Archive for the ‘Ulrich Seidl’ Category

Berlinale 2013 (Teil 1) – Go East! Go West! Go North! Gold oder Liebe und ein wenig Hoffnung in Wettbewerbsfilmen aus den USA, Deutschland und Österreich.

Mittwoch, Februar 13th, 2013

„The same procedure as every year.“

Foto: St. B. potsdamer-platz-arkaden.jpg
Wiedermal Anstehen für Tickets in den Potsdamer Platz Arkaden.

Go East for Love! „The Necessary Death of Charlie Countryman” von Fredrik Bond mit Shia LaBeouf, Evan Rachel Wood, Mads Mikkelsen und Til Schweiger – USA 2013, 107 min.

Wer sehen will, womit der deutsche Schauspieler Til Schweiger das Geld für die Produktionen seiner Kassenschlager „Keinohrhasen oder „Kokowääh“ verdient, der ist im amerikanischen Action Movie „The Necessary Death of Charlie Countryman” des schwedischen Muiskvideofilmers Fredrik Bond bestens aufgehoben. Schweiger verkörpert hier den rumänischen Killer Darko, den Bad Guy schlechthin, der zum schlechten Spiel nur noch die passende Mine machen muss. Und das kann er wirklich gut. He looks very serious, really. Und versteht sich natürlich nicht nur auf die rein visuelle Abschreckung. Das muss leider auch der junge Amerikaner Charly (Shia LaBeouf) in einem echten Backpackeralbtraum zu treibenden Moby-Beats quer durch die techno-, sex- und drogengeschwängerte Club-Szene von Bukarest nicht ganz freiwillig am eigen Körper erfahren.

Nach dem Tod seiner Mutter (Melissa Leo – bei der Berlinale 2012 noch als „Francine“ im Forum zu sehen) ist der eh schon recht antriebslose Charly ziemlich down. In einem Schmerzmittelrausch erscheint ihm seine Mutter, die ihn dazu auffordert, nach Bukarest zu reisen, um seinen Kopf und auch das Herz wieder freizubekommen. Im Flugzeug macht er die Bekanntschaft eines älteren rumänischen Musikers (Ion Caramitru), der aber nach einer Flasche Champagner ebenfalls das Zeitliche segnet, nicht ohne ihm noch einen Gruß und eine lustige Krümelmonstermütze für seine Tochter Gaby (Evan Rachel Wood) mit auf den Weg zu geben. Nach der Landung fangen damit aber prompt die Schwierigkeiten für den arg naiven Charly an. Bereits auf dem Flughafen macht er Bekanntschaft mit finsteren Polizisten, bei denen Elektroschocker und Schlagstock recht locker sitzen, und Charly damit eine kleine Vorahnung auf den wilden Osten geben.

Was Charly aber von da ab antreiben wird, ist die unbedingte, kompromisslose Liebe, die ihn fortan unauflöslich an die Augen, Lippen und Fersen der schönen Cellospielerin Gaby vom Sinfonieorchester der Bukarester Oper – ein wenig Kultur muss schließlich auch im dunklen Osteuropa sein – heftet. Die betrachtet allerdings der noch viel düsterer blickende Drogenboss Nigel (Mads Mikkelsen) als sein persönliches Anhängsel und macht dies Charly auch immer wieder schlagkräftig klar. Der rennt aber wie einst Lola ohne Rast und Ruh durch das nächtliche Bukarest und leider immer wieder gegen die Fäuste von Nigel, Darko und dessen Handlangern, die nun auch noch wegen eines geheimnisvollen Videobandes hinter ihm her sind. Furchtlos- und unermüdlich wie ein Stehaufmännchen schwingt sich Charly zum Retter seiner geliebten Gaby auf. Selbst mit der Notwendigkeit dafür sterben zu müssen konfrontiert, bleibt er noch kopfüber an einem Seil hängend, optimistisch und felsenfest von seiner Liebe überzeugt. Das ist dann doch in seiner sentimental-kitschigen Art etwas zu fett aufgetragen. Und dazu noch mit bedeutungsschwanger aufgeladenen Kommentaren von John Hurt aus dem Off viel zu hoch angehängt. Trotzdem erscheint diese Actionkomödie in ihrer künstlich aufgepuschten Emotionalität immer noch wesentlich lebendiger als so manch anderer Film des ersten Wochenendes auf der Berlinale.

friedrichstadtpalast_2.jpg Foto: St. B.

In einer weiteren schrägen Nebenrolle ist der als Ron aus den Harry-Potter-Filmen bekannte Rupert Grint zu sehen. Er spielt den rothaarigen Karl, der in Bukarest unter dem Künstlernamen Boris Becker (Charly says Pecker) zu einem Pornocasting will, und mit seiner durch ein paar rumänische Viagra verursachten Dauererektion die Schwierigkeiten für Charly erst so richtig eruptiv eskalieren lässt. Wäre der Film, der bereits auf dem Sundance Festival Premiere feierte, in der Sektion Panorama gelaufen, er hätte durchaus einen kleinen Achtungserfolg beim Publikum erzielen können. Eine fast ausgelassene Heiterkeit war im Kinosaal des Friedrichstadtpalastes förmlich greifbar. Für den Wettbewerb ist diese verunglückte Genrepersiflage trotz der schweren Jungs allerdings etwas zu leichtgewichtig geraten. Aber genau so abenteuerlich stellt man sich in Amerika wohl das Leben hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang vor. Ob nun Bukarest oder Budapest, bleibt dabei sicherlich einerlei, und ist nur ein weiterer abgenutzter Gag unter vielen.

Kinostart in Deutschland noch nicht bekannt

Go West for Gold! „Gold” von Thomas Arslan mit Nina Hoss, Marko Mandić, Uwe Bohm, Lars Rudolph, Peter Kurth, Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser – Deutschland 2013, 112 min.

Eigentlich müsste es korrekter Weise Go North! heißen. Denn die Reise geht im Nordwesten Amerikas quer durch British Columbia ins Yukon-Territorium nach Dawson City, der berühmten Goldgräberstadt im hohen Norden Kanadas. Traumziel all jener die ab 1896 dem Lockruf des Goldes folgend, die angestammte Heimat und ihr bisheriges Leben hinter sich ließen, um im Norden Kanadas Glück und Reichtum zu finden. Der deutsch-türkische Regisseur Thomas Arslan hat in seinen Filmen bisher immer wieder Außenseiterfiguren meist aus der Berliner Postmigrantenszene (Geschwister, Dealer, Der schöne Tag) in den Mittelpunkt seiner Filme gestellt. Nun hat er inspiriert von alten Fotos deutscher Auswanderer, deren Schicksal in der neuen Welt Amerikas genauer unter die Lupe genommen. Also Ausgangspunkt der sieben Protagonisten aus „Gold ist die alte Welt Europas. Und wie heute viele aus der dritten Welt oder dem Süden Europas auf der Suche nach Glück und einem Auskommen für ihre Familien, der Armut ihrer Heimat entfliehen wollen, taten dies am Ende des 19. Jahrhunderts auch schon die Verlierer der industriellen Revolution auf unserem Kontinent.

berlinale_gold_women-of-klondike.jpg

Die wahre Emily Meyer? Martha Black aus Chicago. The First Lady of the Yukon. (1898) – Foto auf whitepinepictures.com, Women of the Klondike 

Die Deutsche Emily Meyer (Nina Hoss), ein ehemaliges Dienstmädchen aus Chicago, schließt sich 1898 allein einer Gruppe deutscher Goldsucher um den zwielichtiger Treckführer Wilhelm Laser (Peter Kurth) an. Sie wählen die billige Landroute und vertrauen den angeblichen Wegkenntnissen Lasers, der sich aber schnell verfranst und dann klammheimlich stiften gehen will. Emily ist der ruhende Pol der Gruppe, im Gegensatz zum selbstgefällig schwafelnden Journalisten Gustav Müller (Uwe Bohm), der an einen Reisebericht schreibt, gerne mal einen trinkt und den Beschützer raushängen lässt. Allerdings blitzt er schnell bei Emily ab. Sie gibt wenig über sich Preis, macht sich wo sie kann nützlich und will ansonsten in Ruhe gelassen werden. Ruhe ist das entscheidende Element des Films. In sparsamen, fast elegischen Bildern sieht man die Truppe durch die unbekannte Wildnis streifen, immer wieder unterbrochen durch Achs- oder Schlüsselbeinbruch, erschöpfte Pferde oder Menschen, sowie anderen Unwägbarkeiten der beschwerlichen Reise. Die Weite der Landschaft öffnet sich nur für wenige, kurze Augenblicke.

berlinale-2013_gold_percy-pond-en-route-to-the-gold-fields-many-stampeders-kept-diaries-of-their-gold-rush-journey.jpg

Percy Pond auf dem Weg zu den Goldfeldern. Viele Goldsucher führten Tagebücher über ihre Goldrausch-Reise. Foto: Yukon Archives, Gillis family fonds (auf tc.gov.yk.ca)

Nichts Heroisches hat der Film an sich. Die Motivationen und Sehnsüchte der Menschen beschränken sich auf das Blinken des Goldes in Lasers Hand. Ihre Vergangenheit behalten sie größtenteils für sich. Einzelschicksale werden nur gestreift, vom vierfachen Familienvater Joseph Rossmann aus New York (Lars Rudolph) über das ehemalige Restaurantbesitzerpaar Maria und Otto Dietz (Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser) bis zum Packer Carl Boehmer (Marko Mandić), der von zwei Viehdieben wegen des Mordes an ihrem Bruder verfolgt wird. Ihren Weg kreuzen Indianer, die sie für Geld kurze Zeit führen, ein irrlichternder Rückkehrer oder gar ein Gehängter, der es allein in der Wildnis nicht mehr ausgehalten hat. Einer nach dem Anderen gibt auf, bleibt zurück, verfällt dem Wahnsinn oder tritt in eine Bärenfalle und stirbt trotz Whiskydesinfektion an einem eindrücklich in Echtzeit abgesägtem Bein. Allein Emily beißt sich durch an der Seite Boehmers, zu dem sie sich immer mehr hingezogen fühlt. Und so bekommt der Film doch noch so etwas wie einen Showdown in Telegraph Creek, der allerdings auch recht unspektakulär und vorhersehbar ausfällt. Nur Nina Hoss reitet, alle männlichen Beteiligten hinter sich lassend, mit stoischer Entschlossenheit und hoch erhobenen Hauptes weiter durch die kanadische Wildnis Richtung Dawson. Ein echter Beitrag zum von der Berlinale ausgerufenen Festival der starken Frauen, für das Nina Hoss mit „Barbara“ ja auch schon im letzten Jahr stand.

Zwischen Fiktion und dem unbedingten Willen zur detailgetreuen Dokumentation eines solchen Trecks tappt der Film nicht nur in Bärenfallen, sondern auch in jede Menge Wild-West-Klischees. Allerdings ohne daraus wenigstens etwas Spannung erzeugen zu können. Arslan geht es auch nicht um die unbedingte Erzeugung von genrebedingter Spannung, auch wenn er mit an Neil Young erinnernde schräg zerrende Gitarrenriffs den Film immer wieder vorantreiben will. Zumindest dockt er mit seinem ruhigen Stil phasenweise an den epischen und illusionslosen Spätwestern „Haevens`s Gate“ (1980) von Michael Cimino oder den lakonischen „Dead Man“ (1995) von Jim Jarmus an. Dieser Film hatte mit seiner mystischen Symbolik einen durchaus ähnlichen Ausgangspunkt. Nämlich das Verlorensein eines Menschen aus der Stadt, wie die deutschen Siedler von der technischen Revolution ausgespieen (Zugmotiv zu Beginn beider Filme), in eine ihm völlig fremde Welt. Die Berliner Schule schlägt bei Arslan aber leider immer wieder gnadenlos durch, von den fast peinlich banalen Dialogen bis zum ungeschönt normalen Alltag, der auch oder gerade in den Weiten Kanadas kaum Abwechslung verheißt. Das Ganze kommt dann eben am Ende doch zu deutsch, bieder und kleinlich genau daher.

18 Filme sind im Wettbewerb der Berlinale wieder auf Bärenjagd.

 Foto: St. B. berlinale-2013_baren.jpg

Nach dem krankheitsbedingtem Ausfall von Nina Hoss, die im letzten Jahr noch den Silbernen Bären für die Hauptrolle in Christian Petzolds Film „Barbara“ in Empfang nehmen konnte, war es dann doch Til Schweiger als einzigem verbliebenen, wahren deutschen Kinostar vorbehalten, erstmals zu einem Wettbewerbsbeitrag über den Berlinaleteppich zu schreiten. Wer hätte das je für möglich gehalten. Von einem Silber- bzw. sogar Goldbären sind aber beide Filme eigentlich ziemlich weit entfernt. „„Was für ein verfluchtes Pech“, darf dann zumindest Lars Rudolph in Thomas Arslans „Gold völlig ironiefrei konstatieren, „in einem so riesigen Land in eine Bärenfalle zu treten!“. Das wird wohl beiden Filmen auf der Berlinale, trotz allem gewollten oder auch unfreiwillig gekonntem Einsatz seiner Protagonisten, mit einiger Sicherheit erspart bleiben.

Kinostart: 15.08.2013

Verlorene Hoffnung im Diätcamp – „PARADIES: Hoffnung“ von Ulrich Seidl mit Melanie Lenz, Vivian Bartsch, Joseph Lorenz, Michael Thomas und Verena Lehbauer – Österreich 2013, 91 min.

Seine Paradies-Trilogie hat der österreichische Film- und Theaterregisseur Ulrich Seidl nach „Liebe“ in Cannes und „Glaube“ in Venedig mit „Paradies: Hoffnung“ nun bei der Berlinale zu einem Ende gebracht. Kein Ende mit Schrecken, obschon die ersten beiden Teile nicht gerade Beiträge zum Wohlfühlkino darstellen. Drei Frauen, drei göttliche Tugenden, drei unerfüllte Sehnsüchte nach dem Glück, so ließe sich die Grundidee der Trilogie auch kurz beschreiben. Die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung sind untrennbar miteinander verbunden. Aus diesem Grund hatte Ulrich Seidl auch ursprünglich einen geschlossenen Episodenfilm geplant, wegen der Fülle des gedrehten Materials sich dann aber für drei eigenständige Filme entschieden.  In „Paradies: Liebe“ fährt eine verlassene, alleinerziehende Frau als Sextouristin nach Kenia. Sie erlebt im scheinbaren Liebesparadies nach anfänglichem Glück die plötzliche Ernüchterung und erfährt dabei den tatsächlichen Preis für Gefühle und die Wahre Liebe, was letztendlich in blanken Rassismus mündet. In „Paradies: Glaube“ sieht ihre Schwester die Erfüllung oder besser Erlösung in einer obsessiv gelebten Religiosität, und wird dabei mit Problemen der ehelichen Pflichterfüllung und der Toleranz gegenüber anderen Glaubensvorstellungen konfrontiert. In „Paradies: Hoffnung“ ist das verheißene Paradies mit einem uniformen Schönheitsideal verknüpft, dem die jugendlichen etwas zu dick geratenen Protagonisten nicht entsprechen und daher von ihren Eltern in ein Diätcamp in der österreichischen Natur verschickt werden.

Dieser dritte Film schließt den Kreis und geht wieder zum Ausgangspunkt der Paradies-Trilogie, über den Glauben vor allem aber zurück zur Liebe, die hier zudem noch aus der naiven Unbedingtheit einer ersten Teenagerschwärmerei der 13jährigen Melanie (Melanie Lenz) zum 40 Jahre älteren Diätarzt des Camps (Joseph Lorenz) entspringt. Ermutigt durch die etwas joviale, aufgeschlossene Art des bereits ergrauten, aber immer noch, entgegen des seinen Bauch einziehenden sadistischen Sportlehrers (Michael Thomas), recht sportlich aussehende Mitfünfziger, beginnt sie ihn immer wieder in seinem Sprechzimmer aufzusuchen oder ihm gar vor dem Heim aufzulauern. Melanie schwärmt unschuldig vor ihrer sich in Liebesdingen bereits erfahrener gebenden Freundin (Verena Lehbauer) und beginnt sich für ihren Angebeteten sogar schön zu machen. Nur kurz kommen sich die beiden einmal bei einem Ausflug im Wald näher. Nach einer verbotenen nächtlichen Disko- und Sauftour mit ihrer Freundin kommt es zu einer einzigen etwas verstörenden Szene zwischen Arzt und Mädchen. Danach distanziert er sich um so stärker und weist Melanie schroff zurück. Die unschuldige Welt aus Teenagerspielen, und zwanglosem Austausch erster Liebesgeheimnisse kontrastiert Seidl immer wieder mit seinen formal streng symmetrisch arrangierten Bildern von Turnübungen, Disziplinierung und Bestrafung. Leider bleibt diesmal in Seidls Film vieles, vor allem was die Motivation des Arztes gegenüber der jungen Protagonistin betrifft, im vagen. Die Unmöglichkeit eines nicht akzeptierten Ausbruchs aus einem genormten System klingt aber dennoch unterschwellig an.

Kreuz, Herz und Anker versinnbildlichen die drei göttlichen Tugenden in der christlichen Bildsprache. In „Paradies: Liebe“ und „Paradies: Glaube“ tauchen die ersten beiden Symbole auch immer wieder auf. Der Anker ist die Hoffnung oder wenn man so will das Vertrauen, das die junge Melanie in dem viel älteren Mann sucht. Ihre Sehnsucht nach Glück erfüllt sich, wie auch bei Teresa (Liebe) und Anna Maria (Glaube), jedoch nicht. Wo das Verlangen nach Liebe und Glauben bei den anderen beiden Frauen zur Obsession wird, fällt Melanie fast apathisch wieder in die Gruppe der anderen Jugendlichen zurück. Man kann das auch als ein Aufgeben des Glaubens an die Kraft die Liebe oder eine Absage an die Hoffnung interpretieren. So ruhig und unspektakulär wie der Abschluss der Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl auch in Szene gesetzt sein mag, er verdeutlich doch klar diesen Zusammenhang. Ohne Hoffnung kein Glaube an die Liebe und ohne Glaube an die Liebe ist der Mensch hoffnungslos verloren. Und das muss man heute Gott sei Dank auch gar nicht mehr religiös begründen.

berlinale-2013_paradies-hoffnung.jpg Foto: St. B.

„Paradies. Liebe, Glaube, Hoffnung“. Eine Ausstellung mit Film-Stills aus der Trilogie von Ulrich Seidl ist noch bis zum 08.03.13 in der Galerie C/O Berlin zu sehen.

Ulrich Seidl wird sich, nachdem er im letzten Jahr einen kurzen Abstecher mit „Böse Buben / Fiese Männer“ nach David Foster Wallace auf die Theaterbühne bei den Wiener Festwochen wagte, vermutlich auch weiterhin mit den Sehnsüchten und Obsessionen beiderlei Geschlechter beschäftigen und demnächst wohl die unterirdischen Hobbyräumen der Österreicher filmisch etwas näher beleuchten. Man kann durchaus wieder darauf gespannt sein, was er dabei zu Tage fördern wird. Nach dem ersten Wochenende der Berlinale muss man jedenfalls dem nach Cannes und Venedig drittgrößten A-Festival einen eher recht fahlen und schwachen Beginn attestieren. Ideen sind schon vorhanden, es fehlt nur noch etwas an der nötigen Strahlkraft. Stärkeres ist scheinbar auch weiterhin nicht in Sicht. Aber wie schon das vielbemühte Sprichwort besagt, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Fortsetzung folgt

Kinostarts:

  • „Paradies: Liebe“ ist bereits angelaufen.
  • „Paradies: Glaube“ am 21.03.2013
  • „Paradies: Hoffnung“ am 16.03.2013

_________

WIENER FESTWOCHEN 2012 (Teil 2)

Mittwoch, Juni 13th, 2012

Foto: St. B. festwochenreklame_mariahilferstrase.jpg

„Eine Tragödie? … kein Drama. … Nichts als ein Sommerdialog.“Luc Bondy tuscht Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“ ins Wiener Akademietheater.

Der Mann: „Zu einem Leib und einer Seele wird die Zeit, und jedes A und O japst nach der Ewigkeit.“
Die Frau: „So war es. So ist es! Japst. Und schnappt.“

Damit wäre eigentlich das neue Stück von Peter Handke „Die schönen Tage von Aranjuez“, eine Auftragsarbeit für die Wiener Festwochen, von ihm höchst selbst auch schon hinreichend beschrieben. Schöne Tage, eine schöne Landschaft, ein „sachter Sommerwind“ und eine schöne aber auch etwas belanglose Plauderei eines Paares, das sich nicht, wie z.B. in Heiner Müllers „Quartett“, zu einem Rededuell, sondern eher zu einem launigen Frage-Antwort-Spielchen in angenehmer Umgebung mit „rauschenden Bäumen und „schreienden Schwalben“ eingefunden hat. Wenn Luc Bondy sich vollends an Handkes einleitende Regieanweisungen gehalten hätte, wäre es vermutlich schier nicht zum Aushalten gewesen. Aber es handelt sich hier eben nicht nur um einen Dutzend-Erguss eines x-beliebigen Autors, sondern um das neue Werk Peter Handkes, des mit zahlreichen Literaturpreisen überhäuften Verfasser von etlichen Romanen, Erzählungen und Theaterstücken. Mit seinem gerade in Mülheim preisgekrönten Drama „Immer noch Sturm“ gastiert Handke in der Inszenierung von Dimiter Gotscheff gerade bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater. Ulrich Khuon hat wieder mal eine sicheres Händchen bewiesen und wie im letzten Jahr Elfriede Jelinek (Winterreise) auch den diesjährigen Dramatikpreisträger nach Berlin eingeladen. Ob er das auch mit den „Schönen Tagen“ machen wird, dürfte eher fragwürdig sein. Das es noch zu einem leidlich annehmbaren Theaterabend wird, der zwar unter einigen Längen leidet, aber durch zwei Ausnahmeschauspieler wie Dörte Lyssewski und Jens Harzer über die ein oder andere textliche und inszenatorische Unzulänglichkeit hinwegtäuschen kann.

Um Täuschung und Wahrheit, Maske und Offenbarung geht es dann auch bei diesem nur im ersten Anschein so ungezwungenen „Sommerdialog“. Er stellt die Fragen, sie muss antworten. Es geht um: „Das erste Mal, du mit einem Mann, wie ist das gewesen?“ Es folgen präzise Schilderungen von Erinnerungen, Liebesakten und Natureindrücken, ein ganzes „Körperuniversum“ von Silhouetten, Fassaden und Naturvergleichen wird ausgebreitet. Das Paar hängt in Handkes „Unendlichkeitsschleife“ aus Körper und Seele, Liebe und Hass. Und so ist der gesamte Text auch mit jeder Menge Zitaten gespickt. Von Nietzsches Ewigkeit, über Tennessee Williams Dramen „Endstation Sehnsucht“ und „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, bis zu Bob Marleys „Redemption Song“. Doch es gibt weder Zuflucht noch Erlösung. There is no Redemption Song. Dafür Bedauern des Verlusts der Liebe ihrerseits – „Ne me parle pas d`amour.“ – und aus der Erinnerung entspringende Schilderungen der sich wandelnden Natur seinerseits. Die Natur mal wieder als Gleichnis für Entstehen und Vergehen, springendes Kraut und der explodierende Geschmack der Johannesbeere, welkes Laub und Stinkekäfer. „Noli me tangere!“ gegen „Love Is All Around”. Die bittere Erkenntnis der Unmöglichkeit zueinander zukommen und doch nicht voneinander lassen zu können. Dieser ewige Kampf der Geschlechter gipfelt in dem Ausruf „Flores! Flores! para los muertos!“ aus „Endstation Sehnsucht“. Man spricht nicht miteinander, sondern immer nur über sich selbst und hängt der Vergangenheit nach. Die Zeitlosigkeit des Paares wird gegen Ende des Stückes von der Wirklichkeit erreicht. Geräusche der sie umgebenden Außenwelt drängen sich in das Idyll und lassen beide wieder vom Gedanklichen zum Leiblichen übergehen. „Tengo hambre. Ich habe Hunger, Soledad.“ Und man wird weiter zweisam einsam sein.

wien_akademietheater-juni-2011-73.JPG Foto: St. B.
Das Akademietheater der Wiener Burg.

Luc Bondy entscheidet sich Handkes etwas zu sentimental selbstreflexiv geratenen Text auf leicht ironische Weise zu inszenieren und verlegt ihn ganz und gar in den Bereich der Kunst und Imagination. Der Ort des Sommerdialogs ist im Akademietheater eine Bühne hinter der Bühne, ausgestattet mit Garderobenständern, Umkleide und einem Schminktisch mit Klappstühlen. Die passende Naturkulisse muss man sich vorstellen, nur ein Strauß Blumen, und atmosphärisch schön schaukelt dazu hin und wieder ein junges Mädchen durch den Vorhang, wie im imaginären Sommerwind. Die Protagonisten kommen in Kostümen, als hätten sie gerade Figuren aus Schillers „Don Carlos“ gegeben, und lassen sich an dem Tisch nieder, der auch in einer Garderobe stehen könnte. Nur hin und wieder werden Geräusche und Musik vom Band eingespielt. So müssen sich Dörte Lyssewski und Jens Harzer ganz auf ihr schauspielerisches Können verlassen. Sie spielt den reiferen, abgeklärten Part, er darf den etwas eitlen, nicht erwachsen werden wollenden Mann geben und die heiteren Regieeinfälle dazu liefern. Harzer wechselt dazu die Kostüme, greift mal zur Axt und führt ein Indianertänzchen mit passendem Kopfschmuck auf. Lyssewski will daraufhin fliehen, er hält sie immer wieder zurück und spult wie beiläufig seine Naturbeschreibungen ab. Ein Paar, das tatsächlich nicht wirklich zueinander passen will. Die Geräusche von Menschen, Hubschraubern und einer Jagd, die die Beiden aus ihrem Geplänkel reißen sollen, sind bei Bondy noch sehr fern und diffus. Nur ein Schuss durchreißt das Idyll, den Harzer mit etwas Theaterblut auffängt. Nun ja, die Mittel erschöpfen sich bei 1 ¾ Stunden Dauer doch recht schnell und lassen einen etwas ermüdet zurück. Das Ganze wäre durchaus eine schöne Novelle geworden, aber ein abendfüllendes Theaterstück ist es nicht. Am Ende ist man sich bei all der Ironie nicht ganz sicher, wer hier wenn zum Besten halten will. Die Protagonisten das Publikum, Bondy den Autor Handke, oder Handke gar sich selbst? Es wäre schon erschreckend, wenn sich Handke hier allzu ernst nehmen würde. Noch einen Botho Strauß braucht es wirklich nicht.

***

Im österreichischen Hobbykeller – „Böse Buben / Fiese Männer“ nach David Foster Wallace in der Regie von Ulrich Seidl im Theater Akzent

Seit den Fällen Kampusch und Fritzl ist das Treiben in österreichischen Keller in den Fokus des allgemeinen Interesses gerückt und treibt sogar in der Kunst seine abseitigen Blüten. Schon seit einiger Zeit ist es übrigens auch verstärkt Thema auf den Theaterbühnen. Elfriede Jelinek hat sich in dem Text „Abraumhalde“, dem Stück „Winterreise“ und dem Sekundärdrama „FaustIn and out“ damit auseinandergesetzt, Kathrin Röggla hat in „Die Beteiligten“ den Medienrummel um Natascha Kampusch beschrieben und die norwegische Theatertruppe „Nya Rampen“ hat den Fall Fritzl in ihre klaustrophobe Videoperformance „Cote d`amour“ übersetzt. Fast alles preisgekrönte Inszenierungen, von denen einige auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden. „Cote d`amour“ von „Nya Rampen“ war sogar bei den diesjährigen Wiener Festwochen in der Garage X zu sehen. Das Fernsehen zeigte die Dokumentation „Natascha Kampusch – 3096 Tage Gefangenschaft“ und demnächst verfilmt sogar die amerikanische Regisseurin Sherry Hormann (Wüstenblume) das Schicksal der Natascha Kampusch fürs Kino. Der bekannte Kameramann Michael Ballhaus (u.a. bei Fassbinder und Scorsese) wird die Produktion, die noch vom 2011 verstorbenen Bernd Eichinger angeleiert wurde, unterstützend begleiten.

bose-buben_theater-akzent-2.jpg Foto: St. B.
Das Theater Akzent in der Theresianumgasse in Wien.

Vom Film kommt eigentlich auch Regisseur Ulrich Seidl, seine Filme „Hundstage“ oder „Import Export“ sind nicht nur in Österreich bekannt und preisgekrönt. Sein neuester Film „Paradies: Liebe“ hatte gerade in Cannes Premiere. Seidl hat sich in seinen Dokumentar- und Spielfilmen immer wieder mit den Obsessionen und Abgründen der menschlichen Seele beschäftigt. Geht es in „Paradies: Liebe“ noch um den Sextourismus von Frauen in Kenia, hat sich Seidl nun in seinem Theaterstück „Böse Buben / Fiese Männer“ die heimlichen Vorlieben, Sexpraktiken und anderen Hobbys der Männer vorgenommen. Inspirieren ließ sich Seidl dabei von David Foster Wallaces pseudodokumentarischen Shortstorys „Kurze Interviews mit fiesen Männern“. Und ganze sieben Exemplare dieser Gattung mühen sich nun beim Seelenstriptease auf der von Duri Bischoff als universalen Kellerraum gestalteten Bühne. Sie posieren am Anfang wie Models für Alltagskleidung an der Rampe, fassen sich ans Gemächt und geben erste Statements ab. Noch nicht zu viel und über die Familienverhältnisse am liebsten gar nichts, die meisten von ihnen sind jedenfalls Singles oder geschieden. Danach beginnen sie sich auszukleiden und treiben im Sportsdress gymnastische Übungen, zeigen ihre Muskeln und auch mal eine nationale Pose, die man nicht nur von Martin Wuttkes Arturo Ui her kennt. Man ist ganz froh, das der Keller scheinbar über eine Lüftungsanlage verfügt und einem der Männerschweiß nicht in die Nase steigt, denn durchaus miefig ist zumeist auch das, was die Herren zu berichten haben.

Da ist der ewige „Busenfreund“ René Rupnik, der über die Fickgewohnheiten großer Monarchen gleichermaßen wie über seine eigenen Vorlieben zu referieren weiß und ansonsten am Rande sitzt und in Stapeln von Pornoheften stöbert. Der Wiener Schauspieler Georg Friedrich, Darsteller in einigen Werken Seidls, mimt einen Bondagefetischisten, der nur bei der ganz präzisen Einhaltung von bestimmten Ritualen Lust empfindet. Andere sprechen von Versagensängsten (Michael Tregor) oder zwanghaften Sexneurosen (Michael Thomas). Der Ägypter Nabil Saleh ist wegen der Freizügigkeit nach Österreich gekommen und bietet nun seine Dienste für unbefriedigte Frauen an. Dafür wird er von den anderen in einen Sack gesteckt und kurzzeitig vom Turnen befreit. Den einarmigen Turnlehrer gibt Lars Rudolph mit Trillerpfeife, der die Frauen auf eine ganz perfide Mitleidstour rumzukriegen weiß. Die Storys der Amateure, die Seidl beigesteuert hat, bleiben doch deutlich hinter den diabolischen von Wallace zurück. Wirklich fies wird es erst, wenn Wolfgang Pregler ein besonders herrenbezogenes Gedankenmodell entwickelt, über das charakterstärkende Moment bei einer Frau, die gerade eine brutale Vergewaltigung überlebt hat. Frei nach dem Motto, was uns nicht umbringt, macht uns nur noch stärker. Die offensichtlichen Leerstellen dazwischen werden mit Gesang, Männerritualen und Spielen überbrückt, bei denen die Bestrafung aus Hose runter besteht. Das Ganze kann über 2 ½ Stunden nur funktionieren, weil Seidl immer wieder auf den Voyeur im Zuschauer setzt, was dennoch Einige vorzeitig in die Flucht trieb. Das Zwingende in den Beichten der sieben Männer wirkt hier leider nicht so immanent wie noch in Seidls letztem Theaterausflug „Vater Unser“ 2004 an der Berliner Volksbühne. Aber er wird beim Thema bleiben und demnächst einen Film über die Männerdomäne Keller drehen. Die vorliegende Theaterversion ist ab dem 28. Juni in den Münchner Kammerspielen zu sehen.

david-foster-wallace_donaukanalradweg.jpg Foto: St. B.
Man muss in Wien keine 24 Stunden Bus fahren, um David Foster Wallace zu begegnen, eine Radtour am Donaukanal tut es auch.
__________