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Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble geben nach über 20 erfolgreichen Jahren ihren Abschied von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Abschiede an Berliner Theatern (Teil 1)

Samstag, November 5th, 2016

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Es ist das Jahr des großen Abschiednehmens an Berliner Theatern. Neben Claus Peymann am Berliner Ensemble scheidet auch Frank Castorf an der Volksbühne als Intendant aus dem Amt. Ganz verloren gehen wird er den Berliner Theatergängern wohl nicht. Man kann ihn sicher am neuen BE unter Oliver Reese wiedersehen. Verabschieden müssen sich aber auch langjährige Volksbühnenmitstreiter wie Herbert Fritsch, René Pollesch oder Christoph Marthaler. Alle sind sie bereits seit Längerem auch an anderen Theaterhäusern von Hamburg über München und Wien bis nach Zürich unterwegs. Herbert Fritsch wird an der Schaubühne ein neues Berliner Zuhause finden. Noch nichts dergleichen weiß man aber von René Pollesch und Christoph Marthaler.

Christoph Marthaler - (c) Theater der Zeit

Arbeitsbuch Marthaler
(c) Theater der Zeit, 2014

Besonders der Meister der unbegrenzten theatralen Entschleunigung, hat lange Jahre sehr intensiv die Volksbühne künstlerisch geprägt. Wer denkt nicht gern an Inszenierungen wie Horvaths Geschichten aus dem Wiener Wald oder Glaube Liebe Hoffnung zurück, bei der Marthaler mit einer doppelten Elisabeth überraschte. Und davor an ±0 ein subpolares Basislager bei dem er mit einem echten schmelzendem Grönland-Eisberg aufwartete. Ein kleiner eisiger Totentanz der grenzenlosen menschlichen Ignoranz und Extravaganz. Marthaler setzte dem in bewährter Manier provozierender Langsamkeit einige Momente traurig schöner Melancholie entgegen. Schöner scheitern mit Musik – eines der Hauptthemen seiner zeitlos schönen Musiktheaterabende. Ein lang gespielter Klassiker, bleibt sicher unvergessen – der 1993 entstandene Abend Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab! Der Evergreen Danke hat es sogar in die Telefonwarteschleife der Volksbühne geschafft. Marthaler war seit dem auch fast Dauergast auf dem Berliner Theatertreffen.

Fans des Schweizers mit dem Hang zur ironischen Nostalgie konnten 2014 in Berlin gleich doppeltem Genuss frönen. Christoph Marthaler war neben seiner Inszenierung Tessa Blomstedt gibt nicht auf an der Volksbühne auch in der Staatsoper im Schillertheater zu erleben. Sein in Koproduktion mit den Wiener Festwochen entstandener Liederabend Letzte Tage – Ein Vorabend ist im September endlich auch in Berlin angekommen. Es ist dies eine liebevolle Hommage an jüdische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts und ihr fast vergessenes Werk. Sozusagen am Vorabend der 100. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltenbrandes, an dem das Habsburger Kaiserreich nicht unwesentlich beteiligt war, fand die Premiere im Mai 2013 im historischen Sitzungssaal des Alten Wiener Parlament statt. Ein Ort, an dem von 1883 an die österreichische Vielvölkermonarchie ihren Reichstag abhielt und später die Nationalversammlung der ersten Republik bis 1934 tagte.

 

Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne - Foto: St. B.

Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Foto: St. B.

 

Die Sitzreihen des historischen Ortes wurden von Regisseur Marthaler und seinen Akteuren benutzt, das Publikum nahm auf einer Tribüne im Bereich des Präsidiums Platz. In der Staatsoper im Schillertheater saß man nun auf der Bühne, während die Schauspieler und Musiker sich in der Weite des Zuschauerraums fast verloren. Die Dimensionen sind hier doch etwas anders, was der Intensität der Vorstellung zwar kaum Abbruch tat. Aber letztendlich nicht ganz die Wirkung wie im realen Raum des Alten Parlaments in Wien entfaltete, und das nicht nur allein wegen der akustischen Probleme. Das historische Flair konnte man sich zur Not ja dazu denken.

Dass es sich hier um einen historischen Ort handelt, der außer für Touristenführungen heute dem Vergessen anheimgeben ist, trägt Marthaler mit einer Multikulti-Putzfrauenkolonne Rechnung, die zunächst mit großer Akribie die Sitzreihen entstaubt, samt der sich langsam einfindenden Parlamentsabgeordneten. Dann beginnt hier wie da mit einer fiktiven Rede zum 200. Jubiläum der Befreiung der Konzentrationslager, die an einen „Kaiser von Habsburg-Europa“ gerichtet ist. Marthaler lässt hier wieder seine leicht abseitig tiefgründige Ironie aufblitzen, wenn Clemens Sienknecht über die Erklärung des Antisemitismus zum UNESCO-Weltkulturerbe berichtet und auch den Rassismus für selbige Ehrung vorschlägt.

 

Letze Tage - ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

Letze Tage – ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

 

In diesem Stil geht es munter weiter. Marthaler schickt seine Akteure nach bewährtem Muster in Zeitschleifen, lässt sie aus der Zeit fallen oder an der Auserwähltheit ihrer Art leiden. Immer wieder unterbrochen werden die Spielszenen, Monologe und fiktiven Reden durch Musikeinlagen eines kleinen Kammerorchesters namens Wiener Gruppe, die Stücke aus besagtem Werk jüdischer Komponisten intoniert. Die Mezzosopranistin Tora Augestad ist dabei eine Entdeckung.

In Endlosreihe bewegt sich der Trupp durch über die Galerie. Die Musik- und Sangesschleife ebbt mal kurz ab, schwillt wieder an und verliert sich schließlich langsam im weiträumigen Foyer. Eine typische Art von Marthaler, der hier die Verlorenheit und das langsame Vergessen spiegelt. Dabei ist man immer wieder tief beeindruckt von der leichten Regie-Hand des Meisters und der Virtuosität seiner Darsteller, die selbst noch so seichte Liederabende wie Tessa Blomstedt gibt nicht auf, ein Testsiegerportal in die Jahre gekommener, schlagernder Datingportal-Teilnehmer, oder Hallelujah (Ein Reservat) mit nostalgischer Westernmusik für alte DDR-Indianer-Fans erstrahlen lassen.

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Virtuos ist sicher auch der neue Marthaler-Abend Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter an der Berliner Volksbühne. Man begegnet hier einigen aus der langjährig verquickten Marthaler-Familie wieder. Der Mitte Oktober 65 Jahre alt gewordene Regisseur vereint noch einmal die bekanntesten Gesichter zu einem still verschmitzten Potpourri aus bekannten Melodien und Zitaten aus älteren Inszenierungen. Schon die Bühne seiner treuen, viel gelobten und kopierten Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die ihm immer wieder zeitlos schöne Räume für seine zuweilen recht skurrilen Geschichten geschaffen hat, ist eine reine Kopie der 2000 in Basel entstanden Inszenierung 20th Century Blues. Eine Zeitenwende, wie sie sich nun im nächsten Jahre auch an der Volksbühne Berlin vollziehen wird.

 

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Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter – der letze Marthaler an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

 

Marthaler und Viebrock bauen wieder einen in der Zeit verlorenen Erinnerungsabend in gedeckten Tönen, aber ohne jede larmoyante Wehmut, dafür mit umso mehr verstecktem Witz und Anspielungen auf die kommende Zeit unter dem neuen Intendanten und Museumskurator Chris Dercon, der hier mit keiner Silbe erwähnt werden muss, aber dessen beginnende Ära in der Leere des fensterlosen, museumsartigen Bühnenbaus mit Lichtdecke über dem weiten Innenraum erahnbar ist. Ein Abgesang an das Theater im Allgemeinen und an das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz und seine Spieler, die hier in Umzugskisten durch eine Art Hausmeister im Kittel (Marc Bodnar) hereingeschoben werden und ihre Plätze zugewiesen bekommen, sich aber immer wieder ihrer drohenden Mumifizierung durch Flucht, oder widerständiges Verhalten zu entziehen versuchen. Und der Satz: „Ich hasse diese Wanderausstellungen.“ ist ein kleiner, süffisanter Seitenhieb auf die kommende Intendanz.

Christoph Marthaler borgt sich den Titel seines Abends beim Dramatikers Botho Strauß und dessen Komödie Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle. Ein Hotel in dem drei befreundete Ehepaare leben, wird über die Jahre zum „Museum von Leidenschaften“. Die Gefühle erlöschen im Leistungsdruck und Konkurrenzkampf. Als Utopie bietet das Stück surreale Zauberkünste gegen die Wirklichkeit. Und genau in diesem Sinne ist Marthalers Hommage an die Zauberkunst der Bühne auch zu verstehen. Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang.“ ist ein bekanntes Zitat von Botho Strauß, das das ebenfalls vom Intendanzwechsel betroffene BE auf seiner Website führt. Diese Leere zu füllen, ist Segen und Fluch gleichermaßen und eine der Herausforderungen für Chris Dercon. Denn nicht zuletzt daran wird man ihn messen. Christoph Marthaler schafft es hier mit leichter Hand.

 

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter - Die Marthalerfamilie beim Beifall - Foto: St. B.

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter in der Volksbühne
Die Marthalerfamilie beim Applaus – Foto: St. B.

 

Irm Hermann, ganz die große Diva grüßt galant zur fröhlichen Geisterstunde der Untoten und Jürg Kienberger spielt dazu auf dem Spinett. Auch ein Berg von Decken kann seinen Gesang nicht verstummt lassen. Olivia Grigolli springt gelenk aus einem kleinen Umzugskarton, in dem sie mühelos Platz hat. Hildegard Alex, Tora Augestad, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Altea Garrido, Ueli Jäggi und Ulrich Voß, alle entsteigen sie ihrem Kästchen und beginnen ein wundersames Eigenleben zu führen. Bewegungsclownerien wechseln mit Satzfetzen, chorischem Gesang und kleinen Arien von Tora Augestad. Sophie Rois schaut vorbei und singt französische und italienische Chansons. Benedix Dethleffsen und Jürg Kienberger begleiten auf Klavier und Spinett.

Hier ein leicht melancholisches Ich bin aus tiefem Traum erwacht von Gustav Mahler, dort ein Kyrie Eleison im Chor. Das ist virtuos, zärtlich anrührend, aber nie sentimental. Auch selbstironische Reminiszenzen erklingen mit Wir sind jung, die Welt ist offen oder einem zaghaften Brüder zur Sonne zur Freiheit. „Der Vollmond steigt, der Nebel weicht“, ein letzter Tanz zur Rampe. „Wo waren wir stehengeblieben?“ – Danke…

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Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter (Volksbühne, 05.10.2016)
Eventuell von Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Anna Viebrock
Licht: Johannes Zotz
Ton: Klaus Dobbrick
Dramaturgie: Malte Ubenauf, Stefanie Carp
Mit: Hildegard Alex, Tora Augestad, Marc Bodnar, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Bendix Dethleffsen, Altea Garrido, Olivia Grigolli, Irm Hermann, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Sophie Rois und Ulrich Voß
Spieldauer: 2 Stunden 10 Minuten
Premiere war am 21.09.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Termine: 06.11. und 27.11.

Infos: https://www.volksbuehne-berlin.de/

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

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Vom Glauben an das Gute, Wahre und Schöne. Das Theater zwischen Phantasie, Lüge und Wirklichkeit – Einige Inszenierungen der Wiener Festwochen 2013 beschäftigen sich mit nichts weniger als der Wahrheit.

Freitag, Juni 7th, 2013

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„Es gibt keine wahre Aussage, denn die Position des Menschen ist die Unsicherheit des Schwebens. Wahrheit wird nicht gefunden, sondern produziert. Sie ist relativ.“ Friedrich Schlegel (1772 -1829)

Die Wiener Festwochen im Museumsquartier - Foto: St. B.

Die Wiener Festwochen im Museumsquartier
Foto: St. B.

Ist dem Menschen die Wahrheit tatsächlich zumutbar oder bekommt zuviel Wahrheit dem Menschen nicht? Letzteres konstatiert jedenfalls die eben mit dem Büchnerpreis ausgezeichnete Autorin Sibylle Lewitscharoff in ihrer ironischen Abrechnung mit dem Realismus in der Literatur „Vom Guten, Wahren und Schönen“. Sie geißelt hier vor allem den heute in der erzählenden Literatur vorherrschenden „Eigenkreativwahn“ und das „Affentheater des Zeitgeschmacks“. Gerade der Drang nach Wahrhaftigkeit und die Angst vor dem Authentizitätsverlust treibt aber auch immer mal wieder die Theaterschaffenden um. Für Lewitscharoff geschieht dieses Ringen nach Anerkennung jedoch nur mit Hilfe von „Provokation, Skandalen und Markierungsgesten“. Das deutsche Theater zeige eine Gesellschaft „von schreienden Verrückten, die herumbatzen und herumschmieren wie Kleinkinder“ und dabei der „Idiotie des Schockhaften“ verfallen.

Kommune der Wahrheit – Nicolas Stemann wirft die Wirklichkeitsmaschine an und unterwirft Performer wie Publikum gleichermaßen dem nicht enden wollenden Strom der täglichen Nachrichten

„Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.“ Heiner Müller, Gesammelte Irrtümer 2: Interviews und Gespräche. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren, 1990

Museumsquartier-Halle-E - Foto: St. B.

Museumsquartier Halle E – Foto: St. B.

Nun haben Nachrichten sicher auch schockhafte Aspekte und zeichnen sich moderne Nachrichtenströme durch eine gewisse Idiotie aus, bei der man stets vor der schier unlösbaren Problematik steht, Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen. Und auch die Provokation ist eine Methode, die Nicolas Stemann nicht ganz fremd ist. Absolut gegenwärtig sein, die Zeit sozusagen festhalten zu können, ist aber die vorrangige Intension des Teams um den Theaterregisseur und -experimentator Stemann, die man bei der Gründung der „Kommune der Wahrheit“ im Sinn hatte. Wie funktioniert dabei Wirklichkeit in den Nachrichten, die täglich auf uns einströmen? Und wie kann man diesen Strom der Nachrichten in Echtzeit am Theater abbilden? Das sind die Fragen, denen sich Nicolas Stemann und seine Darsteller vom Thalia Theater Hamburg bei den Wiener Festwochen gestellt haben. 5 Tage lang beschäftigten sie sich im Museumsquartier mit der Produktion von Wirklichkeit durch Medien wie Zeitung und Fernsehen.

Kommune der Wahrheit. Bühne im Museumsquartier Halle E - Foto: St. B.

Kommune der Wahrheit. Bühne im Museumsquartier Halle E – Foto: St. B.

Nicolas Stemann spricht bei der Premiere am 1.Juni zunächst auch von einem Projekt, was noch nicht vollendet sei, was sich noch weiterentwickeln wird und jeden Abend anders sein kann. Daher lädt er auch gleich das Publikum zum Wiederkommen ein. Mit der von ihnen selbst entwickelten „Wirklichkeitsmaschine“ versuchen die Kommunarden alles anzusprechen, was relevant ist, um so ihre eigene Version der Wahrheit zu schaffen. Die Maschine, so erfahren wir in kleinen Videoeinspielungen, habe dann auch irgendwann tatsächlich nach und nach selbst begonnen Wirklichkeit zu produzieren. Wobei sich die Metaphern in den Nachrichten wie etwa Heuschrecken, wenn es um Investmentgesellschaften geht, zu materialisieren begannen. Was schließlich sogar zu gruppendynamischen Prozessen führte und eine regelrechte Krise im Ensemble ausgelöst habe.

Kommunarden der Wahrheit angeschlossen an die Wirklichkeitsmaschine - Photo: Armin Bardel     Kommunarden der Wahrheit angeschlossen an die Wirklichkeitsmaschine - Foto: Armin Bardel

Kommunarden der Wahrheit angeschlossen an die Wirklichkeitsmaschine – Foto: Armin Bardel

Zunächst aber werden die Nachrichtenströme bildlich dargestellt. Die Bühne, um die das Publikum geteilt von zwei Seiten blicken kann, gibt den Eindruck einer Experimentalanordnung recht gut wieder. Die Darsteller in grauen Overalls stöpseln sich mit ihren Kopfhörern immer wieder an die Wirklichkeitsmaschine ein, um dann zuerst einzeln stockend, dann zu zweit und schließlich in wechselnden Gruppen chorisch die aktuellen Nachrichten wiederzugeben. Das geht eine ganze Weile so weiter, und beim Vorbeirauschen der Nachrichten denkt man, wenn man Birte Schnöink und den anderen so dabei zusieht, wie sie ganz mechanisch über die Demonstrationen am Istanbuler Taksimplatz, den Weltmilchtag oder den Protest der UNO gegen das Blutvergießen in Bagdad berichten, zwangsläufig an Stemanns letzte Produktion, den Faustmarathon.

In der Hexenküche der Kommune der Wahrheit - Foto: Armin Bardel

In der Hexenküche der Kommune der Wahrheit
Foto: Armin Bardel

Dort hatte sich Birte Schnöink als körperloser Homunculus („Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.“) noch aus ihrem Glaskolben befreit, um ganz zu werden und die Welt neugierig zu erkunden. Das Experiment der Verkörperung des Geistes scheitert zwar, dem geht aber zumindest der Versuch eines philosophischen Diskurses über die Menschwerdung voraus. In der Wirklichkeitsmaschine bleibt alles künstlich. „Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.“ (Goethe, Faust II) Hier nabeln sich die Menschlein zwar immer wieder von der Maschine ab, repetieren aber brav weiter die im Hirn gespeicherten Informationen. Dort ein Geist, dem der Körper fehlt, hier eine geistloser Körper. Was natürlich auch als schönes Bild der Abhängigkeit von der Künstlichkeit der Welt der Nachrichten durchgehen könnte, wenn sich daraus im Weiteren inhaltlich irgendetwas ergeben würde. Es fehlt aber hier wie dort am „Tüpfchen auf das i“.

„Wir hatten ja auch kein Stück. Die Nachrichten sollten das Stück sein.“ erklären dann schließlich die Kommunarden auf erstes Murren im Publikum. Stemann ist da ganz der gekonnte Conférencier und Manipulator, und nutzt die Stunde für ein weiteres Spiel, die Metapher von den zwei Seiten der Wahrheit. Er lässt dabei die Protagonisten ständig von einer Seite der Bühne zur anderen flitzen. Auf der einen soll gebuht werden, auf der anderen erschallt Beifall. Bis sich der Vorhang schließt und man von der gegenüberliegenden, anscheinend ereignisreicheren Seite abgeschnitten wird. Die Nachrichten nicht nur physisch, sondern auch inhaltlich von zwei Seiten zu beleuchten, bleibt hier aber reine Behauptung.

Die TV-Märchentante in der Kommune der Wahrheit - Foto: Armin Bardel

Die TV-Märchentante zu Besuch in der Kommune der Wahrheit
Foto: Armin Bardel

Dafür gibt es einen Auftritt der TV-Märchentante. Die vorlaute Kommune bekommt von Franziska Hartmann in Blondhaarperücke und rotem Business-Kostüm eine autoritäre Lehrstunde in Nachrichtenkunde. Dabei wird gekalauert wie bei Elfriede Jelinek, von den Nachrichten, nach denen wir uns richten sollen und es uns bequem einrichten können, denn in den Nachrichten ist alles so schön normal. Und es gibt nichts, was man nicht nachrichten könne. „Wahrheit, liebe Wahrheit, es ist noch nicht soweit.“ Wir lernen, dass die Nachrichten perfekte Unterhaltung sind und „Django Unchained“ nur die perfekteren Bilder hat. Wirklichkeit ist imperfekt, und das was ist, ist unberichtbar. Da können wir nur noch staunen und sterben. Nur dass der eigene Tod keine Nachricht ist.

Nun wird noch nach der eigentlichen Aussage der Nachricht gefahndet. Was steht z.B. hinter der Meldung, dass seit Beginn der Unruhen in Syrien vor drei Jahren fast 100.000 Menschen getötet wurden? Dabei kippen die Darsteller immer wieder um, und wir erfahren, dass es vierzehn Tage dauern würde, wenn man den 12-Sekundensatz einmal für jeden Toten sprechen wollte. Daniel Lommatzsch verheddert sich bei einem Nullenloop, als er die Elfbillionen Euro Schulden der Europäischen Union verdeutlichen will. Wieder Birte Schnöink philosophiert vom Unglück der anderen in den Nachrichten und verzweifelt an den Fragen: „Wieviel Glück ist nötig, um das Unglück der anderen ertragen zu können? Wieviel Unglück der anderen braucht man zum Glücklichsein?“

Das erinnert entfernt an den Aufklärungskritiker und Menschenerzieher Rousseau, der von einem Gebot sprach, niemals jemandem zu schaden. Was für ihn eine Abkehr von der Gesellschaft bedeutete. „Denn in unserer Gesellschaft bedeutet Glück des einen notwendigerweise das Unglück des anderen. Das liegt im Wesen der Sache und niemand kann es ändern.“ Hier auf der Bühne ist man jedenfalls glücklich, dass das Unglück in den Nachrichten immer wo anders ist, und singt: „Ich will einfach nur glücklich sein.“ Da in Stemanns Kunst-Welt der Nachrichten weder zureichender Geist, noch die Kraft der Elemente oder eine zündende Idee herrschen, lässt sich leider auch nichts zu einem Kunstwerk in der Realität verschmelzen. Das Experiment scheint gescheitert. Wirklichkeit und Wahrheit bleiben auf der Strecke. Es erklingt das Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“.

Kommune-Talk am Lagerfeuer - Foto: Armin Bardel

Kommune-Talk am Lagerfeuer – Foto: Armin Bardel

Als besonderen Witz blendet Stemann eine gefakte Meldung der ORF-Nachrichtensendung ZIB ein, in der der österreichische Anchorman Eugen Freund die Wirklichkeit für abgeschafft erklärt. Das, was wir traditionell als Wirklichkeit bezeichnen, sei nur eine Konstruktion, die auf selbstbestätigenden Annahmen beruht und sich daher jeglicher Begründbarkeit entzieht. Eine Expertenkommission sei bereits mit der Ausarbeitung von Alternativen beauftragt. Zu einer Art Expertengespräch mit Lagerfeuerromantik lädt dann auch Nicolas Stemann das ganze Team sowie den Nachrichtensprecher Eugen Freund und den Verschwörungstheoretiker Matthias Bröcker. Es geht natürlich vorrangig um die Glaubwürdigkeit von Nachrichten. Können wir alles glauben, was in den Nachrichten kommt? Wer ist im Besitz der Wahrheit?

Ein kleiner Exkurs in die Historie, die auch eine Geschichte des Kampfes um die Medienhoheit ist, hätte hier auf die Sprünge helfen können. Nicht umsonst haben Diktaturen Medien gezielt für Propaganda genutzt, und jeder Revolutionär kennt das Gebot, neben dem Regierungspalast und Flughafen auch die Radiosender zu besetzten. Milo Rau hat über die manipulative Kraft von Nachrichten in seinem Dokustück „Hate-Radio“ berichtet. Und wo bleibt die Kunst dabei? „Die Aufgabe der Kunst besteht darin, Türen zu öffnen, wo sie keiner sieht.“ hat Peter Weibel, der österreichischen Künstler, Kurator und Medientheoretiker, der neben Elfriede Jelinek und den bei der Premiere anwesenden Diskutanten ebenfalls als sogenannter Außenkorrespondent zu diesen Theoriegesprächen am Lagerfeuer geladen ist, 2000 in einem Interview mit dem Tagesspiegel gesagt. Was durchaus auch die Frage des Auslotens von neuen Utopien mit einbeziehen würde.

Nicolas Stemann inmitten seiner Kommunarden - Foto: St. B.

Nicolas Stemann inmitten seiner Kommunarden mit Blaskapelle
Foto: St. B.

Nicolas Stemann rammelt hier aber mit viel Getöse gegen längst offene Türen, die sich jedoch bereits wieder bedrohlich schnell zu schließen beginnen, ohne das überhaupt je über ein Dahinter nachgedacht worden wäre. Im Zeitalter von Facebook und Twitter kommt einem die abschließende Lagerfeuerrunde wie ein lustig ironisierender Anachronismus vor. Stemann vergisst dabei fast die anfangs zum Analog-twittern ans Publikum ausgegebenen Karteikärtchen wieder einsammeln zu lassen. Das stetige Kreieren von neuen Wirklichkeiten in der Welt des Internets hat bei unseren tapferen Kommunarden noch keinerlei Wirkung hinterlassen. Was diese Datenströme für Auswirkungen auf unsere reale Welt haben, lässt sich vielleicht noch am ehesten in den Einwürfen von Carl Hegemann erkennen, der aus dem NDR-Leitfaden zur Nachrichtengestaltung zitierte. Die Nachricht bezeichnet das, wonach man sich zu richten hat. Wobei es schlicht und einfach keine objektiven Nachrichten gibt. Der Anspruch an Wahrheit sei eine gemeinsame Grundlage, worüber man reden kann. Eine recht schwammige Formulierung.

Demnach wäre die Wahrheit also reine Verhandlungssache, frei nach der Konsenstheorie von Jürgen Habermas. Doch wie erreicht man eine paritätische und demokratische Teilnahme am Diskurs, wenn allein Parteiinteressen über die Besetzung von Kontrollgremien wie den Medienräten entscheiden? Der Dramaturg des Thalia Theaters sprach angesichts der Informationsflut in den Medien von kognitiver Dissonanz, und betonte noch einmal den manipulativen Charakter von Nachrichten. Seine Frage: Wie gehen wir damit um? Hier besteht also noch ein großer Bedarf an theoretischem Hintergrund, den der alte Dramaturgiehase Hegemann noch schaffen muss und wohl auch in Form eines Buches zum Projekt tun wird. Was allein schon wegen der Begrifflichkeit von Wahrheit, Wirklichkeit und Realität dringend erforderlich scheint. Bis zum Anwerfen der Wirklichkeitsmaschine im Thalia Theater Hamburg vergeht ja noch ein wenig Zeit.

3. Manifest der Kommune der Wahrheit: "Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt - Foto:

3. Manifest der Kommune der Wahrheit: „Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt – Foto: Armin Bardel

Bis dahin bietet Regisseur Stemann die Thesen des 3. Manifests der Kommune an, die da lauten: „Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt.“ Dem Terror der Nachrichten will die Kommune den Gegenterror der Phantasie in der Kunst entgegensetzen. Wie diese Gegenwirklichkeit aussieht, zeigt Stemann noch mal ganz zum Schluss, und gibt die Gesetze der Wirklichkeit als unvollkommen zur Änderung frei. Sebastian Rudolph und Daniel Lommatzsch steigen dazu in glitzernde Phantasieanzüge und lassen sich an Seilen emporziehen, während dazu das restliche Ensemble in Mickey-Mouse- und Cowboykostümen „Dreams are my Reality“ von Richard Sanderson aus dem 80er-Jahre-Cultstreifen „La Boum“ intoniert. Was recht sympathisch rüberkommt, als einzige ästhetische Setzung allerdings recht dürftig erscheint. Die Fete wird im September in Hamburg weitergehen. Die Kommune kämpft auch dort wieder mit der Flut der täglichen Nachrichten.

Nicolas Stemann muss dabei nur aufpassen, nicht völlig in Beliebigkeit zu versinken. Er hat schwierige Theatertexte, insbesondere die mäandernden Textflächen von Elfriede Jelinek, schon wesentlich interessanter in Szene gesetzt. Dem gehaltlosen Strom der Nachrichten die rein ästhetische Bilderwelt des Theaters entgegenzusetzen, kann genauso schnell übersättigen. Eine hübsche Verpackung täuscht nicht in jedem Fall über den schmalen Gehalt hinweg. Sowohl am Theater wie auch in den Medien ist nichts tödlicher als Belanglosigkeit und gediegene Langeweile. Und das wussten schon die Rolling Stones: „Who wants yesterday’s papers? Nobody in the world.“. Bezeichnender Weise gab es dann auch beim Verlassen des Stemann’schen Wirklichkeitsraums die aktuelle Tagesausgabe des Kuriers, einem der vielen Medienpartner der Wiener Festwochen. So kann man dann alles noch einmal schwarz auf weiß nachlesen, inklusive einer wohlwollenden Kritik zwei Tage später.

Die Kommune der Wahrheit beim Premierenapplaus

Die Kommune der Wahrheit beim Premierenapplaus – Foto: St. B.

 

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Ich bin der Welt abhanden gekommen

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh‘ in einem stillen Gebiet!
Ich leb‘ allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!

Friedrich Rückert  (1821), Musik: Gustav Mahler

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Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine
Nachrichtentheater von Nicolas Stemann
Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Anika Marquardt, Lani Tran-Duc, Nicolas Stemann, Kostüme: Marysol del Castillo, Video: Claudia Lehmann.
Mit: Franziska Hartmann, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Jörg Pohl, Sebastian Rudolph, Birte Schnöink, Miriam Fontaine, Magdalena Hiller, Elisabeth Kanettis, Susanna Kratsch, Mariano Margarit, Birgit Unger, Verena Uyka, Fabiola Varga, Werner Weissgram, Florence Weissgram, Post und Telekom Musik Wien (Leitung: Christian Schranz).
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

ab 14.09.2013 im Thalia Theater Hamburg

Blog der Kommune der Wahrheit

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