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„Die Übergangsgesellschaft“ und „Vor den Vätern sterben die Söhne“ – Zwei Texte aus der DDR-Wirklichkeit an Theatern in Berlin und Dessau

Montag, Dezember 23rd, 2013

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Die Übergangsgesellschaft von Volker Braun in einer Spielfassung von Lukas Langhoff und Holger Kuhla am Maxim Gorki Theater Berlin

„Unsere Arbeit ist die Zerstörung. Ich würde auch lieber aus Lehm Menschen formen, aber nach wessen Bilde? Ich bin Abrißarbeiter. Krieg den Palästen.“ (Paul Anton, Schriftsteller)

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Die Übergangsgesellschaft im GOЯKI - Foto (C) Esra Rotthoff

Foto (C) Esra Rotthoff

Ein Zitat aus Volker Brauns 1982 geschriebenem Stück Die Übergangsgesellschaft, das 1988 in der Regie von Thomas Langhoff am Maxim Gorki Theater gefeiert wurde. Es kommt in der von Sohn Lukas Langhoff gemeinsam mit dem Dramaturgen Holger Kuhla erarbeiteten Stückfassung nicht vor. Langhoff jun. nimmt es jedoch als ziemlich präzise Regieanweisung. Schriftsteller Paul Anton – in Anspielung an Tschechows Vor- und Vatersnamen – (Taner Şahintürk) reißt hier aber keine Paläste ein, er zerfetzt lediglich zwei vorher präparierte Theaterstühle und liefert sich dabei ein heftiges Wortgefecht mit Walter Höchst (Till Wonka), Betriebsleiter und Sohn des Hauses, um Privat- und Volkseigentum. Langhoff führt Brauns „realsozialistische Passion“, die an Anton Tschechows Stillstands- und Wartedrama Drei Schwestern angelehnt ist, im leeren Zuschauersaal des Gorki auf, während das Publikum oben auf der Bühne platziert wird.

Empfangen wird der Zuschauer aber zunächst mit wummernder Technomusik. Auf dem Balkon des Rangs steht Volkan T. und erinnert an die fiktive DJ-Legende DJ Overground, indem er dessen Schaffen als eine immer gleiche Elektronikbeatschleife präsentiert. Wohl ein Hinweis darauf, dass sich auch Geschichte in einer Endlosschleife wiederholt. Unterbrochen wird er schließlich durch eine Schar Besucher, die mit einem Schild Gorki-Tours 91″ den Saal betreten haben. Wir befinden uns also nach der sogenannten Wende, der Übergang hat demnach bereits stattgefunden. Man besichtigt vergangene Theaterkunst, Bedeutendes, das der Malsaal hier auf der Bühne zurückgelassen hat. Sozialistischer Realismus, Expressionismus oder Abstrakte Kunst, darüber wird man sich allerdings nicht einig. Das diskutierte Bild stellen natürlich wir, die Zuschauer, dar. Die Statisten, die üblicherweise im Saal sitzen und vor denen sonst das Schauspiel der Darsteller und Statisten auf der Bühne stattfindet. So hat es Volker Braun in seinen Arbeitsnotizen zur Übergangsgesellschaft vermerkt. Lukas Langhoff nimmt das als Gag in seiner Inszenierung wieder auf und dreht die Ausgangssituation einfach um.

Das Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Das Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Wie aus einer längst vergessen Zeit sitzen weiß gewickelte Mumien in den Theatersesseln. Langhoff zitiert damit die Eingangsszene von Volker Brauns Stücks, in der die Protagonisten von Tschechows Drei Schwestern unter Gaze auf der Gartenterrasse sitzen. Langhoffs Schauspieler setzen sich nun neben sie und lassen einer nach dem anderen die Luft aus ihnen heraus. Leider lässt Langhoff im Folgenden auch aus dem eigentlichen Stück nach und nach die Luft ab. Übrig bleiben einige wenige Satzhülsen, die er mit reichlich Slapstick und Klamotte aufpeppt. Dass Langhoff die Übergangsgesellschaft vom Blatt spielen würde, war von vornherein nicht zu vermuten. Dass er aber das Spiel ganz und gar verweigert, überrascht dann doch.

Brauns radikale Wirklichkeitskritik des real existieren Sozialismus in seiner Erstarrung erstarrt bei Langhoff zur provokanten Pose der Postdramatik. Da werden noch eine Heizungsverkleidung zerstört und Schauspielerin Mette (Marleen Lohse), die bei Braun noch den Ausbruch wagt, scheitert hier beim Zerschlagen der Eingangstür des Saals. Sie kommt nicht durch das Loch hindurch und steht nun mit Faltenmaske als alternde tragische Figur wieder vor uns. Sie muss sich von den Männern als Schlampe und schlechte Schauspielerin beschimpfen lassen. Die Männerriege trinkt Bier, erzählt Witze und ergeht sich in unendlichen Labereien unter einer großen aufblasbaren Leberzirrhose. Schon bei Braun eine Blase von Opportunisten und Schönrednern, geraten sie hier vollends zu Schaumschlägern. Der Spanienkämpfer Wilhelm Höchst (Falilou Seck), ein senil brabbelnder Alter; sein Neffe Walter, ein gelackter Wendehals; der Schriftsteller Anton, eine verhinderte Künstlerpose; Dr. Bobanz (Simon Brusis), ein schwätzender Popanz par excellence und Fahrer Franz (Sebastian Brandes), ein sachsen-anhaltinischer Ost-Prolet und Frauenanbaggerer (Frau in Not“) mit blonder Rotzbremse.

Berliner Herbstsalon des MGT - Foto: St. B.

Berliner Herbstsalon des MGT –  Foto: St. B.

Die Frauen stellen ihnen da nicht wirklich eine Alternative entgegen. Alternativlosigkeit, ein Diktum unserer heutigen Gesellschaft, hier wird sie vorgeführt. Die drei Schwestern (Mareike Beykirch, Elizabeth Blonzen und Sesede Terziyan) haben zwar ihre Auftritte, aber nicht wirklich das Sagen. Die Frage nach Olgas verschwundenem Kollegen Frank wird zum Runnig Gag. Ihre Frage erstarrt zum Schrei. Lukas Langhoff hat sich bereits komödiantisch mit der DDR und dem Kapitalismus auseinandergesetzt. In Dessau inszenierte er den Turm von Uwe Tellkamp als 90minütige Kabarettnummer, und in Potsdam ließ er Elfriede Jelineks Kontrakte des Kaufmanns in Affenkostümen aufführen. Endlich in Berlin angelangt, verpasst er allerdings die Gelegenheit beide Systeme kritisch zusammenzuführen.

Die Idee, das als gescheiterten Auftrag des Bilderbürgertheaters abzubilden, ist an sich ja nicht verkehrt. Ist der Schauspieler per se ein guter Mensch, wenn er ihn auf der Bühne darstellt? Das Ensemble quittiert Bobanz‘ naive Aussage mit Gelächter. Das Theater als verschlossenen Tempel einzureißen ist das Gorki angetreten. Von der Sehnsucht der Menschen nach einer Ideologie oder einem Gott, der ihre Probleme löst, berichtet Tamer Arslan als Erscheinung im weißen Cowboyoutfit in einer Parabel vom Volk der Esel. Das Haus brennt hier zum Ende hin nicht ab. Die Übergangsgesellschaft verkriecht sich wieder unter ihre Gazehüllen. Der Tabubruch bleibt aus und Langhoffs vermeintliches Sakrileg ohne Folgen. Wie tickt der neue Mensch? Das wird die Frage bleiben. Und das neue Gorki wird hoffentlich Lukas Langhoffs Inszenierung nicht zum Programm erklären.

Zuerst erschienen am 22.12.13 auf Kultura-Extra

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Vor den Vätern sterben die Söhne von Thomas Brasch – Der Sieger der Wunschstück-Wahl hatte am Alten Theater Dessau Premiere.

Das Anhaltisches Theater Dessau - Foto: St. B.

Das Anhaltische Theater Dessau – Foto: St. B.

Neben dem legendären Bauhaus ist das Anhaltische Theater Dessau das zweite kulturelle Standbein der neben Halle und Magdeburg drittgrößten Stadt in Sachsen-Anhalt. Aber während am Bauhaus gerade in einer sehr interessant gestalteten Ausstellung das Totaltheater des Bauhausgründers Walter Gropius wieder aufersteht, scheinen am monumentalen Vierspartenhaus am Friedensplatz langsam die Lichter auszugehen. Die Landesregierung Sachsen-Anhalt hat beschlossen, die Zuschüsse für das Anhaltische Theater Dessau von acht auf fünf Millionen Euro zu kürzen. Das Geld würde so nur noch für die Sparte Oper reichen. Die fehlenden drei Millionen sind allerdings selbst mit der Schließung der Sparten Ballett, Schau- und Puppenspiel auf Dauer nicht zu kompensieren. Kultusminister und Haupt-Kahlschläger Stephan Dorgerloh gibt sich weiterhin uneinsichtig, und ist somit für die um den Erhalt ihres Theaters kämpfenden Dessauer mittlerweile zum Buhmann des Jahres geworden. Es ist der Stadt und seinem Theater zu wünschen, dass diese schlechte Farce noch zu einem guten Ende kommt.

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Das Altes Theater Dessau - Foto: St. B.

Das Altes Theater Dessau – Foto: St. B.

Dass kollektives Wünschen noch zu einem Ziel führen kann, zeigte das Theater Dessau nun mit seiner ganz speziellen Wunschstückwahl. Mittenhinein in den Kampf ums Theater kam am letzten Samstag der Sieger Vor den Vätern sterben die Söhne von Thomas Brasch zur Premiere. Man wollte es besser machen, als das Thalia in Hamburg. Daher verordnete das Anhaltischen Theater Dessau Demokratie in Maßen, und gab drei Stücke zur Wahl vor. Braschs Prosaminiaturen aus der sozialistischen Produktion setzten sich dabei gegen Einar Schleefs Totentrompeten, einem vierteiligen Abgesang dreier Damen auf die alte DDR, und Fritz Katers Stück 3 von 5 Millionen, einer Geschichts-Farce über drei Arbeitslose von den 1920er Jahren bis in die Nachwende-Ära. Auch Thomas Brasch stellte in seinem 1977 nach der Ausreise aus der DDR erschienen Buch den werktätigen Menschen in den Mittelpunkt. Nur nicht so, wie es sich die DDR-Oberen in ihren festgelegten Normen gesellschaftlichen Lebens vorstellten, sondern als entmenschlichtes Wesen zwischen Maschinen, der Norm und eigenen Vorstellungen vom Leben gefangen.

Mensch-Raum-Maschine im Bauhaus Dessau - Foto: St. B.

Mensch-Raum-Maschine im Bauhaus Dessau
Foto: St. B.

Mensch – Raum – Maschine heißt auch die Ausstellung über die Bühnenexperimente des Dessauer Bauhaus‘. Wie dem ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaat ging es schon den Bauhäuslern um den Entwurf eines neuen idealen Menschenbilds. Oskar Schlemmer charakterisierte es, die innere Zerrissenheit des modernen Menschen aufgehoben, als einen harmonischen Verbund von Geist und Materie, Mensch und Maschine. Nur konnte man in der DDR zwar viel mit Gemeinschaft, aber weniger mit harmonischer Metaphysik anfangen. Drei dieser Vertreter der damaligen DDR-Arbeiterklasse stellt Regisseur David Ortmann nun auf die Bühne im Foyer des Alten Theaters, der kleineren Dessauer Nebenspielstätte. Und gleich zu Beginn übertönt höllischer Maschinenlärm, der im Folgenden auch noch durch zwei Windmaschinen verstärkt wird, die Schreie der drei Dreher beim gemeinsamen Einrichten der Bühne (Jan Steiger). Es knallt und schallt durchs offene Treppenhaus, wie in einer Werkhalle. Man kann das Eisen, von dem Brasch in seinem Text spricht, regelrecht durch die Luft fliegen hören.

Dann sitzen die drei auf Stühlen, essen, rauchen und erzählen sich wie in der Betriebskantine ihre Geschichten aus der Produktion. Es geht darin u.a. um die Dreher Grabow, Ramtur und Fastnacht, dem gescheiterten Neuerer wider Willen, der selbst noch im Selbstmordversuch vom übermächtig fordernden Geist MARXENGELS verfolgt wird. Hier stellen zwei im Duett sprechende Darsteller das Denkmal am Marx-Engels-Forum in Berlin nach. Für einige Belustigung sorgen die nachgelassenen Briefe, des nach einem Arbeitsunfall im Krankenhaus sterbenden Ramtur, einst eulenspiegelnd aufmüpfig an den Betriebsdirektor geschrieben. Die Jungen hören den Alten und ihren immer gleichen Geschichten von Spanienkrieg, KZ und dem Aufbau des Sozialismus nicht mehr zu. Sie sehen beim Blick aus dem Fenster nur einen Riesenknast mit Grünanlagen. Das war in den 1960er Jahren, als man noch für eine kurze Zeit des Tauwetters auf der Spur der Steine war, wie ein wenig später im Giftschrank der DDR-Kulturpolitik verschwundener DEFA-Film verhieß.

Die drei Darsteller berichten darüber wie aus einer längst vergangenen Zeit, die heute nur noch den Stoff für ein lustiges, sozialistisches Arbeiterkabarett zu liefern scheint. Und das ist dann auch das Problem des Inszenierenden und der Spielenden, die voller Enthusiasmus etwas erzählen, was sie natürlich nicht selbst erlebt haben und eigentlich auch nicht zwingend müssten, um es mit den Mitteln des Theaters wiedergeben zu können. Brasch schrieb seine Geschichten aus der eigenen Erfahrung heraus. Zerrissen zwischen Affirmation und Auflehnung, mit einer Wut, gleich einem eingeschlossenen, verkehrt liegenden Wolf im Bauch, den man nicht herausoperieren kann. Der Autor beschreibt es auch mit dem mythologischen Bild des geschundenen  Marsyas, der sich, dem geforderten Spiel verweigernd, lieber die Haut vom Leibe ziehen lässt, als nach den Regeln der Herrschenden zu spielen. Diese Passagen sind in der Spielfassung gestrichen.

Dirk S. Greis, Patrick Rupar und Patrick Wudtke – Foto (C) Claudia Heysel

Die Dessauer Textarbeiter Dirk S. Greis, Patrick Rupar und Patrick Wudtke – Foto (C) Claudia Heysel

Zentraler Kern der Geschichten ist mit Sicherheit die von Robert, der in den Westen will, und seiner kurzen Freundschaft zu einem der Dreher. Sie muss sich hier, etwas aus dem Gefüge des Buches gerissen, dem Erzählstil der Inszenierung anpassen. In ihr spiegelt sich der stetige Widerspruch der Intelligenz gegenüber die Klasse der Werktätigen. Das „I can get now satisfaction“-Gefühl von Robert gegen den Zwang und das eintönige Leben in der Produktion. Zusammen erleben sie gemeinsam mit Sophie einen fast unbeschwerten Sommer an der Ostsee. Regisseur Ortmann nimmt alles für eine Große-Jungs-Geschichte, was sie in Teilen ja auch ist, natürlich mit dem vorhersehbar bösen Ausgang. Robert stirbt bei der Republikflucht, was der Freund erst spät in den Verhören mit dem Stasi-Mann erfährt.

Der Konstellation mit den drei männlichen Protagonisten werden leider auch die nicht unwesentlichen Frauenfiguren Sophie, Rita und Christiane geopfert. Wenn Fastnacht zwischen seiner Frau und der schwangeren Lehrgangs-Bekanntschaft Christiane hin und her gerissen wird, spielen die Männer eine lustige Travestienummer und wirbeln den armen Gequälten ordentlich durcheinander. Aber immer dann, wenn sich die Darsteller vom Erzählmodus lösen und zu spielen beginnen, erreicht die Inszenierung auch den Sound der Vorlage. Da wird z.B. eine rasante Motorradfahrt der Protagonisten auf einem Stuhl getrommelt, wie „im Rhythmus des Bebop: sanft und kräftig.“ Den drei Schauspielern Dirk S. Greis, Patrick Rupar und Patrick Wudtke, die in wechselnden Rollen agieren, ist es zu danken, dass der Abend in weiten Teilen doch beim Publikum ankommt. Der Regie hätte man etwas mehr Gespür für den Stoff gewünscht. Da steckt noch so einiges an dramatischem Potential in der vermeintlich unspielbaren Vorlage.

Zuerst erschienen am 16.12.13 auf Kultura-Extra

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DIE ÜBERGANGSGESELLSCHAFT
(Maxim Gorki Theater, 19.12.2013)
Regie + Bühne: Lukas Langhoff
Mitarbeit Bühne: Justus Saretz
Kostüme: Ines Burisch
Musik: Volkan T.
Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit: Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Elizabeth Blonzen, Sebastian Brandes, Simon Brusis, Marleen Lohse, Taner Şahintürk, Falilou Seck, Sesede Terziyan und Till Wonka
Premiere war am 14. Dezember 2013
Weitere Termine: 28. 12. 2013 / 8., 25., 26. + 31. 1. 2014

weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/die-uebergangsgesellschaft/

VOR DEN VÄTERN STERBEN DIE SÖHNE
nach dem Erzählband von Thomas Brasch
(Altes Theater, Foyer, 14.12.2013)
Inszenierung: David Ortmann
Dramaturgie: Sabeth Braun
Mit: Dirk Greis, Patrick Rupar und Patrick Wudtke
Premiere war am 14. Dezember 2013
Weitere Termine: 24. 1. 2014, 26.02.14

Weitere Infos siehe auch: http://www.anhaltisches-theater.de

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