Archive for the ‘Thomas Langhoff’ Category

VERGESSEN UND VERGESSEN! Oder Totgesagte leben länger – Thomas Brasch am BE, Einar Schleef am Gorki und Heiner Müller am DT (Teil1)

Sonntag, März 4th, 2012

„Erst wenn eine Gesellschaft so regressiv ist, daß sie den Menschen das Wünschen abtrainiert, ist das Ziel der Mächtigen erreicht.“ Thomas Brasch

Wenn im folgendem hier gleich zweier liebgewonnener deutscher Theaterberserker gedacht werden soll, denen die Berliner Theater in dieser Spielzeit ganze Wochenenden eingerichtet haben, darf man natürlich einen nicht vergessen. Thomas Langhoff, der Ex-Intendant des Deutschen Theaters, der, seit er dort nicht mehr inszenieren konnte, am Münchner Residenztheater bei Dieter Dorn und am Berliner Ensemble bei Claus Peymann eine neue Bühnenheimat fand, ist 73jährig am 18. Februar gestorben. Auf der Bühne des BE wurde gerade seine letzte Inszenierung gespielt, Tschechows „Kirschgarten“. In diese Arbeit hatte er noch einmal all seine verbliebene Kraft und Erfahrung gesteckt. Ein merkwürdig ruhiger und melancholischer Abgesang an vergangene Zeiten, der dennoch nicht gestrig wirkte. Sein stilles Vermächtnis nach immerhin knapp 50 Jahren als Theaterregisseur.

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Thomas Langhoff (08.04.1938 – 18.02.2012)

Begonnen hatte der Sohn von Theaterlegende Wolfgang Langhoff in den 60er Jahren als Schauspieler in Potsdam und kam übers Fernsehen schließlich als Regisseur zum Theater nach Berlin. Seine Inszenierung der „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow brachte er 1979 gleich am Maxim Gorki Theater und am Schauspiel Frankfurt a.M. heraus. Theatergeschichte schrieb Thomas Langhoff dann 1988 mit der „Übergangsgesellschaft“ von Volker Braun am Maxim-Gorki-Theater. Seit den 80er Jahren inszenierte er auch häufig im Westen. Mit Ibsen, Hauptmann, Brecht und Tschechow stellte Langhoff immer wieder die Probleme der bürgerliche Gesellschaft hüben wie drüben auf die Bühne. Und so pendelte er seit Jahren zwischen Ost und West, als wäre da nie etwas Trennendes gewesen. Mehrere Einladungen zum Berliner Theatertreffen waren die Folge.

Seit 2010 hat er es gewusst, dass es ihm wie dem Jürgen Gosch ging. Zwei Inszenierungen, „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams und besagter „Kirschgarten“ von Anton Tschechow, entstanden dann noch unter seiner Regie am BE. Dafür holte er auch ehemalige DT-Stars wie Dagmar Manzel und Robert Gallinowski ans Berliner Ensemble. Eine mit Sicherheit bemerkenswertere Inszenierung ist Thomas Langhoff aber Anfang 2010 mit Gorkis „Nachtasyl“ gelungen, in der auch seine langjährigen Weggefährten Alexander Lang und Christian Grashof mitwirkten. „In das, was man liebt, legt man seine Seele …“ sagt dort Christian Grashof als Luka, das gilt insbesondere auch für Thomas Langhoff. Es hätte ihn sicher gefreut, noch erleben zu können, dass sein Sohn Lukas Langhoff, der die Familientradition als Regisseur weiterführt, mit Ibsens „Ein Volksfeind“ zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen ist.

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„Vor den Vätern sterben die Söhne“ / „Mercedes“ – Manfred Karge und Philipp Tiedemann erinnert am Berliner Ensemble an Thomas Brasch

Maxim Gorki wird im März auch wieder auf dem Spielplan des Berliner Ensembles stehen. Manfred Karge wird das Drama „Wassa Shelesnowa“ inszenieren. Im letzen November zu Beginn der Spielzeit widmete er sich aber dem 2001 verstorbenen und dem BE sehr verbundenen Theaterautor, Lyriker und Filmregisseur Thomas Brasch. „Vor den Vätern sterben die Söhne“ heißt ein 1977 erschienener und recht erfolgreicher Prosaband mit einer ungewohnt direkten, revoltierenden Attitüde. Eine Bestandsaufnahme der Sicht junger DDR-Bürger auf das Land ihrer Väter, in dem es für sie keine Ziele und Freiheiten mehr gab. Manfred Karge hatte bereits in den 80er Jahren in Bochum Stücke von Thomas Brasch inszeniert, ist also prädestiniert in einer Hommage an den früh verstorbenen Autor zu erinnern. Er tut dies ganz als der wissende Onkel, am Lesetisch sitzen, mit dem Bild Braschs vor sich.

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Thomas Brasch, 1993 – Foto: Marion Brasch (wikimedia commons)

Zur Unterstützung hat sich Karge die jungen Schauspielstudenten Johanna Griebel, Patrick Bartsch und Andy Klinger geholt. Zu Beginn verliest er andächtig den Brief des linientreuen Vaters an den Sohn in der Kadettenschule. Thomas, der den Wunsch geäußert hatte Schriftsteller zu werden, bekommt vom Vater den guten Rat sich das nötige Rüstzeug beim Lernen im sozialistischen Kollektiv der Kadettenschule zu holen und erst mal die Laufbahn des Offiziers einzuschlagen und legt ihm auch noch die Lektüre von Scholochow ans Herz. Das wird es wohl nicht gewesen sein, was Thomas Brasch damals hören wollte, seine Entwicklung ging bekanntlich auch in eine andere Richtung.

Die von den Studenten stehend, wie vor einer Art Anklagetribunal an ein Geländer gelehnt, wechselnd oder im Chor vorgetragenen Texte, haben mit dem titelgebenden Prosawerk nicht viel zu tun. Es ist im Großen und Ganzen eine Zusammenstellung aus dem Versstück „Papiertiger“ von 1977, dem „Mörder Ratzek“ aus dem Gedichtband „Der schöne 27. September“, der Satire „Kasimir und Margarete“ aus der sozialistischen Produktion und als Rahmen den Bauerkriegstext „Hahnenkopf 1525″, den Karge mit sämtlichen Punkten und Kommata vorträgt. Zum Schluss gibt es noch Auszüge aus dem Künstlerdrama „Lieber Georg“ über den tragischen Tod des jungen expressionistischen Dichters Georg Heym und das Gedicht „Kassandra“, erstmals 1977 erschienen in „Kargo“. Eine Klage in 8 Strophen über die Unmöglichkeit eines selbstbestimmtes Lebens und die Flucht in den Traum, Tod oder wie Brasch selbst in den Westen. Kassandra in der Resignation, als Wodkatrinkende Seherin, die schließlich das Eintreffen der Prophezeiung nicht mehr erwarten kann und der U-Bahn in der Schönhauser Allee entgegenschwankt.

Die jungen Schauspieler tragen das mit einigem Furor und mit der Attitüde der jugendlichen Empörung vor, die Brasch zu seiner Zeit sicher anhaftete. Für die passende Bebilderung laufen Videofilme im Hintergrund. Karge bricht mit seinem Erinnerungsabend nicht im dünnen Eis vergangener Tage ein, aber er kommt auch nicht über den Stand einer szenischen Lesung hinaus. Thomas Brasch konnte nicht raus aus seiner Haut. Eine neue hat er nie bekommen. Hier wird sie leider auch nur mit Sprechblasen gefüllt. „Wer sind wir eigentlich noch. / Wollen wir gehen. Was wollen wir finden. / Welchen Namen hat dieses Loch, / in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.“ Die Frage bleibt offen. Wer Thomas Brasch nicht kennt, wird ihm hier nicht näher kommen. Karge legt den Fokus auf das Scheitern eines unverstandenen Künstler, der sich vergeblich an einem ihm feindlich gesinnten System abarbeitet. Darstellerisch kann der Abend da nicht überzeugen. Aber es lohnt sich trotzdem, einfach nur zuzuhören und die Texte auf sich wirken zu lassen.

Einen vermeintlichen Clou hält Philipp Tiedemann mit seiner Inszenierung des 1983 uraufgeführten Stücks „Mercedes“ bereit. Er besetzt die beiden Hauptrollen mit Swetlana Schönfeld und Dieter Montag deutlich älter als im Original. Nun ist das Stück ja mittlerweile auch in die Jahre gekommen und der Autor wäre ungefähr im Alter der Schauspieler. Es hätte auch einen gewissen Reiz, wenn Tiedemann damit ein plausibles Ziel verfolgen würde. Er (Sakko) arbeitsloser Überführer von Mercedes-Luxuskarossen trifft Sie (Oi), die sich als Gelegenheitsprostituierte und -diebin durchschlägt. Machoimponiergehabe gegen ungezwungene Lebenslust, Brasch lässt die beiden in einer Art Straßenjargon, heute würde man sagen Jugendsprech aufeinanderprallen und aneinander vorbei parlieren. Ihre Träume werden durch die Realität ausgebremst, das endet mit dem Griff zum Hammer. Bei Tiedemann wirken die beiden wie lebende Anachronismen, übriggebliebene Dinos in einer Welt, in der sie nicht mehr gebraucht werden. Vermutlich eine Konzession ans ebenfalls in die Jahre gekommene BE-Publikum.

Schönfeld und Montag berlinern sich lustig durch den Text, der vorzugsweise mehrfach wiederholt wird, und hetzen dabei durch eine Art Guckkastenbühne, die sich wie ein Fokus rahmenartig nach hinten verengt. Das kommt Tiedemanns Hang zum Kasperletheater sehr entgegen. Bei Suhrkamp heißt es über „Mercedes“, das Stück oszilliere zwischen Irrsinn und Groteske, Traum und Trauma, Poesie und Klamauk. Bei Tiedemann sind Traum, Trauma und jegliche Poesie gestrichen, wie auch die philosophierenden Zwischenmonologe der beiden Protagonisten. Tiedemann ebnet mit seiner gefälligen Inszenierung den Irrsinn ein und umschifft alle Abgründe direkt in den Klamauk. Man muss konstatieren, dass die Wiederbelebung des Autors Brasch für die Bühne hier misslungen ist. Der Patient bleibt komatös und dämmert weiter, eingeliefert ins Theatermuseum BE.

23.30 MEZ

Das kalte Licht verschwimmt
zur Mauer übern Fluß.
Die Hure flucht und krümmt
sich unterm Kuß.

Danton

Der Held auf der Bettkante. Was
er seinen Feinden entriß, haben seine Freunde
schon unterm Nagel: ihn.

So ist es, bleibt auch so. Bis
sie mich holen und reißen mir den Kopf vom Hals,
Für weniger als nichts: Für ihre neue Welt.

Thomas Brasch aus „Kargo“, Suhrkamp 1977

Literaturempfehlungen:

  • Vor den Vätern sterben die Söhne, Bibliothek Suhrkamp 1355
  • Lovely Rita, Lieber Georg, Mercedes (Stücke), Taschenbuch Henschelverlag (1988), nur gebraucht erhältlich
  • Theater heute: 8 Stücke inkl. Braschs „Mercedes“, Suhrkamp Taschenbuch (1985) nur gebraucht erhältlich
  • Liebe Macht Tod, nach Romeo und Julia, Stücke und Materialien, Edition Suhrkamp 3415
  • Frauen. Krieg. Lustspiel, Edition Suhrkamp 1469
  • Lovely Rita, Rotter, Lieber Georg, Drei Stücke, Edition Suhrkamp 1562
  • Kargo, 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen. Gedichte, Kurzstücke und Prosa, Suhrkamp (1977), nur gebraucht erhältlich
  • Der schöne 27. September, Gedichte, Bibliothek Suhrkamp 1373
  • Mädchenmörder Brunke, Suhrkamp Taschenbuch 3195
  • Reihe Spectaculum: Nr. 26 mit dem Stück „Papiertiger“, Suhrkamp (1977); Nr. 28 mit dem Stück „Lovely Rita“, Suhrkamp (1978); Nr. 37 mit dem Stück „Rotter“, Suhrkamp (1983); Nr. 50 mit dem Stück „Frauen. Krieg. Lustspiel“, Suhrkamp (1990)
  • Thomas Brasch, »Ich merke mich nur im Chaos«, Interviews 1976–2001, Suhrkamp (2009)
  • Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie, S. Fischer (2012)
  • Filme: Engel aus Eisen, Domino, Mercedes, Der Passagier, DVD-Box (2010)

Asche und Diamanten

Geh nicht weg, sagt sie.
Der blaue Himmel im Kino und die Welt die nicht mehr ist, wie sie nie war.

Thomas Brasch aus „Kargo“, Suhrkamp 1977

Teil 2: Einar Schleef

Teil 3: Heiner Müller

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Tschechows „Kirschgarten“ inszeniert von Thomas Langhoff am Berliner Ensemble und Lensing/Hein in den Sophiensaelen

Donnerstag, Dezember 15th, 2011

„Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow scheint mal wieder das Stück der Stunde zu sein. Die dekadenten Besitzer einer Schrottimmobilie, mit nur noch rein ideellem Wert, stellen sich als dem realen Markt nicht mehr gewachsen heraus und verlieren ihren hoch verschuldeten Grund und Boden samt enzyklopädischem Kirschgarten an einen neureichen Emporkömmling, dessen Eltern sie früher nicht einmal in die Küche vorgelassen hatten. Tschechow sezierte ziemlich genau einen Querschnitt durch die russischen Landbevölkerung um die Jahrhundertwende und beschrieb den Niedergang des alten Landadels und die Geburt der neuen Schicht des aufstrebenden Kleinbürgertums. Heute geht es der Mittelschicht immer mehr an den Kragen, der monetäre Hintergrund ist dabei größtenteils gleichgeblieben. Und auch am Leben auf Pump hat sich seither nicht viel geändert.

In Berlin gab es in diesem Jahr für Tschechowliebhaber bereits mehrmals die Gelegenheit den „Kirschgarten“ mit mehr oder minder Geschick auf dem Theater abgeholzt zu bekommen. Bereits beim Theatertreffen im Mai lieferte Karin Henkel in einer Kölner Inszenierung eine recht lahme Zirkusvorstellung ab. Dauermüde Clowns in einer Manege der Langeweile. Nur Lina Beckmann als Warja sorgte noch für etwas Stimmung, was sie dem Fernsehkommissar auf Theaterurlaub Charli Hübner als Neukapitalist Lopachin aber stückbedingt auch nicht näher brachte. Keine neuen Erkenntnisse konnten vermittelt werden, für die Lebensweisheiten des Dieners Firs kein Platz mehr, die Schlussszene gestrichen. Mit abgespecktem Personal und gerade mal zwei Stunden Spieldauer, war das im wahrsten Sinne des Wortes zum Vergessen.

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Tschechow am BE. Foto: St. B.

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Endstation 50th – Thomas Langhoff mottet am Berliner Ensemble Tennessee Williams Psychodrama im Petticoat ein

Freitag, März 11th, 2011

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Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“ wurde 1949 in einer Zeit des Umbruchs der Werte im Nachkriegsamerika uraufgeführt. Eine hochpsychologische Studie über den Untergang des dekadenten aristokratischen Südstaatenbildungsbürgertums und den Aufschwung der proletarischen Einwanderer in den großen Städten wie New Orleans. Als Gegenspieler stehen sich hier gegenüber, die gefallene Südstaatenschönheit Blanche Dubois und der von polnischen Einwanderern abstammende Automechaniker Stanley Kowalski, der mit Blanches Schwester Stella verheiratet ist. Thomas Langhoff inszeniert dies anfänglich wie ein modernes Boulevardstück, aber trotzdem streng im Gewand der 50er Jahre. Er setzt dabei auf bekannte Gesichter aus seiner DT-Intendantenzeit, wie Dagmar Manzel als Blanche und Robert Gallinowski als Stan. Mit der Wahrnehmung von Zeit ist das aber so eine Sache. Ich saß also in der Premiere der Aufführung und musste die ganze Zeit an eine ähnlich angelegte Inszenierung denken. Ich dachte mir so dabei, das ist doch bestimmt 10 Jahre her, warum wieder dieser biedere Realismus. Irrtum, es waren nur 4 Jahre, die Rede ist von Wilfried Minks Inszenierung Endstation Sehnsucht in der Koproduktion St. Pauli Theater Hamburg und Renaissance Theater Berlin mit Emanuela von Frankenberg als Blanche und Ben Becker als Stan. In diesen besagten Häusern würde man ja eher den Edelboulevard vermuten, aber Minks hatte hier eigentlich versucht, eine psychologisch eindrucksvolle Studie in schonungslos realistischen Bildern abzuliefern. Leider ist ihm das auch nur bedingt gelungen.

Dagegen fällt Langhoffs Inszenierung am Berliner Ensemble leider noch mal um Längen ab, obwohl um einige Längen reicher. Die New-Orleans-Musik war bei Minks sehr immanent, geradezu passend in die Handlung verwoben und nicht nur schmückendes Beiwerk. Mit Ben Becker hatte man auch genau den Darsteller, den es für einen Stan Kowalski braucht, brutal, ohne Kultur, aber mit dem gewissen etwas, das Robert Gallinowski trotz redlichen Bemühungen hier sichtlich fehlt. Von Ben Becker mag man halten was man will, als Bühnenschauspieler ist er tatsächlich nicht die Wucht, die seine Körpermasse suggeriert und an Henry Hübchens legendären Volksbühnen-Stan reicht er mit Sicherheit auch nicht heran. Aber er kann das Talent was er hat, zielgenau einsetzen und es passte meiner Meinung nach besser als die anderen Versuche von z.B. Guntram Brattias sehr verschlagem Stan seinerzeitam Schauspiel Frankfurt, oder dem des eher cool und lässigen Lars Eidinger an der Schaubühne, bis hin zum „Skinhead“ Robert Gallinowski nun am BE. In der momentan laufenden O`Neill-Inszenierung am Renaissance Theater trifft Becker sogar ein paar leise Töne ganz gut, neben der Seehundszene auf dem Tisch. Vielleicht setzt man den Stan Kowalski immer noch mit dem jungen Marlon Brando gleich und sucht irgendwie das verführerisch Erotische. Das fehlt aber bei beiden Inszenierungen, die sich so sehr gleichen, dass der Unterschied wohl gerade mal noch in der Farbe des Satin-Pyjamers von Stan Kowalski besteht. In Minks Inszenierung ist er rot und in Langhoffs blau, vom Leib reißen sie sich ihn beide mit Inbrunst.

Das Theater-Paar Gallinowski und Manzel standen nicht zum ersten Mal zusammen auf einer Bühne, es war ein Wiedersehen alter DT-Schauspieler, das man sich aber doch etwas anders vorgestellt hätte. So wird dann selbst Annika Mauers sehr gutes Spiel als Stella, zwischen leichtem Aufbegehren, totaler Ergebenheit und resignierender Ohnmacht sowie Veit Schuberts schüchtern, tollpatschiger Mitch von Dagmar Manzels Overacting förmlich an die Wand gedrückt. Manzel lässt keine Minute offen, wer hier der Star ist. Sie scheint auf der großen Musicalbühne jedes Gespür für Feinheit und Zwischentöne verloren zu haben. An ihrer Blanche kann sie zu keiner Zeit glaubhaft den Verfall einer gebildeten, von Liebessehnsucht und Verlangen beseelten Frau, die durch die kalte Realität getrieben in eine Scheinwelt abtaucht, darstellen. Das Psychologische dieses Stücks ist aber bei Langhoff völlig weginszeniert. Eine taffe Blanche, die nie den Eindruck macht, als wäre da etwas hinter der Fassade, bietet dem Brutalo Stan so lange Paroli, bis dieser den Tisch umkippt und ihr unmissverständlich klar macht, wer der Herr im Hause ist. Danach beginnt erst der Bruch in der Persönlichkeit Blanches, die leisen Anklänge die Langhoff und Manzel hier streuen, wie in den wichtigen Szenen mit dem Zeitungsjungen oder der Blumenverkäuferin, werden aber nur beiläufig weggespielt und gar nicht richtig wahrgenommen. Das ist das Problem, dieser Inszenierung, die nur auf das Können und die Bekanntheit von Dagmar Manzel abzielt und nie wirklich an der Psychologie dieser Figur arbeitet.

Zum Schluss wird Blanche als rein pathologischer Fall an den Füßen aus ihrer Traumwelt gezerrt. Das hat Tennessee Williams Stück nicht verdient, den Abrutsch in Kitsch und Sentimentalität. Die Streetcar Named Desire ist hier auf einer Sentimental Journey into Madness. Das passt auch zum BE, das nach Brechtmuseum und Bernhard-Spektakel nun auch noch zur Off-Broadway-Bühne mutiert. Für textgetreue Inszenierungen ist es ja schon lange die Anlaufstelle Nummer 1 in Berlin, leider zu Lasten zeitgemäßer Interpretation. Es muss ja nicht immer Warlikowski oder Castorf sein, aber Petticoat und Schmalztolle sind schon lange out. Im April wird ein weiterer Kostümfetischist Wedekinds Lulu, voraussichtlich auch mit viel Musik, auf die Bretter des BE stellen. Ob es dann psychologisch oder wie bei Volker Lösch sogar politisch wird, darf bei Robert Wilson bezweifelt werden. Bunt wird es aber auf jeden Fall und das ist ja am BE mittlerweile die Hauptsache.