Archive for the ‘Thomas Freyer’ Category

Letzte Endspiele von Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE – Einige Abschiede an Berliner Theatern (Teil 2)

Dienstag, Dezember 6th, 2016

___

„Heute gibt’s nur Achtel.“ – Herbert Fritsch inszeniert für seinen Abschied von der Volksbühne noch mal ein Stückchen sinnbefreiten aber perfekten PFUSCH.

Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann; Foto: © LSD/Lenore Blievernicht

Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann; Foto: © LSD/Lenore Blievernicht

Mit der Ansage des designierten Berliner Kultursenators Klaus Lederer, die Berufung von Chris Dercon noch einmal zu überprüfen, ist in der letzten Woche der Streit um die Neubesetzung der Intendanz an der Volksbühne in eine neue Runde gegangen. Ungeachtet dessen feiert man im Großen Haus ein Abschiedsfest nach dem anderen. Herbert Fritsch, der nun mit seinem Abgesang Pfusch dran war, empfand sich laut einem Interview, das er der Berliner Morgenpost gegeben hat, an der Volksbühne als Einzelgänger, der hier keine Freundschaften geschlossen habe. Und wie man ihn zur Personalie Dercon verstehen kann, scheint er auch seinen Frieden mit dem Wechsel gemacht zu haben. „Der Senat muss zu seiner Entscheidung stehen, […] So ist es halt. Einige mögen ihn, andere nicht. Mal sehen. Vielleicht funktioniert es.“ Auch dass er kein politisches Theater mache, hat Herbert Fritsch noch mal explizit betont. „… was die auf der politischen Bühne an Komik produzieren, das bekäme niemand im Theater hin.“ Ein klares Statement für einen, der sich selbst auch nur als „Fratzenschneider“ bezeichnet. Und mit seiner neuen Inszenierung dreht er allen nochmal eine Nase.

*

Das erwartungsfrohe Publikum, das sich in der Volksbühne versammelt hat, schaut am Anfang minutenlang in die Röhre, besser auf eine lange Röhre, aus der langsam nacheinander das 13köpfige Fritsch-Ensemble steigt. Zunächst noch recht schüchtern in den Saal grinsend, wirft man sich aber bald in Pose. Gekleidet sind alle, ob Mann oder Frau, in bunte Chiffonkleidchen mit Schleifchen und Rüschen. Aufdüpierte Perücken, Mädchenzöpfe und grell geschminkte Gesichter lassen die wilden 13 wie eine Truppe schlechter Schauspieler auf Halloweentour aussehen. Was dann folgt ist aber nicht etwa der angekündigte Pfusch, sondern eine etwa 45minütige Dreiklang-Kakophonie. Ein Konzert an 10 aus dem Orchestergraben hochfahrenden Klavieren, begleitet von irrem Lachen, Schreien und Grimassieren. „Heut gibt’s nur Achtel.“ sagt da einer aus dem Ensemble – „und ordentlich was auf die Ohren“, möchte man hinzufügen. Einfach phänomenal.

Das ist nochmal von jeglicher Sinnhaft und sonstiger Verwertbarkeit befreite Kunst. Ein Dada-Best-Of der letzten Fritsch-Jahre. Unterbrochen wird dieses wilde Spiel nur hin und wieder durch etwas Akrobatisches an der über die Bühne walzenden Röhre oder einem irrwitzigen Nonsens-Plausch, erzeugt mit Mixerstäben in quietschenden Plastikbechern. Doch Spielleiter und Dirigent Ingo Günther in dominantem Rot und hochgestecktem Divenhaar befiehlt die Meute immer wieder zurück an die Instrumente und zum nächsten Satz, dem rhythmisches Stampfen und der kollektive Ausruf „Schön!“ folgen. Das Anti-Credo des Abends, das auch in großen Kreidelettern an die Röhre steht.

 

pfusch_volksbuehne

Fritsch PFUSCHt nochmal an der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Das erinnert an den Ausspruch eines bekannten spanischen Musikclowns, der schon allein das Besteigen eines Stuhls zur Messe machte. Was nun die in hautfarbene Badeanzüge und Badekappen gewandeten Fritsch-Clowns anstellen, um ein mit Mühe an einen Swimmingpool in der Mitte der Bühne angebrachtes Sprungbrett zu erklettern, verfehlt an Slapsticklaune nicht seine Wirkung. Den offensichtlichen Pfusch am Bau bekommt vor allem der große Mime Wolfram Koch („Ich war schon Don Carlos, du Arschloch.“) zu spüren. Man nimmt sich hier gern selbst auf die Schippe, springt kopfüber in den mit blauen Styroporwürfeln gefüllten Pool und gefriert mit den Beinen nach oben zur Lachsäule. Minimalistische Ha-Ha-Arien, Rhönradfahren in der Röhre und Trampolinspringen im Pool, Fritsch lässt keinen Spaß aus, den er nicht schon mal gemacht hätte. Der Meister des perfekt inszenierten Pfuschs bleibt sich erwartbar treu und doch selbst noch in dieser Redundanz einzigartig.

* *

Herbert Fritsch wechselt in der nächsten Spielzeit vom Haus am Rosa-Luxemburg-Platz mit dem markanten Logo „Ost“ auf dem Dach zur Schaubühne am Lehniner Platz. Zeit für ihn und seine Leute nun leise am Bühnenrand „Tschüss“ zu sagen. Auf ein Neues im alten Westen am Kurfürstendamm. Der Eiserne Vorhang schließt sich hier für sie endgültig unter lautem Getöse. Nach uns die Sintflut, oder (wie Frank Castorf sagen würde) eine Badeanstalt.

Die Inszenierung ist zum 54. Theatertreffen in Berlin eingeladen.

***

PFUSCH (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 26.11.2016)
Regie und Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Torsten König
Musik: Ingo Günther
Ton: Jörg Wilkendorf
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Mit: Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Ingo Günther, Wolfram Koch, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Varia Sjöström, Stefan Staudinger, Komi Mizrajim Togbonou, Axel Wandtke und Hubert Wild
Uraufführung war am 24. November 2016
Weitere Termine: 30. 11. / 9., 26., 31. 12. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 27.11.2016 auf Kultura-Extra.

**

*

„It must be finished!“ – Robert Wilson zelebriert sein perfektes Endspiel am Berliner Ensemble

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Ebenso wie Herbert Fritsch an der Volksbühne packt Robert Wilson nach 17 Jahren (vorher hatte er auch schon bei Zadek und Müller inszeniert) zum Ende der Intendanz Claus Peymann am Berliner Ensemble seinen Koffer. Er wird Berlin in Richtung Düsseldorf verlassen, wo er im Mai 2017 E.T.A. Hoffmanns düstere Erzählung Der Sandmann für den neuen Schauspielhaus-Intendanten Wilfried Schulz inszeniert. Gut kalkulierter Pfusch wie eben noch bei Fritsch ist aber Wilson Sache nicht. Der Meister der perfekten Inszenierung von Licht, Raum und Bewegung gibt zum Ende am BE schnell noch Becketts Endspiel, einen Klassiker des existentialistischen Theaters.

Aber auch das ist wohlkalkuliert. Samuel Beckett überlässt in seinen Dramen ja auch nichts dem Zufall. Geradewegs und unaufhaltsam streben seine Protagonisten ihrem scheinbar unabänderlichen Schicksal zu. Will heißen: Endzeitstimmung am BE. Und Wilson lässt für noch einmal 90 Minuten Wilson-Theater die Zeit still stehen, obwohl ein großer Wecker den Countdown zählt. Das Ende ist nah. Oder: „Es geht vielleicht zu Ende“, wie es bei Beckett heißt. Ein Fünkchen Hoffnung bleibt immer, auch wenn es die Zeit des Leidens nur verlängert. Daher: „It must be nearly finished!” So schallt es jedenfalls minutenlang von der Bühne in ständigem Wechsel von Schwarzblende und Licht, in dem Becketts Endspielpaar (Hamm im schwarz verhüllten Rollstuhl und Clov ebenso schwarz daneben) wie eingefroren wirkt. Ein Gruselkabinett auf dem Jahrmarkt des Lebens.

Das ist ein starker Beginn, der, wenn auch bereits auf alle bekannten Theatermittel Wilsons verweisend, doch für BE-Verhältnisse fast schon sensationell modern wirkt. Danach folgt allerdings auch das Übliche, was Wilson-Inszenierungen ausmacht: grell weiß geschminkte Gesichter, perfekt choreografierte Bewegungen, wohltemperierte Sounduntermalung und -getimte Lichtwechsel. Und doch passt alles bestens zueinander, als müsste das Ende der Welt genau so und nicht anders aussehen.

 

Georgios Tsivanoglou und Martin Schneider in Becketts Endspiel am Berliner Ensemble - Foto (c) Lovis Ostenrik

Georgios Tsivanoglou und Martin Schneider in Becketts Endspiel am Berliner Ensemble – Foto (c) Lovis Ostenrik

 

Martin Schneider als Hamm putzt quietschend die dunklen Brillengläser, pfeift nach seinem Diener Clov und verlangt nach seinem Beruhigungsmittel. Georgios Tsivanoglou als Clov watschelt in Clownsschuhen wie Chaplin, schiebt seinen verhassten Herrn ins Licht, gegen die Wand und wieder zurück auf Los – will gehen, oder Hamm morden, und schafft es doch nicht, weil er den Schlüssel zur Speisekammer nicht hat. Ein Paar, das bis zum Ende auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert ist.

Ein bisschen Abwechslung ins Einerlei der Verrichtungen bringt das unterleibslose Erzeugerpaar Hamms. Bei Beckett in Mülltonnen steckend, schauen hier die weiß geschminkten Köpfe von Nell und Nagg aus runden Löchern im Bühnenboden, aus denen sie auf Geheiß auftauchen, oder in die sie unter Druck wieder verschwinden. Traute Hoess und Jürgen Holtz machen aus diesen kurzen Auftauchern großes Theater zum Lachen und Weinen. Nell singt ein Lied von einer vergangenen, gemeinsamen Bootsfahrt auf dem Comer See, Nagg verrenkt sich nach einem Kuss von ihr, spricht von früher und scheitert grandios beim Erzählen eines Witzes vom missglückten Schneidern einer Hose. Hier werden selbst das Lutschen eines Zwiebacks und das Erbetteln einer Praline zum großen Endspiel der Worte.

Dagegen wirkt das Spiel der beiden eigentlichen Sparringspartner doch recht erwartbar und fast putzig. Das Clowneske im hermetischen Drinnen parodiert die Angst vor dem möglichen/unmöglichen Draußen. Ein Scherenschnitt eines Hundes, eine vorbeihuschende Ratte, Ein Fernglas und ein Slapstick mit einer Miniaturleiter an der Rampe sind in ihrer Bildhaftigkeit nur nette existentialistische Taschenspielertricks für Wilsons perfekte Bühnenwelt. Einmal noch startet der Meister ganz großes Kino. Dann senkt sich ein Lamellenvorhang wie ein Gitter vor die Szene und eine Neonleiste fährt lange bedrohlich von oben nach unten. Dahinter rattert Hamm im Sprechgesang seine Phrasen vom nahen Ende. Auf einer Videoprojektion auf Gaze brechen Eisberge zusammen.

 

Endspielapplaus am BE - Foto: St. B.

Endspielapplaus am BE – Foto: St. B.

 

Danach wackelt man weiter bedächtig dem Ende zu. Die Welt ist schlecht eingerichtet, und deshalb schlägt Glove sich den Kopf am Türsturz zur Küche. „Nichts ist komischer als das Unglück.“ Es fehlt nur noch der große, rote Pfeil von oben. In diesem Running Gag sind sich Sinnverweigerer Fritsch und Wilson, der Bebilderer von Becketts Bedeutungsverneinung noch am nächsten. Und trotz allem: “It’s finished”. Glov starrt mit gepacktem Koffer ins Publikum. May be, or not to be. This is Wilson’s End(game).

***

Endspiel (BE, 03.12.2016)
von Samuel Beckett
Deutsche Übersetzung von Elmar Tophoven
Regie, Bühne, Lichtkonzept: Robert Wilson
Kostüme: Jacques Reynaud
Musik: Hans Peter Kuhn
Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
Dramaturgie: Anika Bárdos
Mitarbeit Bühne: Serge von Arx
Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
Mitarbeit Musik: Hans-Jörn Brandenburg
Licht: Ulrich Eh
Videoprojektionen: Tomek Jeziorski
Mit: Martin Schneider (Hamm), Georgios Tsivanoglou (Clov), Traute Hoess (Nell), Jürgen Holtz (Nagg)
Premiere war am 03.12.2016 im Berliner Ensemble
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Termine: 23., 25.12.2016 / 05., 06.01.2017

Infos: http://www.berliner-ensemble.de

Theaterabschiede Teil 1: Christoph Marthaler an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

__________

Flüchtlinge und der NSU sind die Themen bei den Autorentheatertagen 2015 am Deutschen Theater Berlin

Samstag, Juni 20th, 2015

___

Zwei eng miteinander verbundene Themen durchziehen in diesem Jahr die Spielpläne der deutschsprachigen Theater: Fremdenfeindlichkeit und die Problematik der Flüchtlinge in Europa sowie die rechtsgerichtete Terrorzelle des NSU, deren einziger Überlebenden Beate Zschäpe gerade in München der Prozess gemacht wird. Bereits beim zurückliegenden Berliner Theatertreffen im Mai zeigte Nikolas Stemann seine Hamburger Version von Elfriede Jelineks Flüchtlingsdrama Die Schutzbefohlenen. Das Stück wird in der Interpretation des Wiener Burgtheaters (Regie: Michael Thalheimer) zu den Autorentheatertagen in die Hauptstadt kommen. Ebenso zu sehen war bereits die Münchner Uraufführungs-Inszenierung von Jelineks NSU-Stück Das schweigende Mädchen (Regie: Johan Simons). Und was die Jury des Theatertreffens demnach nicht getan hatte, holen daher die Macher der diesjährigen Autorentheatertage nach: den Blick (auch) in die deutsche Theaterprovinz, wo – neben München, Wien, Hamburg oder Köln – ebenso aktuell-politisches Theater zu besagten Themen abgehandelt wird; nachstehend gleich zwei Beispiele…

theatrale Stolperpersteine - Die ATT in Berlin - Foto: St. Bock

theatrale Stolperpersteine bei den ATT in Berlin
Foto: St. B.

*

Wir sind keine Barbaren! von Philipp Löhle in der Regie von Ronny Jakubaschk als Gastspiel vom Neuen Theater Halle bei den ATT 2015 am Deutschen Theater Berlin

Kein Unbekannter bei den Autorentheatertagen ist Autor Philipp Löhle, dessen Stücke nach Berlin, Hamburg und Mannheim nun auch in Dresden oder Halle/Saale aufgeführt werden. Und hier v.a. das 2014 in Bern uraufgeführte Stück Wir sind keine Barbaren!, das Löhle im Zuge der im letzten Jahr durchgeführten Masseneinwanderungsinitiative für die Abschottung der Schweiz gegen vermehrte Zuwanderung aus dem Ausland geschrieben hat. Durch die Pegida-Bewegung in Deutschland hat es unerwartet an Aktualität gewonnen. In der Inszenierung von Ronny Jakubaschk vom Neuen Theater Halle steht das Volk nun als „Heimatchor“ der Überlegenen und Abwehrer alles Fremden in der Box des Deutschen Theaters und skandiert: „Hier sind wir… kein Platz mehr.“

Foto: Schaukasten DT-Kammerspiele

Schaukasten DT-Kammerspiele

Als das heimeliche Klischee des deutschen Kleinbürgers schlechthin hat Annegret Riediger eine vergoldete Sperrholzschrankwand auf die Bühne gebaut. Davor dann zwei benachbarte Paare, die sich gerade erst bei einer etwas verkrampften Cocktailparty kennengelernt haben. Barbara (Stella Hilb), Paul (Alexander Gamnitzer), Linda (Sonja Isemer) und Mario (Matthias Walter) sind typische Vertreter des mittelständigen Städtebewohners, der sich gesund und vegan ernährt, zum Yoga geht, neben Sex und Sport aber auch ganz technikaffin auf die modernste Unterhaltungselektronik abfährt.

Als Prüfung der Toleranz gegenüber dem Eindringen in ihren Hort der häuslichen Biederkeit schickt Autor Löhle einen klatschnassen Fremden aus dem Regen vorbei, der nachts an die Türen der beiden Paare klopft und um Einlass bittet. Von Linda und Mario zunächst abgewiesen, findet dieser Eindringling, von dem nur geredet wird, der aber selbst nicht auftritt, schließlich bei Barbara und Paul Aufnahme.

Nun spult sich mal auf der einen, dann wieder auf der anderen Seite der Schrankwand (es wechselt dabei nur das Paarfoto an der Wand) ein fröhlicher bis heftiger Schlagabtausch der Für- und Widerargumente ab. Man tauscht Vorurteile aus und ergeht sich in gängigen Rassismen gegenüber dem Flüchtling Bobo oder Klint, vermutlich aus Afrika oder anderswoher. So genau kann man das ja nicht wissen, weil man ihn nicht versteht. Immer wieder unterbrochen wird die Handlung durch den Chor, in dem die Paare in Aussehen und Kleidung völlig aufgehen.

Es bilden sich Fronten und Allianzen, mal zwischen den Männern, dann wieder zwischen den Frauen. Während sich bei Linda ein merkwürdiges Helfersyndrom herausbildet und sie den Fremden zur großen Metapher für die ganze Welt erklärt, verzweifelt der sich vernachlässigt fühlende Paul. Linda hegt sexuelle Phantasien, und Mario fängt schließlich an, einen Schutzraum im Schlafzimmer zu bauen, den er mit der Angst vor den Afrikanern begründet, die nun in Scharen daher kämen, wo es das Wissen gibt, was ihnen fehlt. Der moderne Germane als früherer Barbar bereitet sich auf „die Welle“ neuer fremdartiger Völker vor, die ihn nun sozusagen als Rache für Pizarro überrollen.

Das ist – wie immer bei Löhle – etwas nahe am Boulevard und wird von Jakubschk auch als flotte Konversationsfarce inszeniert. Ziemlich schwarz-humorig und böse endet die Geschichte aber spätestens, wenn nach dem Mord an Barbara mittels Pauls geliebtem Riesenflachbildschirmfernseher die Schuldfrage sofort eindeutig und keine weitere Erklärung mehr nötig ist. Barbaras herbeigeeilte Schwester Anna, die berechtigte Zweifel am Tathergang hegt, wird rüde niedergebrüllt und vom aufmarschierenden Heimatchor ausgeschlossen. „Wir sind das Volk… Wir müssen uns schützen.“ Und so weihen Mario und Linda dann auch sogleich den fertiggestellten Schutzraum ein.

***

Wir sind keine Barbaren
von Philipp Löhle
Premiere war am 29. Januar 2015 im Neuen Theater Halle
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühne und Kostüme: Annegret Riediger, Dramaturgie: Henriette Hörnigk, Musik: Bastian Bandt
Besetzung: Barbara / Anna: Stella Hilb Linda: Sonja Isemer Paul: Alexander Gamnitzer Mario Matthias Walter
Chor: Kerstin König, Philipp Noack, Louise Nowitzki, Enrico Petters, Max Radestock, Maria Radomski, Andreas Range, Barbara Zinn
Dauer: 1h 30 min., ohne Pause

Infos: http://buehnen-halle.de/produktionen/wir-sind-keine-barbaren-2014-2015?for_event=5564

http://buehnen-halle.de

__

*

mein deutsches deutsches Land – der Dresdner Hausregisseur Tilmann Köhler inszeniert eine NSU-nahe Polit-Fiktion von Thomas Freyer

mein deutsches deutsches Land - Foto (c) Matthias Horn

mein deutsches deutsches Land Foto (c) Matthias Horn

Auch Stücke von Thomas Freyer sind schon in Berlin aufgeführt worden. Eine lange künstlerische Verbindung besteht aber seit ihrer Weimarer Zeit zum Regisseur Tilmann Köhler. Nach Das halbe Meer ist mein deutsches deutsches land die zweite Zusammenarbeit der Beiden am Staatsschauspiel Dresden. Freyer hat für das Stück, das sich lose an die Geschichte der drei bekannten NSU-Aktivsten anlehnt, viele Akten und Bücher über den Fall sowie Protokolle von Untersuchungsausschüssen gelesen. Herausgekommen ist eine etwas mühsam zusammengepuzzelte Fiktion, die das Versagen der Ermittlungsbehörden als einen Politthriller um Korruption und Vertuschung durch den Verfassungsschutz und die Einflussnahme politischer Verantwortungsträger erzählt. Leider bewegen sich Text und Inszenierung dabei über weite Strecken auf dem Niveau eines flauen Fernsehkrimis.

Damit man als Zuschauer nicht den Faden zwischen den drei abwechselnd ablaufenden, zeitlich aber versetzten Spielebenen verliert, die gestern, heute und morgen miteinander verschränken sollen, werden Personen und Handlungsorte der einzelnen Szenen auf Bildschirmen angezeigt. Dazu dreht sich unaufhörlich eine Plattform mit großer Sperrholzwand, an die Karten und Ermittlungsdetails gepinnt oder große Videoprojektionen von einer Livekamera geworfen werden. Als nette Regieidee machen die Darsteller, die gerade nicht spielen, am Rand der Bühne Szenengeräusche. Eine nervtötende Umbaupausenmusik vermischt die deutsche Nationalhymne immer mal wieder mit orientalischen Klängen. Das ist dann aber fast schon der einzige Verweis auf die eigentlichen Opfer der rechten Terrorzelle, deren Angehörige gern die Hintergründe der Taten erfahren würden, aber selbst nur Verdächtigungen ausgesetzt sind.

Freyer interessiert sich zwar auch für die Drahtzieher hinter dem Geschehen, verortet alles Übel aber nur in den Chefetagen der Ämter und bei Parteifunktionären, die ihre Ministerämter missbrauchen, um aus Angst um ihre Wahlchancen die Morde an ausländischen Studenten nicht als rechtsradikale Terrorserie verfolgen lassen wollen. Hier wäscht eine Hand die andere. Dagegen ermitteln ein ehrlicher Polizeikommissar (Thomas Braungardt) und seine Assistentin (Ina Piontek) auf verlorenem Posten.

mein deutsches deutsches Land - Foto (c) Matthias Horn

mein deutsches deutsches Land
Foto (c) Matthias Horn

Die Motive der drei in die Rechtsradikalität abgerutschten Jugendlichen werden bei Sarah (Lea Ruckpaul) mit der Opposition gegen ihre gutmenschelnden, kleinbürgerlichen Erzeuger, bei Dominik (Jonas Friedrich Leonhardi) mit einer hyperreligiösen Übermutter und beim Schulschläger Florian (Kilian Land) mit einem verwahrlosten Elternhaus und Neonazibruder erklärt. Das ist recht simpel, weil man so natürlich auch ziemlich alles begründen kann. Jedenfalls verschwindet die Gang irgendwann erwartungsgemäß im Untergrund, kommt an eine mysteriös verschwundene Polizeiwaffe und beginnt die Morde zu planen. Die Verbindung zum rechten Heimatschutz gegen Islamisierung erfolgt über einen tumben Skinhead mit Baseballschläger.

Dazwischen laufen die Mordermittlungen, die von Seiten des Verfassungsschutzes behindert werden, der seine Anweisungen vom Innenminister persönlich bekommt. Kilian Land (erst Florian) verwandelt sich als besonderer Coup schließlich vor aller Augen in Minister Nöde. Ein biederer, karrierebeflissener Verfassungsschutzbeamter (Matthias Lucky) zieht die Fäden und verpasst den zwei bei einem Autounfall überlebenden Tätern eine neue Identität. Der Chef von Kommissar Wolff wird nach Brüssel versetzt, eine nachbohrende Journalistin bestochen. Die Ermittlungen verlaufen ruhig im Sand, und schließlich ist der Weg für den Minister und seinen Helfer ganz nach oben frei. In der dritten Ebene rechtfertigt man sich etwas später dann süffisant gegenüber den Fragen ergebnisloser parlamentarischer Untersuchungsausschüsse. Die Akten sind ja eh bereits geschreddert.

Es liegt sicher nicht an dem doch recht guten Spiel der immer wieder schnell zwischen den Rollen switchenden Schauspieler, das man irgendwann das Interesse an dem wie ein geöltes Uhrwerk ablaufenden Plot verliert. Auch kann man sich die Verwicklungen zwischen den staatlichen Ämtern und Regierungsebenen gut als parteipolitisches Gerangel vorstellen. Der tatsächlichen Aufklärung rechtsradikaler Gewalttaten als gesamtgesellschaftliches Phänomen dient das aber wenig. Da wäre ein rein dokumentarischer Ansatz doch die ehrlichere Variante der Herangehensweise gewesen. Aber auch das kommt ja noch bei den ATT. Man darf also weiter gespannt sein.

***

mein deutsches deutsches Land
von Thomas Freyer
Uraufführung war am 04.12.2014 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüm: Barbara Drosihn, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturgie: Robert Koall
Mit: Lea Ruckpaul, Ina Piontek, Thomas Braungardt, Kilian Land, Jonas Friedrich Leonhardi, Matthias Luckey
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Infos: http://staatsschauspiel-dresden.de

Zuerst erschienen am 19.06.2015 auf Kultura-Extra.

___________