Archive for the ‘Wiener Festwochen 2016’ Category

„Látszatélet / Imitation of Life“ und „Eiswind / Hideg szelek“ – Zwei verstörende ungarische Theaterstücke zu Gast in Wien und Berlin

Dienstag, November 1st, 2016

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Schutthaufen der Erinnerung – Der ungarische Regisseur und Theatermacher Kornél Mundruczó ist mit seinem Proton Theatre Budapest und dem Stück Látszatélet / Imitation of Life zu Gast im Berliner HAU 2

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Foto: St. B.

Vor gut zwei Jahren bereits gastierte der ungarische Film-Regisseur und Theatermacher Kornél Mundruczó mit seiner Produktion Dementia, or the Day of My Great Happiness beim ungarischen Theater-Festival “Leaving is not an option?” im Hebbel am Ufer. Nun ist er mit einer weiteren Koproduktion mit den Wiener Festwochen zurück in Berlin. Und auch in Látszatélet / Imitation of Life (zu Deutsch: Scheinleben) geht es um soziale Verwerfungen in der ungarischen Gesellschaft.

Statt eine alte abgewrackte Nervenheilanstalt zu schließen, versucht nun eine Investmentfirma mit Hilfe eines Inkassobüros mit Namen Liquid GmbH eine ältere Frau mit Mietschulden aus ihrer Wohnung zu werfen. Lörinc Ruszó (Lili Monori) ist Angehörige der Roma-Minderheit und setzt sich zunächst tapfer gegen die Ausfragungen und Belehrungen des Mitarbeiters vom Inkassobüro (Roland Rába) zur Wehr. Schließlich erzählt sie ihm aber verzweifelt die Geschichte ihres Lebens, das aus ständiger staatlicher Bevormundung, gesellschaftlicher und institutioneller Diskriminierung und anderen daraus resultierenden Schicksalsschlägen besteht.

Die Zuschauer sehen das Gesicht der Frau in Nahaufnahme auf einer Videoleinwand, die, wenn sie gefallen ist, eine kleine schäbige Wohnung in einem engen Bühnenkasten freigibt. Hier hat Frau Ruszó die letzten Jahre ihres Lebens verbracht und wartet nur noch auf die Rückkehr ihres Sohnes, der sie verlassen hat, da er sich für seine Herkunft schämt und seine Haut und die Haare bleichte, um nicht als Rom zu gelten. Die Androhung einer weiteren Umsiedlung lässt sie zusammenbrechen.

 

Látszatélet / Imitation of Life - (Foto (c) Marcell Rév

Látszatélet / Imitation of Life(Foto (c) Marcell Rév

 

Der Inkassomann bekommt es mit der Angst und versucht die Rettung zu rufen. Da sich aber die Adresse in einer Roma-Siedlung befindet, reagiert die Dame am Telefon recht abweisend und mit vorurteilsbehafteten Fragen. Etwa ob die Frau getrunken habe oder von ihrem Mann geschlagen wurde. Da hier andere Prioritäten gelten, könne man erst in 74 Minuten kommen, sonst würde das ungarische Volk untergehen. Was letztendlich untergeht, ist wiedermal die Menschlichkeit in einem System, in dem sich jeder selbst der nächste und für Minderheiten erst recht kein Platz mehr ist.

Das symbolisiert Mundruczó mit einem plötzlichen Gewitter und Regen, was sich wie ein Schleier über die Szene legt. Langsam beginnt sich die kleine Behausung um die eigene Achse zu drehen, und die Einrichtungsgegenstände fallen lautstark und effektvoll durcheinander. Ein Leben hebt sich aus den Angeln, und Berge von Erinnerungsschutt entladen sich aus Bettkasten und Schrankschubladen.

 

Látszatélet / Imitation of Life im HAU 2 - Foto Applaus: St. B.

Látszatélet / Imitation of Life im HAU 2
Foto Applaus: St. B.

 

Im zweiten Teil des 95minütigen Abends bezieht die junge Frau Veronika (Annamária Láng) die durcheinandergewirbelte Wohnung und verschweigt dem Vermieter ihren Sohn Jónás (Dáriusz Kozma). Denn: „Kindersegen ist das große Druckmittel der Minderheiten“, wie der Mann sagt. Parallel montierte und seitlich angeordnete Videoszenen zeigen den verloren Sohn der mittlerweile im Krankenhaus verstorbenen Frau Ruszó in seinem neuen Leben, in dem Szilveszter (Zsombor Jéger) aber bald das alte mit der Mutter wieder einholt. Aus seinem Scheinleben verdrängt erscheint er wie ein untoter Geist in der dunklen Wohnung und begegnet dort dem ebenfalls blonden Jónás, der von seiner Mutter über Nacht alleingelassen wurde. Hier schließt sich ein magischer Kreis, Vergangenheit und unausweichlich scheinende Zukunft stehen sich gegenüber wie zwei nicht zu trennende Brüder.

Zum Abspann erfährt das Publikum auch noch den Hintergrund der Geschichte. Grundlage ist ein 2005 aktenkundig gewordener Fall der Budapester Polizei, bei dem ein junger Rom in einem Bus mit einem Samuraischwert angegriffen wurde. Das zog viel Medienrummel und Demonstrationen gegen Rassismus nach sich, da der Täter einer nationalistischen, rechtsextremen Gruppierung angehörte. Wie sich später herausstellte, war er aber ebenso ein Rom wie sein Opfer. Im Thema der Verleugnung der eigenen Herkunft lehnt sich Mundruczó auch entfernt an den Film Imitation of Life von Douglas Sirk an. Wie eine ungerechte, rassistische Gesellschaft so ein Verhalten befördert und was daraus folgen kann, zeigt der Regisseur bei aller szenischen Sparsamkeit in doch sehr eindrucksvollen Bildern.

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Látszatélet / Imitation of Life (HAU2, 28.10.2016)
Von Kornél Mundruczó / Proton Theatre
Regie: Kornél Mundruczó
Bühne: Márton Ágh
Kostüme: Márton Ágh, Melinda Domán
Licht Design: András Éltető
Text: Kata Wéber
Dramaturgie: Soma Boronkay
Musik: Asher Goldschmidt
Produktion: Dóra Büki
Produktion Management: Zsófia Csató
Produktion Assistenz: Ágota Kiss
Technische Leitung: András Éltető
Lichttechnik: Zoltán Rigó
Soundtechnik: Zsigmond Farkas Szilágyi
Bühnenmeister: Benedikt Schröter
Requisiten: Tamás Fekete
Dresser: Melinda Domán
Mit: Lili Monori, Roland Rába, Annamária Láng, Zsombor Jéger, Dáriusz Kozma
Ungarisch mit deutschen und englischen Übertiteln
Dauer: ca. 95 Minuten, keine Pause
Eine Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer, Wiener Festwochen, Theater Oberhausen, La rose des vents – Scène nationale Lille Métropole Villeneuve d’Ascq (Maillon), Théâtre de Strasbourg / Scène européenne, Trafó Kortárs Művészetek Háza (Budapest), HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste (Dresden), Wiesbaden Biennale
Die Uraufführung war 27.04.2016 im Trafó House of Contemporary Arts, Budapest
Premiere bei den bei den Wiener Festwochen war am 21.05.2016
Die Berliner Premiere war am 28.10.2016
Weitere Termine: 29. und 30.10.2016

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Zuerst erschienen am 29.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Festung Europa – In ihrem österreichisch-ungarischen Theaterprojekt Eiswind / Hideg szelek untersuchen die Autorin Éva Zabezsinszkij und der Regisseur Árpád Schilling, wie Tendenzen vom rechten Rand ins Herz Europas vordringen

Alexandra Henkel (Judith), Zsolt Nagy (János)

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien
Foto (c) Reinhard Werner

In ihrem parabelartigen Theaterprojekt Eiswind / Hideg szelek zeigen die Autorin Éva Zabezsinszkij und der Regisseur Árpád Schilling, wie eine Waldhütte in den österreichischen Bergen zur Festung Europa ausgebaut wird. In der Nacht eines Schneesturms treffen hier der deutsche Hochschulprofessor mit DDR-Biografie, Frank (Falk Rockstroh), und seine österreichische Frau Judith (Alexandra Henkel) auf das ungarische Paar Ilona (Lilla Sárosdi) und János (Zsolt Nagy). Ilona ist vor ihrem Mann und den politischen Verhältnissen in Ungarn geflohen und verdingt sich als Haushälterin bei Frank, der ebenfalls in einer Sinnkrise Wien und seinen Job verlassen hat. Ilonas Mann, ein ungarischer Polizist, will seine Frau in die Familie zurückholen und sie an ihre Pflicht als Mutter erinnern. Dazu gesellen sich schließlich noch Franks Frau, eine reiche, emanzipierte Verlegerin, und ihr gemeinsamer Sohn Felix (Martin Vischer), ein etwas labiler, dauerkiffender Schauspieler.

Es treffen hier zwei recht unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander. Einerseits eine patriarchale Familientradition in Verbindung mit einer national-konservativen politischen Ausrichtung á la Viktor Orbán – andererseits eine liberal-westliche Haltung, die sich allerdings mit intellektuellem Dünkel schmückt. Zerrüttet sind letztendlich die Beziehungen beider Paare, was sich in den emotional recht angespannten Gesprächen der Eheleute verdeutlicht. Und hier sind es vor allem die Männer, die sich zunächst noch ganz unterschiedlich verhalten. Während der Intellektuelle Frank am liebsten aus seiner kriselnden Ehe und einer beruflichen Sackgasse ausbrechen möchte, ist János jedes Mittel recht, seine abtrünnige Frau zurück zu bekommen, um seinen gewohnten Familienstatus aufrecht zu erhalten.

Auf der Hütte, einem aufgeständerten Quader mit Glasflächen, der nach Schneesturm und Zusammenbruch des Kommunikationsnetzes zur unerreichbaren Exklave wird, kollidieren nun diese unterschiedlichen Interessen relativ ungebremst. Was sich zunächst noch durch männliches Imponiergehabe und in Eifersüchteleien äußert, entwickelt sich bald zu einer perfiden Art der Umerziehung, die János an den Westeuropäern vollzieht. Der starke Mann mit Hang zur Führung will ihnen – wie er es ausdrückt – nur helfen, sich zu finden. Dabei spielen das Gewehr von Frank, eine Rolle Maschendraht und die heraufbeschworene Gefahr von hungrigen Wölfen eine tragende Rolle.

Éva Zabezsinszkij und Árpád Schilling entwerfen hier einen Plot, der nicht ganz frei von Klischees ist, aber dennoch einige interessante Fragen aufwirft. Zum Beispiel die, inwieweit man bereit ist, für die eigene (innere) Sicherheit seine Freiheitsideale zu opfern. Der ehemalige Ossi Frank, der schon zu DDR-Zeiten kein großer Kämpfer war und nur bei der Grabrede für einen alten Freund von Freiheit, der Schlange Wohlstand und dem Aufstand der Sklaven schwadroniert, ergibt sich nach der ersten Begegnung mit den ominösen Wölfen (Statisterie), die die Hütte auf der Suche nach Futter umkreisen, schließlich ziemlich kleinlaut den totalitären Anweisungen von János bei der Befestigung und Verteidigung des Heims. Die Männer sind sich hier schnell dahingehend einig, dass etwas getan werden muss.

 

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien - Foto (c) Reinhard Werner

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien
Foto (c) Reinhard Werner

 

Franks Sohn Felix ist da die vielleicht die zwiespältigste Figur des Stücks. Zunächst noch recht ziellos und gleichgültig, lässt er sich erstaunlich schnell, ohne erkennbare Entwicklung, von János manipulieren. Als junger Mensch, dem seine dekadenten Eltern eher als verachtenswert gelten, mag das als Vorbild durchaus stimmig sein. Auch wenn er den eher liberalen Beruf eines darstellenden Künstlers ausübt, ist er nicht vor übertriebenem Redikalismus gefeit. Dass gerade die Erziehung Jugendlicher nicht ganz unwichtig ist, zeigt eine Szene, in der Ilonas und János‘ fünfzehnjähriger Sohn Levente (András Lukács) via Skype zugeschaltet wird. Er ist auf einem Gymnasium für nationale Verteidigung und lernt den Einsatz von Überwachungsmethoden gegen die Feinde des Vaterlands.

Es bleibt allein den Frauen Judith und Ilona überlassen, einen Gegenpart zu den Macho-Allüren der Männer zu geben. Hierbei greift das Stück einerseits zu ungarischen Epen wie das des Nationalhelden
János von Sándor Petöfi, das z. B. der nationalistisch eingestellte Regisseur Attila Vidnyánszky zur Eröffnung seiner Intendanz am Ungarischen Nationaltheater in Budapest inszenierte, oder dem titelgebenden Volkslied Eisige Winde wehen. Anderseits wird ein Bezug zu Frauengestalten der antiken Mythologie und der Bibel wie Helena und Judith hergestellt. Die eine galt den Griechen als Störenfried, die andere enthauptete den Tyrannen Holofernes.

„Jedes Volk trägt seinen eigenen latenten, mitunter jedoch ausbrechenden Faschismus in sich“, wird der ungarische Autor und linke Philosoph György Konrád im Programmheft zitiert. Der immer offenere Antisemitismus wäre noch zu ergänzen. Es läuft letztendlich darauf hinaus, dass die deutsch-ungarischen Tendenzen, die vom rechten Rand ins Herz Europas vordringen – wie es im Erklärungstext des Burgtheaters heißt – im Modellraum Hütte (sprich: Festung Europa) sich entsprechend dramatisch zuspitzen und zu eskalieren beginnen. Dass sich die Macher auch auf Ibsen und den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke mit seinen Werken Funny Games und Das weiße Band berufen, scheint einleuchtend, spiegelt sich allerdings nur in der szenischen Dramaturgie des Stücks wider, nicht aber in seinen doch recht einfach gestrickten Dialogen. Die Radikalität der Bilder eines Oliver Frljić wird dabei allerdings nicht erreicht. Dennoch ein wichtiger und durchaus gut gemeinter Versuch, die Gespaltenheit Europas in der aktuellen Flüchtlingsdebatte zu verdeutlichen.

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Eiswind / Hideg szelek (02.06.2015, Akademietheater Wien)
Ein Projekt von Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij
Mitarbeit: Annamária Láng
Deutsch von Anna Lengyel
Regie: Árpád Schilling
Bühne und Kostüme: Juli Balázs
Musik: Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Hans Mrak
Mit: Lilla Sárosdi, Falk Rockstroh, Zsolt Nagy, Alexandra Henkel, Martin Vischer, András Lukács sowie Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller (Statisterie)
Uraufführung war am 25. Mai 2016 im Akademietheater Wien
Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Termine: 13.11.2016

Info: http://www.burgtheater.at/

Zuerst erschienen am 04.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Im Mai bei den Wiener Festwochen nun beim Peter-Weiss-Festival im Berliner HAU – „Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt“

Freitag, September 30th, 2016

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Der bosnische Theaterregisseur Oliver Frljić provoziert den europäischen Bildungsbürger mit einer Paraphrase des Terrors inspiriert durch den dreiteiligen Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss

Bereits im Mai den den Wiener Festwochen erzeugte die neue Inszenierung von Oliver Frljić für einen kleinen Skandal. Der bosnische Regisseur  hatt den Kritikern mit seinem Stück Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt ein Stöckchen hingehalten, und sie waren erwartungsgemäß gesprungen. „Der bisherige Tiefpunkt der Saison.“, wurde da u.a. getitelt. Die Inszenierung zeichne sich durch „Simplizität und Rohheit“, „das Bemühen zu schockieren“ sowie „den unangenehmen Geruch von Schulkabarett“ aus.

Was ist dran am Verriss? Im Grunde nicht viel. Nachdem Frljić sich in seinem für das Münchner Residenztheater entwickelten Stück Balkan macht frei schon mit Heiner Müllers kritischer Bearbeitung von Bertolt Brechts Lehrstück Die Maßnahme auseinandergesetzt hatte, war es fast folgerichtig, dass er nun beim Schriftsteller und Dramatiker Peter Weiss und seiner Romantrilogie Die Ästhetik des Widerstands angekommen ist. Weiss befasst sich darin ausführlich mit den Debatten und Konflikten innerhalb des kommunistischen und antifaschistischen Widerstands zurzeit des Nationalsozialismus und deren Reflexion durch deutsche Künstler im Exil wie etwa Bertolt Brecht. Die große Frage, die der Roman aber aufwirft, ist die der Darstellbarkeit von Gewalt und Gräuel mit Mitteln der Kunst. Dazu beschreibt Weiss eine Vielzahl von Werken der Kunstgeschichte.

 

Naše nasilje i vaše nasilje von Oliver Frljić - Foto (c) Alexi Pelekanos

Naše nasilje i vaše nasilje Foto (c) Alexi Pelekanos

 

Nun hat Oliver Frljić eine neue, kritische Art von Lehrstück vorgelegt. Man könnte es auch das Lehrstück von der unterlassenen Hilfeleistung nennen. Oder aber die verzweifelte Suche nach einem geeigneten künstlerischen Werkzeug, wie es der Ich-Erzähler in Weiss‘ Roman beschreibt, sprich einer Ästhetik des Widerstands gegen den alltäglichen Faschismus und Rassismus in Europa, der immer mehr in der Mitte der Gesellschaft Fuß fasst. Kunst als Mittel zum Kampf gegen oder zur Aufklärung über bestimmte gesellschaftliche Zusammenhänge – bei der Einsicht, dass angesichts von Faschismus und Terror „waffenlose Schöngeistigkeit einfachster Gewalt nicht standhalten kann“.

Heiner Müller nannte das „konstruktiven Defaitismus“. Philipp Ruch vom „Zentrum für politische Schönheit“ bezeichnet seine provokanten Aktionen, wie etwa den Europäischen Mauerfall, bei dem die deutschen Mauertoten mit den toten Flüchtlingen an den europäischen Grenzen gleichgesetzt werden, als „aggressiven Humanismus“, während der Schweizer Recherchetheatermacher Milo Rau von „zynischem Humanismus“ spricht, wenn er den Versuch der Europäer meint, z.B. mittels Onlinepetitionen die Welt zu retten. Peter Weiss sah auch nach dem Sieg gegen das faschistische Regime die Welt als geteilt. Faschismus und Kolonialismus haben ihre Spuren hinterlassen.

Das ist letztendlich auch der Ausgangspunkt für Frljić‘ Stück: Die aktuelle Flüchtlingskrise als Folge des kolonialen Erbes, an dessen Ursache Europa nicht ganz unschuldig ist. Und so hat der Regisseur für sein Projekt die mitwirkenden SchauspielerInnen der Esembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana mit einem Fluchthintergrund ausgestattet, die sie in einer schnellen Vorstellungsrunde vortragen und auch ein wenig ironisch ihre Zukunftsaussichten und den Stand der Integration reflektieren. Was folgt ist eine Kuschelrunde zum christlichen Weihnachtslied „Stille Nacht“, bei der sich nackte multisexuelle Paare bilden, die sich auf den Körper gemalte arabische Schriftzeichen herunterwischen. Übrig bleibt eine Frau mit der traditionell muslimischen Kopfbedeckung, dem Hidschab, als sichtbares Zeichen des Andersseins. Als die Muslima dann eine kleine Österreichfahne aus ihrer Vagina zu Tage fördert und hisst, gehen die Blicke der anderen wohlwollend nach oben.

Oliver Frljić spielt christliche gegen islamische Ikonografie aus. Da darf natürlich auch ein Jesus nicht fehlen, der von einem Kreuz aus einer Wand von Benzinkanistern steigt, die Frau hinterrücks vergewaltigt und sich mit seinem rot-weißen Österreich-Lendentuch das Gemächt abwischt. Auf die Kanisterwand hatte zuvor ein Performer den Satz: DAS PETROLEUM STRÄUBT SICH GEGEN DIE FÜNF AKTE geschrieben. Das sind klare Schock-Bilder, die aber zunächst noch mit dem Roman von Peter Weiss wenig zu tun haben. Die Drastik, mit der Weiss aber Folterung und Hinrichtung von Mitgliedern der Widerstandsgruppe Rote Kapelle beschreibt oder von den Verhöhnungen und der Internierung der nach Frankreich geflohenen Spanienkämpfer und ihrer Familien berichtet, entwickelt Frljić nun analog in seinen Spielszenen, in denen einem syrischen Flüchtling bei einem Fest Alkohol und Schweinfleisch aufgezwungen werden. Auch der Text ist da an Zynismus nicht zu überbieten und könnte direkt aus einschlägigen Hassplattformen im Internet stammen.

 

Naše nasilje i vaše nasilje - Foto (c) Alexi Pelekanos

Naše nasilje i vaše nasiljeFoto (c) Alexi Pelekanos

 

Natürlich ist Peter Weiss‘ Mammutwerk, wie nun folgerichtig auch Frljić‘ Interpretation, nicht unumstritten. Man warf Weiss seitens der Literaturkritik vor, er habe „seine ästhetischen Maßstäbe und damit seine Identität als Künstler der politischen Parteinahme geopfert“. Und wie Heiner Müller anlässlich eines konspirativen Streitgesprächs mit Peter Weiss nach der DDR-Premiere von dessen Stück Viet Nam Diskurs am Berliner Ensemble berichtete, kritisierte man die politischer Haltung des Autors und dessen deutliches Bekenntnis zum Sozialismus mit den Worten: „Von Vietnam sprechen, heißt von Bautzen schweigen.“ Was heute natürlich wieder eine ganz andere Bedeutung bekommt.

In der Logik von Frljić bedeutet das in etwa, über Brüssel und Paris sprechen, hieße von Syrien, Irak oder Afghanistan schweigen. Schweigeminuten für beiderlei Opfer des Terrors baut der Regisseur dann auch in die Performance ein, nicht ohne ein provozierendes Fazit, dass wohl erst 4 Millionen Opfer in Europa den Frieden bringen würden. Nun heiligt der Zweck bei weitem nicht alle Mittel. Und die Hinrichtungsszenen, bei denen den PerformerInen in orangener Häftlingskleidung symbolisch der Hals durchgeschnitten wird, sind dann schon recht grenzwertig. Als Tote geben sie dann noch einige Statements ab, wie etwa, dass wer den Faschismus verurteile, ohne gegen Kapitalismus zu sein, sein Stück vom Kalb haben wolle, ohne es selbst zu schlachten. Die Bloßstellung des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis, der sich gegen die Flüchtlings-Willkommenskultur des Thalia Theaters Hamburg ausgesprochen hatte und eine Zusammenarbeit deswegen absagte, ist da geschenkt.

In Heiner Müllers Revolutionsstück Der Auftrag spricht Debuisson, der Sohn französischer Plantagenbesitzer: „Ich will mein Stück vom Kuchen der Welt. Ich werde mir mein Stück herausschneiden aus dem Hunger der Welt.“ Oder auch: „Die Welt wird was sie war, eine Heimat für Herren und Sklaven. Ich entlasse uns aus unserm Auftrag.“ Oliver Frljić führt dem österreichischen Publikum den Zusammenhang von ungerechter Wohlstandsverteilung recht drastisch vor Augen.

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Etwas anders gehen da Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mit ihrer ebenfalls zu den Wiener Festwochen eingeladenen Inszenierung des Heiner-Müller-Klassikers Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution vor. Sie arbeiten sich im Sinne Müllers und mit dessen eigenen, vom Band gesprochenen Worten ganz konkret an den Vorstreitern und Ikonen vergangener Revolutionen ab. Auch hier sprechen natürlich die Toten zu den Lebenden in Gestalt von Karl Marx, Lenin, Rosa Luxemburg, Mao oder Che, und die drei Emissäre der französischen Revolution auf Jamaika, Debuisson, Galloudec und Sasportas, treten in den Farben der französischen Trikolore auf. Eine bunte Grand Guignol, bei der im Trick-Theater der Revolution die Papierköpfe von Danton und Robespierre rollen.

Man kann Frljić und seinem Stück nun kaum vorwerfen, sich ästhetisch nicht ausschließlich an der Historie abzuarbeiten, wie etwa Peter Weiss und Heiner Müller. Ein komplexes Fazit lässt sich trotzdem nur schwer ziehen. Vielleicht aber noch am ehesten mit den Worten Heiner Müllers, den Christoph Rüter zu Beginn seiner Filmdokumentation Die Zeit ist aus den Fugen zitiert: „Die Zeit der Kunst ist eine andere Zeit als die der Politik. Das berührt sich nur manchmal, und wenn man Glück hat, entstehen Funken.“ Die zünden, müsste man anfügen, hier in Wien leider nicht wirklich. Man wird sich anlässlich des Festivals „Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100“, zu dem das Berliner HAU Frljić‘ Stück im September geladen hat, erneut darüber unterhalten können.

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Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt
(Schauspielhaus Wien, 31.05.2016)
Text nach dem Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss
Textadaption: Oliver Frljić, Marin Blažević
Inszenierung: Oliver Frljić
Dramaturgie: Marin Blažević
Kostüme: Sandra Dekanić
Bühne: Igor Pauška
Licht: Dalibor Fugošić
Künstlerische Beratung: Aenne Quiñones
Regieassistenz: Barbara Babačić
Produktionsleitung: Hannes Frey
Mit: Barbara Babačić, Daša Doberšek, Uroš Kaurin, Dean Krivačić, Jerko Marčić, Nika Mišković, Dragica Potočnjak, Matej Recer, Blaž Šef
Auftragsarbeit und Produktion HAU Hebbel am Ufer, Berlin
Koproduktion Wiener Festwochen, Slovensko mladinsko gledališče, Ljubljana, Kunstfest Weimar, Zürcher Theaterspektakel, Hrvatsko narodno kazalište Ivana pl. Zajca, Rijeka
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes im Rahmen von „Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100“, ein Festival des HAU Hebbel am Ufer, Berlin

Termine: 28. – 30.09.2016 im HAU 1

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/nase-nasilje-i-vase-nasilje-1/

Zuerst erschienen am 01.06.2016 auf Kultur-Extra.

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Falk Richter und Sascha Marianna Salzmann erzählen im Maxim Groki Theater von queerer Identität

Samstag, Juni 25th, 2016

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Città del Vaticano – Der neue Theaterabend von Falk Richter und Nir de Volff als Gastspiel der Wiener Festwochen

Vor dem Maxim Gorki Theater hat das Zentrum für politische Schönheit einen großen Tigerkäfig aufgebaut. Mit ihrer Aktion Flüchtlinge fressen – Not und Spiele protestiert die Künstlergruppe um Philipp Ruch gegen den Paragrafen 63, Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Nach fruchtlosem Ablauf eines Ultimatums an das Auswertige Amt sollen aus Syrien nach Deutschland eingeflogene Flüchtlinge drei lybischen Tigern aus dem Zirkus zum Fraß vorgeworfen werden. Man kann für ihren Flug spenden und sie in den Käfig rein wählen. Eine zynische Abwandlung antiker römischer Volksbelustigung sowie die Umkehrung einer ehemaligen Aktion von Christoph Schlingensief, der im Jahr 2000 bei den Wiener Festwochen Asylbewerber aus einem Container neben der Wiener Staatoper zur Abschiebung rauswählen ließ.

 

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

 

Während draußen also drei eingesperrte, müde Tiger gähnen und auf Futter warten, gastiert im Saal der Dramatiker und Regisseur Falk Richter mit seiner neuen Text- und Tanz-Performance Città del Vaticano, die der Autor gemeinsam mit dem Choreografen Nir de Volff sowie bei der Biennale in Venedig gecasteten Performern und dem Ensemble des Schauspielhauses Wien entwickelt hat. Es ist ein Gastspiel der Wiener Festwochen 2016, und so schließt sich ein historischer Kreis. Schlingensiefs Aktion entstand nach der Bildung eines Regierungsbündnisses der ÖVP mit der rechtspopulistischen FPÖ. Richters Premiere in Wien fand einen Abend vor dem denkwürdigen zweiten Wahlgang der durch die Flüchtlingskrise angeheizten österreichischen Präsidentschaftswahlen statt. Der ehemalige Grünenvorsitzende Alexander Van der Bellen konnte sich knapp gegen den FPÖ-Mann Norbert Hofer durchsetzen. Ein Sieg in letzter Minute für die Vertreter einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Genau wie bei Schlingensief wird die Flüchtlings-Aktion des Zentrums für politische Schönheit von Gesprächen mit Künstlern und Politikern flankiert. An diesem Abend ist die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt, ehemalige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu Gast. Sie ist wie Falk Richter selbst schon zur Zielscheibe rechtpopulistischer und unverholen faschistischer Anfeindungen geworden. „Linksgrün-versifft“ ist eines der Lieblingsattribute in den einschlägigen Hasskommentaren. Und wie schon in seinem Pegida-Abend Fear an der Berliner Schaubühne bedient sich Richter auch in Città del Vaticano wieder reichlich aus dem Vokabular der Rechten.

 

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del Vaticano – Foto © Matthias Heschl

 

Zunächst aber bekommt der im Stück-Titel erwähnte katholische Kirchenstaat sein Fett weg. Das Zentrum der christlichen Werte ist ein durch Finanzkrisen der Vatikanbank, Korruption und Kindesmissbrauch geschütteltes „Bad Empire“. Hier regieren alte Männer mit Vorliebe für Schmuck und Frauenkleider, wurde nie ein Kind geboren, und die Vatikan-Wächter der Schweizer Garde werden ironisch mit Toy Boys verglichen. Das Abkanzeln der christlichen Moralapostel erfolgt bei einem Frontalmeeting, bei der die sieben Performer auf Stühlen an der Rampe, munter zwischen Deutsch und Englisch wechselnd, ihre Ansichten zum Vatikan-Staat vortragen. Das sitzt zunächst, gibt aber nicht die weitere Richtung des Abends vor. Es geht mehr um den Einfluss und die Gültigkeit der moralischen Werte, die durch den Papst und die katholische Kirche vorgegeben werden. „Who cares?“ Die Ansichten des Vatikans haben nichts mit unserem Leben zu tun, ist die überwiegende Meinung der fünf offen schwulen Performer und beiden jungen Frauen im Team.

Damit könnte der Abend auch schon zu Ende sein. Falk Richter legt seinen Performern aber nicht nur seinen Text in den Mund, es sind auch die persönlichen Erfahrungen jedes Einzelnen, die in diesem als „Work in Progress“ bezeichneten Projekt zum Ausdruck kommen. Hier überzeugen vor allem die Schilderungen des Wiener Schauspielers Steffen Link, der von seiner Kindheit in einer freikirchlichen Gemeinschaft erzählt. Ein Anhalten zu einem ewigen Arbeiten an sich selbst, das durch Schuldgefühle, verklemmte Sexualität und Scham vor dem eigenen Körper geprägt war. Man wird das nicht los, gesteht Link. Dazu flimmern passende Videobilder von Predigten vor Kindern über die Rückwand der sonst bis auf die Stühle leergeräumten Bühne. Ein Videobild ist aber besonders eindrücklich. Francis Bacons Studie nach Velázquez‘ Portrait Papst Innozenz` X. Der Mund des Papstes ist zum stummen Schrei geöffnet. Ein Symbol für das lange Schweigen der Kirche.

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del VaticanoFoto © Matthias Heschl

 

Es geht aber auch weg vom Katholizismus-Bashing hin zu einer gesamteuropäischen Bestandsaufnahme. Wieder auf Stühlen werden Bekenntnisse eines allegorischen Europas aufgesagt, das von linker Utopie, Krieg, Auschwitz, Eroberungen und Kolonisation bis zur Hochkultur des Theaters alles in sich birgt. Vassilissa Reznikoff steigert sich in die Verzweiflung eines europäischen Bürgers, der die Unübersichtlichkeit der globalen Welt nicht mehr versteht und über den Kontrollverlust über das eigene Leben klagt. „Ich will mich nur noch mit Dingen beschäftigen, die ich wirklich verstehe. Und ich will keine Verantwortung übernehmen müssen für Dinge, die ich nicht verstehe.“ Eine klare Absage an die Verantwortung Europas für das Leid der anderen, was nicht zuletzt auch das „Zentrum für politische Schönheit“ in seinen Aktionen anprangert.

Neben den Hieben auf dumpf-dumme Pegida-Anhänger, die hier bevorzugt wieder im ländlichen Osten verortet werden, die „Karrierefrauen“ der AfD und das rechtskonservative Bündnis „Demo für Alle“ wird natürlich auch noch ein wenig getanzt, was sich in schön umschlungen Gruppen- und Einzelszenen zeigt. Eine eindrucksvolle Bewegungsperformance zum Thema Sexualität und Entdeckung des eigenen Körpers. Dazu werden von Tatjana Pessoa immer wieder passende Fragen an alle zu Liebe, Partnerschaft, oder Familie gestellt. Höhepunkt ist sicher der Traum von einer Boy-Group, die für den Vatikan den Eurovision Songcontest gewinnt, was auch göttlich performt wird.

Ein Abend für frei gewählte und gelebte Sexualität, die das internationale und durchweg großartig agierende Ensemble nicht nur zu Lebensbeichten, sondern auch zu einigen glühenden Bekenntnissen treibt, unter anderem zu einer Botschaft an ein ungeborenes Kind, das sich Gabriel da Costa zusammen mit seiner ehemaligen Partnerin und seinem jetzigen Partner wünscht. Ein Wunsch auch nach einem selbstbestimmten Leben in einem Europa ohne Grenzen. Das lässt den doch etwas plakativ einfachen Erzählabend, der sich aber gut in die offene Ästhetik der letzten Arbeiten von Falk Richter oder Yael Ronen am Gorki Theaters einfügt, ganz versöhnlich ausklingen.

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Città del Vaticano (Maxim Gorki Theater, 17.06.2016)
von Falk Richter und Nir de Volff
Regie: Falk Richter
Choreografie: Nir de Volff
Ausstattung: Falk Richter, Nir de Volff
Dramaturgie: Tobias Schuster
Mit: Telmo Branco, Gabriel da Costa, Johannes Frick, Steffen Link, Tatjana Pessoa, Vassilissa Reznikoff, Christian Wagner
Uraufführung bei den Wiener Festwochen im Schauspielhaus Wien am 20.05.2016
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.schauspielhaus.at/
http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 19.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Queere Berliner auf Identitätssuche – METEORITEN von Marianna Salzmann, inszeniert von Hakan Savaş Mican

Meteroiten am MGT_Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Kompliziert hatte es Marianna Salzmann schon in ihrem letzten Stück Wir Zöpfe schwierige Identitätsprobleme in einer russisch-jüdischen Familie in Berlin, die sich an Weihnachten noch weiter internationalisierten. Ganz ähnlich geht es in ihrem neuen Stück Meteoriten, das diesmal im Berliner Sommer angesiedelt ist, was die Story nicht unbedingt entspannt. Wir treffen zunächst auf zwei Paare: Udi (Thomas Wodianka) aus Israel, der den Syrer Roy (Mehmet Ateşçi) liebt, der wiederum betont nicht wegen des Krieges, sondern wegen der Liebe in Berlin zu sein. Sie sind befreundet mit der schwarzen Türkin Üzüm (Thelma Buabeng), die eine lesbische Beziehung zur transsexuellen Cato (Mareike Beykirch) hat. Das ist für eine deutsche Otto-Normal-Hete für den Anfang schon recht viel.

Marianna Salzmann, die sich als Ausdruck ihrer männlichen Seite den Vornamen ihres Großvaters Sasha dazugewählt hat, schickt vier queere Berliner mit verschiedensten Migrationshintergründen los, als Pioniere die Welt zu retten, indem sie beschließen als zukünftige Großfamilie Kinder in selbige zu setzen. Soweit der Plan und die Abmachung. Vor der schon nicht ganz einfachen Weltenrettung setzt aber nun die Autorin zwecks Drama erst noch eine viel kompliziertere Ich-Werdung, die sich bei den einzelnen Figuren ganz unterschiedlich vollzieht. Titelgebende Meteoriten sind sie alle irgendwie, und sei es nur als schöner, verglühender Stern kurz vor dem Aufschlag in der Realität. Einige katastrophale Verheerungen in der Gefühlswelt der anderen richtet zumindest der Einschlag von Serösha (Dimitrij Schaad) in die Phalanx der zwei scheinbar glücklichen Paare an.

Zumindest möchte Serösha so cool sein wie jemand, der beim Einschlag des Meteors von Tscheljabinsk nur kurz die Scheibenwischer anstellt und weiterfährt. Wegen des Wehrdienstes aus Russland nach Berlin geflohen, hat er Angst zur Beerdigung seines Vaters, eines hohen russischen Militärs, zu fahren und bittet Cato ihn zu begleiten, allerdings nicht als Freund, sondern als seine Frau, so wie Serösha Cato auch gerne sähe. Das stürzt den gerade voll mit seiner „Transition“ Beschäftigten in eine zusätzliche Identitätskrise. Und auch Serösha hat arge Probleme. Er kann sich nämlich seine latente Homosexualität nicht eingestehen, was sich ziemlich aggressiv auch in Schüben von Homophobie äußert. In eine Schwulenbar läuft er Roy und Udi über den Weg, die sich ihren Traum vom eigenen Heim mit dem Abziehen von Touristen erfüllen wollen. In einer schönen Schattenchoreografie zu Musik und Videoeinspielung wird Serösha von beiden im Darkroom verführt.

Wenn es verworren und kompliziert sein soll, hat es sich in letzter Zeit als sehr effizient gezeigt, ein vertikales Schachtelbühnenbild zu bauen. Im Gorki Theater schraubt Magda Willi ein Gerüst aus Metallleitern mit betonfarbenen Ebenen zwischen zwei Wände, auf dem es sich herrlich herumklettern lässt. Das Ensemble ist hier die ganze Zeit auf der Bühne, macht live Musik und filmt sich beim Spielen. Auf die Rückwände der Wohnzellen projiziert Videofilmer Guillaume Cailleau zusätzlich die reale Welt mit Syrien-Krieg, Maidan und Krim-Annexion, die die Fünf gerne ausblenden, aber immer wieder von ihr eingeholt werden. Als aktueller deutscher Hintergrund dient die Fußballweltmeisterschaft 2014. Was zumindest für Üzüm von Bedeutung ist, die sich voll integriert mit Deutschland-Makeup von ihrer kriselnden Beziehung zu Cato ablenken will.

Die anderen stoßen die nationalen Gesänge eher ab, oder sie klopfen wie Roy und Udi ironische Sprüche zum Holocaust-Denkmal und ihrer für deutsche Verhältnisse unklaren Identität. Roy macht Dienst beim schwulen Überfalltelefon und berichtet von homophober Gewalt, vor deren Auswüchsen in Russland auch Serösha Angst hat. Viel mehr Politisches ist nicht im Stück, es dreht sich mehr oder weniger um die Beziehungsprobleme der Figuren, die sich immer mehr auseinanderleben, je mehr Autonomie sie vom anderen für sich einfordern. Das betrifft vor allem Roy, dem seine Freiheit lieber ist als der Plan vom Eigenheim mit Kind und Udi. Was den armen Kerl in eine herrlich schräge Liebeskummerszene stürzt. Während er sich anhänglich bei Serösha ausheult, liefern sich Üzüm und Cato ein paar Eifersuchtsszenen. Man wirft sich gegenseitig den Verrat an der gemeinsamen Idee vor.

Als zusätzliche gedankliche Metaebene zu den Geschlechter-Irrungen und Beziehungs-Wirrungen zieht Sasha Marianna Salzmann monologisch vorgetragene Episoden ein, die von den Metamorphosen des Ovid angeregt sind. Das geht von der entführten, nun rachsüchtigen Europa über den Seher Teiresias, der in beiden Geschlechtern lebte, bis zur Vereinigung der Nymphe Salmakis mit dem Hermaphroditos, von der am Ende Cato berichtet. Da ist er/sie wahrscheinlich schon tot, durch einen homophoben Übergriff ums Leben gekommen, und beschwört noch einmal die Vollkommenheit und die Liebe als schmerzhafte Suche nach dem einst verlorenen zweiten Geschlecht.

Regisseur Hakan Savaş Mican inszeniert das mit gewohnt leichter Hand. Man schaut den SchauspielerInnen gerne zu, auch wenn mit der Zeit der allgemein boulevardeske Stil am Gorki fast jedes Stück irgendwie gleich aussehen lässt. Man läuft hier Gefahr das bereits als Gorki-Boulevard Betitelte zur neuen Norm zu erklären. Berühren tut das hier schon, auch wenn nicht jeder Charakter gleichermaßen überzeugt. Man möchte den manchmal verbissen mit sich ringenden ProtagonistInnen gerne zurufen: Seid doch einfach alle, wie ihr seid – ganz normal!

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METEORITEN (Maxim Gorki Theater, 15.04.2016)
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Michelle Gurevich
Video: Guillaume Cailleau
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Jens Hillje
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Thelma Buabeng, Dimitrij Schaad und Thomas Wodianka
Uraufführung war am 15. April 2016

Weitere Termine: 24.06. / 20.09. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 17.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“ und Anton Tschechows „Drei Schwestern“ – Zwei starke russische Inszenierungen bei den Wiener Festwochen 2016

Freitag, Juni 3rd, 2016

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Ein idealer Gatte – Der russische Regisseur Konstantin Bogomolov verschneidet Oscar Wildes Komödie mit dessen Roman Dorian Gray, Tschechows Drei Schwestern und Shakespeares Romeo und Julia

Es geht nichts über gutes Timing bei den Wiener Festwochen im Museumsquartier. Während im Hof bei sommerlichen Temperaturen der Soundcheck für das Festival der russischen Kultur FEEL RUSSIA über die Bühne geht, laufen in der Halle E und G zwei russische Inszenierungen parallel. Draußen organisiert das russische Kulturministerium das Line Up für gute kulturelle Beziehungen zwischen Russland und Österreich, drinnen zeigen zwei eher skandalträchtige Regisseure, gegen die vor allem die russisch-orthodoxe Kirche Front macht, ihre von der Schauspielchefin der Wiener Festwochen Marina Davydova eingeladenen Produktionen. Die vom Moskauer Theaterfestival NET (Neues Europäisches Theater) nach Wien gewechselte Theatertheoretikerin und -kritikerin hat mit Theaterproduktionen u.a. aus Kroatien, Litauen, Polen, Rumänien, Russland und Ungarn ein sehr Ost-affines Schauspielprogramm zusammengestellt. Und der in Kroatien lebende bosnische Regisseur Oliver Frljić, der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó sowie die beiden russischen Regisseure Konstantin Bogomolov und Timofej Kuljabin stehen auch für eine eher kritische künstlerische Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen in ihren Heimatländern.

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Konstantin Bogomolov ist in Wien und auch in Deutschland kein ganz Unbekannter mehr. Bei den Festwochen zeigte er 2014 seine trashige, lettische Produktion Stavangera (Pulp People). Nun ist der russische Regie-Star mit dem Tschechow Künstlertheater Moskau und einer sehr freien Inszenierung der Komödie Ein idealer Gatte von Oscar Wilde zurück. Und was Frljić für den Balkan ist, scheint Bogomolov für das russische Theater zu sein: ein mehr oder weniger rotes Tuch! Die orthodoxe Organisation „Gottes Wille“ hat laut Programmheft zumindest in Moskau versucht seine Inszenierung am Künstlertheater abzusetzen. Und auch der stellvertretende russische Kulturminister Schurawskij bat den Intendanten Oleg Tabakow, alle Bogomolov-Inszenierungen aus dem Spielplan zu nehmen.

 

Ein idealer Gatte durch das Tschechow Künstlertheater Moskau – Foto (c) Ekaterina Tsvetkova

 

Aber Bogomolovs Idealer Gatte zieht die Moskauer förmlich magisch an. Und auch in Wien hat der Regisseur leichtes Spiel. Das Museumsquartier scheint fest in russischer Hand. Gleich zu Anfang geht unter großem Beifall der European Songcontest klar an Russland. Bogomolov hat Wildes englische Gesellschaftssatire auf russische Verhältnisse getrimmt. Der ewige Junggeselle Lord Goring ist hier der schmalzige Schlagerstar Lord (Igor Mirkurbanow), der zu Ehren seines Freunds Robert Ternew (Alexej Krawtschenko), Minister für Gummiwaren, ein Konzert im Kreml gibt. Er singt von weißen Birken und russischem Himmel, und auf Videoleinwänden sieht man die passenden Naturbilder dazu.

Dass die beiden auch ein Liebespaar sind, erfährt man erst später, als die Gummifabrikantin Misses Cheavley (Marina Sudina) ein verfängliches Video als Erpressungsversuch vorlegt, um als Siegerin aus einer Staatsausschreibung hervorzugehen, deren Auftrag Ternew lieber seiner eigenen Frau Gertruda (Daja Moros) zuschustern wollte. Homophobie, Bigotterie und Korruption sind die Themen von Bogomolows Inszenierung, mit denen er konkret russische Probleme geißeln will. Nationalismus, Vetternwirtschaft und Staatsnähe von Künstlern mal anders herum. Dazu eine schwadronierende und koksende High Society von Business People, Modedesignern und Partygirls. Und auch die orthodoxe Kirche bekommt ihr Fett weg als Betreiber eines Waisenhauses, in dem Lord sich einen blonden Waisenknaben (Pawel Tschinarew) adoptiert, wie aus einem Bordell für zahlungskräftige Pädophile.

 

Ein idealer Gatte durch das Tschechow Künstlertheater Moskau – Foto (c) Ekaterina Tsvetkova

 

Das klingt schärfer als es letztendlich ist. Die bösen Klischees sind fein ironisch verpackt und kommen nicht gerade mit dem Holzhammer, außer in den Sätzen von Lords Vater (Alexander Semtschew), einem alten Kriegsveteran, bei dem Putin schon mal vor den Toren Wiens steht. Über einige Witze kann hier im Westen aber nur lachen, wer die genauen Hintergründe kennt. Und doch ist Bogomolovs Farce bis zur ersten Pause sehr unterhaltsam, wenn man konventionelles Konversationstheater im stylischen Bühnenambiente mit Doppelbett und Sanitärtrakt wie in der Berliner Schaubühne mag.

Im zweiten Teil wird es dann schon etwas schärfer, wenn auch im Gewand einer Parabel, die sich Bogomolov ebenfalls bei Oscar Wilde borgt und mit Elementen aus Goethes Faust I kombiniert. Nun tritt der Schauspieler Sergej Tschonischwili als Dorian Gray auf und lässt sich sein Portrait von einem idealistischen jungen Künstler am TV-Bildschirm kreieren. Der bekommt Orden an die Brust und hängt später, nachdem er das Bildnis zurückgefordert, wie Jesus am Seil. Dorian Gray, den man sich hier unschwer als Politiker vorstellen kann, geht derweil einen Pakt mit der Kirche ein. Ein Pope (Maxim Matweew) mutiert zum Mephisto und beseitigt alle Mitwisser. Zwischendurch fährt man zum Ski nach Sotschi, Sinatra singt „Let it snow“, und der Rubel rollt. Die Welt ist die Hölle, denn wo brächte man sonst so viele Sünder unter.

Im letzten Teil wird wieder Komödie gespielt. Und wie schon zuvor covert sich Bogomolov durch die russische Literaturgeschichte mit Anspielungen an Puschkin, Turgenjew und natürlich Anton Tschechow, dessen Drei Schwestern nun als Edelnutten im Moskauer Café Vogue mit ihren Handys spielen, während sie vom Leben und Arbeiten sinnieren und auf solvente Freier warten. Es gibt noch ein bisschen Medienschelte bei einer Live-TV-Übertragung von Lords und Cheavleys Hochzeit mit Werbeeinblendungen. Das verhinderte schwule Paar stirbt zur Schlussszene von Shakespeares Romeo und Julia. Tot sind auch die Staatsschauspielerin Nina Zarečnaya (Die Möwe) sowie der letzte russische Intellektuelle, und Regisseur Bogomolov scheint sich hier selbst auch ein wenig als neuer Bulgakow zu gefallen. Vieles in seiner Inszenierung erinnert vom Aufbau her an dessen Roman Der Meister und Margarita. Das sind durchaus starke Bilder, die in Russland sicher verstören und somit ihre Berechtigung haben. Das Publikum dankt es dem aus Moskauer Team jedenfalls mit viel Beifall.

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Ein idealer Gatte (27.05.2016, Halle E im Museumsquartier)
Text nach der Komödie von Oscar Wilde
Textadaption: Konstantin Bogomolov
Regie: Konstantin Bogomolov
Bühne: Larisa Lomakina
Kostüme: Natalja Kanewskaja
Licht: Damir Ismagilow
Musik: Natalja Trichleb
Choreografie: Julia Kawezkaja
Regieassistenz: Olga Rosljakowa
Mit: Nadjeschda Borisowa, Andrej Burkowsky, Rosa Chairullina, Swetlana Kolpakowa, Alexej Krawtschenko, Maxim Matweew, Igor Mirkurbanow, Darja Moros, Wassili Nemirowitsch-Dantschenko, Jana Osipowa, Artjom Pantschik, Wladimir Pantschik, Alexander Semtschew, Marina Sudina, Pawel Tschinarew, Sergej Tschonischwili, Pawel Waschchilin u.a.
Eine Produktion des Tschechow Künstlertheaters Moskau
Dauer: 3 Stunden 50 Minuten, zwei Pausen
Termine bei den Festwochen: 25.-28.05.2016

Infos: http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 30.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Drei Schwestern stumm bewegt – Regisseur Timofej Kuljabin inszeniert den Tschechow-Klassiker ohne Worte nur in russischer Gebärdensprache

Keine Festwochen ohne Anton Tschechow. Der russische Schriftsteller und Dramatiker gehört in Wien fast schon zum festen Inventar, so auch in diesem Jahr. Während in Konstantin Bogomolovs Oscar-Wilde-Verschnitt die Drei Schwestern als Edelnutten in Moskau angekommen sind, wollen sie in der Inszenierung von Timofej Kuljabin noch immer an den Ort ihrer großen Sehnsucht. Nur können sie es in der Produktion des Teatr Krasnyi Fackel aus Nowosibirsk nicht in Worten ausdrücken. Die jüngste der drei Prosorow-Schwestern, Irina (Linda Achmetsjanowa), schreibt es daher mit den von Unterleutnant Fedotik (Alexej Meschow) in der Moskowskaja-Straße für sie gekauften Buntstiften auf Papier: „Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!“

Das Publikum in der Halle G des MuseumsQuartiers liest das in den eingeblendeten deutschen Übertiteln, während das Schauspielensemble der Inszenierung von Tschechows Drei Schwestern sich in russischer Gebärdensprache untereinander verständlich machen muss. Timofei Kuljabin hat sie ihrer Muttersprache beraubt. Was verschwindet, ist allerdings nicht der Text, sondern seine „Vertonung“, wie es der Regisseur nennt und für eine „Intonierung des Schauspielers“ hält.

 

Drei Schwestern vom Teatr Krasnyi Fackel, Nowosibirsk
Foto (c) Frol Podlesny

 

Der 32jährige Kuljabin wird als einer der prominentesten Regisseure Russlands gehandelt. Bekannt geworden ist er im Westen durch seine viel gelobte Tannhäuser-Inszenierung, in deren Venusberg-Szene Tannhäuser als Jesus Christus dargestellt wurde. Dafür bekamen er und der Intendant des Nowosibirsker Theaters, Boris Mesdritsch, im März 2015 eine Anzeige wegen des Vorwurfs der Schändung religiöser Symbole. Das Bezirksgericht sprach die beiden zwar vom Vorwurf der Blasphemie frei. Mesdritsch wurde allerdings trotzdem aus seinem Amt entlassen.

Mit seiner Gehörlosen-Variante des Tschechow-Klassikers dürfte Kuljabin kaum Probleme mit der orthodoxen Kirche bekommen, wohl aber mit den Tschechowpuristen, von denen einige schon nach der ersten der drei Pausen in Wien verständnislos das Weite suchen. Sie werden Einiges vermisst, aber am Ende des erstaunlichen Abends auch Wesentliches verpasst haben.

Die Stimmung der Inszenierung lässt sich so ziemlich auf die Anfangssequenz des Abend verdichten, in der die junge Irina an ihrem Namenstag zu einem Miley-Cyrus-Video tanzt, in dem die Sängerin nackt auf einer Abrissbirne schwingend, den gleichnamigen Song intoniert, und das ziemlich laut. „I came in like a wrecking ball / I never hit so hard in love“. Später wird Irina verzweifelt feststellen, noch nie geliebt zu haben, obwohl sie doch so oft davon geträumt und darauf gehofft hatte. So wie das Ziel Moskau, werden die drei Schwestern die Erfüllung ihrer Träume nicht erreichen. Davon handelt dieses Stück – und das ändert auch nicht, dass die Tschechow-Figuren hier ihre Wünsche und Gefühle nicht in die Worte fassen können, die der Zuschauer doch ständig als Text vor Augen hat.

 

Drei Schwestern vom Teatr Krasnyi Fackel, Nowosibirsk
Foto (c) Frol Podlesny

 

Denn selbst in Tschechows höchst melancholisch angelegtem Stück vermögen die ProtagonistInnen nicht das, was sie ständig so wortreich von sich geben. Dafür knallen hier die stummen Gefühle Aller wesentlich heftiger und oft ziemlich ungebremst aufeinander. Das macht vor allem, dass man sich zum Verständnis der Gebärdensprache immer direkt zum Angesprochenen wenden muss, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Ungewohnt und komisch wirkt das schon, aber man hat sich schnell eingesehen, denn besonders der erste Teil mit der Namenstagfeier im Hause Prosorow funktioniert immer auch als Komödie recht gut. Wer das Stück nicht kennt, wird trotzdem intuitiv alles verstehen.

Die SchauspielerInnen sind fast immer in den auf dem Boden markierten, möblierten Zimmerzellen anwesend. Wenn jemand neu dazu kommt, leuchten an der Decke zwei Lampen als Türklingel auf. Man sitzt an der Tafel, gebärdet durcheinander oder unterhält sich zu zweit abseits. Gebannt legen alle das Ohr auf die Tischplatte, als der von Fedotik mitgebrachte Brummkreisel auf dem Tisch summt. „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“, sang einst Herbert Grönemeyer. Hier wird die brüllende Lautsprecherbox auf den Fußboden gestellt und barfuß zu den Vibrationen getanzt.

Es sind nur die alltäglichen Geräusche, an die sich das an Konversationstheater gewöhnte Publikum hier halten kann. Das nervöse Klopfen des Doktors (Andrej Tschernych) beim Schachspielen, das Klappern von Geschirr oder Schuhen, das Knarren der Dielen, Vogelgezwitscher und der Wind, der ums Haus streicht. Ansonsten geben die DarstellerInnen nur Laute von sich. Einzig der Gemeinderatsdiener Ferapont (Sergej Nowikow), der dem Bruder der drei Schwestern, Andrej (Ilja Musyko), immer Papiere zur Unterschift bringt, kann sprechen. Dafür hört er bekanntlich schwer. Und so reden die Beiden auch hier munter aneinander vorbei. Der Inner Circle einer abgeschirmten Intellektuellenwelt, in die sich das unaufhörlich Plappernde einer neuen Zeit drängt.

Kuljabins Regie überzeugt mit einer sparsamen Dramatik, die sich aber von Akt zu Akt steigert und ihren Höhepunkt in der Brandnacht findet, wo sich alle Gefühle Bahn brechen wollen. Was Kuljabin immer wieder mit Lichtausfällen erschwert, in denen alle umherirrend mit ihren Handys leuchten, während der betrunkene Doktor wortlos stöhnend sein Zimmer zerlegt. Vertrieben werden die stumm Gestikulierenden auch hier von Andrejs ehrgeiziger und lebenstüchtigen Frau Natascha (Claudia Kachussowa), die sie erst noch verspotteten und die nun das Regime der Nutzlosen an sich reißt.

Zuvor tragen sie aber alle noch ihre gewohnten Kämpfe aus. Sprachlos aber mit einer körperlichen Intensität, die fast schon choreografiert wirkt, wenn der Batteriekommandeur Werschinin (Pawel Poljakow) seine Rede an die neue Zeit wie ein Dirigent vor seinem aufmerksamen Orchester hält. An seiner Hand hängt am Ende die verzweifelte Mascha (Darja Jemeljanowa), wenn die Brigade zur Marschmusik abzieht. Auch hier wird die strenge Olga (Irina Kriwonos) sich müde ihrer Pflicht ergeben und der linkische, zu spontanen Gewaltausbrüchen neigende Soljony (Konstantin Telegin) den redlichen Baron Tusenbach (Anton Woynalowitsch) im Duell um Irina erschossen haben. Das ist dann nochmal hochemotionales, ergreifendes und auch aktuelles Theater ganz ohne Worte.

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Drei Schwestern (28.05.2016, Halle G im MuseumsQuartier)
von Anton Tschechow
Regie: Timofej Kuljabin
Bühne: Oleg Golowko
Licht: Denis Solntsew
Mit:
Andrej Sergejewitsch Prosorow… Ilja Musyko
Nikolai Lwowitsch Tusenbach… Anton Woynalowitsch
Natalja Iwanowna… Claudia Kachussowa
Olga… Irina Kriwonos
Mascha… Darja Jemeljanowa
Irina… Linda Achmetsjanowa
Fjodor Iljitsch Kulygin… Denis Frank
Alexej Petrowitsch Fedotik… Alexej Meschow
Alexander Ignatjewitsch Werschinin… Pawel Poljakow
Wassili Wassiljewitsch Soljony… Konstantin Telegin
Iwan Romanowitsch Tschebutykin… Andrej Tschernych
Wladimir Karlowitsch Rode… Sergej Bogomolow
Ferapont… Sergej Nowikow
Anfissa… Elena Drinewskaja
Eine Produktion des Teatr Krasnyi Fackel, Nowosibirsk
Dauer: 4 Stunden 15 Minuten, drei Pausen
Termine bei den Festwochen: 27.-30.05.2015

Infos: http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 30.05.2016 auf Kultura-Extra.

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