Archive for the ‘Vaganten Bühne’ Category

Satirische Dreierkonstellationen in „Love Hurts in Tinder Times“ an der Berliner Schaubühne und „Zeit der Kannibalen“ an der Vaganten Bühne

Sonntag, Februar 19th, 2017

___

Patrick Wengenroth hat kein Glück mit der Liebe und seinem neuen Stück Love Hurts in Tinder Times am Studio der Berliner Schaubühne

Love Hurts in Tinder Times im Studio der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

Nachdem Lars Eidinger sich nur noch in Filmen für die Holocaustforschung auszieht, ist nun Tatort-Kommissar Mark Waschke an der Berliner Schaubühne für ihn eingesprungen. Und er macht dabei im neuen Stück Love Hurts in Tinder Times von Planet-Porno-Erfinder Patrick Wengenroth gar keine so schlechte Figur als Body-Action-Painter. Stehen einige Farbeimer neben einem mit weißer Folie ausgelegtem Bühnenboden, der vermutlich schon bei den Proben etwas bekleckert wurde, dann weiß man eigentlich sofort, was gleich passieren wird. Und so lassen Lise Risom Olsen, Andreas Schröders und Mark Waschke auch zu den Klängen von Sades „Smooth Operator“ sofort alle Hüllen fallen und matschen sich mit kindlicher Freude und Naivität von oben bis unten mit Farbe ein. Die Colours of Love sind hier überwiegend blau mit ein paar Spritzern rot und gelb. Die Yves-Klein-Körperabdrücke auf durchsichtigen Folien werden danach stolz an Traversen hochgezogen.

Zuvor durfte allerdings der Realisator des Stücks, Patrick Wengenroth, noch zeigen, dass ihm mittlerweile auch der engste Fummel passt. Auf Mega-High-Heels besingt der Regisseur mit „Love Is A Catastrophe“ von den Pet Shop Boys das Motto des Abends. Statt in den titelgebenden Online-Tinder-Times steckt der dann doch verdammt tief in den analogen 80th und kommt auch sonst so ziemlich old fashioned daher. Das ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass die Liebe, oder die gute alte Beziehungskiste, eben eine uralte Story, wenn nicht die älteste überhaupt ist. Bis auf ein paar Tipps von Andreas Schröders für Online-Liebesspielzeug geht es dann erstmal um die liebe gute Eifersucht in der heteronormativen Zweierbeziehung, die in den Zeiten von Gender Studies und sonstigen Verwirrungen auch mal ein wenig polyamourös zu dritt daher kommen darf. Aber, das ist nicht etwa das, wonach es aussieht, versichern sich die drei, wenn sie immer wieder übereinander herfallen.

 

Love Hurts in Tinder Times im Studio der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

O Gott, o Gott. Das trieft in seiner Unbeholfenheit und nervtötenden Sexualratgeberprosa doch jedem x-beliebigen Rechercheabend am Maxim Gorki Theater um Jahre hinterher. Wenn man nicht wüsste, dass Wengenroth sich auf den ironischen Unterton verstünde, man müsste besorgt sein um den Zustand der liebebedürftigen Ü40-Generation. Die hat dann auch schon so einiges erlebt, was hier in ein paar persönlichen Beichten ausgebreitet wird. Und sind es nicht die eigenen Erlebnisse, dann die der fremdgehenden Eltern von Mark Waschke, oder Partyerinnerungen in der Gartenlaube. So palavert man zwischen Deutsch und Englisch über den Freiheitsbegriff in der Liebe, den handelnden Beziehungskörper, Grenzen und Vereinbarungen der offenen Beziehung und Achtsamkeit und Wahrnehmung. Kommunikation ist alles. Es wird von romantischer Liebe geschwärmt und über Liebesleid geklagt. „Use your suffering.“ ist der tröstende Ratschlag. Lise Risom Olsen meint, Sex sei auch wie gute oder schlechte Kunst machen. Manchmal eben auch eine große Katastrophe.

Zwischen Love hurts und Love heals gibt es also doch noch einiges Berichtenswertes. Ansonsten singt man „Careless Whisper“ von Georg Michael, „Don’t You Want Me, Baby?“ von The Human League, oder „Greatest Love Of All“ von Whitney Houston. Matze Kloppe spielt dazu die 80th-Schweineorgel. Auch wenn Mark Waschke in selbstironisch gespielter Wut den ganzen Zauber am Ende selbst für Quatsch erklärt, Patrick Wengenroth hat nach seinem Feminismus-Abend thisisitgirl auch mit der Liebe kein großes Glück. Es gab schon wesentlich Erkleck(s)licheres von ihm an der Schaubühne zu sehen.

***

LOVE HURTS IN TINDER TIMES (Schaubühne, 28.01.2017)
von Patrick Wengenroth und dem Ensemble
Auf Deutsch mit englischen Passagen
Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Künstlerische Mitarbeit Bühne: Céline Demars
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Matze Kloppe
Dramaturgie: Sina Katharina Flubacher
Mit: Matze Kloppe, Lise Risom Olsen, Andreas Schröders, Mark Waschke, Patrick Wengenroth
Musik: Matze Kloppe
Premiere war am 28.01.2017 im Studio der Schaubühne
Dauer: ca. 105 Minuten
Termine: 21. – 23.03. / 25. und 26.04.2017

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 29.01.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Zeit der Kannibalen – Bettina Rehm inszeniert an der Berliner Vaganten Bühne das Drehbuch zum preisgekrönten Film von Johannes Naber als amüsantes well-made play

Zeit der Kannibalen an der Vaganten Bühne
Foto © Manuel Graubner

Der preisgekrönte Spielfilm Zeit der Kannibalen von Regisseur Johannes Naber feierte 2014 seine Premiere auf der BERLINALE. Er folgt zwei Unternehmensberatern bei ihrem globalen Job von Hotelzimmer zu Hotelzimmer. Frank Öllers und Kai Niederländer beraten weltweit ihre Klienten bei der Anlage ihres Geldes in boomenden Schwellenländern. Die beiden von sich überzeugten Business-Jet-Setter, die täglich auf den Karrieresprung zur Partnerschaft in ihrer Company warten, werden durch die Ankunft der neuen Kollegin Bianca März, die deren Leistung im Auftrag der Firmenleitung bewerten soll, kurzzeitig in ihrer Gewissheit erschüttert. Es entspinnt sich ein interner Konkurrenzkampf. Die Zeit der Kannibalen ist angebrochen.

Dass diese zynische Kapitalismus-Satire ihren Weg ins Theater finden würde, verwundert nicht, ist dieses Kammerspiel doch bestens geeignet für kleinere Studiobühnen. Nach der Uraufführung im November 2015 am Theater Krefeld und Mönchengladbach hat auch die Berliner Vaganten Bühne das Potential des Drehbuchs von Stefan Weigl erkannt und lässt nun ebenfalls die Bühnenfassung von Johannes Naber in der Regie von Bettina Rehm spielen. Der Film lebt vor allem durch den treffenden Wortwitz seiner Dialoge im Kontrast zum sterilen Ambiente der immer gleichen Hotelzimmer-Interieurs. Aber auch durch das Spiel von Sebastian Blomberg, Katharina Schüttler und Devid Striesow, die selbst keine Unbekannten auf deutschen Theaterbühnen sind. Jede Inszenierung wird sich also zwangsläufig daran messen lassen müssen.

In der Vaganten Bühne an der Charlottenburger Kantstraße hält sich die Regisseurin sehr genau an den Text der Vorlage. Die Bühne von Lars Georg Vogel ist mit grünem Kunstrasen ausgelegt. Mit weißem Klebeband sind wie auf einem Spielfeld Linien markiert. Im Hintergrund steht eine Turnhallenbank. Man nimmt hier das Berater-Business sportlich. Nur eine seitlich platzierte Plastikmuschel mit Sandfüllung für den Wellness-Bereich erinnert noch an ein Hotelzimmer.

Johann Fohl und Björn Bonn als Öllers und Niederländer sind ganz Geschäftsmänner in dreiteilige Business-Anzüge gekleidet. Smartphone und silberne Metallkoffer gehören ebenso zur Ausstattung. Während Öllers immer wieder nervös mit seiner Frau telefoniert, die ihn verlassen will und ihm wegen des an Neurodermitis leidenden Sohns die Hölle heiß macht, checkt der snobistische Niederländer ständig seinen Facebook-Account oder demütigt mit Vorliebe das Hotelpersonal. Beide überbieten sich geradezu in höhnischen Statements über ihr Klientel und das gesamte Berater-Business. Wirklich Spaß am Kapitalismus haben ihrer Meinung nach eh nur noch die Chinesen.

 

Zeit der Kannibalen auf der Vaganten Bühne
Foto © Manuel Graubner

 

Wie die Hotelzimmer mit ihrer Belegschaft (dargestellt von Senita Huskić und Amer Kassab) sind auch die jeweiligen Länder beliebig austauschbar. „Grow or go“ ist das Credo der Branche, geradezu zynische der Slogan „People, Profit, Planet“. Man geht stets dahin, wo sich der maximalste Profit für den Kunden erzielen lässt. Was vor Ort passiert, interessiert dabei die beiden Berater nicht. Die Umwelt sehen sie nur aus den nicht öffenbaren Hotelfenstern. Die Probleme, die durch ihren Job mit verursacht werden, bleiben draußen, wie der Dreck, der sich ins Glas der Scheiben frisst.

Das Leben von Öllers und Niederländer ist vollkommen durchorganisiert. Effizienz ist das A und O. Wobei sich besonders Niederländer durch einen fast schon zwanghaften Optimierungswahn hervortut. Er liebt keinerlei Überraschung, desinfiziert sich ständig die Hände, macht Liegestütze und kann seinen Koffer in Sekundenschnelle im Dunkeln packen. Kurzeitig irritiert sind die beiden Profis durch die unerwartete Ankunft der neuen Teamkollegin Bianca März (Hannah von Peinen). Was sie nicht wussten, ihr alter Mitstreiter Hellinger ist zum Partner aufgestiegen. Nachdem aber rauskommt, dass er sich das Leben genommen hat, geraten die einstudierten Abläufe zusehends durcheinander.

Bianca tickt etwas anders als die beiden Männer. Mit schönen Phrasen und Reiseführer im Gepäck will die ehemalige NGO-Mitarbeiterin fremden Kulturen mit Respekt auf Augenhöhe begegnen und fängt schon mal beim Zimmermädchen damit an. Aber auch das ist nichts als zynische Fassade. Dennoch weiß Bianca, wo sie die Alphamännchen packen muss. Sie offenbart Niederländer, dass sie die beiden im Auftrag der Company bewerten soll, und fragt ihn über Öllers aus. Als der sich übergangen fühlt, kommt es sogar zum direkten Ringkampf mit Niederländer.

Schließlich wird die Company verkauft, und alle drei bekommen in einer dubiosen Videokonferenz mit dem neuen Boss endlich die erhofften Teilhaberverträge angeboten. Letztendlich stürzen Öllers und Niederländer hierbei aber über ihre grenzenlose Arroganz und Gier. Und die fernen Schüsse, die Öllers zunächst noch spöttisch als „Sound des Dschihad“ bezeichnet, kommen auch immer näher. Die Panik steigt, und endlich geht die Well-made-Inszenierung von Bettina Rehm richtig aus sich heraus. Das hätte man sich schon etwas eher gewünscht. Trotzdem ist es ein durchaus amüsanter Abend, den vor allem das spielfreudige Ensemble über die 90 Minuten ins fulminante Ziel trägt.

***

ZEIT DER KANNIBALEN (Vaganten Bühne, 04.02.2017)
von Johannes Naber
nach dem Drehbuch von Stefan Weigl
Regie: Bettina Rehm
Ausstattung: Lars Georg Vogel
Es spielen: Björn Bonn, Johann Fohl, Senita Huskić, Amer Kassab, Hannah von Peinen und Axel Strothmann
Premiere war am 02.02.2017 in der Vaganten Bühne Berlin
Termine: 15.-18.03.2017

Infos: http://www.vaganten.de/stuecke/zeit-der-kannibalen/

Zuerst erschienen am 06.02.2017 auf Kultura-Extra.

__________