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Sex, Karriere und No Futur – Zwei Inszenierungen in Berlin und Potsdam beschäftigen sich mit Träumen und Krankheiten der Jugend in der kapitalistischen Gesellschaft

Freitag, Januar 20th, 2017

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Frühverrentet – Am Berliner Ensemble sieht Ferdinand Bruckners Krankheit der Jugend in der Regie von Catharina May ziemlich old-fashioned aus.

„Ich liebe das Bett. Ich fühle mich darin geborgen, wie in der Heimat.“ sagt die laszive, lebensmüde Desiree im 1925 von Ferdinand Bruckner geschriebenen Drama Krankheit der Jugend. Auch heute soll die Jugend ja gelegentlich nicht so recht aus dem Bett kommen. In der neuen Inszenierung von Regisseurin Catharina May im Pavillon des Berliner Ensembles lümmelt sie vorzugsweise auf einer alten, gepolsterten Couch, wenn sie sich nicht gerade an die Wäsche geht oder in die Haare gerät.

Bruckner beschreibt in seinem Drama eine perspektivlose, desillusionierte Gruppe von Studenten im Wien nach dem Ersten Weltkrieg. Zwischen Verlorenheit, Zynismus und der Suche nach Alternativen geben sich die Protagonisten wechselnden Liebesbeziehungen, Alkohol- und Drogenräuschen sowie psychologischen Experimenten hin. Für die damalige Zeit war das noch ein relativ skandalöser pathologischer Befund. Aber was könnte man nun heute als die „Krankheit der Jugend“ bezeichnen?

 

Krankheit der Jugend von Ferdinand Bruckner am Berliner Ensemble – Foto (c) Monika Rittershaus

 

Außer jeder Menge Retrochic mit Couch, Klamotten und SMEG-Kühlschrank scheint der ebenfalls noch recht jungen Regisseurin da nicht allzu viel eingefallen zu sein. Neben der sich am Ende mit Veronal ins Jenseits befördernden Desirée (Larissa Fuchs), die ansonsten mit latentem Schlafzimmerblick und rauchiger Stimme auffällt, sind es v.a. der Hedonismus in Gestalt des mit Konfetti um sich werfenden Verführers Freder (Sven Scheele), der auch mal seinen Body von Lederjacke und Shirt befreit, und die lautstarken Zickenduelle zwischen der von ihrem Möchtegernliteraten „Bubi“ Petrell (Felix Strobel) verlassenen Marie (Celina Rongen) und ihrer Rivalin, der kühlen Streberin Irene (Marina Senckel), die hier den Ton angeben.

Heißt das dekadente Credo bei Bruckner noch: „Entweder man verbürgerlicht, oder man begeht Selbstmord. Einen anderen Ausweg gibt es nicht“, scheint hier eigentlich alles schon irgendwie vollkommen saturiert. Von „Existenzirrsinn“ und dem Leiden an sich selbst wird nur noch geschwafelt. Das könnte natürlich eine mögliche heutige Setzung einer bereits bei Zeiten verspießerten Jugend sein. Auch die Moralpredigten des ziemlich schlaffen Sofasurfers Alt (Felix Tittel) verhallen hier relativ wirkungslos. So wie sein „Man desertiert nicht.“ aus einem Mangel an Alternativen resultiert, ist das Verderben des properen Hascherls Lucy (Karla Sengteller) durch Freder nur Ausdruck der Langeweile. Die Sehnsucht nach Ehe, Karriere und Verbürgerlichung ist allseits groß.

Catharina May wickelt Bruckners psychologisches Kammerspiel teils recht unterhaltsam ab. Es verkommt aber auch etwas zur komischen Nummernrevue mit 70th- und 80th-Popsongs wie „The Passenger“ von Iggy Pop oder „Sweet Dreams“ von den Eurythmics. Die Partyblase vergnügt sich bei Alkohol und pseudophilosophischen Gedankenspielen. Selbst die vorübergehende lesbische Beziehung zwischen Marie und Desirée ist da nur eine Spielart der Liebe von vielen möglichen. Die Qual der Wahl. Sich auf ihrer Reise vermeintlich ziellos Treibenlassende werden schließlich zu Passagieren hinter Glas. Zukunft scheintot oder „Rokokoschreibtisch“. Bruckners dramatisches Ende erspart uns die Regisseurin zum Teil und lässt Marie in den Kühlschrank entfliehen. Das macht Sinn.

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KRANKHEIT DER JUGEND (BE, 05.01.2017)
von Ferdinand Bruckner
Regie: Catharina May
Bühne und Kostüme: Maria-Elena Amos
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Mit: Larissa Fuchs, Celina Rongen, Marina Senckel, Karla Sengteller, Sven Scheele, Felix Strobel, Felix Tittel
Premiere war am 05.01.2017 im Pavillon des Berliner Ensembles
Termine: 23., 30.01. 2017

Infos: http://www.berliner-ensemble.de

Krankheit der Jugend von Ferdinand Bruckner am Berliner Ensemble – Foto (c) Monika Rittershaus

Zuerst erschienen am 09.01.2017 auf Kultura-Extra.

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Die schönen Dinge – Wojtek Klemm adaptiert den Roman Les jolies choses der französischen Skandalautorin Virginie Despentes für das Hans Otto Theater Potsdam

Die schönen Dinge am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Will man momentan etwas über das Hans Otto Theater Potsdam schreiben, kommt man nicht umhin, die Nichtverlängerung des Vertrags von Intendant Tobias Wellemeyer zu erwähnen. Ein kleiner Provinzskandal, wenn auch die Trennung „in einem gemeinsamen Entscheidungsprozess“ mit dem Potsdamer Bürgermeister Jann Jakobs vereinbart worden sein soll, wie es in der Lokalpresse heißt.

Förderverein und Ensemble stehen jedenfalls demonstrativ hinter Wellemeyer, auch wenn es Querelen hinter den Kulissen gegeben haben soll. Aber: Nichts Genaues weiß man nicht. Jakobs sieht einerseits das Theater gut aufgestellt, betont andererseits aber auch, dass es an der Zeit sei, neue Impulse zu setzen. In seinen 9 Jahren in Potsdam hat Tobias Wellemeyer als Regisseur selbst einige künstlerische Akzente setzen können. Erwähnt seien hier nur die Romanadaptionen Der Turm von Uwe Tellkamp, Alexander Solschenizyns Krebsstation oder Auferstehung von Leo Tolstoi. Als Intendant hat er ein beim Potsdamer Publikum beliebtes Ensemble aufgebaut sowie junge und interessante RegisseurInnen wie etwa Barbara Bürk, Annette Pullen, Stefan Otteni oder Alexander Nerlich ans Haus geholt.

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Auch der polnische Regisseur Wojtek Klemm gehört durchaus zu diesem Kreis. Er hat in Berlin an der HfS Ernst Busch Regie studiert und ist bekennender Castorf-Verehrer, was man seinen Inszenierungen durchaus ansieht. Neben kleineren Arbeiten an der Volksbühne inszenierte Klemm auch in Stuttgart, Polen, der Schweiz und Israel. Nach 3000 Euro nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle sind Die schönen Dinge nach dem 1998 entstanden Roman Les jolies choses der französischen Skandalautorin Virginie Despentes seine zweite Regiearbeit am Hans Otto Theater.

Die 1969 geborene Despentes ist einem breiteren Publikum vor allem durch die Verfilmung ihres 1996 geschriebenen Erstlings Wölfe fangen bekannt geworden. Zwei vergewaltigte Frauen morden sich in einem blutigen Road- und Rache-Movie durch Frankreich. Baise-moi (dt.: Fick mich) war ein Skandal auf dem Filmfestival Cannes und wurde in Frankreich als Pornofilm auf den Index gesetzt. Pornografie, Inzest sowie die männliche Ausnutzung und Unterdrückung weiblicher Sexualität gehören zu den Themen der ehemaligen Punkmusikerin und DJane. Ganz so radikal geht Despentes in ihrem 2001 in deutscher Übersetzung als Pauline und Claudine erschienen Roman nicht zu Werk.

 

Die schönen Dinge am Hans Otto Theater Potsdam
Foto (c) HL Böhme

 

Erzählt wird die Geschichte der ungleichen Zwillingsschwestern Pauline und Claudine, die in ihrer Kindheit durch einen dominanten Vater immer wieder wechselnd gegeneinander ausgespielt wurden. Während sich die eher unscheinbare Pauline später aus der Großstadt zurückgezogen hat, lebt die mit ihrer Sexualität recht freizügig umgehende Claudine in Paris und träumt von einer Karriere als Sängerin. Sie nutzt dafür ihren Selbstdarstellungstrieb und die sexuelle Anziehungskraft als Frau aus. Da sie selbst nicht singen kann, bittet sie ihre talentierte Schwester Pauline, die Demos für einen potentiellen Plattenvertrag einzuspielen. Während eines ersten Konzerts, bei dem Pauline widerwillig die Rolle Claudines eingenommen hat, stürzt sich diese aus dem Fenster ihrer Pariser Wohnung.

Da erst setzt die Inszenierung von Wojtek Klemm in der Potsdamer Reithalle ein. Das erspart einerseits eine schwierige Doppelrolle für die Schauspielerin Nina Gummich, die hier bereits als Isa in Tobias Wellemeyers Adaption von Wolfgang Herrndorfs letztem, Fragment gebliebenen Roman Bilder deiner großen Liebe brillieren konnte. Anderseits können sich Regie und Darstellerin so ganz auf die Entwicklung der Figur der Pauline konzentrieren, die in einem Spontanakt an der Leiche der Schwester deren komplette Identität übernimmt. Und Nina Gummich macht das wieder exzellent. Ihr zur Seite stehen Friedemann Eckert als Claudines Musiker-Kollege, der die Einführung Paulines in die Welt der Schwester übernimmt, Eddie Irle als Paulines zunächst im Knast sitzender Geliebter Sébastien, der vor seiner Haft heimlich auch eine Affaire mit Claudine unterhielt, René Schwittay als Big (Platten)Boss und der Musiker Marc Eisenschink, der live den Sound zur Inszenierung sampelt.

Das entspricht in etwa auch der Figurenkonstellation des Romans, wobei Klemm die Handlung nicht ganz linear erzählt, sondern eher episodenhaft streift. Anton Unai hat dazu eine Bühne mit Doppelbett in der Mitte, einer Sitzecke mit Regal und einer Art Telefonzelle an den Rändern gebaut. Die Bühnenrückseite zieren explizite Graffitis und Sprüche. Dazwischen projizieren die Schauspieler mit mehreren Livekameras immer wieder ihre Gesichter. Wojtek Klemm hat in seiner Assistenzzeit bei Frank Castorf gut aufgepasst. Auch das Einsprengseln von Fremdtextbrocken ins Spiel hat der Regisseur von seinem Vorbild übernommen. Hier sind es vor allem Passagen aus Alice im Wunderland, wobei die Männer in Rollschuhen und Märchenkostümen auftreten, oder Peter Pan, die Geschichte von der unschuldigen Kindheit und dem Nichterwachsen-werden-Wollen.

Klemm konfrontiert Despentes‘ Story aber auch immer wieder mit Texten des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq, der u.a. wegen seiner als frauenfeindlich geltenden Darstellungen männlicher Sexualität umstritten ist. Das betrifft vor allem eine Szene des Romans, in der Pauline nach einer Party mit dem Big Boss in einem Swingerclub landet. Die Männer zwängen sich dafür mit Nina Gummich in die enge Telefonzelle. Die Sexszenen Paulines mit den wechselnden männlichen Partnern werden hier auf einem ausgerollten Teppich angedeutet. Natürlich entlarvt Despentes in ihren Romanen auch schonungslos männliches Streben nach Macht, Geld und Sex als Triebfedern des Kapitalismus. Aber v.a. die Gefälligkeiten für den Big Boss, die ihm Pauline für ihre zunächst nur des Geldes wegen angestrebten Musikkarriere gewähren muss, gestalten sich als veritable Lachnummer, in der sich René Schwittay als alternder Macho bewusst der Peinlichkeit Preis gibt.

Natürlich kommt, was kommen muss: Die zunächst noch unsicher im schwarzen Schlabberpulli auftretende Pauline verwandelt sich nach und nach mit Schminke, High Heels und durchsichtigem Glitzerdress in die verhasste Schwester Claudine. Die quälenden Erinnerungen Paulines an die Kindheit, in der sie zunächst für ihr Talent vom Vater gelobt, dann aber in dessen Gunst mehr und mehr von der kalkuliert Körper und Sexualität einsetzenden Schwester verdrängt wurde, singt Nina Gummich immer wieder direkt ins Mikro. Im großen Tohuwabohu der durchaus unterhaltsamen Inszenierung gehen Paulines Reflexionen über ihre erwachende Lust an Sex und Erfolg im Widerspruch zu ihren eigentlichen Träumen von Glück und Liebe etwas unter. Insgesamt ist die Inszenierung dank einer guten Ensembleleistung aber durchaus gelungen.

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Die schönen Dinge (UA am Hans Otto Theater, 13.01.2017)
Von Virginie Despentes
Nach dem Roman »Les jolies choses«
Deutsch von Michael Kleeberg
Regie: Wojtek Klemm
Bühne: Anton Unai
Kostüme: Anika Budde
Musik: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Helge Hübner
Besetzung:
Pauline: Nina Gummich
Nicholas: Friedemann Eckert
Sébastien: Eddie Irle
Big Boss: René Schwittay
Premiere in der Reithalle des Hans Otto Theaters Potsdam war am 13.01.2017
Termine: 22.01. / 04., 26.02.2017

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 15.01.2017 auf Kultura-Extra.

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