Archive for the ‘Wandertheater Ton und Kirschen’ Category

Der Berliner Theatersommer geht mit Shakespeares Sonetten und Tanz im August zu Ende.

Mittwoch, August 31st, 2016

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32 rue Vandenbranden – Beim Festival Tanz im August schliddern Peeping Tom durch den Trailerpark der gefrorenen Emotionen

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Foto: St. B.

Zu Beginn schreit ein Baby im Dunkeln. Es verschwindet im Schnee unter einem Wohnwagen. Der Wind pfeift, und am Rundhorizont hängen Wolken am blau leuchtenden Himmel, wenn es nicht gerade Nacht ist und nur eine Straßenlaterne den Platz zwischen den Wagen erhellt. Die erfolgreiche belgische Tanztheater-Kompanie Peeping Tom um das Choreografen-Duo Gabriela Carrizo und Franck Chartier führt uns in ihrem seit 2009 durch Europa tourenden Stück 32 rue Vandenbranden in einen winterlichen Trailerpark der einsamen Herzen irgendwo im Nirgendwo. Die Truppe gastiert beim TANZ IM AUGUST erstmalig in Berlin mit einem Stück, das auch gut ins Programm des FOREIGN AFFAIRS-Festivals gepasst hätte, das letztmalig im Juli am gleichen Ort im Haus der Berliner Festspiele stattfand.

Hier tanzt ein Paar (Carolina Vieira und Jos Baker) eine gelenkige Schwanenhals-Choreografie, und zwei anreisende Koreaner (Hun-Mok Jung und Seoljin Kim) führen Huckepack Koffer-Kabuki auf. Ein Lagermacho steht zwischen zwei Frauen, die er dominieren möchte. Die alleinlebende Marie (Marie Gyselbrecht) ist unglücklich schwanger und wehrt die Avancen des schüchternen Kim ab, der sich mit seinem koreanischen Partner auch gern mal an die großen Brüste der Mezzosopranistin Eurudike De Beul drängt. Ihre Beziehungsgerangel trägt die kleine Trailergemeinschaft in den mit Fenstern ausgestatteten Wagen oder auf dem eisglatten Vorplatz aus. Tanz, Pantomime und Kontorsionsakrobatik sind die vorherrschenden Bewegungselemente des Stücks, das sich um Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe, Eifersucht und gegenseitige Abhängigkeiten dreht.

 

32 rue Vandenbranden - Foto (c) Hermann Sorgeloos

32 rue Vandenbranden von Peeping Tom
Foto (c) Hermann Sorgeloos

 

Das ist trotz der teils surrealen und albtraumhaften Grundstimmung nicht ohne Witz und Ironie. Wenn nicht gerade Schlager-Karaoke mit dem Duschkopf erklingt, oder einfach nur der Sturm um die Trailer heult, gibt es emotional geladenes, körperbetontes Tanztheater, wobei Eurudike De Beul alles noch um Längen mit ihrer Stimme toppt. Sie hat „Casta Diva“ aus Bellinis Norma genauso drauf wie etwa ein Agnus Dei von Bach oder ein gerocktes „Shine on You crazy Diamond“ von Pink Floyd. Es hätte auch gut ein melancholisches „Wish You were here“ sein können. Ist das The Dark Site of the Moon, oder das echte Leben? Wenn am Ende Kim sein blutendes Herz verschenkt hat, pfeift jedenfalls wieder der Wind, und jeder muss allein in seinen Trailer zurück.

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32 rue Vandenbranden (13.08.2016, Haus der Berliner Festspiele)
Konzept und Regie: Gabriela Carrizo & Franck Chartier
Von und mit: Jos Baker, Eurudike De Beul, Marie Gyselbrecht, Hun-Mok Jung, Seoljin Kim, Maria Carolina Vieira (in früherer Besetzung mit Sabine Molenaar)
Produktion: Peeping Tom
Koproduktion: KVS Brussel, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt Am Main, Le Rive Gauche Saint-Etienne-du- Rouvray, La Rose des Vents Villeneuve D’Ascq, Theaterfestival Boulevard ‘s Hertogenbosch in Zusammenarbeit mit Theater aan de Parade en de Verkadefabriek, Theaterhaus Gessnerallee Zürich, Cankarjev Dom Ljubljana, Charleroi/danses, Centre chorégraphique de la Communauté française de Belgique – dans le cadre de la Biennale 2009.
Mit der Unterstützung der flämischen Regierung

Dauer: 80 Minuten

Info: http://www.tanzimaugust.de/programm/produktionen/alphabetisch/peeping-tom-32-rue-vandenbranden/

Zuerst erschienen am 14.08.2016 auf Kultura-Extra.

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„Ich will das Glück im ganzen, nicht vom Stück.“ – Das Ton und Kirschen Wandertheater inszeniert Shakespeares Sonette als poetisch-musikalischen Reigen

Shakespeares Sonette mit dem Ton und Kirschen Wandertheater - Foto (c) Jean-Pierre Estournet

Shakespeares Sonette vom Ton und Kirschen Wandertheater
Foto (c) Jean-Pierre Estournet

Im 400. Todesjahr des elisabethanischen Dichter-Genies hat sich das Ton und Kirschen Wandertheater mal wieder einen Shakespeare vorgenommen. Allerdings nicht eines seiner vielgespielten Dramen. Die internationale Theatertruppe um Margarete Biereye und David Johnston aus dem brandenburgischen Glindow stellen in einem musikalischen Reigen Shakespeares Sonette auf ihre kleine Holzbühne. Seit gestern ist das Stück nun für vier Tage zu Gast in der Berliner ufaFabrik.

Es passt ganz gut zum Konzept von Ton und Kirschen, dichtete doch Shakespeare seine 154 Sonette, während er mit seinem Wandertheater auf Tour durch England war. Ganz im Sinne der Renaissance-Minne schrieb Shakespeare über Liebe, Leidenschaft, Herzschmerz und die Vergänglichkeit des Lebens. Die hochpoetischen Verse richten sich mal an eine geheimnisvolle Dark Lady, mal an einen jungen Burschen, sind sexuell ambivalent und viel interpretiert. Es gibt sie auch in deutscher Übersetzung, an der sich schon so mancher nicht ganz unbekannte Dichter versuchte.

Auch wenn David Johnston mal schellmisch androht, an diesem Abend alle 154 Sonette vorzusingen, hat sich das Ensemble lediglich für 36 entschieden, die in gewohnter Art mittels Schauspiel, Pantomime, Marionetten- und Maskentheater dargeboten werden. Am Rand der Bühne ist ein kleines Orchester aufgebaut mit Miniaturpiano, Saiten- und Blasinstrumenten, auf denen die DarstellerInnen abwechselnd spielen. Erfrischend vielseitig ist das Repertoire, man hört gleichsam spanische Gitarre und Renaissance-Musik wie auch leise Balladen, Blues oder auch mal Country-Song.

 

Shakespeares Sonette mit dem Ton und Kirschen Wandertheater - Foto (c) Jean-Pierre Estournet

Shakespeares Sonette vom Ton und Kirschen Wandertheater
Foto (c) Jean-Pierre Estournet

 

So international das Ensemble und der sie begleitende Sound, so vielsprachig ist die Textdarbietung, die in Deutsch, Englisch, als Irish-Song oder im feurigen Spanisch des Kolumbianers Nelson Leon daherkommt. Inhaltlich geht es viel um die schon erwähnte Vergänglichkeit der Liebe und des Lebens. Als Symbol vergehender Zeit verrinnt zu melancholischen Versen und Gesten viel Sand auf der Bühne, bis zwei komische Alte wie Felix und Oscar aus Ein seltsames Paar im Slapstick mit Rollator um die Gunst einer nicht minderalten Frau konkurrieren. Ein Zeichen, dass die Liebe nimmer enden mag, wenn auch das Leben kurz ist, verewigt nur in der Poesie des geschriebenen Wortes.

Die Metaphorik der Verse könnte (wie einst bei Robert Willson am Berliner Ensemble) zu einer bunten Bilderparade verleiten. Ton und Kirschen nehmen es mal poetisch getragen, musikalisch satt mit Blaskapelle, oder locker ironisch, etwa als Reise nach Jerusalem bei einem gemischten Stuhlballett. Auch vor Kitsch schreckt man nicht zurück, was in seiner Offensichtlichkeit aber immer witzig bleibt wie eine barocke Amor-Putte, die über die Bühne fliegt und ihre Liebespfeile verschießt.

Ein Totenschädel und ein Geisterkopf im Aquarium erscheinen, zwei herrenlose Schuhe schieben sich über die Bühne. Man huldigt dem Zauber wie der Verrücktheit der Liebe, der Rose als Sinnbild der Schönheit, die dennoch verblüht: „Leb wohl du köstlicher Besitz.“ „Ich bin was ich bin“ rezitiert ein Mann mit Tigerkopf und Kleid, und im Sonette 66 wird über Falschheit und Täuschung geklagt: „Und Tugend wird zur Hure frech gemacht … / Und Kunst das Maul gestopft …“ Shakespeares Reflexionen seiner Zeit haben nichts an Aktualität verloren.

Die Bühne erzittert in Sturm der Verse und Musik, bis das Portal schief hängt und die Stühle durcheinander wirbeln. Jedoch: „Die Lieb ist Liebe nicht, / Die schwankend wird, schwankt unter ihr der Grund, / Und schon an einem Treuebruch zerbricht. / Sie ist die Boje, die kein Sturm versenkt, / Die unerschüttert steht im Zeitenstrom“ (in der verwendeten Übersetzung von Christa Schwenke.)

Ton und Kirschen gelingt mit ihrer ganz persönlichen Interpretation von Shakespeares Sonetten ein über weite Strecken sinnlicher und kurzweiliger Abend. Könnte man hier und da noch etwas an der Akustik feilen, wäre es ein ganz und gar gelungenes Stück Sommertheater.

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Shakespeares Sonette (ufaFabrik, 24.08.2016)
Ton und Kirschen Wandertheater
Von und mit: Margarete Biereye, Polina Borissova, Regis Gergouin, Richard Henschel, David Johnston, Steve Johnston, Rob Wyn Jones, Nelson Leon, Daisy Watkiss
Künstlerische Leitung: Margarete Biereye, David Johnston

Dauer: ca. 80 Minuten

Infos und Termine: http://tonundkirschen.de/page/stuecke/shakespeares-sonette/?lang=de

Infos ufaFabrik: http://www.ufafabrik.de/de/spielplan.html

Zuerst erschienen am 25.08.2016 auf Kultura-Extra.

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Das Wandertheater Ton und Kirschen führt mit „Hundeherz“ eine der satirischen Erzählungen von Michail Bulgakow in der Fabrik Potsdam auf.

Montag, November 17th, 2014

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(c) Wandertheater Ton Und Kirschen

(c) Wandertheater Ton Und Kirschen

Der Schriftsteller Michail Bulgakow (1891-1940) gilt als der große Satiriker der russischen Literatur. Obwohl er auch einige Theaterstücke geschrieben hat, finden immer wieder eher seine Romane und Erzählungen den Weg auf die Bühne. So auch sein wohl berühmtester und eigentlich als unaufführbar geltender satirischer Roman Der Meister und Margaritha. Es gibt vielbeachtete Fassungen von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne, in der Regie von Niklaus Helbling am Wiener Burgtheater und jüngstens auch eine von Wolfgang Engel am Staatsschauspiel Dresden. Das für sein fantastisches Bildertheater bekannte Ton und Kirschen Wandertheater hat sich nun die 1925 entstandene satirische Erzählung Hundeherz vorgenommen. Ebenfalls ein Beispiel für Bulgakows Vorliebe für Tierallegorien auf menschliche Verhaltensweisen.

Wie auch Fjodor Gladkow in seinem Roman Zement (Stückfassung von Heiner Müller) übt Bulgakow in Hundeherz vor allem Kritik an der Neuen Ökonomischen Politik in der Sowjetunion der 1920er Jahre, die die idealistische Prägung des Menschen zu Gunsten eines bürokratischen Kommunismus verdrängte. Das hatte statt des angestrebten „neuen sowjetischen Menschen“ die Ausbildung einer neuen kleinbürgerlichen Schicht zur Folge, die eher gewinnbringenden kapitalistischen Tugenden frönte. Bulgakow greift für seine Satire auf jene Art des neuen Menschen bekannte literarische Vorbilder wie Marie Shelleys Frankenstein auf, oder auch pseudowissenschaftliche Thesen mittels Transplantationen von Tierorganen den Menschen verjüngen zu können.

Solch ein Wissenschaftler ist Professor Preobraschenski (David Johnston), der in Moskau eine Praxis für Schönheitsoperationen führt und mit seinen Methoden ewige Jugend und Unsterblichkeit verheißt. Zum Beispiel beabsichtigt er einer reiferen Dame die Eierstöcke eines Affen zu verpflanzen und versorgt einen Herrn mit dem entsprechend hervorragenden Geschlechtsteil. Für ein weiteres Experiment sammelt er einen zerlumpten und gepeinigten Straßenköter auf und lockt ihn mit guter Stutenwurst in seine Haus. Der arme Sharik, wie in der Professor alsbald nennt, gibt nur allzu gern seine geliebte Freiheit für ein warmes Plätzchen und gutes Futter auf. Hier vollzieht sich die erste Wandlung. In einer Nacht- und Nebelaktion, die Leiche eines frisch Verstorbenen ist gerade angefallen, werden dem nichtsahnenden betäubten Hund die Hypophyse und Hoden des Säufers und Kleinkriminellen Klim Grigorjewitsch eingepflanzt.

Hundeherz (c) Jean-Pierre Estournet

Hundeherz (c) Jean-Pierre Estournet

Die dramatische Umsetzung der Novelle findet hier auf einem kargen Holzpodest statt, das von zwei hohen Straßenlaternen beleuchtet wird. Winterliche Atmosphäre erzeugen hochgeworfene Plastikflocken, den Schneesturm, der an einer frierenden Sekretärin (Margarete Biereye) zerrt, imitiert ein Zupfen von hinten an ihrem Rock und Mantel. Mit solch einfachen Mitteln zaubert das Ensemble von Ton und Kirschen zu Bulgakows Worten die entsprechenden sprechenden Bilder. Der Hund Sharik ist eine Puppe, geführt von zwei Darstellern (Nelson Leon und Daisy Watkiss), kann sich kratzen, herzzerreißend jaulen und freudig mit dem Schwanz wedeln. Die Operation ist ein kleiner dramatischer Höhepunkt, in dem das weiß gewandete Team um Prof. Preobraschenski und dessen Freund Dr. Bormenthal (Rob Wyn Jones) angestrengt mit Skalpell und Knochensäge hantiert.

Das Ergebnis entwickelt sich allerdings nicht wie gewünscht. Der Hund wirft zunächst sein Fell und den Schwanz ab, beginnt aufrecht zu gehen und nennt sich fortan Sharik Sharikov (Nelson Leon). Er nimmt alle unangenehmen Eigenschaften seines Organspenders an und noch einige mehr. Auch das proletarische Hauskomitee unter den Genossen Schwonder, Wjasemskaja und Knallikow (Richard Hentschel, Polina Borissowa und Rob Wyn Johns) interessiert sich zunehmend für den neuen Bürger in der viel zu großen Wohnung des Professors. Sharikow bekommt Papiere, wird indoktriniert und gegen seinen ehemaligen Herrn aufgehetzt. Als er schließlich auch noch einen Posten als Leiter der Unterabteilung zur Säuberung der Stadt Moskau von streunenden Tieren erhält und nun nicht nur Frauen sondern auch sämtlichen Katzen der Stadt nachsteigt, ist die Geduld des Schöpfers am Ende. Nach einer erneuten Betäubung macht der Professor sein Experiment rückgängig.

Hundeherz (c) Jean-Pierre Estournet

Hundeherz (c) Jean-Pierre Estournet

Mit viel Musik, Masken- und Puppenspiel sowie einem gehörigen Schuss Humor werden die Figuren der Erzählung belebt. Der kolumbianische Schauspieler Nelson Leon als Sharikow zieht in der Darstellung des verkommenen, hündischen Menschen wieder alle Register seines komödiantischen Könnens. Er sorgt für jede Menge Chaos bei Tisch und im Bad, sein Bühnencharakter säuft, flucht, klaut und hurt. Das gutmütige Hundeherz hat sich in ein menschliches verwandelt. Nur, wie der desillusionierte Professor auch feststellt: „Wenn einer spricht, heißt das noch lange nicht, dass er ein Mensch ist.“ Dem Ton und Kirschen Wandertheater ist nach Brechts Hans im Glück im letzten Jahr mit der Bühnenumsetzung von Bulgakows bissiger Satire wieder eine wunderbar märchenhafte Parabel auf die Schwierigkeit des Menschen auch immer Mensch zu bleiben gelungen, was in unserer heutigen Zeit nicht an Aktualität verloren hat.

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HUNDEHERZ
nach Michail Bulgakow
Inszenierung: Margarete Biereye & David Johnston
in Zusammenarbeit mit den Darstellern
Bühnenbild und Licht: Daisy Watkiss
Sounds: Regis Gergouin, Nelson Leon und Daisy Watkiss
Konstruktionen: Regis Gergouin
Marionetten: Nelson Leon und Daisy Watkiss
Gastspielmanagement: Catherine Launay
Darsteller: Polina Borissova, Regis Gergouin, Richard Henschel, Rob Wyn Jones, Nelson Leon, Daisy Watkiss, Margarete Biereye und David Johnston

Premiere war am 14. November 2014 in der Fabrik Potsdam

Dauer: 90 Minuten ohne Pause

Weiteren Termine:
Fr. 21.11.2014, 20.00 Uhr
Sa. 22.11.2014, 20.00 Uhr
So. 23.11.2014, 16.00 Uhr

Weitere Infos siehe auch:

http://tonundkirschen.de/

http://www.fabrikpotsdam.de/

Zuerst erschienen am 16.11.2014 auf Kultura-Extra.

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Festivalsommer 2013 (4) – Shakespeare, Brecht, Molières und Co. in den Open-Air-Theatern in und um Berlin. (Teil 2)

Sonntag, August 11th, 2013

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Das Hexenkessel Hoftheater in Berlin-Mitte und die Woesner Brothers auf dem Pfefferberg versuchen sich mehr oder minder erfolgreich am „Amphitryon“ von und nach Molière

„Man kann ein anständiger Mensch sein und doch schlechte Verse machen.“ Jean-Baptiste Molière (1622-1673)

Das Amphitheater des Hexenkessels im schöner Nachbarschaft zum Bodemuseum - Foto: St. B.

Das Amphitheater des Hexenkessels in schöner Nachbarschaft zum Bodemuseum. Foto: St. B.

Glänzte das Hexenkessel Hoftheater bisher ebenfalls meist mit Shakespeare-Werken, hat man sich in den letzten Jahren immer mehr der Commedia dell’arte von Carlo Goldoni oder dem französischen Komödiendichter Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière, zugewandt. Besonders mit Stücken Molières wie „Der Geizige“, „Don Juan“ und „Der eingebildete Kranke“ konnte die Truppe unter ihrem Leiter Christian Schulz immer wieder ihr Publikum begeisterten. In diesem Jahr will es der Zufall, dass es zu einer wunderbaren Doppelung kommt, und sich der Hexenkessel im Amphitheater am Monbijoupark mit den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg messen muss. Eine wundersame gottgewollte Verdoppelung der Protagonisten ist dann auch das Thema der Molièreschen Bearbeitung der antiken Sage des „Amphitryon“. Der Feldherr Thebens wurde während seiner Abwesenheit durch den Göttervater Zeus in Gestalt des Aphitryon gehörnt. Seine Frau Alkmene gebar daraufhin den antiken Helden und Halbgott Herakles. Es sind fragmentarische Stückfassungen des griechischen Tragödiendichters Sophokles und des römischen Komödienschreibers Plautus überliefert.

Grundlage für Molières Verwechslungskomödie „Amphitryon“ dürfte die Tragikomödie des Plautus gewesen sein. Davon zeugen die römischen Bezeichnungen des Gottes Jupiter und seines Begleiters und Sohnes Merkur. Beide versetzen sich zum Spaß in die Gestalten des Feldherrn Amphitryon und dessen Dieners Sosias und nähern sich während deren kriegsbedingten Abwesenheit der ahnungslosen Alkmene. Was in Folge zu einiger Verwirrung führt, als erst Sosias mit der frohen Kunde des Sieges und später der gehörnte Ehemann Amphitryon selbst unverhofft in Theben auftauchen. Das Stück wurde bisher von einigen Dichtern wie dem Deutschen Peter Hacks oder den Franzosen Jean Rotrou (Les Deux Sosies) und Jean Hyppolyte Giraudoux adaptiert. Es ist in mehrfacher Bearbeitung immer wieder Stoff für großen Jux und Tollerei gewesen und inspirierte sogar den deutschen Dichter Heinrich von Kleist zu philosophischen Betrachtungen über das Ich. Mit dem Sturz der Protagonisten in die Identitätskrise gab Kleist der Komödie des Molière das tragische Moment zurück.

Theater Hexenkessel - Amphitryon Theater Hexenkessel - Amphitryon

„Amphitryon“ vom Hexenkessel Hoftheater
Fotos: Bernd Schönberger

Amphitryon_Hexenkessel_Sosias

Vlad Chiriac als Sosias. Foto: St. B.

Im Hexenkessel muss der Zuschauer aber nicht befürchten mit trockener Philosophie gequält zu werden. Das ist die Sache der komödienerprobten Darsteller nicht. Die moderne Fassung von Carsten Golbeck (Text) und Sarah Kohrs (Regie) gibt klar dem Spaß an der Unterhaltung den Vorrang. Und so haben dann auch die beiden Götter Jupiter (Milton Welsh) und Merkur (Roger Jahnke) zunächst ganz menschliche Wünsche und Schwächen. Der Verführer im fliederfarbenen Wams brüstet und sonnt sich in seiner Manneskraft und schiebt den zu kurz gekommenen Sohn Merkur zur Wache ab. Dieser mit einem leichten Vaterkomplex Ausgestattete lässt seinerseits den Frust am heimgekehrten Diener Sosias aus, dem er in seiner Gestalt nicht nur den Verstand, sondern gleich auch noch die Identität raubt. Vlad Chiriac ist der geborene Komödiant und spielt seinen Sosias als bauernschlauen Schwejk, der sich zwar oft um Hals und Kragen redet, aber mit viel Witz auch immer wieder aus misslicher Lage befreien kann. Dafür erntet er sehr viel Sympathie und Szenenapplaus und avanciert zu Recht in der Gunst der Zuschauer zum heimlichen Publikumsliebling.

Matthias Horn als Amphitryon gibt mit stoischer Vehemenz den rumpelnden Feldherrn gleichermaßen wie den sich missverstanden fühlenden, aufbrausenden Ehegatten. Nach der Enthüllung des Jupiters ist er es auch, der sich als erster wieder fängt und einen zählbaren Vorteil aus dem Götterfehltritt zu schlagen weiß. Alkmene (Claudia Graue) und Clea (Carsta Zimmermann) sind nicht nur schmückendes, weibliches Beiwerk, sondern dürfen so manches Wortgefecht mit den sich windenden oder prahlenden Mannsbildern austragen. Clea versucht sogar als eine Art orakelnde Schamanin, die schlechten Vibes mit probaten Zaubermittelchen zu vertreiben. Aus der Identitätsverwirrung und dem leidigen Geschlechterkampf weiß das spielfreudige Ensemble jedenfalls so manchen Funken zu schlagen. Man kann hier zumindest erahnen, was Kleist einst an Molières Komödie so interessiert hat. „Ich war noch nie icher“ ist dann auch der Spruch des Abends. Und die Hexenkesseltruppe war mit Sicherheit auch schon lange nicht mehr so sicher bei sich, als mit diesem „Amphitryon“. Ein großes Vergnügen, ihnen dabei zusehen zu dürfen.

Amphitryon_Hexenkessel_alle Beifall Foto: St. B.

Amphitryon im Amphitheater am Monbijoupark
bis 31. Aug., Di – Sa, 19.30 Uhr

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Etwas neben sich scheinen dagegen die Woesner Brothers beim Schreiben ihrer eigenen Fassung der Molièreschen Komödie gestanden zu haben. Mit „Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ schrammen die Meister des gerührten Schüttelreims hart an der Gürtellinie des guten Geschmacks vorbei. Hier erheben sich auch keine fünffüßigen Jamben mehr. Man (und vor allem Frau) kriecht bevorzugt auf allen Vieren, wackelt mit dem Hinterteil, kräht und meckert oder gibt sich Tiernamen. Alkie und Amphie (Juliane Gregori und Eddi Burza), wie sich das gleichermaßen liebestolle wie betrogene Paar aus dem schönen Theben beim Kosenamen ruft, scheinen auch ähnlich wirkende Substanzen eingeworfen zu haben, und geben sich dementsprechend aufgeputscht albern, übergriffig oder leicht tapsig und bräsig. In Kostüm und Gestus scheint das Ganze einem Asterix-und-Obelix-Comic a la „Die sind verrückt, diese Römer“ entlehnt. Es herrscht der gepflegte Herrenwitz und Unterleibshumor, der bevorzugt mit der Gummikeule ausgeteilt wird. Das haut selbst einen strammen Jupiter (Gideon Rapp) mit angeklebtem Kaiser-Wilhelm-Bart aus den Sandalen.

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„Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ von den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg. Foto: St. B.

Etwas konsterniert flieht dann auch ein Teil, vor allem des weiblichen Publikums, den Abend in der überflüssigen Pause. Der Rest spricht im, trotz Edelrestaurantverdrängung, immer noch recht lauschigen kleinen Biergarten auf dem Pfefferberg alkoholhaltigen Flüssigkeiten zu und haut sich weiter tapfer auf die Schenkel. Jedoch auch nach der Pause will es nicht mehr sehr viel besser werden. Schlapp gemacht oder Schlappgelacht? „Wir sind die letzten Hänger der Legion“ ist der Hit des Abends. Leider ein Tiefpunkt der aktuellen Open-Air-Theatersaison. Da hilft auch keine Peitsche schwingende Lederdomina mehr. Einziger Lichtblick: Was der Sosias fürs Amphitheater ist der Merkur für die Woesner-Variante. Franz Lenski als kleiner fieser Intrigant hängt hier den Ossibeuteligen Dummbatzen Sosias (Peter Princz) mit großartig gespielter Leichtigkeit ab. Und sein Weib Cleantis, Sabine Weitzel im Putzkittel, darf derweil die Bretterbühne abfegen. Der Rest ist schnell erzählt. Zum Schluss bekommt auch jeder noch so täppsche Topf seinen passenden Deckel.

Der Pfefferberg am Senefelder Platz, Prenzlauer Berg. - Foto: St. B.

Der Pfefferberg am Senefelder Platz. Foto: St. B.

Das ist weder doppeldeutig noch irgendwie identitätsverwirrend, sondern nur noch nervtötend und geht auch als verunglückte Parodie auf triebgesteuerte Götter- und Menschenwesen nicht mehr wirklich durch. „Ach, hätten doch die Götter die Frauen nie erschaffen! Denn allzu oft macht sich der Mann um ihretwillen zum Affen.“ Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, außer: „Wer reimend eine Öse schweißt, verhakt sich im Gewoese meist.“ Auch einen Shakespeare haben die Woesners zu allem Überfluss noch im Angebot. Eine Romeo-und-Julia-Variante auf queer. „Chaos in Verona“ erzählt die angeblich wahre Geschichte von Romeo und Julius. Der Rezensent hat sich die Probe aufs Exempel vorsichtshalber erspart, weiß aber von einigen positiven Publikumsreaktionen. Das Ding scheint tatsächlich wesentlich besser zu laufen, als die albtraumartig erotisierten Götterstreiche. Am 20. September wird dann auch die fertiggestellte „Sch(w)ankhalle“ auf dem Pfefferberg mit einer Komödie der Woesner Brothers eingeweiht. „Zur Hölle mit Faust“. Wir können es kaum noch erwarten, den alten Goethe mal endlich richtig in Grund und Boden zu lachen. Ehrlich!

Alkie und Amphie (Juliane Gregori und Eddi Burza) - Foto: St. B.

Juliane Gregori, Eddi Burza. Foto: St. B.

„Amphitryons Albtraum
oder Die tolldreisten Streiche
erotisierter Götter“
bis 13. Sept.
Di – Sa, 20:00 Uhr
auf dem Pfefferberg,
im Wechsel mit
„Chaos in Verona –
Die wahre Geschichte
von Romeo und Julia“
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Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen
Probiert ein jeder, was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das groß, und kleine Himmelslicht,
Die Sterne dürfet ihr verschwenden;
An Wasser, Feuer, Felsenwänden,
An Tier und Vögeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Johann Wolfgang Goethe, Faust I, Vorspiel auf dem Theater

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Der Text ist auch als livekritik.de erschienen.

zu Teil 1

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Festivalsommer 2013 (4) – Shakespeare, Brecht, Molière und Co. in den Open-Air-Theatern in und um Berlin. (Teil 1)

Freitag, August 9th, 2013

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„die engländer und franzosen haben nach dem 17. jahrhundert nur noch die komödie, die deutschen haben sie im 19. jahrhundert noch nicht.“ Bertolt Brecht

Das Angebot an Open-Air-Theater ist in diesem Jahr so vielgestaltig wie selten. Und man kann dem schönen Wetter nur danken, dass es einem genügend trockene Abende gönnt, die man bei erfrischender Theaterkunst und leichter Komödie im Freien verbringen kann. Ein buntes Menü an Komödien ist es auch meist, was man da bevorzugt vorgesetzt bekommt. Vor allem Molière, Goldoni und natürlich Shakespeare eignen sich am besten, das vergnügungswillige Volk bei der Stange zu halten. Aber auch die sogenannten Königsdramen des auf deutschen Bühnen meistgespielten elisabethanischen Dichters bieten mitunter ein nicht geahntes komödiantisches Potential. Eine Frage stellt sich dabei in erster Linie sofort: Darf man das?

Richard III! von der Shakespeare Company Berlin im Naturpark Schöneberger Südgelände – Ein Wahnsinns-Solo mit Schlagzeugbegleitung für den Schauspieler Andreas Petri.

Shakespeare in Grün. Eingang zum Naturpark Südgelände. Foto: St. B.

Shakespeare in Grün. Eingang zum Naturpark
Schöneberger Südgelände. – Foto: St. B.

Wenn man es wie die Berliner Shakespeare Company macht, lautet die Antwort unbedingt: Ja! In ihrem Domizil im Naturpark Schöneberger Südgelände bietet das Ensemble um den künstlerischen Leiter Christian Leonard neben den üblichen Komödien-Highlights in diesem Jahr auch mit „Macbeth“ und seit dem 31. Juli mit „Richard III!“ zwei der blutigsten Dramen, voll von machthungrigen, intriganten und gedungenen Königsmördern. Ein Manko bei den nicht gerade kurzen und an Rollen überreichen Shakespearestücken ist das meist begrenzte Schauspielpersonal der recht kleinen Open-Air-Ensembles. Gerade diese Not macht sich die Shakespeare Company nun zur Tugend. Der Schauspieler Andreas Petri bestreitet das Drama einfach im Alleingang. Ihm zur Seite stehen nur noch ein Musiker (Matthias Trippner), zwei Schlagzeuge, diverse recht einfach zu handhabende Requisiten und ein unbestreitbar komödiantisches Talent zur schnellen Verwandlung.

Verstellung ist es auch, was den Schurken Richard, Herzog von Gloster und drittgeborener Sohn des Dukes of York vor allem ausmacht. Sowie sein unbedingter Wille zur Macht, koste es was es wolle. Das 1597 von Shakespeare geschriebene Drama „Richard III.“ steht am Ende einer vierteiligen Folge von Königsdramen, genannt die „Yorktetralogie“ oder auch „Die Rosenkriege“, was selbst gekürzt am Stück gespielt in etwa einen Tag in Anspruch nehmen würde. Es stellt das Ende des Hauses York im Kampf gegen das Haus Lancaster dar und den Beginn einer bis hin zu Elisabeth I. zu Lebzeiten Shakespeares reichende Zeit der Tudors. Entsprechend harsch geht die Geschichte auch mit dem unterlegenen Geschlecht der Yorks um. Die Krönung im wahrsten Sinne des Wortes stellt der „blutige“ Richard dar.

Richard III! von der Shakespeare Company - Foto: René Löffler

Richard III! von der Shakespeare Company Berlin
Foto: © René Löffler

Ein Ruf, der ihn bis in unserer Zeit verfolgt und erst mit der Auffindung der Gebeine „Richards III.“ jüngst unter einem Parkplatz in Leicester mal wieder etwas relativiert wurde. Eine von dessen unbestreitbaren Eigenschaften nimmt sich jedoch die Shakespeare Company zum Thema. Und zwar die niemals endende menschliche Gier nach Macht und Machterhalt, dargestellt als teuflischer Spaß am Morden. Richard, einer der Urväter des Bösen, der in uns schlummernden schwarzen Seele, möchte man meinen. Denn Leichen pflasterten buchstäblich seinen Weg zur Krone Englands. Über 500 Jahre ruhte seine Leiche unter dem mit Geschichte und Geschichten beladenen Pflaster eines Parkplatzes und somit mitten unter uns. (Auszüge nachzulesen im Programmheft zur Inszenierung der polnischen Regisseurin Iwona Jera.)

Es setzt einiges an Stückkenntnis voraus, wenn man den Windungen und Volten der hier dargebotenen Story folgen will. Shakespeare macht es uns auch im Original nicht gerade leicht. Auf das Wesentliche gekürzt, lässt sich die Handlung des Stückes nicht mehr ohne weiteres nachvollziehen. Zum besseren Verständnis zählt Andreas Petri zu Beginn erst mal alle Figuren des Dramas mit Paukenschlag auf. Nebst einem Hund, einem Entenschwarm und natürlich einem Pferd, was Petri dann im Folgenden auch tatsächlich sehr witzig in die Inszenierung einbaut. Der eigentlich missgebildete Richard ist bei Petri allerdings kein finsterer, buckliger Hinkefuß, sondern ein sehr wendiger und geschmeidiger Intrigant im schwarzen Hemd, der seine Umgebung geschickt zu manipulieren weiß und sein Ziel, im Eingangsmonolog erklärt, stringent verfolgt. Er ist dabei selbst „gewillt, ein Bösewicht zu werden.“ Erste Opfer seines Griffs nach der Krone sind die Brüder Clearence, ein tumber Stotterer, und König Edward IV., den Petri als bräsig larmoyanten Schwächling mit Stoffhut unter der Krone spielt. Der eine endet im Wassereimer, der andere stirbt bei der Überbringung der Todesnachricht röchelnd am Herzinfarkt.

Richard III-2

Andreas Petri in „Richard III!“
Shakespeare Company
Foto: © René Löffler

Und so geht es weiter. Petri springt von einer Rolle in die nächste, schwitzt, stammelt, lispelt oder setzt die Worte pointiert. Zeigt Wendigkeit und Verstellungskraft, um alle anderen Figuren des Dramas im schnellen Wechsel der Requisiten mit Hut, Halskrause, Umhang oder Badekappe darzustellen. Die Lords Hestings, Rivers, Buckingham, Boten, den Bürgermeister von London oder den Mörder Tyrell, er hat sie alle drauf, gibt jeder Figur ein ganz spezielles Gepräge. Erscheinen sie dabei wie austauschbare Knallchargen, sind sie doch vor allem auch Geschöpfe Richards Manipulation, befinden sich in seiner Hand und springen dabei früher oder später über seine Klinge. Einem Beatstick, den Petri kräftig am Schlagzeug einsetzt, gegen seine Feinde oder auch verschlagen bei der Werbung um seine künftige Gemahlin Lady Anna. Das eine zu besitzen, um es zu behalten, das andere um es bei nächster Gelegenheit schnell wieder loszuwerden.

Eine kleine rollbare Showtreppe ist Thron, Richtblock oder Gepäckwagen bei der Ankunft der beiden kleinen Prinzen, die ihren Onkel foppen und von ihm herzig in die Wange gekniffen werden. Nach dem Mord an ihnen ist der Weg frei. Nach einer kurzen Pause wird ein roter Teppich ausgerollt und unter Trommelwirbel besteigt Richard, nun im roten Hemd, den Thron und setzt sich die goldene Pappkrone auf. Das Ende ist bekannt. Auch er wird verraten werden und stürzen. Der neue König Richmond steht schon bereit. So hetzt denn Petri durch den Stoff, und bei allem Spaß daran, will uns nicht wirklich aufgehen, worauf dieses Wahnsinns-Solo hinauslaufen soll, außer auf eine Spielwiese für einen begnadeten Komödianten.

Weit Anlauf genommen und doch etwas zu knapp gesprungen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Etwas zu kurz gekommen sind auf jeden Fall die Frauenrollen. Wie auch in der ein- oder anderen Szene etwas mehr drin gewesen wäre, als nur ein gut gemachter Slapstick. Die Witwe Heinrichs des VI., Margarete von Anjou, ist gar gänzlich gestrichen. Was uns um die einzige Figur bringt, die nicht einfach Richards Täuschungen verfällt, und ihn letztlich mit dem Fluch belegt, der ihm auch hier noch einmal kurz vor seinem Ende alle seine Opfer im Traum erscheinen lässt. „Denk‘ in der Schlacht an mich … Verzweifl‘ und stirb!“ Und auch das berühmte Pferd nimmt noch unerwartete Gestalt an, bevor Richard fällt und sich mit einem neu hineingeschmuggelten Schlussmonolog von Martin Engler verabschiedet. „Alles Blut getrunken ward. Trinkt auf mich, / Auf meine Braut Vernichtung. / Bis nur Reinheit bleibt.“ Bei einem guten Glas Rotwein danach, lässt sich trefflich darüber sinnieren. In diesem Sinne, Prost und Amen!

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Die nächsten Termine für
RICHARD III!

  • 11.08.13, 19:00 Uhr
  • 12.08.13, 20:00 Uhr
  • 25.08.13, 19:00 Uhr
  • 26.08. und 27.08.13, 20:00 Uhr
  • 08.09.13, 19:00 Uhr
  • 09.09. und 10.09.13, 20:00 Uhr
  • 16.09.2013, 20:00 Uhr

Zur Livekritik von RICHARD III!

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Hans im Glück – Das Ton und Kirschen Wandertheater spielt die Fragment gebliebene Parabel von Bertolt Brecht auf einer Wiese an der Havel in Werder.

In der bewegten Luft
bewegt der Mond seine Arme
und zeigt, schlüpfrig und rein,
seine Brüste aus hartem Zinn.

aus: „Romance de la Luna, Luna” von Federico Garcia Lorca

Der Mond hat es den Machern des Ton und Kirschen Wandertheaters besonders angetan. Noch vor zwei Jahren gastierten sie mit dem Stück „La Luna, Luna“, über den spanischen Lyriker und Dramatiker Federico Garcia Lorca in der UfaFabrik Berlin. Der Mond (La Luna), im spanischen weiblich, steht bei Lorca einerseits für die Liebe anderseits auch für den Tod („La luna y la muerte“), ein antropomorphes Wesen mit elfenbeinernen Zähnen. „Es ist so schön. Ich lege mich ins Gras. So lange der Schnee schmilzt, scheint der Mond.“, sagt der Hans aus der neuen Produktion des Ton und Kirschen Wandertheaters „Hans im Glück“, bevor er selbst sein Leben dran gibt. Am Ende der Inszenierung des Brecht-Fragments fliegt eine Gans aus Blech durch eine rostige Mondscheibe. Die Träume des naiven Glückssuchers haben sich nicht erfüllt.

Der junge Brecht - Foto: Staats-und-Stadtbibliothek-Augsburg

Der junge Brecht
Foto: Staats-und-Stadtbibliothek-Augsburg

Aber nicht nur in Sachen Mond, so scheint es, bestehen Parallelen zwischen Lorcas Lyrik und den Werken des jungen Brecht, der sich mit 22 Jahren an der Adaption des bekannten Märchens der Gebrüder Grimm versuchte. Lorcas Dichtung und seine Dramen stehen stark in der Tradition der Geschichte des spanischen Volkes und setzen sich mit deren Mythen und Märchen auseinander. Auch Brecht experimentierte immer wieder mit den Elementen des Volksstücks. Es kam ihm aber nicht darauf an, einfach nur besonders volkstümlich zu sein, sondern wahrhaft volkstümlich zu werden. Dabei räumte Brecht mit dem falschen Pathos des Volkstümlichen auf und befreite den Begriff von allem unhistorischen Traditionalismus. „Das Volk, das die Dichter, einige davon, als seine Sprechwerkzeuge benutzt, verlangt, daß ihm aufs Maul geschaut wird, aber nicht, daß ihm nach dem Maul gesprochen wird.“ Volkstümlich bedeutete für Brecht: „…den breiten Massen verständlich, ihre Ausdrucksform aufnehmend und bereichernd / ihren Standpunkt einnehmend, befestigend und korrigierend / den fortschrittlichsten Teil des Volkes so vertretend, daß er die Führung übernehmen kann,…“ (aus: Schriften zum Theater IV).

Hans (Rob Wyn Jones) und die Gans. Foto: St. B.

Hans (Rob Wyn Jones) im Glück. – Foto: St. B.

Diese Intension scheint sich für ihn bei dem Versuch, den Märchenstoff der Brüder Grimm zu einer Parabel umzuarbeiten, so nicht erfüllt zu haben. Er gab die Arbeit daran schließlich auf. „Hans im Glück mißlungen, ein Ei, das halb stinkt.“, lautet das eigene, vernichtende Fazit in Brechts Tagebuchaufzeichnungen. Mit dem Volksstück setzte sich Brecht dann wieder in seinen Schriften zum Theater sehr ausführlich und kritisch in Zusammenhang mit der Entstehung des Stücks „Herr Puntila und seich Knecht Matti“ auseinander. Sein früher Versuch „Hans im Glück“ aus dem Jahr 1919 ist aber durchaus das Unterfangen einer Inszenierung wert. Handelt es sich doch hierbei um einen ziemlich guten Mix all dessen, was den jungen Brecht damals umtrieb und sich in seinen frühen Werken mal besser oder schlechter niederzuschlagen suchte.

Besonders vom derb frivolen Ton der sketchartigen Einakter wie „Die Kleinbürgerhochzeit”, „Er treibt einen Teufel aus“ und „Der Fischzug“, sowie dem bauernschlauen, der parabelhaften „Der Bettler oder Der tote Hund“ und „Lux in Tenebris“ ist das Stück förmlich durchdrungen. Auch sind der Einfluss Karl Valentins und die Verehrung Brechts für den Münchner Komiker deutlich spürbar. Bei all dem volksnahen, märchenhaften Charakter von „Hans im Glück“ verliert Brecht aber nie den Blick für die Realität. Er dekonstruiert geschickt die schöne Mär vom glücklichen Hans, der sich nach und nach von alle seinen Besitztümern befreit. Was jedoch am erstaunlichsten ist, auch das Ungestüme und Expressionistische des „Baal“, an dem Brecht 1919 parallel arbeitete, zeigt sich im Schicksal von Hans, der zum Ende seines Runs nach Glück, Freiheit und Freundschaft unter die Diebe und Halsabschneider fällt. Eine ganz zeitlose Geschichte, mit vielen kleinen versteckten Wahrheiten. Ein wahrhaft faules Ei, das es neu auszubrüten gilt.

Hans im Glück_Kapelle

Hans im Glück – Ein wundersame Mischung aus Schauspiel, Gaukelei, Marionettentheater und Musik. – Foto: St. B.

Für das Ton und Kirschen Wandertheater ist das genügend Futter für eine ihrer typischen Inszenierungen aus einer Mischung von Schauspiel, Gaukelei, Marionettentheater, Musik, Bühnenbild- und Objektkunst. Auf einer Wiese neben der Havel in Werder sind eine kleine Bretterbühne mit Stühlen und Blümchentapetenwand, die Hans‘ Behausung darstellen, sowie im Hintergrund ein Portal mit Blechvorhang aufgebaut. Hans (Rob Wyn Jones) lebt hier eigentlich recht zufrieden mit seiner Frau Hanne (Tanja Watoro), bis ihm von einem schlauen Reisenden und Schürzenjäger (Richard Henschel), dessen Pferd er beschlägt, erste Zweifel ein- und die Frau abgeschwatzt werden. Auch so lebt es sich noch ganz gut in den Tag hinein. Später tauscht Hans dann bei fahrenden Händlern sein Haus gegen einen alten Campinganhänger und die Freiheit in die Welt ziehen zu können.

Hans im Glück_Rob Wyn Jones als Hans und der Freund (David Johnston)

Rad oder Rat? – Rob Wyn Jones als Hans und David Johnston als der Freund. – Foto: St. B.

Doch auch auf seiner weiteren Reise wird der gutmütige, naive Hans, der am liebsten anderen stundenlang beim Geschichtenerzählen zuhören würde, weiter übervorteilt und verliert seinen Schimmel an einen vermeintlichen Freund (David Johnston), bis er schließlich an eine geschäftstüchtige Marketenderin (Margarete Biereye) gerät, die seine Arbeits- und Manneskraft schamlos ausnutzt. Mit einfachsten aber erstaunlich wirkungsvollen Mitteln lassen Ton und Kirschen die einzelnen Szenerien fast aus dem Nichts entstehen. Dabei werden in geradezu zirzensischer Manier die Bühnenbilder auf- und wieder abgebaut.

Als dann auch noch seine, von dem Reisenden verlassene und nun schwangere Hanne wieder auftaucht, tauscht Hans für seine hungernde große Liebe das Karussell gegen eine Gans. Und während er sich noch an der Sonne und seiner fetten Gans erfreut, geht Hanne bereits ihrem düster poetischen Ende im schwarzen Fluss entgegen. All das kann Hans nicht wirklich erschüttern, ist er doch ganz durchdrungen von der ihm eingepflanzten Philosophie der Schatten- und Sonnenseiten des Lebens. Und so verschenkt er auch noch schnell seine Jacke, denn Gottes Erbarmen ist mehr wert, als ein alter Rock. Gans und Freiheit gehen schließlich für das nackte Leben drauf, was Hans, nun selbst auf der Flucht, schließlich auch noch drangibt.

Hans im Glück_Das Ende

„Es ist so schön. Ich lege mich ins Gras. So lange der Schnee schmilzt, scheint der Mond.“ – Foto: St.B.

Ton und Kirschen spielen das als zauberhaften Reigen. Einen beschwingten Tanz um Leben und Tod, ganz ohne den Brecht‘schen Zeigefinger, aber mit viel Witz. Alle Darsteller zeigen hier ein lebendiges Theater, was immer in Bewegung ist. Ein „Perpetuum Mobile“, wie treffend eines ihrer erfolgreichsten Stücke heißt. Ihr Leben besteht dann auch ganz aus der Arbeit für dieses Theater. Ein Theater für alle, nicht nur für ein elitäres Publikum, wie es die Macher selbst bezeichnen. Und so war es wohl auch nur eine Frage der Zeit, dass das Ton und Kirschen Wandertheater zwangsläufig auf den jungen noch „volkstümlichen“ Brecht stoßen musste. Eine durchaus befruchtende Liaison, die geradezu nach einer Fortsetzung verlangt.

Tourdaten:

09.08. Burgpark, Burg Lenzen, 20:00
10.08. Langerwisch, Vorwerk, Neu Lagerwisch 6b, 20:00
24.08. Theater am Rand in Zollbrücke, Oderaue, 20:00
25.08. Friedenfelde (Uckermark), Salon im Gutshaus, 16:00
18./19.10. (20:00), 20.10. (16:00), 25./26.10. (20:00 Uhr), 27.10. (16:00) Fabrik Potsdam
02.11. Werder/Havel, Scala Kino, 20:00 Uhr

http://tonundkirschen.de/page/

zu Teil 2

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Was macht man nur mit diesem Sommer? Drei mehr oder minder verzweifelte Versuche eines Theaterverrückten.

Montag, August 22nd, 2011

Pack die Regenpelle ein… – Baden gehen mit Mozarts „Zauberflöte“ am Berliner Wannsee

Sonntagnachmittag, S-Bahnhof Wannsee, 2 Stunden vor Beginn der Vorstellung, es regnet in Strömen. Im Biergarten an der Loretta am Wannsee drängen sich die Leute unter die Sonnenschirme. Sonne hat es lange nicht mehr gegeben und für irgendetwas müssen die Schirme ja schließlich gut sein. Auf geht’s zum Strandbad, Regenschirme sind das vorherrschende Bild auf dem Kronprinzessinnenweg. Endlich, der Regen hat nachgelassen, vor dem Wannseebad tummeln sich Fabelwesen und geleiten die willigen Besucher zum Eingang. Überall werden Programmbücher, CD`s und Regenumhänge feilgeboten. Der nicht nur in diesem Sommer mit allen Wassern gewaschene Berliner hat sich aber selbst schon bestens eingedeckt. Taffe Mütter ziehen ihrem quengelnden Nachwuchs schnell noch die Regenhosen und Ostfriesennerze über. Man rechnet also mit dem Schlimmsten. Dunkel dräut der Himmel. Das würde eher zu Wagner passen, als zum poppig bunten Mozart, dessen Zauberflöte Wagner immerhin in den höchsten Tönen lobte.

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Die Einsamkeit der Strandkörbe, Wannseebad im August

Foto: St. B.

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