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Verunglückte Ethikrecherche und starres Authentizitätsdogma – Das Deutschen Theater Berlin versucht sich an den Zehn Geboten und einem Fest

Sonntag, Januar 29th, 2017

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10 Gebote – Der verunglückte Versuch einer zeitgenössischen Ethik-Recherche in der Regie von Jette Steckel am Deutschen Theater Berlin

DT-Schaukasten – Foto: St. B.

Waren die Zehn Gebote einmal von Gott auf zehn Steintafeln an den Propheten Moses übergegebene Verhaltensregeln zum Ausdruck des Bundes seines Volkes mit ihm, so sind diese Gebote heute meist nur noch lästige Benimmregeln, an denen nicht erst der moderne Mensch tagtäglich scheitert. So jedenfalls kann man es am kleinen Sünder wie auch im großen Weltgeschehen beobachten. Ob die Zehn Gebote als Grundlage theologischer wie weltlicher Ethik heute überhaupt noch Bestand haben oder komplett neu gedeutet werden müssen, das will nun die Regisseurin Jette Steckel in ihrer groß angelegten, zeitgenössischen Theaterrecherche 10 Gebote am Deutschen Theater Berlin untersuchen.

Sie hat dazu 15 AutorInnen, FilmerInnen und MusikerInnen gebeten kurze Beiträge zum Thema zu liefern. Entstanden ist ein Konglomerat aus insgesamt 12 Werken, bestehend aus kurzen Monologen, kabarettistischen Einlagen, zwei Kurzfilmen und auch drei Minidramen, die sich alle lose um die zehn Gebote drehen, aber v.a. eine selbstbefragende Sicht auf das freigeben sollen, was uns heute diese Ge- oder Verbote im Rahmen unseres abendländisch-christlich-jüdischen Wertekanons noch zu sagen haben. Sich selber in Frage stellen, ist das weit gesteckte Ziel des Abends.

Zu Beginn herrscht allerdings erst einmal ein großes Stimmengewirr. Auf die schwarzen Wände eines raumgreifenden Drehbühnenturms zu Babel werden mit Kreide die Gebotstexte geschrieben. Dann macht sich das Ensemble locker zum Song „Immer muss ich alles sollen“ von Gisbert zu Knyphausen. Allzu hochtrabend und düster, scheint es, soll es dann doch nicht werden. Aber Clemens Meyer legt mit einem für ihn typisch kraft-Meyernden Text die Selbstbefragungslatte zunächst mal gar nicht allzu niedrig. Benjamin Lillie schafft sich zu Gebot 1: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ als junger Glaubenssucher („Ich bin ein Binnenmeer“) im Schlafstrampler an den auf ihn einstürzenden Erkenntnissen über den großen „Wolkenmäcki“ („Es kann nur einen geben.“), die Welt und manch andere Ideologie. Credo: „Wie man sich betet, so lügt man.“

Dagegen ist das kleine Dialogdrama von Sherko Fatah zum Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.“ ein eher zähes Fabulieren über die traditionelle Rolle der Frau in der Familie und einen begangenen Ehrenmord zwischen dem jungen Delinquenten (Natali Seelig) und seiner Verhörerin (Lorna Ishema). Felicia Zeller liefert zum Gebot: „Du sollst nicht lügen.“ den satirischen, hier chorisch gesprochenen Monolog eines von seiner eigenen Wahrheit Besessenen, der in Cafés Zeitungsartikel korrigiert, wobei das Ensemble im Takt auf Steintafeln herumhämmert.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Als die coolen Zyniker des Unterfangens fungieren der Journalist, Autor und Migrationsforscher Mark Terkessidis und der Rap-Musiker Maxim Drüner (K.I.Z.) gemeinsam mit dem Dramatiker Juri Sternburg. Ersterer hat einen gesellschaftskritischen Popdiskurs (Text im Programmheft) über die allgemeine Neiddebatte („Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“), die Luxus-Probleme der Mittelschicht und deren Vorurteile über das Prekariat geschrieben, den Jette Steckel als völlig überdrehtes Gespräch zweier Partygäste (Wiebke Mollenhauer und Ole Lagerpusch) inszeniert. Drüner und Sternburg gefallen sich als schwarzhumorige Kapitalphilosophen (Lagerpusch und Lillie), die sich wie Zwillings-Antipoden über das Prinzip Stehlen als gesellschaftliche Alternative austauschen. Was auch mal in dem nicht gerade p.c.-tauglichem Statement: „Du sollst keinen Laster stehlen und in einen Weihnachtsmarkt fahren.“ mündet. Hier schifft man zwar unterhaltsam zwischen Gorki-Sound, Pollesch-Diskurs und Pop-Literatur, allerdings ohne besonderen politischen Tiefgang. Wie alles andere bleibt auch das auffallend an der gerade noch mainstreamtauglichen Oberfläche.

Sich gekonnt lustig machen ist ja nicht grundsätzlich falsch, wenn man Religion kritisch hinterfragen will. Nur scheint das gar nicht das Hauptthema des Abends zu sein. Aber außer dem erklärten Willen zur Befragung wird hier nicht wirklich klar, was Jette Steckel sonst noch so umtreibt? Nichts hält diesen schier berstenden Abend irgendwie zusammen. Ein recyceltes Libretto von Dea Loher zur 2015 in Hamburg in der Regie von Jette Steckel uraufgeführten Oper Weine nicht, singe schleppt sich in einem fürchterlich pathetischem Sing-Sang schier unendlich bis zur Pause. Eine Art Endzeitstory über Grenzkriege, Flucht und schicksalhafte Verstrickungen im Gewand einer antiken Tragödie.

Was eigentlich zum Gebot „Du sollst nicht töten.“ passen würde, läuft hier unter dem Sammelgebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.“ Lediglich schräg wirkt da, das Thema Töten mit der Obsession von Männern, die geschlachtet und verspeist werden wollen, zu verbinden. Filmemacher Jan Soldat hat einen seiner ungewöhnlichen Interviewfilme über seltsame menschliche Fetische beigesteuert. „Die Idee ist Ewigkeit.“ heißt es da. Was an anderer Stelle sicher interessant wäre, geht hier kopfschüttelnd unter wie ein kleiner, sicher metaphorisch gemeinter Monolog des bekanntlich zu großen transzendenten Gedanken durchaus fähigen Schriftstellers Navid Kermani über einen Vater (Andreas Pietschmann), der seinen Sohn töten will, um ihm die Enttäuschungen des Erwachsenseins zu ersparen. Lediglich Dramatik von der Stange ist ein Kurzdrama der Schriftstellerin Nino Haratischwili zum Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen.“, was von der Regisseurin in bunten Cocktails und Discokugellicht ertränkt wird.

Wir sehen also vier Stunden fröhliche Blasphemie mit einigen versuchten Einschüben pathetisch-heiligen Ernstes, die so deplatziert wirken, wie ein echtes Schaf auf einer Theaterbühne, das Ole Lagerpusch im weißen Zottelfell als bedauernder „Créateur“ (sprich Lebensdesigner) Gott zum Ende dann noch am Strick vorführt. Rocko Schamoni hat sich die Option auf ein 11. Gebot gesichert. Enttäuscht bezeichnet Gott in seinem Monolog die Menschheit als „maximale Sackgasse“ und bittet zu den Klängen eines bekannten französischen Chansons um Pardon. Darin steckt nicht nur Ironie, sondern auch ein wenig die Sehnsucht nach dem Göttlichen zumindest in der Kunst. Lieber Bühnen-Gott, verlass mich nicht. Die Unternehmung ist da aber längst von allen guten Geistern verlassen.

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10 Gebote (UA am 21.01.2017 am Deutschen Theater)
Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_Innen, 9 Schauspieler_Innen und 1 Schaf
Mit Texten und Videos von Maxim Drüner (K.I.Z)/Juri Sternburg, Sherko Fatah, Nino Haratischwili, Navid Kermani, Bernadette Knoller/Anja Läufer/Claudia Trost, Dea Loher, Clemens Meyer, Rocko Schamoni, Jochen Schmidt, Jan Soldat, Mark Terkessidis, Felicia Zeller
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Mark Badur
Licht: Matthias Vogel
Ton: Marcel Braun, Matthias Lunow
Dramaturgie: Anika Steinhoff
Mit: Markus Graf, Judith Hofmann, Lorna Ishema, Ole Lagerpusch, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Helmut Mooshammer, Andreas Pietschmann, Natali Seelig
Dauer: ca. 4 Stunden, eine Pause
Termine: 12.02., 26.02.2017

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 23.01.2017 auf Kultura-Extra.

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Starres Authentizitätsdogma – Anna Lenk inszeniert auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele eine intime Version des Dogma-Films Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov

DT-Schaukasten – Foto: St. B.

Auch in der zweiten Inszenierung des vergangenen Premierenwochenendes am Deutschen Theater Berlin spielt zumindest eines der zehn Gebote eine gewisse Rolle. „Das vierte Gebot lautet: Du sollst Vater und Mutter ehren“, sagt am Ende die Großmutter (Katharina Matz) der Klingenfeld-Hansenschen Familie trotzig, nachdem die Feier zum 60. Geburtstag ihres Sohnes Helge, der gemäß der Altmänner-Tischrede seines senilen Vaters (Jürgen Huth) eigentlich schon eine Geschichte von den sieben Meeren vertragen kann, etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Mit dem Gebot meint die starrköpfige Großmutter allerdings nicht etwa ihren des Kindesmissbrauchs überführten Sohn, sondern dessen Kinder, die in dem berühmten Dogma-Film Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov erst für die Offenlegung dieses unangenehmen Familiengeheimnisses kämpfen müssen.

Tischgesellschaften zu runden Geburtstagen eignen sich immer vorzüglich, um in alten Erinnerungen zu schwelgen. So ließ auch Jette Steckel in ihrer Inszenierung der 10 Gebote das Ensemble eine große Tafelrunde mit Geschichten von Vater und Mutter garnieren. Anne Lenk lässt in ihrer Bühnenadaption des Dogma-Klassikers Das Fest die Tische weg, gruppiert aber das Publikum dennoch recht eng und intim um eine kleine Spielfläche auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele. Die Großeltern und der mit Altherrenwitzen glänzende Onkel Leif (Michael Gerber) sitzen mit unter uns. Wir nehmen also direkt teil am Geschehen, bekommen vom Toastmaster des Abends (Bernd Moss) Sekt und Wasser gereicht und sollen auch noch ein Ständchen für den Jubilar einüben.

Wer solche Art von Peinlichkeiten weder im eigenen, größeren Familienkreis noch im Theater mag, sollte lieber daheim bleiben, allerdings ist diese unangenehm vertrauliche Atmosphäre von Anfang an Teil des Regie-Konzepts und muss vom Publikum als solches auch bis zum Ende mit durchlitten werden. Es geht nicht nur um ein jahrelang unter den Familienteppich gekehrtes Geheimnis, sondern auch um die verschiedenen Arten und Wahrnehmungen von Scham und Schuld, deren Auswirkungen auf das Familiengefüge, sowie um Macht und Schuldkomplexe der Ohnmächtigen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Und das soll uns nun hier auf engstem Raume möglichst hautnah und authentisch vorgefügt werden. Es beginnt mit der Ankunft der wichtigsten Gäste, die sich plötzlich aus dem Publikum schälen oder wie zufällig hereinschneien. Ungelenke Begrüßungsszenen, möglichst improvisierter Smalltalk, man hat sich lange nicht gesehen und doch nicht allzu viel zu sagen. Es herrscht bei aller bemühten Vertrautheit eine peinliche Distanz und über allem schwebt da immer auch etwas Unausgesprochenes.

Man läuft sich warm mit Sprüchen und Kinderspielen. Beim Einmarsch von Helge (Jörg Pose) und seiner Frau Else (Barbara Schnitzler) erhebt sich alles zum Kanon mit Knicklichtern, und es gibt eine Diashow mit alten Fotos der Familie. Das ist nun für diejenigen, die Film und Geschichte kennen, insgesamt doch etwas langatmig. Bei aller gespielten Improvisation bleiben Text und Handlung immer recht nah am Original. Für die nötige Fallhöhe muss natürlich als Helges Gegenspieler, sein Sohn Christian, sorgen, den Alexander Khuon als sichtlich grübelnden Zauderer anlegt, der dann irgendwann auch zu seiner „Wahrheitsrede“ über den reinlichen Vater, der mit den Zwillingen Christian und Linda immer ins Bad wollte, ansetzt. Was folgt, sind Momente lähmenden Schweigens.

Helge sitzt die erste Attacke locker aus. Selbst Christians jüngere Geschwister, die überdrehte Helene (Lisa Hrdina) und der laute, gern übergriffig pöbelnde Bruder Michael (Camill Jammal), der mit Frau (Anita Vulesica) und eigenen Kindern angereist ist, stellen sich zunächst noch vor den Vater. Die Mechanismen der Verdrängung und des Familienzusammenhalts funktionieren hier noch recht gut. Christian steht da außen vor, während sich Michael mit peinlichen Geburtstagsständchen am Klavier sogar die Liebe und Aufmerksamkeit des Vaters erspielen will. Es gilt ein trotziges Weiter-So.

Doch das Fest verläuft unerfreulich, wie Onkel Leif sichtlich angeödet bemerkt. Die gute Stimmung lässt sich auch mit Singen und Tanzen nicht wirklich auf Dauer aufrecht halten. Geradezu perfide wirken die Versuche der Eltern, ihrerseits Christian zu diskreditieren. Aber Christian bleibt hartnäckig zusammen mit seiner Jugendfreundin Pia (Franziska Machens), die als gutes Gewissen ansonsten hier relativ blass bleibt. Man kann hier sehr schön die üblichen Abwehrmechanismen und Machtspiele der getroffenen Eltern beobachten, die Schuldzuweisungen und Schamgefühle für sich nutzen, bis das Lügengebäude durch den wiedergefundenen Abschiedsbrief Lindas zum Einsturz gebracht wird.

Allerdings krankt das Ganze auch an seiner unmittelbaren Deutlichkeit. Wilde Handgemenge, Gebrüll und viele Tränen am Ende samt Demütigung des nun überführten Vaters. Nichts wird ausgelassen. Weder die peinlichen Ausländerwitze Michaels über den arabischen Freund (Thorsten Hierse) seiner Schwester, noch die ständigen Wortmeldungen der Alten, die weiter in ihren alten Vorstellungen von Heim und Familie verharren. Nach zum THEATERTREFFEN eingeladenen Inszenierungen von Michael Thalheimer (2001) und Christopher Rüping (2015) hat Anne Lenk nach 20 Jahren Dogma dem Thema nichts Neues hinzugefügt. Das Theater unterwirft sich ohne Not einem starren Authentizitätsdogma.

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Das Fest (DT-Kammerspiele, 27.01.2017)
von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
Regie: Anne Lenk
Bühne: Halina Kratochwil
Kostüme: Sibylle Wallum
Musikalische Leitung: Leo Schmidthals
Dramaturgie: David Heiligers
Mit: Michael Gerber, Thorsten Hierse, Lisa Hrdina, Jürgen Huth, Camill Jammal, Alexander Khuon, Franziska Machens, Katharina Matz, Bernd Moss, Jörg Pose, Barbara Schnitzler und Anita Vulesica
Die Premiere war am 20.01.2017 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin
Weitere Vorstellungen am 12., 15., und 25.02.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 28.01.2017 auf Kultura-Extra.

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„Das Fest“ vom Staatstheater Stuttgart – Christopher Rüpings furiose Inszenierung nach Thomas Winterbergs Dogma-Klassiker beim Theatertreffen 2015 – (Teil 4)

Freitag, Mai 15th, 2015

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Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz

Foto (C) JU Ostkreuz

Wenn es nach Armin Petras, dem Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart, geht, dann kommt, was in Stuttgart bei der Premiere ausgebuht wird, mit Sicherheit zum THEATERTREFFEN nach Berlin. Wenn Petras tatsächlich eine Regel daraus ableiten wollte, müssten wohl einige Inszenierungen mehr auf dem Einladungsplan der Jury gestanden haben. Der ehemalige Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters hat es, was die Reaktionen des Publikum und der regionalen Kritik betrifft, noch nicht ganz in die Herzen der Stuttgarter geschafft. Da ist eine Einladung nach Berlin pro Jahr allein schon bemerkenswert genug. Gab im vergangenen Jahr der sogenannte „Mut zur Entschleunigung“ den Ausschlag für die Einladung von Robert Borgmanns Onkel Wanja-Inszenierung, die nicht wenige THEATERTREFFEN-Besucher zur Flucht oder in den Schlaf trieb, so dürfte es in diesem Jahr wohl der Mut sein, eine nicht gerade einfache, massenkompatible Geschichte auch noch relativ unkonventionell zu inszenieren.

Christopher Rüping, ein weiterer der zahlreich in diesem Jahrgang vertretenen tt-Debutanten, hat sich an eine in der Tat ungewöhnliche Adaption des Dogma-Klassikers Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov gewagt. Der 1998 entstandene Film erzählt die Geschichte eines Inzests in einer dänischen Hoteliers-Familie. Vater Helge hat die Zwillinge Linda und Christian im Kindesalter sexuell missbraucht, wovon auch die Mutter wusste, was aber später nie wieder zur Sprache kam. Auf der Feier zum 60. Geburtstag des Patriarchen geht Christian an die Öffentlichkeit und hält, ausgelöst durch den Schock des Selbstmords seiner Zwillingsschwester, eine den Vater anklagende Rede. Der Film zeigt über die Zeit von 24 Stunden Christians schweren Kampf für die Wahrheit und gegen die familiäre Verdrängung, bis der aufgetauchte Abschiedsbrief Lindas das Lügengebäude endgültig einstürzen lässt.

Regisseur Rüping reduziert das Personal des Films auf den engsten Kreis der Familie aus Vater, Mutter, Geschwister und Großeltern und lässt seine DarstellerInnen Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau und Christian Schneeweiß sehr spielerisch an die Sache herangehen. Es wird hier ein großer, ungebremster Kindergeburtstag gefeiert, was man auch als eine Art Familienaufstellung ohne Erwachsene deuten könnte, weshalb dann alle immer wieder in XXL-Pullover mit Großbuchstaben (Kostüme: Lene Schwind) schlüpfen, die ihre momentane Rolle anzeigen sollen. Außerdem wechseln mit den Pullovern auch immer wieder die Rollenzuschreibungen von Opfer, Täter und die der verschiedenen Familienmitglieder. Das ist sicher geschickt gestrickt, wenn es auch immer die Gefahr der Banalisierung des ernsten Themas in sich birgt. Dennoch wirkt das Spiel über die gesamte Zeit nie wirklich platt, und bei aller Infantilisierung bleibt der eigentliche Film-Plot doch erstaunlich gut erkennbar.

Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz

Foto (C) JU Ostkreuz

Die durch die klaren Dogma-Regeln bestimmte, starre Dramaturgie des Films bricht Rüping durch die Art der Verfremdung und offene Spielanordnung komplett auf. Offen ist auch die Bühne von Jonathan Mertz. Stapel von Stühlen und Tischen werden immer wieder neu arrangiert und als Abgrenzungsbarrieren, Podium für Ansprachen oder Laufsteg für Showeinlagen zu Dance-Beats genutzt. Man beginnt hier bei einer vom gesamten Ensemble vorgeführten Rede nach dem Motto „Jede Familie hat ein Geheimnis“, die Geschichte der Klingenfeld-Hansen vom dänischen Özi über Erfinder und Entdecker bis zur dunklen NS-Zeit zu beleuchten. Die SchauspielerInnen gehen dabei in den vollen Körpereinsatz und versuchen auch immer wieder durch direkte Ansprache das Publikum mit einzubeziehen. Es zünden Konfettikanonen, wirbeln Windmaschinen, man erzählt sich unkorrekte Witze, und Matti Krause chargiert seinen „Oppa“ immer wieder ins gnadenlos Mundartliche.

Rüping verliert über dem Klamauk aber nie ganz den Ernst aus dem Blickfeld. Zwischen Slapsticks und Popsongs von Cat Stevens‘ „Father and Son“ über „I Follow Rivers“ von Lykke Li bis zu „I’ll stand by you“ von den Pretenders treten immer wieder ruhige Phasen mit intensiven Reden und Dialogen, bevor sich die Party wieder gnadenlos weiter dreht. Figuren werden entlarvt, eingeschüchtert, isoliert oder wieder in den Kreis der schützenden grauen Masse aufgenommen. Der Regisseur macht es einem so nicht gerade einfach, Partei zu ergreifen. Wieder sehr emotional sind eine Badewannenszene, in der Christian seine tote Schwester erscheint, oder wenn sie sich zwischen ihn und seine Liebe Pia drängt. Und auch an den Geschwistern Helen und Michael gehen die Enthüllungen nicht spurlos vorbei. Der Schluss gehört dann noch einmal dem ausgestoßenen Vater und seiner Rechtfertigungsrede aus dem Hintergrund. Ein Zeichen, dass es wohl nie ganz aufhören wird.

Die Inszenierung ist unglaublich dicht, emotional aufwühlend, und die Intensität des Spiels hält einen so bis zum Schluss gefangen. Das ist sicher zeitweise auch schwer erträglich, wobei die Reaktionen des Publikums bei der Premiere in Berlin dann doch recht positiv ausfielen. Wenn auch nicht in allen Szenen gelungen, so bleibt Christopher Rüpings Inszenierung doch zumindest bemerkenswert kontrovers und pustet damit etwas frischen Wind in das bisher doch recht vorhersehbar verlaufende Theatertreffen-Programm.

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Das Fest (Haus der Berliner Festspiele, 11.5.2015)
nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
tt15_promo_media_gallery_resBühnenfassung von Bo hr. Hansen
in der Übersetzung von Renate Bleibtreu
Regie: Christopher Rüping
Bühne: Jonathan Mertz
Kostüme: Lene Schwind
Musik: Christoph Hart
Dramaturgie: Bernd Isele
Mit: Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau, Christian Schneeweiß, Norbert Waidosch (Pianist)
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere am Schauspiel Stuttgart war am 20.04.2015
Termine beim tt15: 11. und 12.05.2015

Weitere Infos: http://www.theatertreffen.de
http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 13.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Parteidisziplin und Lebenslügen – Das Deutsche Theater Berlin zeigt Jean-Paul Sartres „“Die schmutzigen Hände““ und Thomas Vinterbergs „“Die Kommune“

Donnerstag, Januar 26th, 2012

Gerade noch haben an der Volksbühne René Pollesch und Fabian Hinrichs mit viel Spaß und artistischem Spieltrieb das verstörte Individuum im Kapitalismus untersucht und die Unmöglichkeit ein Netzwerk zu lieben ironisch verdeutlicht, wobei sie ganz nebenbei noch Brechts Egoisten und Anarchisten Fatzer einflochten, da zieht schon das Deutsche Theater nach und verabschiedet in zwei Inszenierungen ein paar liebgewonnene bzw. verhasste Ismen und entsorgt gescheiterte Utopien. Und das kommt teilweise so locker und leicht daher, dass man sich die Augen reiben muss und kneifen möchte, ob man denn wirklich im Tempel des bildungsbürgerlichen Theaters an der Schumannstraße sitzt. Die beiden noch an Jahren jungen Regietalente Jette Steckel und Rafael Sanchez beschäftigen sich hier mit Themen, die schon auf dem Müllplatz der Geschichte zu liegen schienen, aber in letzter Zeit wieder sehr aktuell sind. Ob sie auch den Kern der Sache getroffen haben, bleibt aber bei beiden Inszenierungen relativ offen, und damit bestätigt sich eigentlich nur wieder die Feststellung, dass ein stark aufspielendes Ensemble noch jedem Stück etwas Relevanz entlocken kann.

dt.jpg Foto: St. B.
Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin

Spieltrieb, Idealismus oder todernste Realpolitik – Jette Steckel klopft Sartres großes Spiel über Methoden zur politischen Machterlangung auf Lüge und Wahrheit ab.

Spiel, Spaß und gute Laune scheinen dem alten Stück irgendwie eingeschrieben zu sein. Leider hat das wohl in den Zeiten des Eisernen Vorhangs, ha ha, keiner so richtig mitgekriegt. Oder liegt es daran, dass es ständig falsch verstanden wurde und immer wieder nur für Stalinismuserklärungen herhalten musste. Zwei unvergessene Inszenierungen der Nachwendezeit haben Sartres Stück über einen ideologisierten jungen Intellektuellen, der einen politischen Mord begehen soll und an der Aufgabe menschlich scheitert, von diesem Rezeptionsstaub befreit. Über Frank Castorfs herrliche Jugoslawienkriegsfarce von 1998 an der Volksbühne, mit dem ungeschlagenen Dreigestirn Henry Hübchen als dichtendem Hoederer-Karadzic, Matthias Matschke als verhuschten, grimassierenden Tollpatsch Hugo („Kann ich auch! Kann ich auch!“) und Kathrin Angerer als nölendes Girlie Jessica, braucht man nicht mehr zu reden. Mit frechen Balkanbrassklängen bliesen sie dem ollen Sartre ordentlich den Marsch.

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