Archive for the ‘Thom Luz’ Category

Trockeneisnebel und theatraler Oberflächenreiz – Das 54. Berliner Theatertreffen endet mit „Traurige Zauberer“ von Thom Luz und „Die Vernichtung“ von Ersan Mondtag wie es begonnen hat

Freitag, Mai 26th, 2017

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Traurige ZaubererEine stumme Komödie mit Musik – Thom Luz zelebriert mit dem Ensemble des Staatstheaters Mainz eine assoziative Trockeneisnebelübung

Die Trockeneisnebel der großartigen 89/90-Wende-Theatershow vom Schauspiel Leipzig sind gerade erst verflogen, da wird man schon wieder eingenebelt. Diesmal sitzt das Publikum selbst mit auf der Bühne, und Slow-Motion-Zauberer Thom Luz lässt sein Mini-Ensemble vom Staatstheater Mainz ein Stück namens Traurige Zauberer zelebrieren. Es wird Trockeneisnebel in einen Schlauch geblasen, an dessen Ende er sich feingliedrig in die Lüfte erhebt. Eine Trommel stößt Rauchringe aus, ein Karton und eine in einem Garderobenkäfig eingesperrte Frau werden zugenebelt. Sie singen, sinken hin, sollen schweben oder verschwinden. Letztendlich bewegen sich diese traurigen Zauberer aber kaum, nur um hin und wieder ihre Position zu wechseln. „Slow March“, die Zeit läuft rückwärts.

Gelernt hat Thom Luz sein Theater-Handwerk beim Meister der Entschleunigung Christoph Marthaler. Er ist dessen feinsinnigster Apologet und kann doch viel mehr als das Tempo rausnehmen und Rauchringe in die Luft blasen. Hier erzählt Luz die Geschichte des Theaters – als Loop im Vorbeigehen vorgetragen, eine Mär vom Niederbrennen und Wiederaufbauen, von Anfang, Ende und Neubeginn. Dazu klimpern leise zwei Pianos, erscheint ein Magier, der sich als die Hauptattraktion wähnt, scharrend Songs von Charles Ives singt und ein Tablett mit Toast jongliert, bis es herunterfällt.

 

Traurige Zauberer am Staatstheater Mainz
Foto (c) Andreas Etterer

Zauber und Magie der Theaterkunst werden als Duell zweier Großer ihrer Kunst dargeboten. Zumindest erfährt man in Anekdoten vom großen Nikola und Alexander, Widerparts sowohl in der Zauberkunst wie auch in der Liebe zur Assistentin. Der eine möchte als Begleitmusik ein zugängliches Werk von Stockhausen. Auf der Beerdigung des anderen soll es wie am Ende jeder seiner Vorstellungen ein Feuerwerk gegeben haben. Ein solches wird hier allerdings nicht entzündet. Es ist mehr die zitierte Wasserpantomime von Kafka als assoziative Trockeneisnebelübung mit Musik.

Thom Luz unterläuft wie fast immer die Erwartungen. Er eröffnet Räume und Blicke in den leeren Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele, in dem Filmprojektoren rattern und Beifall und Gelächter als Schleife vom Band laufen, schließt sie aber wieder mit Vorhängen, auf denen sich projizierte Wolken mit dem Bühnennebel verbinden. Licht und Schatten erzeugen zusammen mit dem zurückgenommen Spiel eine melancholische Stimmung, die sich schwer wie der wabernde Trockeneisnebel aufs Gemüt legt. Alle Kunst ist vergänglich, raunt der Abend. „J’attendrai le jour et la nuit“ (Ich werde warten Tag und Nacht) singt das Ensemble dazu.

Ein tiefer Blick in den mit Glühbirnen umflorten Garderobespiegel. Geheimnisse bleiben solange geheim, bis man sie verrät, ist eine der vorgetragenen Regeln guter Illusion. Verstehen muss man das alles nicht, es liegt im Nebel der eigenen Assoziation. Nichts Neues also vom Zauberer der wohligen Atmosphäre geheimnisvoller, abgelegener Inseln, leuchtender LSD-Träume und des Vergessens in Zeiten des Holozäns.

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Traurige Zauberer (Haus der Berliner Festspiele, 17.05.2017)
Eine stumme Komödie mit Musik
von Thom Luz
Regie und Text: Thom Luz
Bühne und Kostüme: Lisa Maline Busse
Musikalische Leitung: Mathias Weibel
Licht: Justus Matla
Dramaturgie: Malin Nagel
Mit: Ulrike Beerbaum, Leonhard Dering, Vincent Doddema, Antonia Labs, Denis Larisch, Graham F. Valentine
Uraufführung war am 21.05.2016 im Staatstheater Mainz
Dauer: 1h 40, keine Pause

Infos: http://www.staatstheater-mainz.com

Zuerst erschienen am 18.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Die Vernichtung – Autorin Olga Bach und Regisseur Ersan Mondtag betreiben mit ihrer Stückentwicklung für das Konzerttheater Bern das Verschwinden des Schauspiels

Das 54. Berliner Theatertreffen endet, wie es begonnen hat – mit einem formschönen, theatralen Oberflächenreiz. Textlich sind sich die Tschechow-Überschreibung der Drei Schwestern von Regisseur Simon Stone und die Stückentwicklung Die Vernichtung von Autorin Olga Bach und Regisseur Ersan Mondtag für das Konzerttheater Bern sehr ähnlich. Es ist durchaus vorstellbar, dass sich die jugendlichen Party-Hipster aus der Vernichtung zehn Jahre später immer noch über die Sinnlosigkeit ihres Daseins und zunehmend auch über ihre verpassten Chancen beschweren werden. Die Oberflächlichkeit der Gespräche ist Grundtenor in beiden Inszenierungen. Gravierender Unterschied ist die Ästhetik des Bühnenbilds und die Figurenzeichnung, die sich bei den Drei Schwestern noch relativ klar am klassischen Schauspiel orientieren, während sie sich bei der Vernichtung ästhetisch und darstellerisch vom Text lösen und weitestgehend eigene Wege gehen. Damit sind Stones Drei Schwestern noch eher anschlussfähig für die Verfechter des alten Literaturtheaters. Das brachte dem Australier zu Beginn viel Beifall und am Ende dem Baseler Schauspieler Michael Wächter den Alfred-Kerr-Darstellerpreis aus den Händen der Alleinjurorin und alten Schaubühnenikone Imogen Kogge.

 

Die Vernichtung am Konzert Theater Bern
Foto (c) Birgit Hupfeld

 

Dagegen hat das Berner Schauspielensemble relativ schlechte Karten. In den bunten Body-Painting-Anzügen, die an expressionistische Gemälde von Ernst-Ludwig Kirchner erinnern sollen, sind sie kaum voneinander zu unterscheiden. Oft sieht man nicht einmal, wer gerade durchs Mikroport spricht. Sie wirken austauschbar, sind exemplarische Typen, die in ihrer Überzeichnung für die Auswüchse der westlichen Konsumgesellschaft stehen. „Du bist halt ein Krisensymptom.“ sagt am Ende eine Figur zur anderen. Da hat man allerdings inhaltlich schon lange abgeschaltet, da einem der Text minutenlang nur noch als mit Technomusik unterlegter Soundteppich um die Ohren gehauen wurde.

Dass sich Regisseur Ersan Mondtag nicht in erster Linie für sprechtheaterbasiertes Schauspiel interessiert, ist seit seiner ersten Theatertreffen-Einladung letztes Jahr mit seinem selbstentwickelten stummen Stück Tyrannis bekannt. Der Text von Olga Bach bietet ihm wie schon Michel Decars Stück Schere Faust Papier dann scheinbar auch nur die Inspiration für ein choreografiertes Bildertheater, das sich genreübergreifend an Elementen der Bildenden Kunst wie Malerei und Installation orientiert. Eine momentane Modeerscheinung, der auch die mit Borderline Prozession und Traurige Zauberer ebenfalls eingeladenen Regisseure Kay Voges und Thom Luz frönen.

Überhaupt war das 54. Theatertreffen ein Jahrgang sehr verschiedener, stark ästhetischer Setzungen. Man wird sich daran gewöhnen, wie man es schon bei Herbert Fritschs experimentellen Arbeiten Murmel Murmel und Pfusch getan hat. Beide auch zum Theatertreffen eingeladen und kräftig umjubelt bzw. auch als Unsinn abgetan. Für letztere Inszenierung wurde Fritsch mit dem Berliner Theaterpreis ausgezeichnet, ein weiterer Beweis für die Avantgardestellung der alten Volksbühne, deren Chef Frank Castorf man in diesem Jahr beim Theatertreffen keinen roten Teppich mehr ausrollen wollte. Dafür bekam ganz am Rande Christoph Marthaler den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost für seine Volksbühnen-Abschiedsinszenierung Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter, die man in der 10er-Auswahl des Theatertreffens schmerzlich vermisste.

 

Die Vernichtung am Konzert Theater Bern
Foto (c) Birgit Hupfeld

Doch zurück zu Ersan Mondtags Vernichtung. Mondtag rollt neben dem visuellen den bombastischen Soundteppich aus. Erst ist es Brahms‘ Ein deutsches Requiem, dann folgen Pop und Techno und schließlich wieder Klassik mit Beethovens 3. Sinfonie, zu der sich eine der Figuren aus seinem bemalten Ganzkörperoverall befreit und nackt durch die vom Regisseur designte Paradieslandschaft mit Adonis-Statue, Palmen und Wasserbecken tollt. Vorher diente er dem anderen Trio textlich als Projektionsfläche für den oder das Außenstehende, Verachtete oder Erniedrigte. Befreiung kann auch eine Art der Vernichtung sein. Überhaupt ist hier Freiheit eher ein Lehnwort für Langeweile und Überdruss. Das Trio frönt dem mit Alkohol und Drogen, gibt sich zynischem Hedonismus und Verschwörungstheorien hin. Ein Welpe wird als Sinnbild der eigenen Versklavung ausgelöscht. Man philosophiert über Todesstrafe und Orgasmen oder karikiert Therapie- und Meeting-Bla-Bla.

Dem schwarzmalerischen Klischee-Text setzt Mondtag eine perfekte Körperästhetik entgegen. Er lässt seine Darsteller aus einem erleuchteten Altarbild ins zunächst Finstere fallen und dann wie Aufziehpuppen ins scheinbare Idyll tappen. Sie vollziehen sportliche Übungen, laufen, wippen, schwingen und verknoten sich in allen möglichen Sexualstellungen. Dem fehlgeleitetem Aktionismus und der geistigen Degeneration der Protagonisten den Totalitarismus in Form des Körperkults entgegenzusetzen, leuchtet zwar zunächst ein, erschöpft sich aber auch auf Dauer in pubertärem Gehabe, das provozieren will, aber dabei zusehends erlahmt. Dem zuzusehen wird man schnell müde. Es kommt in den 75 Minuten Spieldauer auch nicht viel Neues hinzu. Dem Ganzen fehlt leider zunehmend die Dynamik, was im allgemeinen Chillout endet. Text und Inszenierung stochern ästhetisch im Symptom, finden aber zu keiner schlüssigen Haltung zum Gegenstand ihrer Kritik.

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Die Vernichtung (Haus der Berliner Festspiele, 21.05.2017)
von Ersan Mondtag und Olga Bach
Regie, Bühne und Kostüme: Ersan Mondtag
Text: Olga Bach
Mitarbeit Bühne und Kostüme: Paula Wellmann
Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy
Lichtgestaltung: Rainer Casper, Rolf Lehmann
Mit: Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann, Lukas Hupfeld, Sebastian Schneider
Uraufführung war am 15.10.2016 im Konzert Theater Bern
Dauer: 1h 30, keine Pause

Info: http://www.konzerttheaterbern.ch

Zuerst erschienen am 22.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Das Deutsche Theater Berlin startet mit einer Max-Frisch-Adaption von Thom Luz und einem Fritz-Kater-Stück in der Regie von Tilmann Köhler durchwachsen in die neue Spielzeit

Montag, Oktober 10th, 2016

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Der Mensch erscheint im Holozän – Thom Luz langweilt zum Spielzeitauftakt am Deutschen Theater mit einer späten Erzählung seines Landsmanns Max Frisch

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin - (c) Arno Declair

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin – (c) Arno Declair

„Herr Geiser hat Zeit.“ heißt es in der 1979 erschienen Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän vom damals 68jährigen Max Frisch: Ihr Protagonist, der 73jährige ehemalige Firmeninhaber Herr Geiser aus Basel, zieht sich während eines langanhaltenden Unwetters in den Tessiner Alpen immer mehr in sein Ferienhaus zurück. Ein Erdrutsch droht, die Straße ins Tal ist gesperrt, und der Strom fällt hin und wieder aus. In der drohenden Naturkatastrophe spiegelt sich auch der eigene Verfall. Der alte Mann fühlt sich von der restlichen Welt abgeschnitten und beginnt zunächst aus Langeweile zu lesen. Mehr die im Überfluss vorhanden Sachbücher und Lexika, als Romane, die nur von Menschen und ihren Beziehungen handeln. Herr Geiser sammelt das Wissen der Welt, um es zu bewahren und somit der drohenden Auslöschung des eigenen Ichs zu begegnen.

Ein interessanter Stoff für Thom Luz (Regisseur und Landsmann von Max Frisch) mit Hang zum assoziativ Abseitigen, das sich einfachen, narrativen Erklärungsmustern entzieht. So sind auch seine ebenfalls schon in Berlin zu sehenden Inszenierungen Atlas der abgelegenen Inseln und LSD – Mein Sorgenkind aufgebaut. Luz ist Meister im Erzeugen und Widerspiegeln von Stimmungen. Gern nebelt dafür der Schweizer Regisseur die Bühne ein. Lesen im postdramatischen Kaffeesatz. Und passend auch für das wolkenverhangene Tessiner Tal, das hier auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin einer kleinen Schar Touristen im Vorübergehen von den Ensemblemitgliedern Judith Hofmann, Franziska Machens und Leonhard Dering gbeschrieben wird. Sie tragen Rollenbezeichnungen als verstorbene Frau, Tochter und Schwiegersohn des Herrn Geiser, während Ulrich Matthes als eigentlicher Hauptprotagonist zunächst noch stumm an der Bühnenrampe auf einem Stuhl sitzt.

Die Erzählung über den alten Geiser ist in der dritten Person gehalten und auch weiter auf alle Beteiligten inklusive zweier Klavierspieler Wolfgang Menardi (als deutscher Sonnenforscher) und Daniele Pintaudi (als Armand Schulthess) verteilt. Beides Figuren, die Frisch als Inspirationsquellen für seine Hauptperson dienten. Der Schweizer Industrielle Armand Schulthess als Erfinder eines enzyklopädischen Gartens in den Tessiner Bergen, einer „Enzyklopädie im Walde“ und gewaltigem Nachschlagewerk mitten in der Natur. Ähnlich dem Zettelkasten Geisers, der, um nichts zu vergessen, eine Vielzahl von Lexikoneintragungen ausschneidet und an die Wände seines Hauses pinnt.

 

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin - (c) Arno Declair

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin
(c) Arno Declair

 

Das ist hier nur mit zwei Tapetenwänden und einer Treppe als zweigeschossiges Gestell angedeutet, das von den SchauspielerInnen immer wieder mal bestiegen wird. Ansonsten ist die Bühne außer mehreren Klavieren und Scheinwerfern recht leer. Die Naturbeschreibungen wie die zahllosen Wissensfetzen des Alten, der sich erst nach und nach eine Stimme verschafft, die ihm aber durch die anderen immer wieder genommen wird, verhallen wie ungehört im Nebel. Eine eher vergebliche Selbstvergewisserung, die selbst durch den Besuch der Dorfspelunke oder die versuchte Flucht aus dem Tal den geistigen Verfall des Mannes nicht aufhalten kann. Wissen beruhigt zwar kurzzeitig, aber: „Was heißt Holozän! Die Natur braucht keinen Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.“ lautet der Schlüsselsatz der Erzählung.

Die Natur ist bei Luz allerdings ein rein abstraktes Gedankengebilde. Matthes zählt mit monotoner Stimme die vielen Arten des Donners auf. Er scheint dabei ganz in sich selbst versunken. Auch die Anderen sind eher sprechende Schatten, die ansonsten in dem von Luz durch Wechsel von Licht, Dunkelheit und chorischem Liedersingen zu dezenter, klassischer Klaviermusik erzeugten Stimmungsraum huschen. Sie geben Radiomeldungen wieder, imitieren dabei das Verstellen der Sender mit einer Stahlplatte auf den Saiten eines Klaviers oder lesen im Linienlicht der Punktscheinwerfer Frischs Text. Viel mehr fällt Thom Luz zu diesem existentiellen Drama eines Mannes, dessen Gedächtnis sich trotz des unaufhörlichen Ordnungsdrangs langsam aufzulösen beginnt und im Chaos der Natur aufgeht, nicht ein. Der stille und dennoch hochphilosophische Text dient letztendlich nur für eine der typischen Fingerübungen des Regisseurs mit sparsamer Musikbegleitung, die sich irgendwann hinter sich schließenden Gazevorhängen totläuft.

Dahinter kann Herr Geiser noch etwas über Gott, das Ende der Welt und das Zeitalter der Dinosaurier philosophieren, bis seine Konturen langsam verschwimmen und die Stimme erstirbt. Der Mensch hat dem Lauf der Natur und dem Tod nichts entgegenzusetzen. Ulrich Matthes könnte so auch die Zeit oder die Seitenzahlen ansagen. Es würde nicht viel am Verlauf des 90minütigen Abends ändern. Es macht sich Schläfrigkeit breit. So starben dann wohl auch die Dinosaurier. Aus lauter Langweile.

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Der Mensch erscheint im Holozän
nach der gleichnamigen Erzählung von Max Frisch
in einer Fassung von Thom Luz und David Heiligers
Premiere war am 23.09.2016 Deutsches Theater
Regie: Thom Luz
Musikalische Leitung: Mathias Weibel
Bühne: Wolfgang Menardi, Thom Luz
Kostüme: Sophie Leypold
Dramaturgie: David Heiligers
Licht: Matthias Vogel
Mit:
Ulrich Matthes…Herr Geiser
Judith Hofmann…Elsbeth, seine verstorbene Frau
Franziska Machens…Corinne, seine abwesende Tochter
Leonhard Dering…Der Schwiegersohn aus Basel, der immer alles besser weiß
Wolfgang Menardi…Ein deutscher Sonnenforscher
Daniele Pintaudi…Armand Schulthess
als Besucher: Margitta Azadian, Mohammed Azadian, Martin Heise, Till-Jan Meinen, Sarah Maria Neugebauer, Valentin Olbrich, Nina Philipp, Thomas Reimann
Koproduktion mit dem Theater Basel
Premiere war am 2309.2016 im Deutschen Theater Berlin
Termine: 13., 22.10. / 01., 09., 18.11.2016

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 24.09.2016 auf Kultura-Extra.

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BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – Tilman Köhler inszeniert an den DT-Kammerspielen Fritz Katers Stück als szenisches Panorama des modernen Menschen

Um fünf Ingredienzien des Lebens soll es im Stück BUCH. Berlin gehen. Dazu gehören nach der Szenenabfolge des Autors Fritz Kater Utopie, Phantasie, Liebe und Tod, Instinkt und Sorge. „wie leben wir und warum?“ – ein Panorama des modernen Menschen in fünf Bildern, das von den 60er Jahren bis in die Gegenwart reicht und sich um Geburt, Kindheit, Erwachsenendasein und Tod dreht.

 

Keine Angst vor niemand - Spielzeitmotto am Deutschen Theater Berlin - Foto: St. B.

Keine Angst vor niemand – Spielzeitmotto am Deutschen Theater Berlin – Foto: St. B.

 

An den Münchner Kammerspielen hat es der Regisseur Armin Petras (dessen schreibendes Alter-Ego Fritz Kater ist) im April letzten Jahres selbst uraufgeführt. Damals noch nur BUCH genannt, bringt es der ehemalige Hausregisseur des Dresdner Staatsschauspiels, Tilmann Köhler, nun als Berliner Fassung auf die Bühne der Kammerspiele im Deutschen Theater. Buch bedeutet hier nämlich nicht nur das literarische Werk (Kater nimmt immer wieder Bezug auf Die Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust, auf Jorge Luis Borges oder Samuel Beckett) sondern auch das Krankenhaus Berlin-Buch, in dem 1984 ein 50-jähriger, alkoholkranker Wissenschaftler über sein vergangenes Leben und insbesondere die Jugendzeit sinniert. Ähnlich wie Becketts Krapp spricht er seine Erinnerungen auf Tonband, erlebt nochmal die Jugend in den Sachen des Sohnes, im Wissen selbst gescheitert zu sein. „wo war der, der ich hatte werden wollen? und wer war das? ich hatte ihn lange nicht gesehen.“

Von Hoffnung bis Ernüchterung, Frust bis hin zu Wut, großer Melancholie und Angst gibt es hier alle Zutaten, die echtes Leben ausmachen. Es beginnt 1966 mit einem Futurologen-Kongress in Arizona oder München (Kater gibt für seine Spielorte immer auch globale Alternativen an). Eine Gruppe von Wissenschaftlern spricht über die Zukunft und malt diese in den fortschrittlichsten Utopien aus. Schon hier lässt Autor Kater die philosophischen und technischen Höhenflüge durch mit Maschinenpistolen bewaffnete Bunny-Girls zerstören. Tilman Köhler lässt die Stimmen aus dem Off einspielen, während Jörg Pose als stummer Conférencier im Glitzerfrack mit Zylinder über die Bühnenschräge tänzelt. Die MPi-Bunnys sind gestrichen, dafür gibt‘s andere Häschen und grüne Marsmännchen.

 

BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) - Foto: Arno Declair

BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – Foto: Arno Declair

 

Humor spielt auch in der zweiten Szene, die mit phantasie überschrieben ist, eine große Rolle. In einem weißen Styroporbühnenbild aus den russischen Großbuchstaben ЗИМA (SIMA) für Winter turnen Christoph Franken, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer und Linn Reusse als Berliner Gören herum und warten auf die S-Bahn nach Buch, wo sie den Vater im Krankenhaus besuchen wollen, während die Mutter vermutlich nach dem Westen abgehauen ist. Die Welt der Erwachsenen in den Reflexionen und Worten der lieben Kleinen. Bis auf die Tatsache, dass Köhler hier die Kinderzahl des Originals verdoppelt, bleibt die Erkenntnis – bis auf die, des Beckett‘schen Wartens auf etwas, das nicht kommt – in dieser Spielszene allerdings relativ gering.

Etwas größer sind die Kinder und die Erkenntnisse dann in der dritten Szene, die wie eingangs erwähnt in den 1980er Jahren beim Alkoholiker-Vater in Buch spielt, sowie die Jugendlichen bei der ersten Liebe, in der Disco und am sommerlichen See zeigen. Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Jörg Pose und Linn Reusse spielen das als Live-Konzert. Eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Liebe und Tod, Rock und Blues mit Songs wie „House of the rising Sun“ von The Animals, „She’s lost Control“ von Joy Division und „Hard to Concentrate“ von den Red Hot Chili Peppers. Ein Zugriff, der sich über den Text ziemlich gut erschließt. Jörg Pose glänzt dann noch als emotionales Wrack und gescheiterter Wissenschaftler, der einst die Lebensformel schon in Händen hielt und nun nur noch als verwischtes Action-Painting an die Wand pinselt, während die Jugend ihm gelangweilt ins Wort fällt.

Nach der Pause wird dann wieder relativ konventionelles Theater gegeben. In jeweils zwei Paarkonstellationen lässt Köhler die restlichen beiden Szenen spielen. In instinkt berichtet eine junge, schwangere Elfentenkuh (Linn Reusse) von den Massakern der Menschen und sucht zusammen mit einem jungen Bullen nach einem sogenannten „stillen land“. Utopie und Ideologie in einer Tierparabel, die hier etwas hilflos auf der Bühne zerstampft wird. Hochemotional wird es dann noch mal in der letzten Szene sorge, in der Wiebke Mollenhauer im weißen Brautkleid und Schauspielgast Matthias Reichwald aus Dresden ein Paar im Heute geben, das über der Sorge um ihr krankes Kind und den verschiedenen Ansichten zur persönlichen Lebensplanung und Künstlerkarriere zerbricht.

Man muss hier nachträglich eine kleine Lanze für das von den Kritikern nach der Premiere arg zu Unrecht gescholtene Stück brechen. Kater schließt hier fast nahtlos an seine in ebenso losen Szenefolgen gehaltenen Utopie- und Geschichtsdramen we are blood (2010) und demenz depression und revolution (2013) an. Selbst die besonders im ersten Teil etwas zu naiv bunt bebildernde Inszenierung von Tilmann Köhler ist so schlecht nicht. Auch wenn man sich vielleicht gewünscht hätte, dass der Regisseur hier und da doch noch stärker zupackend mit dem Stoff umgegangen wäre. Ein Abend, der sich aber trotz einiger kleiner Schwächen dennoch durchaus zu sehen lohnt.

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BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – DT-Kammerspiele, 06.10.2016
von Fritz Kater
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Nicole Timm
Kostüme: Susanne Uhl
Musik: Jörg-Martin Wagner
Licht: Thomas Langguth
Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Christoph Franken, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Jörg Pose, Matthias Reichwald, Linn Reusse
Premiere war am 24.09.2016 in den DT-Kammerspielen
Termine: 12., 21.10. / 09., 22.11.2016

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 08.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Episches und Meditatives aus Stuttgart und Basel bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin

Sonntag, Juni 19th, 2016

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I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) von Fritz Kater – Ein Gastspiel des Schauspiels Stuttgart

In seinem neuen Stück I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) erzählt Fritz Kater, das Dramatiker-Alter-Ego des Regisseurs und Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart Armin Petras, deutsche Geschichte mal nicht wie in zeit zu lieben zeit zu sterben oder heaven (zu Tristan) aus der reinen Ost-Perspektive. Der Autor spannt einen Bogen in 13 Szenen von 1941 im Kriegs-Berlin über die bundesdeutsche Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre bis zum Sommer 1989 in West-Berlin kurz vor dem Mauerfall. Vielleicht ist das Stück auch so etwas wie ein westdeutsches Pendant zu Christa Wolfs Roman Der Geteilte Himmel, den Armin Petras 2015 an der Berliner Schaubühne mit viel ostdeutschem Zeitkolorit inszeniert hat.

 

I´m earching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) - Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Im wahrsten Sinne des Wortes erzählt wird hier die Liebesgeschichte des Journalisten Maibom (André Jung) und seiner Freundin Rieke (Fritzi Haberlandt), einer Mitarbeiterin eines West-Berliner Immobilienbüros. Sie leben Anfang 1959 im siebenten Jahr zusammen und denken sogar an Heirat. Nach einer Auslandsreise Maiboms nach Havanna, wo er eine Reportage über den Sieg der kubanischen Revolution machen soll, holt die Beiden ein Jahr später ihre Vergangenheit wieder ein.

Katers Stücktext ist, wie schon erwähnt, sehr episch geraten. In längeren Monologpassagen erzählen die Figuren in Rückblenden Episoden aus ihrem Leben während des Kriegs. Rieke hieß 1941 noch Rosa, ein 15jähriges Mädchen, das nach einer Vergewaltigung in die Prostitution abrutschte und dann über den Nazi-Mann Hauser Auslandagentin in Rom wurde. Auch Maibom hatte damals noch einen anderen Namen und war jüdisch-polnischer Kampfpilot. Nach dem Krieg ging er nach Israel, wurde Agrarflieger, verlor sein Bein bei einem Absturz und ging schließlich wieder nach Deutschland, wo er nun als Journalist und gelegentlich als Nazijäger für den Mossad arbeitet.

 

Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Das klingt zunächst recht spannend und ist auch in Teilen ganz interessant anzuhören. Allein ein richtiges Stück will daraus nicht werden. Die weitestgehend statische Inszenierung des Stuttgarter Opern-Intendanten Jossi Wieler bremst den hochtrabend-langatmigen Text zusätzlich aus. Besonders die Israelpassage im Krankenhaus von Tel Aviv absolviert André Jung komplett im Liegen. Trotz guter Schauspieler wirkt das streckenweise wie eine szenische Lesung auf einem Haufen zersplitterter Gipszementplatten, auf denen die DarstellerInnen unsicher balancieren wie auf dünnem Eis.

Fritz Kater springt in der Zeit vor und zurück, bedient sich bei Stilelementen des Film Noir, des Agententhrillers oder bei Kriegs- und Reiseliteratur von Anna Seghers, Erich Maria Remarque, William Faulkner und Hunter S. Thomson. Das Filmische wird zusätzlich durch Schwarz-weiß-Videoeinblendungen und Jazzmusik betont. Die 40er und 50er Jahre sind auch in den Kostümen maßgebend. Miles Davis und Philip Marlow treffen hier auf Kommissar Blacky Fuchsberger.

Weitere Figuren werden in die Story eingewoben, wie die ominöse Milena (Manja Kuhl), die Maibom nach der Entführung von Rieke/Helene 1960 in einer Villa in Bonn-Bad Godesberg neben der Leiche eines italienischen Musiktheoretikers und Bach-Spezialisten trifft, oder einen aus der DDR nach West-Berlin geflohenen jungen Musiker (Matti Krause), der dort 1989 neben dem gealterten Maibom wohnt. Und auch der verdruckste Ossi hat eine schuldbeladene Fluchtgeschichte.

Neben der komplizierten Liebesbeziehung ist das vor allem aber auch ein Stück über vergebliche Vergangenheitsbewältigung und Heilung von Wunden, was laut Maibom nur durch das Vergessen geschehen kann. Allein er kann nicht vergessen, und er kann auch nicht sterben, weil ihn der Hass an den Nazi Hauser am Leben hält. Und natürlich klagen Maibom/Kater auch ein wenig über vergangene Revolutionen, nach deren erster Euphorie in ein paar Jahren schnell alles wieder beim Alten ist. Man befindet sich im permanenten Kriegszustand, bis einer gesiegt hat. Nach Schuld oder Wahrheit wird hier nicht gefragt. Was schmerzt, ist der Verlust über das, was man schon sicher zu haben glaubte. Etwa wie Orpheus seine Eurydike, deren Geschichte Kater als Sekundärdrama mit einflicht.

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I’M SEARCHING FOR I:N:R:I (EINE KRIEGSFUGE)

(DT-Kammerspiele, 14.06.2016)
Regie: Jossi Wieler
Bühne / Kostüme: Anja Rabes
Musik: Wolfgang Siuda
Video: Chris Kondek
Dramaturgie: Jan Hein
Licht: Felix Dreyer, Rainer Eisenbraun
Mit: André Jung (maibom), Fritzi Haberlandt (rosa, helene, rieke – ein und dieselbe person), Manja Kuhl (milena), Lucie Emons (julie) und Matti Krause (der junge mann)
Uraufführung am Schauspiel Stuttgart: 11. März 2106
Gastspiel des Schauspiels Stuttgart zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 15.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit LSD – Mein Sorgenkind – Thom Luz organisiert mit seiner Baseler Minimal-Inszenierung der Drogenradfahrt von Albert Hofmann einen eher unterdosierten Klang- und Bilderrausch

Von wegen LSD-Trip. Es sollen schon Radfahrer allein an der reinen Schweizer Bergluft einer Art Höhenrausch verfallen sein. Nun hat aber der Schweizer Chemiker Albert Hofmann die Wirkung der von ihm entdeckten Droge LSD, einem Derivat der aus dem Mutterkorn gewonnenen Lysergsäure, 1943 tatsächlich bei einer Velo-Fahrt von Basel in den Vorort Bottmingen an sich selbst getestet. Dieser halbwegs kontrollierte Trip, den Hofmann minutiös festhielt und seine Erfahrungen 1979 in dem Buch LSD – Mein Sorgenkind veröffentlichte, inspirierte den hochgelobten Theater-Experimentator Thom Luz zu einer theatralen Wiederholung. Dabei interessierte ihn allerdings weniger der eigentliche Drogenrausch als die Tatsache des im Buch beschrieben Phänomens, „in relativ kurzer Zeit in einen Bereiche vorzudringen, der sich in Worten nur schwer ausdrücken lässt.“

Nun gleichen die Beschreibungen von Albert Hofmann schon recht genau den Vorstellungen, die man gemeinhin mit solcher Art von Drogenerfahrungen verbindet. Psychedelische Zustände und visuelle Halluzinationen mit übersteigerten Klang- und Farbwahrnehmungen. Zitat: „Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.“ Besonders merkwürdig war Hofmann, „wie alle akustischen Wahrnehmungen (…) sich in optische Empfindungen verwandelten“. Und genau dahin zielt der Versuch des Bühnen-Tüftlers Luz.

 

LSD - Mein Sorgenkind am Theater Basel - Foto (c) Simon Hallström

LSD – Mein Sorgenkind am Theater Basel
Foto (c) Simon Hallström

 

Dabei ist das Instrumentarium, das der Regisseur hier auf großer Bühne auffährt, relativ sparsam. Thom Luz und Wolfgang Menardi haben einen Versuchsraum geschaffen, der einem Laboratorium wie in der Schweizer Sandoz AG in etwa nahe kommen könnte. Hohe weiße Wände, ein paar Pflanzen und Stühle, dazu ein Cembalo, Soundmixer, Klangstangen, Speichenräder, Monitore, auf denen eine Kamerafahrt durch das nächtliche Basel übertragen wird, eine Verkehrsampel und ein Vogelkäfig.

Es dauert etwas, bis sich das Schauspielensemble, das weiße Kittel und auch mal Atemmasken trägt, eingerichtet hat. Man spielt Minimalmusik und spricht Fragmente aus den Erinnerungen Albert Hofmanns. Etwa die einer „Verzauberung aus Kindertagen“ bei einem Waldspaziergang, bei dem ihm plötzlich alles wie in einem hellen Licht erschien. Ein „Glücksgefühl der Zugehörigkeit und der seligen Geborgenheit“. Dazu zwitschern die Vögel, am Mischpult entstehen immer wieder experimentelle Störgeräusche, und verzerrte Stimmen wie aus dem All gefunkt sind wahrnehmbar.

Vieles wird nur angestimmt, bleibt aber schnell wieder stecken. Ein gewisses ironisch entschleunigtes Marthaler-Feeling macht sich breit. Man singt im Chor Partien aus Haydns Oratorium Die Schöpfung, was sehr gut zum Schöpfungsakt des Wissenschaftlers und seiner späteren Aussage zum Bewusstsein als dem größten Geschenk des Schöpfers an die Menschen passt. Zu den Zustandsbeschreibungen auf der Fahrradfahrt Hofmanns, die genaue Orte, Straßen und Plätze benennen, werden immer mehr Klaviere aufgefahren, in die lange Papierrollen eingespannt sind. Die Dämpfer der Hämmer sind mit Farbe getränkt und hinterlassen beim Anschlag entsprechende Farbmuster auf den Rollen, die an Prospektstangen hochgezogen, schließlich einen ganzen Wald bilden. Die Farbklaviere erzeugen einen sehr schönen Effekt in Klang und Bild, der aber der einzige Farbtupfer auf dunkler Bühne bleibt.

„Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr – von der Wahrheit.“ Dabei hatte sich Hofmann bei der Erprobung tätige Mithilfe beim deutschen Schriftsteller Ernst Jünger geholt. „Es handelt sich ja eigentlich nicht nur um das Visuelle, sondern um die Schärfung der Sinnesorgane überhaupt. Ich möchte sagen, die Bandbreite wird nach beiden Seiten verlängert und überschritten.“ lässt sich der drogenerfahrene „Psychonaut“ in einem Gespräch mit Albert Hofmann in den 1970er Jahren vernehmen. Übrigens legte sich der kultivierte LSD-Genießer Ernst Jünger bei seinen äußerst kontrollierten Trips immer gern Mozart auf.

Bei Luz zerrt es akustisch mal ein wenig in die eine, mal in die andere Richtung. Zu wirklichen Grenzüberschreitungen kommt es aber nie. Als kleine Wahrnehmungsstörung funktioniert der Abend ganz gut, wenn man sich schon darüber wundert, dass einem die Beatles plötzlich spanisch vorkommen. Nun gilt ja Musik durchaus als spiritueller Rauscherzeuger. Besonderer Mittelchen zur kollektiven Verzückung braucht es da nicht unbedingt. Eine Explosion der Sinne oder wie auch immer geartete Bewusstseinserweiterung bleibt hier aber weitestgehend aus. Es wirkt eher wie der meditative Versuch einer spirituellen Kontemplation. Luz verabreicht sein „LSD“ in homöopathischen Dosen. Ein Vogel im Käfig eben. Auch Jünger bezeichnete die Modedroge der Hippies, nachdem er sie zu stark mit Wasser verdünnt hatte, als Hauskatze verglichen mit dem Königstiger Meskalin.

Man lese LSD. Albert Hofmann und Ernst Jünger. Der Briefwechsel 1947 bis 1997, der den intellektuellen Austausch Hofmanns mit dem experimentierfreudigen, nicht ganz unproblematischen Künstler und Lebensphilosophen Jünger dokumentiert. Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen und der Biologe Cord Riechelmann kommen in einem im Buch veröffentlichten Gespräch über Jüngers Drogenexperimente und dessen Essay Annäherungen. Drogen und Rausch zu der interessanten Feststellung: „Wozu habe ich einen Möglichkeitssinn, wenn er mir nicht den Blick auf die Wirklichkeit erweitert?“ Musils „Möglichkeitsmensch“ lässt grüßen. Außerdem klingt das dann schon fast wie eine ultimative Aufforderung für experimentierende Theatermacher.

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LSD – MEIN SORGENKIND (DT Berlin, 15.06.2016)
Inszenierung: Thom Luz
Bühne: Thom Luz, Wolfgang Menardi
Kostüme/Licht: Tina Bleuler
Musik: Mathias Weibel
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer
Mit: Carina Braunschmidt, Mario Fuchs, Wolfgang Menardi, Daniele Pintaudi, Mathias Weibel und Leonie Merlin Young
Uraufführung am Theater Basel: 31.Oktober 2015
Gastspiel des Theaters Basel zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-basel.ch/

Zuerst erschienen am 17.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Ich bin dann mal… gleich wieder da – In seiner Inszenierung von Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln“ spielt Regisseur Thom Luz ironisch mit der Illusion von Fernweh. Theatertreffen 2015 (Teil 2)

Samstag, Mai 9th, 2015

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Neben Klassikern wie Ibsen, Brecht und Beckett gibt es beim Theatertreffen 2015 auch vereinzelt den modernen oder postmodernen Autor zu erleben. Ebenso was Regisseure anbelangt; trotz dreier Wiederholungstäter aus dem letzten Jahr und einiger erwartbarer Dauergäste sind paar überraschende Newcomer registrierbar – so Regietalent Thom Luz, der Judith Schalanskys Nichtreiseführer Atlas der abgelegenen Inseln für das Schauspiel Hannover umgesetzt hat…

Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

Atlas der abgelegenen Inseln vom Schauspiel Hannover
Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

Mit dem Finger auf der Landkarte hat man alles ganz allein im Griff, heißt es in einem Kinderlied. Was man dafür braucht, ist nur ein klein bisschen Fantasie. Judith Schalansky hat 2009 so ein Lesebuch für die Daheimgebliebenen mit dem vielversprechenden Titel: Atlas der abgelegenen Inseln: Fünfzig Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde geschrieben. Darin porträtiert die junge, in Greifswald geborene Autorin und Kommunikationsdesignerin fünfzig entfernte Eilande mittels einer künstlerisch gestalteten Landkarte und fünfzig kurzen Episoden, die das große Fernweh, die Sehnsüchte nach fremden, unerreichbaren Ländern beschreiben.

Die Insel gilt uns dabei seit jeher als faszinierender Ort möglicher Utopien wie auch deren Scheiterns. Und der bildgewordene wie sprechende Ausdruck der Geschichte von Weltentdeckung, Schatz- und Glückssuche sind nun mal vorwiegend Karten aller Arten und Couleur. Für die Autorin Schalansky ist die Insel gleichsam „ein theatraler Raum“: „Alles, was hier geschieht, verdichtet sich beinahe zwangsläufig zu Geschichten, zu Kammerspielen im Nirgendwo, zum literarischen Stoff. Diesen Erzählungen ist eigen, dass Wahrheit und Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten sind, Realität fiktionalisiert und Fiktion realisiert wird.“

Treppenhaus des Carl-von-Ossietzky-Gymnasium - Foto: St. B.

Treppenhaus des Carl-von-Ossietzky-Gymnasium
Foto: St. B.

Diese poetisch verdichtete Vermischung macht nun Thom Luz zum Ausgangspunkt für ein mehrstimmiges Hörstück auf drei Stockwerken für vier Schauspieler und ebenso viele Musiker. Als Spielort für sein assoziatives Bild-, Bewegungs- und Musiktheater wählte Luz das gusseiserne Treppenhaus der zwischen 1883 und 1886 errichteten Galerie Cumberland in der Nähe des Schauspiels Hannover. Für die Aufführung beim Berliner Theatertreffen wählte der Regisseur Luz das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Pankow, ein ebenso imposanter Bau mit einem weiten, steinernen Treppenaufgang und schönem Kreuzgewölbe.

Hier begegnen nun den Zuschauern, die auf drei Zwischenebenen des Treppenhauses Platz genommen haben, die historischen Figuren aus Schalanskys Inselimpressionen, die gleich aus dem Nebel der Geschichte auftauchenden Schatten die Treppenläufe auf und ab huschen und fragmentarisch aus ihren Erlebnissen berichten. Zur Dauerentschuldigung ihres flüchtigen Wandelns sprechen sie immer wieder den Satz: „Ich bin (hoffentlich) gleich wieder da.“

Die so umhergeisternden Untoten werden von Stimmen- und Musikfetzen begleitet, die mal ganz nah und dann wieder von weit her an das Ohr des Publikums dringen. Man spielt Haydn mit Posaune, Trommelschlägen und Violin-Begleitung, singt den Anfang von „Somewhere over the Rainbow“ oder den Sehnsuchts-Song von René Carol „Deinen Namen, den hab‘ ich vergessen“. Eine Frau sucht die Piano Keys wie die Schlüssel zu einer anderen Welt, während ein Mann mit lateinamerikanischem Spracheinschlag die unbekannten Namen und geografischen Lagen von einsamen Inseln verliest. Sein „unbewohnt“ klingt wie der Ausdruck der absoluten Ferne und Unwirklichkeit.

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Atlas der abgelegenen Inseln vom Schauspiel Hannover
Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

Geradezu unwirtlich ist in den Erzählungen von Judith Schalansky, so manche Insel mit merkwürdigem Namen wie Einsamkeitsinsel, Antipodeninsel oder Himmelfahrtsinsel. Diese poetische Klanginstallation versucht sich im Sicht- und Hörbarmachen längst vergangener Geschichten und Personen, die einst ihre Spuren hinterlassen haben, gespeichert im Fels irgendeiner einsamen Klippe oder steinernen Treppe eines längst verlassenen Gebäudes. Die Namen und Schicksale von den Menschen, die sich dahin verirrten, ihr Ziel verfehlten oder manchmal sogar starben, sind uns heute Schall und Rauch. Sie wehen in ihren Erinnerungen an uns vorüber.

Neben der Rekordsucht von Atlantikfliegern und Eismeerforschern ist ihre Landnahme aber immer auch die Geschichte von Kolonisation. Davon weiß diese kleine, feine Inszenierung allerdings recht wenig. Sie schwelgt in fremden Sprachen, Sinnen und Farben. Das Azur des Ozeans, das Gelb der Papayas und das Grün des Urwalds wechselt in unserer Vorstellung mit dem kalten, blauen Licht von knirschendem Eis im Nordmeer. Aber nichts ist befriedigender als selbst gewählte Einsamkeit, wie es so schön im Insel-Text heißt. Und darauf einen Gin-Tonic mit Eis.

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Atlas der abgelegenen Inseln (06.05.2015)
von Judith Schalansky
Regie: Thom Luz, Bühne: Demian Wohler; Kostüme: Tina Bleuler, Dramaturgie: Judith Gerstenberg, Musikalische Leitung: Matthias Weibel
Mit: Beatrice Frey, Oscar Olivo, Sophie Krauß, Günther Harder
Musiker: Maria Pache, Karoline Steidl, Iris Maron, Mikael Rudolfsson

Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Uraufführung am Schauspiel Hannover war am 21. September 2014.

tt15_promo_media_gallery_resTermine beim Theatertreffen:
04.05.2015, 20:30 – 21:50
05.05.2015, 20:00 – 21:20
05.05.2015, 23:00 – 00:20
06.05.2015, 20:30 – 21:50
07.05.2015, 20:00 – 21:20
07.05.2015, 23:00 – 00:20

Ort: Carl-von-Ossietzky-Gymnasium, Görschstraße 42/44, Berlin-Pankow

Infos:

http://www.berlinerfestspiele.de/…

http://www.schauspielhannover.de

Zuerst erschienen am 07.05.2015 auf Kultur-Extra.

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