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„Europa“ von Soeren Voima und „Europa verteidigen“ von Konstantin Küspert – Stücke über den Zustand des Kontinents Europas in Potsdam und Senftenberg

Dienstag, April 10th, 2018

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Europa  – Potsdams Noch-Intendant Tobias Wellemeyer inszeniert die ironisch warnende Antiken-Überarbeitung des Autorenkollektivs Soeren Voima als gediegenes Stadttheater

 

Europa am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Tobias Wellemeyer, noch Intendant des Hans Otto Theaters Potsdam, denkt sicher schon ans große Abschiednehmen. Bevor er es jedoch im Mai noch mal mit Shakespeare stürmisch auf der großen Bühne zugehen lassen will, musste Wellemeyer für den Regisseur Christian Weise einspringen und das Stück Europa, ein Antiken-Digest des Autorenkollektivs Soeren Voima inszenieren. Für Voima-Spezi Weise wäre dieser Zusammenschnitt aus drei Tragödien nach Sophokles und Euripides wohl auch eher ein großer Spaß gewesen. Man kennt seine ironisch überbordenden Regiearbeiten aus dem Maxim Gorki Theater und dem Ballhaus Ost in Berlin. Tobias Wellemeyer kann sich hier aber nicht so recht zwischen Tragödie und Komödie entscheiden und macht auf gediegenes Stadttheater.

Europa wurde 2000 im Theater am Turm (TAT) in Frankfurter a.M. uraufgeführt. Hinter dem Autorenpseudonym Soeren Voima verbargen sich damals u.a. der Uraufführungsregisseur Robert Schuster, sein Kollege Tom Kühnel und der Schauspieler und Autor Christian Tschirner, der mittlerweile allein weitermacht. Gemeinsam wollte man ab 1999 das traditionsreiche TAT (u.a. inszenierten hier Claus Peymann und Rainer Werner Fassbinder) reformieren. Ein Versuch, der nach drei Spielzeiten beendet war. Seit der Flüchtlingskrise europat es wieder gewaltig auf deutschen Bühnen, und selbst Ersan Mondtag hatte Textteile des Voima-Stücks für seine Inszenierung von Ödipus und Antigone am Maxim Gorki Theater verwendet. Und auch in Potsdam geht es dann zunächst um Sophokles‘ Tragödie von König Ödipus, der ohne Wissen seinen Vater Laios tötete, das Rätsel der Sphinx von Theben löste und seine Mutter, die Königin Iokaste ehelichte.

Auch Ödipus-Tochter Antigone kommt im Stück vor, allerdings mehr als Randfigur im zweiten Teil, den Phönizierinnen von Euripides, der den Kampf der beiden Ödipus-Söhne Eteokles und Polynikes um den Thron von Theben behandelt. Eine weitaus größere Rolle als Antigone, die sich nach dem Zweikampf ihrer Brüder gegen den Befehl Kreons widersetzt und den Theben-Feind Polynikes begraben will, spielt aber die zweite Ödipus-Tochter Ismene, die hier eine vermittelnde, zukunftsgewandte Rolle an der Seite ihres blinden, von Kreon aus Theben verbannten Vaters im letzten Teil Ödipus auf Kolonos von Sophokles übernimmt. Das ist zwar so nicht ganz korrekt, da dieser Teil zeitlich eigentlich zwischen den ersten beiden steht. Für das Stück Europa stellt der heilige Eumenidenhain vor den Toren des demokratisch regierten Athens allerdings das erlösende Ideal gegenüber einem sich in Kriegen vernichtenden Theben als Sinnbild für Europa dar.

 

Europa am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

 

Soweit gut und schön gedacht. Allerdings dekliniert der erste Teil des Abends trotz Kürzungen die allbekannte Ödipus-Tragödie in fast ermüdender Weise durch. Theben ist hier eine moderne Schaltzentrale der Macht, ein sogenanntes „Silikon Theben“. René Schwittay sitzt als Konzernchef Ödipus am Schreibtisch. Hinter einer Glaswand sieht man einen blinkenden Schaltkreis, und die Bürger Thebens laufen in weißen Kitteln aufgeregt hin und her. Irgendein Fehler steckt im System. Gemeint ist der Fluch der Pest, der über der Stadt liegt. Der Mörder des Königs Laios muss laut Orakelspruch von Delphi gefunden werden. Dass es Ödipus selbst ist, wird erst nach und nach klar. Christoph Hohmann tritt hier in Pennerkluft erst prophezeiend als blinder Seher Teiresias und dann als Licht ins Dunkel bringender Hirte auf. Danach gibt es Großalarm, das System stürzt ab und alle schleppen kaputte Computerteile und verknäulte Kabelreste aus der zerstörten Leitzentrale.

Vor der Pause wird noch ein bisschen Krieg gespielt. Die Thebaner tragen nun Militärmäntel und bereiten sich auf den Ansturm der von Polynikes angeführten sieben Barbarenstämme vor. Frédéric Brossier tritt als drohender Samurai mit Talibanbart auf, und Florian Schmidtkes Eteokles verkündet heroisch das Verdikt, nach seinem Tod den Feind der Stadt nicht zu begraben, und bestimmt Kreons Sohn Haimon (Friedemann Eckert) zum Bräutigam seiner Schwester Antigone (Claudia Renner). Bevor er nach der Pause die Macht an sich reißen kann, wird Kreon (Bernd Geiling) aber noch gemäß Weissagung seinen jüngsten Sohn Menoikeus (wieder Friedemann Eckert) für den Sieg verlieren. Als Französisch singende phönizische Klageweiber in Schwesterntracht sehen wir noch Rita Feldmeier, Denia Nironen und Sabine Scholze.

Sehr viel kann hier im Wüten der Männer die besänftigende Ismene nicht ausrichten. Auch später als Ödipus-Begleiterin bleibt Franziska Melzer eher blass. Warum das alles mit einem fast heiligen Ernst, der immer wieder unfreiwillig komisch wirkt, und das vielleicht in ein paar Szenen auch soll, gespielt werden muss, bleibt unklar. Dafür haben Soeren Voima aber in ihr Stück einen erklärenden Erzähler eingebaut. Jan Kersjes gibt ihn als Kadmos, Bruder der phönizischen Königstochter Europa, der auf der Suche nach seiner von Zeus als Stier entführten Schwester vom heutigen Libanon bis nach Griechenland gekommen ist und dort gemäß des Orakelspruchs aus Delphi die Stadt Theben gründete. Aus den ausgesähten Zähnen eines von ihm getöteten Drachens erwuchsen sich bekriegende Männer. Nun ist der weitgereiste Kadmos Wachmann in Theben und später Rechtsanwalt in Athen.

Jan Kersjes unterbricht im ironischen Umgangston immer wieder die sonst im hohen Verston gesprochene Handlung und führt den Fluch der Zerstörung auf die von Gottvater Zeus verübte Untat zurück. Dazu kommt die Hybris der führenden Männer Thebens. Ein vorprogrammierter Zivilisationscrash. Wissenschaft und Fortschritt versinken im alles vernichtenden Krieg. Das moderne Theben sind wir, will uns das Stück sagen. Dem stellt Regisseur Wellemeyer im letzten Teil die heilige Halle eines Kulturtempels entgegen. Ein Museumssaal mit antiken Skulpturen und dem Gemälde Raub der Europa von Max Beckmann (wohl als Reminiszenz an die Potsdamer Beckmann-Ausstellung im Museum Barbarini), in dem der blinde Ödipus erstmal einen Vase vom Sockel haut. Athen ist zudem eine Stadt der Frauen. Rita Feldmeier, zuvor noch Iokaste, ist nun König Theseus und regiert Athen mit ihren adretten Museumswärterinnen, die dem tollpatschigen Mann, der darum bittet, hier sterben zu können, eine von ihm umklammerte Statue entreißen. Nicht ganz unwitzig kann das den ansonsten eher schwachen fast dreistündigen Theaterabend allerdings auch nicht mehr retten.

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Europa
Von Soeren Voima
Nach Sophokles und Euripides
Regie: Tobias Wellemeyer
Bühne: Matthias Müller
Kostüme: Ines Burisch
Dramaturgie: Christopher Hanf
Musik: Marc Eisenschink
Theaterpädagogik: Kerstin Kusch
Besetzung:
Kadmos, Erzähler: Jan Kersjes
König Ödipus: René Schwittay
Iokaste / Theseus: Rita Feldmeier
Ismene: Franziska Melzer
Kreon: Bernd Geiling
Teiresias, Hirte: Christoph Hohmann
Antigone / 1. Aufsichtshabende: Claudia Renner
Eteokles: Florian Schmidtke
Polynikes: Frédéric Brossier
Menoikeus / Haimon: Friedemann Eckert
Die Zuständige: Denia Nironen
Frau aus Korinth / 2. Aufsichtshabende: Sabine Scholze
Thebaner: Philipp Mauritz
Thebanischer Chor: Ensemble
Chor der Phönizierinnen: Rita Feldmeier, Denia Nironen, Sabine Scholze
Die Premiere war am 7. April 2018 im hans Otto Theater Potsdam
Termine: 11., 12., 22.04. / 05., 10.05.2018

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 07.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Europa verteidigen – Im Studio der Neuen Bühne inszeniert Dominic Friedel den geschichtlichen Abriss Europas von Konstantin Küspert mit einem Ensemble aus Senftenberger Kindern

Europa verteidigen am Neuen Theater Senftenberg – Foto (c) Steffen Rasche

„Ist Europa eine Trutzburg, eine Festung gegen ,Überfremdung‘? Eine Oase des Wohlfühlens? Wer darf es sich in Europa gemütlich machen, wer muss leider draußen bleiben?“ Ist diese Europa nur in seinen Grenzen zu sehen oder nicht vielleicht doch auch als eine Idee darüber hinaus? All diese Fragen behandelt der Autor Konstantin Küspert in seinem 2016 von Cilli Drexel in Bamberg uraufgeführten Stück Europa verteidigen, das 2017 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen und dort mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde.

In drei Erzählsträngen gibt Küspert dabei einen klugen historischen Abriss Europas von seinem Gründungsmythos mit der Sage der von Göttervater Zeus in Gestalt eines Stiers entführten lykischen Königstochter Europa über viele historische Kriege, die im Namen von Nationen, Religionen und Wirtschaftsinteressen geführt wurden, bis zu einem Blick ins Heute und in die Zukunft, bei dem europäische Bürger und die Besatzung eines Frontex-Schiffs im Mittelmeer zu Wort kommen. Das erinnert im szenischen Aufbau ebenso an Heiner Müllers deutschen Geschichtsexkurs Germania wie auch dem Stück Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz, der ironisch die „Verteidigung Deutschlands am Hindukusch“ mit den Verwerfungen westlichen Kolonialerbes verbindet.

Für die Neue Bühne Senftenberg lässt Regisseur Dominic Friedel, der hier bereits 2017 mit seiner Inszenierung des Fritz-Kater-Stücks Sterne über Senftenberg überzeugte, Küsperts Stück fast ausschließlich von einem Ensemble aus Senftenberger Kindern [Namen s.u.] spielen. Ihn interessierte dabei die andere, neue Sicht auf den Text, die durch diese Art der speziellen Verfremdung entsteht. Einerseits werden wir dabei ebenso wie die spielenden jungen Menschen neu mit längst vergangener und z.T. auch vergessener europäischer Geschichte konfrontiert, über die wir längst glaubten alles zu wissen. Und außerdem, was läge näher beim Blick in die Zukunft an unseren Nachwuchs zu denken, dessen Weltbild heute mehr durch Privat-TV und Internet geprägt wird, was nicht unbedingt der Garant für eine faktentreue historische Wissensvermittlung ist.

 

Europa verteidigen am Neuen Theater Senftenberg
Foto (c) Steffen Rasche

 

Friedel lässt den Abend dann zunächst ganz spielerisch angehen. Die Kinder und die beiden Senftenberger Ensemblemitglieder Anna Schönberg, Sebastian Volk tollen umher, kitzeln einen der Erwachsen durch, erzählen sich Witze und wollen Theater spielen. Das ist die Überleitung zu einer zunächst pantomimischen Darstellung der antiken Sage durch Sebastian Volk und eines der Kinder, bis Volk den Mythos von Zeus‘ Entführung der schönen Königstochter Europa von den Gestaden des heutigen Syriens über das Mittelmeer bis zur griechischen Insel Kreta erzählt.

Es folgen kurze Spielszenen über den Mythos von der „Verteidigung Europas“ mit dem Sieg über Hannibal, der mit seinem karthagischen Heer auf Kriegselefanten über die Alpen nach Europa kam. Ein Junge mit Helm spricht als römischer Feldherr Scipio von der afrikanischen Gefahr und schilt die Zauderer im Senat, die Leute wie ihn dann ja doch rufen würden, wenn der Feind vor den Toren steht. Er fordert dazu auf, das Problem direkt in Afrika zu beseitigen, was letztendlich mit dem Untergang Karthagos in den Punischen Kriegen auch geschah. Weitere Beispiele, wie Europa und das christliche Abendland mit Kriegen und Eroberungen verteidigt wurde, sind eine Episode, in der Wikinger Erik „der Rote“ Thorvaldsson Grönland in Besitz nimmt und deren Ureinwohner tötet, sowie die Kreuzzüge nach Jerusalem, wobei die Kinder Passagen aus Walther von der Vogelweides Palästinalied über die religiöse Bedeutung des Heiligen Landes in mittelhochdeutscher Sprache aufsagen. Was wiederum durch den Hinweis auf die Plünderung der christlichen Stadt Konstantinopel im Vierten Kreuzzug aus rein wirtschaftlichem Interesse gebrochen wird.

Weiterhin gibt es einen Exkurs in Sachen deutscher Kolonialismus mit dem Völkermord an den Herero durch die Strafexpedition des wilhelminischen Oberst Lothar von Trotha in Südwestafrika. Der deutsche Altertumsforscher und SS-Sturmbahnführer Herbert Jankuhn spricht über den sagenumwobenen Teppich von Bayeux, auf dem über 68 m lang die Schlacht von Hastings um den englischen Thron im Jahr 1066 zwischen Angelsachsen und Normannen dargestellt ist. Für Jankuhn ein wichtiges Relikt zur ideologischen Verklärung des nordisch-arischen Ahnenkults. An der Küste der Normandie wird wenig später 1944 Europa durch Wehrmachtssoldaten mit Maschinengewehren gegen die Eindringlinge aus England und den USA verteidigt.

Mit wenigen Handgriffen und kleinen Kostümwechseln auf der sonst fast leeren Bühne verwandeln sich die Kinder immer wieder in die historischen Figuren. Zur Clownsnummer in Tracht mit Pappboot wird der Ausflug ins Jahr 2020 auf das österreichische Fortex-Schiff „Salzburger Land“, das im Mittelmeer ein Flüchtlingsboot versenkt. Angesichts der heutigen Realität mit einem Bundeskanzler Kurz im Bündnis mit der rechtsnationalen FPÖ bleibt einem spätestens das Lachen im Halse stecken, wenn es heißt: „Es sind immer die Österreicher, die Europa retten.“

Zwischendurch gibt es immer wieder stark choreografierte chorische Szenen, in denen heutige Europäer wie Jonathan oder Natalia in der dritten Person ihre Zweifel und Vorurteile über Europa und seine Bürokratie vortragen. Auch diese recht ironischen Bemerkungen von intellektuell besserwisserischer Seite werden durch den Vortrag des alten, stummen Försters Heinrich gebrochen, der erst spät seine Stimme wiederfindet, um von seinen Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Was letztendlich mit der Bemerkung schließt, dass seine Enkel – also wir – ihr Rentenalter in einer Zeit erleben werden, in der es in Kerneuropa seit Jahrzehnten keine Kriege mehr gegeben hat. Natürlich täuscht das auch über so manche sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen hinweg. Aber diese Bank als Verheißung auf die Zukunft, wie es so schön im Schlussmonolog von Sebastian Volk heißt, der wieder bei der mythischen Figur der Europa anlangt, für einen weiteren Kreuzzug gegen vermeintliche Feinde Europas zu verspielen, wäre in der Tat sehr fatal.

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Europa verteidigen (Studiobühne, 09.03.2018)
von Konstantin Küspert
Regie: Dominic Friedel
Bühnenbild: Norman Plathe-Narr
Kostümbild: Michaela Muchina
Mit: Anna Schönberg, Sebastian Volk, Finn Jannes Bergen, Kalila Koritnik, Károly Koritnik, Jette Lachmann, Julia Magister, Pauline Palatinus, Amelie Slomka, Julian Thaler, Phillip Thaler, Tim Thomä
Die Premiere war am 03.03.2018 am Neuen Theater Senftenberg
Nächste Vorstellungen: 14.03./ 20.04.2018

Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/

Zuerst erschienen am 11.03.2018 auf Kultura-Extra.

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„Bilder deiner Großen Liebe“ und „Kruso“ – Zwei interessante Romanadaptionen im Hans Otto Theater Potsdam

Samstag, Januar 30th, 2016

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Das Hans Otto Theater Potsdam hat mit der Dramatisierung von Uwe Tellkamps Dresden-Roman Der Turm bereits eine Buchpreis-gekrönte DDR-Geschichte im Spielplan. Nun kommt nach Magdeburg und Gera mit der Bühnenbearbeitung von Lutz Seilers Insel-Roman Kruso eine weitere hinzu. Der aus Gera stammende Autor hat dafür 2014 den Deutschen Buchpreis erhalten. In seinem Romanfragment Bilder deiner großen Liebe beschreibt der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf den Ausbruch des lebenshungrigen Mädchens Isa aus der Psychiatrie. Er knüpft hier lose an seinen Erfolgsroman Tschick an, der ebenfalls in Potsdam als Bühnenfassung zu sehen ist. Damit…

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Intendant Tobias Wellemeyer belässt in seiner Inszenierung einer Bühnenadaption von Wolfgang Herrndorfs Romanfragment Bilder deiner großen Liebe alles im sterilen Drinnen.

Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

Wolfgang Herrndorf hat sich 2013, nachdem es keine Hoffnung mehr auf Heilung seines Hirntumors gab, das Leben genommen. Er wollte das Ende selbst in der Hand haben. Nicht mehr in der Hand hatte Herrndorf die Vollendung seines letzten Romans Bilder deiner großen Liebe. Der posthumen Veröffentlichung des Fragments liegen ein Manuskript von 95 Seiten und ein Textkonvolut Verstreutes zugrunde, das die befreundete Autorin Kathrin Passig und der Rowohlt-Lektor Marcus Gärtner geordnet und zu einer halbwegs linearen Erzählung gebündelt haben. Es geht darin um den Ausbruch der 14jährigen Isa aus einer geschlossenen Psychiatrie. Auf ihrem Weg über Felder, durch Wälder und auf Berge begegnet dieses Mädchen mit wilder Fantasie den unterschiedlichsten Menschen, wie etwa einem philosophierenden Kanalschiffer, einem väterlichen Schriftsteller und auf einer Müllhalde auch zwei gleichaltrigen Jungs in einem alten Lada, die die Herrndorf-Leser schon aus dem Buch Tschick kennen.

Der Roman ist in der Bühnenfassung des Dresdner Chef-Dramaturgen Robert Koall zu einem regelrechten Theater-Renner geworden. Tschick ist neben Dresden und Berlin auch am Hans Otto Theater Potsdam zu sehen. Nachdem Robert Koall im letzten Jahr auch das Romanfragment Bilder deiner großen Liebe für die Dresdner Bühne adaptierte, hat es nun der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer in der Reithalle neu inszeniert.

„Eine weniger verlässliche Erzählerin als Isa, die mit einem taubstummen Jungen plaudert und sich an Dinge erinnert, die nicht stattgefunden haben können, ist kaum vorstellbar.“ heißt es im Nachwort zum Buch von Kathrin Passig und Marcus Gärtner. Tobias Wellemeyer hat das anscheinend etwas zu wörtlich genommen. Seine Inszenierung spielt in einem Bühnenbild (von Matthias Müller), das etwas von der Sterilität eines Krankenhausflurs mit Medikamentenschrank rechts und gefliester Waschnische links hat. Eine große Glaswand mit Doppeltür bildet die Grenze zwischen Drinnen und Draußen. Das lässt fast unweigerlich nur die eine Assoziation zu: Alle Berichte über ihre Erlebnisse können nur Isas Kopf entsprungen sein. Dagegen spräche eigentlich der konsequent im Präsens gehaltene Erzählstil des Romans. Man kann das natürlich auch anders deuten.

So wäscht sich die fabelhaft wild fabulierende Nina Gummich als Isa nicht mit Fanta die durch einen Einbruch in ein Lebensmittelgeschäft blutig geschnittenen Füße, sondern im Waschbecken und steigt nicht etwa auf den „goldenen Berg“, sondern nur auf den Medikamentenschrank. Dafür schmatzt sie umso genüsslicher echten Lachgummi, dass man ihn bis in die vorderen Sitzreihen riechen kann. Ansonsten hat Nina Gummich wie in der Bühnenfassung vorgesehen einen nur Mann genannten Partner für die Begegnungen auf Isas Weg, dessen Ziel lediglich vage angedeutet ist. Diesen Mann spielt René Schwittay, erkennbar als Mitpatient im Bademantel. Und nicht nur die merkwürdige Klammer an seinem kahlen Kopf lässt erahnen, dass Wellemeyer hier den an Krebs erkrankten Autor persönlich meint, der sich im Mann auf dem Friedhof auch selbst in die Geschichte geschrieben hatte. Am Ende wird sich die Setzung des Regisseurs dann umso deutlicher offenbaren.

 

Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

 

Bis auf zwei, drei Szenen durchläuft die Inszenierung die einzelnen Etappen des Romans, mal nur von Nina Gummich erzählt, mal im Dialog mit René Schwittay, der auch kleine Passagen aus dem von Isa mitgeführten Tagebuch vorliest, das hier fast als einziges Requisit ständig präsent ist und auch immer wieder wie zur Bestätigung von der jungen Ausreißerin vorgezeigt wird. Hier hat sie die Erinnerungen an ihre Kindheit oder das, was sie dafür hält, aufgeschrieben. Die enge Vater-Tochter-Beziehung etwa oder einen Traum über ein normales Familienleben wie in einem Heimkehrer-Film aus dem Krieg ins ländliche Idyll. Wirklich ausgespielt wird nur die auch im Roman recht lang beschriebene Kanalfahrt mit einem weisen Schiffer, der dem hibbeligen Mädchen eine merkwürdige Geschichte über einen Bankraub und das Wartenkönnen im Leben erzählt.

Sehr witzig auch die Szenen, in der Isa mit dem taubstummen Jungen Olaf spricht und dazu die Klappe eines Mülleimers bewegt, oder beim Schriftsteller mit einem imaginierten Rasenmäher zwischen den Baumstämmen draußen vor der Glaswand kurvt. Hier verlässt das Mädchen auch erstmals das hermetische Drinnen. Hall, Videoeinsatz und unbändiges Tanzen im Stroboskoplicht unterstreichen die Vitalität Isas gegenüber einem sonoren elektronischen Pling-Pling in den nachdenklich stimmenden Momenten, in denen das Mädchen auch mal vor ihrem Video-Spiegelbild erschrickt.

In ihren Selbstreflexionen sagt Isa einmal, dass sie lieber ein Junge wäre, da man als Mädchen plötzlich einen Körper hat, auf den man ständig reduziert wird. Das ist im Buch an einigen Stellen noch deutlicher ausformuliert, etwa wenn Isa sich unter einem Rasensprenger auf einem abendlichen Fußballplatz wäscht und dabei von einer Gruppe trainierender Jungen beobachtet wird, oder in der Beschreibung des wegen ihr onanierenden Fahrers eines Schweinetransporters. Diese Szenen sind wohl der eher kammerspielartigen Bühnenbearbeitung zum Opfer gefallen.

Das Mädchen Isa ist mitnichten bescheuert oder gar geisteskrank. Sie ist, wie sie selbst betont, nur etwas ver-rückt – neben der ärztlichen Norm. Eine Herrscherin über das Universum, die mit den Fingern die Sonne aufhalten und sich selbst vor dem drohenden Sturz in den Abgrund retten kann. Ganz abzuheben vermag sie in Tobias Wellemeyers Inszenierung, in der der Regisseur viel auf die Vorstellungskraft des Publikums setzt und auf eine großartige Schauspielerin, die in ihrer Darstellung ungezügelter Wildheit und Lebenssucht fast schon etwas zu expressiv agiert. Trotzdem, oder gerade wegen Nina Gummich, ist dieser durchaus bewegende Abend dennoch sehenswert.

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Bilder deiner großen Liebe
Nach dem gleichnamigen Romanfragment von Wolfgang Herrndorf
Für die Bühne bearbeitet von Robert Koall
Regie: Tobias Wellemeyer
Bühne / Kostüme: Matthias Müller
Musik / Video: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Helge Hübner
Besetzung:
Isa: Nina Gummich
Ein Mann: René Schwittay
Premiere in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters Potsdam war am 22.01.2016
Dauer: ca. 90 Minuten

Termine. 30.01. / 20. und 21.02. / 13. und 28.03.2016

Infos: http://www.hansottotheater.de

Zuerst erschienen am 24.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Verlorene Insel-Utopie – Der mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnete Hiddensee-Roman Kruso von Lutz Seiler in einer körperbetonten Inszenierung von Elias Perrig

Wie sein Romanheld Edgar hat Lutz Seiler in Halle studiert und war Saisonkraft auf Hiddensee. Die von ihm in Kruso beschriebene Gemeinschaft der „Esskaas“ in der Ausflugsgaststätte Zum Klausner hat daher durchaus reale Vorbilder. Und ähnlich dem Turm handelt es sich hier ebenfalls um eine von der DDR-Realität weitestgehend abgeschottete Nische.

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Auf die Insel Hiddensee, diesen „Sehnsuchtsort der Freiheit“, treibt es den Germanistikstudenten Edgar im Sommer 1989 kurz vor der Wende. Er will den Tod seiner verunglückten Freundin G. vergessen und nimmt eine Arbeit als Tellerwäscher an. Die „Besatzung“ unter dem Gaststättenleiter Krombach besteht aus den verschiedensten Typen, Verlorenen und Lebensphilosophen. Deren heimlicher Kopf ist der Tellerwäscher Alexander Krusowitsch, genannt Kruso. Der Sohn eines russischen Generals und einer Hochseilartistin ist durch das ungeklärte Verschwinden seiner Schwester Sonja ähnlich traumatisiert wie Edgar. Der Trakl-Liebhaber und Spezialist für Barocke Lyrik findet in Kruso so etwas wie einen Bruder im Geiste, der selbst Gedichte schreibt und ihn unter seine Fittiche nimmt.

Kruso hat auf der Insel ein ausgeklügeltes Beherbergungssystem für DDR-Fluchtwillige geschaffen, die es von Hiddensee aus über den Bodden in Richtung der dänischen Insel Møn zieht. Allerdings will Kruso diese sogenannten Schiffbrüchigen innerhalb von drei Tagen mittels gemeinschaftsbildenden Initiationsriten zu ihren inneren „Wurzeln der Freiheit“ führen, so dass sie in der Lage sind, die Insel wieder in Richtung DDR-Festland zu verlassen und somit die Unfreiheit der Verhältnisse über die Zeit durch die Freiheit der Herzen und Menge der Bekehrten ändern. Diese Utopie einer solidarischen Gemeinschaft beschreibt Lutz Seiler in einer sehr poetischen Prosa. Liebe und Poesie als Widerstand.

Diese Poesie der Worte kommt in der Inszenierung von Elias Perrig nur hin und wieder zum Vorschein. Zu Beginn schwebt Ed (Holger Byhlow), seine Vorgeschichte erzählend, wie ein „Pilot in seiner Kapsel“ vom Schnürboden aus in die mit Sperrholzwänden umfasste Bühne, die das Innere der schützenden Arche des Klausners mit Tischen, Stühlen und Abwaschbecken darstellt. Die Besatzungsmitglieder funktionieren wie ein eingespieltes Team, was hier mit einem rhythmischen Teller-Frisbee dargestellt wird, in das sich Ed nach und nach einfügen muss. Nach der immer gleichen, monotonen Alltagsarbeit setzt man sich am linken Bühnenrand zu Lesungen von Gedichten.

Als einzige Stimme der Außenwelt dringt die Sprecherin des Radiosenders Viola in die abgeschottete Welt des Klausners, die ansonsten alle Gerüchte von außen als „Festlandgeplapper“ abtut. Andrea Thelemann spricht Viola an einem alten Rundfunkmikrofon und gibt daneben noch die Kellnerin Karola im Leoparden-Overall. Die Kostüme verströmen etwas Zeitkolorit wie etwa der braune Doppelreiher von Krombach (Christoph Hohmann), der Karo-Pullunder von Tresenmann Rick (Philipp Mauritz), die super-kurze Jeanshose von Eisverkäufer René (Axel Sichrovsky) oder die schwarze Lederkluft des Kellners Rimbaud (Eddi Irle). Dagegen kommt wohltuend wenig Ostalgie auf, auch wenn einmal ein Tablett mit blauem Würger, grüner Wiese und anderen farblich gut aufeinander abgestimmten DDR-typischen Trostspendern die Runde macht. Man stellt sich auf zum Gruppenfoto, erzählt anschaulich vom Insel-Fußballturnier, bläst um Mitternacht das Deutschlandlied auf Flaschen und singt immer wieder stolz den Song vom Mond, Mann und Meer.

 

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (c) HL Böhme

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

 

Die „Freie Republik Hiddensee“ weiß sich zu feiern, und der wie ein stämmiger Seebär in blauer Latzhose auftretende Raphael Rubino als Kruso schwingt seinen massigen Körper mit dem aus dem Abfluss gejäteten „Unkraut“ wie bei einem Schlangentanz. Das sind fraglos die lustigen Szenen der Inszenierung, in die sich auch immer wieder Nachdenkliches mischt, wenn Kruso zu seinen Inselrundgängen verschwindet und Ed auf der Suche bei Rommstedt (Christoph Hohmann) in der alten Strahlenschutzstation, die hier durch Videos mit Elektrowellen an den Wänden angedeutet wird, einiges aus Krusos Vergangenheit erfährt.

Wie eine magische Fee taucht immer wieder Larissa Aimée Breidbach als Erinnerung Eds an G., als Mädchen Cleo, die ihm durch Krusos „Beglückungsprogramm“ zugelost wird, und als Verrückter Junge mit Schappka, der Lotsensignale per Flaggenalphabet gibt. Als gegenseitige Lotsen empfinden sich auch Ed und Kruso, fast so wie eine körperliche Symbiose von Robinson Crusoe und Freitag. Verbale und körperliche Reibereien zwischen Ed und René lassen dennoch erste Zweifel an Krusos Kulthandlungen aufkommen. Die sonnenbebrillte Staatsmacht interessiert sich für die beiden und eine angeschwemmte Wasserleiche. Immer wieder donnert lautstark eine MiG über die Szene. Dazwischen flötet die Radiostimme erste Meldungen von Flüchtlingen in Ungarn und der Prager Botschaft. Im Herbst beginnt dann die eingeschworene Inselgemeinschaft zu zerfallen. Erst Koch-Mike (Michael Schrodt), dann das Tresen-Ehepaar und schließlich auch Rimbaud verlassen die Insel.

Nun verliert leider auch die Inszenierung etwas an Fahrt. Ed und Kruso müssen das Schiff allein auf Kurs halten. Das Ausbleiben der Schiffbrüchigen und Eds Zweifel empfindet Kruso allerdings als Verrat an seiner Utopie und hält noch einen wutentbrannten Vortrag über das Wesen und den Preis der Freiheit. Er beschreibt das neue System von Markt und Verbraucher zynisch als Fressen und Scheißen und wirft sich wie ein Sumo-Ringer auf Ed. Das Ende von Kruso bleibt hier etwas im Dunkeln, dafür rezitieren alle aus Eds Epilog, in dem er von seinen Nachforschungen nach dem Verbleib der vielen unbekannten, in Dänemark angespülten Flüchtlingsleichen berichtet. Das etwas beklemmende Ende einer weitestgehend annehmbaren Inszenierung, die allerdings nicht ganz an die Vorlage heranreicht.

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Kruso (Hans Otto Theater, 24.01.2016)
Stück von Dagmar Borrmann nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Regie: Elias Perrig
Bühne / Kostüme: Marsha Ginsberg
Musik: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Ute Scharfenberg
Mit: Holger Bülow, Raphael Rubino, Christoph Hohmann, Eddie Irle, Michael Schrodt, Axel Sichrovsky, Philipp Mauritz, Larissa Aimée Breidbach, Andrea Thelemann
Premiere war am 15.01.2016 Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 20. und 21.02. / 10., 18. und 25.03.2016

Info: http://www.hansottotheater.de

Zuerst erschienen am 26.01.2016 auf Kultura-Extra.

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