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Immersion 2017 (2) – Im „Nationaltheater Reinickendorf“ dauerperformen Vegard Vinge und Ida Müller mit Baumeister Solness erneut einen ganz speziellen Splatter-Ibsen

Dienstag, Juli 11th, 2017

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Vegard Vinge und Ida Müller wurden mit ihren Ibsen-Schlachten im Berliner Prater um eine 24-Stunden-Wildente und den gescheiterten Banker John Gabriel Borgmann bekannt. Letzterer war 2012 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Danach hatten sie ein 12-Spartenhaus ausgerufen und sich mit Ibsens Volksfeind darin verschanzt. Vier Jahre war es ruhig um das Duo, nun haben ihnen die Berliner Festspiele eine Lagerhalle am Reinickendorfer Eichborndamm für die Gründung eines „Nationaltheater Reinickendorf“ gemietet. Das klingt groß und anachronistisch zugleich. In einer Zeit, in der sich die Theater betont international geben, rühren Vinge/Müller in einem braunen Brei aus deutsch-norwegischen Nationalepen. Nietzsche und Wagner treffen Ibsen und einen bekannten Dänenprinzen mit Vaterkomplex. Dieses Totaltheater ist im Sinne der Kunst weder didaktisch noch aufklärerisch, sondern eine bombastische Verschwendung von Ressourcen, ein Angriff auf alle Sinne und hat nachweislich viele junge Theaterschaffende inspiriert. Es ist ein diktatorischer Spartenmix, der gefährliches Suchtpotenzial birgt und damit fast schon bedrohlich immersiv wirkt.

Das neue Theaterformat der Festspiele steht unter dem Motto IMMERSION. Ein Eintauchen in den Vinge/Müller-Kosmos kann da durchaus lohnend sein, vorausgesetzt man bringt genügend Zeit mit. Zu diesem Anlass dürfen auch ruhig mal ein paar Flaschen Rotkäppchen-Sekt geköpft werden. Eine für jeden Tag, wie eine der beiden grell-düster geschminkten Zombie-Figuren aus Vinges Ibsen-Imperium droht. Es ist der Baumeister Solness mit seiner Frau Aline, die uns hier im Vorraum empfangen. Wer nicht aufpasst, nimmt eine Sektdusche. Die Gläser fliegen hinterher. Der Baumeister preist die Vorzüge des schönen Bezirks Reinickendorf im Norden Berlins, wo sich buchstäblich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, und auf dem Heimweg Meister Reinicke tatsächlich über den Hof des benachbarten ALDI-Markts schleicht. Schlauer Stadtfuchs trifft gierige Performancehyäne, die lachend ihre Zähne in das Aas Stadttheater schlägt. Hier ist nicht nur Totentanz vor dem Reinickendorfer Finanzamt, heute Nacht ist ganz große Oper angesagt: „Verdi versus Puccini“.

Doch zunächst müssen noch alle Wartenden bei einer Glückstombola ihre Platznummern, die auf Tischtennisbällen stehen, aus einem Betonmischer ziehen. Der Blick schweift, sieht Aufschriften wie „Dramaturgischer Tunnel“, „Bio-Logisches Theater“ oder „Fort Bravo“. Es gibt Splattervideos, und man hört ein schnarrendes, nicht enden wollendes Bla-Bla in R-rollender Dauerschleife. So macht Vinge wie immer sein Publikum mürbe. Während bei einigen das Warten nur das Verlangen umso mehr steigert, sitzen andere schon etwas gelangweilt in den Ecken des Vorraums und spielen mit ihren Smartphones. Bei den eingefleischten Vinge-Jüngern hat sich eh mit der Zeit schon etwas Routine eingeschlichen. Routiniert läuft auch „Die Maschine“ des Spiels. Da der Solness-Darsteller angeblich den Eingang nicht findet, hilft Vinge irgendwann von innen nach und schlägt seitlich ein Loch in „Das neue Haus“. Ein Satz der fast mantra-artig ständig wiederholt wird. Nach über einer Stunde werden wir dann endlich gebeten, das Allerheiligste durch den Hintereingang zu betreten. Dieses Eingangsszenario hätte auch noch ewig so weitergehen können, man kennt das vom 12-Spartenhaus, das sich damals dem ehrerbietig wartenden Publikum partout nicht öffnen wollte.

Der Saal kommt einem angenehm bekannt vor. Die Sitzreihen und das von Ida Müller gemalte Bühnenportal sind wie im Prater. Hinten gibt es Stehplätze und vorn wie in einem Ballhaus einzelne Tische, an die später auch Essen gebracht wird. Meister Vinge kommentiert alles und gibt präzise Anweisungen. Man ist in ständiger Beobachtung. „Welcome to the Pleasuredome“ steht über dem Bühnenportal, darunter „Das Schauspiel sei die Schlinge“, was ein Verweis auf ShakespearesHamlet ist, der auch noch eine Rolle spielen wird. Dann erstmal nur Live-Video. Eine Spielplankonferenz der Theaterleitung mit Direktor, Geschäftsführer, Chefdramaturg und künstlerischem Leiter teilt den Inhalt eines Geldkoffers auf. Vinge beklagt „Die Wunde“, die das Stadtheater in ihn geschlagen habe. Mit viel Theaterblut und sogenanntem „Artistic Juice“ in Gläsern wird rumgematscht. Es erklingen Arien aus Puccinis Tosca. Der Maler Cavaradossi hat eine ganze Galerie Panini-Fußballsammelbilder geschaffen. Vinge nennt die inneren Räume, aus denen übertragen wird, „Die Panini-Kathedrale“. Später kann die ganze Pracht nebst Nazi-U-Boot und Vinge-Skulptur selbst von innen bewundern.

 

Ibsen Saga 7 von Vinge/Mueller
Foto (c) Nationaltheater Reinickendorf

 

Ansonsten wird relativ erkennbar in einzelnen Szenen Ibsens Baumeister Solness gespielt, was knapp eine Woche nach dem Volksbühnenende wie eine Reminiszenz an Frank Castorf wirkt. Man hat die Kunstkampfgefährten vom Rosa-Luxemburg-Platz nicht vergessen. Wenn die Kamera durch die Gänge schweift, hängen neben Filmplakaten von Arnold Schwarzenegger und Clint Eastwood auch Comicstrips der Pratersaga von René Pollesch und Bert Neumann als Denkmal auf dem Platz, wo einst das Räuberrad stand. Natürlich gibt es auch das gewohnte Ekeltheater mit Blut, Kot und Sperma. Es ist da nur konsequent, wenn der Baumeister die Kunstkacke von Hilde „Lolita“ Wangel selbst essen muss. Auch zu lachen gibt es einiges, noch nie waren die Szenen mit einer solchen Liebe zum Wortwitz gestaltet. Da wirkt ein Dinner bei Familie Solness fast schon wie ein Sketch von Loriot.

Man soll ja nicht so viel spoilern, auch wird bekanntlich für jeden der Abend in seiner bis zu 12 Stunden Länge anderes verlaufen, aber wenn sich dann doch hin und wieder auf Anweisung Vinges der Vorhang öffnet, dann weitet sich auch der Vinge/Müller-Kosmos ins Unendliche. Da mauert sich Solness in einen Turm des schlechten Gewissens ein, und eine gottähnliche Figur malt über einem Wolkenmeer die Sonne an. King-Kong Solness kämpft mit dem jungen Rivalen Ragnar, in dem Ida Müller steckt, und nach einer Catch-Einlage geht der Blick bis tief auf die Hinterbühne. Es wird nicht nur ohrenbetäubend laut Tosca gegeben, es erklingen auch Madonna und die obligatorischen Modern Talking. Pappmaché-Chöre fahren vom Bühnenhimmel herunter, und immer wieder wird auch auf Wagners Parsifal und die Gralsritterrunde angespielt. Markante, immer wiederholte Sätze aus dem Solness stehen neben bildlichen Zitaten von Fritz Lang über Kubrick bis zu Brecht und Heiner Müller.

 

Ibsen Saga 7 von Vinge/Mueller
Foto (c) Nationaltheater Reinickendorf

 

Das erreicht über die Stunden nicht unbedingt die Wucht des Borkman, aber es ist immer noch genug Wut da, um auf die Institution Theater zu scheißen. Ein radikaler Spukhaus-Exorzismus eines Kunst-Wahnsinnigen, der gefühlte Stunden lang die Bühne umdekoriert, ohne sich auch nur für Augenblicke aus der Ruhe bringen zu lassen. Immer höher, immer weiter. „Es kann nur einen Baumeister geben.“ Vor ein paar Tagen hatte noch Kay Voges, Dortmunder Intendant, Regisseur und Borderline-Experte in einer Gesprächsrunde zur Immersion über Virtual Reality eine Akademie für Digitalität und Darstellende Kunst sowie über Medienkompetenz referiert. In Vinge/Müllers Nationaltheater gibt es auf allen Sendern des „Radios Reinickendorf“ noch ganz real voll auf die 12 – Sparten, versteht sich.

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Nationaltheater Reinickendorf (06.07.2017)
Vegard Vinge / Ida Müller
Von und mit Malin Andreasson, Laszlo Antal, Max Philip Aschenbrenner, Pelle Ask, Kirsten Astrup, Jonas Blume, Maximilian Brauer, Martin Breine, Katarina Caspersen, Torbjørn Davidsen, Ilaria Di Carlo, Michael Duté, Robert Faber, Hadas Foguel, Martin Gehrmann, Zoe Goldstein, Florian Gwinner, Roman Hagenbrock, Tobias Hagge, Martin Heise, Christopher Heisler, Snorre Sjønøst Henriksen, Margarita Hoffmann, Marc Hönninger, Katerina Ivanova, Joachim Janner, Ofelia Jarl Ortega, Gesine Kaufmann, Saebom Kim, Rosina Koch, Harald Kolaas, Candie Koschnik, David Kunold, Anne Kutzner, Daniel Mecklenburg, Anastasia Mikhaylova, Ida Müller, stefanpaul, Laurent Pellissier, Marc Philipps, Adam Read, Trond Reinholdtsen, Hanna Rode, Michael Rudolph, Susanne Sachsse, Pamela Schlewinski, Ole Schmidt, Judith Seither, Ville Sepännen, Rebecca Shein, Bastian Späth, Micha Spanknöbel, Stephen Stegmaier, Gabriel Stenlund Larsen, Tilman van Tankeren, Sarah Teichmann, Arnt Christian Teigen, Hans Georg Teubert, Loukas Troll, Marianne Tuckman, Vegard Vinge, Dominik Wagner, Silke Weyer, Petter Width Kristiansen, Yassu Yabara
Die Premiere war am 06.07.2017 im „Nationaltheater Reinickendorf“, Eichborndamm 165/167
Produktion Vinge/Müller & Berliner Festspiele / Immersion

Weitere Termine: 13., 15., 18., 22., 26., 28., 30.07.2017

Infos: https://www.nationaltheaterreinickendorf.com/

https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/immersion/

Zuerst erschienen am 08.07.2017 auf Kultura-Extra.

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Ibsens „Volksfeind“ Allways Shines on T.V. – Im Prater der Volksbühne betreiben Vinge/Müller ein virtuelles „12-Spartenhaus“, bei dem das Publikum weitestgehend außen vor bleiben muss. Ein Erfahrungsbericht.

Donnerstag, Mai 16th, 2013

Das 12-Sparten-Haus_Prater im Prater

Sonntag, 12. Mai, kurz vor 16:00 Uhr – es regnet in Berlin. Die Menschen auf der Kastanienallee hasten mit Regenschirmen an einem vorbei oder suchen trockene Plätzchen zum Unterschlüpfen. Der Praterbiergarten ist verwaist, bis auf ein Grüppchen Übriggebliebener vom Vatertag, die sich unter ein Vordach des Ausschanks verkrochen haben. Beste Zeit also, um dem 12-Spartenhaus, das die norwegischen Performer Vegard Vinge (Regie), Ida Müller (Bühne) und Trond Reinholdtsen (Musik) im Praterinneren aufgebaut haben sollen, einen Besuch abzustatten. Aber würde es auch gelingen, Einlass zu erhalten? Man war vorgewarnt. Bei der Premiere am 4. Mai musste die versammelte Besucherschar, inklusive der zahlreich erschienenen Kritiker, die nach etwa 4 Stunden vergeblichen Wartens nicht in den Zuschauersaal vorgelassen worden waren, unverrichteter Dinge wieder abziehen. In der zweiten Vorstellung gelang es besonders Hartnäckigen erst nach 6 Stunden in die Gänge des Hauses vorzudringen. Allerdings blieben auch da die Türen zum Allerheiligsten verschlossen.

Das Interesse ist auch am dritten Tag der Performance groß. Eine kleine Schlange hat sich vor dem Prater auf dem Gehweg der Kastanienallee gebildet. Ungeduldige wollen schneller vorgelassen werden, andere fragen den Einlassdienst nach der Länge der Aufführung. Einige Wartende lachen wissend. Die Antwort fällt mit zwischen drei und dreizehn Stunden unbefriedigend vage aus. Ungläubig fragt ein englisch sprechender junger Mann nach, und lächelt verlegen, als die Antwort bestätigt wird. Trotzdem lässt er sich nicht in die Flucht schlagen. Die Neugier obsiegt. Vor einem Jahr hatte das Künstler-Duo Vinge/Müller schon einmal mit einer Art Endlosperformance das Berliner Publikum angezogen, zu großen Teilen begeistert, aber auch in einigen Fällen angeekelt wieder abgestoßen. Damals führten sie auf der Bühne des Praters, die wie ein überdimensioniertes Puppenhaus gestaltet war, ihre ganz spezielle Interpretation von Ibsens Stück „John Gabriel Borkmann“ auf. Dabei faszinierte die meisten Zuschauer die Phantasie, mit ihrem schier unerschöpflichen Bilderreichtum, und die körperliche Radikalität mit der sich die Performer immer wieder an den Rand des Darstellbaren manövrierten.

Auch im 12-Spartenhaus, das Vegard Vinge im letzten Jahr bereits angekündigt hatte, geht es wieder um den weiten Psychokosmos der Dramengestalten des norwegischen Nationaldichters Henrik Ibsen. Es ist mittlerweile bereits die fünfte Ibsen-Bearbeitung des Künstlerkollektivs um Vinge und Müller. Im Prater der Volksbühne war noch 2011 eine 24-Stunden-Wildente weitestgehend unbeachtet geblieben. Spätestens aber mit der Einladung des „Borkmann“ zum Theatertreffen 2012 war das Berliner Publikum endgültig angefixt. Nun soll es also Ibsens „Ein Volksfeind“ sein, wie man den ersten Berichten der Kritiker entnehmen kann. Ein Stück um Demokratie, Volkszorn und elitäre Machtphantasien, mit dem sich in letzter Zeit nicht nur Schaubühne und Maxim Gorki Theater in mehr oder minder gelungenen Inszenierungen befasst haben. Programmzettel, Besetzungslisten oder irgendwelche Hinweise auf den Inhalt des 12-Spartenhauses auf der Website der Volksbühne gab es wie immer nicht.

Das 12-Spartenhaus von Vinge/Müller im Prater der Volksbühne - Foto: St. B.

Eingang zum Foyer des 12-Spartenhauses von Vinge/Müller im Prater der Volksbühne – Foto: St. B.

Und so harrt dann auch alles im Foyer des Praters freudig oder eher skeptisch der Dinge, die da kommen mögen. Der Raum ist ziemlich dunkel. Die Wände mit ihren großen, aufgemalten schwarzen Mosaiksteinen schlucken jegliches Licht. Wogegen die Decken mit farblich wesentlich stärker akzentuierten Mosaiken ausgestattet sind. An der Bar steht mit weißen Buchstaben „Teewasser und Butterbrot“. Vorerst geschieht allerdings nicht viel. Aus dem Lautsprecher dröhnt es immer wieder „Das Publikum, das Publikum.“ Durch eine Tür mit Fenstern kann man auf der Treppe zum Einlass nur einige der typischen, comicartig kostümierten Vinge-Figuren mit Gummimasken sehen. Eine davon hat überdimensionale Pappschlüssel in der Hand und verordnet mit schnarrender Stimme „Mäßigung“.

Nachdem nach ca. einer halben Stunde jeder Zuschauer sein Karte gegen ein rotes Plastik-Bändchen eingetauscht hat und einige es sich auf den umstehenden Bänken bequem gemacht haben, wird auf den drei Videoleinwänden eine OP-Szene eingespielt, bei der jener Mann mit den Schlüsseln nun als Chirurg einer Puppe in den Eingeweiden wühlt und das Innere interessiert in Augenschein nimmt. Ihm assistiert eine Dame in 50er-Jahre-Haarspray-Frisur mit großer Brille. Ein Bezug zu Ibsens Volksfeind ist noch nicht zu erkennen. In den Gängen, die man auch durch ein kleines Fenster einsehen kann, geht eine Figur mit schwarzer Maske und SS-Ledermantel auf und ab und hämmert gegen die Türen, die mit Aufschriften wie Garderobe, Dramaturgie, Intendanz, Ton, Administrator, Musikzimmer, Küche, Bad etc. ein voll funktionsfähiges Theaterhaus suggerieren.

Aber auch ihm wird nicht aufgetan, und er verheddert sich zunehmend in einem nicht enden wollenden „Sieg-Heil“-Score, der mit einem Techno-Loop der Anfangsakkorde von Modern Talkings „Cheri, Cheri Lady“ unterlegt ist. Ist das die Horrorvision eines uniformierten Unterhaltungsfaschismus á la Dieter Bohlen, der hier persifliert werden soll? Oder etwa die Diktatur der unbedingten Bespaßungserwartung des Publikums? Es werden Jahreszahlen eingeblendet. Wir switchen von 1942 bis nach 2011, dem Jahr der ersten Praterbesetzung von Vinge/Müller. Gastspiel Nairobi ist auf dem Bildschirm zu lesen. In einem Fenster unter der Aufschrift „ideologische Wand“ erscheint eine Art Geisterbahnfigur. In der Dramaturgie bearbeitet jemand eine Pappschreibmaschine. Und ein grauhaariger Mann mit Brille schnarrt etwas unverständlich von „allerbesten Aussichten, in der nächsten Zeit Professor zu werden“. Offensichtlich eine Passage aus „Hedda Gabler“. Immer mehr falsche Fährten werden gelegt. Am Einlass tut sich weiterhin nichts.

Vor einer Kulisse mit malerischem Bergpanorama und Aufschrift „Badeanstalt“ spricht die Figur vom Beginn über „Maßnahmen nur auf vorschriftlichem und gesetzlichem Wege“. Es ist Stadtvogt Peter Stockmann, der wie ein Mantra ständig die Worte „eine gute Atmosphäre“ wiederholt. Als noch zwei skurrile Typen in Trenchcoat mit Aufnahmegerät und Mikrofon auftauchen und zu einem Hüpfballett repetieren „Wenn erst die Presse eingreift.“, ist spätestens klar, dass wir uns schon mitten im „Volksfeind“ aus dem Comic-Ibsen-Universum des Vegard Vinge befinden, mit jeder Menge Anspielungen, Zitaten und Wagnermusik satt. Wer bis jetzt nichts verstanden hat, bekommt dann auch endlich ein bekanntes Gesicht zu sehen. Im OP taucht im Krankenkittel Volksbühnen-Mime Volker Spengler auf und liest erst einmal aus Ibsens „Baumeister Solness“. Es ist aber mehr ein unverständliches Lallen. Von einem Jungen im Wagner-Shirt, der auch schon in der „Wildente“ zu sehen war, wird er frontal bestiegen und nach einer Opernarie entbindet Spengler ein strammes Baby. „Nimm ihn an die Brust, gib ihm Milch, Vater!“ krächzt der Junge. Da ist er wieder, der große Psycho-Vater-Mutter-Komplex, den Vinge schon im „Borkmann“ bis zum Exzess strapaziert hat.

Volker Spengler liest aus Ibsens Baumeister Solness.

Volker Spengler liest aus Ibsens Baumeister Solness. Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller

Gegen 18:00 Uhr, Volker Spengler dürfte nach der Anstrengung schon Feierabend haben, gibt es erste Einblicke auf das Innere des Bühnenraums. Zur Musik aus Wagners „Parsival“ schauen wir die heilige Halle. Aber Erlösung für die Wartenden ist noch lange nicht in Sicht. Ein Intendant mit Anzug und Krawatte, ebenfalls eine Figur aus der „Wildente“, der wie ein Mix aus Heiner Müller und Frank Castorf aussieht, zeigt auf alles und wiederholt dabei immer wieder „Meins!“. Er wird vom Jungen im Wagner-Shirt verfolgt, der ihn Vater nennt. „Möglicherweise sind wir überhaupt nicht mehr allein.“ ist seine Vermutung, die angesichts des erwartungsvollen Publikums auch vollauf der Wahrheit entspricht. Vergard Vinge verknüpft hier gekonnt Ibsens Stück, mit den Publikumserwartungen und dem elitären Theaterbetrieb an sich. Im Folgenden wird von der Journalie die Druckerpresse angeworfen. Das Programm des 12-Spartenhauses entsteht als News, die als „Die Revolution“ angepriesen werden.Der Junge ergeht sich in Ganzkörperbemalungen von nackten Frauen mit Netzstrümpfen und Riesenkitzlern, während der Intendant in seinem Sessel dabei mit einem Gummipenis onaniert. Dazu jault Celin Dion „My Heart Will Go On“ aus dem Film „Titanic“. Zu vorgerückter Stunde wird der bereits aus der 24-Stunden-„Wildente“ und dem „Borkmann“ bekannte Dr. Relling (eigentlich eine Figur aus Ibsens „Wildente“) im OP aus den Ingredienzien Intendanzsperma, ein paar Eiern und dem Inhalt von in Fläschchen abgefüllten Ismen wie Materialismus, Realismus, Erotismus, Feminismus, Darwinismus, Positivismus usw. den Grundstoff für einen neuen Menschen mixen. „Die Methode ist probat.“ heißt es immer wieder. Auch so ein Satz aus der Wildente. Dr. Relling, Ibsens Meister der Lebenslüge, versetzt hier keine Fontanelle, sondern schmeißt einfach den Brutkasten für den dämonischen Menschen an. Alles Weitere ist reines Kopfkino.

Bis dahin erfahren wir aber noch einiges aus dem Inneren des 12-Spartenhauses. Im Keller wird ein ordentlicher Haufen Kunstkacke mit Drehstühlen umrundet und dabei immer mehr breitgetreten. Was oben in den Gängen des 12-Spartenhauses produziert wird, verstopft unten so langsam die Kanalisation. Endlich ein Fall für den Badearzt Dr. Stockmann. Auftritt mit Schaufel. Während er im Schweiße seines Angesichts die fauligen Wasserrohre ausgräbt und bis zum Ellenbogen im Dreck verschwindet, sitzt oben Stadtvogt Peter Stockmann auf dem Lokus und sinniert: „Das ist nichts für meine Verdauung.“ Die Sache nimmt langsam Fahrt auf, als Badearzt Stockmann gegen 22:00 Uhr mit der „großen Entdeckung“ bei seinem Bruder auftaucht und immer wieder kräht: „Das Bad ist eine Pesthöhle.“. Nun kommt auch wieder Bewegung ins Publikum, das teilweise schon in Löffelchenstellung am Boden lag. Wagner kündigt wieder Großes an. Es ist aber nur ein Wutausbruch Stockmanns, der nun mit dem Rohr in der Hand zur großen Rede anhebt: „Die ganze Gesellschaft muss gereinigt werden.“ Alles strömt zum Einlass, um seinen Worten zu lauschen, leider bleibt das Portal abermals verschlossen.

Da wir nicht hinein gelangen, verlegt Peter Stockmann das Geschehen einfach mal nach draußen auf die Kastanienallee. Schüsse und Böller sind zu vernehmen. Vorsicht! Aus dem Prater wird anscheinend scharf geschossen. Eine gute Atmosphäre eben. Im Hof des Praters werkeln Bühnenarbeiter in Overalls, auf denen die Bezeichnungen, Sparte 1, 2 usw. stehen. Der Stadtvogt verkündet „Wachstum“, während er Geld gegen „Loyalität, wenn ich dir helfe, deine ökonomische Stellung zu verbessern.“ verteilt. Auch eine Möglichkeit ein 12-Spartenhaus zu finanzieren. Die Sparte Ballett dreht sich ohne Pause vor einer Pyramide, jetzt ist Aida dran, und sinkt irgendwann einfach um. Vinge überträgt die ideologischen Kämpfe um das Bad einfach auf die Verteilungskämpfe an einem Mehrspartentheater, was durchaus seinen Reiz hat. In diesem Theater, wo ebenfalls um den neuen Menschen gerungen wird und ideologisches Wasser in den Leitungen fließt, ist die Produktionsmaschinerie des Dr. Relling gegen 00:00 Uhr an ihrem Höhepunkt angelangt. Der Neue Mensch ist geboren. Das ganze Haus gerät dabei in einer rasanten Kamerafahrt durch die Gänge ins Wanken. A-ha schmettern dazu ihr „The Sun Allways Shines on T.V.”. Das Video des Songs ist ebenso eine Mischung aus Comic-Bildern und Realaufnahmen wie man sie hier in Vinges kleinem Horrorladen bewundern kann.

Jede Menge Ismen und Intendanzsperma. Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller

Jede Menge Ismen und Intendanzsperma. Foto: Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller

Als Pausenclown ist immer mal wieder der Mann im SS-Mantel zu sehen. Er singt schräg zum Pappakkordeon: „Wie einen Hund haben sie mich davon gejagt.“ Es ist also Morten Kiil, der zwielichtige Fabrikant und Schwiegervater von Badearzt Stockmann, der sich über seinen Rauswurf aus dem Stadtrat beschwert. Und natürlich kommt auch noch die Ekelfraktion auf ihre Kosten. Peter Stockmann zieht u.a. genüsslich langsam einen Tampon aus der Vagina der Tochter des Badearztes und lässt sich Teewasser und Butterbrot kommen. Man fühlt sich an den alten Witz erinnert: „Lieber Gott, lass es einen Teebeutel sein.“ Danach malträtiert er noch ein wenig den Badearzt mit der Rohrzange. „Es ist nicht meine Art, mich mit jemandem in die Haare zu kriegen. Gott behüte.“ Bis dann endlich der gute alte Kapitän Horster in seinem U-Boot zur „heilen Welt“ konstatiert: „Das wird nicht seine Meinung ändern.“ Da ist es dann aber auch schon nach 1:00 Uhr nachts.Nachdem sich die schräge Ibsen-Crew in die Koje gehauen hat und zu schnarchen beginnt, wird auch dem letzten der verbliebenen Tapferen im Foyer klar, dass sich die Pforte zum Heiligtum nicht mehr öffnen wird. Vinge und seine Ibsen-Zombies legen eine kurze Pause ein, bevor die nächsten Vergnügungssüchtigen wieder die Feste bestürmen werden. Um 1:30 Uhr schließen sich unwiderruflich die Türen zum virtuellen 12-Spartenhaus. Auf der Kastanienallee tobt dagegen immer noch das reale Leben, oder was man dafür halten könnte. Berliner Nachtschwärmer sind auf der Suche nach ihrem ganz speziellen Kick. Wem das Gesehene bis dato noch nicht ausgereicht hat, kann sich ihnen anschließen, oder auf die vage Aussicht einer späteren Beglückung nicht unter 9 Stunden Wartezeit hoffen. Also dann, bis zum nächsten Versuch.

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Oh, I can’t explain
Every time it’s the same
Oh I feel that it’s real
Take my heart
I’ve been lonely to long
Oh, I can’t be so strong
Take the chance for romance, take my heart
I need you so
There’s no time I’ll ever go

Cheri, cheri lady
Going through a motion
Love is where you find it
Listen to your heart
Cheri, cheri lady
Living in devotion
It’s always like the first time
Let me take a part

Dieter Bohlen (Modern Talking)

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Postdramatik, schräges Regietheater und ausufernde Performance, das Theater wird Event. Die Longplayer FAUST I+II und JOHN GABRIEL BORKMANN beim Theatertreffen 2012 (Teil 3)

Freitag, Mai 18th, 2012

Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,
Besonders weil sie lebt und leben läßt.
Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest.
Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
Gelassen da und möchten gern erstaunen.
Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt;
Doch so verlegen bin ich nie gewesen:
Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,
Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
Wie machen wir’s, daß alles frisch und neu
Und mit Bedeutung auch gefällig sei?
Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,
Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
Und mit gewaltig wiederholten Wehen
Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;
Bei hellem Tage, schon vor vieren,
Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht
Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,
Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.
J. W. Goethe: Direktor, Faust I, Vorspiel auf dem Theater

Begann der Faustmarathon, den Nicolas Stemann am Thalia Theater Hamburg in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen erarbeitet hatte, dort noch um 17:00 Uhr und dauerte bis gegen viertel nach 1:00 Uhr morgens, halten sich die Berliner Festspiele beim Theatertreffen 2012 textgetreu an „schon vor vieren“. Also ging „bei hellem Tage“ am letzten Wochenende in der „Bude“ an der Schaperstraße der Lappen hoch zu Stemanns großer An- und Zueignungsshow.  „Was ich besitze, seh ich wie im Weiten, Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.“ Von einer Zueignung im Wortsinne die Herrschaft über eine Sache zu ergreifen, sich Goethes Text also anzueignen, kann hier dann auch kaum die Rede sein. Gelesen hat den ersten Teil fast jeder, den zweiten kennt man zumindest leidlich gut oder hat ihn schon das eine oder andere mal im Theater gesehen. Gänzlich erfassen oder verinnerlichen wird man ihn wohl dennoch nie. Sich dem riesigen Textgebirge Goethes vielleicht auf Sichtweite anzunähern, dem Ergebnis dieses langwierigen Versuchs von Nicolas Stemann und seinem Team, dürfen wir nun beiwohnen. Und so muss man das Ganze dann auch als einen Versuch der Zueignung als Widmung an das Publikum verstehen, auch wenn man dafür erst einmal nur einen mehr oder weniger bequemen Theaterstuhl sein Eigen nennen kann. Was sich aber dann im Laufe des über achtstündigen Abends entwickelt, ist weit mehr als übliches Bildungsprogramm oder postdramtischer Zerstörungs- und Aktualisierungswahn. Sicher ist da von allem etwas dabei, Stemann umschifft aber mit viel Ironie die Klippen des theoretischen Interpretationsgehabes und schafft so, wenn auch nur für Augenblicke und vorrangig im „Faust I“ eine ganz eigene Faszination von modernem Theater.

hamburger-thalia_faust-1.JPG Foto: St. B.
Faust I + II am Thalia Theater in Hamburg (Oktober 2011)

Den Anfang mit der Annährung an den Faust-Berg macht zunächst Sebastian Rudolph ganz allein, mit dem Reclamheftchen in der Hand. Eine Methode die von Stemann schon des Öfteren angewendet wurde. Hier nicht allein um des einfachen Gags willen, oder Textreue behauptend, um sie im nächsten Moment fallen zu lassen, sondern hier soll im wahrsten Sinne des Wortes das Buch zum Sprechen gebracht werden. Dazu will die buchstäbliche Angst vor der Übermacht des Textes erst einmal gebrochen sein, ohne ihn dann an den platten Theatereffekt zu verraten. Und das zelebriert hier Sebastian Rudolph bis ins Detail. Auf leerer Bühne nähert er sich diesem Text in Buchdeckeln an und schlüpft förmlich in ihn hinein, ist Theaterdirektor, Dichter, Gott, Mephisto und Faust in einem. Das zu verdeutlichen, genügen Stemann nur wenige Requisiten. Es geht um das Texthören, um die Erschaffung seines Geistes aus einer einzigen Person. Und Rudolph wägt die Worte ab, überlegt, zweifelt und prüft sie auf ihren Gehalt. Hier scheint tatsächlich einer zu stehen, der erkennen will, „was die Welt im Inneren zusammenhält“. Trotz Tisch und Stuhl ist das weitaus mehr als nur eine szenische Lesung und wirkt eher wie eine szenische Erarbeitung des Fauststoffs. Rudolph wird vom passiven Rezitator schließlich zum Gestalter, zum Künstler, der das Wort in die Tat umsetzen will und den Text samt Buch an eine Leinwand matscht. Die Geister erscheinen dort als eine Projektion seines Unterbewusstseins. Die Macht der Gedanken als Zündfunke für den gestaltenden Geist. Die explosive Kraft, die davon ausgehen kann, symbolisiert Stemann durch den von Rudolph aus einem Benzinkanister gegossenen Bannkreis.

hamburg-okt-2011-11.JPG Foto: St. B.

Weh! weh!
Du hast sie zerstört
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
J. W. Goethe: Geisterchor, Faust I, Studierstube

Später gesellt sich dann Philipp Hochmair zu ihm, ein Kampf um den Text entspinnt sich, der nach und nach die Rollenverteilung in Faust und Mephisto bestimmt. Das Ringen Fausts mit seinen inneren Geistern erfährt hier seinen Fortsetzung. Als dritte Person kommt Patrycia Ziolkowska in der Hexenküchenszene zunächst als Videobild ins Spiel. Auch sie übernimmt mehrere Rollen, ist Faust und Gretchen in einer Person, die männliche und weibliche Seite der Hauptfigur. Ziolkowskas Gretchen ist stolz und sinnlich. Sie verkörpert es ganz und gar, dieses ewig lockende Weibliche, zu dem es Faust hinzieht. Die aus einer Figur gespaltenen Teile zieht es nun wie die Kugelmenschen aus Platons „Symposion“, das jeweils Fehlende im anderen suchend, unweigerlich wieder an. Dass das schließlich schief geht, resultiert allerdings nicht nur aus gottgewollter Geschlechterspaltung. Faust allein ist hier nicht der treibende Keil, er hat dafür seinen Mephisto, der ihm sogar die Antworten zur Gretchenfrage soufflieren muss. Stemann arbeitet weiter mit fliesenden Rollenwechseln, setzt Video, Tanz und Gesang ein. Auerbachs Keller ist eine Discohölle in der Stemann selbst den Conférencier gibt. Zur Walpurgisnacht entschweben Faust und Mephisto als Videoprojektion. Nach einer sehr ergreifenden Kerkerszene, in der Faust und Gretchen noch einmal förmlich zusammenprallen, spricht sich Gretchen schließlich selbst frei, ist erlöst und auch der Zuschauer kann nach fast 3 Stunden intensivstem Theatererlebnis die erste Pause genießen.

Zur Einführung des zweiten Teils gibt Nicolas Stemann eine erklärende Einführung. Als wenn er sich und seinen Mitteln misstrauen würde, erfährt der Zuschauer, was ihn nun bis zur nächsten Pause erwarten wird. Neben dem angebotenen Faust-Menü ein durchaus verzichtbarer Service, der Stemann aber als interaktive Kommunikation mit dem Publikum oder einfach nur als notwendiges Bildungsupdate wichtig erscheint. Fausts Reset auf Null findet dann auch nur in der Erklärung Stemanns statt. Aus der „Anmutigen Gegend“ geht es sofort in die „Kaiserpfalz“. Stemann fährt jetzt sofort volles Programm auf. Die Rezeptionsgeschichte des Faust inszeniert er gleich mit. An einer Expertentafel sitzen u.a. Eckermann und Gustav Gründgens als Puppen von der aus dem Ballhaus Ost bekannten Truppe „Das Helmi“, die Stemann für seinen Marathon engagiert hat. Barbara Nüsse ist sogar Goethe selbst und gibt, wie in Stemanns Jelinek-Inszenierungen, dem Autor selbst eine Stimme. Indem Stemann den alten Geheimrat immer wieder höchst persönlich zu seinem Werk plaudern lässt, hält er ihn sich sonst ganz geschickt vom Leibe. Josef Ostendorf als Mephisto eröffnet nun den „Mummenschanz“ einer Welt, die sich dem schönen Versprechen der Gelderschaffung aus dem Nichts ergeben hat. Die Scheine fliegen durch die Luft und über die Videoleinwand flimmern die altbekannten Bilder von Börsencrash und Protestbewegung. Stemann bietet gewohnte Kost mit viel Video, Puppen und Musik. Birte Schnöink gibt den Homuculus im großen Glasbehälter, der seine Menschwerdung mit den griechischen Philosophen diskutiert, dazu liefert Stemann einen Disput zweier Wissenschaftler per Videoeinspielung.

Stemann übersetzt Goethes ausufernde Antikenbeschreibungen in recht konventionelle Regietheaterbilder. Mit viel Selbstironie lässt er Philipp Hochmair den postdramatischen Geheimrat mimen, der in breitem Wienerisch parliert, bis er zum Einlauf abgeholt wird. Hier wird die zu erwartende Kritik an der Inszenierung gleich mitgeliefert, und den Mäklern von vornherein der Wind aus den Segeln genommen. Für Faust geht es nun um Helena und nach einem Candle Light Dinner folgt der normale Familienalltag mit Kinderwagen, Sandkasten und Joggern wie auf dem Kollwitzplatz in Berlin-Prenzlauerberg. Nach dem Begräbnis von Sohn Euphorion im obligaten Regen geht es zur letzten Etappe in Fausts Odyssee durch die Zeitalter mit Krieg und folgendem Landgewinn. Hier nimmt die Inszenierung wieder etwas Fahrt auf und Faust wird zum schaffenden Menschen. „Herrschaft gewinn‘ ich, Eigentum! Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.“ Arbeiter streichen den Bühnehorizont weiß und lassen schwarze Wolkenkratzer darauf entstehen. Die Papphütte von Philemon und Baucis brennt und der alte Goethe im Hintergrund rekapituliert noch einmal wie alles begann, während Faust im Fordergrund nur die Sorge (Birte Schnöink) umtreibt, sein Werk nie vollenden zu können, was ihn schließlich erblinden lässt. Die Lemuren scharren geschäftig und schaufeln Faustens Grab, dem er Dank wunderbarem „Chorus Mysticus“ und buntem Engelspuppeneinsatz entfliehen kann. Das Grande Finale kitscht schon gewaltig. Stemann und die Seinen jauchzen nach über acht Stunden zufrieden auf. Es scheint gelungen, wenn da nicht das ungute Gefühl wäre, vier Stunden lang nur braver Faustbebilderung beigewohnt zu haben. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Text, wie noch im ersten Teil, hat im Faust II nicht stattgefunden. Des Denkens Faden scheint zerrissen, das Abstreichen von Textzeilen, hier wird`s Event. Zu einer wirklich gewagten Neuinterpretation war das Ganze wohl selbst Multitalent Stemann zu komplex. Mit dieser fast schon Faust`schen Unzufriedenheit entlässt er uns, die wir doch trotz allem froh sind, dabeigewesen zu sein, wieder in die Nacht.

Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen,
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.
J. W. Goethe, seelige Knaben und Engel, Faust II, Bergschluchten

hamburg-okt-2011-15.JPG Foto: St. B.

Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis;
das Unzulängliche,
hier wird’s Ereignis;
das Unbeschreibliche,
hier ist es getan;
das Ewigweibliche
zieht uns hinan.
J. W. Goethe, „Chorus Mysticus“, Faust II

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Ein ähnliches Gefühl dürfte einem wohl auch nach dem Besuch der zwölf Stunden dauernden Ibsen-Performance „John Gabriel Borkman“ von Vegard Vinge und Ida Müller im Prater der Berliner Volksbühne beschleichen. Dabei gewesen zu sein und doch nicht alles gesehen zu haben. Nur dass das hier eben zum Konzept gehört, da jeder Abend von vornherein verspricht anders zu sein. Und so kann man auch getrost auf eine detaillierte Beschreibung des Geschehens verzichten, gibt es doch schon Erlebnisberichte und Erklärungsversuche in ausreichendem Maße. Die Faszination die einem beim Besuch dieses Gesamtkunstwerks aus Bühnenbild, Maske und Performance erfasst, inklusive der teilweise sehr expliziten Aktionen von Vegard Vinge, erklärt sich hier eben nicht nur über die zum Teil befremdlichen Bilder, die sich einem erst nach und nach erschließen oder auch komplett abstoßen, einen dabei aber nie völlig kalt lassen werden. Es ist vor allem die radikale Herangehensweise Vinges und Müllers an den klassischen Stoff, die den norwegischen Volksautor Ibsen, im Stellenwert einem Goethe durchaus gleichzustellen, vom Sockel holen und dabei arg zusetzen, aber nie mit der Absicht ihn zu völlig zu zerstören. Aus den Bruchstücken, die die Performer mit Gewalt jeden Abend aufs Neue aus Ibsen Drama schlagen, setzen sie immer wieder akribisch Stück für Stück ein komplett eigenständiges Kunstwerk zusammen.

Dabei ist es fast vollkommen egal, an welcher Stelle der Performance man ein- oder wieder aussteigt, man wird den roten Faden immer wieder aufgreifen können, auch wenn einem das Stück im Detail nicht vollends bekannt ist. Es geht ja auch im Großen und Ganzen um die altbekannten Grundthemen der Menschheit, wie Liebe, Macht, Sexualität, Gewalt und Tod. Und dafür finden Vegard/Vinge immer wieder die passenden Bilder, die sich an die losen Eckpunkte von Ibsen Drama andocken, zügellos verselbstständigen und auf wundersamste Weise weiterentwickeln. Zentrale Figuren sind dabei der Hausherr Borkman, dargestellt von Vegard Vinge und sein Sohn Erhart, unter dessen Maske sich Ida Müller verbirgt. Der Banker Borkman hat Geld veruntreut und ist dafür verurteilt worden. Wie bei Ibsen sitzt dieser Borkman nun im oberen Geschoss seines Hauses, das hier die gesamte Bühne einnimmt, und sinnt über seine Rückkehr zur verlorenen Macht nach, während sich im Erdgeschoss der Hoffnungsträger der Familie, Mutter und Tante erwähren muss und um seine Emanzipation von Schicksal und Schande ringt. Er ist ein pubertierenden Teenager, der in seiner eigenen Bilderwelt lebt. Das kurios Comikartige der Figuren wird noch durch die grotesk rhythmisierten Bewegungen verstärkt. Die Kernsätze des Dramas, die verzerrt von Band eingespielt werden, schweben in ihrer permanenten Wiederholung wie große Sprechblasen über der Szenerie. Ibsens Stück ist in den Sätzen klar erkennbar. Wie Untote, die nicht mehr aus ihrer Geschichte auszubrechen vermögen, zum ewigen Leben verdammt, bewegen sich alle in den immer gleichen Mustern. Ob Splatter, Körpersäfte und -ausscheidungen aller Art oder permanente Folter mit Wagnermusik, der Zuschauer begibt sich mit Vegard Vinge in menschliche Abgründe entlang der ewigen Phantasien um Macht, Schuld und Sühne.

borkman2.jpg Foto. St. B.
Vegard Vinge dirigiert Borkmans Todesoratorium

Die Macher gehen dabei oft bis weit über Grenzen des im herkömmlichen Theater Darstellbaren. Ob sich Vinge das Gesetz rektal einführen lässt, Krieg, Terror und Vergewaltigung die Bühne verheeren oder das Theaterblut in Strömen fliest, so geht es doch bei all dieser Überspitzung immer um das Zwanghafte im Handeln von Ibsen Figuren, die sich permanent von Schuld selbst freisprechen oder die übergroße Schande zu tilgen versuchen. Durch das Auftreten der Figur des Advokaten Hinkel, der mit einer Teufelsmaske versehen „Das Recht kennt keine Ausnahme“ schnarrt, wird es Borkman nun unmöglich gemacht, sich von seiner Schuld zu befreien. Bei Ibsen von Borkman als Urheber seines Elends nur am Rande erwähnt, wird er hier zum personifizierten schlechten Gewissen, das den gescheiterten Banker unentwegt verfolgt. In einer weiteren eindrücklichen Szene übergibt Ella, Borkmans frühere Geliebte, ihm ihr herausgeschnittenes Herz. Schließlich wird noch Hand an das bunte Papphaus gelegt. Es wird zersägt und Stück für Stück abgetragen. Die Bühne öffnet sich nach hinten und gibt einen großen Berg aus Pappmaché frei, Borkmans Traum vom Erz symbolisierend. Während eine große Grube in Bühnenmitte ausgehoben wird, kriecht Vinge, große Klumpen vor sich herschiebend, durch die engen Gänge unter der Bühne. Der Kampf der beiden Schwestern Ella und Gunhild endet schließlich für beide tödlich und Erhart bedeckt sie mit der ausgehobenen Erde. Nach all diesen ausgiebigen Exorzismen kehrt die Inszenierung aber immer wieder zu ruhigen Bildern zurück. Vinge dirigiert sich ein eigenes Oratorium mit einem Orchester aus lauter Skeletten und wenn bereits der eine oder andere sanft entschlafen scheint, wird unter den Klängen von Wagners „Fliegendem Holländer“ wieder reichlich frische Luft in den Zuschauerraum gewedelt. Vinge steht als Steuermann auf der Brücke und das verbliebene Publikum ist wieder hell wach. Nachdem Erhart mit Fanny Wilton und Frida sich bereits ins „Café Schwarzsauer“ um die Ecke abgesetzt haben, klingt der Abend so gegen 4:00 Uhr morgens langsam aus, aber nur um sich nach einer kurzen Pause unentwegt fortzusetzen.

„to be continued…“

Foto: St. B. borkman.jpg

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