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Trockeneisnebel und theatraler Oberflächenreiz – Das 54. Berliner Theatertreffen endet mit „Traurige Zauberer“ von Thom Luz und „Die Vernichtung“ von Ersan Mondtag wie es begonnen hat

Freitag, Mai 26th, 2017

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Traurige ZaubererEine stumme Komödie mit Musik – Thom Luz zelebriert mit dem Ensemble des Staatstheaters Mainz eine assoziative Trockeneisnebelübung

Die Trockeneisnebel der großartigen 89/90-Wende-Theatershow vom Schauspiel Leipzig sind gerade erst verflogen, da wird man schon wieder eingenebelt. Diesmal sitzt das Publikum selbst mit auf der Bühne, und Slow-Motion-Zauberer Thom Luz lässt sein Mini-Ensemble vom Staatstheater Mainz ein Stück namens Traurige Zauberer zelebrieren. Es wird Trockeneisnebel in einen Schlauch geblasen, an dessen Ende er sich feingliedrig in die Lüfte erhebt. Eine Trommel stößt Rauchringe aus, ein Karton und eine in einem Garderobenkäfig eingesperrte Frau werden zugenebelt. Sie singen, sinken hin, sollen schweben oder verschwinden. Letztendlich bewegen sich diese traurigen Zauberer aber kaum, nur um hin und wieder ihre Position zu wechseln. „Slow March“, die Zeit läuft rückwärts.

Gelernt hat Thom Luz sein Theater-Handwerk beim Meister der Entschleunigung Christoph Marthaler. Er ist dessen feinsinnigster Apologet und kann doch viel mehr als das Tempo rausnehmen und Rauchringe in die Luft blasen. Hier erzählt Luz die Geschichte des Theaters – als Loop im Vorbeigehen vorgetragen, eine Mär vom Niederbrennen und Wiederaufbauen, von Anfang, Ende und Neubeginn. Dazu klimpern leise zwei Pianos, erscheint ein Magier, der sich als die Hauptattraktion wähnt, scharrend Songs von Charles Ives singt und ein Tablett mit Toast jongliert, bis es herunterfällt.

 

Traurige Zauberer am Staatstheater Mainz
Foto (c) Andreas Etterer

Zauber und Magie der Theaterkunst werden als Duell zweier Großer ihrer Kunst dargeboten. Zumindest erfährt man in Anekdoten vom großen Nikola und Alexander, Widerparts sowohl in der Zauberkunst wie auch in der Liebe zur Assistentin. Der eine möchte als Begleitmusik ein zugängliches Werk von Stockhausen. Auf der Beerdigung des anderen soll es wie am Ende jeder seiner Vorstellungen ein Feuerwerk gegeben haben. Ein solches wird hier allerdings nicht entzündet. Es ist mehr die zitierte Wasserpantomime von Kafka als assoziative Trockeneisnebelübung mit Musik.

Thom Luz unterläuft wie fast immer die Erwartungen. Er eröffnet Räume und Blicke in den leeren Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele, in dem Filmprojektoren rattern und Beifall und Gelächter als Schleife vom Band laufen, schließt sie aber wieder mit Vorhängen, auf denen sich projizierte Wolken mit dem Bühnennebel verbinden. Licht und Schatten erzeugen zusammen mit dem zurückgenommen Spiel eine melancholische Stimmung, die sich schwer wie der wabernde Trockeneisnebel aufs Gemüt legt. Alle Kunst ist vergänglich, raunt der Abend. „J’attendrai le jour et la nuit“ (Ich werde warten Tag und Nacht) singt das Ensemble dazu.

Ein tiefer Blick in den mit Glühbirnen umflorten Garderobespiegel. Geheimnisse bleiben solange geheim, bis man sie verrät, ist eine der vorgetragenen Regeln guter Illusion. Verstehen muss man das alles nicht, es liegt im Nebel der eigenen Assoziation. Nichts Neues also vom Zauberer der wohligen Atmosphäre geheimnisvoller, abgelegener Inseln, leuchtender LSD-Träume und des Vergessens in Zeiten des Holozäns.

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Traurige Zauberer (Haus der Berliner Festspiele, 17.05.2017)
Eine stumme Komödie mit Musik
von Thom Luz
Regie und Text: Thom Luz
Bühne und Kostüme: Lisa Maline Busse
Musikalische Leitung: Mathias Weibel
Licht: Justus Matla
Dramaturgie: Malin Nagel
Mit: Ulrike Beerbaum, Leonhard Dering, Vincent Doddema, Antonia Labs, Denis Larisch, Graham F. Valentine
Uraufführung war am 21.05.2016 im Staatstheater Mainz
Dauer: 1h 40, keine Pause

Infos: http://www.staatstheater-mainz.com

Zuerst erschienen am 18.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Die Vernichtung – Autorin Olga Bach und Regisseur Ersan Mondtag betreiben mit ihrer Stückentwicklung für das Konzerttheater Bern das Verschwinden des Schauspiels

Das 54. Berliner Theatertreffen endet, wie es begonnen hat – mit einem formschönen, theatralen Oberflächenreiz. Textlich sind sich die Tschechow-Überschreibung der Drei Schwestern von Regisseur Simon Stone und die Stückentwicklung Die Vernichtung von Autorin Olga Bach und Regisseur Ersan Mondtag für das Konzerttheater Bern sehr ähnlich. Es ist durchaus vorstellbar, dass sich die jugendlichen Party-Hipster aus der Vernichtung zehn Jahre später immer noch über die Sinnlosigkeit ihres Daseins und zunehmend auch über ihre verpassten Chancen beschweren werden. Die Oberflächlichkeit der Gespräche ist Grundtenor in beiden Inszenierungen. Gravierender Unterschied ist die Ästhetik des Bühnenbilds und die Figurenzeichnung, die sich bei den Drei Schwestern noch relativ klar am klassischen Schauspiel orientieren, während sie sich bei der Vernichtung ästhetisch und darstellerisch vom Text lösen und weitestgehend eigene Wege gehen. Damit sind Stones Drei Schwestern noch eher anschlussfähig für die Verfechter des alten Literaturtheaters. Das brachte dem Australier zu Beginn viel Beifall und am Ende dem Baseler Schauspieler Michael Wächter den Alfred-Kerr-Darstellerpreis aus den Händen der Alleinjurorin und alten Schaubühnenikone Imogen Kogge.

 

Die Vernichtung am Konzert Theater Bern
Foto (c) Birgit Hupfeld

 

Dagegen hat das Berner Schauspielensemble relativ schlechte Karten. In den bunten Body-Painting-Anzügen, die an expressionistische Gemälde von Ernst-Ludwig Kirchner erinnern sollen, sind sie kaum voneinander zu unterscheiden. Oft sieht man nicht einmal, wer gerade durchs Mikroport spricht. Sie wirken austauschbar, sind exemplarische Typen, die in ihrer Überzeichnung für die Auswüchse der westlichen Konsumgesellschaft stehen. „Du bist halt ein Krisensymptom.“ sagt am Ende eine Figur zur anderen. Da hat man allerdings inhaltlich schon lange abgeschaltet, da einem der Text minutenlang nur noch als mit Technomusik unterlegter Soundteppich um die Ohren gehauen wurde.

Dass sich Regisseur Ersan Mondtag nicht in erster Linie für sprechtheaterbasiertes Schauspiel interessiert, ist seit seiner ersten Theatertreffen-Einladung letztes Jahr mit seinem selbstentwickelten stummen Stück Tyrannis bekannt. Der Text von Olga Bach bietet ihm wie schon Michel Decars Stück Schere Faust Papier dann scheinbar auch nur die Inspiration für ein choreografiertes Bildertheater, das sich genreübergreifend an Elementen der Bildenden Kunst wie Malerei und Installation orientiert. Eine momentane Modeerscheinung, der auch die mit Borderline Prozession und Traurige Zauberer ebenfalls eingeladenen Regisseure Kay Voges und Thom Luz frönen.

Überhaupt war das 54. Theatertreffen ein Jahrgang sehr verschiedener, stark ästhetischer Setzungen. Man wird sich daran gewöhnen, wie man es schon bei Herbert Fritschs experimentellen Arbeiten Murmel Murmel und Pfusch getan hat. Beide auch zum Theatertreffen eingeladen und kräftig umjubelt bzw. auch als Unsinn abgetan. Für letztere Inszenierung wurde Fritsch mit dem Berliner Theaterpreis ausgezeichnet, ein weiterer Beweis für die Avantgardestellung der alten Volksbühne, deren Chef Frank Castorf man in diesem Jahr beim Theatertreffen keinen roten Teppich mehr ausrollen wollte. Dafür bekam ganz am Rande Christoph Marthaler den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost für seine Volksbühnen-Abschiedsinszenierung Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter, die man in der 10er-Auswahl des Theatertreffens schmerzlich vermisste.

 

Die Vernichtung am Konzert Theater Bern
Foto (c) Birgit Hupfeld

Doch zurück zu Ersan Mondtags Vernichtung. Mondtag rollt neben dem visuellen den bombastischen Soundteppich aus. Erst ist es Brahms‘ Ein deutsches Requiem, dann folgen Pop und Techno und schließlich wieder Klassik mit Beethovens 3. Sinfonie, zu der sich eine der Figuren aus seinem bemalten Ganzkörperoverall befreit und nackt durch die vom Regisseur designte Paradieslandschaft mit Adonis-Statue, Palmen und Wasserbecken tollt. Vorher diente er dem anderen Trio textlich als Projektionsfläche für den oder das Außenstehende, Verachtete oder Erniedrigte. Befreiung kann auch eine Art der Vernichtung sein. Überhaupt ist hier Freiheit eher ein Lehnwort für Langeweile und Überdruss. Das Trio frönt dem mit Alkohol und Drogen, gibt sich zynischem Hedonismus und Verschwörungstheorien hin. Ein Welpe wird als Sinnbild der eigenen Versklavung ausgelöscht. Man philosophiert über Todesstrafe und Orgasmen oder karikiert Therapie- und Meeting-Bla-Bla.

Dem schwarzmalerischen Klischee-Text setzt Mondtag eine perfekte Körperästhetik entgegen. Er lässt seine Darsteller aus einem erleuchteten Altarbild ins zunächst Finstere fallen und dann wie Aufziehpuppen ins scheinbare Idyll tappen. Sie vollziehen sportliche Übungen, laufen, wippen, schwingen und verknoten sich in allen möglichen Sexualstellungen. Dem fehlgeleitetem Aktionismus und der geistigen Degeneration der Protagonisten den Totalitarismus in Form des Körperkults entgegenzusetzen, leuchtet zwar zunächst ein, erschöpft sich aber auch auf Dauer in pubertärem Gehabe, das provozieren will, aber dabei zusehends erlahmt. Dem zuzusehen wird man schnell müde. Es kommt in den 75 Minuten Spieldauer auch nicht viel Neues hinzu. Dem Ganzen fehlt leider zunehmend die Dynamik, was im allgemeinen Chillout endet. Text und Inszenierung stochern ästhetisch im Symptom, finden aber zu keiner schlüssigen Haltung zum Gegenstand ihrer Kritik.

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Die Vernichtung (Haus der Berliner Festspiele, 21.05.2017)
von Ersan Mondtag und Olga Bach
Regie, Bühne und Kostüme: Ersan Mondtag
Text: Olga Bach
Mitarbeit Bühne und Kostüme: Paula Wellmann
Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy
Lichtgestaltung: Rainer Casper, Rolf Lehmann
Mit: Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann, Lukas Hupfeld, Sebastian Schneider
Uraufführung war am 15.10.2016 im Konzert Theater Bern
Dauer: 1h 30, keine Pause

Info: http://www.konzerttheaterbern.ch

Zuerst erschienen am 22.05.2017 auf Kultura-Extra.

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„Real Magic“ und „Five Easy Pieces“ – Vermeintlich kleine Off-Theater-Produktionen von Forced Entertainment und Milo Rau begeistern beim 54. Theatertreffens in Berlin

Mittwoch, Mai 17th, 2017

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„No, you are wrong, Jerry. Swap!” – Forced Entertainment vollführen mit Real Magic einen Loop des Lebens im HAU 2

Am vierten Tag wurde das 54. Theatertreffens der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum mal wieder international. Die Jury hat die britische Experimentaltheatertruppe Forced Entertainment mit ihrer europa- und amerikaweiten Koproduktion Real Magic nach Berlin eingeladen. Mitproduziert hat auch das Hebbel am Ufer, wo diese kleine Perle der Performancekunst, die im Mai 2016 im PACT Zollverein Essen Premiere hatte, schon im letzten Juni zu sehen war. Sie ist natürlich in englischer Sprache. Eine sonst übliche Übertitelung würde sich hier verbieten, da das Spiel der 1984 in Sheffield gegründet Künstlergruppe unter der Leitung von Tim Etchells ähnlich wie Monty Python von ihrem britischen Mutterwitz lebt.

Forced Entertainment verbinden Schauspiel mit Installation, Performance, digitaler Medienkunst und Film, passen also bestens ins Programm der diesjährigen 10er-Auswahl, die nach Abzug der aus schon erwähnten Gründen nicht beim Theatertreffen gezeigten Räuber– und Schimmelreiter-Inszenierungen aus München und Hamburg zum größten Teil multimedial oder anderweitig Genre-übergreifend daherkommt. Selbst die dröge Glashaus-Assemblage Drei Schwestern von Simon Stone aus Basel ist mehr Mikroport-tönende Bild-Klang-Installation als herkömmliches Sprechtheater.

Gesprochen wird bei Real Magic eigentlich auch recht viel, aber eben auch pausenlose 90 Minuten in Schleife. Der Plot ist schnell erzählt. Die drei Akteure Jerry Killick, Richard Lowdon und Claire Marshall performen eine absurde Game-Show, in der ein Spieler mit verbundenen Augen erraten muss, an was für ein Wort ein zweiter Spieler gerade denkt und auf einem beschriebenen Schild sichtbar hochhält. Vom Spielleiter, der an einem Mikrofonständer zwischen den beiden steht, bekommt der Rater dafür drei Versuche. Im Wechsel werden Schilder mit den Worten „Caravan“, „Algebra“ oder „Sausage“ hochgehalten. Natürlich geht dabei die Wahrscheinlichkeit, dass der eine Spieler die Gedanken des anderen errät, gegen Null. Mit an Irrsinn grenzender Penetranz wird erst „Electricity“, dann „Hole“ und schließlich „Money“ als Lösung angeboten.

 

Real Magic von Forced Entertainment
Foto (c) Hugo Glendinning

 

Und so scheitern dann auch alle drei immer wieder im ständigen Wechsel, ein ums andere Mal. Dass dies nicht langweilig wird, liegt am virtuosen Spiel der Performer, die alle Register ihres Könnens ziehen. Es entspinnt sich ein irrwitziger Reigen aus Rollen-, Kostüm- und Tempowechseln, gemischt mit Slapstick, Elementen der TV-Comedy und des schräges Kabaretts mit von der Konserve eingespielten Lachern. Eine Persiflage auf die Unterhaltungsindustrie mit ihren billigen Rate- und fragwürdigen Zauber-Shows, aber auch eine Kritik am Sinn und Unsinn eines Lebens im Loop.

Natürlich ist in erster Linie Samuel Beckett, der Meister des theatralischen Scheiterns, ein Vater des Gedankens, das moderne Leben auf eine sinnlose Gameshow zu reduzieren. Die drei ziehen sich immer wieder gelbe Hühnerkostüme über, vollführen einen albernen Chicken-Dance als Pauseneinlage und beginnen ihr sinnloses Tun trotzt beständigem Scheitern immer wieder von vorn. Aber so sehr sich der eine auch anstrengt und der andere ihm das Schild schon vor die mittlerweile nicht mehr verbunden Augen hält, die Anweisung des Showmasters „Think harder!“ führt nur zu komischen Verrenkungen. Selbst mehrmaliges Nachfragen und schließlich Einflüstern hilft nicht.

Letztendlich bleibt die Antwort immer die falsche. Scheitern, Wechsel und Neubeginn sind vorprogrammiert. Tiefer führende Gedanken an politische Verkrustung, ans ständige Wegschauen und alternativlose Weitermachen werden dem Spiel im Programmheft impliziert. Sogar Grenzschließungen und Brexit angeführt. Wer mag, kann in den pantomimischen Einlagen und Wortspielen wie „Hole in the Pocket“ oder „The whole World“ danach suchen. In Real Magic spiegelt sich die Tragik des Lebens in der Komödie. Und diese gibt es hier satt und relativ unverkopft, was für einen frischen Wind auf dem Theatertreffen sorgt und in seiner unverkrampften Leichtigkeit eine durchaus bemerkenswerte Magie ausstrahlt.

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Real Magic (HAU 2, 09.05.2017)
Idee und Konzept: Forced Entertainment
Künstlerische Leitung: Tim Etchells
Lichtdesign: Jim Harrison
Design: Richard Lowdon
Produktionsmanagement: Jim Harrison
Mit: Claire Marshall, Richard Lowdon, Jerry Killick
Koproduktion: PACT Zollverein, Essen / HAU Hebbel am Ufer, Berlin / Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt / Tanzquartier Wien / ACCA Attenborough Centre for the Creative Arts, University of Sussex / Spalding Gray Consortium – On the Boards, Seattle / PS122 NYC / Walker Art Center, Minneapolis / Warhol Museum, Pittsburgh
Die Uraufführung war am 04.05.2016 im PACT Zollverein Essen
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.pact-zollverein.de
http://www.hebbel-am-ufer.de

Zuerst erschienen am 10.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Der Schweizer Theatermacher Milo Rau erhält für sein Theaterstück Five Easy Pieces über den belgischen Kindermörder Dutroux den 3sat-Preis des 54. Theatertreffens

Mit Five Easy Pieces vom Schweizer Theatermachers Milo Rau gab es auf dem an performativen Formaten nicht armen 54. Theatertreffen eine weitere ziemlich bemerkenswerte Inszenierung. Rau hat dabei (wie sooft in seinen Stücken) zu einer wahren Begebenheit, hier zum Fall des belgischen Kindermörders Marc Dutroux, recherchiert und lässt das Material in einer Form des reflektierenden Reenactment szenisch performen. Die Besonderheit ist diesmal, dass er dafür sieben belgische Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren besetzt hat, die angeleitet vom Schauspieler Peter Seynaeve den Stoff in einer Art gespieltem Probenprozess erarbeiten.

 

Five Easy Pieces beim 54. Berliner Theatertreffen
Foto (c) Phile Deprez

 

Wie immer geht es Rau dabei natürlich auch um das Medium Theater selbst. Schon mit dem vorangestellten nachgespielten Casting befragt der Regisseur – hier stellvertretend durch Peter Seynaeve – seine Methode der Darstellung. So sollen die Kinder, die dabei nacheinander vorgestellt werden, erzählen, was sie am Theaterspielen interessiert, welche Rollen sie gern übernehmen wollen, oder sie führen kleine Kostproben ihres Können wie Klavier- und Akkordeonspiel oder Tanz- und Gesangseinlagen vor. Immer dabei ist die obligatorische Livekamera, deren Bilder auf einen großen Videoscreen übertragen werden. Die Kinder und ihre Vorstellungen bleiben so im direkten Fokus.

Man merkt sofort, dass den Kindern Theaterspielen nicht fremd ist. Milo Rau kooperiert für Five Easy Pieces mit dem Theater CAMPO Gent, das schon seit Jahren mit Kindern Theater für Erwachsene macht. Die Frage steht trotzdem im Raum und wird auch diskutiert, ob der Regisseur hier nicht Kinder für seine Ziele ausbeutet. Eine moralische Frage, der man sich nicht ganz entziehen kann, und die in den einzelnen Spielszenen auch immer mitschwingt. Eine weitere Gedankenebene zieht Rau mit der Thematisierung der belgischen Kolonialvergangenheit ein. In einem ersten Video wird von erwachsenen Schauspielern die Feier zur Entlassung des Kongo in die Unabhängigkeit gespielt. Die Szene wird von den Kindern in Kostümen parallel reenactet und gesprochen. Rau nutzt die Parallelität der geschichtlichen Ereignisse zur Kindheit Dutroux‘, der im Kongo als Sohn eines Soldaten aufwuchs, um zwei Geschichten unaufgearbeiteter Vergangenheit zu beleuchten.

 

Five Easy Pieces beim 54. Berliner Theatertreffen
Foto (c) Phile Deprez

 

Rede und Ermordung des ersten Ministerpräsidenten des Kongo, Patrice Lumumba, sowie die Ereignisse um die späteren Kindermorde Marc Dutroux‘ sind für Rau doppeltes Trauma eines Landes, in dem die Bilder beider Männer jedem Kind präsent sind. In einem vor Livekamera nachgespieltem Interview erzählt Maurice Leerman, der unbedingt geschminkt einen alten Mann darstellen wollte, als Dutroux‘ Vater dessen Geschichte. Und so steigen die Kinder immer wieder in die Rollen von Polizisten, die den Tatort begehen und vor der Kamera über die Ermittlungen und deren politische Pannen berichten, oder die der Eltern eines der entführten Kinder, wenn sie davon erzählen, wie sie die Nachricht des Todes ihrer Tochter erfahren haben.

Das sind natürlich hochemotionale Momente, die allerdings dadurch gebrochen werden, dass (wie am Filmset) Takes wiederholt werden oder gar ein Tränenstift zum Einsatz kommt. In kleinen Runden zwischendurch reflektieren die Kinder zusammen mit ihrem Regisseur über den Tod, das Töten oder die Trauer. An seine Grenzen gerät das Format, wenn die erst 8jährige Rachel Dedain den Brief eines entführten Mädchens aus ihrem Kellerverlies vorliest und Peter Seynaeve die sich schämende Rachel auffordert, sich wie verabredet bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Die Problematik von Macht und Ohnmacht bleibt hier immer präsent. Letztendlich zeigt aber die Souveränität, mit der die Kinder ihre Rollen ausfüllen, dass ihnen die Konfrontation mit der Wahrheit zumutbar ist.

Den Titel Five Easy Pieces hat Milo Rau den Klavierstücken für Kinder von Igor Strawinsky entlehnt. Thematisch umkreist er sein Rechercheobjekt Dutroux in fünf als Proben angesetzten Übungen für Theater mit den Überschriften: Vater und Sohn, Wunschtraum Schauspieler, Versuch über die Unterwerfung, Allein in der Nacht und Was sind Wolken. Im letzten Kapitel erzählt Polly Persyn die Geschichte eines Marionettentheaters, deren Puppen noch nie Wolken gesehen haben und erst nach der Pleite des Theaters ohne ihre Fäden auf der Müllkippe erstmals den Himmel sehen. Eine schöne Parabel auf die Ambivalenz von Abhängigkeit und Freiheit. Raus Theater verbindet hier auf wundersame Weise das kathartische Spiel mit dem epischen Theater Brechts, indem es die Kinder ihre Sicht der Dinge und die Darstellbarkeit des vermeintlich nicht Darstellbaren vorführen lässt. Man bleibt davon nicht unberührt. Milo Rau bekam nach der Premiere auf dem Festival für seine Inszenierung den 3sat-Preis überreicht. Eine durchaus vertretbare Entscheidung.

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Five Easy Pieces (Sophiensæle, 13.05.2017)
von Milo Rau und Ensemble
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüm: Anton Lukas
Video und Sound: Sam Verhaert
Dramaturgie: Stefan Bläske
Von und mit: Rachel Dedain, Maurice Leerman, Pepijn Loobuyck, Willem Loobuyck, Polly Persyn, Peter Seynaeve, Elle Liza Tayou, Winne Vanacker
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Die Uraufführung beim Kunstenfestivaldesartes Brüssel war am 14. Mai 2016
Die Berlin-Premiere in den Sophiensælen war am 1. Juli 2016
Weitere Termine auf dem Theatertreffen: 20. und 21. Mai 2017 im Haus der Berliner Festspiele

Infos: http://www.campo.nu ; http://www.kfda.be

http://international-institute.de/

Zuerst erschienen am 15.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Storms „Schimmelreiter“ und Schillers „Räuber“ – Zwei bemerkenswerte Inszenierungen der 54. Theatertreffenauswahl, die leider nicht in Berlin zu sehen sind

Sonntag, Mai 14th, 2017

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Und ewig heult der Wind – Johan Simons inszeniert die Bühnenadaption von Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter wie ein magisches Requiem ohne Musik

Jens Harzer als Der Schimmelreiter am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Krafft Angerer

Zwei Literaturadaptionen großer norddeutscher Erzähler hat das Thalia Theater Hamburg in dieser Spielzeit auf dem Programm. Die Novelle Der Schimmelreiter des aus Husum in Nordfriesland stammenden Schriftstellers Theodor Storm und den Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frisst des gebürtigen Greifswalders Hans Fallada, den es außer nach Berlin und Leipzig für eine gewisse Zeit auch mal nach Hamburg zog. Regie führen mit dem Niederländer Johan Simons und dem flämischen Belgier Luk Perceval zwei ebenso bekannte wie erfolgreiche Theatermänner.

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Den Anfang machte im November letzten Jahres der ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele und scheidende Leiter der Ruhrtriennale [Johan Simons], der, bevor er seine neue Intendanz in Bochum antritt, zum wiederholten Male am Hamburger Thalia Theater inszeniert. Für seine Bühnenadaption der Storm’schen Schimmelreiter-Novelle hat er sich von Bettina Pommer einen steilen Deich mit zwei Treppen links und rechts bauen lassen. Über der Krone hängt eine gusseisernen Kirchglocke, deren Klang man allerdings erst kurz vor der Pause des knapp dreistündigen Abends zum ersten Mal vernehmen kann. Daneben liegt die ganze Zeit über die Nachbildung eines weißen Pferdekadavers als Pferdeskelett von der Hallig Jeverssand.

Der Schimmelreiter, ein Meisterwerk des magischen Realismus, ist beliebter Schulstoff. Das Buch dürfte fast jeder irgendwann einmal in der Hand gehalten haben. Die Novelle spielt in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Nordfriesland. Die Hauptfigur Hauke Haien arbeitet sich vom wissbegierigen Jungen über eine Anstellung als Knecht beim alten Deichgrafen Volkerts bis zu dessen Nachfolger hoch. Um die Voraussetzungen für die Übernahme des Amtes zu schaffen, gibt Volkerts Tochter Elke ihre Verlobung mit Hauke bekannt. Dieser gewinnt mit einer neuen Deichanlage Land, vernachlässigt allerdings darüber wider besseren Wissens die Reparatur des alten Deichs, der in einer großen Springflutnacht bricht. Dabei sterben Haukes Frau Elke und sein behindertes Kind. Daraufhin stürzt sich der Deichgraf mit seinem Schimmel vom Deich in die Fluten und wird zum Mythos.

 

Der Schimmelreiter am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Krafft Angerer

 

Der Clou von Simons Inszenierung ist, die einleitende Erzählung als Rahmen für die eigentliche Handlung sieben Mal von Neuem beginnen zu lassen. Und so steht das sechsköpfige Ensemble immer wieder auf der Deichkrone und lässt die Geschichte vom Schimmelreiter – dem großen Unglück, das die sterbende Trien Jans, deren Hund Hauke einst als wütender Junge erwürgte, prophezeit, bis zu jener Nacht in der der Deich bricht – lediglich ergänzt durch weitere Szenen aus der Novelle jedes mal neu erstehen. Die Handlung springt dabei in der Zeit vor und wieder zurück. Doch das Unvermeidliche bricht sich schließlich Bahn. „Was man getan hat, wird man wieder tun. Es gibt nichts Neues unter dieser Sonne.“ sind die fast resignierenden Worte Elkes zu ihrem Mann.

Johan Simons baut seine Inszenierung um die Schuld, die Hauke Haien nach der Meinung der abergläubischen Dorfbewohner auf sich geladen hat, wie ein archaisches Requiem für die Toten auf. Es wird dabei eher wenig gespielt. Die DarstellerInnen stehen mit Blick ins Publikum am Damm und rutschen hin und wieder recht pathetisch, viel Text bewältigend, die glatte Fläche hinunter. Ewig rauscht der Wind, tickt eine Uhr, oder es schlägt die Glocke. Das zieht sich zuweilen auch etwas hin. Den Kampf Haukes mit sich sich selbst und seinen Zweifeln kann Thalia-Ausnahmeschauspieler Jens Harzer sehr gut mit zitternd-fiebriger Stimme wiedergeben. Der Kampf mit seinem neidischen Gegenspielers Ole Peters (Sebastian Rudolph) erschöpft sich in einigen wenigen Wortgefechten.

Mehr Raum nimmt dafür die Familiengeschichte ein. Birte Schnöigk ist eine trotzig-aufrechte Elke. Immer wieder unterstützt sie ihren Hauke gegen die Dörfler, die hier nur von Sebastian Rudolph als Ole und Rafael Stachowiak als Carsten dargestellt werden. Die vorherrschende Kleiderfarbe ist pietistisches Schwarz. Schön schaurig auch Barbara Nüsse als Trin Jans, ebenfalls skurril die Idee, Tochter Wienke traumtänzerische vom belgsichen Schauspieler Kristof Van Boven spielen zu lassen. Johan Simons hat als Kind in Holland selbst eine große Sturmflut erlebt. Diese Erfahrung zieht sich durch mehrere seiner Inszenierungen. Der Mensch, verloren zwischen Gottglauben, zerstörerischer Naturgewalt und aufgeklärerischer Vernunft. Für Simons ist es dabei so, wie Hauke Haien es zu den Wassern sagt: „Ihr könnt nichts Rechtes, so wie die Menschen auch nichts können!” Der Mensch Hauke Haien ist zum Schluss nackt, wie Gott ihn schuf, ein zur Legende gewordenes Voodoo Child.

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Das ist durchaus magisch und in Teilen auch ansehenswert. Was die THEATERTREFFEN-Jury an dieser spröden, etwas zu sehr ins düster Spirituelle abdriftenden Inszenierung fasziniert hat, wird allerdings (wie so oft) ihr Geheimnis bleiben. Die Kritiker waren zur Premiere nicht nur begeistert. Dass nach der Absage des Münchner Residenztheaters wegen der Unaufführbarkeit ihrer technisch für Berlin zu kompliziert ausgestatteten Räuber u.a. Stimmen für eine Nachnominierung der Romanadaption Unterwerfung vom benachbarten Deutschen Schauspielhaus laut wurden, lässt noch mal darüber nachdenken, ob der Schimmelreiter tatsächlich die bemerkenswertere Hamburger Inszenierung des letzten Jahres war. Ein schöner Kontrast zur eher zeitgemäß poppigen und performancelastigen Auswahl ist sie allemal. Für Diskussionsstoff im Berliner Mai ist somit in jedem Fall gesorgt. (Wurde leider abgesagt wegen der Erkrankung des Hauptdarstellers Jens Harzer. Ersatzweise fand eine szenische Lesung des Stücks statt.)

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Der Schimmelreiter (Thalia Theater Hamburg, 23.03.2017)
von Theodor Storm
Bühnenfassung Susanne Meister
Regie: Johan Simons
Musik: Warre Simons
Bühne: Bettina Pommer
Kostüme: Teresa Vergho
Dramaturgie: Susanne Meister
Darsteller:
Kristof Van Boven (Kind)
Jens Harzer (Hauke Haien)
Barbara Nüsse (Trin Jans)
Sebastian Rudolph (Ole Peters)
Birte Schnöink (Elke)
Rafael Stachowiak (Carsten)
Premiere war am 25.11.2016 im Thalia Theater
Termine: 25.05. / 19.06. / 11.07.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 24.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Masse, Mensch, Maschine – Ulrich Rasche schickt am Residenztheater München Schillers Räuber übers Laufband

Das 54. Theatertreffen wirft seine Schatten voraus. Am Wochenende begann der Vorverkauf, und einige der 10 bemerkenswerten Inszenierungen, die nach Berlin eingeladen wurden, sind bereits restlos ausverkauft. Und dabei kann eine der wohl interessantesten Produktionen nicht mal gezeigt werden. Die Räuber, inszeniert von Ulrich Rasche am Residenztheater München, ist technisch so aufwendig, dass sich keine Bühne in Berlin finden ließ, auf der man die beiden großen Laufbänder, auf denen sich Friedrich Schillers Sturm-und-Drang-Klassiker abspielt, ohne Probleme aufbauen ließe. Was fehlt, ist eine sogenannte Zylinderdrehbühne mit Versenkeinrichtungen, die vergleichbar nur die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz besitzt. Aber auch dort gab aus technischen und dispositorischen Gründen keine Möglichkeit, die Inszenierung für zwei Vorstellungen zu realisieren.

 

Die Räuber am Residenztheater – Foto © Andreas Pohlmann

 

Eine 3sat-Aufzeichung für das Haus der Berliner Festspiele soll nun ersatzweise einen Eindruck von der Münchner Inszenierung vermitteln. Aber es dürfte schwer fallen, das unmittelbare Live-Erlebnis in einer vagen Kinoatmosphäre zu vermitteln. Selbst in München ist die Vorstellung nur an zwei Tagen im Monat zu sehen. Die Karten sind entsprechend begehrt. Am letzten Wochenende war es wieder soweit, und das Haus am Münchner Max-Joseph-Platz restlos ausverkauft. Wir waren live vor Ort.

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Über Schillers 1782 in Mannheim uraufgeführte Drama Die Räuber muss man nicht mehr viel sagen. Neben der Befreiung von der tyrannischen Elterngeneration und den gesellschaftlichen Schranken des „Kastratenzeitalters“ ging es dem jungen Autor auch um eine Revolutionierung der Regeln für die dramatische Kunst. Inhaltlich wird das als Kampf zweier ungleicher Brüder abgehandelt. Karl, der ältere, fällt durch die Intrigen von Franz, dem jüngeren, beim Vater in Ungnade und gründet eine Räuberbande in den böhmischen Wäldern. Derweil reißt Franz daheim die Macht an sich, sperrt den siechen Vater in eine Gruft und versucht Amalia, die Geliebte des Bruders, für sich zu gewinnen.

Der Kampf zweier sich selbst ermächtigender Geistes- und Tatmenschen um die wirksameren Mittel, die alte Ordnung zu beseitigen. Letztendlich auch ein endloser Kreislauf der Gewalt in einer unaufhörlich fortschreitenden Gesellschaft. Und diese ständige Vorwärtsbewegung stellt Rasche durch zwei dreh- bzw. auf- und absenkbare Laufbänder dar. Der Regisseur hat damit seine Methode perfektioniert, Text zusammen mit Musik in mechanische Bewegung zu übersetzen, was in Berlin bereits 2014 an den Sophiensaelen bei einer Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns Stück Die kosmische Oktave in klein zu sehen war.

 

Die Räuber am Residenztheater – Foto © Andreas Pohlmann

 

Geradezu kongenial wirkt die Übertragung der mechanischen Wirkungsweise der Laufbänder als Metapher für den unaufhaltsamen Verlauf der Geschichte und die Vergeblichkeit sich dieser zu entziehen. Die Räuber skandieren „Freiheit oder Tod.“ und sind doch Sklaven ihres Handelns. Wie Ilja Repins Wolgatreidler sind die Darsteller auf den mal gerade, mal schief gestellten Laufflächen mit Haltegurten angeseilt. Ein Stürzen und Herunterfallen ist nicht möglich. Der Marsch der Räuber geht unwillkürlich voran, ihrem Hauptman Karl folgend. Rau und monoton deklamiert Franz Pätzold seinen Text, in den die Bande immer wieder chorisch einfällt. Musikalisch begleitet werden sie dabei von vier Live-Musikern und drei Sängern, die den treibenden Takt und Rhythmus mit dumpfen Paukenschlägen, Basslinien Violin-Klängen und Lautgesängen vorgeben.

Wucht und Pathos gepaart mit der archaischen Kraft des Chors. Aber selbst in den ruhigeren Mono- und Dialogszenen stehen die Laufbänder nicht still. Gegenspieler Franz wird (nach der Erkrankung von Valery Tscheplanowa) nun von Katja Bürkle von den benachbarten Kammerspielen verkörpert. Ihr Spiel ist, wie das von Karl, getrieben von den ehrgeizigen Plänen. Die Besetzung der Rolle mit einer Schauspielerin lädt die Bedeutung des sich zu Unrecht missachtet Fühlenden zusätzlich auf. Die Szenen mit der ihn verachtenden Amalia von Nora Buzalka sind intensiv und kalt zugleich.

Dagegen setzt Rasche die Gewalt der auf den Bändern im Takt der Musik und des Gesangs marschierenden Masse der Räuber. Der Regisseur versetzt Schillers Text zusätzlich mit Auszügen aus Der kommende Aufstand, einem vielzitierten linkspolitischen Essay, der erstmals 2007 in Frankreich erschien und ab 2010 in überarbeiteter Fassung im Internat verbreitet wurde. Als Verfasser gilt ein sogenanntes Unsichtbares Komitee. Die Räuber skandieren: „Es geht nicht mehr darum zu warten – auf einen Lichtblick, die Revolution, die atomare Apokalypse oder eine soziale Bewegung. Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht, was kommt, sondern das, was da ist. Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation. Dort ist der Punkt, an dem man Partei ergreifen muss.“ Die Ambivalenz eines starken Wir-Gefühls.

Wie sich das in der Geschichte der politischen Massenbewegungen manifestierte, davon geben die Laufbandszenen mit der detaillierten Schilderung von Raub, Mord und Brandschatzungen Auskunft. Der Freiheitsbegriff scheint damit heute mehr denn je korrumpiert, oder wird wie eh und je von starken Einzelindividuen wie Franz Moor für sich umdefiniert. In den Zeiten unkritischen Fortschrittsglaubens und der endlosen Selbstoptimierung spannt sich die Menschheit selbst ins Joch. Die chorisch beschworene Apokalypse scheint unaufhaltsam. Schillers Skepsis verbindet sich mit der zerstörerischen Kraft der Maschine Mensch. Eine nach wie vor explosive Mischung.

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Die Räuber
von Friedrich Schiller
Regie + Bühne: Ulrich Rasche
Komposition: Ari Benjamin Meyers
Kostüme: Heidi Hackl
Chorleitung: Alexander Weise
Choreinstudierung: Toni Jessen
Mitarbeit Bühne: Sabine Mäder
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Sebastian Huber
Besetzung:
Götz Schulte: Maximilian, Graf von Moor
Katja Bürkle: Franz Moor
Franz Pätzold: Karl Moor
Nora Buzalka: Amalia von Edelreich
Thomas Lettow: Spiegelberg
Max Koch: Schweizer
Leonard Hohm: Razmann
Marcel Heuperman/Alexander Weise: Schufterle
László Branko Breiding: Roller
René Dumont: Daniel
Räuberbande: Moritz Borrmann, Yasin Boynuince, Kjell Brutscheidt, William Cooper, Emery Escher,
Toni Jessen, Max Krause, Bekim Latifi, Cyril Manusch
Sandro Schmalzl: Tenor
Martin Burgmair: Bassbariton
Gustavo Castillo: Bassbariton
Mariana Beleaeva: Violine
Jenny Scherling: Viola
Heiko Jung: E-Bass
Fabian Löbhard: Percussion
Premiere war 23. Sep. 2016 im Residenztheater München
Vorstellungsdauer ca. 3 Std. 30, eine Pause
Termine: 10. und 11.06.2017

Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/die-raeuber

Zuerst erschienen am 25.04.2017 auf Kultura-Extra.

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In Berlin läuft derzeit das 54. Theatertreffen – Es begann mit einer modernen Tschechow-Überschreibung von Simon Stone und einem medialen Totaltheater von Kay Voges

Mittwoch, Mai 10th, 2017

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Drei Schwestern – Eine modernisierte aber recht banale Tschechow-Überschreibung von Simon Stone eröffnete das 54. Berliner Theatertreffen

The same procedure as every year. Am Samstagabend wurde das 54. Berliner Theatertreffen mit salbungsvollen Worten der Kultusstaatsministerin Monika Grüters und durchaus ernsteren vom Direktor der Berliner Festspiele Thomas Oberender eröffnet. Und während vor dem Haus der Berliner Festspiele Claus Peymann, ein alter Theater-Stratege vergangener Tage, seine Erinnerungs-Bücher verkauft, propagiert man innen mal wieder eine „Zeitenwende“: das postfaktische Zeitalter der Fake-News. Die bürgerliche Gesellschaft scheint angesichts des medialen Overkills und des Voranschreitens rechts-nationaler Kräfte zu tiefst verunsichert. Das spiegelt sich auch in den eingeladenen Inszenierungen. Die zehn bemerkenswertesten sollen es immer sein, die von einer siebenköpfigen Jury aus deutschsprachigen Theaterraum ausgewählt wurden. Zwei können nicht kommen. Die technisch aufwendigen Münchner Räuber von Regisseur Ulrich Rasche aus dispositionellen Gründen und der Hamburger Schimmelreiter von Altmeister Johan Simons wegen plötzlicher Krankheit im Ensemble. Dafür wird es eine 3sat-Screening und eine szenische Lesung geben. Ein leider nur schmaler Ersatz für zwei wirklich bemerkenswerte Bühnenleistungen.

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„Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt“, so zitierte Monika Grüters in ihrer Rede den bildenden Künstler Pablo Picasso. Das Theater ist ein Meister der verabredeten Lüge, die auf eine oder mehrere Möglichkeiten verweist oder neue Realitäten schaffen kann, die, wie auch die alten, oft nicht so einfach zu durchschauen sind. Man wünscht sich Einfachheit im modernen Leben, das unerträglich ist, wie es die Olga aus der Basler Eröffnungsinszenierung Drei Schwestern vom australischen Film- und Theaterregisseur Simon Stone beklagt. Das Klagen liegt den Tschechow-Figuren. Sie reden viel von dem, was sein könnte, und tun dennoch meist nicht viel dafür. Stone, der letztes Jahr schon mit einem modernen John Gabriel Borkman in Berlin zu Gast war, spielt seinen Tschechow allerdings nicht im Original, sondern überschreibt ihn mit eigenem Text, der die Geschichte konsequent ins Heute holt.

Das Setting ist ein zweistöckiges Glashaus, in dem fast alle immer anwesend sind, einige Handlungsstränge parallel laufen, in denen immer viel geredet und getrunken wird. Tschechow halt, möchte man sagen. Aber denkste. In den ersten zwei Akten, die am Geburtstag der jüngsten Schwester Mascha und kurz vor Weihnachten im Ferienhaus der Familie in den Schweizer Bergen spielt, lernen wir die ProtagonistInnen als komplett neurotischen Haufen überdrehter Städter kennen, deren Sehnsucht sich nicht nach dem Leben in der Stadt richtet, sondern eher an dem Überangebot der Möglichkeiten scheitern lässt. Stone zeigt eine Horde von Sprechblasen absondernder Partypeople hinter Glas. Die gehobene Mittelschicht im Terrarium zur allseitigen Beäugung freigegeben.

 

Drei Schwestern vom Theater Basel – Foto (c) Sandra Then

 

Olga (Barbara Horvath) ist auch hier eine gestresste Lehrerin, allerdings mit versteckter lesbischer Neigung. Mascha (Franziska Hackl) wirft sich in eine Beziehung zum verheirateten Alexander (Elias Eilinghoff), der hier Pilot und Nachbar mit suizidgefährdeter Frau ist und schon mit verletztem Pulsadern auftaucht. Später spricht er über den Mars als Alternative für eine glücklichere Menschheit. Maschas Mann Theodor (Michael Wächter) ist ein großer Schwätzer, von dem sie sich trennen will. Aber wie bei Tschechow schafft hier niemand den Absprung, nur die Problemchen sind ganz heutiger Natur. Irina wird von ihrem Engagement für Flüchtlinge von einer amerikanischen TV-Serie abgehalten. Bruder Andrej (Nicola Mastroberardino) ist verhinderter Computerspezialist, verkokst und verzockt das Erbe und sucht Ablenkung in den Armen der quakigen Natascha (Cathrin Störmer), die ihn nach der Scheidung schröpfen wird. Sie kauft das Haus. Ein wenig Kirschgarten im Abgang.

Komplettiert wird das Neurosenteam von Onkel Roman (Burgtheaterschauspieler Roland Koch), der seine verpasste Liebe zur Mutter der Schwestern im Alkohol und Jugendwahn ersäuft. Nikolai (Max Rothbart) ist ein planloser Hipster mit adliger Abstammung und schwerer Kindheit, dessen Kumpel Viktor (Simon Zagermann) zuviel Kierkegaard liest und psychopathisch veranlagt ist. Sidekick Herbert (Florian von Manteuffel) spielt den erotomanischen Schwulen mit Neigung zu Explosivem. Ihre verbalen Entgleisungen, Verletzungen und peinlichen Geständnisse treffen pointensicher im Minutentakt. So läuft dann auch alles ziemlich erwartbar ins Chaos. Allerdings brennt nur das Nachbarhaus von Alexander, der am Ende doch wieder zu seiner Frau zurückkehren wird.

Nikolai will mit Irina nach New York, was natürlich auch nichts wird. So jammern und bereuen dann auch alle ihr Schicksal in wehmütigen Monologen. Dazu dreht sich der Glaskasten enervierend wie die ganze Chose ohne Unterlass. Wirklich Neues bekommt man hier trotz behaupteter Aktualität mit Trump-Verweis und lascher Kapitalismuskritik nicht zu sehen. Das Ausstellen der Neurosen des Bürgertums im Glaskasten haben schon andere Theatermacher vorgeführt, u.a. die diesmal nicht vertretene Karin Beier in Hysteria – Gespenster der Freiheit am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Und knallt im ersten Akt eine Pistole, wird sie es auch im letzten tun. Eine alte Tschechow‘sche Bühnenweisheit, die von Simon Stone ebenfalls beherzigt wird. Ein schöner Theaterselbstmord. Weiter so.

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Drei Schwestern (Haus der Berliner Festspiele, 06.05.2017)
Schauspiel von Simon Stone nach Anton Tschechow
Übersetzung aus dem Englischen von Martin Thomas Pesl
Regie: Simon Stone, Bühne: Lizzie Clachan, Kostüme: Mel Page, Licht: Cornelius Hunziker, Musik: Stefan Gregory, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.
Olga: Barbara Horvath
Mascha: Franziska Hackl
Irina: Liliane Amuat
Andrej: Nicola Mastroberardino
Natascha: Cathrin Störmer
Theodor: Michael Wächter
Alexander: Elias Eilinghoff
Viktor: Simon Zagermann
Nikolai: Max Rothbart
Roman: Roland Koch
Herbert: Florian von Manteuffel
Premiere war am 10.12.2016 im Schauspielhaus Basel
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Infos: http://www.theater-basel.ch

Zuerst erschienen am 07.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Das Prinzip Borderline – Kay Voges, Schauspieldirektor am Theater Dortmund, steckt die mediale Welt in ein bürgerliches Vorstadt-TV-Setting mit bombastischem Soundtrack

Mit Wohn-Settings hat es das Theatertreffen in seinen Auftaktinszenierungen. Erst eine übersteuerte Hipsterblase im Glashaus bei banalem Partytalk zur Eröffnung im Haus der Berliner Festspiele und einen Tag später eine ganze bürgerliche Wohnlandschaft, bestehend aus Küche, Bad, Schlaf-, Wohn- und Studierzimmer. Sogar einen SM-Raum gibt es. Angelegt ist das Bühnenbild der Borderline Prozession, das im Original im ehemaligen Megastore von Borussia Dortmund und nun in den Treptower Rathenau-Hallen aufgebaut ist, als Innen- und Außensicht, vor der je eine Zuschauertribüne steht. Wer sich zuerst für die hintere Seite entscheidet, sieht auf eine kleine Trinkhalle, einen Parkplatz mit PKW, eine Bushaltestelle und eine Mauer mit Nato-Stacheldraht und Gitterpforte. Man denkt sofort an so etwas wie Gated Communities. Hin und wieder öffnet sich das Fenster zum SM-Raum, und man sieht entsprechende Szenen. Das räumlich Trennende und doch Gleichzeitige ist Prinzip.

Um das Setting herum bewegt sich schon beim Einlass eine kleine Prozession des Dortmunder Ensembles aus 23 SchauspielerInnen zur Musik des 80er-Avantgarde-Hits In A Manner Of Speaking der amerikanischen Rockband Tuxedomoon. Regisseur und Dortmunds Schauspieldirektor Kay Voges zelebriert und dirigiert eine rituelle Prozession, begleitet von einer beständig das Bühnenbild von Michael Sieberock-Serafimowitsch auf einer Elipsenbahn umkreisenden Livekamera, die ihre Bilder auf jeweils drei Videoscreens überträgt. Per Headset gibt Voges Anweisungen an die Technik.

 

Die Borderline Prozession vom Schauspiel Dortmund
Foto (c) Marcel Schaar

 

Die Zuschauer bekommen also je nach Platzwahl eine unterschiedliche Perspektive auf das nun folgende Geschehen in und vor den Räumen geboten. Nach ca. einer Stunde erfolgt die Aufforderung zu wechseln. Eine mediale Grenzerfahrung durch den gleichzeitigen Einsatz von Echt- und Kamerabildern, gesprochenem und auf den Screens eingeblendetem Text sowie eingespieltem Soundtrack. Aber auch eine Grenzüberschreitung gewohnter Sichtweisen soll es sein. Theoretischen Background liefern Zitate und Textausschnitte aus Literatur, Philosophie und Psychologie. Der Begriff Borderline ist hier also durchaus doppeldeutig zu verstehen, auch wenn es, wie zu Beginn versichert wird, nichts zu verstehen gibt, aber dafür viel zu erleben. Der totale mediale und theatrale Overkill.

Voges und seine dramaturgischen Mitstreiter betreiben nach eigener Erklärung mit ihrem Bilder- und Musiktheater eine Art „Meditation über Grenzen und ein Mash-Up der Ikonographien. Ein Abend mit weit über 30 beteiligten Künstlern über die Komplexität der Welt und die provozierende Einfachheit von Geburt und Tod – zwischen Bildender Kunst, Theater, Film und Liturgie.“ Das trifft es dann auch ziemlich gut. Die Inszenierung sampelt Teile aus so ziemlich allen Kunstgattungen, ist Installation, Aktion, Standbild und Kunstfilm zugleich. Sie spielt mit der Wahrnehmung der Zuschauer und der „Komplexität der Welt“, die durch eine „Gleichzeitigkeit des Ungleichen“ bestimmt zu sein scheint.

 

Die Borderline Prozession vom Schauspiel Dortmund
Foto (c) Marcel Schaar

 

Recht meditativ geht es noch im ersten, Alltag genannten Teil zu. So sieht man im Loop den DarstellerInnen bei der Verrichtung alltäglicher Handlungen zu – wie Morgentoilette, Verabschiedung zur Arbeit und Warten auf den Bus. Die Trinkhalle öffnet und schließt, ein Mann steigt aus dem Auto und wieder ein. Eine Mutter holt ihr Kind (Schauspieler mit Maske) vom Bus ab, und ein Tourist sucht mit Stadtplan nach dem Weg. Dazu hört man die Genesis aus der Bibel oder den Text vom verschwundenen Pfad aus Dantes Göttlicher Komödie. Die Suche nach dem „rechten Weg“ wird kombiniert mit philosophischen Erörterungen über Wahrnehmung, Bilder und Klischees, Texten über Oberfläche und inszenierte Bilder, von Goethe über Originalität, Werner Schwab aus Übergewicht, Unwichtig, Unform oder Allan Ginsbergs Prosagedicht Howl. Aktuell-politisch werden live erste Statements zur französischen Präsidentenwahl eingeblendet oder aus dem AfD-Programm gelesen.

Im zweiten Teil Krise nimmt die Sache Fahrt auf und Bilder- und Textdichte zu. Es kommt auf der Bühne zu Kriegshandlungen mit Soldaten, Geschützdonner, und MPi-Salven sind zu hören. Waterboarding und eine Vergewaltigung finden statt. Es tritt die Heilige Familie auf und Napoleon, den Hegel als „Weltgeist zu Pferde“ bezeichnete. Ein Mann in SS-Uniform zeigt den Hitlergruß, in der Küche werden Zwiebeln geschnitten, und im Bett des Schlafzimmers stirbt langsam eine Frau. Es geht um die Gleichzeitigkeit von Geburt und Tod, von Schönheit und Zerstörung, Freiheit und Unfreiheit, oft nur durch die räumliche Distanz getrennt. Wir hören und lesen Brechts Verse von den finsteren Zeiten, Zitate von Machiavelli, André Breton, Hannah Arendt und Alexander Kluge. Charles Bukowski sinniert über alltägliche kleine Katastrophen. Jemand bittet die Welt um Entschuldigung oder vergleicht Parteiprogramme. Verwirrung, Schuld und Abbitte – bis alles im Stillstand erstarrt.

Die Welterklärungs- und Erkenntnisproblematik verknüpft Voges mit dem experimentellen Gebrauch verschiedener Kunstformen, der Problematik aus vierter Wand, von Originalität und Authentizität. Rein ästhetisch scheint das in diesem durchaus bemerkenswerten Kunstwerk aufzugehen. Allerdings bringt die Inszenierung kaum den propagierten echten Überforderungsfuror und bleibt trotz der Fülle an Informationen in ihren Einzelteilen doch deutbar. Intellektuell gesehen ein philosophisches Schmankerl mit gut gewählter, pathetischer Sounduntermalung von Talk Talk über David Bowie bis zu Gustav Mahlers Auferstehungssinfonie-Finale, in der, die Diktatur der Populisten karikierend, mit Jonathan Meeses Text vom Lolitatum das Diktat der Kunst gefeiert und in einer slapstickartigen Prozession der große Korse mit dem Zweispitz von lauter Lolitas zu Grabe getragen wird.

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Die Borderline Prozession. Ein Loop um das, was uns trennt
(Rathenau-Hallen, 07.05.2017)
von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin
Regie: Kay Voges
Director of Photography: Voxi Bärenklau
Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch
Kostüme: Mona Ulrich
Komposition / Live-Musik: Tommy Finke
Video-Art / Live-Schnitt: Mario Simon
Live-Sound: Joscha Richard
Dramaturgie: Dirk Baumann, Alexander Kerlin
Licht: Sibylle Stuck
Ton: Gertfried Lammersdorf
Coding: Lucas Pleß
Inspizienz: Tilla Wienand
Soufflage: Ginelle Lindemann
Mit: Andreas Beck, Ekkehard Freye, Frank Genser, Caroline Hanke, Marlena Keil, Bettina Lieder, Eva Verena Müller, Christoph Jöde, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth, Raafat Daboul
Studierende des 3. Studienjahrgangs der Folkwang Universität der Künste: Paulina Alpen, Amelie Barth, Carl Bruchhäuser, Thomas Kaschel, Nils Kretschmer, Anja Kunzmann, Lorenz Nolting, David Vormweg, Michael Wischniowski
Live-Kamera: Jonas Schmieta
Dolly Grib: Tobias Hoeft
Die Uraufführung war 14.06.2016 im Theater Dortmund
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, zwei Pausen

Infos: http://www.theaterdo.de

Zuerst erschienen am 09.05.2017 auf Kultura-Extra.

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