Archive for the ‘Thomas More’ Category

Festivalsommer 2012 (2): Freilufttheaterfanatiker kommen in Berlin bei Shakespeare im Görlitzer Park und dem Hexenkessel Hoftheater auf ihre Kosten.

Donnerstag, August 9th, 2012

HUMANISMUS UND AUFKLÄRUNG IM WETTSTREIT – „UTOPIA™ – WHERE ALL IS TRUE“ NACH THOMAS MORE UND SHAKESPEARE SCHLÄGT TROTZ REGENHANDICAP  „CANDIDE“ NACH VOLTAIRE

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Thomas‘ Gebet um Humor:

Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.
Schenke mir Gesundheit des Leibes, mit dem nötigen Sinn dafür, ihn möglichst gut zu erhalten.
Schenke mir eine heilige Seele, Herr, die im Auge behält, was gut ist und rein, damit sie im Anblick der Sünde nicht erschrecke, sondern das Mittel finde, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lass nicht zu, dass ich mir allzu viele Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich „Ich“ nennt.
Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.

Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon

 thomas-more-by-hans-holbein-the-younger.jpg   isola-di-utopia_titelholzschnitt-der-ausgabe-von-1516.jpg Fotos: Wikipedia
Thomas More (Hans Hohlbein der Jüngere) und seine Insel „Utopia“ (Titelholzschnitt der Ausgabe von 1516)

Thomas More (1478 – 1535) war ein Mann von Humor und unerschütterlichen Prinzipien zugleich. Ein gläubiger Katholik und Freund des Humanisten Erasmus von Rotterdam sowie Heiliger und Staatsmann in England unter Heinrich dem VIII. mit utopischen Gesellschaftsvorstellungen, dem, nachdem in Ungnade gefallen, selbst auf dem Richtblock die Scherze nicht ausgingen. Ob er nun ein politisches Genie war oder doch nur ein glückloser Tor, wird das neue Theaterstück „Utopia™ – Where all ist true“ der Berliner Kompanie „Shakespeare im Park“ nicht restlos klären können. Die Truppe reklamiert jedenfalls seine Utopie einer besseren Welt für sich und behauptet eine Trademark auf Mores Ideen zu besitzen. Dabei hatte es der Jurist und Lordkanzler von Heinrich VIII. mit seinem philosophischen Dialog über eine ideale Gesellschaft auf der fernen Insel Utopia nicht so ganz ernst gemeint. Thomas More brachte auf satirische Art auch seine Skepsis an der Verwirklichung eines „utopianischen Staatswesens“ in Europa zum Ausdruck. Was nun „den besten Staat“ nach Mores Prägung betrifft, so proben die Schauspieler auf ihrem Parcours durch den Görlitzer Park in Kreuzberg auch die reale Umsetzung von Mores Ideen im englischen Königreich zu Beginn des „Goldenen Zeitalters“ mit all ihren Vorzügen, Verheißungen und Widersprüchen.

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Der Londoner Mob probt den Aufstand gegen Ausbeutung und fremde Konkurrenz.

Dazu bedient sich die Truppe um Gründer Maxwell Flaum und Regisseurin Katrin Beushausen auch zweier weiterer Stücke. Das 1590 entstandene und mehreren Autoren, u.a. Shakespeare, zugeschriebene Drama „Aufstieg und Fall des Thomas More – The Book of Thomas More“ und Shakespeares Historiendrama „Heinrich VIII.“ von 1612/13, ursprünglich auch „All ist True“ genannt, werden mit Mores „Utopia“ verknüpft. Es beginnt auf der Wiese an der Lohmühlen- Ecke Jordanstraße mit einem Aufstand der Londoner Bürger gegen Willkür und Ausbeutung durch Heinrich VIII. und seinen Lordkanzler Kardinal Wolsey. Die Forderungen der Aufständischen sind allerdings noch sehr diffus, so mancher ist zögerlich und der Ruf gegen ausländische Konkurrenz „Compete today“ wird laut. Hier tritt nun Sir Thomas More als Undersheriff seiner Majestät in Aktion und sorgt nach der Niederschlagung des Aufruhrs für die Begnadigung der Wortführer. Dem König macht er seine Thesen für ein utopisches Experiment zur Verhinderung zukünftiger Revolten schmackhaft. Durch mehr Bildung, Abschaffung des Privateigentums sowie gemeinsames Leben und Arbeiten will er mit seinem Projekt „Utopia™“ für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Eine Unterstützerin hat er dabei in der Königin Katherine von Aragon gefunden.

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Glattes Politparkett. Kardinal Wolsey am Seil. Thomas More wird seine utopischen Thesen gleich vor Heinrich und Katharina ausrollen.

Rufe nach der Abschaffung von Geld und Privatbesitz finden auch im Publikum ungeteilten Beifall. Zwei Ritter als Shakespeare´sche Clowns kommentieren immer wieder mit viel Witz das Geschehen und leiten zu den nächsten Szenen über. Dabei wird im Wechsel Englisch und Deutsch gesprochen, was dem Ganzen auch einen gewissen authentischen Touch verleiht. Während sich Heinrich VIII. lieber um die Scheidung seiner Ehe und die Ablösung von der römisch katholischen Kirche kümmert und sich nebenbei nur noch Sorgen um die Staatsfinanzen macht, ist es Thomas More bitter ernst mit der Umsetzung seiner Ideen. Kardinal Wolsey verliert Amt und Kleider und auch die anderen Mitspieler wechseln die historischen Kostüme gegen leichte aus transparenter Folie, um die neu errungene Gleichheit zu demonstrieren. Aber erst wird noch einmal kräftig gefeiert am Hofe Heinrich VIII., und davon lassen sich die Spieler auch vom plötzlich aufkommenden Gewitterregen nicht abhalten. Während sich so mancher Zuschauer unter die Bäume flüchtet oder ganz das Weite sucht, tanzt das Ensemble ausgelassen im strömenden Regen. Dazu spielt die kanadische Band Trike flotten Synthypop zu eigenen Texten.

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Dancing in the Rain am Hofe Heinrich des VIII.

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Immer in Aktion. Peter Priegann (Mitte) als Sir Thomas More treibt unerbittlich die Truppe durch den Park.

Der Himmel hat aber schnell ein Einsehen und das Treiben im Görli kann schließlich fortgesetzt werden. Der Tross zieht weiter im Park, bevölkert Rutschen, Schaukeln, Buddelkästen und bringt das soziale Projekt „Utopia™“ so langsam in Gang. Thomas More hält seine Mitstreiter zum gemeinsamen Ackerbau an, versklavt Straftäter und bekehrt Abtrünnige. Auch die Problematik der Reformation in England wird hier nicht ausgespart. Obwohl der protestantische Widersacher Mores Thomas Cromwell, bekannt u.a. aus der Fernsehserie „The Tudors“, nicht auftritt, arbeitet sich der katholische Humanist an anderen Lutheranern ab und scheut auch nicht vor Folter und Hinrichtung im Namen des Kreuzes zurück. Schließlich wird More, der sich zum Tyrannen entwickelt hat, selbst fallen und seine Utopie im Zeichen des „Goldenen Zeitalters“ unter Heinrich VIII. vorerst wieder zu Grabe getragen. Trotz aller Enttäuschung um „Die beste aller Welten“ verweist Königin Katharina darauf: „eine Landkarte, auf der die Insel Utopia nicht eingezeichnet ist, bleibt wertlos.“ Shakespeare im Park verbinden mit ihrem Stück „Utopia™“ aufs Beste Historie und Fiktion und verweisen natürlich nicht ohne Spaß am Spielerischen auf gegenwärtige Träume von einer besseren Welt.

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Der Sturz des Thomas More. Das Ende der Insel Utopia?

„Utopia™ – Where all ist true“ weitere Termine: 10., 12., 16., 17., 18., 19. August 2012 – Eintritt frei (jeweils 19 Uhr, sonntags 16 Uhr); Treffpunkt: Görlitzer Park, Lohmühlen- Ecke Jordanstraße

Buch, Konzept u. Regie: SHAKESPEARE IM PARK BERLIN
Regieassistenz: Marianne Cebulla

Schauspieler:
Maxwell Flaum / Cordula Hanns / Dina-Maureen Hellwig / Paul Marino / Ana Mena / Maren Menzel / Peter Priegann / Sebastian Rein / Claudia Schwartz / Gianni von Weitershausen / Sebastian Witt / Brandon Woolf / Sarah Zastrau

Bühne: Alberto Di Gennaro
Kostüm: Arianne Vitale Cardoso
Assistenz Bühne & Kostüm: Tamar Ginati
Music: Stew aka DJ Aufenthaltsgenehmigung
Music & Live Musical Performance: Trike

Weitere Infos unter: www.shakespeareimparkberlin.org/

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„Alle Ereignisse in dieser besten aller möglichen Welten stehen in notwendiger Verkettung miteinander.“ Magister Pangloss aus „Candide oder Die beste aller Welten“, Kap. 30

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Das Hexenkessel Hoftheater im Amphitheater im Monbijoupark gegenüber dem Bodemuseum zeigt Voltaire, Shakespeare und Carlo Gozzi.

Die beste aller Welten nach Leibniz hatte sich auch Voltaire vorgenommen, um sie in einer wirklich bitterbösen Satire aufs Korn zu nehmen. In seinem 1759 anonym erschienenen Roman „Candide oder Der Optimismus“ auch „Candide oder Die beste aller Welten“ genannt, lässt er den Naivling Candide (Thorbjörn Björnsson), verbannt vom westfälischen Königshofe des Barons von Donnerstrunkshausen (Thorsten Junge) und dessen Tochter Kunigunde (bezaubernd Sara Löffler), die er liebt, durch die Welt ziehen und die Schlechtigkeit der Menschheit nur durch seinen grenzenlosen Optimismus ertragen. Zum 300. Geburtstag des großen Hobbyphilosophen Friedrich II. von Preußen und des nicht minder großen Aufklärers Rousseau nimmt sich das Hexenkessel Hoftheater in der Regie von Alberto Fortuzzi den anderen großen französischen Aufklärer Voltaire vor und macht aus dessen Satire „Candide“ eine spaßige Commedia dell’arte mit gehobenem Lachfaktor. Dazu gibt auch gleich der Autor selbst die Einführung, nicht ohne sich gebührend vor seinem Gönner Friedrich Richtung Publikum zu verbeugen.

 Auftritt Voltaire (Christian Schulz) im Hexenkessel candide_voltaire.jpg

Das Hexenkessel-Ensemble arbeitet sich brav an den Highlights des Romans ab. Candides alter Lehrer Magister Pangloß (Michael Schwager) lässt keine schlüpfrigen Bonmots aus, es wird philosophiert und geblödelt was das Zeug hält, zur Freude des zahlreich erschienen Publikums. Es treten furchterregende Bulgaren auf, man fällt unter die Seeräuber, Sturm und Schiffbruch werden bildgewaltig in Szene gesetzt und natürlich wackelt alles zum Lissaboner Erdbeben. Die Schauspieler geben sich in wechselnden Rollen redlich Mühe, aber ein gehaltvoller Spaß mit hintersinnigem Witz will das nicht werden. Nachdem Candide das El Dorado, den utopischen Ort Voltaires, wieder verlassen hat und bei der Begegnung mit dem wie eine Marionette an Strippen hängenden Pessimisten Martino (Christoph Bernhard) langsam alle Hoffnung fahren lässt, kommt es doch noch zum gediegenen Happy End, auch wenn Kunigunde etwas an ihrer Anmut gelitten hat. Es knüpft und fügt sich wie Pangloß es prophezeit hat. Oder fügt sich Candide nur in die Notwendigkeit? Na jedenfalls hat man das Thema Aufklärung auch mal im Hexenkessel beackert. Wie heißt es doch so schön zum Schluss bei Candide? „Allein wir müssen unsern Garten bestellen.“ Und das muss dann wohl auch jeder mit sich allein abmachen.

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Voltaires Candide als spaßige Comedia dell´arte.

Es sind leider keine weiteren Termine mehr für „Candide“ im Angebot. Dafür gibt es noch bis 1. September Carlo Gozzis absurdes Märchen „König Hirsch“  und Shakespeares Komödie „Was Ihr Wollt“ von Dienstag bis Samstag jeweils 19:30 Uhr bzw. 21:30 Uhr im Amphitheater zu sehen. Freunde des Schenkelklopfhumors werden auf ihre Kosten kommen. Weitere Infos unter: www.amphitheater-berlin.de/theater.html

Text und Fotos wenn nicht anders angegeben: St. B.

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Zum Weiterlesen:

  • Thomas Morus: Utopia, bei Projekt Gutenberg
  • Freiheit und Sklaverei. Die dystopische Utopia des Thomas Morus. hier online
  • Karl Kautsky: Thomas More und seine Utopie. (1888), hier in digitaler Form
  • Hilary Mantel: Wölfe. Die Geschichte von Thomas Cromwell. Roman. Aus dem Englischen von Christiane Trabant. Dumont 2010.

  • Voltaire: Candide oder Der Optimismus; Aus dem Deutschen übersetzt von Dr. Ralph und mit Anmerkungen versehen, die man in der Tasche des Doktors fand, als er im Jahre des Heils 1759zu Minden starb; Übersetzt von Wilhelm Christian Sigismund Mylius (1778), sprachlich erneuert und herausgegeben von Prof. Dr. Manfred Naumann, Rütten & Loening, Berlin 1964, mit Illustrationen von Werner Klemke
  • François Marie Arouet de Voltaire: Candide oder Die beste aller Welten bei Projekt Gutenberg

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