Archive for the ‘Theatertreffen 2015’ Category

Apokalypse BAAL Redux und ein Fazit zum 52. Theatertreffen in Berlin (Teil 6)

Donnerstag, Mai 21st, 2015

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Plakat des Residenztheaters München

Plakat Residenztheater München

Was für eine bemerkenswerte Umkehrung der Vorzeichen. Am Freitag wieder – nach der kürzlich erfolgten Aufhebung des Helene-Weigel-Verbots aus den 1970er Jahren – im Rahmen von „Focus Fassbinder“ im wiederentdeckten Schlöndorff-Film zu sehen, dann am Sonntag direkt auf der Bühne des Hauses der Berliner Festspiele zum letzten Mal: Baal von Bertolt Brecht. Frank Castorfs Inszenierung wird nach langer Verhandlung zwischen dem Suhrkamp Verlag und dem produzierenden Münchner Residenztheater nach dem THEATERTREFFEN nicht mehr zu sehen sein. Die Rechtewahrer der Brecht-Erben monierten zu viel nicht genehmigten Fremdtext und sahen die Werkeinheit in Gefahr. Dementsprechend groß auch das Interesse an dieser allerletzten Aufführung. Vor dem Haus wurde die letzte Karte von den Machern des TT-blog für angeblich weit über 100 € versteigert. Das Geld soll wegen des schmerzhaften Verlusts weiterer Aufführungstantiemen dem Suhrkamp Verlag zugute kommen. Vielleicht reicht das ja für ein paar Flaschen Schampus Marke Brecht-Erben Spätlese. Wohl bekommt’ s.

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Was lässt sich nun zum eigentlichen Streitfall sagen? Auf den ersten Blick hat das auf der Bühne Gegebene mit dem originären Baal vom aufstrebenden Jungdichter Bertolt Brecht tatsächlich eher weniger zu tun. Frank „Bertolt Brecht“ Castorf spult hier seinen ganz eigenen Film vom Krieg in Indochina ab. Es ist 1953 kurz vor der Niederlage der Franzosen in Điện Biên Phủ. Das Kunst-Ego-Monster Baal (Aurel Manthai), Kumpel Ekart (Franz Pätzold) und Sophie Dechant (Andrea Wenzl) turnen durch die von Aleksandar Denic gebaute, monströse Bühnenlandschaft bestehend aus einem Army-Camp mit Kampfhubschrauber, einer echten Do-Lung-Hängebrücke und doppelstöckiger roter Pagode. Dazu wird satter Blues und Southern Rock vom Band eingespielt. Es stonert mächtig, bis sich Baal und seine hinzuerfundene Höllenbraut (Bibiana Beglau – man könnte sie auch eine irrlichternde Mephistopheline nennen) schließlich die Surfbretter schnappen und zu Quentin Tarantinos Pulp Fiction-Soundtrack auf den Wellen einer projizierten China-Beach reiten. Die Rede ist vom Napalm-Geruch am Morgen, und die Luft schmeckt nun auch deutlich nach Apokalypse Now. Bevor es allerdings zu easy listening wird, biegen die beiden gerade noch rechtzeitig in Richtung einer französischen Gummiplantage ab. Die folgende fast halbstündige Sequenz ist nur in der 2001 geschnitten Redux-Fassung von Francis Ford Coppolas legendärem Vietnamkriegsfilm aus dem Jahr 1979 enthalten, hat es aber dennoch in sich.

BAAL im Residenztheater München - Foto (C) Thomas Aurin

BAAL im Residenztheater München – Foto (C) Thomas Aurin

Der Abzweig führt also in die westeuropäische Kolonialgeschichte, was Castorf als große Apokalypse Baal Redux aufführt. Die Rückführung von Brechts Stück zu den Wurzeln von Rimbaud und Verlaine. Castorf mixt dazu die französischen Denker Jean-Paul Sartre, Frantz Fanon und spielt Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“ in französischer Coverversion ein. Eine ziemlich schräge Wiederbelebung durchaus im Sinne Brechts. Für nicht ganz so Cinephile könnte es hier allerdings etwas langweilig werden, denn die Sache zieht sich, wie bei Castorf nun mal üblich. Immer um Einiges voraus sind die Schauspieler beim Sprechen der Szenen dem Original, das hinter ihnen flimmert, dafür aber umso schöner in der darauf folgenden Pause nachhallt. Das hat irisierende Momente. Es verwischen Realität mit beginnendem Wahnsinn und Müdigkeit mit Drogenrausch. In Endlosschleife hört man: „Zwei Seelen wohnen in dir, eine die tötet und eine die liebt.“ Für Castorf der Missing Link zurück zum alles verschlingenden Menschenverbraucher Baal. Tier und Gott zugleich, der die Geier vom Himmel frisst, Frauen liebt, missbraucht und mordet. Baudelaires Albatros wird im Film rezitiert, Ekart trägt Schweinhälften, und im Liebesclinch der beiden Straßendichter säbeln sich die anderen Stücke aus Baals Hinterbacken.

Castorf findet seinen Baal also nicht in den dunklen Wäldern Deutschlands – wo es ihn ja durchaus gäbe – sondern im Dschungelwahnsinn des Vietnamkriegs. Und so geht es dann auch weiter. Die Schnapskneipen und Kabaretts sind GI-Clubs, es wird Cognac getrunken und eine der beiden Schwestern heißt Hong (Hong Mei). Sie beherrscht die bezaubernden Puccini-Arien aus der Madam Butterfly genauso gut wie die schrille Peking Operette. Und das ist natürlich auch insgesamt wieder ganz große Castorf-Oper. Zu „Riders on the Storm“ von den Doors lümmelt man im und auf dem Helikopter. Die Rede kommt nun auf Algerien und die französische Untergrundarmee OAS. Nebenbei eskaliert der Streit um Sophie Dechant, und Ekart wird im Dauerloop gewürgt. Bevor man aber wegzudämmern droht, ertönt der Weckruf mit Rimbaud: „Komm, komm ohne Säumen, die Zeit, von der wir träumen!“ Da fliegen Baal und seine Höllengemahlin schon über Paris. Der Wahnsinn des Terrors hat bekanntlich längst wieder den Ausgangspunkt der Kolonisierung der Welt erreicht.

Die beiden warn's. Bühnenbildner Alexander Denic und Regisseur Frank Castorf bei der TT-Preisverleihung - Foto: St. B.

Die beiden warn’s. Bühnenbildner Alexander Denic und Regisseur Frank Castorf bei der TT-Preisverleihung – Foto: St. B.

Aber ein Castorf ist nicht zu Ende, bevor er zu Ende ist. Und am Ende ist der Volksbühnenchef auch noch lange nicht angekommen. Da wären nur noch 500 Seiten Fremdtext einzuarbeiten sowie ein Loblied auf Freund Claus zu singen und über alte Säcke, die in Rente geschickt werden sollen. Wie ungerecht die Welt doch ist. Ein paar Spitzen in Richtung Berlin-Mitte und spaßige Reminiszenzen an Brechts Episches Rauchtheater kann sich die Castorf-Crew auf der Bühne in Wilmersdorf nicht verkneifen. Die Frage, ob wir im Münchner Baal die Ahnung von einer Welt des gescheiterten bürgerlichen Humanismus bekommen haben, muss jeder für sich selbst beantworten. Hier wird kein Angebot zum Diskurs gemacht und sich nicht ironisch weggeduckt. Bei Frank Castorf gibt es inhaltlich und ästhetisch immer voll eins auf die Zwölf. Und wie in seinen nicht enden wollenden Celine-, Malaparte- oder Hanns-Henny-Jahn-Abenden wird er die Gesellschaft weiterhin schmerzvoll auf die Streckbank der Selbsterkenntnis zwingen. Ganz nach dem Motto Baals: „Geschichten, die man versteht, sind nur falsch erzählt.“ Zumindest da steckt ein Körnchen Weisheit drin.

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Was gäbe es also sonst noch von der THEATERTREFFEN-Front zu berichten, wenn im Nachklang des gerade genossenen Überwältigungsfurors so mancher in den letzten zwei Wochen gewonnener Eindruck schon wieder etwas verblasst? Wir sollten in diesem Jahr nach Aussage der Leiterin des Theatertreffens verstärkt die großen gesellschaftspolitischen Probleme wie Krieg, Flucht und Traumata vorgesetzt bekommen. Diese explizit politischen Themen fanden sich aber nur in einigen der eingeladenen Inszenierung wirklich auf der Bühne wieder. Zu sehen waren da neben dem großen Castorf-Baal vor allem die Verhandlung traumatischer Erlebnisse aus dem Balkankrieg in Common Ground vom Maxim Gorki Theater, Vergangenheitsbewältigung in der Wiener unverheirateten oder, ebenfalls aus Wien, die westliche Welt in der Lächerlichen Finsternis kolonialer Verstrickung. Echte Flüchtlinge stellte Nicolas Stemann in seiner Jelinek-Inszenierung Die Schutzbefohlenen auf die Bühne und entfachte dadurch eine kontroverse Diskussion über Rassismus und die Hoheit der Darstellung im deutschsprachigen Theater.

tt15_promo_media_gallery_resWas sonst noch vermisst wurde? Man suchte die deutschsprachige Theaterprovinz oder gar die Freie Szene vergeblich in Berlin. Ein Umstand, der der sogenannten Leistungsschau im Vorfeld bereits die Kritik einbrachte, eine elitäre Veranstaltung zu sein. Was Juror Til Briegleb damit konterte, es lohne sich nicht in die Provinz zu fahren, da den dortigen Theatern eh das nötige Potential fehlen würde. Ziemlich elitär also auch seine Sicht der Dinge, der man eigentlich nur widersprechen kann. Resultat dessen dann je zwei Einladungen für Berlin, Hamburg, München und Wien. Jeweils einmal waren Stuttgart und Hannover vertreten. Ziemlich schwer zu glauben, dass abseits der etablierten Kulturballungsräume nicht ebenso Bemerkenswertes zu entdecken wäre.

Neben Klassikern wie Ibsen, Brecht und Beckett konnte beim Theatertreffen 2015 wieder verstärkt der moderne oder postmoderne Autor gesichtet werden. Was auch für junge Regietalente und neue Zugriffe auf theaterfremde Texte zutraf. Trotz dreier Wiederholungstäter aus dem letzten Jahr und einiger erwartbarer Dauergäste überraschten auch einige Newcomer. So etwa Thom Luz, der Judith Schalanskys Nichtreiseführer Atlas der abgelegenen Inseln für das Schauspiel Hannover in ein Treppenhaus verfrachtete oder Christopher Rüping, der mit dem Dogma-Klassiker Das Fest in bemerkenswert leichter Regiehandschrift das schwere Thema Kindesmissbrauch auf die Bühne brachte. Das alles wurde natürlich nur möglich gemacht durch wiederrum großartig aufspielende DarstellerInnen, die in durchweg allen Inszenierungen begeistern konnten. Die großen Probleme wurden angepackt, aber nicht immer gelöst. Theater will aber wieder Anstoßpunkt und Vermittler des gesellschaftlichen Diskurses sein. Da kann man mit dem guten alten Brecht nur konstatieren: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Bis er im nächsten Jahr wieder aufgeht. The same procedure as every year.

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Baal
von Bertolt Brecht
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Gerrit Jurda, Live-Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula, Video: Stefan Muhle, Dramaturgie: Angela Obst
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Hong Mei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Jürgen Stössinger, Andrea Wenzl

Premiere im Residenztheater München: 15.01.2015

Letze Aufführung am 17.05.2015 beim 52. Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele

Dauer: 4 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Weitere Infos: www.residenztheater.de

Zuerst erschienen am 20.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Die Ausstellung „Fassbinder – JETZT“ im FASSBINDER-FOCUS der Berliner Festspiele 2015 (Teil1)

Montag, Mai 18th, 2015

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Der Berliner Martin Gropius Bau widmet dem deutschen Regie-Entfant-terrible eine kleine Werkschau zum 70. Geburtstag

© Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main - Foto: Peter Gauhe

© Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main – Foto: Peter Gauhe

Fassbinder – JETZT – wie ist das zu verstehen? Dem Titel der Ausstellung scheint da nach dem in Versalien gesetzten Wörtchen „jetzt“ irgendwie ein Ausrufezeichen zu fehlen. Die unbedingte Forderung nach einem Fassbinder – JETZT! Denn es besteht gerade heute wieder eine große Dringlichkeit, deutsche Geschichte zu betrachten und das nicht nur retrospektiv. Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) hat sie mit dem Blick des hier und jetzt auf Celluloid gebannt. Seine Filme beschreiben die Geschichte Deutschlands nach dem großen Zusammenbruch und dem Neustart ins Wirtschaftswunder. Vom Weltenbrand zum Fußballweltmeister, vom Trümmermeer zum Mehr-ist-mehr einer aufstrebenden Weltwirtschaftsmacht.

Und Fassbinder zeigte dabei auch immer das, was dabei auf der Strecke blieb. Er hatte den Finger am Puls der Bundesrepublik und mit ihr eine kleine Welt am Draht. Und natürlich hatte ihn auch Berlin, das Fenster zur großen Welt, das in den 70er Jahren Fassbinders Filme regelmäßig im Wettbewerb der Berlinale zeigte. Am Draht der Welt und Zeit zu bleiben, gerade darin besteht die Aktualität von Fassbinders Werk. Und was uns und den Künstlern unserer Zeit dieser Fassbinder heute noch zu sagen hat, versucht zumindest in Teilen die aktuelle Ausstellung zum 70. Geburtstag des 1982 früh verstorbenen Film- und Antiteater-Künstlers im 2. Stock des Berliner Martin Gropius Bau zu erklären.

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"Warnung vor einer heiligen Nutte" DE 1970/1971 Michael Ballhaus, Rainer Werner Fassbinder (v.l.n.r.) (Dreharbeiten)

Rainer Werner Fassbinder und Michael Ballhaus am Set von WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE, 1970/71
© Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main, Foto: Peter Gauhe

Hierbei gehen die Macher keineswegs rein retrospektiv vor, sondern teilen die Ausstellung in drei Bereiche auf. Zuvor begegnet einem aber am Eingang Rainer Werner Fassbinder selbst in einer Art Videoinstallation auf mehreren Bildschirmen, die nacheinander verschiedene Ausschnitte aus Fernsehinterviews mit dem Regisseur zeigen. Für Fassbinder-Liebhaber ebenfalls sehr interessant dürften die beiden linken Räume der Ausstellung sein. Im ersten, einem sogenannten Werkraum, werden neben Fotos von Dreharbeiten auch zahlreiche Originaldokumente aus dem Archiv der Fassbinder Foundation Berlin in einem langen Schaukasten aufgereiht. Dabei auch die abgelehnte Bewerbung bei der FFFB-Berlin, der Fassbinder eine Kritik von Jean-Luc Godards Vivre sa vie (Die Geschichte der Nana S.) beilegte. Wir sehen Briefe, Verträge, Besetzungslisten, Drehbücher und Storyboards. Der Regisseur führte akribisch Buch und war meist schon im Gedanken bei neuen Filmprojekten, bevor die aktuellen überhaupt abgedreht waren. Es gab schon mehrere Pläne bis weit in die 1980er Jahre hinein, so eben auch für einen Rosa-Luxemburg-Film.

Entwurf von Barbara Baum für Hanna Schygulla - © Barbara Baum

Entwurf von Barbara Baum für Hanna Schygulla
© Barbara Baum

Aber auch für Freunde von Reliquien und Devotionalien ist gesorgt. So steht da z.B. Fassbinders Flipperautomat und hängt natürlich seine berühmte Lederjacke. Bewundernswert auch ein Regal mit Videokassetten (handbeschriftet) von Filmklassikern wie Alfred Hitchcock, Jean-Luc Godard, John Huston oder Douglas Sirk, die den Regisseur nachhaltig inspirierten, und das für heutige Verhältnisse monströs wirkende Abspielgerät. Nebenan dann ein ganzer Raum für Fassbinders Kostümbildnerin Barbara Braun. Neben Vorzeichnungen und Skizzen sind hier auch die mondänen Roben aus Fassbinders großen Frauenfilmen wie Effi Briest, Die Ehe der Maria Braun, Die Sehnsucht der Veronika Voss, Lola und natürlich Lili Marleen aufgereiht. In Filmausschnitten kann man die Kleider dann an den großen Darstellerinnen Hanna Schygulla, Barbara Sukowa und Rosel Zech bewundern.

Wendet man sich am Eingang nach rechts, wird in den darauffolgenden Räumen das Filmwerk Fassbinders auf seine ästhetischen Stilmittel wie Kameraeinstellungen, Bild-Arrangements und Sprache hin beleuchtet. Besonders die legendäreren immer wiederkehrenden Rundfahrten von Fassbinders Kameramann Michael Ballhaus sind in vielen Filmszenen zu sehen. Die wohl bekannteste aus dem Film Martha hat die Künstlerin Runa Islam zu einem Reenactment in einer Schwarz-Weiß-Videoinstallation inspiriert. Auf wie ein Triptychon angeordneten Videoscreens kann man Liebesszenen, Räume und Tafelbilder aus mehreren Filmen Fassbinders wunderbar miteinander vergleichen. Enge und Weite, Kargheit oder Opulenz, verspiegelte Räume und die artifizielle Sprache sind die bestimmenden Stilmittel in Fassbinders Werk, mit denen er die Gesellschaft vom Faschismus über die miefig spießige Bundesrepublik der Nachkriegszeit bis in die der 1970er Jahre portraitierte.

Ming Wong: Lerne Deutsch mit Petra von Kant, 2007 - © Courtesy Ming Wong and carlier|gebauer

Ming Wong: Lerne Deutsch mit Petra von Kant, 2007
© Courtesy Ming Wong and carlier|gebauer

Beeinflusst hat der Regisseur damit bis heute vor allem Foto- und Videokünstler, deren Werken mit angedeutetem Fassbinderbezug die weiteren Räume der Ausstellung gewidmet sind. So sind neben der schon erwähnten Kamerakreisfahrt von Runa Islam, klaustrophobisch beunruhigende Videoarbeiten von Jeroen de Rijke / Willem de Rooij, Maryam Jafri und Tom Geens zu sehen. In seiner Video-Installation Lerne Deutsch mit Petra von Kant spricht der chinesische Videokünstlers Ming Wong im Kostüm auf dem Flokati-Teppich eine Szene aus dem Film Die bitteren Tränen der Petra von Kant. Genauso stilsicher karg wie Fassbinder arrangiert Jeff Wall seine Fotografien. Als Ergänzung zur Arbeitsweise Fassbinders sind diese Reflexionen seines Werks in der modernen Kunst sicher recht interessant, aber man hätte natürlich gern noch mehr aus dem schier unerschöpflichen Kosmos Fassbinders erfahren. So bleibt die Ausstellung mehr ein ästhetisches Appetithäppchen für Gourmets, das nicht wirklich satt macht und den politischen Menschen Fassbinder fast völlig ausspart.

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Fassbinder – JETZT
Martin Gropius Bau Berlin
6. Mai bis 23. August 2015
Veranstalter: Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main
In Kooperation mit der Rainer Werner Fassbinder Foundation, Berlin
Öffnungszeiten:
Mi bis Mo 10:00-19:00 Uhr
Di geschlossen

Weitere Infos siehe auch: http://www.martin-gropius-bau.de

Zuerst erschienen am 16.05.2015 auf Kultura-Extra.

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„die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer und „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz. Zwei bemerkenswerte Wiener Inszenierungen mit starkem Damenensemble beim Theatertreffen 2015 (Teil 5)

Samstag, Mai 16th, 2015

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tt15_promo_media_gallery_resZu den beim THEATERTREFFEN 2015 jeweils doppelt vertretenen deutschen Bühnenmetropolen Berlin, München und Hamburg gesellt sich diesmal auch wieder die österreichische Hauptstadt Wien mit zwei durchaus bemerkenswerten Inszenierungen, die auch ganz gut zu den vom Veranstalter Berliner Festspiele selbst gelabelten politischen Themen Krieg, Flucht und Traumata passen.

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Den Anfang machte Ewald Palmetshofers für das Wiener Akademietheater verfasste Auftragsstück die unverheiratete. Hier der Link zur ausführlichen blog-Kritik aus dem Januar…

die unverheiratete - Plakat des Burgtheaters Wien

die unverheiratete – Plakat des Burgtheaters Wien

Die Rhythmik von Palmetshofers sehr atifiziellem Jambentext überführen die durch weg großartigen Darstellerinnen in eine entsprechende Sprachmelodie. Borgmann bricht die Schwere nur hin und wieder mit ironischen Einspielungen und viel Musik. Das hat natürlich so seine Längen und schreit geradezu nach Kürzungen im Text, die ihm Borgmann – sonst auch ein wahrer Spezialist im expressiven Auspinseln von Regieeinfällen – allerdings nicht gönnt; daher dauert die Aufführung satte 2 h 20 min. Die hervorragend aufspielenden Damen des Burgtheaterensembles machen die Uraufführung dieses etwas sperrig geratenen Sprachgebildes dennoch recht sehenswert.

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Sprachlich mindestens so ungewöhnlich wie Ewald Palmetshofers die unverheiratete ist auch der von Wolfram Lotz eigentlich als Hörspiel verfasste Text Die lächerliche Finsternis. Das Stück hatte im letzten Jahr auf mehreren Bühnen, so auch am Deutschen Theater Berlin und dem Thalia Theater in Hamburg einen regelrechten Erfolgslauf. Zum Theatertreffen eingeladen wurde aber die Uraufführung von Dušan David Pařízek, die im September 2014 die erste Burgtheaterspielzeit nach Matthias Hartmanns Rauswurf als Intendant eröffnete.

„Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz Regie Dušan David Pařízek Burgtheater im Akademietheater, Wien Uraufführung 6. September 2014 www.burgtheater.at Regie und Bühne: Dusan David Parizek Kostüme: Kamila Polívková Licht: Felix Dreyer Dramaturgie: Klaus Missbach mit: Catrin Striebeck, Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Frida-Lovisa Hamann Motiv v.l.n.r.: Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien
Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Lotz greift für seine bissige Satire über die Verteidigung westlicher Werte am Hindukusch auf zwei bereits aufeinander beruhende fiktionale Werke zurück, indem er sie wiederum miteinander verschränkt in unsere Gegenwart holt. Das Hörspiel Die lächerliche Finsternis nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse, wie das Stück im Untertitel heißt, fußt auf dem Afrika-Roman Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und dem Vietnamfilm-Klassiker Apokalypse Now von Francis Ford Coppola. Schon im kuriosen Prolog des somalischen Piraten Ultimo Michael Pussi, den hier Stefanie Reinsperger im breitesten Wienerisch gibt, macht der Autor klar, dass es ihm nicht nur um die reine Wirklichkeit geht, sondern um eine aus der Fiktion des Theaters heraus erschaffene neue Realität. Die Inszenierung zitiert auch aus Lotz’s Rede zum unmöglichen Theater.

In der Annahme, dass der Hindukusch ein Fluss sei, begeben sich Hauptfeldwebel Oliver Pellner und Unteroffizier Stefan Dorsch mit einem Boot auf die Suche nach dem abtrünnigen Oberstleutnant Deutinger in den Dschungel Afghanistans. Soweit die etwas schräge Analogie zu den beiden Vorlagen. Was nun folgt, ist eine surreale Reise aus der sicher geglaubten westlichen Zivilisation in die Irre der Finsternis aus wirtschaftlichen Verflechtungen und Kriegen. Was hier auch zu einer Fahrt in die eigenen und europäischen Innereien wird, die sich – wie so oft im postmodernen deutschen Drama – um die ganz persönlichen Darmwindungen dreht. Hier aber eben auf eine sehr lustvoll poetische und auch ironisch selbstkritische Art.

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien - Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien
Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Als zusätzliche theatrale Verfremdung lässt Regisseur Pařízek alle Rollen von Frauen spielen. Sicher auch eine Reaktion auf die im Text enthaltende Frage der Mutter an Sohn und Autor Lotz: „Und es kommen keine Frauen vor?“ Die fremde Umgebung, die die beiden Soldaten (Catrin Striebeck als Pellner und Frida-Lovisa Hamann als Dorsch) langsam in den Wahnsinn treibt, wird noch durch die Wesensfremdheit des zynischen Pellner zu seinem ostdeutschen, leicht sächselnden Untergebenen Dorsch verstärkt. Den Beiden begegnen italienische Blauhelmsoldaten, die Coltan abbauende Einheimische beaufsichtigen und wohlmeinende rassistische Vorurteile pflegen. Ein vorbeischippernder Händler vom ehemaligen Kriegsschauplatz Balkan bietet den typischen Ramsch der Zivilisation an und geht dafür mit dem Unglück seiner Familie hausieren. Ein lüsterner Missionar kultiviert islamische Wilde und ein sprechender Papagei berichtet von Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung. Dorothee Hartinger und Stefanie Reinsperger spielen alle weiteren Rollen mit österreichischem oder italienischem Spracheinschlag nebst einer bajuwarisch-exotischen Musikeinlage Wo samma, oder sorgen nebenbei für elektronische Dschungelgeräusche aus dem Hintergrund.

Des mit öliger Schmiere angedeuteten Blackfacing hätte es sicher nicht bedurft. Man kann es aber auch als einen Verweis auf Coppolas Film, in dem sich die Soldaten auch mit Kampftarnfarben im Gesicht bemalen, oder als Öl, das Blut der Wirtschaft, deuten. Sehr schön auch die Idee, die Reflexionen von Lotz über sein Gefühl, über Dinge zu schreiben, die einem „fremd“ sind, in der improvisierten Pause mit sprechen zu lassen. Dabei wird von den Schauspielrinnen die zuvor eingestürzte Bretterrückwand Stück für Stück durch einen Gartenhexler gejagt, während sie den vielgecoverten Song The Lion Sleeps Tonigth in Endlosschleife singen. Das karikiert wunderbar den kolonialen Ökoraubbau wie auch die popkulturelle Vereinnahmung ethnischer Folklore. Besser kann man westliche Selbstgewissheit nicht auf die Spitze treiben.

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die unverheiratete (UA)
von Ewald Palmetshofer
UA am Akademietheater Wien: 14.12.2015
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: webermichelson
Licht: Peter Brandl
Dramaturgie: Klaus Missbach
Mit: Stefanie Reinsperger, Christiane von Poelnitz, Elisabeth Orth, Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Alexandra Henkel
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

Termine beim Theatertreffen: 06.05. und 07.05.2015

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Die lächerliche Finsternis
von Wolfram Lotz
UA am Akademietheater Wien: 06.09.2015
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, „eine Pause, wenn Sie möchten“

Termine beim Theatertreffen: 13.05. und 14.05.2015

Weiter Infos: http://www.theatertreffen.de

und http://www.burgtheater.at

Zuerst erschienen am 15.05.2015 auf Kultura-Extra.

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„Das Fest“ vom Staatstheater Stuttgart – Christopher Rüpings furiose Inszenierung nach Thomas Winterbergs Dogma-Klassiker beim Theatertreffen 2015 – (Teil 4)

Freitag, Mai 15th, 2015

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Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz

Foto (C) JU Ostkreuz

Wenn es nach Armin Petras, dem Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart, geht, dann kommt, was in Stuttgart bei der Premiere ausgebuht wird, mit Sicherheit zum THEATERTREFFEN nach Berlin. Wenn Petras tatsächlich eine Regel daraus ableiten wollte, müssten wohl einige Inszenierungen mehr auf dem Einladungsplan der Jury gestanden haben. Der ehemalige Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters hat es, was die Reaktionen des Publikum und der regionalen Kritik betrifft, noch nicht ganz in die Herzen der Stuttgarter geschafft. Da ist eine Einladung nach Berlin pro Jahr allein schon bemerkenswert genug. Gab im vergangenen Jahr der sogenannte „Mut zur Entschleunigung“ den Ausschlag für die Einladung von Robert Borgmanns Onkel Wanja-Inszenierung, die nicht wenige THEATERTREFFEN-Besucher zur Flucht oder in den Schlaf trieb, so dürfte es in diesem Jahr wohl der Mut sein, eine nicht gerade einfache, massenkompatible Geschichte auch noch relativ unkonventionell zu inszenieren.

Christopher Rüping, ein weiterer der zahlreich in diesem Jahrgang vertretenen tt-Debutanten, hat sich an eine in der Tat ungewöhnliche Adaption des Dogma-Klassikers Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov gewagt. Der 1998 entstandene Film erzählt die Geschichte eines Inzests in einer dänischen Hoteliers-Familie. Vater Helge hat die Zwillinge Linda und Christian im Kindesalter sexuell missbraucht, wovon auch die Mutter wusste, was aber später nie wieder zur Sprache kam. Auf der Feier zum 60. Geburtstag des Patriarchen geht Christian an die Öffentlichkeit und hält, ausgelöst durch den Schock des Selbstmords seiner Zwillingsschwester, eine den Vater anklagende Rede. Der Film zeigt über die Zeit von 24 Stunden Christians schweren Kampf für die Wahrheit und gegen die familiäre Verdrängung, bis der aufgetauchte Abschiedsbrief Lindas das Lügengebäude endgültig einstürzen lässt.

Regisseur Rüping reduziert das Personal des Films auf den engsten Kreis der Familie aus Vater, Mutter, Geschwister und Großeltern und lässt seine DarstellerInnen Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau und Christian Schneeweiß sehr spielerisch an die Sache herangehen. Es wird hier ein großer, ungebremster Kindergeburtstag gefeiert, was man auch als eine Art Familienaufstellung ohne Erwachsene deuten könnte, weshalb dann alle immer wieder in XXL-Pullover mit Großbuchstaben (Kostüme: Lene Schwind) schlüpfen, die ihre momentane Rolle anzeigen sollen. Außerdem wechseln mit den Pullovern auch immer wieder die Rollenzuschreibungen von Opfer, Täter und die der verschiedenen Familienmitglieder. Das ist sicher geschickt gestrickt, wenn es auch immer die Gefahr der Banalisierung des ernsten Themas in sich birgt. Dennoch wirkt das Spiel über die gesamte Zeit nie wirklich platt, und bei aller Infantilisierung bleibt der eigentliche Film-Plot doch erstaunlich gut erkennbar.

Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz

Foto (C) JU Ostkreuz

Die durch die klaren Dogma-Regeln bestimmte, starre Dramaturgie des Films bricht Rüping durch die Art der Verfremdung und offene Spielanordnung komplett auf. Offen ist auch die Bühne von Jonathan Mertz. Stapel von Stühlen und Tischen werden immer wieder neu arrangiert und als Abgrenzungsbarrieren, Podium für Ansprachen oder Laufsteg für Showeinlagen zu Dance-Beats genutzt. Man beginnt hier bei einer vom gesamten Ensemble vorgeführten Rede nach dem Motto „Jede Familie hat ein Geheimnis“, die Geschichte der Klingenfeld-Hansen vom dänischen Özi über Erfinder und Entdecker bis zur dunklen NS-Zeit zu beleuchten. Die SchauspielerInnen gehen dabei in den vollen Körpereinsatz und versuchen auch immer wieder durch direkte Ansprache das Publikum mit einzubeziehen. Es zünden Konfettikanonen, wirbeln Windmaschinen, man erzählt sich unkorrekte Witze, und Matti Krause chargiert seinen „Oppa“ immer wieder ins gnadenlos Mundartliche.

Rüping verliert über dem Klamauk aber nie ganz den Ernst aus dem Blickfeld. Zwischen Slapsticks und Popsongs von Cat Stevens‘ „Father and Son“ über „I Follow Rivers“ von Lykke Li bis zu „I’ll stand by you“ von den Pretenders treten immer wieder ruhige Phasen mit intensiven Reden und Dialogen, bevor sich die Party wieder gnadenlos weiter dreht. Figuren werden entlarvt, eingeschüchtert, isoliert oder wieder in den Kreis der schützenden grauen Masse aufgenommen. Der Regisseur macht es einem so nicht gerade einfach, Partei zu ergreifen. Wieder sehr emotional sind eine Badewannenszene, in der Christian seine tote Schwester erscheint, oder wenn sie sich zwischen ihn und seine Liebe Pia drängt. Und auch an den Geschwistern Helen und Michael gehen die Enthüllungen nicht spurlos vorbei. Der Schluss gehört dann noch einmal dem ausgestoßenen Vater und seiner Rechtfertigungsrede aus dem Hintergrund. Ein Zeichen, dass es wohl nie ganz aufhören wird.

Die Inszenierung ist unglaublich dicht, emotional aufwühlend, und die Intensität des Spiels hält einen so bis zum Schluss gefangen. Das ist sicher zeitweise auch schwer erträglich, wobei die Reaktionen des Publikums bei der Premiere in Berlin dann doch recht positiv ausfielen. Wenn auch nicht in allen Szenen gelungen, so bleibt Christopher Rüpings Inszenierung doch zumindest bemerkenswert kontrovers und pustet damit etwas frischen Wind in das bisher doch recht vorhersehbar verlaufende Theatertreffen-Programm.

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Das Fest (Haus der Berliner Festspiele, 11.5.2015)
nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
tt15_promo_media_gallery_resBühnenfassung von Bo hr. Hansen
in der Übersetzung von Renate Bleibtreu
Regie: Christopher Rüping
Bühne: Jonathan Mertz
Kostüme: Lene Schwind
Musik: Christoph Hart
Dramaturgie: Bernd Isele
Mit: Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau, Christian Schneeweiß, Norbert Waidosch (Pianist)
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere am Schauspiel Stuttgart war am 20.04.2015
Termine beim tt15: 11. und 12.05.2015

Weitere Infos: http://www.theatertreffen.de
http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 13.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Heil Hinkel! – Gute Schauspieler um Lina Beckmann und Josef Ostendorf dominieren eine eher komödiantische John Gabriel Borkman-Inszenierung vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg in der Regie von Karin Henkel beim Theatertreffen 2015 (Teil 3)

Mittwoch, Mai 13th, 2015

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John Gabriel Borkmann vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg

John Gabriel Borkmann vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg

Der Hang zum Größenwahn ist der Figur John Gabriel Borkman aus Hendrik Ibsens gleichnamigen Drama über einen gescheiterten Banker, der Gelder seiner Kunden veruntreut hatte, um damit im großen Stil zu spekulieren, mit Sicherheit eingeschrieben. Ibsen orientierte sich an einem ähnlichen Fall in der norwegischen Gesellschaft seiner Zeit sowie an Nietzsches Schriften zum Übermenschen und dem Willen zur Macht. Das sieht man nun auch der Inszenierung von THEATERTREFFEN-Liebling Karin Henkel an. Bereits zum fünften Mal hintereinander ist die Regisseurin nach Berlin eingeladen. Ihre Arbeiten geraten ihr dabei mal ernst, mal eher heiter, besser oder schlechter, ganz nach der jeweiligen Inszenierungsidee. Momentan hat es Karin Henkel mit Masken, und nach der Verwechslungskomödie Amphitryon und sein Doppelgänger aus dem letzten Jahr ist sie auch in der aktuellen Ausgabe der Leistungsschau deutschsprachiger Theater für die gute Unterhaltung zuständig.

Und das, trotzdem die Bühne in ihrer Mischung aus nordischer Weihehalle und Gruft eher eine düstere Ästhetik ausstrahlt: Eine massive Treppe führt in dem dunklen, sich nach hinter verjüngenden Bühnenkasten zu einem altarartigen Bett. Das Lager des nach fünf Jahren Haft und weiteren acht Jahren der freiwilligen Isolation vor sich hin brütenden Borkman, der in der massiven Gestalt von Josef Ostendorf allgegenwärtig ist, sich die Stufen rauf und runter schleppt und die Wände bekritzelt. Man lebt hier in der Vergangenheit, in einem Bunker mit zugemauerten Fenstern, in dem es der Frau Borkmans Gunhild zu kalt ist und ihrer Schwester und ehemaligen Geliebten Borkmans Ella die Luft zum Atmen fehlt. Beide sind in schönster Hassliebe vereint und kämpfen, nachdem sie früher oder später ihre Liebe zu Borkman verloren haben, nun um die des Sohnes Erhart.

3sat-Preis für Lina Beckmann

3sat-Preis für Lina Beckmann

Karin Henkel macht daraus mit ihren herausragenden Schauspielerinnen Julia Wieninger als Gunhild und Lina Beckman (die im Anschluss völlig zurecht für ihre Darstellung mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde) als Ella einen verbalen und körperlichen Schlagabtausch zweier verflossener Diven auf großer Showtreppe, der in einem urkomischen Tauziehen an den Pulloverärmeln des um seine Unabhängig ringenden, doppelten Muttersöhnchens Erhart (Jan-Peter Kampwirth) – „Ich will leben!” – kulminiert. Nachdem die Jugend mit der lebensbejahenden Fanny Wilton (Kate Strong) – „Ich kann das Glück doch nicht einfach wegschicken, nur weil es zu spät gekommen ist.“ – auf und davon ist, beschwören und bewachen die beiden Kontrahentinnen gemeinsam gleich schwarzer Witwen den sterbenden Borgman.

Die eigentliche Hauptperson tritt bei dieser stark auf Klamotte gebürsteten Inszenierung fast schon etwas zu weit in den Hintergrund. Der alte Borgman träumt davon, seine Rehabilitierung aus eigener Kraft zu schaffen, noch größer als zuvor zu werden, und versucht dazu Verbündete um sich zu scharen. Das gerät ihm aber eher zum grotesken Trauerspiel. Die Jugend mit Sohn Erhart und der jungen Frida (Gala Winter) hat andere Pläne, und selbst der verträumte Schmierendichter Foldal (Matthias Bundschuh) lässt sich nicht mehr einspannen. Borkman stampft mit den Füßen, das es dröhnt, die Schwestern belauern ihn und sich mit der Axt. Es wird viel gebuhlt, georgelt und auch mal sakral gesungen. Lauter bigotte Hirngespinste von untoten Vampiren, die sich gegenseitig aussaugen, nach Jugend gieren und doch keine Erlösung finden können. An eine Wiederauferstehung ist hier nicht zu denken. Und auch als aktueller Beitrag zur Finanzkrise taugt Ibsens alte Schmonzette nur bedingt.

Die Inszenierung lebt im Grunde nur durch den überdrehten Witz und das überzeugende Spiel der Darsteller*innen, die sich diesem durchweg ironischen Konzept mit großer Lust ausliefern. Es wirkt dabei fast schon wie eine Persiflage auf den überwältigenden Borkman-Marathon des norwegischen Ibsenzertrümmerers und Praterbesetzers Vergard Vinge, der damit zum THEATERTREFFEN 2012 eingeladen war. Auch er spielte in seiner 12stündigen Ibsen-Horrorshow deutlich mit der Ironisierung faschistoider Elemente. Und es ist nach den ferngesteuerten Maskenpuppen aus Susanne Kennedys Fassbinderadaption Warum läuft Herr R. Amok? schon der zweite Bezug zum ästhetischen Kunstschockexperten beim diesjährigen THEATERTREFFEN. Der Mann macht also Schule und kommt so durch die Hintertür der ironischen Rezeption wieder auf die großen Bühnen der Stadttheater zurück.

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John Gabriel Borkman (Haus der Berliner Festspiele, 9.5.2015) tt15_promo_media_gallery_resvon Henrik Ibsen
Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie KARIN HENKEL
Bühne KATRIN NOTTRODT
Kostüme NINA VON MECHOW
Musik ARVILD J. BAUD
Licht ANNETTE TER MEULEN
Dramaturgie SYBILLE MEIER
Darsteller: John Gabriel Borkman JOSEF OSTENDORF
Gunhild Borkman JULIA WIENINGER
Erhart Borkman JAN-PETER KAMPWIRTH
Ella Rentheim LINA BECKMANN
Fanny Wilton KATE STRONG
Vilhelm Foldal MATTHIAS BUNDSCHUH
Frida Foldal GALA WINTER

Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg war am 21.09.2015
Termine beim Theatertreffen: 9.5. und 10.5.2015

Weitere Infos: http://www.theatertreffen.de

Zuerst erschienen am 12.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Ich bin dann mal… gleich wieder da – In seiner Inszenierung von Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln“ spielt Regisseur Thom Luz ironisch mit der Illusion von Fernweh. Theatertreffen 2015 (Teil 2)

Samstag, Mai 9th, 2015

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Neben Klassikern wie Ibsen, Brecht und Beckett gibt es beim Theatertreffen 2015 auch vereinzelt den modernen oder postmodernen Autor zu erleben. Ebenso was Regisseure anbelangt; trotz dreier Wiederholungstäter aus dem letzten Jahr und einiger erwartbarer Dauergäste sind paar überraschende Newcomer registrierbar – so Regietalent Thom Luz, der Judith Schalanskys Nichtreiseführer Atlas der abgelegenen Inseln für das Schauspiel Hannover umgesetzt hat…

Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

Atlas der abgelegenen Inseln vom Schauspiel Hannover
Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

Mit dem Finger auf der Landkarte hat man alles ganz allein im Griff, heißt es in einem Kinderlied. Was man dafür braucht, ist nur ein klein bisschen Fantasie. Judith Schalansky hat 2009 so ein Lesebuch für die Daheimgebliebenen mit dem vielversprechenden Titel: Atlas der abgelegenen Inseln: Fünfzig Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde geschrieben. Darin porträtiert die junge, in Greifswald geborene Autorin und Kommunikationsdesignerin fünfzig entfernte Eilande mittels einer künstlerisch gestalteten Landkarte und fünfzig kurzen Episoden, die das große Fernweh, die Sehnsüchte nach fremden, unerreichbaren Ländern beschreiben.

Die Insel gilt uns dabei seit jeher als faszinierender Ort möglicher Utopien wie auch deren Scheiterns. Und der bildgewordene wie sprechende Ausdruck der Geschichte von Weltentdeckung, Schatz- und Glückssuche sind nun mal vorwiegend Karten aller Arten und Couleur. Für die Autorin Schalansky ist die Insel gleichsam „ein theatraler Raum“: „Alles, was hier geschieht, verdichtet sich beinahe zwangsläufig zu Geschichten, zu Kammerspielen im Nirgendwo, zum literarischen Stoff. Diesen Erzählungen ist eigen, dass Wahrheit und Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten sind, Realität fiktionalisiert und Fiktion realisiert wird.“

Treppenhaus des Carl-von-Ossietzky-Gymnasium - Foto: St. B.

Treppenhaus des Carl-von-Ossietzky-Gymnasium
Foto: St. B.

Diese poetisch verdichtete Vermischung macht nun Thom Luz zum Ausgangspunkt für ein mehrstimmiges Hörstück auf drei Stockwerken für vier Schauspieler und ebenso viele Musiker. Als Spielort für sein assoziatives Bild-, Bewegungs- und Musiktheater wählte Luz das gusseiserne Treppenhaus der zwischen 1883 und 1886 errichteten Galerie Cumberland in der Nähe des Schauspiels Hannover. Für die Aufführung beim Berliner Theatertreffen wählte der Regisseur Luz das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Pankow, ein ebenso imposanter Bau mit einem weiten, steinernen Treppenaufgang und schönem Kreuzgewölbe.

Hier begegnen nun den Zuschauern, die auf drei Zwischenebenen des Treppenhauses Platz genommen haben, die historischen Figuren aus Schalanskys Inselimpressionen, die gleich aus dem Nebel der Geschichte auftauchenden Schatten die Treppenläufe auf und ab huschen und fragmentarisch aus ihren Erlebnissen berichten. Zur Dauerentschuldigung ihres flüchtigen Wandelns sprechen sie immer wieder den Satz: „Ich bin (hoffentlich) gleich wieder da.“

Die so umhergeisternden Untoten werden von Stimmen- und Musikfetzen begleitet, die mal ganz nah und dann wieder von weit her an das Ohr des Publikums dringen. Man spielt Haydn mit Posaune, Trommelschlägen und Violin-Begleitung, singt den Anfang von „Somewhere over the Rainbow“ oder den Sehnsuchts-Song von René Carol „Deinen Namen, den hab‘ ich vergessen“. Eine Frau sucht die Piano Keys wie die Schlüssel zu einer anderen Welt, während ein Mann mit lateinamerikanischem Spracheinschlag die unbekannten Namen und geografischen Lagen von einsamen Inseln verliest. Sein „unbewohnt“ klingt wie der Ausdruck der absoluten Ferne und Unwirklichkeit.

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Atlas der abgelegenen Inseln vom Schauspiel Hannover
Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

Geradezu unwirtlich ist in den Erzählungen von Judith Schalansky, so manche Insel mit merkwürdigem Namen wie Einsamkeitsinsel, Antipodeninsel oder Himmelfahrtsinsel. Diese poetische Klanginstallation versucht sich im Sicht- und Hörbarmachen längst vergangener Geschichten und Personen, die einst ihre Spuren hinterlassen haben, gespeichert im Fels irgendeiner einsamen Klippe oder steinernen Treppe eines längst verlassenen Gebäudes. Die Namen und Schicksale von den Menschen, die sich dahin verirrten, ihr Ziel verfehlten oder manchmal sogar starben, sind uns heute Schall und Rauch. Sie wehen in ihren Erinnerungen an uns vorüber.

Neben der Rekordsucht von Atlantikfliegern und Eismeerforschern ist ihre Landnahme aber immer auch die Geschichte von Kolonisation. Davon weiß diese kleine, feine Inszenierung allerdings recht wenig. Sie schwelgt in fremden Sprachen, Sinnen und Farben. Das Azur des Ozeans, das Gelb der Papayas und das Grün des Urwalds wechselt in unserer Vorstellung mit dem kalten, blauen Licht von knirschendem Eis im Nordmeer. Aber nichts ist befriedigender als selbst gewählte Einsamkeit, wie es so schön im Insel-Text heißt. Und darauf einen Gin-Tonic mit Eis.

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Atlas der abgelegenen Inseln (06.05.2015)
von Judith Schalansky
Regie: Thom Luz, Bühne: Demian Wohler; Kostüme: Tina Bleuler, Dramaturgie: Judith Gerstenberg, Musikalische Leitung: Matthias Weibel
Mit: Beatrice Frey, Oscar Olivo, Sophie Krauß, Günther Harder
Musiker: Maria Pache, Karoline Steidl, Iris Maron, Mikael Rudolfsson

Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Uraufführung am Schauspiel Hannover war am 21. September 2014.

tt15_promo_media_gallery_resTermine beim Theatertreffen:
04.05.2015, 20:30 – 21:50
05.05.2015, 20:00 – 21:20
05.05.2015, 23:00 – 00:20
06.05.2015, 20:30 – 21:50
07.05.2015, 20:00 – 21:20
07.05.2015, 23:00 – 00:20

Ort: Carl-von-Ossietzky-Gymnasium, Görschstraße 42/44, Berlin-Pankow

Infos:

http://www.berlinerfestspiele.de/…

http://www.schauspielhannover.de

Zuerst erschienen am 07.05.2015 auf Kultur-Extra.

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Das 52. Berliner Theatertreffen 2015 eröffnet mit der Inszenierung des Jelinek-Stücks „Die Schutzbefohlenen“ vom Thalia Theater Hamburg

Samstag, Mai 2nd, 2015

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Ohne die üblichen großkopferten Vorreden begann gestern Abend im Haus der Berliner Festpiele die 52. Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters. Man war sozusagen sofort mitten drin im Geschehen. Die Realität hat das Theater eingeholt, Wirklichkeit und Kunst reichen sich die Hand auf der Bühne. Geschützte Künstler um den Regisseur Nicolas Stemann und schutzsuchende Flüchtlinge aus Wien, Hamburg und Berlin gestalten im Schutzraum Theater gemeinsam einen Abend voller aufregender gesellschaftspolitscher Fragen, die auch im Anschluss noch für reichlich Gesprächsstoff sorgten.

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Fotos: St. B.

Die Kritik zur Inszenierung DIE SCHUTZBEFOHLENEN steht hier online:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/tt2015_dieschutzbefohlenen_thaliatheaterhamburg.php

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Festung Europa und Schutzraum Theater – Politik und Ästhetik in den eingeladenen Inszenierungen beim 52. Theatertreffen in Berlin (Teil 1)

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Foto: St. B.

Bereits im Oktober letzten Jahres ging ein schier unglaubliches Foto um die Welt. Auf einem riesigen Drahtzaun, der die spanischen Exklave Melilla an der Grenze zu Marokko vom Kontinent Afrika trennt, hingen Flüchtlinge, die unter Einsatz ihres Lebens, diesen Zaun zu überwinden versuchten, während auf der anderen Seite reiche Europäer in aller Seelenruhe Golf spielten. Zurzeit häufen sich in den heimischen TV- und Printmedien wieder die Bilder von gekenterten Flüchtlingsbooten und angeschwemmten Leichen aus dem Mittelmeer. Eine fortgesetzte Schande für die Länder der Europäischen Gemeinschaft und die Verantwortlichen dieses unmenschlichen Grenzregimes.

Neben Realität oder Fiktion, Authentizität und Interaktion gegenüber der reinen Repräsentation sind in der Kunst am Theater auch Politik und Ästhetik von entscheidender Wirkung. Was sich im geschützten Raum des Theaters abspielt, muss immer wieder mit dem tatsächlichen Geschehen in der realen Welt ver- und abgeglichen werden. Theater als offenes oder geschlossenes System – Kunst und Wirklichkeit bedingen sich einander. Vermischen aber kann man sie nur, wenn man sich aus der Fiktion löst und direkt in die Realität einwirkt, auch mit der Aktion vor Ort, die mitunter sogar ein konkretes politisch motiviertes Ziel verfolgt. Ästhetisch gesehen ist das natürlich immer auch eine künstlerische Gratwanderung.

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Mit dem direkt vor Ort gehen tun sich die Stadttheater dann aber doch eher schwer. Die Künstler der Gruppe „Zentrum für Politische Schönheit“, die das dann im letzten Jahr auch gewagt hatten, taten dies noch mit einer sozusagen erst mediales Interesse generierenden Nacht- und Nebelaktion, bei der sie zunächst 14 Kreuze aus der Maueropfer-Gedenkinstallation Weiße Kreuze neben dem Reichstag abmontierten und als sogenannte Solidaritätsaktion zu den Toten des europäischen Grenz-Regimes entführten. Eine Kunstaktion, die das Gedenken der Daheimgebliebenen auch auf die Toten lenken sollte, die das rigide Einwanderungsregime der „Festung Europa“ bisher gefordert hat. Was dem folgte, war ein Aufschrei der Entrüstung und sogar so etwas wie ein echter parlamentarischer Shitstorm. Man kann das auf der Website der Aktionisten nachlesen. Eigentlich beschämend, und so musste das Ganze erst noch mal bittere Aktualität bekommen, als in den letzten Wochen wieder hunderte von ertrunkenen Flüchtlingen aus dem Mittelmeer auf die heimischen Bildschirme schwappten, um eine Reaktion der Erschütterung in den Medien auszulösen.

Parallel zur Mauerkreuze-Aktion machte sich eine Gruppe von Künstlern und Aktivisten unter der Leitung von Zentrums-Chef Philipp Ruch zum Europäischen Grenzzaun auf, den sie mit Bussen quer durch Europa erreichen wollten. Mit Bolzenschneidern und Megafon „bewaffnet“ hatte man sich vorgenommen den EU-Grenzzaun wenigstens in Teilen zu zerstören. Mediale wie politische Aufmerksamkeit war den Aktionisten für Politische Schönheit auf ihrem Weg gewiss. Staatsschutz und Grenzpolizei der verschiedensten Länder folgten dem Tross bis zum Ziel, dem bulgarischen Ort Lessowo. Letztendlich blieb es beim Versuch – scheitern gehört nicht erst seit Christoph Schlingensief zum Credo politischer Aktionskunst. Man kann über diese Aktion streiten, eines kann man ihr aber nicht absprechen, ein Gefühl für politische Zusammenhänge und ein modernes ästhetisches Kunstverständnis, das sich wieder am Menschen orientiert und nicht nur am Gegenstand der Kunst.

Den Zusammenhang von innerdeutscher Mauer und einem neuen Limes an den Grenzen Europas hat 1994 schon Heiner Müller festgestellt. Auch nicht gerade ein Denkfauler. Nun erinnern die Aktionen nicht von ungefähr auch an die von Christoph Schlingensief (etwa „Bitte liebt Österreich“ oder „Baden im Wolfgangsee“), nur dass die Gruppe „Zentrum für politische Schönheit“ hier nicht nur provokativ etwas künstlerisch Fingiertes der bestehenden Realität gegenüberstellt oder den reinen Spaßfaktor bedient, sondern tatsächlich im öffentlichen Raum handelt. Und das mit maximaler öffentlicher Aufmerksamkeit. Natürlich nutzte man hier die Medien samt Bild-Zeitung (vermutlich ist das einer der Gründe warum der sogenannte Vordenker der Ästhetischen Kunstaktion Bazon Brock so vehement dagegen protestierte), und die taten den Aktionisten dann auch den Gefallen, samt entlarvender Politikerkommentare.

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Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg

Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg

Angesichts dessen wäre es geradezu schon kurzsichtig vom Berliner Theatertreffen, der nun wieder anstehenden Leistungsschau der deutschsprachigen Theaterlandschaft, solch Engagements politisch aktiver Kunst nicht zu würdigen. Fast schon retrospektiv bemüht man sich nun dem Thema einigermaßen gerecht zu werden. Und so hat es dann auch ein anderer diskussionswürdiger Versuch, nämlich Nicolas Stemanns Inszenierung des Klageepos Die Schutzbefohlenen von der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek nach Berlin geschafft. Die Produktion des Thalia Theaters Hamburg, die am 1. Mai das 52. Theatertreffen eröffnet, deutet dabei nicht nur an, wo die Grenzen in Europa verlaufen, sondern auch wo der Kunst die Grenzen gesetzt sind. Diese Grenze in den Köpfen und der allgemeinen Wahrnehmung zu verschieben, war letztendlich auch die Absicht der an die Grenze der „Festung Europa“ entführten Berliner Mauerkreuze.

Im Vergleich weniger spektakulär, aber darum nicht minder eindrucksvoll erzählt in Jelineks Stück ein Chor von Flüchtlingen seine Geschichte von Verfolgung, qualvoller Flucht und neuen Repressionen im Land der Verheißung von Freiheit, Gleichheit, Recht und Demokratie. Ein Fundament, auf das wir nicht steigen können, da es auf dem Rücken von Menschen gebaut ist, wie es so ähnlich auch in Jelineks Text heißt. Ihr Text hat Anklänge an antike und mythologische Stoffe wie den Chor Die Schutzflehenden von Aischylos, Ovids Metamorphosen und die Bibel. Aber auch Schriften und Ereignisse mit aktuellem Zeitbezug wie etwa eine Broschüre des österreichischen Staatssekretariats für Integration mit dem schönen Titel „Zusammenleben in Österreich“ oder bös ironische Spitzen auf sogenannte willkommene Einwanderer wie die Opernsängerin Anna Netrebko und die Blitzeinbürgerung der Jelzin-Tochter Tatjana Jumaschewa sind mit eingeflossen.

Die große Frage im Umgang mit dem Text ist: Wer spricht hier für wen, oder wem soll letztendlich wirklich dadurch eine Stimme gegeben werden. Das typische Repräsentations- und Stellvertreterdilemma des Theaters, das hier noch dadurch verstärkt wird, dass man nicht etwa nur eine fiktive Rolle spielt, sondern im Namen einer tatsächlich vorhandenen, aber größtenteils stummen Menschengruppe spricht. Darüber können auch einzelne Aktionen von Flüchtlingen in Wien, Berlin und Hamburg (meist aus einem anderen Schutzraum, wie dem der Kirche, heraus) nicht hinwegtäuschen. Diese Menschen sind uns größtenteils dadurch fremd, dass wir ihre Geschichte/n nicht kennen, und uns auch bisher nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für diese interessiert haben.

Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg

Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg

Neben dem Inhalt des Textes selbst, der mal im typischen Jelinek-Stil kalauernd daher kommt, dann aber auch wieder ganz pathetisch Leid, Verzweiflung und Rechtlosigkeit beklagt, ist es immer auch seine adäquate Darstellung, worüber er sich letztendlich transportiert, um seinen Weg zum Publikum zu finden. Hier ist das Spiel zunächst wie selbstverständlich auf eine Gruppe weißer, männlicher Schauspieler (Sebastian Rudolph, Felix Knopp und Daniel Lommatzsch) aufgeteilt. Zu Ihnen gesellen sich dann noch die schwarzen Schauspieler Ernest Allen Hausmann und Thelma Buabeng sowie die Hamburgerin Barbara Nüsse, die die erste Gruppe nun wieder in Zweifel ziehen.

Stemann lässt alle mit den Worten Jelineks um ihre Präsens und Deutungshoheit auf der Bühne ringen. Sie wissen, dass sie nicht die Flüchtlinge sind. Eigentlich sind sie wie auch wir als Adressaten der Klage ja selbst gemeint. Das gipfelt dann in der Feststellung: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen.“ Ein Dilemma zwischen Betroffenheit über das Gesagte, und dem Paradox der Einfühlung bei gleichzeitiger Repräsentation. Dem begegnen die Darsteller immer wieder mit dem Hinterfragen von Stereotypen, provokantem Vorführen von fragwürdigen Theatermitteln (Black/Whitefacing), einem aus der Rolle heraustreten, oder auch mit Travestie, Slapstick und ironischen Musiknummern.

Die wirklich Betroffenen kommen dann aber auch noch zu Wort. Im Hintergrund formiert sich ein echter Chor aus Schutzsuchenden, die neben Jelineks Text (Wer ist denn diese Jelinek überhaupt?) auch über ihre ganz eigenen Geschichten sprechen. Elfriede Jelinek hat ihr Stück in Anlehnung an in Wien Asyl suchende Menschen geschrieben, die aus Angst vor der Abschiebung die dortige Votivkirche besetzten. Nicolas Stemann spielte in Hamburg mit einer Gruppe von Lampedusa-Flüchtlingen, die in der Sankt Pauli Kirche Zuflucht gesucht hatten. In Berlin sind es Menschen, die vor kurzem noch den Oranienplatz und die Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg besetzt hielten. Ein Umstand, der ein weiteres Dilemma zeigt, die Unfreiheit als Flüchtling in einer freiheitlichen Demokratie. Bei aller Unzulänglichkeit der Darstellung, ein erster Versuch der Flüchtlings-Problematik in theatraler Weise beizukommen. Weitere werden sicher folgen.

Die Inszenierung erntete bisher viel Lob, aber auch ernst zu nehmende Ablehnung. Da tat Stemann sicher gut daran, die Zweifel der Darstellbarkeit gleich mit zu thematisieren. Man kann sich natürlich auch andere Performances wie Schlepperopern oder szenisch aufbereitete Wikipedia-Vorträge über Frontex ansehen (Die haben sicher auch ihre Berechtigung). Und man kann im Voraus oder Nachhinein viel behaupten. Was auch zur Aussage der Macher zur speziell politischen Ausrichtung des aktuellen Theatertreffens passen würde. Nach Festival-Leiterin Yvonne Büdenhölzer widmen sich die eingeladenen Theatermacher in ihren Interpretationen und Kreationen großen gesellschaftspolitischen Problemen wie Krieg, Flucht und den dadurch bedingten Traumata. Doch selbst wenn es denn nicht wirklich so gewollt gewesen wäre, steckt doch einiges an Potential in den eigeladenen Produktionen. Man wird in den nächsten zwei Wochen sehen, ob und wie sich diese Ankündigung bewahrheitet.

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