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Berlins digitale Theatervision: Der Impuls des Kulturstaatssekretärs Tim Renner in der Diskussion – Eine Nachbetrachtung zur Konferenz Theater und Netz 2015

Donnerstag, Mai 7th, 2015

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Bereits zum dritten Mal diskutierten an diesem Wochenende bei der Konferenz Theater und Netz in Berlin Journalisten, Blogger, Theatermacher und -enthusiasten in Workshops und Panels darüber, wie die vorwiegend noch analoge Bühnenkunst für das Internet fit gemacht werden kann. Also wie kommt nun das Theater ins Netz? Die Frage lässt sich so einfach und erschöpfend nicht beantworten, stehen dabei doch immer auch rein künstlerisch ästhetische Aspekte neben wirtschaftlichen und rechtlichen Interessen, die es alle zu beachten gilt.

Tim Renners Version vom digitalen Theater - Foto: st. B.

Tim Renners Vision vom digitalen Theater – Foto: St. B.

Seit einiger Zeit hat der Berliner Senat nicht nur einen neuen Bürgermeister und Kultursenator, sondern auch einen neuen Staatssekretär für Kultur. Tim Renner, Quereinsteiger aus der Musikbranche, hat sich da einiges vorgenommen, was man durchaus als eine kleine Revolution in der Berliner Theaterlandschaft bezeichnen könnte. Neben der heiß diskutierten Umbesetzung der Volksbühnenintendanz, will Renner auch Impulse im digitalen Bereich setzen. Bereits zum Beginn seiner Amtszeit machte er sich für das sogenannte Livestreaming von Theateraufführungen im Netz stark. Ein weiterer Punkt neben dem schon vielerorts praktizierten Twittern aus der Vorstellung heraus.

Tim Renner 1

Tim Renner
Foto: St. B.

Frage: Bringt der Einbruch der digitalen Welt in die analoge des Theaters den Machern oder den Zuschauern neben dem „Yes, we can!“ auch noch andere nennenswerte Vorteile? Ersetzt der Livestream das Live-Theatererlebnis vor Ort, oder soll er nur den Appetit auf den eigentlichen Besuch einer Theateraufführung anregen? Wie könnten speziell für das Internet erzeugte Theaterformate aussehen? Vereinzelt gibt es diese ja auch schon. Der allseits bekannte Theaterberserker Herbert Fritsch ist mit seinem Internet-Projekt X-Hamlet Vorreiter für eine nachstrebende Genration von Netzkünstlern, wie sie nun nach Vorstellung von Tim Renner an der neuen Volksbühne ab 2017 etabliert werden sollen.

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Hier sei nun noch einmal an den Vortrag von Kulturstaatssekretär Tim Renner erinnert, der am 02.05.2015  in der Heinrich-Böll-Stiftung über Berlins digitale Theatervision sprach und sich anschließend noch einer Gesprächsrunde mit stellte. Auch das hatte sicher Potential für ein kleines Politikum.

Erstmal ist zu konstatieren, dass sich die „Visionen“ Renners nicht nur um den schon oft diskutierten Livestream drehen. Zwischen „Geht nicht, gibt’s nicht“ und „Alles streamen ist Quatsch“ könne das Theater doch ganz entspannt auf das Phänomen der Digitalisierung schauen, sagte der sichtlich entspannte Kulturstaatssekretär. Aber was das TV (hier im Besonderen der arte-Theaterkanal) nicht geschafft habe (wie er selbst einwirft), wird wohl auch das Streamen von Theateraufführungen nicht leisten können. Der spätere Kommentar aus dem Publikum, dass der Livestream doch jetzt schon out wäre, spricht da Bände. Renner ist dann auch schnell weiter im Text und beim Marketing für die Theater, sprich einheitlichen Online-Ticketsystemen, der Bedeutung für die kulturelle Bildung in den Schulen und der unbeschränkten Teilhabe für alle, die nicht ins Theater gehen könnten. Sogar das Außenministerium zeige Interesse an Kunst und Internet, zum Beispiel mit Livestreams aus Istanbul.

Diskussionsrunde mit Moderator Christian Römer (Heinrich-Böll-Stiftung), Tim Renner (Berliner Kulturstaatssekretär), Franziska Werner (Leiterin der Berliner Sophiensaele), Christian Holtzhauer (Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft) und Wolfgang Behrens (nachtkritik.de)

Diskussionsrunde mit Moderator Christian Römer (Heinrich-Böll-Stiftung), Tim Renner (Berliner Kulturstaatssekretär), Franziska Werner (Leiterin der Berliner Sophiensaele), Christian Holtzhauer (Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft) und Wolfgang Behrens (nachtkritik.de)
Foto: St. B.

Tim Renner gab sich zunächst ganz als geübter Medienrhetoriker und den Spielball für die digitalen Visionen auch gleich wieder an die Theater zurück. Auch hier also weiterhin Entspannung beim Staatssekretär. Sein Impuls ist: Zum Sammeln der Ideen und Vorschläge hat die Senatskulturverwaltung einen sogenannten Call for Ideas eingerichtet, eine Plattform die erstmal nur einen Namen hat, aber noch kein Geld für die Umsetzung des von den Theatern und anderen Berliner Kulturinstitutionen zu leistenden Inputs. Die Auswertung beginnt laut Renner nach dem 5. Juli. Den Rest des Vortrags erspare ich mir hier mal. Zur künstlerischen Ausrichtung der neuen Volksbühne unter Chris Dercon und deren geplanten digitalen Ausdrucksformen war außer dem Hinweis auf das Terminal plus, einer Studiobühne als digitalem Raum, nicht viel mehr zu erfahren.

Die Verblüffung unter den Panel-Teilnehmer auf dem Podium, ob der neuen Vision, die Berliner Theater digital nach vorn zu bringen, hielt sich dann auch eher in Grenzen. Zunächst natürlich Freude über den neuen, noch virtuellen Projekttopf bei der Leiterin der Sophiensaele. Irgendwas wird man damit schon anfangen können, denn Förderinstrumente erzeugen immer auch Nachfrage, und mit der Truppe Turbo Pascal ist man da ja schon bestens am Start. Es gab aber auch Bedenken von Seiten Wolfgang Behrens. Einen unbedingten Bedarf zur Förderung sieht er nicht, da hier vorrangig auch die Marketingabteilungen der Theater selbst zuständig wären. Und was letztendlich zur Initialzündung bei den Schulklassen führe, sei immer noch die physische Präsenz im Theater.

Es wurde dann noch viel in Anglizismen wie Performance Spaces, Live Journey, Open und Close Shops gesprochen, oder über die Monopolmacht von Twitter, YouTube und Facebook sinniert. Das digitales Theater aber mehr als nur eine Frau mit einem Laptop im leeren Raum (sozusagen die 2.0-Version von Peter Brooks Theatervision) ist, dürfte jedem klar sein. Auf das salbungsvolle Schlusswort Renners, dass die Förderung von Kultur eine entscheidende Investition in die Zukunft ist, wird man den Staatssekretär aber wohl in Zukunft auch festnageln. Was zunächst bleibt, ist der Spruch von den dicksten Eiern am Theater, was ein auflockernder Tiefschlag in Richtung der alten Patriarchen sein sollte, und zum echten „Renner“ unter den Twitterern des Kongresses wurde.

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Tim Renner_Besetzungsschild

Foto: St. B.

Der Beitrag ist im Rahmen des Bloggerspace auf dem Liveblog der Konferenz Theater und Netz erschienen.

Texte zu den Schwerpunkten der Konferenz „Theater und Netz. Vol. 3“ vom 2. und 3. Mai 2015 in Berlin stehen auf nachtkritik.de.

 

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Theater trifft Netz – Gemeinsam einsam? Claus Peymann (BE) im Gespräch mit Marina Weisband (Piratenpartei)

Samstag, Mai 11th, 2013

„Das Netz ist fast das Gegenteil, das ist eine diffuse Welt von Informationen, Bildern und Texten, die keinerlei Regie gehorcht, die auch keiner Ästhetik gehorcht, jedenfalls keiner persönlichen Ästhetik, keiner Handschrift eines Regisseurs oder einer Dramaturgin. Und es ist ein interaktives Medium, also Brechts Radiotheorie auf Highspeed.“
Ralf Fücks (Heinrich-Böll-Stiftung) zum Unterschied von Theater und Netz bei der Begrüßung am Eröffnungsabend der Konferenz Theater und Netz.

Theater trifft Netz. Netzpolitikerin Marina Weisband und BE-Intendant Claus Peymann im Gespräch über die Schnittpunkte von Theater und Internet. Moderation: Albert Eckert

Theater trifft Netz.
Netzpolitikerin Marina Weisband und BE-Intendant Claus Peymann im Gespräch über die Schnittpunkte von Theater und Internet. Moderation: Albert Eckert – Foto: St. B.

Zwei sichtlich gut gelaunte Diskutanten verständigten sich am Vorabend der vom Theaterportal nachtkritik.de organisierten Konferenz „Theater und Netz“ in der Heinrich-Böll-Stiftung eine gute Stunde lang über Schnittstellen zwischen Internet und Theater. Außer kleinen Seitenhieben von Claus Peymann an die „unwandelbare“ Kritikerschaft blieb die Runde weitestgehend moderat, wenn man mal von der Eigenart des BE-Intendanten absieht, längere Monologe a la früher war alles besser zu halten. Um sich richtig auf den Gegenüber einzustellen, wurden der alte Theaterhaudegen Peymann zur Netzkonferenz re:publica und die Netzpolitikern Marina Weisband (Piratenpatei) zum Theatertreffen geschickt. Bereitwillig gaben dann auch beide ihre Eindrücke wieder. Wobei sich Claus Peymann über die Leute wunderte, die auf der re:publica in Anzügen wie Vertreter auf den Bühnen säßen, die dort stage heißen, und fragte sich, wer die wohl bezahle. „Wer macht sein Geschäft mit dem Internet?“

„Internet ist das Kommunikationssystem der Einsamkeit.“

Claus Peymann

Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles

Claus Peymann, Intendant des Berliner EnsemblesFoto: St. B.

Für Marina Weisband hat Theater immer eine große Rolle gespielt. Schon als Kind hat sie selbst Theater gespielt. Das Theater diene als Rückzugraum für das emotionale und körperliche Erleben. Es ist der Sender, und der Empfänger Publikum könne seinerseits wieder zum Sender werden. Netzwerke bezeichnet sie als komplementäres Konzept für das Theater, als Orte für die Diskussion. Claus Peymann sieht sich dagegen als „heiliges Mammut“. Er sei ein Dinosaurier, der sein i-Phone nicht versteht und sich das Internet ausdrucken lässt, um am Morgen zu lesen, „was da wieder so los war“ auf den Kommentarseiten von nachtkritik.de. Das Internet ist für ihn das Kommunikationssystem der Einsamkeit und die Affirmation von Fernsehen und Video ein Vergehen am Theater. Der Code der digitalen Welt, der für Marina Weisband ebenso für Emotionen nutzbar ist, bleibt ihm fremd. Claus Peymann würde lieber mal so ein Gespräch führen wie die beiden Protagonisten in Peter Handkes Stück „Die schönen Tage von Aranjuez“.

Theater ist immer subversiv, betonte Regisseur Peymann und sprach von seiner Bochumer Zeit, in der das Theater der einzige leuchtende Ort in der Stadt war, und dem Theaterskandal in Wien um seine Bernhard-Uraufführung von „Heldenplatz“. Theater war schon immer der Ort der stärksten Opposition in Diktaturen, ohne das man sich jetzt wieder eine wünschen würde, um besseres Theater zu machen. Marina Weisband sprach dagegen vom Einfluss des Internets auf heutige revolutionäre Umwälzungen wie beim Arabischen Frühling. Die Vernetzung im Internet nehme den Menschen die Angst. Dabei betonte sie aber auch, das facebook allein noch keine Revolution mache. Es ist vielmehr die Magie der Körperlichkeit, die auf der Straße entsteht. Und das mache auch die Faszination von Theater aus.

„Netzwerke sind das komplementäre Konzept zum Theater.“

Marina Weisband

Maina Weisband, Netzpolitikerin (Piratenpartei)

Marina Weisband, Netzpolitikerin (Piratenpartei) – Foto: St. B.

Claus Peymann sah zumindest ein, dass es ohne dass Internet nicht geht. Für ihn ist Internet toll, wenn es von guten Leuten gemacht wird. Für deren Bildung ist laut Marina Weisband das Theater zuständig. Theater dramatisiert aber laut Peymann nicht den Schulfunk, sondern vermittelt Erlebnisse. Sei ein Fest, wie eine Messe, bei der Wasser in Wein verwandelt würde. Dies erzeuge auch beim Publikum eine kurzzeitige Verwandlung, die nachhaltig sein könne. Über die Kunst und Ästhetik im Internet gingen die Meinungen erwartungsgemäß stark auseinander.

Fazit der Veranstaltung

„Der Traum ist, dass wir zusammen stark sind und das Schlimmste verhindern, damit der größte Teil der Menschheit glücklich wird.“ sagte Claus Peymann schon zu Beginn des Abends. Welch schöne Utopie. Aber braucht das Theater überhaupt das Internet? Die Frage blieb leider weitestgehend unbeantwortet. Selbst Marina Weisband fragte sich, ob Theater etwas mit dem Internet zu tun haben muss. „Muss alles digitaler und vernetzter werden?“ Fast eine Steilvorlage für den Theateroldi Peymann. Trotzdem ein unterhaltsamer Appetizer für die folgende Konferenz. Obwohl laut Claus Peymann Amerikanismen sich wie Krebs über das Internet verbreiten und diese Art Imperialismus uns die Identität raube. Ob dadurch, dass Marina Weisband, wie Peymann feststellte, wieder an ihren Computer, und er an sein Theater gehe, die Abgrenzung von einander manifestiert bleibt, wird die Zukunft zeigen.

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Videomitschnitt des Gesprächs

Einige Fotos und Texte zur Konferenz „Theater und Netz“ vom 8. und 9. Mai 2013 in der Heinrich Böll Stiftung.

Fremde Welten – Blogbeitrag von Sascha Krieger (Stage and Screen)

Poetische Verlorenheit – Peymann traf Weisband auf der Böll-Bühne, von Jamal Tuschick (junge Welt)

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