Archive for the ‘Theater in der Parkaue’ Category

Zweimal Brecht zur Abendunterhaltung (Teil 2) – „Herr Puntila und sein Knecht Matti” am Staatsschauspiel Dresden

Donnerstag, April 19th, 2012

„Seit jeher ist es das Geschäft des Theaters wie aller andern Künste auch, die Leute zu unterhalten. Dieses Geschäft verleiht ihm immer seine besondere Würde; es benötigt keinen anderen Ausweis als den Spaß, diesen freilich unbedingt.“ Bertolt Brecht aus „Kleines Organon für das Theater“ (1948)

Diese Feststellung Brechts lässt sich natürlich auch auf seine eigenen Stücke anwenden, allerdings sollte das sicher nicht als Freibrief dafür verstanden werden, dem „Unternehmen, das Abendunterhaltung verkauft“ Vorschub zu leisten oder gar nur dem reinen Klamauk zu frönen. Bertolt Brecht sah in seinem Volksstück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ eine gesellschaftliche Komödie, und eben nicht nur das „Ewig Komische“ eines Clownsturzes, der sein gesellschaftliches Element an das schlechthin Biologische verloren hat. „Für Stücke wie den ,Puntila’ wird man nicht allzu viel in der Rumpelkammer des ,Ewig Komischen’ finden.“ Es ist eher das Maßlose eines Baal gepaart mit dem satten Weltschmerz eines Mauler und das Naive einer Johanna mit dem Bauernschlauen eines Schwejk oder einer Courage, was die Figuren des Stücks auszeichnet. „Die Schauspieler, die ,Herr Puntila und sein Knecht Matti’ spielen, müssen die Komik aus der heutigen Klassensituation ziehen, selbst wenn dann die Mitglieder der oder jener Klasse nicht lachen.“ (Bertolt Brecht „Das gesellschaftlich Komische“ in Theaterarbeit 1947-1956) Das Komische, das aus der leuteseligen Art des besoffenen Puntila und den trockenen Reaktionen seines Chauffeurs Matti resultiert, verkrampft zusehends und schlägt schließlich bei Puntila in Katerstimmung und bei Matti in einen finsteren Zorn um. Die Ballance zwischen der reinen Komödie und dem antagonistischen Aufbrechen des symbiotischen Verhältnisses Herr und Knecht ist schwer zu halten. Aber gerade darin liegt die eigentliche Fallhöhe des Stücks, die aus dem Schenkelklopfen erst ein wissendes Lachen des sich Erkennenden macht, auf die Gefahr hin, dass es ihm im Halse stecken bleibt.

dresden_staatsschauspiel_puntila-1.jpg Foto: St. B.
Herr Puntila und sein Knecht Matti am Staatsschauspiel Dresden

Am Schauspiel Köln hat Herbert Fritsch bereits im Januar aus dem Puntila eine Slapstickkomödie und aberwitzig grellbunte Revue gemacht, wie man es schon aus seinen früheren Arbeiten her kennt. Leider setzten ihm hier erstmals auch die Erben Grenzen, die für Fritsch bis dato kein Thema waren. Die Puntila-Inszenierung von Stückekomprimierer Michael Thalheimer dagegen kommt schroff daher und mit stark reduzierter Komik aus. Thalheimer setzt ganz auf die Wucht seines Puntiladarstellers Norman Hacker. Ein Vieh von einem manisch Depressiven, der sich erst im Suff wirklich lebendig fühlt. Zum Nüchternwerden prasseln ganze Sturzbäche von Wasser immer wieder auf ihn nieder. Dagegen steht der Matti von Andreas Döhler mitten im Leben und weiß genau, wie er die menschelnden Anwandlungen seines Herrn zu nehmen hat. Eine wüste, zornige Inszenierung, die auf jegliche naturalistische Landschaftselemente und Pathos verzichten kann. Die Inszenierung des Thalia Theaters in Hamburg von 2009 ist vom Deutschen Theater in Berlin unter Ulrich Khuon übernommen worden. Eine wirklich kluge Entscheidung. Regisseurin Barbara Bürg hat sich nun in ihrer Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden nicht wirklich für die eine oder andere Seite entscheiden können und laviert sich instinktiv sicher durch eine mit heutigen Bezügen leicht satirisch aufgepeppte Klamotte. Etwas Revueartiges hat die Inszenierung aber auch. Am Klavier sitzt den ganzen Abend der Musiker Sven Kaiser und spielt alles mögliche vom Schlager bis zu Paul Dessau. Der Chor der Puntila-Verlobten (Anna-Katharina Muck, Holger Hübner, Matthias Luckey und Ines Marie Westernströer) tritt als gemischte Doppel auf und gibt den Queenklassiker „Bohemian Rhapsody“ zum Besten.

Auch in Dresden steht und fällt die Inszenierung mit den Darstellern des ungleichen aneinandergeketteten Paars Puntila und Matti. Thorsten Ranft ist ein kleiner quirliger Springteufel, der ganz gut die zwei Seiten des Puntila verkörpert, dabei aber immer wieder etwas zu sehr ins sympathisch Slapstickhafte abdriftet. Dagegen ist Knecht Matti bei Ahmad Mesgarha eher zurückgenommen, und mit einem sonnigen Gemüt ausgestattet, erträgt er geduldig die Launen seines Herrn. Nicht ganz ohne den nötigen Witz, vermag er aber immer wieder die Verwirrungen, die Puntila im Suff stiftet, zu lösen. Für einige Zuschauer im Publikum wird der Gesindemarkt sogar zur großen Herausforderung, sucht sich doch Thorsten Ranft seine Waldarbeiter direkt aus den ersten Reihen des Parketts aus. Der rote Sukkala (Martin Schmitz) baut dann auch gleich mitten auf der Bühne sein Zelt auf, bis er von Matti wieder von der Bühne gezerrt wird, um dem ernüchterten Puntila nicht unter die Augen zu geraten. So reit sich eine Nummer an die nächste und sorgt für reichlich Belustigung im Publikum. Ernste Töne gibt es höchstens wenn die Schmuggleremma (Anna-Katharina Muck) ihre „Finnische Erzählung“ von der Mutter des eingesperrten Athi erzählt, die achtzig Kilometer zu ihrem Sohn ins Lager fährt, mit einem gebettelten Fisch und einem Pfund Butter, die dieser aus Stolz nicht annehmen will. Brechts Gesellschaftskritik wird ansonsten mit viel Ironie überspielt oder mit großen Werbetafeln ausplakatiert. Das Theater stellt sich hier genüsslich selbst als  Kommerzmaschine dar, als eine Genussware, für die man mit seinem  Eintrittsgeld auch bezahlt hat.

Foto: St. B. dresden_staatsschauspiel.jpg Staatsschauspiel Dresden

Als wahrer Glücksgriff erweist sich aber die Besetzung von Puntilas Tochter Eva mit der noch vom Maxim Gorki Theater Berlin bekannten Rosa Enskat. Sie gibt hier eine durchaus ebenbürtige Partnerin ab, die mit Matti nicht nur eine urkomische Saunaszene hat und ansonsten sich gut des aalglatten, waschlappigen Attachés (Benjamin Pauquet) zu erwähren weiß. Die Hochzeitsszene, in der der wieder besoffene Puntila den Attaché aus dem Haus wirft und seine Tochter lieber „einem Menschen“ verloben will, spielt vor einem kleinen Glitzervorhang als Sinnbild der gespielten Maskenhaftigkeit der Hochzeitsgäste. Der provozierte Eklat kann niemanden so richtig aus der Ruhe bringen. Die anschließende Examinierung Evas durch Matti lässt Barbara Bürk von Eva selbst sprechen, die bereits die Unmöglichkeit ihrer Beziehung zu Matti als reine Laune erkannt hat und doch nicht wahr haben will. Matti ist da eher prakmatisch und weiß sich beim Stubenmädchen Fina (Ines Marie Westernströer) zu trösten. Ahmad Mesgarhas Matti ist hier aber einfach einen Tick zu gutmütig angelegt. Er lässt den ganz großen Zorn des Hatelmabergbauens vermissen. Das findet nur noch in der reinen Imagination statt. Das Mobiliar bleibt beim letzten großen Besäufnis Puntilas ganz. Der Abgang Mattis erfolgt dann auch eher resignativ und der Herr Puntila tapert mit heruntergelassener Hose seinem Knecht hinterher. Da haben sich zwei gefunden, die noch lange nicht von einander lassen können. Alles in Allem ein ganz passabler, unterhaltsamer Abend, den Barbara Bürk da auf die Dresdener Bühne gestellt hat, der aber leider nicht so recht Stellung zur Alltagsfrage: „Wer wen?“ beziehen will.

„Das Theater darf nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums befriedigt, sondern danach, ob es sie zu ändern vermag.“ Bertolt Brecht aus „Über Politik auf dem Theater“

Termine Staatsschauspiel Dresden:

  • 21.04.2012, 19:30 Uhr – 21:15 Uhr
  • 25.04.2012, 19:30 Uhr – 21:15 Uhr
  • 15.05.2012, 19:30 Uhr – 21:30 Uhr
  • 22.05.2012, 19.30 Uhr – 21:30 Uhr
  • 27.05.2012, 19:00 Uhr – 21:00 Uhr

Termine Deutsches Theater Berlin:

  • 02.05.2012, 19.30 Uhr – 21.10 Uhr

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Zweimal Brecht zur Abendunterhaltung – „Leben des Galilei“ an der Berliner Parkaue und „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ am Staatsschauspiel Dresden (1)

Mittwoch, März 28th, 2012

Bertolt Brechts „Leben des Galilei im Theater an der Parkaue – Eine Inszenierung von Kay Wuschek in Koproduktion mit dem Volkstheater Rostock

In seinem 1938/39 im dänischen Exil geschriebene Theaterstück „Leben des Galilei“ beschäftigte sich Bertolt Brecht mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und seinen Auswirkungen auf den Menschen. Er benutzt dazu die historische Figur des italienischen Naturwissenschaftlers Galileo Galilei (1564 – 1642), der mit seinen Forschungen das kopernikanische Weltbild beweisen will. Der eigentlich gläubige Galilei scheitert mit seinen Reformbemühungen am Dogma der katholischen Kirche, die aus Gründen des Machterhalts am ptolemäische Weltbild festhält, und muss widerrufen. Das von Brecht selbst als episch bezeichnete Stück ist eine Aneinanderreihung von langen Dialogpassagen, die wiederum von erklärenden Monologen durchzogen werden. Die Inszenierung im Theater an der Parkaue muss hier nun junge Menschen ab 15 Jahren bedienen und deren Aufmerksamkeit über 2 ½ Stunden aufrecht erhalten, ohne dass die Kids irgendwann wieder zu ihren Smartphones greifen oder sich anderweitig selbst belustigen.

theater-in-der-parkaue.JPG Foto: St. B.
Theater an der Parkaue – Junges Staatstheater Berlin

Dieser Herausforderung hat sich nun Regisseur Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue, in einer Zusammenarbeit mit dem Volkstheater Rostock gestellt. Die Hauptrolle übernahm dabei der in Rostock engagierte Schauspieler Jakob Kraze. Seine Darstellung des Galilei zwischen erklärendem Peter Lustig, Didi Hallervordenwuseligkeit und Luftgitarre spielendem Ostrocker Lutz Kerschowski (Langhaarkranz) – kein Mensch unter 40 wird den mehr kennen – ist schon etwas gewöhnungsbedürftig. Der Lebemann, und allzu menschliche Wissenschaftler Galilei, der sich nicht einfach nur plump ans Volk ranwanzt, sondern von Brecht bewusst diese volksnahen Züge bekommt, wirkt hier etwas zu kumpelig und bauernschlau, ein nicht erwachsen gewordener Altachtundsechziger mit Rockerattitüde. Das versteht heute auch kein junger Mensch mehr und der ständig aufgekra(t)zte Jakob Kraze nervt tatsächlich auf Dauer etwas. Dazu kommt noch, dass Wuschek die Musik von Hanns Eisler in den Hintergrund drängt und weitestgehend durch Showeinlagen der Darsteller ersetzt.

Machtpolitiker gegen Wissenschaftler, dass ist heute nicht mehr die eigentliche Frage, Lobbyismus, Interessenskonflikte und Opportunismus schon. Die bekannten Brechtzitate werden hier mit Ausrufezeichen ins Publikum geschleudert. „“Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß, und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ oder nach dem Widerruf Galileis, Andrea: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat.“ Galilei: „“Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Erst ganz zum Ende werden die Töne leiser und im Schlussgespräch zwischen Andrea (Michael Ruchter) und Galilei kommt es zum Nachdenken über die Zusammenhänge von Vernunft, Wissenschaft und Verantwortung, ein Zusatz Brechts nach dem Abwurf der Atombombe in Hiroshima. Das verpufft aber nach der ganzen Lustigkeit des Abends etwas und die meisten Jugendlichen waren da wohl eh schon wieder in ihre Facebookseiten vertieft. Es verpufft auch das Zitatduell zwischen den Kardinälen (Alexander Flache und Peer Roggendorf) und Galilei in einer albernen Saunaszene, an der nur die entblößten Leiber für Aufsehen im jugendlichen Publikum sorgen.

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Vernunft und Verantwortung des Wissenschaftlers

Regisseur Kay Wuschek bleibt sehr nah an Brechts Text, kann aber nichts wirklich Aktuelles hinzufügen, außer Zitatsplitter zu Guttenberg, wohl ein Anspielung auf das geguttenbergte holländische Fernrohr, oder was sollte uns das sagen? Vermutlich zielt das eher auf den Satz Andreas: „“Die Wissenschaft kennt nur ein Gebot: den wissenschaftlichen Beitrag.“ Galilei beklagt ja auch den fehlenden wissenschaftlichen Ehrenkodex, an dem es zumindest einigen Politikern heute auch mangeln dürfte. Das würde sich dann aber etwas vom Brecht’schen Gedanken entfernen, der die unmittelbare Verantwortung des Wissenschaftlers für seine Forschung in der Vordergrund stellt. Bleibt noch die Frage, die heute genauso akut ist wie zur damaligen Zeit, wie komme ich als Wissenschaftler an die nötigen Forschungsgelder und wo liegt heute der greifbare Nutzen der Wissenschaft? Zumindest für angehende Studierende nicht ganz unwichtig. Das Verhältnis des Nutzens von Geistes- zu Naturwissenschaften dürfte sich so gut wie umgekehrt haben, was die Grundproblematik der Finanzierung von Forschung aber nicht verändert, nur das immer mehr an den immer kleiner werdenden Pfründen partizipieren wollen und dabei in der Privatwirtschaft die größeren Drittmittel einzuwerben sind. All das thematisiert die Inszenierung nicht, man könnte die Jugend ruhig etwas mehr fordern.

Wuschek versucht noch die Rolle der unterdrückten Tochter des berühmten Mannes etwas aufzuwerten. Virginia (Caroline Erdmann), die Galilei für etwas einfach gestrickt hält und daher gerne schnell verheiratet sehe. Mehr als eine alberne Girlie-Karikatur wird allerdings nicht daraus. Der Gegenwartsbezug zur Oberflächlichkeit mancher junger Frauen unserer Tage trifft die Tragik der Figur nicht wirklich und angesprochen fühlt sich dadurch eh kaum jemand im Publikum. Der Akzent der Inszenierung müsste eigentlich auf die „neue Kunst des Zweifelns“ gelegt werden. Die von Brecht eingezogenen epischen Reflexionsebenen, kommen hier eher zu kurz. Ein Nachdenken darüber befördert das nicht gerade. Es muss ja nicht gleich Adorno sein, aber in seiner „“Minima Moralia“ steht der schöne Satz: „“Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ Das ist die aktuelle Parallele zur Zeit und manche Parallelen treffen sich nicht erst im Unendlichen. Trotzdem ist der Abend, dank der guten Darsteller, alles in allem zumindest sehr unterhaltsam, was man in Berlin heute noch einmal erleben kann. Mindestziel also erreicht.

Wird fortgesetzt.

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nächste Vorstellungen:

  • 20.04. 2012, 19:30 Uhr, Theaterzelt Rostock

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