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„Die Neger“ von Jean Genet und „Macbeth“ nach Verdi – Zwei Stücke über Rassismus und Postkolonialismus bei den Wiener Festwochen (Teil 3)

Mittwoch, Juni 11th, 2014

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Die Provokation bleibt aus – Die Neger von Jean Genet in eher blasser Inszenierung von Johan Simons.

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Wiener Festwochen 2014

Es gab bereits im Vorfeld der Premiere zur Neuinszenierung von Jean Genets Die Neger durch Johan Simons bei den WIENER FESTWOCHEN einigen Protest im Internet. Einerseits war mal wieder der Titel, dann die Praxis des Blackfacing in Form des Ankündigungsplakates und anderseits natürlich die deutsche Aufführungspraxis mit weißen Darstellern der Stein des Anstoßes. Bei der Inszenierung von Peter Stein 1983 in der Berliner Schaubühne gab es noch die Erlaubnis von Jean Genet höchst selbst. Genet ist lange tot. Die Verhältnisse haben sich in Teilen verbessert. Grundsätzlich verändert hat sich die Stellung der Schwarzen in der weißen Gesellschaft nicht. Und auch die koloniale Ausbeutung funktioniert noch, nur eben auf einer viel globaleren Ebene.

„Ich habe schon zu den Schauspielern gesagt: Ich brauche sowieso nur fünf Minuten zu inszenieren, dann werden die Aktivisten die Bühne stürmen. Aber in diesen fünf Minuten müsst ihr euer Bestes geben.“ (Johan Simons | Quelle: SPIEGEL ONLINE) Die Proteste sind ausgeblieben, das Erregungspotential der vorab im Netz verfügbaren Pressefotos wohl auch zu gering. Das Stück in Die Weißen umzubenennen scheint aber nach der Premiere dennoch nicht ganz unlogisch. Diesem Wunsch Johan Simons ist der Autor der deutschen Übersetzung Peter Stein nicht nachgekommen. Johan Simons nähert sich nun sehr vorsichtig und fast schon übertrieben artifiziell der Versuchsanordnung von Genet.

Die Neger von Jean Genet im Theater Akzent Foto: St. B.

Die Neger von Jean Genet im Theater Akzent
Foto: St. B.

Ein Stück von Schwarzen gespielt für ein weißes Publikum. In einem Spiel sollten nach des Autors Idee eine Gruppe Schwarzer einen Lustmord an einer weißen Frau verüben, und das vor den Augen eines weißen Hofstaats. Die Vorführung und Überspitzung weißer Klischees über Schwarze als fremde, wilde Wesen – stets zum Töten bereit. Aber eben auch eine Spiegelung dieser Klischees, in denen sich die weißen Zuschauer wiedererkennen sollten. Die Darstellergruppe der Weißen trug in der Uraufführung 1958 in Paris weiße Masken. Das hat auch Simons für seine Inszenierung übernommen, nur das jetzt die ausnahmslos weißen Darsteller der Münchner Kammerspiele und des Deutschen Schauspielhauses Hamburg gesichtslose weiße und schwarze Pappmaché-Masken tragen.

Auf der Bühne im kleinen Wiener Theater Akzent liegt eine wächserne Frauenfigur wie in Aspik auf einem Tisch und wird sich im Verlauf des Spiels verflüssigen. Der Clou von Simons Inszenierung aber ist, Archibald, den Spielleiter der Schwarzen, doppelt zu besetzen. Einmal mit dem schwarzen niederländischen Schauspieler Felix Burleson und einem, man könnte fast sagen haar- und hautgleichen Klon von ihm in Gestalt des weißen Schauspielers Stefan Hunstein. Ein Kopie, so real wie nur möglich. „Mesdames, Messierus… heute Abend spielen wir für Sie.“ Eine böse, politisch unkorrekte Clownerie hatte sich Jean Genet da ausgedacht. Johan Simons macht daraus ein Hochamt für Political Correctness.

Die Neger - v.l.n.r. Maria Schrader (Die Königin), Benny Claessens (Village) Foto (c) Julian Röder

Die Neger – v.l.n.r. Maria Schrader (Die Königin), Benny Claessens (Village)
Foto (c) Julian Röder

Das Korsett, in das Simons seine Inszenierung samt Darsteller zwingt, verschleiert alles, was Genet eigentlich enthüllen wollte. Lange, weite Kittel und Handschuhe, nicht das kleinste Fleckchen Haut seines weißen Hofstaats, wie auch das seiner weißen „Neger“, nach deren Farbe Genet so provokativ fragte, ist zu sehen. Das Konzept (falls es je eines gab), allein mit weißen Schauspielern Genets Maskerade nachzustellen, schießt sich umständlich von hinten um die Ecke selbst ins Knie. Die Darsteller agieren mal vor und mal hinter einem Papiervorhang, wobei die weißen Pappköpfe die meiste Zeit dahinter auf Hockern stehen (bei Genet noch ein erhöhtes Podest) und dann erst später neugierig noch vorn kommen. Sie zeigen mit Krone (Maria Schrader als müde Königin), Kreuz (Hans Krämer als Missionar, für den Gott seit 2000 Jahren weiß ist) und Buch (Edmund Telgenkämper als Richter mit weißem Gesetz) ihr Amt im Hofstaat. Die Schwarzen tragen dagegen ausladenden Kopfputz.

Die Gegensätze schwarz und weiß verwischt Simons immer wieder durch gezielte Licht- und Schattenspiele in ein gleichmacherisches Grau, das mit farbigen Auren umflort wird. Das ist teils schön anzusehen, aber auch stark symbolträchtig überladen. Man könnte auch von schwarzen und weißen Schachfiguren sprechen, die dem Spielleiter Archibald (hier dem schwarzgeschminkten Stefan Hunstein) etwas durcheinandergeraten sind. Seine Kommandos und Ermahnungen, die er laut Genet immer wieder aussprechen muss, werden von seinem echten Gegenüber mal mürrisch, mal aufmunternd kommentiert. Mehr hat Felix Burleson nicht zu sagen. Er bleibt unbeteiligter Beobachter einer merkwürdig verqueren Kunstanstrengung. Im hohen Tragödienton bringen die Schauspieler Genets spitze bis pathetische Texteskapaden über die Rampe. Dass es ein unterhaltsamer Abend werden würde, hat sicher niemand erwartet. Das Stück ist schon schwer zu lesen, in der Umsetzung durch Simons wird es jedoch zur reinen Geduldsprobe für das Publikum.

Das ästhetische Äußere überdeckt so den eigentlichen Inhalt. Genets Parabel hat mehrere Ebenen. Die Diskussionen um den Ritualmord, den der Schwarze Village begehen soll, und dessen drastische Schilderungen. Beschwichtigungen, Hass und offener Aufruf zum Widerstand, provozierende und entlarvende Aussagen auf beiden Seiten. Sogar eine kleine Liebesgeschichte am Rande, die wiederum ein weiteres Unterdrückungspotential andeutet. Benny Claessens gibt einen tapsigen, eintönig lamentierenden Village, Bettina Stucky als Félicité eine beschwörende „Mama Afrika“ und Kristof Van Boven einen blass-ambivalenten Diou. Als Witzfigur von draußen taucht Christoph Lusers Ville de Saint-Nazaire immer wieder wie ein kleiner Terrorist mit einer Spielzeugpistole auf. Die sich nebenbei andeutende Liebesbeziehung zwischen Village und Vertu (Anja Laïs) verpufft fast völlig in den gespreizten Dialogen.

Die Neger - v.l.n.r. Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige) Foto (c) Julian Röder - JU Ostkreuz

Die Neger – v.l.n.r. Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige) – Foto (c) Julian Röder

Die Sprache verformen, sich mit ihr umhüllen und in ihr verstecken, ist der Kniff Genets um den weißen Zuschauer zu reizen, zu verführen oder auch nur zu verwirren. Hier ertönt immer wieder ein christlich gemahnender Bach-Choral und schläfert das Zerdehnen des Textes höchstens ein, bis man irgendwann durch eine Explosion hinter der Bühne wieder hochgerissen wird. Das Zeichen zum Aufstand und Fallenlassen der Masken. Bei Simons wechseln die Schwarzen nun zu weißen Masken und verschmelzen schließlich mit dem zuvor in Zeitlupe getöteten Hofstaat zu einem einzigen gefallenen Höllenknäul. Der echte Archibald, der hier wie in einem Albtraum gefangen scheint, verlässt rauchend als einziger die Bühne. Ihm hat es die Sprache verschlagen, der einzig wirklich stimmige Kommentar zu diesem Abend.

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DIE NEGER
von Jean Genet
Premiere im Theater Akzent Wien: 03.06.2014
Eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen, dem Schauspielhaus Hamburg (Premiere am 14.06.2014) und den Münchner Kammerspielen (Premiere am 17.06.2014)
Regie: Johan Simons, Bühne: Eva Veronica Born, Kostüme: Greta Goiris, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Koen Tachelet, Rita Thiele
Mit: Felix Burleson, Karoline Bär , Benny Claessens, Stefan Hunstein, Hans Kremer, Anja Laïs, Christoph Luser, Oliver Mallison, Maria Schrader, Bettina Stucky, Edmund Telgenkämper, Kristof Van Boven, Jeff Wilbusch, Gala Winter

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/die-neger/

Zuerst erschienen am 06.06.2014 auf Kultur-Extra

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Macbeth – Der Südafrikaner Brett Bailey mit seiner Version der Oper des Shakespeareklassikers nach Verdi.

Wie man einen ursprünglich rein weißen Klassiker-Stoff – noch dazu die vom großen italienischen Komponisten Verdi veroperte Shakespeare-Tragödie des Macbeth – für schwarzes Theater adaptieren kann, zeigte bereits Ende Mai der weiße südafrikanische Theatermacher Brett Bailey bei den Wiener Festwochen. Für seine Macbeth-Version, die im April 2014 in Kapstadt Premiere hatte, bearbeitete der belgische Komponist Fabrizio Cassol Verdis Musik für das No Borders Orchestra unter Premil Petrović. Bailey übersetzte das italienische Libretto von Francesco Maria Piave und Andrea Maffei für die Übertitelung ins Englische (dt. ÜT: Simona Weber) und bearbeitete es bezüglich der Verlegung der Handlung in die heutige Region des von paramilitärischen Rebellengruppen umkämpften Osten der Demokratische Republik Kongo. Gesungen wird aber der traditionelle Text auf Italienisch.

Wiener Festwochen 2014

Die Wiener Festwochen am Karlsplatz

Schockte Brett Bailey 2012 noch die Sehgewohnheiten des weißen, europäischen Publikums bei den Wiener Festwochen und den Foreign Affairs in Berlin mit seiner Installation Exhibit B, in der durch schwarze Performer lebensecht Bilder unserer verdrängten kolonialen Vergangenheit nachgestellt wurden, so wartet er hier nun nach Orfeus (Theaterformen Festival, Hannover, 2011) und medEia (Foreign Affairs, 2011) wieder mit einer Klassikerbearbeitung für ein rein schwarzes Ensemble auf. Eine Texteinblendung per Video erzählt die Vorgeschichte einer Theatergruppe auf der Flucht, die im Rathaus der Stadt Goma Kisten mit Kostümen und Requisiten der Oper Macbeth finden und damit eine Geschichte über ihre Region aufführen. Die Biografien der einzelnen Interpreten werden im Video vorgestellt. Im kleinen Theater Odeon in der Taborstraße (Den hohen Saal im Gebäude der alten Börse nutzt sonst u.a. das Serapions Ensemble für Aufführungen ihres Figurentheaters.) wird auf fast völlig abgedunkelter Bühne gespielt. In der Mitte erhebt sich ein Podest, rechts daneben sitzt das Orchester und am linken Rand tritt immer wieder ein kleiner Chor in wechselnden Rollen auf. Baileys auf 90 Minuten verdichtete Inszenierung kommt mit drei Gesangssolisten aus.

Macbeth - The Witches - Foto: Nicky Newman

Macbeth – The Witches – Foto: Nicky Newman

Macbeth (Owen Metsileng) ein massiger Bariton und sein Gefährte Banquo (Otto Maidi) treffen nach erfolgreichem Kampf gegen eine rivalisierende Rebellengruppe auf die drei Hexen, dargestellt von weißmaskierten Männern mit Tropenhelmen, Geldkoffern und Geschenkkisten, in denen sich Camouflageuniformen befinden. Die Vertreter des Konzerns Hexagon offerieren den beiden Kämpfern die bekannten Weissagungen vom Aufstieg des Macbeth und Banquos Nachfahren. Die Stimmen leihen ihnen dabei drei Frauen aus dem Chor, denen ein weiterer Kämpfer die Machete an den Hals hält. Mit Angst, Gewalt und Vergewaltigung terrorisieren die Rebellen die Zivilbevölkerung im Krieg um die Rohstoffe des Landes. Das Geld für die Waffen kommt von ausländischen Konzernen, die im Gegenzug dafür Schürfrechte für Gold, Diamanten und das für Elektronikgeräte wie Mobil-Telefone und Notebooks benötigte Coltan erhalten.

Erst kürzlich hatte der deutsche Autor Roland Schimmelpfennig das von ihm geschriebene märchenhaft versponnene Stück SPAM über den Coltanabbau in Afrika am Deutschen Schauspielhaus Hamburg selbst inszeniert. Bailey Shakespeareadaption hält sich weitestgehend an den bekannten Plot. Per Videoprojektion werden aber aktuelle Details und Fakten zu einzelnen Rebellengruppen, Waffenlieferungen, transparenten Börsen und Finanzierungen des IWF als Kommentare eingeblendet. Animierten Videobilder und Symbole verstärken die Handlung zusätzlich. Die Lady (Nobulumko Mngxekeza) wartet bei der Wäsche auf die Rückkehr Macbeths und erhält per SMS die Nachricht der Beförderung. Der Aufstieg Macbeth‘ und seiner Lady wird an Kleidung und sie umgebende Markenwaren verdeutlicht.

Macbeth - Owen Metsileng als Macbeth Foto: Nicky Newman

Macbeth – Owen Metsileng als Macbeth
Foto: Nicky Newman

Ein Blauhelmsoldat der MONUSCO-Friedensmission filmt das Begräbnis des ermordeten Duncan. Nachdem der alte Kommandant aus dem Weg geschafft ist, geht es nur noch um den Machterhalt und die Beseitigung von Banquos Brut. Ein Kommentar zur Untätigkeit der UNO. Die gedungenen Mörder Banquos sind vier sonnenbebrillte Milizionäre mit Macheten, die danach an einem vorgehaltenen Tischtuch mit der Lady speisen und rhythmische Tänze aufführen. Der Leichnam des Banquo liegt dabei vorn auf der Bühne. Die Hexen werden wieder bemüht, und ein weiteres Mal verteilen die „weißen“ Männer Geld und machen Versprechungen. Totenköpfe und schwarze Babypuppenleichen liegen auf der Bühne. Der Chor klagt die Mörder vor den Kleidungsstücken der Toten an.

„Bullshit“ ruft die Lady im Kampanzug mit vorgehaltener MPi, bevor sie dem Wahnsinn verfällt. Das Schicksal des zaudernden Milizenführers Macbeth kann das nicht mehr ändern. Auch er stirbt durch die Machete eines anderen. Der Kontrast vom italienischen Opernlibretto zu Baileys Text mit teilweise drastischem Vokabular und der szenischen Umsetzung ist offensichtlich, trägt damit aber zum besseren Transport der aktuellen Botschaft bei. Die Musik des Zehnköpfigen Kammerorchesters ist kraftvoll und wird noch durch zwei Percussionisten verstärkt. Die Sangesleistung der Interpreten beeindruckt ebenfalls. Die Siegeshymne „Salve, o re!“ wird zum Klagechor aller. Brett Bailey hat dazu einen neuen Text über das Blutvergießen um der Macht Willen geschrieben. „Das Gesetz des Dschungels“, das von westlichen Konzernen mitbestimmt wird.

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Macbeth
Nach der Oper Macbeth von Giuseppe Verdi
Konzept, Inszenierung und Ausstattung: Brett Bailey
Musik: Fabrizio Cassol
Musikalische Leitung: Premil Petrović
Licht: Felice Ross
Choreografie: Natalie Fisher
Kostüme: Penny Simpson
Videotechnik und technische Assistenz: Carlo Thompson
Illustration und Animation Video: Roger Williams
Foto: Projektion Marcus Bleasdale/VII & Cedric Gerbehaye
Text: Übertitelung Brett Bailey

Mit:
Macbeth: Owen Metsileng
Lady Macbeth: Nobulumko Mngxekeza
Banquo: Otto Maidi
Chor: Sandile Kamle, Jacqueline Manciya, Monde Masimini, Siphesihle Mdena, Bulelani Madondile, Philisa Sibeko, Thomakazi Holland

Foto: St. B.

Foto: St. B.

No Borders Orchestra
Violine: Mladen Drenić, Jelena Dimitrijevic
Viola: Saša Mirković
Cello: Dejan Božić
Kontrabass: Goran Kostić
Querflöte: Jasna Nadles
Klarinette: Nenad Nešić
Fagott Milos: Dopsaj
Trompete: Nenad Marković
Posaune: Viktor Ilieski
Percussion: Cherilee Adams, Dylan Tabisher

Produktion: Third World Bunfight, Kapstadt
Koproduktion zwischen Wiener Festwochen, Kunstenfestivaldesarts, Brüssel, KVS, Brüssel, Festival Theaterformen, Hannover/ Braunschweig, Barbican Centre, London, La Ferme du Buisson, Marne-la-Vallée, Festival d’Automne à Paris
Mit Unterstützung von Programm Kultur der Europäischen Union, In Kooperation mit Odeon Wien

Spieltage bei den Wiener Festwochen:
24.05.14, 20:00 Uhr
25.05.14, 20:00 Uhr
27.05.14, 20:00 Uhr
28.05.14, 20:00 Uhr

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/macbeth/

Weitere Termine in Europa:

Festival Theaterformen Braunschweig:
11.06.14, 19:30 Uhr
12.06.14, 19:30 Uhr

Barbican Centre, London
16. bis 20.09.14, 19:45 Uhr

Festival d’Automne à Paris
18. bis 22.11.14 im Nouveau théâtre de Montreuil, centre dramatique national
25. und 26.11.14 im La Ferme du Buisson, Scène nationale de Marne-la-Vallée

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Mozarts Così fan tutte in der Regie von Michael Haneke bei den Wiener Festwochen (Teil 2).

Donnerstag, Juni 5th, 2014

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Wiener Festwochen 2014

Così fan tutte (dt.: So machen es alle oder die Schule der Liebenden) ist die zweite Opera buffa von Mozart, die Filmregisseur Michael Haneke im Auftrag des kürzlich verstorbenen Opernintendanten Gérad Mortier inszeniert hat. Nach dem Don Giovanni 2006 in Paris hatte Mozarts musikalische Komödie der amourösen Verwicklungen um zwei Liebespaare im Neapel des 18. Jahrhunderts im März 2013 in Madrid Premiere. Dem Chef der WIENER FESTWOCHEN, Markus Hinterhäuser, gelang es die Produktion ans Theater an der Wien zu holen, wo die drei Aufführungen nun Gérad Mortier gewidmet sind. Zu Mozarts und Da Pontes Zeiten wegen versteckter Anspielungen noch ein Fall für den Zensor, sieht man heute Così fan tutte eher als nette komische Oper. Dieses Image wollte Michael Haneke mit seiner Inszenierung wohl ändern.

Mozarts Maskerade wird hier in einer großen Villa gespielt, die sich zu einem Park hin öffnet. Große Bilder mit Rokokospielen erinnern an die Zeit, das Interieur ist sparsam, nur ein Kamin rechts und riesiger Spiegelkühlschrank links, aus dem sich die Protagonisten immer wieder reichlich mit Getränken versorgen. Der reiche, satte Hausherr Don Alfonso (William Shimell) im Rokoko-Outfit hat zur Themenparty geladen, aber nicht alle seiner Gäste sind der Vorgabe gefolgt. Die beiden Paare Fiordiligi (Anett Fritsch) und Guglielmo (Andreas Wolf) sowie Dorabella (Paola Gardina) und Ferrando (Juan Francisco Gatell) tragen heutige Abendgarderobe. Ein Pierrot in blond ist Kerstin Avemo als Despina, die hier den komödiantischen Part gibt sowie für Don Alfonso eindeutig mehr als nur Hausmädchen zu sein scheint. Als eigentliche Dame des Hauses bietet sie ihm ein ums andere Mal Paroli.

Così fan tutte - v.l.n.r.: Paola Gardina (Dorabella), Juan Francisco Gatell (Ferrando), William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi) Foto: Javier del Real / Teatro Real

Così fan tutte – v.l.n.r.: Paola Gardina (Dorabella), Juan Francisco Gatell (Ferrando), William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi)
Foto: Javier del Real / Teatro Real

Don Alfonso ist gelangweilt von den Liebesschwüren und Schwärmereien der verliebten Paare und schlägt den beiden jungen Offizieren eine Wette vor, die Treue der Frauen auf die Probe zu stellen. „Fröhlich lebt sich’s als Soldat“, will heißen, schnell sind die beiden Cavaliere durch Einberufung den jungen Damen entrissen und kehren als folkloristisch gekleidete Albaner mit Schnauzbärten zurück. Allein – so lässt sich das Feuer der Begierde noch nicht entfachen, und so muss eine List mit Arsen und Messmer’scher Apparatur her. Den kuriosen Wunderheiler mit magnetischem Appel-Notebook gibt Despina im Frack mit großer Brille. Nur das Ungestüm der beiden scheinbar Vergifteten erregt den Zorn der Damen. Diesen gilt es nun in Liebe umzuwandeln.

Mitleid erbitten ist die halbe Miete, den Rest sollen Kerzenschein, Mondlicht und schöne Worte richten. Und so erscheinen die beiden Treuetester nach der Pause kerzenumkränzt zum Mondscheindinner. Durch Despina entsprechend eingestimmt – wenn man den einen nicht kriegen kann, warten mindestens schon zwei andere – lassen sich Fiordiligi und Dorabella endlich auf das Drängen der beiden fremden Herren ein. Amors Verführung und Verdammnis liegen dicht beieinander. Und das ist dann eigentlich auch der Beginn der wahren Gefühlsverwirrungen, die hier noch dadurch gesteigert werden sollen, dass Guglielmo und Ferrando nicht mehr mit Bärten verunstaltet sind, sondern in ihrer wahren Gestalt auftreten. Und so reißt es in wildem Partnertausch erst die mit Herzgeschenk willig gemachte Dorabella mit Guglielmo in den Garten und die arme Fiordiligi zwischen Herzenslust- und kälte, Kamin und Kühlschrank hin und her.

Così fan tutte - v.l.n.r.: William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi), Juan Francisco Gatell (Ferrando), Paola Gardina (Dorabella), Kerstin Avemo (Despina) Foto: Javier del Real / Teatro Real

Così fan tutte – v.l.n.r.: William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi), Juan Francisco Gatell (Ferrando), Paola Gardina (Dorabella), Kerstin Avemo (Despina)
Foto: Javier del Real / Teatro Real

Herzzerreißend singt dann auch Anett Fritsch ihre Arie von Treulosigkeit und Verrat und will ganz liebende Seele ihrem Guglielmo in den Krieg folgen. Doppeltreffer triumphiert hier schon Ferrando und ist baff, als er vom Treuebruch seiner Dorabella erfährt, bis ihm schließlich sogar noch Fiordiligi ihre Liebe gesteht. Das gibt zunächst eifersüchtiges Gerangel, doch Strippenzieher Don Alfonsos kann die beiden Herren noch zu einer gekreuzten Doppelhochzeit mit Ehevertrag überreden. Sehr glücklich sieht hier aber keiner aus, und nach der Auflösung des ganzen Schwindels durch die Männer flieht die Hochzeitgesellschaft; es gibt ein paar Tränen der Damen und eine Ohrfeigenaustausch zwischen den beiden Intrigeneinfädlern Don Alfonso und Despina, die sich ebenso betrogen fühlt wie der zynische Don Alfonso um sein Geld. Das Ganze endet in einem Gezerre der Protagonisten an der Rampe, von heiterem Sinn und Gelassenheit keine Spur.

Michael Hanekes Interesse gilt dann auch eher der Verbissenheit der Paare, sich gegenseitig zu misstrauen, zu bezichtigen und schließlich zu demütigen. Den Tiefenforscher menschlicher Psyche quälen diese Fragen nach dem Warum mehr als die Lust am Maskenspiel. Das schlägt sich auch in der Musik nieder, die bisweilen etwas tragend daherkommt. Gewollte Brüche und Pausen zwischen den Arien sollen wohl zum Nachdenken anregen. Das ist sicher auch richtig, stehen doch die Frauen wieder als die Ungetreuen dar, obwohl sie doch auch die Betrogenen sind. Mehr Modernität ist dann allerdings mit Hanekes sparsamer szenischer Einrichtung nicht zu machen. Was wiederum Raum für die überzeugende Darstellung und Sangeskraft der Interpreten gibt. Großer Jubel für sie und auch für das Orchester und das Produktionsteam um Michael Haneke.

Herzlicher Premieren applaus für das Produktionsteam um Michael Haneke - Foto: St. B.

Herzlicher Premieren applaus für das Produktionsteam um Michael Haneke – Foto: St. B.

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Così fan tutte

Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto von Lorenzo Da Ponte

Premiere am 02.06.2014 im Theater an der Wien

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling
Inszenierung Michael Haneke
Bühne Christoph Kanter
Kostüme Moidele Bickel
Mitarbeit Kostüme Dorothée Uhrmacher
Licht Urs Schönebaum
Chorleitung Andrés Máspero

Fiordiligi Anett Fritsch
Dorabella Paola Gardina
Guglielmo Andreas Wolf
Ferrando Juan Francisco Gatell
Despina Kerstin Avemo
Don Alfonso William Shimell

Cembalo Eugène Michelangeli
Orchester Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Chor Coro Titular del Teatro Real

Produktion Teatro Real, Madrid
Koproduktion De Munt / La Monnaie, Brüssel

Dauer: 3 Std. 45 Min., 1 Pause

Spieltage:

  • Mo 02.06.14 19:00 Uhr
  • Mi 04.06.14 19:00 Uhr
  • Do 05.06.14 19:00 Uhr

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/cosi-fan-tutte/

Zuerst erschienen am 04.06.2014 auf Kultura-Extra.

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Wiener Festwochen 2014 – Teil 1

Mittwoch, Juni 4th, 2014

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Tararabumbia – Ein verrückter Tschechow-Bilder-Reigen am laufenden Band

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Wiener Festwochen 2014

Gebannt schauen die Besucher der Halle E im Museumsquertier auf ein großes Portal an der einen Seite eines über 30 Meter langen Laufbandes, an dem sie links und rechts davon aufgereiht sitzen. Aber ein kleiner Junge läuft genau von der anderen Seite her über das Band, stolpert und schüttet einen Kasten mit Karten und bunten Steinen vor sich aus. Mühsam sammelt er die Sachen wieder in sein Kästchen ein und verschwindet…

Und so geht es 75 Minuten lang bei diesem Gastspiel des Theaters Schule für Dramatische Kunst Moskau unter der Leitung von Dmitry Krymov weiter. Der russische Bühnenbildner und Regisseur schüttet in Tararabumbia einen Kasten voller fantastischer Figuren und szenischer Bilder vor uns aus. Diese Träume und Visionen des 60jährigen und aus einer Theaterfamilie stammenden Künstlers drehen sich im weitesten Sinne um die Theaterwelten des russischen Schriftstellers und Dramatikers Anton Tschechow, zu dessen 150. Geburtstag 2010 die Performance in Moskau uraufgeführt wurde, aber auch um Personen und Ereignisse der russisch/sowjetischen Geschichte.

Es handelt sich hier aber keineswegs um einen Zusammenschnitt von Spielszenen aus Tschechow-Stücken, sondern eher um einen assoziativen, bunten und zuweilen tragikomischen Bilder-Reigen, der sich da am laufenden Band vor uns abspult. Am Anfang steht eine vorbeidefilierende Soldatenkapelle aus der Zeit der Drei Schwestern Olga, Mascha und Irina, die sehnsuchtsvoll auf ihre Zeit in Moskau zurückblicken. So überhöht wie die zu dramatischen Ikonen der schwermütigen Melancholie stilisierten Dramenfiguren Tschechows laufen die Frauen auf Stelzen sowie ein ganzer Pulk strohbehüteter Trigorins über das Band. Der vom Leben gelangweilte, die Ruhe des Landes suchende Schriftsteller aus der Möwe tritt als Rudel russischer Sommerfrischler mit Angelruten auf. „Das Leben ist interessant, hell und prall“ schwadronieren sie im Vorbeieilen, der Takt dazu wird auf Eimern geschlagen.

Tararabumbia_4_Foto (c) Natalia Cheban

TararabumbiaFoto (c) Natalia Cheban

Die Reisegesellschaft aus dem Kirschgarten erscheint mit Koffern. Onkel Gajew hält seine Ode an den hundertjährigen Schrank und kriecht in ihn hinein. Die drei Schwestern führen ihren Bruder Andrej als große Puppe (ein Ebenbild des Theatermacher Krymov) vor sich her, und Schwägerin Natascha preist ihr Söhnchen Bobik. Ein ironischer Vorbeimarsch von Tschechow-Figuren, wie sie Krymov selbst jahrelang inszenierte, die kaum dass sie am Ende hinter der Tür scherbelnd vom Band fallen, auf der anderen Seite fröhlich Urständ feiern. Als Running Gag ziehen zwei Soldaten immer wieder den soeben im Duell erschossenen Baron von Tusenbach aus den Drei Schwestern, dessen Beine dabei immer länger werden, über das Band.

Breiten Raum gibt Krymov Tschechows Drama Die Möwe. Hier bekommt der Abend seinen dramatischen Höhepunkt. Jungautor Konstantin zerfetzt sein Theatermanuskript, bevor er sich theatralisch im vorbeifahrenden Glaskasten erschießt. Dann rennt er wieder, in seinen Kopfverband verwickelt, hinter seiner angebeteten Schauspieler-Mutter her. Die titelgebende Möwe wird als kreischende Braut mit weißen Schwingen als flatternder Drache mit Jonglierkeulen auf rotem Teppich über das Band geführt. Eine nimmermüde Wandertheatertruppe aus Akrobaten, Gauklern, Schaustellern und auch modernen Breakdancern. Wie zufällig feiert auch in Wien am Samstag Die Möwe im Akademietheater in der Regie von Jan Bosse Premiere. Man wird dabei an Krymov denken.

Tararabumbia - Foto (c) Natalia Cheban

TararabumbiaFoto (c) Natalia Cheban

Nachdenkliche Bilder lässt der Regisseur dann auch mit einem Güterwagen der Geschichte an uns vorbeifahren, aus dessen Innerem der Geist Tschechows entweicht und von einem langen Zug Weißgewandeter zu Grabe getragen wird. Fotos von Tschechow werden an die Gewänder der Vorbeiziehenden projiziert. Eine neue Zeit bricht an. Figuren der sowjetischen Politik, Sport- und Kulturgeschichte wie kühne Flieger, Synchronschwimmerinnen, Matrosen und Budjonnyreiter (der sowjetische Schriftsteller Furmanow) bestimmen nun das Geschehen auf dem Band. Eine Delegation des Bolschoi-Theaters mit roten Aktenmappen und in Tutus hüpft über den Laufsteg. Eine karnevaleske Truppe Venezianer in einer Gondel und auch eine Abordnung aus dem norwegischen Helsingör mit Prinz Hamlet an der Spitze komplettieren die theatrale Repräsentanz der kulturellen Welt Krymovs.

Am Ende kommt die Blaskapelle vom Anfang wieder, nun in den Uniformen der Roten Armee und mit allen der 80 Darstellern in ihren Kostümen, die winkend noch einmal an uns vorüberziehen. Man kann Tararabumbia als sentimentale Liebeserklärung an Tschechow, das Theater oder Mütterchen Russland allgemein sehen. Wenn man Tschechows Dramen nicht so genau kennt, lässt sich der Abend aber auch als ironisch gefärbtes, russisches Geschichts-Defilee interpretieren, an dessen Ende man noch lange nicht in der Gegenwart angekommen ist und bei dem das unaufhörlich immer schneller rauschende Band in eine ungewisse Zukunft weist.

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Tararabumbia
Konzept und Inszenierung: Dmitry Krymov
Musik: Alexander Bakshi
Musikalische Leitung: Ljudmila Bakshi
Bühne: Maria Tregubova
Licht: Olga Ravvich
Puppen: Viktor Platonov
Choreografie: Vladimir Belyaykin
Sound: Sergey Alexandrov
Video: Alexander Shaposhnikov
Computer-Support: Sergei Chernyshov
Maske: Anastasiya Mishenkova
Leitung: Brass-Band Armen Pogosyan

Mit: Vadim Andreev, Ivan Barakin, Vladimir Belyaikin, Natalia Gorchakova, Maria Gulik, Alexey Gumeniuk, Valery Gurianov, Igor Danilov, Irina Denisova, Vadim Dubrovin, Sophia Yefimova, Oleg Yeliseev, Ivan Yerishev, Nikolay Zhigoulin, Alexander Ignatov, Arkady Kirichenko, Paul Kravets, Vicktoria Kamayeva, Ekaterina Kuzminskaya, Alexander Laptei, Igor Lesov, Maria Lesova, Maxim Maminov, Sergei Melkonyan, Natalia Maslova, Olga Malinina, Varvara Mishina, Oksana Mysina, Varvara Nazarova, Sergei Nazarov, Boris Opletaev, Oleg Ohotnichenko, Vera Romanova, Julia Syomina, Anna Sinyakina, Anastasia Smirnitskaya, Anton Telkov, Irina Teplukhova, Anna Sirotina, Nikita Seledtsov, Mihail Umanets, Maria Chirkova, Vladimir Churkin, Igor Yatsko
Chor Svetlana Anistratova, Ludmila Belyavskaya, Nicholas Babich, Anna Bukatina, Dmitry Vlasenko, Elena Gavrilova, Elena Yershova, Gulnara Zakirova, Irina Ivashkina, Konstantin Isayev, Inna Mishenkova, Dmitry Ohrimenko, Pjotr Ostapenko, Olga Penina, Vyacheslav Prikhodkin, Ekaterina Serebrinskaya, Dmitry Chadov, Dmitry Shishliannikov, Anna Yashchenko
Breakdance: Dmitry Egorov, Alexander Kornilov, Andrey Makarov, Sergey Seryogin, Vilen Syrenov
Brass Band: Hachatur Ambartsumian, Basil Denyushin, Sergey Kryukovtsev, Mikhail Naydin, Dmitry Ryzhov

Produktion: Internationales Tschechow-Festival, Moskau; Schule für dramatische Kunst, Moskau

Russisch mit deutschen Übertiteln
Dauer: 75 Min.

Spieltage:

  • Mi. 28.05.14 19:30 Uhr
  • Do. 29.05.14 16:00 Uhr
  • Do. 29.05.14 21:00 Uhr
  • Fr. 30.05.14 19:30 Uhr

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/tararabumbia/

Zuerst erschienen am 01.06.2014 auf Kultura-Extra.

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Die Kiste im Baumstamm – Der Japaner Kuro Tanio begibt sich bei den Wiener Festwochen mit seinem symbolträchtigen Bildertheater tief in die Psychoanalyse und Traumdeutung nach Sigmund Freud

„Wir sind sehr stolz, das Stück hier präsentieren zu dürfen, aber ich bin auch sehr aufgeregt.“ wird Regisseur Kuro Tanio im Programmheft der Wiener Festwochen zu seinem Gastspiel Die Kiste im Baumstamm zitiert. Tanio war zuerst Psychiater, bevor er zum Theater kam; und in der Heimatstadt des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud dessen Theorien in dieser Form auf die Bühne zu bringen, kann auch schnell mal als Sakrileg aufgefasst werden. Selbst Sohn eines Psychiaters beschäftigt sich der Liebling der Tokioter Avantgarde-Szene in seinem Stück nämlich mit einer übermächtigen Vater-Sohn-Beziehung, Traum und Traumatisierung.

Die Kiste im Baumstamm - Foto (c) Aki Tanaka

Die Kiste im BaumstammFoto (c) Aki Tanaka

Der in seinem Studium bereits etwas zurückhängende Kenji (Ikuma Yamada) sitzt in seinem selbst für japanische Verhältnisse recht beengten Zimmerchen und versucht sich an mathematischen Formeln, obwohl er doch lieber einen Roman schreiben würde. Durch seinen herrischen alten Vater an seine Pflichten erinnert, beugt sich Kenji wieder über seine Arbeit, verliert sich aber bald in den wirren Gedankenwelten seiner Kindheitserinnerungen und schläft in seiner Koje ein. Nachdem sich die kleine Guckkastenbühne gedreht hat, zeigt sie einen niedrigen Raum, in dem zwei Baumstämme durch Decke und Boden wachsen und sich zwei seltsame Gestalten mit Schweinsrüssel und Schafshörner vom Saft der Stämme ernähren, von denen der eine bereits am vertrocknen ist. In diese wundersam abstruse Traumwelt gerät nun der unter den Baumwurzeln im Keller erwachte Kenji.

Man kann dies als Symbol für die versiegende Manneskraft des alternden Vaters und die erwachende Sexualität des Sohnes deuten. Kuro Tanio macht daraus einen kuriosen Bilder-Albtraum, indem der junge Kenji auf den Spuren seines verdrängten Kindheitstraumas wandelt, in dem der Vater mit seinem überwältigenden Penis die Hauptrolle spielt. Im Restaurant „Limbus“ werden Kenji ekelige Gürteltiermenus, Kakerlakenlarven und ein dickflüssig weißer Cocktail serviert. Vermeintlich in den Himmel geraten, verschlägt es den Umherirrenden in immer weitere Zimmer und Kämmerchen, in denen Kuckucksuhren tote Vögel ausspucken, Hirschgweihe an den Wänden hängen, schweigsame Wesen Klavier spielen und deutliche Abdrücke im Sessel auf den alles überlagernden Gedanken an den Vater verweisen.

Die Kiste im Baumstamm - Foto (c) Aki Tanaka

Die Kiste im BaumstammFoto (c) Aki Tanaka

Nachdem Kenji ihn endlich gefunden hat, entspinnt sich alsbald eine Lektion in Sachen Männlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt. Der immer neugierig und ehrfürchtig vor dem Schlafgemach des Vaters erstarrte Junge wird nun endlich in das Reich seiner Träume und Fantasien vorgelassen. Hier ist nun wirklich alles mit überdimensionalen Penissymbolen vollgestellt. Auf elfenbeinfarbenen Penisflöten übt man gemeinsam erst im Duett, und nachdem sich Kenji der Anerkennung des Vaters sicher ist, hebt bei einem fröhlichen Quartett mit Schwein und Schaf der Jungmann auf den Flügeln der frisch erlangten Freiheit ab. Nun kann auch er endlich auf dicke Hose machen.

Das ist nun weniger ein ausgemachter Ödipuskomplex, der hier verhandelt wird, als vielmehr ein in Teilen recht witziger aber auch schlüpfrig feuchter Jungmännertraum, der aber auch selbstironisch in einen anschließenden Kastrationsangsttraum mündet. Wieder in seiner Studentenbude erwacht, stellt Kenji erschrocken das Fehlen seines besten Stückes fest. Verzweifelt durchkriecht er bei sich drehender Bühne noch einmal auf der Suche danach alle Stationen seiner wundersamen Traumreise. Das Publikum, fasziniert, amüsiert und abgestoßen gleicher maßen, zollte den japanischen Performern jedenfalls reichlich Beifall.

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Die Kiste im Baumstamm

im brut im Künstlerhaus (01.06.2014)

Text und Inszenierung: Kuro Tanino
Regieassistenz: Yui Matsumoto
Konzept: Junichiro Tamaki, Yukiko Yamaguchi, Mario Yoshino
Bühne: Michiko Inada
Requisite: Kotaro Yokosawa, Kenichiro Okonogi (GaRP)
Inspizienz: Hisashi Mitsu
Licht: Masayuki Abe (LICKT-ER)
Sound: Koji Sato (Sugar Sound)
Musik: Yu Okuda
Mit: Ikuma Yamada, Ichigo Iida, Momoi Shimada und Taeko Seguchi.

Japanisch mit deutschen Übertiteln.

Dauer: 1 Std. 30 Min., keine Pause

Termine bei den Festwochen:

30.5, 31.5., 1., 2. und 3.6., jeweils um 20 Uhr.

Infos: www.festwochen.at

Zuerst erschienen am 02.06.2014 auf Kultura-Extra.

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