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Klassikermodernisierung bei den Wiener Festwochen (Teil 3) – Ibsens John Gabriel Borkman am Akademietheater und Marlowes Edward II. am Schauspielhaus

Dienstag, Juni 9th, 2015

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Geklonte Mammuts im Schnee – Regisseur Simon Stone veralbert Ibsens John Gabriel Borkman mit Starensemble am Wiener Akademietheater

Gerade eben erst beim Theatertreffen in Berlin – nun bei den Wiener Festwochen: Das alte Bankerdrama John Gabriel Borkman des Norwegers Henrik Ibsen mausert sich zum Hit der laufenden Theatersaison. Aus der Gruft altbackener Übersetzungen befreit, massenkompatibel aufbereitet und mit Starschauspielern aufgepeppt, kommt es nun als ironisch frische Boulevardkomödie daher. Eine Milieu-Studie der verkommenen bürgerlichen Mittelschicht, die sich in Karin Henkels Hamburger Inszenierung, nach vergangenem Ruhm und dem Saft der Jugend gierend, lustvoll als Zombis auf einer Showtreppe im Betonbunker-Grab präsentierte.

Am Akademietheater Wien erheben sich nun die Untoten aus hügeligen Schneeverwehungen, die Karin Brack auf die Bühne gehäuft hat. Es schneit unablässig im Heim der Borkmans, die seit Jahren ihr Haus nicht mehr verlassen haben. Doch unerwarteter Besuch klingelt an der Tür, und mit der Ruhe der „Mammuts“ im Permafrost-Zustand ist es alsbald vorbei. Die Metapher des alles, selbst die größte Schande überdeckenden Schnees verbindet Regisseur Simon Stone mit einer weiteren, wenn er den verlotterten Waldschrat Borkman (der vielgereiste Martin Wuttke mit zotteliger Langhaarperücke), der sich die Zeit vor einem alten Röhrenfernseher mit dem Sehen von Wissenschaftssendungen vertreibt, über geklonte Wollhaar-Mammuts sinnieren lässt. Deren DNA könnte man ja in einen Elefanten einpflanzen. Die Gesichter der anderen Tiere möchte er dann sehen. Und das Wiener Publikum sah.

Martin Wuttke (John Gabriel Borkman)

Martin Wuttke ist John Gabriel Borkman im Akademietheater Wien – Foto (c) Reinhard Werner

Mit dem Elefanten ist hier natürlich Sohn Erhart gemeint, der nicht nur die Nachfolge von John Gabriel antreten und mit ihm zu neuer Größe aufsteigen soll. Es gilt den Ruf des nach der Veruntreuung von Anlegergeldern zu fünf Jahren Gefängnis verurteilten Bankdirektors gegen alle Verächter zu verteidigen und den beschmutzten Namen schließlich voll auf zu rehabilitieren. Ähnliches hat Mutter Gunhild (Birgit Minichmayr) vor, nur ohne ihren Mann, dessen Namen sie auf ewig aus dem Gedächtnis der Welt tilgen möchte, und dazu ebenfalls ihren Sohn braucht. Die Dritte im Bunde ist Gunhilds Zwillingsschwester Ella (Caroline Peters) und wegen eines „Scheißjobs“ verhökerte Ex-Geliebte Borkmans, die Erhart nach dem Banken-Skandal eine Zeitlang aufnahm und dann nach der Pleite das Haus, in dem die Borkmans wohnen, gekauft hat. Nun will sie Erhart adoptieren, damit der Name Rentheim nach ihrem Krebstod nicht ausstirbt. Und wieder grüßt das Mamma-Mammuttier.

So in etwa hält sich Regisseur Stone noch an Ibsens Plot, nur dass er den von Martin Thomas Pesl neu und alltagstauglich übersetzten Text „nach Ibsen“ nennt und zudem mit jeder Menge lässlicher Modernismen überziehen ließ. Und das beginnt sofort mit der Ankunft Ellas, die sich von Gunhild eine gefühlte halbe Stunde lang die letzten 8 Jahre der Borkmans als eine Geschichte der guten alten 90er Jahre von Stefan Raabs „Maschendrahtzaun“ bis zu Britney Spears‘ „Hit me baby one more time“ anhören muss. Ein verkorkstes Hausfrauendaseins in der Totalisolation, das sich zunehmend ins Internet verlagert hat. Gunhilds Lieblingsbeschäftigungen neben dem Alkohol sind nämlich das Internetshoppen, Play Station spielen und Googeln des eigenen Namens, den das allbekannte Suchprogramm mit Ergänzungen wie Betrug, Gefängnis usw. belegt. Der Gag trägt eine Weile, wirkt dann aber zunehmend fad, wenn auch noch die Problematik, wie man alte Partyfotos aus dem Netz gelöscht bekommt, diskutiert wird. Man denkt da unweigerlich an bestimmte Polit-Promis. Allerdings befindet man sich hier doch eher in der Polit-Provinz, wo man es anstatt ins Parlament oder Präsidialamt höchsten noch bis zum Bürgermeister schafft.

Birgit Minichmayr (Gunhild Borkman), Martin Wuttke (John Gabriel Borkman), Max Rothbart (Erhart Borkman), Nicola Kirsch (Fanny Wilton), Caroline Peters (Ella Rentheim) - Foto (c) Reinhard Werner

Birgit Minichmayr (Gunhild Borkman), Martin Wuttke (John Gabriel Borkman), Max Rothbart (Erhart Borkman), Nicola Kirsch (Fanny Wilton), Caroline Peters (Ella Rentheim) – Foto (c) Reinhard Werner

Das alles wird in nöligen Dauerschreikrämpfen unter der großzügigen Verwendung möglichst vieler Fäkalinjurien abgespult, die besonders bei Birgit Minichmayr und Martin Wuttke nur eine Tonlage kennen. Die Ehegemeinschaft bürgerlichen Rechts, die es acht Jahre lang geschafft hat, sich aus dem Weg zu gehen, holt nun binnen eines Abends all die nichtgehaltenen Konversationen nach. Die bevorzugten Kosenamen für John Gabriel sind dabei u.a. „alter Stinkstiefel“, „psychopatisches Arschloch“ oder auch schon mal „verfickter Neandertaler“. Borkman weiß sich da nur noch mit „Halt die Fresse!“ zu helfen. Eigentlich wollte er irgendwann mal wieder ganz groß rauskommen, derweil tut es aber auch einfach etwas mehr Senf auf dem Sandwich, das ihm der getreue Trottel Foldal täglich vorbeibringt. Roland Koch spielt ihn als gleichmütigen Schluffi, der, wie Borkman, alten Träumen und Idealen nachhängt, sich aber ansonsten seinen Möglichkeiten entsprechend eingerichtet hat.

Der Ruf des „alten Sexsacks“ Borkman nach mehr Eiern angesichts seines Sohnes Erhart (Max Rothbart), der auch bei Stone eigentlich nicht weiß, was er wirklich will außer sein eigenes Leben zu leben, wird zielsicher mit Fannys Rezepten auf Facebook getoppt. Da hat zumindest Tante Ella kein Profil und somit das Nachsehen. Die Entscheidung zwischen Backpacken in Mexico mit Fanny Wilton (Nicola Kirsch) und der coolen E-Gitarrenbraut Frida (Liliane Amuat) oder Abkacken mit den Wollhaar-Mammuts im ewigen Schnee fällt nach fast zwei Stunden Quarktreten, bis er vollkommen zerschneestöbert, ziemlich leicht. Simon Stone soll 2013 eine vielumjubelte Wildente zu den Festwochen serviert haben. Es fällt anhand des nun vorliegenden Fastfood-Borkmans mit zu wenig Jalapeños sehr schwer daran zu glauben. The Rest in Peace, John Gabriel Borkman.

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John Gabriel Borkman
nach Henrik Ibsen
von Simon Stone
Übertragung ins Deutsche: Martin Thomas Pesl
Regie: Simon Stone
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Tabea Braun
Musik: Bernhard Moshammer
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Klaus Missbach
Besetzung:
John Gabriel Borkman: Martin Wuttke
Gunhild Borkman, seine Frau: Birgit Minichmayr
Student Erhart Borkman, ihr Sohn: Max Rothbart
Ella Rentheim, Frau Borkmans Zwillingsschwester: Caroline Peters
Frau Fanny Wilton: Nicola Kirsch
Wilhelm Foldal: Roland Koch
Frida Foldal, seine Tochter: Liliane Amuat

Koproduktion Wiener Festwochen, Burgtheater Wien, Theater Basel

Premiere war am 28.05.2015 im Akademietheater Wien

Termine bei den Festwochen: 31.05., 01.06., 04.06., 06.-08.06., 13.06., 14.06., 18.06. und 20.06.2015

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/john-gabriel-borkman/

Zuerst erschienen am 30.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Edward II. Die Liebe bin ich – Christopher Marlowes Königsdrama in einer Neuübertragung von Ewald Palmetshofer am Schauspielhaus Wien.

Die mühsame Herrschaft und der beklagenswerte Tod Eduards des Zweiten heißt das Königsdrama, das der junge Dichter Christopher Marlowe 1591 geschrieben hat. Es ist in Blankvers und fünfhebigen Jamben verfasst – eine Sensation für das Theater des elisabethanischen Zeitalters und eine Inspiration nicht nur für Marlowes Zeitgenossen Shakespeare, sondern auch für zeitgenössische Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts wie etwa Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger, die 1923 eine Bearbeitung des Dramas vorlegten, oder den österreichischen Dramatiker Ewald Palmetshofer, dessen Neuübertragung Edward II. Die Liebe bin ich nun bei den Wiener Festwochen im kleinen, ganz dem zeitgenössischen Theater verpflichteten Schauspielhaus in der Porzellangasse Premiere feierte.

Simon Zagermann (Edward) und Thiemo Strutzenberger (Gaveston) in Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien - Foto (C) Alexi Pelekanos

Simon Zagermann (Edward) und Thiemo Strutzenberger (Gaveston) in Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien
Foto (c) Alexi Pelekanos

Das Besondere an Marlowes Stück über den englischen König Edward II. ist, dass die historische Figur hinter den eigentlichen Menschen zurücktritt. Edward führt einen persönlichen Kampf gegen die Macht der Peers für seinen, ihm sehr nahe stehenden Günstling Gaveston, einem Emporkömmling von niederem Stand, und riskiert so die Staatsführung aus den Augen und Händen zu verlieren. Ein Drama über Macht und Ränke, die verbissen und blutrünstig geführt, England in die Unregierbarkeit treiben und einige der Lords und kirchlichen Würdenträger, sowie Gaveston und schließlich Edward selbst das Leben kosten.

Palmetshofer fokussiert in seiner Bearbeitung noch viel mehr auf die schwule Liebe Edwards, als es Marlowe zu seiner Zeit konnte. Edward (ganz in Gold: Simon Zagermann) spricht hier frei von seiner Zuneigung zu Gaveston (Thiemo Strutzenberger) und stellt die Liebe zu ihm über den Staat. Dagegen stehen die hier ganz offensichtlich homophoben Lords des englischen Hofs und die Vertreter der päpstlichen Kirche zu Rom. Sie wollen den „lüsternen, liederlichen und geilen Gaveston“ von der Seite des Königs entfernen. So ist Lord Mortimers (Michael Wächter) Ansprache an die Peers zu Beginn des Stücks auch ein klares Signal, gegen den aus der französischen Verbannung Heimgekehrten vorzugehen. Mortimer weiß hier geschickt die Ressentiments und den Neid der Kirche und der übrigen Lords zu schüren und dabei das Wohl des Landes („wie eine Frau im Wochenbett ausgeblutet“) vorzuschieben.

Gespielt wird bei der Uraufführungsinszenierung von Regisseurin Nora Schlocker auf einem goldbronzenen Bühnenpodest von Marie Roth, zu dem einige steile Stufen hinauf führen. Davor befindet sich eine mit Gitterrosten abgedeckte Wassergrube. Das Setting ist klar in oben und unten eingeteilt. Und nach oben gelangt man zunächst nur durch die Gunst des Königs. Palmetshofer hat Marlowes Stückpersonals auf knapp ein Drittel der Rollen zusammengestrichen. Florian von Manteuffel, Thomas Reisinger und Elias Eilinghoff geben die hier nicht näher benannten Lords und Bischöfe, die gegen Edward aufbegehren. Als zurückgesetzte, eifersüchtige Königin Isabella ist Myriam Schröder zu sehen.

Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien - Foto (C) Alexi Pelekanos

Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien
Foto (C) Alexi Pelekanos

Kostümbildnerin Sanna Dembowski hat die Darsteller in schwarze Renaissance-Kleider mit Pluderhosen und weißen Halskrausen gesteckt. Königin Isabella trägt einen Reifrock. Das passt zwar nicht in die eigentliche Zeit Edwards II. (1284-1327), aber in die Marlowes und seiner Sprache, die Palmetshofers kunstbetonter Jambentext einerseits erhalten möchte, aber andererseits auch „ins Gegenwärtige laufen zu lassen“ versucht. Das gelingt nicht immer überzeugend, hebt sich aber wohltuend von sonstigen Modernisierungsversuchen ab. Als Ausdruckmittel der beiden Liebenden funktioniert die Sprache jedenfalls recht gut, besonders bei Edwards Plädoyer für die Liebe, „diesem Gott der keiner ist“. Gegen die Macht der Pfaffen huldigt er seinem Priester Gaveston, der ihm dafür eine hoch poetische Beschreibung eines Liebesaktes schenkt, bei dem er seine Zunge den Körper des Königs entdecken lässt. In einer weiteren Szene badet Edward Gaveston in einem Zuber.

Palmetshofer schreckt hier weder vor Kitsch und großem Pathos noch vor expliziten Worten zurück, wenn er Edward nach dem gewaltsamen Tod des Gaveston, der nackt vor den hämischen Lords in seinem Blut liegt, das Blut der Pfaffen fordern lässt. Trotzdem schwankt der König immer wieder zwischen seiner Liebe, seinen Rachegefühlen und den Forderungen aus Rom, den Erhalt der gottgewollten Ordnung betreffend. Nach der Flucht seiner Gattin mit dem Prinzen und später auch der des Intriganten Mortimer nach Frankreich rollen die Köpfe der Peers und versinkt das Land im Bürgerkrieg. Das ist auch die Wende in der bislang recht intensiven Inszenierung mit ihren schnellen Auftritten aus dem Zuschauerraum heraus, die die verkürzte Handlung dennoch jederzeit nachvollziehbar machen.

Die Hybris der Liebe muss sich schließlich der geforderten Staatsräson beugen. Nach der Pause, wenn König Edward zum Abdanken gezwungen, gedemütigt und selbst beschmutzt in der stinkenden Gosse liegt, aus der sein Günstling einst kam, verliert die Inszenierung auch ihr eigentliches Zentrum, das die nun fast endlos folgenden Machtspielchen zwischen Prinz Edward, Königin Elisabeth und ihrem Liebhaber Mortimer nicht mehr ausfüllen können. Da zollt auch der Fall ins allzu Private zuvor seinen Tribut an das eigentliche Drama. Das weitere Intrigenspiel um die vakante Krone kann lange nicht mehr so berühren wie der Kampf um die Liebe zuvor. Schließlich erfasst die einstige Hybris des Vaters auch den Sohn, der sich nach dem Mord an Edward gegen die eigene Mutter stellt und den Kopf des stetig nach oben strebenden Mortimer, den man ihm als roten Fußball überreicht, die Stufen wieder nach unten kickt.

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Edward II. Die Liebe bin ich (UA) – (29.05.2015)
Text von Ewald Palmetshofer
nach dem Drama Edward II. von Christopher Marlowe
Premiere war am 26.05.2015 im Schauspielhaus Wien
Regie: Nora Schlocker
Bühne: Marie Roth
Kostüme: Sanna Dembowski
Musik: Hannes Marek
Dramaturgie: Constanze Kargl
Besetzung:
Peer #1: Florian von Manteuffel
Peer #2 / Spencer: Elias Eilinghoff
Peer #3 / Bischof: Thomas Reisinger
Mortimer: Michael Wächter
Gaveston: Thiemo Strutzenberger
Edward II: Simon Zagermann
Isabella: Myriam Schröder
Prinz Edward: Rafael Lesage / Fabian Rihl

Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Theater Basel und dem Schauspielhaus Wien

Dauer: 2 Stunden, 35 Minuten, inklusive einer Pause

Weitere Termine bei den Festwochen: 31.05., 01.06. und 02.06.2015

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/edward-ii-die-liebe-bin-ich/

Zuerst erschienen am 31.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Wiener Festwochen 2015 (Teil 2): Bobo Jelčić vom Zagreb Youth Theatre schießt mit seiner unsentimentalen Kurzadaption von Anton Tschechows Möwe den Vogel ab.

Dienstag, Juni 2nd, 2015

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Man kann Anton Tschechows Stücke heute als ironische Komödie, oder wie ehedem eher melancholisch anlegen, psychologisch überfrachten, oder man kann einfach drauflos spielen. Für Letzteres scheint sich der kroatische Regisseur Bobo Jelčić vom Zagrebačko Kazalište Mladih (Zagreb Youth Theatre) bei seiner Inszenierung von Tschechows wohl bekanntestem Drama Die Möwe entschieden zu haben. Das Setting auf der Bühne wirkt hier zu Beginn, als befände man sich gerade noch in den Endproben. Während es aus dem Off hämmert und bohrt, immer wieder Bühnenarbeiter und ein aufgeregt gestikulierenden und telefonierender Jungregisseur in den Kulissen umherlaufen, sitzt sich schon mal eine der Darstellerinnen in der an der Rampe stehenden, recht abgeranzten Sitzgruppe mit geflicktem Sofa und zwei alten Sesseln warm. Sie schaut ins Publikum, tritt ab, um wenig später erneut wieder dort Platz zu nehmen.

Die_Moewe - Foto (c) Mara Bratoš-ZKM

Die MöweFoto (c) Mara Bratoš-ZKM

Es ist Mascha (Katarina Bistrović-Darvaš), die unglücklich verliebt Tochter des Gutsverwalters Schamrajew, der bei Tschechow mit seinen unentwegt dargebrachten Anekdoten über Theatergrößen aus der Provinz nervt. Bobo Jelčić hat ihn gestrichen, wie auch einige andere Personen des Stücks, und verortet seine mit 80 Minuten recht kurz geratene Adaption der Möwe gleich ganz in die Welt der Künstler und Schwadroneure. Einen von ihnen muss sich dann auch Mascha vom Hals halten. In einer vollkommen unromantischen Schnellsprechvariante rattert der Lehrer Medwedenko (Pjer Meničanin) seinen aus der Vernunft heraus begründeten Heiratsantrag, dem sich Mascha erst durch Winden auf dem Sofa und dann durch eine vergebliche Flucht durch die Kulissentür zu entziehen versucht. Diesen langweiligen Scheißkerl wird sie so schnell nicht mehr loswerden, soviel steht fest.

Die andere vergeblich Hoffende ist Maschas Mutter Polina Andrejewna (Nataša Dorčić), die hier einen ausgeprägten Putzfimmel hat, und dem angebeteten aber ziemlich teilnahmslosen Arzt Dorn (Goran Bogdan) ständig mit dem Staubtuch hinterherwedelt. Dann entern aus dem Zuschauerraum die restlichen Schauspieler und Gäste des nun folgenden Stücks im Stück, das der aufstrebende Jungautor mit seiner geliebten Darstellerin Nina (Jadranka Đokić) einstudiert hat, die Bühne und beginnen einen angeregten Smalltalk, der nicht weiter übersetzt wird. Natürlich geht auch hier die Vorführung des etwas überinspirierten, nicht ganz fertig gewordenen Werks (sozusagen einem typischen „Work in Progress“) schief. Sogar die recht forsch als „Häschen aus der Zukunft“ auftretende Nina, versteht das Stück ohne Menschen nicht, und schon gleich gar nicht die Mutter und voluminöse Starschauspielerin Irina Nikolajewa (Ksenija Marinković).

Die Möwe - Foto (c) Mara Bratoš-ZKM

Die MöweFoto (c) Mara Bratoš-ZKM

Regisseur Jelčić karikiert hier witzig die herrschenden Moden am Theater, wenn er Nina aus ihrem Plot austeigen lässt, sie sich zu den Gästen auf das Sofa setzt und alle Darsteller immer wieder die Plätze und Perspektiven wechseln. Schließlich bemerken sie auch das Publikum im Saal und schauen bedeutungsvoll in die Runde. Die vierte Wand scheint gefallen, die neuen künstlerischen Formen Konstantins am Tempel der Kunst aber noch nicht ganz durchgesetzt. Jedenfalls gebärdet sich die große Diva Arkadina dementsprechend wie eine Furie und verlässt schreiend den Saal. Die sich anschließende Debatte dreht sich um die prekäre Situation der Bühnen, Künstlergagen und die Lage des kroatischen Nationaltheaters. Hier tut sich besonders der Schriftsteller Trigorin (Sreten Mokrović) hervor, der schier endlos aus seinem Sessel heraus referiert, der Arkadina lobhudelt und das letzte Geleit der darstellenden Kunst bildet. Nur der Arzt klopft dem kurzzeitig geflohenen Nachwuchsregisseur beiläufig auf die Schulter und textet ihn mit guten Ratschlägen zu.

Natürlich geht es hier auch um das langweilige Leben, Sehnsüchte und unerfüllte Liebe, die man sich auch hin und wieder gesteht. Allerdings sind die Reaktionen eher Ignoranz oder kalte Ablehnung, wenn der wütende Konstantin die schmachtende Mascha an den Haaren zerrt und kurzerhand in den Teppich einwickelt. Wir befinden uns immer noch im ersten Akt des Schauspiels als Konstantin eine Plastikmöwe aus dem Bühnenhimmel schießt, mit der Pistole posiert und sich wenig später in den Kulissen fast selbst damit erlegt. Der zweite Akt ist komplett gestrichen, und aus technischen Gründen, wie eine Assistentin verrät, müssen nun drei Leute aus dem Publikum erstmal die Bühne aufräumen, damit es weiter gehen kann.

Nachdem Mascha mit einer langen Leiter ihre Schnapsvorräte aus dem Versteck geholt hat, säuft sie sich ihre Entscheidung für den Lehrer schön, während Trigorin weiter im Sessel sinniert und der Arkadina schließlich gesteht, in Nina verliebt zu sein. Nun wird nochmal overacted was das Zeug hält, wenn sich die Actrise wieder in Pose wirft und die Betrogene mimt, die ihren Schriftsteller nicht verlieren will.Wenn du mein Leben brauchst, komm und nimm es“, heißt es im Buch Trigorins. Die Menschen berühren mit einer geschrieben Zeile. Er wird sich das Leben Ninas, der Möwe, nehmen und es wieder wegwerfen. Doch das ist es letztendlich nicht, was den Regisseur interessiert. Es ist die Tragikomik gewonnen aus den verzweifelten, zwischenmenschlichen Dialogen der Figuren, die Bobo Jelčić konzentriert und radikal verknappt, aber mit viel Körpereinsatz, Witz und Slapstick ganz unsentimental immer wieder auf den Punkt bringt. Nachdem die Versöhnung der Arkadina mit Konstantin fehl schlägt und die übereilte Abreise alle aufgeregt durcheinanderlaufen lässt, setzt man sich noch einmal hin für ein sehnsuchtsvoll gesungenes „Ich werde dich nicht vergessen.“ Und dem alleingelassenen, gescheiterten Konstantin bleibt nichts, außer sich aus der abgelegenen Landschaft voller langweiliger Möwen zu schießen. Vierter Akt gestrichen. Mehr braucht es auch nicht.

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Die Möwe
30.08.2015, Theater Akzent
Text von Anton Tschechow
Textadaption: Bobo Jelčić
Inszenierung, Bühne und Kostüme: Bobo Jelčić
Licht: Aleksandar Čavlek
Sound: Kruno Miljan
Stage-Management: Milica Kostanić
Besetzung:
Irina Nikolajewna Arkadina: Ksenija Marinković
Boris Alexejewitsch Trigorin: Sreten Mokrović
Konstantin Gawrilowitsch Treplew: Krešimir Mikić
Nina Michailowna Saretschnaja: Jadranka Đokić
Jewgenij Sergejewitsch Dorn: Goran Bogdan
Polina Andrejewna: Nataša Dorčić
Mascha: Katarina Bistrović-Darvaš
Semjon Semjonowitsch Medwedenko: Pjer Meničanin
und mit Hrvoje Svečnjak, Igor Mandić

Produktion: Zagrebačko Kazalište Mladih (ZEKAEM), Zagreb

Dauer: 80 Minuten, keine Pause

Termine bei den Wiener Festwochen: 31.05., 01.06. und 02.06.2015

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/die-moewe/

Zuerst erschienen am 31. Mai 2015 auf Kultura-Extra.

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Mit dem Dürerhasen die Bilder erklären – Go down, Moses von Romeo Castellucci, ein Gastspiel der Socìetas Raffaello Sanzio bei den Wiener Festwochen 2015 (Teil 1)

Samstag, Mai 30th, 2015

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Festwochenplakat

(c) Wiener Festwochen

Romeo Castellucci ist bekannt für sein assoziatives, symbolhaftes Bildertheater, in dem er immer wieder Bezüge zu religiösen Themen herstellt. An der Berliner Schaubühne hat er gerade in Ödipus der Tyrann christliche Motive mit denen antiker Mythologie kombiniert. An großer, nachvollziehbarer Welterklärung ist dem italienischen Theatermacher dabei allerdings nicht gelegen. Der Zuschauer ist bemüßigt die verschlüsselten Chiffren in den Bildern des Regisseurs selbst zu lösen. So auch in der seit Oktober 2014 von Festival zu Festival reisenden Produktion Go down, Moses von Castelluccis Heimspielstätte Socìetas Raffaello Sanzio aus Cesena.

Mit dem bekannten Gospelsong gleichen Namens hat das Stück nur so viel gemein, dass es in ihm auch um die Rückführung eines Volkes aus der Sklaverei geht, wobei hier gleich die gesamte Menschheit gemeint ist, die orientierungslos in der modernen Wüste der permanenten Informationsflut gefangen ist und einsam und verloren nach einem Ausweg sucht. Diesen hat Castellucci in der biblischen Gestalt des Propheten Moses ausgemacht, der von Gott den Auftrag erhält, das auserwählte Volk aus Ägypten heimzuführen. Regisseur und Autor Castellucci verknüpft dazu alte Mythen aus dem Buch Exodus mit Phänomenen unserer Zeit.

Den Tanz ums Goldene Kalb vollführen wohl in einer Eröffnungsszene mehrere in moderner Kleidung auftretende DarstellerInnen, die wie bei einem Galerierundgang immer wieder menschliche Tableaus bilden, sich dabei berühren und das Bild Junger Feldhase von Albrecht Dürer (das Original ist in der Wiener Albertina zu bewundern) an die Wand hängen. Der Hase als mehrdeutiges Symbol christlicher wie profan bürgerlicher Ikonografie in der Kunstgeschichte. Als Zeichen Gottes, der sich Moses im brennenden Dornbusch offenbart, fährt hier eine gewaltige motorbetriebene Walze auf die Bühne und zieht bei ohrenbetäubendem Lärm, den das Theater an der Wien wohl so noch nicht erlebt haben dürfte, gnadenlos drei Perückenköpfe ein.

Go_down_Moses_4835b_Foto (c) Guido Mencari

Go down MosesFoto (c) Guido Mencari

Wem das schon an Zeichenhaftigkeit zu dick aufgetragen erscheint, bekommt dann in der nächsten Szene noch die Leiden einer jungen Frau in einer Toilette zu sehen, die nach einer Niederkunft stark aus dem Unterleib blutet. Castellucci erzählt nun die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind aussetzt, im Glauben es dadurch zu retten. Nach kurzem Black sieht man eine Mülltonne, aus der Babygeschrei zu hören ist. Auf der Polizeiwache versucht dann ein Kommissar die ängstliche Frau zum Reden zu bewegen, um das verschwundene Kind zu finden. Schließlich berichtet sie dem fassungslosen Polizisten von ihrem Sohn Moses, den sie im Nil ausgesetzt hat und dem einmal das Volk aus der Sklaverei in den Neubeginn der Welt folgen wird. Moses, der den neuen Bund mit Gott schließen soll, wird hier als normaler Mensch einer problembeladenen Mutter gezeigt.

Nachdem die Verwirrte zusammenbricht, schiebt man sie zur Untersuchung in ein monströses MRT-Gerät. Dabei mischen sich die lauten Geräusche des Apparats mit aufwallenden Sphärenklängen. Die Aufzeichnung der Gedankenströme der Frau führt durch die Röhre direkt in eine prähistorische Höhle, in der Urmenschen ihre Rituale abhalten, eine klagende Mutter ihr gestorbenes Baby begräbt und sich im Liebesakt mit einem Artgenossen wieder vereint. Romeo Castellucci verlangt dem Zuschauer noch einmal Einiges ab, was in einen weiteren Akt symbolhafter Abbildung mündet, wenn einer der prähistorischen Menschen mit den Händen den Gazevorhang, der die ganze Zeit Bühne und Zuschauerraum trennt, bemalt und schließlich die Buchstaben SOS darauf schreibt. Ein Symbol für den bis heute nach Hilfe suchenden Menschen. Das dröhnt dann zwar in seiner ganzen Wucht gewaltig nach, wirkt allerdings in seiner artifiziellen Zeichenhaftigkeit auch etwas bemüht und überkonstruiert.

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Go down, Moses
Gastspiel Socìetas Raffaello Sanzio
Text: Claudia Castellucci, Romeo Castellucci
Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Romeo Castellucci
Musik: Scott Gibbons
Mitarbeit Bühne: Massimiliano Scuto
Lichtassistenz: Fabiana Piccioli
Mit: Rascia Darwish, Gloria Dorliguzzo, Luca Nava, Stefano Questorio, Sergio Scarlatella u. a.

Dauer: 1 Std. 20 Min., keine Pause

Uraufführung am 25.10.2014 im Théâtre Vidy-Lausanne
Österreich-Premiere am 27.05.2015
Weitere Termine bei den Wiener Festwochen: 28.05, 29.05. und 30.05.15

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/go-down-moses/

Zuerst erschienen am 28.08.2015 auf Kultura-Extra.

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