den bei Ibsen mit harschen Worten gegen die moralisch verrottete Mehrheit beschriebenen Größenwahn eines einsamen Individualisten. Für die Identitätsprobleme eines Migranten in der weiß dominierten Welt findet Lukas Langhoff immer wieder knalligen Bildern, wie z.B. einen überdimensionalen weißen Styroporfuß, vor dem sein Protagonist ehrfürchtig in die Knie geht, aber beim Versuch ihn zu erklimmen, letztlich nur abrutschen kann. Das Falilou Seck hier zu Beginn noch Heiner Müllers Texte aus „Landschaft mit Argonauten“ zitieren („Ich wer / Von wem ist die Rede wenn / Von mir die Rede geht…) und dabei den schwarzen Klischee-Entertainer mimen muss, stößt aber ebenso ungut auf, wie das Chargenhafte der weißen Gegenspieler, kabarettartig dargebrachte Gegenwartsbezüge oder die FDJ-Singebewegungs-Parodie mit der Stockmanns Tochter das Publikum zum Mitsingen animieren will. Das eigentliche Thema, um das es bei Ibsen geht, der Besitz der Wahrheit und das Verhältnis Mehrheit gegen Minderheit, wird hier ziemlich simpel als Diskriminierung von Minderheiten gedeutet, viel mehr kommt aber nicht. Das unsägliche Gefasel Stockmanns von „freien vornehmen Männern“ ist zwar gestrichen und den altruistischen, unpolitischen Kapitän Horster lässt Langhoff gleich ganz weg, er würde auch nicht ins Regiekonzept passen. Das trotzige Ende, bei dem sich die Familie auf eine DDR-Fahne setzt und Peter Lichts „Lied vom Ende des Kapitalismus“ singt, wirkt dann aber leider wieder etwas eindimensional. Das Alles ist über die Dauer von zwei Stunden nur enervierendes Politkabarett, dass uns Lukas Langhoff wie so oft mit dem Holzhammer serviert.

Nun war das am Gorki Gezeigte in der letzten Zeit auch nicht gerade sehr subtil. Das für die 60. Spielzeit gewählte Motto „Plan Berlin – Geschichtsräume“ verlor sich mehr und mehr im reinen Erzähltheater, das nur brav einen Mythos an den anderen reihte. Besonders der sonst mit sicherem Gespür für Komik und unkonventionelle Schauspielführung agierende Milan Peschel enttäuschte mit seiner Dramatisierung des Kreuzberg-Romans von Sven Regener „Der kleine Bruder“. Die Vorgeschichte zum Bestseller „Herr Lehmann“, in welcher der später so genannte Protagonist (Paul Schröder) auf der Suche nach seinem Bruder in die abgedrehte Künstlerszene der 80er Jahre in Kreuzberg gerät und schließlich seine wahre Bestimmung erfährt, verkam nach vielversprechendem Beginn trotz vorwiegend guter Schauspielleistungen (u.a. Ronald Kukulies, Peter Kurth, Holger Stockhaus, Regine Zimmermann und Michael Klammer) zur Typenparade und Endlosparodie auf die gängigen Kreuzbergklischees einer längst verschwundenen Künstlerboheme. Einen weiteren Genie-Streich wie „Sein oder Nichtsein“ wird es wohl von Milan Peschel am Gorki Theater nicht mehr geben. Er hat sich jedenfalls für die nächste Spielzeit bereits umorientiert und will nun am Deutschen Theater Berlin mit „Juno und der Pfau“ von Sean O’Casey künstlerisch reüssieren.

maxim-gorki-theater-3.jpg Foto: St. B.
Maxim Gorki Theater. Hier soll ab der Spielzeit 2013/14 das erste interkulturelle Schauspielensemble Berlins auftreten.

Zu Robert Borkmanns Zerschredderung des DDR-Klassikers „Die Legende vom Glück ohne Ende“ von Ulrich Plenzdorf muss man nicht mehr all zu viele Worte verlieren. Die Liebesgeschichte von Paul (Thomas Lawinky) und Paula (Julischka Eichel) gegen alle Konventionen, tritt bei Borkmann hinter eine selbstreferentielle DDR-Abrechnung mit Stasi, Autoritäts- und Anpassungsdruck zurück. Es bleiben nur ein paar alberne Regieeinfälle, ein Paul im Clownskostüm und das resignative Gefühl, das hier nicht konsequent zu Ende gedacht wurde. Daran konnte auch eine tolle Soloeinlage von Albrecht Abraham Schuch als Hilfsschüler Abl aus der Plenzdorf-Erzählung „Kein runter kein fern“ nicht mehr viel ändern. Das war mit Sicherheit der Tiefpunkt der sonst sehr ausgewogenen Spielzeit am Gorki, die aber vor allem durch die unerwartete Meldung des Weggangs von Intendant Petras im nächsten Jahr nach Stuttgart, den damit aufgezeigten Finanzierungsproblemen und die viel zu lange Suche nach einem Nachfolger gekennzeichnet war. Ob das ernsthafte Auswirkungen auf die letzte Spielzeit von Armin Petras am Gorki Theater haben wird, kann erst nach der Bekanntgabe des neuen Spielplans gesagt werden. Man wird Shermin Langhoff im Jahr darauf auch besonders daran messen, ob sie die eingefahrenen Strukturen des Stadttheaters aufzubrechen vermag, um damit die notwendig neuen künstlerischen Akzente am Maxim Gorki Theater setzen zu können.

***

Vorbei! Ein dummes Wort. Warum vorbei?
Vorbei und reines Nichts: Vollkommnes Einerlei!
Was soll uns denn das ewge Schaffen?
Geschaffenes zu Nichts hinwegzuraffen?
„Da ists vorbei!“ Was ist daran zu lesen?
Es ist so gut, als wär es nicht gewesen.

 J. W. Goethe, Mephisto, Faus II, V, Großer Vorhof des Palasts

Foto: St. B. theatertreffem-2012.jpg

 _________