Archive for the ‘Tilmann Köhler’ Category

Das Deutsche Theater Berlin startet mit einer Max-Frisch-Adaption von Thom Luz und einem Fritz-Kater-Stück in der Regie von Tilmann Köhler durchwachsen in die neue Spielzeit

Montag, Oktober 10th, 2016

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Der Mensch erscheint im Holozän – Thom Luz langweilt zum Spielzeitauftakt am Deutschen Theater mit einer späten Erzählung seines Landsmanns Max Frisch

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin - (c) Arno Declair

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin – (c) Arno Declair

„Herr Geiser hat Zeit.“ heißt es in der 1979 erschienen Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän vom damals 68jährigen Max Frisch: Ihr Protagonist, der 73jährige ehemalige Firmeninhaber Herr Geiser aus Basel, zieht sich während eines langanhaltenden Unwetters in den Tessiner Alpen immer mehr in sein Ferienhaus zurück. Ein Erdrutsch droht, die Straße ins Tal ist gesperrt, und der Strom fällt hin und wieder aus. In der drohenden Naturkatastrophe spiegelt sich auch der eigene Verfall. Der alte Mann fühlt sich von der restlichen Welt abgeschnitten und beginnt zunächst aus Langeweile zu lesen. Mehr die im Überfluss vorhanden Sachbücher und Lexika, als Romane, die nur von Menschen und ihren Beziehungen handeln. Herr Geiser sammelt das Wissen der Welt, um es zu bewahren und somit der drohenden Auslöschung des eigenen Ichs zu begegnen.

Ein interessanter Stoff für Thom Luz (Regisseur und Landsmann von Max Frisch) mit Hang zum assoziativ Abseitigen, das sich einfachen, narrativen Erklärungsmustern entzieht. So sind auch seine ebenfalls schon in Berlin zu sehenden Inszenierungen Atlas der abgelegenen Inseln und LSD – Mein Sorgenkind aufgebaut. Luz ist Meister im Erzeugen und Widerspiegeln von Stimmungen. Gern nebelt dafür der Schweizer Regisseur die Bühne ein. Lesen im postdramatischen Kaffeesatz. Und passend auch für das wolkenverhangene Tessiner Tal, das hier auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin einer kleinen Schar Touristen im Vorübergehen von den Ensemblemitgliedern Judith Hofmann, Franziska Machens und Leonhard Dering gbeschrieben wird. Sie tragen Rollenbezeichnungen als verstorbene Frau, Tochter und Schwiegersohn des Herrn Geiser, während Ulrich Matthes als eigentlicher Hauptprotagonist zunächst noch stumm an der Bühnenrampe auf einem Stuhl sitzt.

Die Erzählung über den alten Geiser ist in der dritten Person gehalten und auch weiter auf alle Beteiligten inklusive zweier Klavierspieler Wolfgang Menardi (als deutscher Sonnenforscher) und Daniele Pintaudi (als Armand Schulthess) verteilt. Beides Figuren, die Frisch als Inspirationsquellen für seine Hauptperson dienten. Der Schweizer Industrielle Armand Schulthess als Erfinder eines enzyklopädischen Gartens in den Tessiner Bergen, einer „Enzyklopädie im Walde“ und gewaltigem Nachschlagewerk mitten in der Natur. Ähnlich dem Zettelkasten Geisers, der, um nichts zu vergessen, eine Vielzahl von Lexikoneintragungen ausschneidet und an die Wände seines Hauses pinnt.

 

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin - (c) Arno Declair

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin
(c) Arno Declair

 

Das ist hier nur mit zwei Tapetenwänden und einer Treppe als zweigeschossiges Gestell angedeutet, das von den SchauspielerInnen immer wieder mal bestiegen wird. Ansonsten ist die Bühne außer mehreren Klavieren und Scheinwerfern recht leer. Die Naturbeschreibungen wie die zahllosen Wissensfetzen des Alten, der sich erst nach und nach eine Stimme verschafft, die ihm aber durch die anderen immer wieder genommen wird, verhallen wie ungehört im Nebel. Eine eher vergebliche Selbstvergewisserung, die selbst durch den Besuch der Dorfspelunke oder die versuchte Flucht aus dem Tal den geistigen Verfall des Mannes nicht aufhalten kann. Wissen beruhigt zwar kurzzeitig, aber: „Was heißt Holozän! Die Natur braucht keinen Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.“ lautet der Schlüsselsatz der Erzählung.

Die Natur ist bei Luz allerdings ein rein abstraktes Gedankengebilde. Matthes zählt mit monotoner Stimme die vielen Arten des Donners auf. Er scheint dabei ganz in sich selbst versunken. Auch die Anderen sind eher sprechende Schatten, die ansonsten in dem von Luz durch Wechsel von Licht, Dunkelheit und chorischem Liedersingen zu dezenter, klassischer Klaviermusik erzeugten Stimmungsraum huschen. Sie geben Radiomeldungen wieder, imitieren dabei das Verstellen der Sender mit einer Stahlplatte auf den Saiten eines Klaviers oder lesen im Linienlicht der Punktscheinwerfer Frischs Text. Viel mehr fällt Thom Luz zu diesem existentiellen Drama eines Mannes, dessen Gedächtnis sich trotz des unaufhörlichen Ordnungsdrangs langsam aufzulösen beginnt und im Chaos der Natur aufgeht, nicht ein. Der stille und dennoch hochphilosophische Text dient letztendlich nur für eine der typischen Fingerübungen des Regisseurs mit sparsamer Musikbegleitung, die sich irgendwann hinter sich schließenden Gazevorhängen totläuft.

Dahinter kann Herr Geiser noch etwas über Gott, das Ende der Welt und das Zeitalter der Dinosaurier philosophieren, bis seine Konturen langsam verschwimmen und die Stimme erstirbt. Der Mensch hat dem Lauf der Natur und dem Tod nichts entgegenzusetzen. Ulrich Matthes könnte so auch die Zeit oder die Seitenzahlen ansagen. Es würde nicht viel am Verlauf des 90minütigen Abends ändern. Es macht sich Schläfrigkeit breit. So starben dann wohl auch die Dinosaurier. Aus lauter Langweile.

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Der Mensch erscheint im Holozän
nach der gleichnamigen Erzählung von Max Frisch
in einer Fassung von Thom Luz und David Heiligers
Premiere war am 23.09.2016 Deutsches Theater
Regie: Thom Luz
Musikalische Leitung: Mathias Weibel
Bühne: Wolfgang Menardi, Thom Luz
Kostüme: Sophie Leypold
Dramaturgie: David Heiligers
Licht: Matthias Vogel
Mit:
Ulrich Matthes…Herr Geiser
Judith Hofmann…Elsbeth, seine verstorbene Frau
Franziska Machens…Corinne, seine abwesende Tochter
Leonhard Dering…Der Schwiegersohn aus Basel, der immer alles besser weiß
Wolfgang Menardi…Ein deutscher Sonnenforscher
Daniele Pintaudi…Armand Schulthess
als Besucher: Margitta Azadian, Mohammed Azadian, Martin Heise, Till-Jan Meinen, Sarah Maria Neugebauer, Valentin Olbrich, Nina Philipp, Thomas Reimann
Koproduktion mit dem Theater Basel
Premiere war am 2309.2016 im Deutschen Theater Berlin
Termine: 13., 22.10. / 01., 09., 18.11.2016

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 24.09.2016 auf Kultura-Extra.

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BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – Tilman Köhler inszeniert an den DT-Kammerspielen Fritz Katers Stück als szenisches Panorama des modernen Menschen

Um fünf Ingredienzien des Lebens soll es im Stück BUCH. Berlin gehen. Dazu gehören nach der Szenenabfolge des Autors Fritz Kater Utopie, Phantasie, Liebe und Tod, Instinkt und Sorge. „wie leben wir und warum?“ – ein Panorama des modernen Menschen in fünf Bildern, das von den 60er Jahren bis in die Gegenwart reicht und sich um Geburt, Kindheit, Erwachsenendasein und Tod dreht.

 

Keine Angst vor niemand - Spielzeitmotto am Deutschen Theater Berlin - Foto: St. B.

Keine Angst vor niemand – Spielzeitmotto am Deutschen Theater Berlin – Foto: St. B.

 

An den Münchner Kammerspielen hat es der Regisseur Armin Petras (dessen schreibendes Alter-Ego Fritz Kater ist) im April letzten Jahres selbst uraufgeführt. Damals noch nur BUCH genannt, bringt es der ehemalige Hausregisseur des Dresdner Staatsschauspiels, Tilmann Köhler, nun als Berliner Fassung auf die Bühne der Kammerspiele im Deutschen Theater. Buch bedeutet hier nämlich nicht nur das literarische Werk (Kater nimmt immer wieder Bezug auf Die Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust, auf Jorge Luis Borges oder Samuel Beckett) sondern auch das Krankenhaus Berlin-Buch, in dem 1984 ein 50-jähriger, alkoholkranker Wissenschaftler über sein vergangenes Leben und insbesondere die Jugendzeit sinniert. Ähnlich wie Becketts Krapp spricht er seine Erinnerungen auf Tonband, erlebt nochmal die Jugend in den Sachen des Sohnes, im Wissen selbst gescheitert zu sein. „wo war der, der ich hatte werden wollen? und wer war das? ich hatte ihn lange nicht gesehen.“

Von Hoffnung bis Ernüchterung, Frust bis hin zu Wut, großer Melancholie und Angst gibt es hier alle Zutaten, die echtes Leben ausmachen. Es beginnt 1966 mit einem Futurologen-Kongress in Arizona oder München (Kater gibt für seine Spielorte immer auch globale Alternativen an). Eine Gruppe von Wissenschaftlern spricht über die Zukunft und malt diese in den fortschrittlichsten Utopien aus. Schon hier lässt Autor Kater die philosophischen und technischen Höhenflüge durch mit Maschinenpistolen bewaffnete Bunny-Girls zerstören. Tilman Köhler lässt die Stimmen aus dem Off einspielen, während Jörg Pose als stummer Conférencier im Glitzerfrack mit Zylinder über die Bühnenschräge tänzelt. Die MPi-Bunnys sind gestrichen, dafür gibt‘s andere Häschen und grüne Marsmännchen.

 

BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) - Foto: Arno Declair

BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – Foto: Arno Declair

 

Humor spielt auch in der zweiten Szene, die mit phantasie überschrieben ist, eine große Rolle. In einem weißen Styroporbühnenbild aus den russischen Großbuchstaben ЗИМA (SIMA) für Winter turnen Christoph Franken, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer und Linn Reusse als Berliner Gören herum und warten auf die S-Bahn nach Buch, wo sie den Vater im Krankenhaus besuchen wollen, während die Mutter vermutlich nach dem Westen abgehauen ist. Die Welt der Erwachsenen in den Reflexionen und Worten der lieben Kleinen. Bis auf die Tatsache, dass Köhler hier die Kinderzahl des Originals verdoppelt, bleibt die Erkenntnis – bis auf die, des Beckett‘schen Wartens auf etwas, das nicht kommt – in dieser Spielszene allerdings relativ gering.

Etwas größer sind die Kinder und die Erkenntnisse dann in der dritten Szene, die wie eingangs erwähnt in den 1980er Jahren beim Alkoholiker-Vater in Buch spielt, sowie die Jugendlichen bei der ersten Liebe, in der Disco und am sommerlichen See zeigen. Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Jörg Pose und Linn Reusse spielen das als Live-Konzert. Eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Liebe und Tod, Rock und Blues mit Songs wie „House of the rising Sun“ von The Animals, „She’s lost Control“ von Joy Division und „Hard to Concentrate“ von den Red Hot Chili Peppers. Ein Zugriff, der sich über den Text ziemlich gut erschließt. Jörg Pose glänzt dann noch als emotionales Wrack und gescheiterter Wissenschaftler, der einst die Lebensformel schon in Händen hielt und nun nur noch als verwischtes Action-Painting an die Wand pinselt, während die Jugend ihm gelangweilt ins Wort fällt.

Nach der Pause wird dann wieder relativ konventionelles Theater gegeben. In jeweils zwei Paarkonstellationen lässt Köhler die restlichen beiden Szenen spielen. In instinkt berichtet eine junge, schwangere Elfentenkuh (Linn Reusse) von den Massakern der Menschen und sucht zusammen mit einem jungen Bullen nach einem sogenannten „stillen land“. Utopie und Ideologie in einer Tierparabel, die hier etwas hilflos auf der Bühne zerstampft wird. Hochemotional wird es dann noch mal in der letzten Szene sorge, in der Wiebke Mollenhauer im weißen Brautkleid und Schauspielgast Matthias Reichwald aus Dresden ein Paar im Heute geben, das über der Sorge um ihr krankes Kind und den verschiedenen Ansichten zur persönlichen Lebensplanung und Künstlerkarriere zerbricht.

Man muss hier nachträglich eine kleine Lanze für das von den Kritikern nach der Premiere arg zu Unrecht gescholtene Stück brechen. Kater schließt hier fast nahtlos an seine in ebenso losen Szenefolgen gehaltenen Utopie- und Geschichtsdramen we are blood (2010) und demenz depression und revolution (2013) an. Selbst die besonders im ersten Teil etwas zu naiv bunt bebildernde Inszenierung von Tilmann Köhler ist so schlecht nicht. Auch wenn man sich vielleicht gewünscht hätte, dass der Regisseur hier und da doch noch stärker zupackend mit dem Stoff umgegangen wäre. Ein Abend, der sich aber trotz einiger kleiner Schwächen dennoch durchaus zu sehen lohnt.

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BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – DT-Kammerspiele, 06.10.2016
von Fritz Kater
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Nicole Timm
Kostüme: Susanne Uhl
Musik: Jörg-Martin Wagner
Licht: Thomas Langguth
Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Christoph Franken, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Jörg Pose, Matthias Reichwald, Linn Reusse
Premiere war am 24.09.2016 in den DT-Kammerspielen
Termine: 12., 21.10. / 09., 22.11.2016

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 08.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Flüchtlinge und der NSU sind die Themen bei den Autorentheatertagen 2015 am Deutschen Theater Berlin

Samstag, Juni 20th, 2015

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Zwei eng miteinander verbundene Themen durchziehen in diesem Jahr die Spielpläne der deutschsprachigen Theater: Fremdenfeindlichkeit und die Problematik der Flüchtlinge in Europa sowie die rechtsgerichtete Terrorzelle des NSU, deren einziger Überlebenden Beate Zschäpe gerade in München der Prozess gemacht wird. Bereits beim zurückliegenden Berliner Theatertreffen im Mai zeigte Nikolas Stemann seine Hamburger Version von Elfriede Jelineks Flüchtlingsdrama Die Schutzbefohlenen. Das Stück wird in der Interpretation des Wiener Burgtheaters (Regie: Michael Thalheimer) zu den Autorentheatertagen in die Hauptstadt kommen. Ebenso zu sehen war bereits die Münchner Uraufführungs-Inszenierung von Jelineks NSU-Stück Das schweigende Mädchen (Regie: Johan Simons). Und was die Jury des Theatertreffens demnach nicht getan hatte, holen daher die Macher der diesjährigen Autorentheatertage nach: den Blick (auch) in die deutsche Theaterprovinz, wo – neben München, Wien, Hamburg oder Köln – ebenso aktuell-politisches Theater zu besagten Themen abgehandelt wird; nachstehend gleich zwei Beispiele…

theatrale Stolperpersteine - Die ATT in Berlin - Foto: St. Bock

theatrale Stolperpersteine bei den ATT in Berlin
Foto: St. B.

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Wir sind keine Barbaren! von Philipp Löhle in der Regie von Ronny Jakubaschk als Gastspiel vom Neuen Theater Halle bei den ATT 2015 am Deutschen Theater Berlin

Kein Unbekannter bei den Autorentheatertagen ist Autor Philipp Löhle, dessen Stücke nach Berlin, Hamburg und Mannheim nun auch in Dresden oder Halle/Saale aufgeführt werden. Und hier v.a. das 2014 in Bern uraufgeführte Stück Wir sind keine Barbaren!, das Löhle im Zuge der im letzten Jahr durchgeführten Masseneinwanderungsinitiative für die Abschottung der Schweiz gegen vermehrte Zuwanderung aus dem Ausland geschrieben hat. Durch die Pegida-Bewegung in Deutschland hat es unerwartet an Aktualität gewonnen. In der Inszenierung von Ronny Jakubaschk vom Neuen Theater Halle steht das Volk nun als „Heimatchor“ der Überlegenen und Abwehrer alles Fremden in der Box des Deutschen Theaters und skandiert: „Hier sind wir… kein Platz mehr.“

Foto: Schaukasten DT-Kammerspiele

Schaukasten DT-Kammerspiele

Als das heimeliche Klischee des deutschen Kleinbürgers schlechthin hat Annegret Riediger eine vergoldete Sperrholzschrankwand auf die Bühne gebaut. Davor dann zwei benachbarte Paare, die sich gerade erst bei einer etwas verkrampften Cocktailparty kennengelernt haben. Barbara (Stella Hilb), Paul (Alexander Gamnitzer), Linda (Sonja Isemer) und Mario (Matthias Walter) sind typische Vertreter des mittelständigen Städtebewohners, der sich gesund und vegan ernährt, zum Yoga geht, neben Sex und Sport aber auch ganz technikaffin auf die modernste Unterhaltungselektronik abfährt.

Als Prüfung der Toleranz gegenüber dem Eindringen in ihren Hort der häuslichen Biederkeit schickt Autor Löhle einen klatschnassen Fremden aus dem Regen vorbei, der nachts an die Türen der beiden Paare klopft und um Einlass bittet. Von Linda und Mario zunächst abgewiesen, findet dieser Eindringling, von dem nur geredet wird, der aber selbst nicht auftritt, schließlich bei Barbara und Paul Aufnahme.

Nun spult sich mal auf der einen, dann wieder auf der anderen Seite der Schrankwand (es wechselt dabei nur das Paarfoto an der Wand) ein fröhlicher bis heftiger Schlagabtausch der Für- und Widerargumente ab. Man tauscht Vorurteile aus und ergeht sich in gängigen Rassismen gegenüber dem Flüchtling Bobo oder Klint, vermutlich aus Afrika oder anderswoher. So genau kann man das ja nicht wissen, weil man ihn nicht versteht. Immer wieder unterbrochen wird die Handlung durch den Chor, in dem die Paare in Aussehen und Kleidung völlig aufgehen.

Es bilden sich Fronten und Allianzen, mal zwischen den Männern, dann wieder zwischen den Frauen. Während sich bei Linda ein merkwürdiges Helfersyndrom herausbildet und sie den Fremden zur großen Metapher für die ganze Welt erklärt, verzweifelt der sich vernachlässigt fühlende Paul. Linda hegt sexuelle Phantasien, und Mario fängt schließlich an, einen Schutzraum im Schlafzimmer zu bauen, den er mit der Angst vor den Afrikanern begründet, die nun in Scharen daher kämen, wo es das Wissen gibt, was ihnen fehlt. Der moderne Germane als früherer Barbar bereitet sich auf „die Welle“ neuer fremdartiger Völker vor, die ihn nun sozusagen als Rache für Pizarro überrollen.

Das ist – wie immer bei Löhle – etwas nahe am Boulevard und wird von Jakubschk auch als flotte Konversationsfarce inszeniert. Ziemlich schwarz-humorig und böse endet die Geschichte aber spätestens, wenn nach dem Mord an Barbara mittels Pauls geliebtem Riesenflachbildschirmfernseher die Schuldfrage sofort eindeutig und keine weitere Erklärung mehr nötig ist. Barbaras herbeigeeilte Schwester Anna, die berechtigte Zweifel am Tathergang hegt, wird rüde niedergebrüllt und vom aufmarschierenden Heimatchor ausgeschlossen. „Wir sind das Volk… Wir müssen uns schützen.“ Und so weihen Mario und Linda dann auch sogleich den fertiggestellten Schutzraum ein.

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Wir sind keine Barbaren
von Philipp Löhle
Premiere war am 29. Januar 2015 im Neuen Theater Halle
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühne und Kostüme: Annegret Riediger, Dramaturgie: Henriette Hörnigk, Musik: Bastian Bandt
Besetzung: Barbara / Anna: Stella Hilb Linda: Sonja Isemer Paul: Alexander Gamnitzer Mario Matthias Walter
Chor: Kerstin König, Philipp Noack, Louise Nowitzki, Enrico Petters, Max Radestock, Maria Radomski, Andreas Range, Barbara Zinn
Dauer: 1h 30 min., ohne Pause

Infos: http://buehnen-halle.de/produktionen/wir-sind-keine-barbaren-2014-2015?for_event=5564

http://buehnen-halle.de

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mein deutsches deutsches Land – der Dresdner Hausregisseur Tilmann Köhler inszeniert eine NSU-nahe Polit-Fiktion von Thomas Freyer

mein deutsches deutsches Land - Foto (c) Matthias Horn

mein deutsches deutsches Land Foto (c) Matthias Horn

Auch Stücke von Thomas Freyer sind schon in Berlin aufgeführt worden. Eine lange künstlerische Verbindung besteht aber seit ihrer Weimarer Zeit zum Regisseur Tilmann Köhler. Nach Das halbe Meer ist mein deutsches deutsches land die zweite Zusammenarbeit der Beiden am Staatsschauspiel Dresden. Freyer hat für das Stück, das sich lose an die Geschichte der drei bekannten NSU-Aktivsten anlehnt, viele Akten und Bücher über den Fall sowie Protokolle von Untersuchungsausschüssen gelesen. Herausgekommen ist eine etwas mühsam zusammengepuzzelte Fiktion, die das Versagen der Ermittlungsbehörden als einen Politthriller um Korruption und Vertuschung durch den Verfassungsschutz und die Einflussnahme politischer Verantwortungsträger erzählt. Leider bewegen sich Text und Inszenierung dabei über weite Strecken auf dem Niveau eines flauen Fernsehkrimis.

Damit man als Zuschauer nicht den Faden zwischen den drei abwechselnd ablaufenden, zeitlich aber versetzten Spielebenen verliert, die gestern, heute und morgen miteinander verschränken sollen, werden Personen und Handlungsorte der einzelnen Szenen auf Bildschirmen angezeigt. Dazu dreht sich unaufhörlich eine Plattform mit großer Sperrholzwand, an die Karten und Ermittlungsdetails gepinnt oder große Videoprojektionen von einer Livekamera geworfen werden. Als nette Regieidee machen die Darsteller, die gerade nicht spielen, am Rand der Bühne Szenengeräusche. Eine nervtötende Umbaupausenmusik vermischt die deutsche Nationalhymne immer mal wieder mit orientalischen Klängen. Das ist dann aber fast schon der einzige Verweis auf die eigentlichen Opfer der rechten Terrorzelle, deren Angehörige gern die Hintergründe der Taten erfahren würden, aber selbst nur Verdächtigungen ausgesetzt sind.

Freyer interessiert sich zwar auch für die Drahtzieher hinter dem Geschehen, verortet alles Übel aber nur in den Chefetagen der Ämter und bei Parteifunktionären, die ihre Ministerämter missbrauchen, um aus Angst um ihre Wahlchancen die Morde an ausländischen Studenten nicht als rechtsradikale Terrorserie verfolgen lassen wollen. Hier wäscht eine Hand die andere. Dagegen ermitteln ein ehrlicher Polizeikommissar (Thomas Braungardt) und seine Assistentin (Ina Piontek) auf verlorenem Posten.

mein deutsches deutsches Land - Foto (c) Matthias Horn

mein deutsches deutsches Land
Foto (c) Matthias Horn

Die Motive der drei in die Rechtsradikalität abgerutschten Jugendlichen werden bei Sarah (Lea Ruckpaul) mit der Opposition gegen ihre gutmenschelnden, kleinbürgerlichen Erzeuger, bei Dominik (Jonas Friedrich Leonhardi) mit einer hyperreligiösen Übermutter und beim Schulschläger Florian (Kilian Land) mit einem verwahrlosten Elternhaus und Neonazibruder erklärt. Das ist recht simpel, weil man so natürlich auch ziemlich alles begründen kann. Jedenfalls verschwindet die Gang irgendwann erwartungsgemäß im Untergrund, kommt an eine mysteriös verschwundene Polizeiwaffe und beginnt die Morde zu planen. Die Verbindung zum rechten Heimatschutz gegen Islamisierung erfolgt über einen tumben Skinhead mit Baseballschläger.

Dazwischen laufen die Mordermittlungen, die von Seiten des Verfassungsschutzes behindert werden, der seine Anweisungen vom Innenminister persönlich bekommt. Kilian Land (erst Florian) verwandelt sich als besonderer Coup schließlich vor aller Augen in Minister Nöde. Ein biederer, karrierebeflissener Verfassungsschutzbeamter (Matthias Lucky) zieht die Fäden und verpasst den zwei bei einem Autounfall überlebenden Tätern eine neue Identität. Der Chef von Kommissar Wolff wird nach Brüssel versetzt, eine nachbohrende Journalistin bestochen. Die Ermittlungen verlaufen ruhig im Sand, und schließlich ist der Weg für den Minister und seinen Helfer ganz nach oben frei. In der dritten Ebene rechtfertigt man sich etwas später dann süffisant gegenüber den Fragen ergebnisloser parlamentarischer Untersuchungsausschüsse. Die Akten sind ja eh bereits geschreddert.

Es liegt sicher nicht an dem doch recht guten Spiel der immer wieder schnell zwischen den Rollen switchenden Schauspieler, das man irgendwann das Interesse an dem wie ein geöltes Uhrwerk ablaufenden Plot verliert. Auch kann man sich die Verwicklungen zwischen den staatlichen Ämtern und Regierungsebenen gut als parteipolitisches Gerangel vorstellen. Der tatsächlichen Aufklärung rechtsradikaler Gewalttaten als gesamtgesellschaftliches Phänomen dient das aber wenig. Da wäre ein rein dokumentarischer Ansatz doch die ehrlichere Variante der Herangehensweise gewesen. Aber auch das kommt ja noch bei den ATT. Man darf also weiter gespannt sein.

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mein deutsches deutsches Land
von Thomas Freyer
Uraufführung war am 04.12.2014 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüm: Barbara Drosihn, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturgie: Robert Koall
Mit: Lea Ruckpaul, Ina Piontek, Thomas Braungardt, Kilian Land, Jonas Friedrich Leonhardi, Matthias Luckey
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Infos: http://staatsschauspiel-dresden.de

Zuerst erschienen am 19.06.2015 auf Kultura-Extra.

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Shakespeare-Tage in Berlin. Teil 2 – Ein blutleerer „Macbeth“ am DT und „Richard III.“ als Solo-Nummer in der Schaubühne.

Sonntag, April 5th, 2015

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Tilmann Köhler knallt das blutrünstige Königsdrama Macbeth eher blutleer an die Sperrholzwand des DT

Macbeth, das späte blutrünstige Königsdrama von William Shakespeare, wird oft und gerne an deutschen Bühnen aufgeführt. Die heutigen Interpretationsmöglichkeiten des schicksalsbeladenen Karrieristen, der auf seinem Weg zur Macht über Berge von Leichen geht, sind dabei sehr vielgestaltig. Am Thalia Theater Hamburg deutete Luc Perceval den blutgeilen Königsmörder als posttraumatischen Kriegsheimkehrer. In Karin Henkels zum Theaterreffen eingeladener Münchener Inszenierung spielte gar eine Frau die Hauptrolle. Mal abgesehen von dem musikalischen Versuch Schottenstück. Konzert für Macbeth, das vor zwei Jahren von David Marton, bei dem man eh nie so genau weiß, was er da eigentlich macht, an der Volksbühne inszeniert wurde, stand der Macbeth in Berlin 2002 das letzte Mal auf dem Spielplan. Christina Paulhofer, die angeblich auch nicht wusste, worum es im Macbeth eigentlich geht, stellte in der Schaubühne Shakespeares Mörderpärchen samt schicker Komparserie auf einen langen Catwalk, spielte das Stück dann aber eher in die Breite.

Macbeth am DT Foto (c) Arno Declair

Macbeth am DT
Foto (c) Arno Declair

Wieder in die Länge geht es in einer die gesamte Bühne einnehmenden Trichterschräge mit Tilmann Köhler, dem nach Stefan Puchers zwittrigem Was ihr wollt die zweite von insgesamt drei neuen Shakespeareinszenierungen am Deutschen Theater zugefallen ist. Köhler, seit 2009 als Hausregisseur am Staatsschauspiel Dresden eigentlich recht erfolgreich, hat bereits 2012 an den Kammerspielen mit Wajdi Mouawads Verbrennungen eine eher lauwarme Regiearbeit abgeliefert und 2013 Ödön von Horváths Jugend ohne Gott recht uninspiriert mit Schauspielschülern in der Box inszenierte. Nun feiert er mit dem blutigen Tyrannen Macbeth seine Premiere auf der großen Bühne des DT und hat, um es vorwegzunehmen, auch diesmal leider kein besonders glückliches Regiehändchen dabei.

Durch eine schmale Öffnung am Ende des besagten Sperrholztrichters (Bühne: Karoly Risz) zwängt sich zu Beginn ein undefinierbares Menschenknäul, das nur mit Unterhose bekleidet hechelnd, stöhnend und rülpsend die Schräge zur Rampe herunter kullert. Ein tierisches Bündel nackter Leiber, aus der Finsternis des Höllenschlundes in die Welt geworfen, diese nun ebenfalls schicksalhaft durcheinander zu wirbeln. Es sind die Schauspieler Elias Arens, Felix Goeser, Thorsten Hierse, Matthias Neukirch und Timo Weisschnur, die sich um Kleidungsstücke aus mitgeschleppten Plastiktüten balgen und – „schön ist schlimm, und schlimm ist schön“ – die Hexen verkörpern, die dem siegreichen Feldherrn Macbeth weissagen, erst Thane of Cawdor und später sogar König von Schottland zu werden.

Wenn sie nicht die Shakespeare’schen „Schicksalsschwestern“ geben müssen, spielen die fünf Darsteller König Duncan (Matthias Neukirch) und dessen Sohn Malcom (Thorsten Hierse), Macbeth‘ Gefolgsmann Banquo (Felix Goeser), dessen Sohn Feance (Timo Weisschnur) und seine wie IS-Kämpfer vermummte Mörder, Macduff (Elias Arens), der den Tyrann Macbeth schließlich zur Strecke bringt, dessen Frau und Sohn, oder andere schottische Thanes und Diener. Sie agieren dabei oft als Gruppe, oder direkt aus ihr heraus. Lassen sich danach aber immer wieder in die anonyme Masse zurückfallen. Das hat zunächst Drive, verliert sich dann aber immer öfter in szenischen Mätzchen und symbolträchtigen Bildern. Ekel kann hier auch nicht aufkommen, Köhler verweigert jegliches Ausmalen der Mordtaten mit Theaterblut.

Die Idee, Shakespearestücke und besonders den Macbeth ausschließlich mit Männern zu besetzen, ist nicht neu. Sei es nun aus elisabethanischen Theatertradition, oder um dem Ganzen einen besonderen künstlerischen Mehrwert abzugewinnen. Zu besonderem Ruhm kam dabei der Düsseldorfer Macbeth von Jürgen Gosch, der beim Theatertreffen 2006 eine Ekeltheater-Debatte auslöste. In ihrer besonderen Körperlichkeit und den Lautmalereien der Darsteller erinnert Köhlers männlicher Hexenhaufen auch ein wenig an Goschs denkwürdige Inszenierung. Nur vermag Köhler nicht auf Dauer Funken aus dieser Konstellation zu schlagen. Irgendwann hat sich der Witz seiner Idee aufgebraucht und die Darsteller werden schließlich, durch sich öffnende Luken des Trichters schauend, zu schwarzgewandeten Stichwortgebern der eigentlichen Hauptperson.

Macbeth am DT Foto (c) Arno Declair

Macbeth am DT
Foto (c) Arno Declair

Und die wirkt nun geradezu diametral zu dem um sie herum wuselnden Einheitsbrei aus Geistern und Menschen. Am „Theater der Preisträger“, wie sich das DT selbst neuerdings nennt, gehört die Rolle des Macbeth natürlich niemand anderem, als dem frischgebackenen Fernsehpreisträger Ulrich Matthes. Dessen mit düster tiefliegenden Augen gestalteter Tatortbösewicht hat wohl dann auch Köhler bewogen, ihn als Mörder Macbeth zu besetzen. Allerdings wirkt Ulrich Matthes hier zunächst eher wie ein unentschlossener, zweifelnder Prinz Hamlet, dem, obs edler im Gemüt, erst seine Lady den Drang nach Blut und Macht schmackhaft machen muss. Diese hat es aber noch weit schlimmer getroffen. Während sich Matthes ins ausdrucksvolle Deklamieren, Augenrollen und Brustschlagen flüchtet, muss Maren Eggert wie fremdelt umherschreiten und schließlich, kleine Taschenlampe brenn, im Wahnsinn das Blut beider Taten als Lichtflecken an den Bühnenhorizont schreiben.

Die Inszenierungsidee Köhlers nährt sich aus einem im Programmheft abgedruckten, recht umfangreichen Essay zur Rezeption des Macbeth in Vergangenheit und Gegenwart. Die Deutung des Geschehens als Reaktion des autonomen Subjekts in einer „Welt im Umbruch“, dessen „Seinsordnung“ ins Wanken gerät, begründet aber nicht zwingend auch dessen Taten. Köhler legt den Schwerpunkt auf die monologisierenden Protagonisten, die dabei ihre Begierden, Selbstzweifel und Ängste reflektieren. Allerdings wirkt das bei Macbeth, seiner Lady und selbst noch im Dialog des Macduff mit dem vorm Tyrannenmord zurückschreckenden Malcom, der über seine eigenen Machtgelüste vor der Rampe ins Publikum philosophiert, einfach nur uninteressant und manieriert.

Köhlers Theater entlarvt sich dann schließlich auch in Macbeth‘ Schlussmonolog zu recht höchst selbst als „… ein wandelnd Schattenbild / Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht / Sein Stündchen auf der Bühn‘ … / Das nichts bedeutet.“ Also alles nur ein Hirngespinst? Das klingt bei Matthes‘ heiligem Pathos nicht gerade nach Selbstironie. Doch jeder hat irgendwann eine zweite Chance. Vorausgesetzt man hätte eine Ahnung von dem, was man eigentlich will. Jürgen Gosch, den Hellmuth Karasek im Spiegel nach dessen erstem Versuch, den Macbeth 1988 an der Berliner Schaubühne zu inszenieren, noch einen Feldwebel schimpfte, der Shakespeare schleife, hat es fast zwanzig Jahre später bewiesen. Also noch viel Zeit für den 35jährigen Tilmann Köhler.

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Macbeth
Von William Shakespeare
Deutsch von Dorothea Tieck
in einer Fassung von Sonja Anders und Tilmann Köhler
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Karoly Risz
Kostüme: Susanne Uhl
Musik: Jörg-Martin Wagner
Dramaturgie: Sonja Anders, Hannes Oppermann
Mit: Ulrich Matthes als Macbeth und Maren Eggert als Lady Macbeth sowie Elias Arens, Felix Goeser, Thorsten Hierse, Matthias Neukirch und Timo Weisschnur

Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Premiere im Deutschen Theater war am 19.03.2015

Termine: 25.03., 28.03., 07.04., 16.04. und 24.04.2015

Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/macbeth/

Zuerst erschienen am 21.03.2015 auf Kultura-Extra.

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King Eidinger – Thomas Ostermeier inszeniert an der Schaubühne die Tragödie von König Richard III. als Solo-Nummer mit angeschlossenem Hofstaat

Den Macbeth hatte, wie oben bereits erwähnt, also Christina Paulhofer schon 2002 an der Berliner Schaubühne auf langem Catwalk inszeniert. Ein Drama, das Thomas Ostermeier in seiner Shakespeare-Sammlung noch fehlt und Schaubühnenstar Lars Eidinger neben seinem grandiosen, über 250-mal gespielten Hamlet auch gut zu Gesicht stünde. Ostermeier hat sich aber für Richard III. entschieden und damit den Reigen der Shakespeare-Tage in Berlin bereits am 7. Februar eröffnet. Nun kommen die passionierten Theatergänger und -Fans also in den Genuss, zwei der blutigsten Shakespeare-Dramen voll von machthungrigen Karrieristen, intriganten Höflingen und gedungenen Königsmördern mit zwei der beliebtesten Schauspieler der Stadt parallel sehen zu können. Ein Vergleich der sich sicher lohnt, auch wenn der Macbeth mit Ulrich Matthes am DT etwas blutleer daherkommt und sich letztendlich trotz Kürzungen auch etwas in die Länge zieht.

Richard III_Schaubühne_März 2015

Richard III. in der Schaubühne
Foto: St. B.

Langeweile lässt Schaubühnenintendant Ostermeier bei seinem Richard trotz 155 Minuten am Stück ohne Pause aber gar nicht erst aufkommen. Es geht sofort fulminant mit wummernden Beats nebst Live-Schlagzeugbegleitung (Thomas Witte) sowie allerlei Hofgeschranz und Flitter zur Partytime im dunklen Halbrund der Bühne. Nicht einfach nur eine Londoner Straße, nein, eine ganze Arena hat Jan Pappelbaum in den kleinen Saal der Schaubühne gebaut, mit Tribüne und hochmontierten Rängen, fast wie im alten Londoner Globe. Die Rückwand ist mit Lehm bestrichen, hölzerne Laufgänge mit Treppen und Stahlstangen bieten Möglichkeiten zum Klettern und Spielverlagerung von der Ebene der Bühne in die luftige Höhe. An einem langen Elektrokabel hängt ein Mikro mit eingebautem Spot und Videokamera vom Schnürboden. Von diesem vielseitigen Hilfsrequisit wird die berüchtigte, finstere Hauptfigur Richard Plantagenet, Herzog Gloucester aus dem Geschlecht der Yorks dann auch reichlich Gebrauch machen.

Gefeiert wird also der Sieg in den sogenannten Rosenkriegen, der dem Hauses York mit Edward IV. die Nachfolge auf dem englischen Königsthron für den von Richard ermordeten Heinrich VI. aus dem Hause Lancaster sichert. Der körperlich behinderte und sich auch sonst benachteiligt fühlende Richard wirkt in dieser ausgelassenen Feierblase wie ein Fremdkörper. Für den teils trashigen, teils zeitlos klassischen Schick ihrer Kostüme zeichnet Architektentochter und UdK-Professorin Florence von Gerkan verantwortlich. Sie hat schon einige hochkarätige Opern-Inszenierungen ausgestattet, was auch gut ins Bild dieses fast schon wie eine rockige Seifenoperette daherkommenden Intrigantenstadls passt. Die Hauptfigur Richard dagegen steht auf krummen Beinen ist eingeschnürt am Kopf und trägt einen umgeschnallten Buckel.

Auftritt Lars Eidinger, der, nach dem er vergeblich versucht hat, sich dem Treiben zuzugesellen, das erste Mal zum Mikro greift und seinen berühmten Eingangs-Monolog hält. Da Richard, von der Natur betrogen, für sich erkannt hat, dass er sich sichtlich nicht zum Liebhaber eignet, ist er entschlossen, ein Scheusal zu sein, das bedenkenlos Intrigen einfädelt, um sich die Krone auf seine Weise zu holen. Das performt nun dieser Eidinger/Richard in einer geradezu faszinierenden Besoffenheit seiner selbst. Die Faszination für den Zuschauer liegt dabei in der bewussten Unverfrorenheit, sich ohne Rücksicht an die Macht zu intrigieren. Richard schmeichelt, buckelt, lügt, lässt Köpfe rollen und bekommt sogar Lady Ann (Jenny König) ins Ehebett, deren Mann und Schwiegervater er eigentlich ermordet hat.

richard-4883_(c) arno declair

Richard III. in der Schaubühne – Foto (c) Arno Declaire

Zu Diensten sind ihm dabei durchgängig willige, selbst machtgierige Emporkömmlinge, Günstlinge der Krone und ein schwaches, verfettetes Bürgertum. Oder besser noch, sie sind ihm, da selbst untereinander verfeindet, nicht weiter im Weg. Wer nicht mehr benötigt wird wie Lord Hastings (Sebastian Schwarz) oder droht selbst gefährlich zu werden, wie der ebenso skrupellose Herzog Buckingham (Moritz Gottwald), wird abserviert. Richard macht selbst vor seinen Brüdern Edward (Thomas Bading) und Clarence (Christoph Gawenda) und seinen jungen Neffen nicht halt, die hier ganz nett durch lebensecht wirkende Handpuppen dargestellt werden, denen die anderen Schauspieler Stimme und Händchen leihen. Zur närrischen Auflockerung bietet Shakespeare ein tumbes, über Gewissen philosophierendes Mörderpärchen, das hier dankbar von Robert Beyer und Thomas Bading hinchargiert wird. Dabei gibt es endlich auch etwas Theaterblut, das aus Clarence Hals in den Zirkussand fliest.

Auch die Frauen haben schöne Auftritte. Die Wut und Hasstiraden von Jenny Königs Lady Anne oder von Eva Meckbach als ebenfalls zur Witwe gemachten Königin Elisabeth bieten ein wenig Gegenwind, den ihnen Richard aber postwendend wieder aus den Segeln zu nehmen versteht. Robert Beyers alles und alle verfluchende Ex-Königin Margaret bekommt sogar Szenenapplaus. Aber es bleibt wenig Zeit für Ausdifferenzierungen einzelner Charaktere, was bei Shakespeare ja auch so nicht unbedingt angelegt ist. Ostermeier inszeniert das alles recht schnell und schnoddrig, fast wie einen schwarz-humorigen Krimiplot im Gangstermilieu, was eine schöne Volte zum vermutlich angesteuerten Ziel dieser Inszenierung, dem allgemein dreckigen Geschäft der Politik schlagen könnte. Wenn da nicht immer wieder alles auf die eine Person zulaufen würde.

Der Herr im Ring bleibt Lars Eidinger, der sein Publikum fest in der Hand zu haben scheint. Das suggestive Machtspiel zwischen Erwartungen und Klischees, Schauer, Ekel und der Faszination des Bösen beherrscht er mit einer Leichtigkeit, die alle anderen Mitspieler geradezu in den Schatten stellt. Allerdings gerät ihm dabei die Zurschaustellung der bodenlosen Abgründigkeit seiner Figur fast schon zur Manie. Ostermeier gönnt seinem Schauspielking dazu noch ein bedeutungsschwangeres Ende. Eidinger reflektiert sich erst mit weißer Quarkmaske im Spiegel (da ist er dem zweifelnd monologisierenden Macbeth des Ulrich Matthes am DT am nächsten) und geht dann vom Toten-Albtraum im Bett über zum fahrigen Schattenfechten gegen mehrere unsichtbare Richmonds. Kokettiert hier etwa einer auch mit dem Fluch der eigenen Popularität? So what. A Horse is a Horse, und nie da wo man es braucht. Ein Tisch tut es auch. Zur Erklärung des Bösen kann man wie immer einiges im Programmheft lesen. Von Auszügen aus Machiavellis Fürst, über Macht- und Gewaltkalkül nach Philipp Reemtsma bis zur Psychologie der Figur Richards nach Sigmund Freud. Letztendlich ist das alles aber nur unnützer, theoretischer Ballast für einen dann im wahrsten Sinne des Wortes gut abgehangenen Titelhelden.

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Richard III_Lars Eidinger_Schaubühne

Lars Eidinger ist Richard III. – Foto: St. B.

Richard III. (30.03.2015)
von William Shakespeare
Übersetzung und Fassung von Marius von Mayenburg
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Florence von Gerkan
Musik: Nils Ostendorf
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Mit: Lars Eidinger, Moritz Gottwald, Eva Meckbach, Jenny König, Sebastian Schwarz, Robert Beyer, Thomas Bading, Christoph Gawenda, Laurenz Laufenberg, am Schlagzeug: Thomas Witte

Dauer: 2 Stunden 35 Minuten, keine Pause

Premiere war am 07.02.2015 an der Schaubühne am Lehniner Platz

Termine: 06.04., 07.04., 01.-05.04, 08.05., 09.05., 30.05. und 31.05.2015

Infos: www.schaubuehne.de

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Drei Schwestern – Tilmann Köhler inszeniert Anton Tschechows Tragikomödie am Staatsschauspiel Dresden als Lebensdrama nutzlos Wartender.

Dienstag, Oktober 7th, 2014

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Anton Tschechows 1901 uraufgeführtes Drama Drei Schwestern ist eine Tragikomödie über die vergebliche Sehnsucht nach einem glücklichen und erfüllten Leben von Menschen, die in der Vergangenheit hängend über ihre Zukunft schwadronieren und dabei die Gegenwart vergessen. Die drei Töchter des verstorbenen Batteriekommandeurs Prosorow, Olga, Mascha und Irina, seit Jahren in der russischen Provinz gefangen, wünschen sich zurück in ein neues, interessantes Leben nach Moskau. Der dreifache Ausruf Irinas: „Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!“ ist zum geflügelten Wort für unerreichbare Ziele und das Scheitern hehrer Vorsätze geworden. Er darf in keiner Inszenierung fehlen. Und auch Tilmann Köhler verzichtet nicht darauf, bevor es zur Pause seines dreieinviertelstündigen Abends geht.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden - Foto: St. B.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

Am Anfang steht aber das vielleicht schönste Bild der Inszenierung. Ein in Wellen geräuschvoll flatternder Papiervorhang füllt die gesamte Bühne und dient als riesige weiße Projektionsfläche, auf die sich die sehnsüchtigen Blicke der drei Schwestern (Ina Piontek, Yohanna Schwertfeger und Lea Ruckpaul), die zunächst noch mit dem Rücken zum Publikum davor stehen, fokussieren. Diese Papierwand wird dann im Anschluss bei der Namenstagfeier Irinas von allen Darstellern mit fettem Edding ausgemalt. Es entstehen so Körpersilhouetten und Schattenrisse ihrer „schönen Gedanken“ und Vorsätze.

Köhler, bisher recht erfolgreicher Hausregisseur des Staatsschauspiels Dresden, transportiert in seiner neuesten Inszenierung viel über dieses Bild des fragilen, papierenen Vorhangs, der den Schwestern zunächst ein träumerisches Ziel verheißt, sie aber auch von der Verwirklichung ihres Traums abzuhalten scheint. Durch den aus Moskau kommenden, ihre Sehnsüchte wieder nährenden neuen Batteriekommandeur Werschinin (Matthias Reichwald) wird er sogar durchsprungen, bis ihn Irina, wenn sich im zweiten Teil die Träume langsam zerschlagen haben, vollends abreißt und zu einem Haufen zusammenträgt, in dem sich die Schwestern noch kurzzeitig gut verstecken können, bis das Knäuel schließlich vom schlaffen Bruder Andrej (Thomas Braungardt) und seiner das Regime im Haus übernehmenden Frau Natascha (Antje Trautmann) von der Bühne geräumt wird.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) Matthias Horn

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) Matthias Horn

Dazwischen haben die für gewöhnlich an unabänderlichem Weltschmerz leidenden Protagonisten viel Zeit zum Schwärmen, Palavern und Lamentieren über den ermüdenden Alltag. Sie tun dies hier zumeist monologisierend an der Rampe. Ein andauerndes Aneinander-vorbei-Reden, das im Programmheft auch treffend als ein „Lautwerden innerer Monologe“ bezeichnet wird. Allerdings bringt das vor der Pause nicht allzu viel Neues in die gut 100jährige Aufführungspraxis (z.B. in der Volksbühne oder im Thalia Theater) des Stücks. Köhler bemüht sich zwar um eine Zuspitzung der inneren Konflikte der Figuren durch körperlich angestrengtes Agieren seiner Darsteller und ein Spiel der deutlichen Zeichen, hält sich aber doch ziemlich getreu an die Tschechow’sche Dramaturgie des langsamen Zeittotschlagens.

Tische und Stühle, die mal zur großen Tafel oder wieder zu Einzelgruppen arrangieren werden, bilden im ersten Teil das Setting auf der Bühne. Die Schwestern fallen allein schon durch ihre Kostüme aus dem Rahmen des unscheinbaren, alltäglichen Einheitslooks aus Schlabberpullis, Sweatshirts, Jeans und Arbeitshosen. Ihre Typen sind damit gesetzt. Irina, die Jüngste, trifft es optisch noch am besten. Olga, die stets pflichtbewusste Älteste der Schwestern, kommt wie ihre Ansichten in relativ unmodischen Kleidern daher. Die unglückliche Mascha spielt nur scheinbar die Coole und steckt mit dauerqualmender Fluppe im Mundwinkel in existentiell depressivem Schwarz.

Bunt und rosig im Gesicht ist dagegen Schwägerin Natascha, die sich nicht lange ziert und die anfängliche Unsicherheit bald ablegt, wobei das ständige Bobik hier und Bobik da nicht nur die Schwestern rasch zu nerven beginnt. Der weiche Bruder Andrej ist ganz der verhinderte Künstler mit Gitarre, fügt sich aber immer mehr in die eintönige Laufbahn des Kreisangestellten und flieht doch ständig vor dem ihm Akten nachtragenden Diener Ferapont (Jochen Kretschmer). Aus Frust und Langeweile verspielt er das Erbe und redet sich die Beziehung zu seiner untreuen Natascha schön. Schließlich setzt er sich selbst in den Kinderwagen und beklagt lautstark sein Schicksal.

Auch die anderen Männerfiguren neben den drei titelgebenden Schwestern sind bloße Typen, die aus der grauen Masse lediglich durch den verzweifelnden Drang nach Lautstärke hervorzustechen versuchen. Da bekommt jeder seine kleine Nummer. Maschas ungeliebter Mann, der Gymnasiallehrer Kulygin (Holger Hübner), ist ein schmierig schwafelnder, unangenehm übergriffiger Widerling, Baron Tusenbach (Jonas Friedrich Leonhardi) ein für seine idealistischen Ideen schon mal auf den Tisch springender Brausekopf und sein Widersacher Stabshauptmann Soljony (Kilian Land) ein unsicherer aber ebenfalls laut tönender Psychopath, der sich ständig zwanghaft die Hände mit Parfum bestäuben muss. Der alte Militärarzt Chebutykin (Albrecht Goette) zerfließt völlig in Selbstmitleid, wogegen der Unterleutnant Fedotik (Lukas Mundas) einen überflüssigen Witzbold gibt und dauergrinsend Fotos macht.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) Matthias Horn

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) Matthias Horn

Die Inszenierung ist mit einem live eingespielten, dauerklimpernd melancholisch stimmenden Soundteppich unterlegt, der nicht gerade zur Stimmungsaufhellung beiträgt. Es sind immer wieder Einzelaktionen, die die Figuren kurz aus ihrer Lethargie reißen. Die Auftritte erfolgen meist aus der ersten Reihe des Parketts, eine von Jürgen Gosch übernommenen Praxis einer improvisierten Probensituation. Nach der Pause versucht es Köhler dann noch zusätzlich mit etwas Gefühl und Emphase. Der emotional hochdramatische Zusammenbruch Maschas nach dem Abrücken der Soldaten und dem damit verbundenen Scheitern ihrer Liebe zu Werschinin bilden zugleich den Höhepunkt dieser recht illusionslosen Inszenierung.

Dem Ganzen liegt auch ein wenig die Idee des in kapitalistischen Zeiten nutzlos gewordenen Menschen zu Grunde, dem einen Platz einzuräumen der Dramaturg Carl Hegemann im Gastbeitrag fürs Programmheft empfiehlt. Theater als Überfluss. Der Luxus der Kunst gegen die Effizienz der Marktwirtschaft. Eine kleine sozialkritische Komponente fügt auch Köhler in seine Inszenierung ein. In der Nacht des Wartens auf die Karnevalsmasken, die kurz in eine alkoholschwangere Fete mündet, klingelt es draußen im Foyer und rüttelt plötzlich an den Türen – wie als Zeichen des Einbruchs der realen Welt in der Künstlichkeit des Theaters. Man kann dies auch als eine Art Geisterbeschwörung verstehen, die Ankündigung des Weltenbrands, der in seiner Folge die nutzlosen Träumer hinwegfegen wird.

Aus Olgas „Wenn wir’s doch wüssten“ am Ende wird in der Übersetzung von Angela Schanelec (2005 für die legendäre Inszenierung von Jürgen Gosch in Hannover erarbeitet) ein Beckett’sches „Man weiß es nicht.“ Man könnte da sicher noch über so einiges nachdenken. Köhlers Inszenierung bietet allerdings selbst wenig Ansatz dazu.

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Drei Schwestern
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Karoly Risz
Kostüm: Susanne Uhl
Musik: Jörg-Martin Wagner
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Janine Ortiz
Besetzung:
Andrej Sergejewitsch Prosorow: Thomas Braungardt
Natalja Iwanowna, Prosorows Braut, später seine Frau: Antje Trautmann
Olga: Ina Piontek
Mascha: Yohanna Schwertfeger
Irina: Lea Ruckpaul
Fjodor Iljitsch Kulygin, Gymnasiallehrer, Maschas Mann: Holger Hübner
Alexander Ignatjewitsch Werschinin, Oberstleutnant und Batteriekommandeur: Matthias Reichwald
Nikolai Lwowitsch Tusenbach, Leutnant: Jonas Friedrich Leonhardi
Wassilij Wassiljewitsch Soljony, Stabshauptmann: Kilian Land
Iwan Romanowitsch Chebutykin, Militärarzt: Albrecht Goette
Alexej Petrowitsch Fedotik, Unterleutnant: Lukas Mundas
Ferapont, Bote der Landesverwaltung: Jochen Kretschmer
Anfissa, Kinderfrau: Brigitte Wähner
Musiker: Florian Lauer, Georg Wieland Wagner

Weitere Infos: www.staatsschauspiel-dresden.de

Die nächsten Termine: 09.10., 14.10., 26.10., 03.11., 21.11., 03.12. und 28.12.2014

Zuerst erschienen am 06.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Im schützenden Mantel der Kunst – Dresden und Senftenberg feiern sich und ihre Theater als Orte der Repräsentation und Wahrheitssuche.

Montag, September 30th, 2013

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King Arthur, eine Semiopera von John Dryden und Henry Purcell zum Hundertsten Geburtstag des Staatsschauspiels Dresden.

Dresden, 13.09.13 – Trompeten und Hörner bliesen es von den Zinnen der Feste. Großes stand an diesem Abend bevor. Das Staatsschauspiel Dresden beging am Freitag, dem 13. sein hundertjähriges Bestehen. 100 Jahre in 100 Bildern. Zu festlich barocken Streicherklängen zog noch einmal die bewegte Geschichte des mächtigen Theaterbaus an der Ostra-Allee an den Augen der Anwesenden vorbei.

Staatsschauspiel Dresden_Premiere King Arthur

Staatsschauspiel Dresden, Premiere King Arthur – Foto: St. B.

Wilfried Schulz, der Intendant des Staatsschauspiels Dresden, musste sich am Abend mehrfach zum Hundertsten gratulieren lassen. Natürlich immer mit der Floskel verbunden, dass er natürlich noch lange nicht so alt aussehe. Der 61-jährige, gebürtige Preuße an der Spitze des Sächsischen Staatsschauspiels hat sich mit seiner stetigen, ehrlichen Bürgernähe die Sympathie der Dresdner redlich verdient. In seiner klugen Rede beschwor er das Theater als Ort der Repräsentation und des Authentischen im schützenden Mantel der Kunst, immer auf der Suche nach Wahrheit und einem veränderbaren Zustand der Welt. Und dabei lächelt die Kunst auch über ihre eigene Widersprüchlichkeit. Theater ist für Schulz eben auch, die Möglichkeit des Scheiterns auszuhalten.

Das selbst Hundertjährige in eine, wie auch immer geartete Notlage geraten und dann einfach so verschwinden können, mit diesem Bonmot wollte Stanislaw Tillich, seines Zeichens Ministerpräsident des Sächsischen Freistaats, punkten. Der Mann muss es wissen, er ist Hauptfinanzier des Staatsschauspiels. Er verglich das Theater mit einer Romanfigur des Schriftstellers Jonas Jonasson. In dem schwedischen Bestseller Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand macht sich ein Mann, der in seinem hundertjährigen Leben eher zufällig in der internationalen Weltpolitik mitgemischt und für so manch Explosives gesorgt hatte, an seinem Ehrentag einfach aus dem Staub. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Eigentlich ein versteckter Fingerzeig für das Stadttheater, auf der verzweifelten Suche nach seiner gesellschaftlich relevanten Traumrolle, nichts dem reinen Zufall zu überlassen. Diese Vorstellung könnte aber auch zum Albtraum geraten, sollte das Theater die allzu große Nähe zu den Mächtigen nicht tunlichst meiden.

Staatsschauspiel Dresden

Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

Tillich lenkte mit seinem kleinen Ausflug in die Literatur aber auch, gewollt oder nicht, kurz das Augenmerk auf den tragischen, tödlichen Fall des Schriftstellers Erich Loest aus Leipzig, der anderen großen sächsischen Stadt mit einem Theater, das nach langen kulturpolitischen Querelen erst wieder zu feiern lernen muss. Außer dem erwähnten kurzen Schweden-Intermezzo war Tillichs Rede von ausgewogen regionaler Schlichtheit. Er sprach von sächsischer Ingenieurskunst, einem Darlehn der Bürger Dresdens, das den Bau ihres Theaters erst ermöglichte und dem Lesen zwischen den Zeilen, auch eines der bekanntermaßen rein sächsischen Phänomene. Neben Kulturförderung ist in Sachsen vor allem Popularität wichtig. Der Mann ist Pragmatiker, er will wiedergewählt werden. Das ist sein förderstes Staatsziel.

Umso reflektierter dann der Beitrag des Dresdner Schauspielensembles. Damit Theater eben nicht einfach nur zum Bestseller verkommt, äußerten die Schauspieler, vertreten durch das jüngste (Lea Ruckpaul) und älteste (Albrecht Goette) Ensemblemitglied drei fromme Wünsche, die es vieler Orts noch zu erfüllen gilt. Die beiden wünschten sich, ein Publikum, das sich zur Verfügung stellt, eine Politik, die Kunst und Markt trennt und ein Theater, das seine Aufgabe nicht vergisst, ein anderer Ort zu sein. Was die beiden genau darunter verstehen, soll hier nicht weiter ausgeführt werden, denn echtes Theater wurde natürlich auch noch gespielt.

Lea Ruckpaul und Albrecht Goette bei der Feierstunde am Staatsschauspiel Desden. - Foto: St. B.

Lea Ruckpaul und Albrecht Goette bei der Feierstunde am Staatsschauspiel Desden. – Foto: St. B.

Um der gemeinsamen Zeit des Staatstheaters mit der Staatsoper Dresden zu gedenken, hatte man um die beiden Kunstgattungen wieder zu vereinen, zum Jubiläum die Semiopera King Arthur mit der Musik von Henry Purcell und dem Text von John Dryden ausgewählt. Die beiden Engländer huldigten 1691 ihrem König Charles II. und dem Sieg der Briten über die heidnischen Sachsen mit einer Art „Nationaloper“. Das könnte natürlich gerade am Sächsischen Staatsschauspiel und aus Sicht der Dresdner Geschichte einiges an Brisanz bieten.

Armin Petras, der in Dresden mit seiner Dramatisierung des Tellkamp-Romans Der Turm glänzte, hat die Oper mit einem frischen Prolog versehen. In schönstem Kontrast zu den Sonntagsreden der Politik stehen die Worte von Staatssalat und -bankrott, Kunst und Macht, sowie wenig Hirn und viel Eitelkeit. Matthias Reichwald, der hernach als King Arthur wieder zum am Bühnenrand steckenden Schwert greift, spricht sie direkt ins Publikum mit seiner hohen sächsischen Prominenzdichte.

Zur Ouvertüre versammelt sich dann auch jede Menge finsteres Personal zum Schlachtgetümmel und stürzt dabei die lange Bühnenschräge hinunter, die nach hinten spitz zuläuft. Während König Arthur im Soldatenmantel seine Briten zum Kampf treibt, rufen die geschlagenen Sachsen ihre Götter an. Dem noch zaudernden König Oswald (Christian Erdmann) drückt dabei der bassgewaltige Zauberer Grimbald (Peter Lobald) einen Speer in die Hand. Zum martialischen We have sacrificed … Come if you dare werden drei Geopferte an Sicherheitsgeschirren hochgezogen.

Christian Erdmann (Oswald, König von Kent) und Yohanna Schwertfeger (Emmeline, Conons Tochter) - Foto: David Baltzer

Christian Erdmann (Oswald, König von Kent) und Yohanna Schwertfeger (Emmeline, Conons Tochter) – Foto: David Baltzer

Der Sachse rührt sich wieder, was erste Lacher im Publikum auslöst. Bei all der Pathetik, die Drydens Text und Purcells Musik bietet, legt sich die Inszenierung von Tilmann Köhler, der sich am Staatsschausiel zum vielbeachteten Hausregisseur gemausert hat, auch ein passendes Sicherheitsgeschirr an. Und zwar das Allheilmittel der Ironie. Man ist sich dessen durchaus bewusst und vergisst auch nicht im Programmheft zu betonen, dass schon in Drydens Text ironische Kritik versteckt sei.Neben dem Kriegsgeschäft der Könige geht es in einer zweiten Ebene um die Liebe zur blinden Emmeline. Beide Kontrahenten sind in ihre schönen Augen, die nichts sehen, versunken. Mit der herrlich nöligen Stimme Yohanna Schwertfegers spricht Emmeline von der Liebe mit Hand und Seele und ist dann doch wie ein Kind von ihrem Schatten fasziniert, als ihr das Augenlicht durch Zaubersaft gegeben wird. Gerade dem Wiener Burgtheater von Matthias Hartmann in Richtung Dresden entkommen, gerät Yohanna Schwertfeger nun in die Fänge Oswalds und seines intriganten Zauberers Osmond. Benjamin Pauquet gibt ihn als notgeile Variante eines im Gesicht kreuzweise geschnürten Malvolios. Osmond heiß ich, und ich will Liebe gesteht er Emmeline mit heruntergelassener Hose.

Dass Autor Dryden Shakespeare verehrt und bearbeitet hat, muss nicht erst betont werden. Das gipfelte in der ebenfalls mit Purcell verfassten Semiopera The Fairy Queen, einer Version des Sommernachtstraums. Und so lässt sich sein King Arthur durchaus auch als ein zauberhafter Traum von Sein und Schein lesen und besitzt der zwischen den Fronten schwankende Luftgeist Philidel die Züge eines Pucks. All das verbirgt die Inszenierung von Köhler nicht. Im Gegenteil, sie stellt es in Persona der stets quirligen, mal wimmernd, mal neckend auf der Bühne herumwuselnden Sonja Beißwenger gerade zu aus. Schauspielerisch fraglos gekonnt stemmt sich das Energiebündel gegen Widersacher Grimbald, muss sich allerdings in den Gesangspassagen von der Sopranistin Arantza Ezenarro doubeln lassen.

Die Irrungen und Verwirrungen auf der Bühne sind Programm. Erst irrlichtern Sachsen und Briten, wechselseitig getrieben durch Grimbald und Philidel durch den Sumpf, – This way, hither, this way bend – dann betören die Gesänge des Cupido (Romy Petrick) selbst die Sinne des coolen Grimbald. Bei der am Theater gern und oft kopierten Arie des Cold-Genius schmilzt der Eisberg Grimbald zu einem stimmlichen Softeis zusammen. Die Kraft Oswolds ist damit aber noch nicht gebannt. Er verzaubert nun sogar einen ganzen Wald.

King Arthur im Zauberwald

Sinfoniechor Dresden, Ilhun Jung (Waldgeist / Aeolus / Pan / He), Arantza Ezenarro (Luftgeist / Sirene / She), Simon Esper (Herold / Schäfer / Waldgeist / Comus), Matthias Reichwald (König Arthur), Nadja Mchantaf (Matilda, Emmelines Dienerin / Sirene / Venus) – Foto: David Baltzer

Als graue Eminenz der zaubernden Gegenwehr schwebt Merlin (Albrecht Goette) mit Rauschebart und Hirschgeweih vom Bühnenhimmel herab. Außer den umgeschnallten weißen und schwarzen Engelsflügeln vermag nur sein Zauberstab, Gut und Böse voneinander zu scheiden. In der schönsten Szene der Inszenierung bewegt sich der herausragende Chor (Sinfoniechor/ Extrachor der Semperoper Dresden) in bunten Fantasiegewändern auf den ihren Sirenengesängen fast schon erlegenen König Arthur zu. Der Baum in dem er seine Emmeline zu sehen glaubt, wird aus einem Bündel gold-glänzender Tücher gebildet. Sie verleihen dem Bühnenbild von Karolyi Risz einerseits schlichte Schönheit gegen die barocke Macht der Musik und lassen sich anderseits zu wehenden Fahnen, schützenden Gewändern oder fesselnden Banden verwenden.

Am Ende greift die bis dahin eher zurückhaltende Regiehand von Tilmann Köhler noch einmal entscheidend in die Handlung ein. Ein Balanceakt auf wackeligen Prospektstangen kippt das Happy End und lässt die nun eigentlich zum Preisen des Paars in heutiger Abendgarderobe angetretene und Holy Land intonierende Menge zunächst etwas ratlos aussehen. Es ist nichts, wie es scheint, ist die Aussage der Inszenierung, und löst damit die These des Theaters als einem anderen Ort zumindest in Ansätzen ein. Und während das wunderbar aufgelegte Prager Collegium 1704 unter der Leitung von Felice Venanzoni auf ihren Barockinstrumenten weiter in Wohlklängen schwelgen darf, kommt endlich auch die von Herrn Tillich gepriesene sächsische Ingenieurskunst in Form der dreiteiligen Versenk-Schiebe-Bühne zum Einsatz.

Premiere King Arthur - Großer Applaus für das Ensemble - Foto: St. B.

Premiere King Arthur – Großer Applaus für das Ensemble – Foto: St. B.

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Das 10. GlückAufFest an der Neuen Bühne Senftenberg zum Thema Wirklichkeit

GlückAufFest LogoSenftenberg, 21.09.13 – Authentisch und möglichst nah an der Wirklichkeit wollen die Theater ja immer irgendwie sein. Nur wie man das anfängt, da scheiden sich dann meist die Geister. Welche Themen sind wirklich aktuell und besitzen wo und für wen Relevanz? Und vor allem, woher die erforderlichen Stoffe nehmen, wenn nicht stehlen? Rennt man einem Trend hinter, beauftragt man einen jungen Autor mit dem Schreiben eines themenbezogenen, dramatischen Werks, oder gräbt man im Bekannten?

An der Neuen Bühne Senftenberg, tief in der südbrandenburgischen Provinz, hat man nun eine Möglichkeit gefunden, unsere deutsch-deutsche Wirklichkeit, trotz mangelnder aktueller dramatischer Vorlage, auf erstaunlich frische Art und Weise auf die Bühne zu bringen. 23 Jahre nach der Wende und kurz vor der nächsten Bundestagswahl packt man hier die Gelegenheit noch einmal beim fast schon kahlen Schopf und findet, nicht gerade überraschend, mehr als nur ein Motte im Pelz der wiedervereinten Nation. Und was wäre besser, als diesen im Rahmen eines die Spielzeit eröffnenden Theaterfestes gehörig auszuklopfen.

Das 10. GlückAufFest in Senftenberg handelt das Thema Wirklichkeit nun an zehn aufeinanderfolgenden Wochenenden bis in den November anhand von vier ausgewählten Prosatexten aus den letzten drei Jahren von Ingo Schulze, Christoph Hein, Rainald Goetz und Volker Braun sowie einem abschließenden aerodynamischen Liederabend des vielseitigen Musikers Hans Eckardt Wenzel ab. Und das ist der andere Aufhänger. Man kann sich in der Provinz das Schmunzeln über die Probleme der Berlin-Brandenburgischen Pleiten-, Pech- und Pannenpolitik nicht verkneifen und baut die Neue Bühne kurzerhand zu einem voll funktionstüchtigen Flughafen SenftenBER aus.

Neue Bühne Senftenberg nachts_Foto Stefan Bock

SenftenBER an der Neuen Bühne Senftenberg.
Foto: St. B.

Am Check-In erhält man dann Flugplan und Bordkarte für einen rund neuneinhalb-stündigen Flug in die Wirklichkeit und der Chef des Towers, Intendant Sewan Latchinian, lässt es sich natürlich nicht nehmen, die Fluggäste persönlich zu begrüßen. Auch für das leibliche Wohl bei den vier Zwischenlandungen ist reichlich gesorgt. Anschnallpflicht besteht nicht und selbst auf die obligatorischen Schwimmwesten kann bei dieser imaginären Reise verzichten werden. Damit das Unternehmen nicht baden geht, versucht das Senftenberger Boden- und Bordpersonal wirklich alles zu unternehmen, den Zuschauersaal zum Abheben zu bringen.

Zum Einstieg bringt Sewan Latchinian die Dresdner Rede von Schriftsteller Ingo Schulz aus dem Jahr 2012 als bissigen Kommentar zur aktuellen Lage unserer Demokratie auf die Bühne. Schulz hatte sie nach Andersens Märchen von Des Kaisers neuen Kleidern Unsere schönen neuen Kleider genannt. Ein kluger Text, der sich anhand auch einiger ermüdender Fakten und Zahlen mit den Auswirkungen der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung seit der Wende, nicht nur in der „ehemaligen“ DDR (eines der vielen schönen Nachwendevokabularien), beschäftigt.

Bernd Färber in UNSERE SCHÖNEN NEUEN KLEIDER - Foto: Steffen Rasche

Bernd Färber in UNSERE SCHÖNEN NEUEN KLEIDER – Foto: Steffen Rasche

Pointe dieser allegorischen Überstülpung ist hier nicht nur der bekannte Ausruf des Jungen, sondern vor allem, dass es, ganz wie im Märchen, immer jemanden braucht, der sich traut, diese Erkenntnis auch lauthals zu unterstützen. Bernd Färber schlüpft, ganz Schauspieler, beim Reden in einem flotten theatralen Schminkprozess von der Rolle des nackten Kaisers hinüber in die der Kanzlerin (samt Raute), die mit ihrer Floskel von der marktkonformen Demokratie und bleiernen Alternativlosigkeit zur Weberin der allerschönsten „unserer neuen demokratischen Kleider“ geworden ist.

Nach ersten unpopulären politischen Wahrheiten folgt mit der Dramatisierung von Christoph Heins Roman Weiskerns Nachlass der Blick auf die Verfasstheit der geisteswissenschaftlichen Elite Deutschlands, die sich mit halben Stellen immer am Rand der Privatinsolvenz durchs Leben schlägt, und der, ähnlich der Kunst, die Mittel immer weiter zusammengestrichen werden. Kulturwissenschaftler Stolzenburg (Alexander Wulke) ist ein solch unterbezahltes Exemplar. Er findet für seine liebhaberische Werkausgabe des unbekannten Mozartlibrettisten Weiskern keinen Verleger und sieht sich aus Geldmangel bald den unmoralischen Angeboten seiner Studenten ausgesetzt.

Juschka Spitzer, Hanka Mark und Alexander Wulke in WEISKERNS NACHLASS - Foto: Steffen Rasche

Juschka Spitzer, Hanka Mark und Alexander Wulke in WEISKERNS NACHLASS – Foto: Steffen Rasche

Hein lässt den notorischen Schürzenjäger und Konfuziussprücheklopfer Stolzenburg durch eine Achterbahn der Ereignisse und Gefühle gehen. Regisseur Latchinian macht daraus einen neunzigminütigen ironischen Discountflug in der Economy Class. Zum Teil auf Flugzeugsitzen spulen die Darsteller das Ganze wie einen rasanten Kunstfälscher-Krimi samt Beziehungsstress und Mozartbegleitung ab. Die bedauernden Worte von Stolzenburgs Steuerberater, der in einer Woche dessen Jahresgehalt an der Börse verdient, bringen es aber schließlich auf den Punkt. Stolzenburg wird auch weiterhin die Business Class versperrt bleiben. Auch wenn sich seine Albträume kurzzeitig in Luft auflösen, der finanzielle Absturz der/des Wissenschaft/lers ist vorprogrammiert. Hier wird kein Château Rothschild kredenzt. Im Abgang bleibt ein leichter Nachgeschmack von zu viel Tomatensaft.

Sewan Latchinian liest JOHANN HOLTROP - Foto: Steffen Rasche

Sewan Latchinian liest JOHANN HOLTROP – Foto: Steffen Rasche

Mit oberflächlich angeeigneten kulturellen Phrasen wirft der Vorstandsvorsitzenden Johann Holtrop gern bei Interviews, Reden oder Geschäftsgesprächen um sich, bevor es dann nach Abschluss in den Puff geht. Rainald Goetz gleichnamiger Roman liefert in sprachlich exquisiter Form ein entblößendes Sittenbild der Wirtschaftselite unseres Landes. Sewan Latchinian führt ihn als szenische Lesung unter Mithilfe zweier Schauspielerinnen und Videoleinwände auf. Er selbst gibt den Aufstieg und Absturz dieses Manager-Dinosauriers als gymnastischen Slapstick mit Aktenkoffer und Wasserflasche. Die gekippten Videobilder verdeutlichen kongenial die psychische und emotionale Schieflage Holtrops sowie die verzweifelte Akrobatik seiner aus hohlen Gesten und Worten bestehenden Rettungsrhetorik. Zweifellos ein Höhepunkt des Abends, den reichlich Szenenapplaus begleitet.

Hanka Mark, Till Demuth, Bernd Färber, Juschka Spitzer, Catharina Struwe, Johannes Moss, Inga Wolff, Anna Kramer, Jan Schönberg, Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Franz Sodann - Foto: Steffen Rasche in DIE HELLEN HAUFEN - Foto: Steffen Rasche

Hanka Mark, Till Demuth, Bernd Färber, Juschka Spitzer, Catharina Struwe, Johannes Moss, Inga Wolff, Anna Kramer, Jan Schönberg, Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Franz Sodann – Foto: Steffen Rasche in DIE HELLEN HAUFEN
Foto: Steffen Rasche

Bis hierin bauen die Texte thematisch wunderbar und dramaturgisch geschickt aufeinander auf. Und zur fortgeschrittenen Stunde gibt es dann zum Thema Geschichte und Utopie auch noch eine Dramatisierung der Erzählung Die hellen Haufen von Volker Braun. Ein Abriss der Geschehnisse um die Abwicklung der Mitteldeutschen Kali-Betriebe im Jahre 1992 in fast poetischen Worten und religiösen Bildern. Der Marsch der Kalikumpel auf Berlin in den Fußstapfen der schwarzen Haufen Thomas Müntzers aus dem deutschen Bauernkrieg. Das Ensemble bewegt sich in Sewan Latchinians epischer, sehr eindrucksvoller Inszenierung um eine graue Abraumhalde, auf der sich die Arbeiter schließlich gegen die Übermacht des Staates verteidigen müssen. Gerechtigkeit, Solidarität und Gewaltfreiheit stehen im Raum sowie die Frage: Was wäre wenn?

Zum Abschluss darf das ausnahmslos großartige Ensemble noch einmal zeigen, dass es auch musikalisch zu unterhalten weiß. In der Revue Auf dem Flughafen nachts um halb eins… singt eine Hautevolee aus verlor’nen Lumpen, die nicht in diese Welt passen will, in der Kneipe einer verlassenen Abflughalle voller Witz und Überlebensmut gegen die graue Wirklichkeit des deutschen Tiefsinns (immer nur die Mitte) an. Eine bezaubernde Stunde der liebeswerten Irren und Idioten. Nach dem Abflug in theatrale Wirklichkeiten folgt irgendwann auch wieder die Ankunft in der Realität. In Senftenberg kann man sich diesem, über den Theaterraum hinausgehendem Abenteuer getrost hingeben.

Inga Wolff, Hanka Mark, Jan Schönberg, Mirko Warnatz, Bernd Färber, Sybille Böversen in AUF DEM FLUGHAFEN NACHTS UM HALB EINS… - Foto: Steffen Rasche

Inga Wolff, Hanka Mark, Jan Schönberg, Mirko Warnatz, Bernd Färber, Sybille Böversen in AUF DEM FLUGHAFEN NACHTS UM HALB EINS… – Foto: Steffen Rasche

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Weitere Termine für King Arthur und das GlückAufFest unter:

http://www.staatsschauspiel-dresden.de/home/king_arthur/termine/

http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/premieren/10-glueckauffest.html

Beide Beiträge sind am 16.09.13 und 25.09.13 auf KULTURA-EXTRA erschienen.
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