Archive for the ‘Theatertreffen Berlin 2010’ Category

Fazit zum Berliner Theatertreffen 2010

Freitag, Mai 28th, 2010

Ich habe jetzt erst das Fazit von Rüdiger Schaper im Tagesspiegel vom 25.5.2010 zum Theatertreffen vollends zu Ende gelesen. Was hat denn Herr Schaper so Essentielles gesagt. Er ist wie die Furie über die Inszenierungen hergefallen und hat Sie in Bausch und Bogen abgekanzelt. Dass da sicher einiges Beliebiges dabei war, ohne Frage. Aber da bekommt man als Leser des Tagesspiegels doch ein völlig falsches Bild, wenn man hier nicht auch noch ein paar andere Stimmen dazu hört.

Hier noch mal O-Ton Herr Schaper: „Mit ihrer Agenda 2010 ist die Jury auf dem kleinsten gemeinsten Nenner gelandet. Hier ein schockgefrorener Horváth mit Depressionsopfern, dort die volle Proll-Dröhnung der ‚Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen‘. Hier die miesen Alltagsmonster, die zwischen ‚Liebe und Geld‘ nicht mehr unterscheiden können, dort die Lemuren aus ‚Riesenbutzbach‘. Hier die aufgezogenen amerikanischen Androiden aus ‚Life and Times – Episode 1‘, dort die wortschwalligen ‚Kontrakte des Kaufmanns‘ der Elfriede Jelinek. Als ob die Theater in Köln und Wien, Hamburg und Berlin bloß noch die fiese Krise auf dem Spielplan hätten!“

Was wäre denn die Alternative gewesen? Trust und Die dritte Generation fällt ihm ein. Na ja, darauf könnte man sich sicher noch einigen. Aber wieso hat die Wirtschaftskrise auf der Bühne nichts zu suchen. Was wäre denn noch so relevant heute? Man schreit immer, das Theater ist nicht aktuell an den Problemen der Leute dran, es wird immer nur hinterher gehechelt und jetzt hat man ein überaktuelles Stück der Frau Jelinek und es ist wieder nicht das Richtige. Verstehe das wer will, ich jedenfalls nicht. Alles keine echten Menschen, nur Typen etc. etc. Was wäre denn, wenn die Menschen auf der Bühne so echt wären, das es schon dokumentarisch wird, das wäre auch wieder keine Kunst in den Augen des Herrn Schaper. Performance mit echten Menschen à la Marina Abramovic, die sich im New Yorker MOMA an einen Tisch vor die Besucher gesetzt hat, das findet er gut. Wie funktioniert das denn im Theater? Ich kann mich erinnern, dass so etwas Ähnliches in der Schaubühne stattgefunden hat. Stücke für jeden einzeln nach Wunsch zusammengestellt in Kabinen. Pollesch hat ein Gesellschaftsspiel in der Volksbühne organisiert. Wäre das etwas für Herrn Schaper?

Schlecht gespieltes Elend, ja wie sieht denn gut gespieltes aus? Elend ist Elend. Dann kommt er mit Franz Xaver Kroetz, Klasse, aber wo ist die passende Inszenierung dazu, her damit.

Dann hat er ja wenigstens noch 2 Stücke nicht verrissen. Schimmelpfennigs Goldener Drachen bekommt eine lobende Erwähnung, wegen Ansätzen von Leichtigkeit, was auch immer er da leichtes gesehen haben mag und der „Solitär“ ist der Kleine Mann, na wer hätte das gedacht. Das Stück mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den man sich einigen kann in diesem Jahrgang, wie schon eine Jury im Fernsehen. Und das ist dann der Volltreffer? Halt mich fest.

Ich will hier nur noch mal eine Lanze für Christoph Marthaler und Anna Viebrock brechen, da die hier in Berlin doch etwas untergegangen zu sein scheinen. Den Rest von Herrn Schapers Reflexionen vergesse ich lieber ganz schnell, sonst kriege ich noch nachträglich die Krise. Die „ewige Verblödungs- und Verödungsmasche“, Figuren, die „bemüht schlaff und maulfaul und lächerlich gekleidet ihre und unsere Zeit totschlagen“, das ist also sein Eindruck von Riesenbutzbach? Das geht doch nun wirklich nicht. Was hat er eigentlich erwartet?

Mein Erlebnis dieser Inszenierung liegt zwar schon etwas zurück, ich sah das Stück bei den Wiener Festwochen im letzten Jahr, aber es ist für mich nach wie vor so präsent, als wenn es gestern gewesen wäre. Es ist eben wie immer ein typischer Marthaler-Viebrock-Abend und die haben nie ein großes Brimborium gebraucht um ihren feinen Charme zu versprühen. Es wird dem Nachbarn direkt übern Gartenzaun geschaut. Wir sehen die Mittelschicht beim Abstieg, beim leisen Goodby-Gesang aus der Konsumwelt. Der Tresor klemmt am Anfang und zum Schluss werden die Möbel abgeholt. Das geht halt heute ohne großes Aufhebens mit der Musik von Schubert, Schumann und Beethovens Fidelio. Wir wollen ja bittschön kulturvoll vor die Hunde gehen. Da schwingt jede Menge feine Ironie und a bisserl Melancholie mit und wenn man schon glaubt alles scheint verloren, dann kommt der Kleinbürger mit viel Schmäh und den Bee Gees zurück. We are „Staying Alive”.

Droht die Zwangskollektivierung der Schauspielkunst? Zum Abschluss des Theatertreffens 2010

Mittwoch, Mai 26th, 2010

Ja, da kann einem tatsächlich Angst und Bange werden. Droht dem Theater jetzt die Zwangskollektivierung der Schauspielkunst? Ist das wieder so eine neue Idee von den Regisseuren, vor denen uns Stadelmaier, Strauß und Stein ständig warnen wollen.

Was ist tatsächlich passiert? Es waren sehr ereignisreiche Tage in Berlin. Wir durften 10 ausgewählte Theaterstücke erleben, die fast alle einen unmittelbaren Bezug in die Gegenwart haben oder sogar direkt davon erzählten. So etwas hat es noch nicht gegeben, in den letzten Jahren waren es 2, 3 oder höchsten 4 der Inszenierungen. Und etwas fehlte tatsächlich der große Einzelschauspieler a la Bruno Ganz und so dürfte es dem Altmeister auch wirklich schwer gefallen sein, seinen Preis los zu werden. Er ist dann zwangsläufig beim einzigen Stück fündig geworden, was eine erkennbare Hauptfigur und einen ihm angemessen Plot besitzt, dem Kleinen Mann von Hans Fallada. Aber auch einer anderen Jury ging es ähnlich, da wurden die Schauspielensemble schmählich ignoriert und sogar versucht sie gänzlich weg zu diskutieren. Das dabei die schönste, dem Gemeinsinn geradezu frönende Inszenierung des Theatertreffens, Die Kontrakte des Kaufmanns, einem faulen Kompromiss zum Opfer gefallen ist, ist die Tragik eines ansonsten erfrischenden Jahrgangs, wenn man von einigen Ausrutschern absieht, die man nie verhindern kann und die auch zur Herausstellung des wirklich Bemerkenswerten dazu gehören.

Die Wiederentdeckung des politischen Theaters wurde angeblich gefeiert. Meiner Meinung nach fehlt dazu noch einiges, aber es muss ja auch nicht zwangsläufig im Agitprop enden. Ein wenig störend finde ich jedoch, das ständige Unken über die Ausstellung von Unterschichten, Aquariengucken und das ewige Darstellen angeblich in unseren Köpfen existierender Klischees. Diese Klischees gehören einfach dazu, es kommt auch keiner auf die Idee der sogenannten Unterschicht ihre Klischees über den Bildungsbürger vor zu spielen. Ich glaube, der geübte Zuschauer kann sehr wohl die Wirklichkeit vom Spielen mit vorhanden Vorurteilen unterscheiden.

Und noch etwas ist mir aufgefallen, die klammheimliche Rückkehr des so verpönten Bühnenbildes in viele der Inszenierungen, sei es Riesenbutzbach, Kasimir und Karoline, Der Kleine Mann, Diebe oder Die Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen. So unterschiedliche Bühnenaufbauten hat man lange nicht gesehen und selbst in den Kontrakten des Kaufmanns existiert so etwas ähnliches wie ein Bühnenbild, wenn es auch im Laufe des Spiels sehr leiden muss und schließlich wie ein Kartenhaus der Träume in sich zusammenfällt und gnadenlos vom begnadeten Ensemble zerschrotet wird.

Am Rande durften wir noch Auszeichnungen für zwei verdiente Damen der Schauspielkunst in Berlin erleben, eine im Osten, gefeiert von den eher jungen Theaterleuten und eine im Westen, benutzt für den Versuch einer Reconquista der alten Garde, allen voran Botho Strauß, flankiert von einer Rede eines bekannten Theaterkritikers zu einer merkwürdigen Fahrt in die brandenburgische Provinz.

Das muss man alles erst mal verarbeiten, bevor man wieder zum zur Zeit eher trüben Berliner Theateralltag übergeht. Aber nach dem Theatertreffen ist vor dem Theatertreffen und vielleicht erkennen dann doch noch bis dahin einige, die Liebe im Theater und den Einzelnen im Ensemble vieler, die diese Theaterliebe teilen und täglich leben. Also dann, in diesem Sinne, bis zum nächsten Mal.