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Derb, deppig, buntverkackt – Jung-„Siegfried“ einmal anders am Münchner Volkstheater

Samstag, Oktober 31st, 2015

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Christian Stückl verulkt den Helden des deutschen Nibelungenlieds in einer brachialhumorigen Textfassung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel

Neben Berlin, Hamburg und Wien kann man München zu einer der großen Städte, wenn nicht sogar der Hauptstadt schlechthin, in der deutschsprachigen Theaterlandschaft rechnen. Regelmäßige Einladungen zum Berliner Theatertreffen, für dessen „elitäre Veranstaltung“ (nach Aussage der Jury) den Theatern aus der Provinz die Voraussetzungen fehlten, zeugen davon. Die meisten Einladungen vereinigen sich dabei auf die Münchner Kammerspiele, von 2010-15 unter der Leitung von Johan Simons und nun von Matthias Lilienthal geführt. Seit aber der Volksbühnen-Intendant Frank Castorf in München mit skandalträchtigen Inszenierungen von sich reden macht, hat auch das benachbarte Residenztheater von Intendant Martin Kušej dementsprechend nachgezogen. Das dritte Theater im Bunde, das im Vergleich zu den beiden vorgenannten eher selten mit prominenten Schauspielgrößen und namhaften Regisseuren aufwarten könnende Volkstheater München führt aber dennoch nicht nur ein unbedeutendes Schattendasein. In der nun schon 13jährigen Intendanz von Christian Stückl, bekannt auch als Oberspielleiter der Passionsspiele in Oberammergau, hat es sich im Bewusstsein der Münchner Theatergänger etabliert und ist mit dem Jugendtheaterfestival „Radikal Jung“ auch überregional in Deutschland bekannt.

 

Volkstheater München - Foto: St. B.

Volkstheater München – Foto: St. B.

 

Auch sonst hat das Münchner Volkstheater einiges zu bieten. Der Name ist dabei immer auch Programm. Nicht nur Klassiker wie Lessings Nathan der Weise oder neue Dramatik von Sibylle Berg und Simon Stephens, auch deutsche Nationalepen wie das Nibelungenlied schaffen es auf die kleine Bühne in der Brienner Straße. Die Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, beileibe keine Unbekannten in München, haben sich die deutscheste der deutschen Heldensagen vorgenommen, und für den Siegfried eine neue Theaterfassung fern niederdeutscher Reimkunst, Wagners Alliterationen oder Hebbels pathostriefenden Versen geschaffen. Zaimoglu und Senkel mischen in ihrem modernen, das Versmaß aber durchaus haltenden Text einen gewollt hochtrabenden Ton mit ganz normaler Umgangssprache. Wobei sie natürlich in erster Linie auf Komik aus sind und nicht mit allerhand derben Sprüchen sparen. Naturgemäß ist dabei der allgemeine Schenkelklopffaktor recht hoch. Wer also keinen Sinn für Fäkalhumor besitzt, sollte der Veranstaltung besser fern bleiben.

Für die anderen schlägt dieser Siegfried vermutlich ein wie eine Bombe. Jakob Gessner stellt sich hier jedenfalls zum AC/DC-Klassiker TNT als „I‘m Dynamite“ vor. Ein großer Knaller in Sachen Intellekt ist Jung-Siggi allerdings nicht. Aber ob sich Vater Siegmund (Frederic Linkemann) nun Sorgen macht, oder nicht, der überforderte Hauslehrer (Robert Joseph Bartl) wird mit seiner prophetischen Auswahl Cicero oder Cesar nichts an der Berufswahl unseres zukünftigen Helden ändern können. Siegchen Friedlein, wie ihn Mama Sieglinde (Ursula Maria Burkhart) nennt, ist zum Mörder geboren und einen Mordsgaudi will er auch bis zum Antritt als König der Niederlande haben. Zum Schmied Mimer (Oliver Möller) in die Lehre geschickt, haut er erst die Nibelungen-Zwillinge im Adidas-Dress (Paul Behren und Mehmet Sözer) und dann seinen zotteliger Schaumschläger-Ziehvater um. Dessen Münchhausiaden übernimmt Schmiedelehrling Siegfried einfach in sein eigenes Repertoire.

 

Schaukasten Volkstheater - Foto: St. B.

Schaukasten Volkstheater – Foto: St. B.

 

Einen Drachen mit Nibelungenschatz gibt es natürlich auch. Siegfried führt nach vollendeter Tat durch die ausgeschlachteten Eingeweide der Bestie. Qua fehlender Eier vergeht sich der Drachentöter dann allerdings an einer riesigen Drachen-Mumu. Zaimoglu/Senkel lassen nichts aus, um ihren infantilen Helden unmöglich zu machen. Als eine Art vorlauten Sidekick geben ihm die beiden Autoren noch den Zwerg Alberich (Jona Bergander) mit auf den Weg, der seine fehlende Größe mit einem guten Schuss Machismo wett zu machen versucht. Selbst vor dem Mannweib Brünnhilde (Robert Joseph Bartl) und deren Fitnesstrainerin (Oliver Möller) macht der Kleine nicht Halt. Bruni hatte mit sechzehn noch Träume, nun ist sie gelangweilt vom Köpfen der unterlegenen Bewerber. Nach der Aerobic auf dem Walküren-Felsen flieht Held Siggi aber erst mal nach Burgund, um sich mit Kriemhild (Magdalena Wiedenhofer) eine passendere Gespielin mit großem Dekolleté zu angeln. Das Werben um die „Brunstwilde“ überlässt er dem schwächlichen König Gunther (Frederic Linkemann), dem er beim Darmtauziehen und Köpfekegeln dennoch hilfreich unter die Arme greift.

Der Rest nach der Pause hält sich so ziemlich an den bekannten Nibelungen-Plot. Wobei man die Wormser Burgunder-Dynastie durchaus auch als leicht degeneriert bzw. genderverdreht bezeichnen könnte. Gunthers Bruder Giselher (Mehmet Sözer) ist von der warmen Sorte und selbst der finstere Hagen (Paul Behren) mit Flügelhelm entpuppt sich gelegentlich als Ich-bezogener „Hinterladerwüstling“. Von hinten erledigt er schließlich auch Siggi, der im Ränkespiel der beiden Grazien nur als Lieferant von braunen Verdauungsresten gefragt ist. In einer Art Auferstehungsarie trällert der gemeuchelte Held dann noch den Edith-Piaf-Klassiker Non, jene regrette rien. Und hier ist dann am Ende auch wirklich nichts zu bedauern, beim unverhofften Untergang der Nibelungen. Eine Fortsetzung ist aber durchaus denkbar. Ob man nun will oder nicht. Denn gerade am Theater beginnt ja das Spiel der Untoten jeden Abend wieder bei null.

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Siegfried (UA)
von Feridun Zaimoglu / Günter Senkel
Regie: Christian Stückl
Bühne & Kostüme: Stefan Hageneier
Musikalische Leitung und Gitarre: Tom Wörndl
Kontrabass: Max Bloching
Wurlitzer: Michl Bloching
Schlagzeug: Maria Moling
Schlagzeug: Paul Schmitz
Besetzung:
Siegfried … Jakob Geßner
Alberich … Jona Bergander
Kriemhild … Magdalena Wiedenhofer
Sigmund / Gunther … Frederic Linkemann
Sieglinde / Ute … Ursula Maria Burkhart
Hauslehrer / Brunhild … Robert Joseph Bartl
Mimer / Randgriör … Oliver Möller
Schiblung / Giselher … Mehmet Sözer
Nibelung / Hagen … Paul Behren
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
Premiere war am 27.03.2015
Termine: 10.11.2015

Infos: https://www.muenchner-volkstheater.de/spielplan/repertoire/siegfried-ua

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