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Pool (mal mit mal ohne Wasser) – Othello wird an der Berliner Schaubühne nass gemacht

Dienstag, Oktober 19th, 2010

Thomas Ostermeier inszeniert Shakespeares Othello als stiernackigen Emporkömmling aus der Unterschicht, der Star des Abends aber ist der Jago des Stefan Stern.

Sebastian Nakajew hat bereits einmal den Menschen aus der Unterschicht gespielt, in Volker Löschs Inszenierung von Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Franz Biberkopf findet hier aufgrund seiner Herkunft keinen Platz in der Gesellschaft, das ist aktuell heute nicht viel anders. In Shakespeares „Othello“ hat der Außenseiter durch Leistung eine anerkannte Stellung erworben, nun wird er angefeindet von den zu kurz Gekommenen und Neidern wie zum Beispiel Jago einer ist. Dazu braucht man keine Armeen auf zu fahren, man findet diese Menschen im realen Leben in jeder Büroetage, dem bevorzugten Klientel das uns Thomas Ostermeier seit längerem immer wieder vorführt. Für seinen dritten Shakespeare muss Ostermeier aber die kriegerische Entourage zurückgreifen, ist doch der Mohr von Venedig General im Dienste des Dogen und führt dessen Truppen in den Krieg gegen die Türken, welche die Insel Zypern bedrohen. Zuvor ehelicht er schnell noch heimlich die junge ihm durch seine exotischen Abenteuer erlegene Desdemona, düpiert damit ihren Vater und da er bei der Wahl des neuen Leutnant den Freund Cassio dem erfahren Fähnrich Jago vorzieht, hat er gleich noch einen Feind mehr. Somit ist der Handlungskreis abgesteckt, alle strampeln sich ab im selben Pool, der die Bühne von Jan Pappelbaum beherrscht, der eine mit mehr Glück der andere mit weniger. Die gesellschaftliche Stellung bleibt letztendlich entscheidend, ob man oben schwimmt oder untergeht. Der Jago des Stefan Stern will sich aber nicht dieser Regie unterordnen und in Ostermeiers Lesart ist er der eigentliche Protagonist und Fadenzieher in einer teuflischen Intrigenshow die sich nun vor uns entspinnt.
Zu Beginn gibt es erst einmal eine ausgedehnte Musikeinlage mit allen Darstellern, aus deren Mitte sich dann Nakajew erhebt und zu orientalischen Jazz-Rhythmen anfängt sich den nackten Körper mit Farbe zu beschmieren. Die Desdemona der Eva Meckbach gesellt sich zu ihm und beide steigen in ein riesiges Bett auf der Bühne und werden nach hinten weg geschoben. Dazu gibt es wild zuckende Videoprojektionen, deren Bilder sich aber auch mit der Länge der Sequenz nicht erschließen. Die Musik bleibt den ganzen Abend über immanent und weißt allein auf das exotische Element des Othello hin. Was weiter folgt ist in groben Zügen schnell erzählt, es ist die übliche Othellostory, etwas sprachlich modernisiert und in der entscheidenden Szene wenn Othello sich der Intrige Jagos vollends hingibt spielen beide Golf.  Zur Besiegelung ihres Paktes zur Entdeckung der vermeintlichen Untreue von Desdemona tauschen Sie einen männerbündlerischen Kuss aus, danach gibt es noch etwas Waterboarding für Jago als Männerritual, um zu zeigen wer der eigentliche Herr im Ring zu sein hat. Da ist viel Zitat und die übliche Verlegung in die heutige Zeit, was Ostermeier aber nicht bedacht hat, Shakespeare kommt ihm hier in die Quere und er wird ihn einfach nicht los. Desdemona ist einen Tick zu devot, das ist sie ja auch bei Shakespeare, ein reines Mittel zum Zweck. Das Eigentum einer Männerkaste, die sich in ihrer Ehre verletzt fühlt. Ostermeier macht aus allen Protagonisten Typen und besetzt sie auch so. Thomas Bading ist der ningelige Papa, Eva Meckbach das naive Blümchen, Tilmann Strauß der eitle Pfau Cassio der sich nur für sein eigenes Fortkommen interessiert und Niels Bormann als tumber Rodrigo gibt was er am besten kann, sich selbst. Und dann last bad not least noch ein vierschrötiger Othello, als Franz Biberkopf war Nakajew noch glaubhaft, hier ist er Karikatur, die Hauptfigur verraten für einen kleinen Kunstgriff. Dafür ist ein Stern aufgegangen an der Schaubühne, dafür gilt Ostermaier Dank, der Rest ist platte Show. Stefan Sterns Jago kann alle nach Belieben um den Finger wickeln, da alle ebenso karrieregeil oder nur triebgesteuert sind. Stern vollführt eine wahren Veitstanz seiner Überlegenheit.
Sicher hat Ostermeier auch eine Idee gehabt, nämlich die des Neiders der sich von einem Emporkömmling übergangen sieht und der nun zum ganz subtilen Intriganten wird. Heute nennt man das Mobbing. Bei Shakespeare spielte vor allem der Hass auf das Fremdartige des Mohren von Venedig eine Rolle, der Rassismus ist auch heute noch und nun wieder verstärkt vorhanden. Indem Ostermaier diese Ebene total ausblendet, nur der Vater Desdemonas lässt das noch anklingen, wird die Inszenierung ziemlich eindimensional und bekommt Schieflage, da kein Mensch sich prügelnde Bürohengste vorstellen kann. Auch die Verlegung ins Showgeschäft wäre ja denkbar, aber Othello bleibt eben was er ist, ein Mann, der sich um seine erste Nacht betrogen fühlt und das ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Eine schöne Rezeption übrigens im Programmheft, die aber leider auch nichts mit der Inszenierung von Ostermaier zu tun hat. So ist das Finale vorgegeben, Othello erstickt seine vermeindlich untreue Desdemona, Jago wird von Emilia (Laura Tratnik) entdeckt und hüllt sich wie üblich in Schweigen.