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Drei sind wir – Das neue Stück von Wolfram Höll wird in der Diskothek des Schauspiels Leipzigs nach allen Regeln der Regiekunst von Thirzas Bruncken verhackstückt

Montag, März 21st, 2016

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Der junge Dramatiker Wolfram Höll hat erst drei Theaterstücke geschrieben und ist bereits zum zweiten Mal für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Eine Erfolgsgeschichte, die unmittelbar mit dem Schauspiel Leipzig verbunden ist. Hier haben seit dem Beginn der Intendanz Lübbe einige hoffnungsvolle Talente wie (neben Höll) etwa der Österreicher Ferdinand Schmalz ihre Karriere begonnen. Das Format, junge Dramatik in der Nebenspielstätte Diskothek zu fördern, trägt also erste Früchte. Mit dem neuen Stück von Wolfram Höll wollte man anscheinend auf Nummer sicher gehen und hat die Uraufführung von Drei sind wir nicht einem jungen Regietalent übertragen, sondern in die Hände der mit ungewöhnlichen und sperrigen Texten erfahrenen Regisseurin Thirza Bruncken gelegt. Allerdings hätte man wissen können, dass die als ziemlich kompromisslos bekannte Regisseurin auch nicht gerade zimperlich mit Stücktexten umzugehen pflegt. Nun, der Erfolg scheint dem Schauspiel Leipzig nachträglich Recht zu geben. Dennoch gibt es durchaus einiges an der von Thirza Bruncken vorgelegten Regiearbeit zu kritisieren.

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rolf Arnold

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig       Foto (c) Rolf Arnold

Jungautor Höll baut seine lyrischen Textgebilde gern um eine Leerstelle. Waren es in seinen ersten Dramen das Verschwinden der Mutter (Und dann) oder des Vaters (Vom Verschwinden vom Vater), ist es nun ein Kind, das mit dem menschlichen Makel eines sehr selten Trisomie-Chromosomendefekts geboren wird. Den Eltern bleibt wenig Zeit und Hoffnung für ein Leben mit ihrem Kind. Trotzdem wandern sie zu dritt nach Kanada aus. Innerhalb eines Jahres wächst und entwickelt sich das Kind, bis es langsam wieder verschwindet und stirbt. Dazwischen kommen die beiden Großelternpaare, der Onkel des Kindes und die Urgroßmutter zu Besuch, um das Kind zu sehen. Aber Bedrückung, Hilflosigkeit und Unfähigkeit mit der Krankheit umzugehen, sind allgegenwärtig. An echte Normalität ist nicht zu denken. Dazu klingen ganz wie nebenbei unverarbeitete Familienprobleme an.

Entlang der vier Jahreszeiten hangelt sich der Text an metaphorischen Naturbeschreibungen entlang wie etwa dem Angeln oder dem Herstellen von Akaziensirup im Vergleich zum Zustand des Kindes. Ohne direkte Rollenzuschreibungen ist das wie immer bei Höll ein nicht gerade für die konventionelle Bühnenpräsentation prädestinierter Text. Ähnlich wie schon Claudia Bauer Hölls Erstling Und dann als Sprech-Musik-Stück inszenierte, in dem die Figuren wie in einem verschwommenen Kindertraum unter riesigen Pappmache-Köpfen kaum auszumachen waren, versucht es Thirza Bruncken mit einer Art Bewegungschoreografie, die aus den vier DarstellerInnen (Julius Bornmann, Anna Keil, Bettina Schmidt und Sebastian Tessenow), die sich den Text teilen, steife, aufziehbare Gelenkpuppen macht. Dazu stehen sie in einem klaustrophobischen Guckkastenraum mit nur einer Tür und einem Spiegel und werden durch andauernde Störgeräusche, Musikeinspielungen und Lichtwechsel gesteuert.

 

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rolf Arnold

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Das Dargestellte entspringt aber eher einer vollkommen assoziativen Regieführung, die fast komplett am Stücktext vorbeiinszeniert. Sicher lässt sich der Takt des Textes gut in Musikalität und Bewegung übersetzen, kein Problem. Mit teilweise recht willkürlichen Zusammenzucken, Stammeln und Stampfen wird der Text dann aber doch ziemlich zerstückt und zertreten. Die SchauspielerInnen tragen dazu gutbürgerliche Kleidung der 1960er und 70er Jahre und singen wie bei einer steifen Karaoke-Veranstaltung Hits der 1970er und 80er wie Blondies „Heart of Glass oder Queens“ I „Want to Break Free“. Befreien wird sich aus dieser ausweglosen Situation niemand. Die Tür klemmt oder geht nur einen Spalt auf. In einer Art tänzelnden Chorus-Line stellen sich die vier auch mal zu einem Balkanbeat an die Rampe. Wie in einem Schneesturm werden alle an die Wände gedrückt oder brechen immer wieder zusammen. In französischem Gestammel werden die Nachbarn karikiert.

Dass die Regisseurin eine Affinität zum Film (Darstellerin in frühen Filmen von Christoph Schlingensief) hat, beweist eine melodramatische Szene zwischen den beiden Frauen zu filmreifer klassischer Orchestermusik. Das Licht flackert wirr, und zerplatzende Glühlampen oder kaputte Leuchtstoffröhren zerreißen akustisch die Szenen. Was das Ganze mit dem Stück zu tun hat, erschließt sich allerdings nie so richtig. Man gibt bei der Macht der Bilder auch irgendwann unweigerlich auf, dem Text zu folgen, der auch teilweise relativ unverständlich rübergebracht wird.

Am Ende, wenn das Paar nach einer kurzen Flucht in die Natur mit dem Kind an Schläuchen im Krankenhaus landet und das Leben langsam aus dem kleinen Körper entweicht und er verschwindet, schwenkt die Regie ganz auf Bebilderung um. Ein Negativvideo einer Inuitfrau mit Kind und Hundeschlitten wird auf die Wände projiziert, während die SchauspielerInnen in Pelzen wühlen. Sicher versucht sich Thirza Bruncken rein assoziativ den schwierigen Sprachbilder von Wolfram Höll, anzunähern, die sich immer wieder selbst zerlegen und neu zusammensetzen, den Wortsinn variieren, bis er sich verkehrt. Für eine Uraufführungsinszenierung wird von der Regie allerdings schon arg übers Ziel hinausgeschossen. Da kann man für Mülheim nur viel Glück in wünschen.

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Drei sind wir (12.03.2016)
Von Wolfram Höll
Regie: Thirza Bruncken
Bühne & Kostüme: Christoph Ernst
Choreographische Einstudierung: Sebastian Tessenow, Martin Opitz
Musikalische Einstudierung: Francesco Greco
Dramaturgie: Torsten Buß, Christin Ihle
Mit: Julius Bornmann, Anna Keil, Bettina Schmidt und Sebastian Tessenow
Premiere war am 20. Februar 2016 in der Diskothek des Schauspiels Leipzig
Spieldauer ca. 1:20, keine Pause

Termine: 03. und 28.04.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 14.03.2016 auf Kultura-Extra.

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Innehalten! Gegen Überproduktion und Dramatiker-Burnout bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin und den Mülheimer Theatertagen 2014

Donnerstag, Juni 26th, 2014

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Zum Innehalten! forderte Alleinjuror und Theaterkritiker Till Briegleb die Besucher der Autorentheatertage 2014 am Deutschen Theater Berlin auf. Für die diesjährige Ausgabe konnten keine neuen Stücke für die Lange Nacht der Autoren eingereicht werden. Briegleb hat sich ganz in Ruhe auf Rückschau verlegt. Ob das Theater heute tatsächlich einem alles aufsaugenden Tampon gleicht, mit dem man reiten, schwimmen und radfahren kann – den alten o.b.-Witz brachte der Kritiker Briegleb in einer Rede zur Eröffnung der ATT – sei mal dahin gestellt. Sicher ist, dass sich das deutschsprachige Theater, dem Druck um Aktualität und Attraktivität Rechnung tragend, wilden Aktionismus und Betriebsamkeit vortäuschend, um sich selbst dreht und dabei den Blick für das Wesentliche wie Qualität und nachhaltige Entwicklung von Schreibtalenten immer mehr verliert. Und aufsaugen sollte es dabei eben nicht nur alles aus sich selbst heraus kommende – um mal beim unappetitlichen Vergleich zu bleiben – sondern neben dem ständigen Drang zur Innovation auch ein Auge auf die Fehlentwicklungen der uns umgebenden Gesellschaft haben. Das Überköcheln des eigenen Betriebssüppchen, das in den aktuellen Klassikerinszenierungen die Selbstreflexion fast schon zum Gebot erhebt, weicht hier der Besinnung auf, wenn man so will, ganz konservative Werte wie Geduld, Ausdauer und Können. Der Autor, alles begierig um sich herum einsaugend, um es in Text und im besten Falle zu Kunst zu verarbeiten, im Zentrum eines Theaterbetriebs, der ihn als wichtigen Mittler zwischen Innen und Außen wieder selbst zum Schrittgeber der Produktion von Dramatik werden lässt.

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…bei den Autorentheatertagen 2014 am Deutschen Theater Berlin – Foto: St. B.

Das Augenmerk der Autorentheatertage 2014 lag also wie schon in den letzten Jahren nicht allein im Privaten (2012: Sei nicht du selbst! 2013: Das Weite suchen!), sondern durchaus im Allgemeingesellschaftlichen und somit auch im Politischen. Das deutlich abgespeckte Programm bot dann auch neben einem Wiedersehen mit dem Regisseur der nachhaltigen Entschleunigung Christoph Marthaler (Das Weisse vom Ei) einiges zum Innehalten und Nachdenken, wie z.B. Stephan Kimmigs locker rockende, dabei allerdings nicht besonders tiefgehende Neuinszenierung des 2003 uraufgeführten Stücks Tag der weißen Blume des russischen Dramatikers Farid Nagim, das historische Ereignisse der 1920er Jahre auf der Krim mit den heutigen Verhältnissen in Russland kurzschließt. Oder die von den Historikern Sönke Neitzel und Harald Welzer zusammengestellten Abhörprotokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, die Regisseur Thomas Dannemann in Hannover zu seiner Inszenierung Soldaten verdichtete. (Das hatten wir eigentlich im Kontext von Volker Löschs Draußen vor der Tür-Inszenierung an der Berliner Schaubühne schon interessanter gesehen.) Luc Percevals Hamburger Inszenierung seiner Antikriegspolyphonie Front erinnerte dann noch mit Texten von Erich Maria Remarque und Henri Barbusse an den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs.

Autor/Regisseur Kevin Rittberger deutete mit seinem plebs coriolan, einem Auftragswerk in Eigenregie für das Schauspielhaus Wien, den klassischen Coriolanusstoff von Shakespeare in einen Umverteilungskampf Besitzloser gegen die Wahrer des privaten Besitzstands um. Ein bisweilen spaßiges Unterfangen, das die Domestiken einer Dame aus reichem Hause und deren Unterstützer beim Versuch des sogenannten „Aushegens“ und wieder Einverleibens der in Teilen freiwillig übergebenen Güter in kollektiven Besitz zeigt. Es scheitert allerdings wiedermal etwas banal an der Gewalt(en)frage und dem kollektiven Unvermögen die Utopie des Endes vom Eigentum in die Tat umzusetzen. Der eigene Hang zum kleinen Privatbesitz schlägt dem zunächst noch recht unorthodox handelnden plebs allerdings schnell ein Schnippchen, genau wie der eiserne Wille eines wunderbar zynisch monologisierenden Notars, Alt- und Bewahrenswertes mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen. So zeigt man sich seine Wunden – das einzige, was das Stück recht ironisch aus dem Shakespearstoff übernommen hat – kommt aber leider über ziemlich unkonkretes Theoriegewaber nicht hinaus.

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Aber vor allem gab es wieder die Gelegenheit einige der Anwärter für den Mülheimer Dramatikerpreis 2014 im direkten Vergleich zu begutachten. Fast wie zufällig standen dann auch die beiden Stücke, die es in Mülheim in die Endrunde geschafft hatten, kurz hintereinander auf dem Spielplan der ATT. Und unterschiedlicher können zwei Theaterstücke und -philosophien kaum sein. In Gasoline Bill, vom Diskursschleifer und Stückwerkphilosophen René Pollesch an den Münchner Kammerspielen inszeniert, kämpfen sich die Schauspieler mal wieder durch Texte der Art: „Ich habe mit Greenpeace zwei Delfine gerettet und werde immer trauriger.“ oder „Ich habe eine Doppelhaushälfte gekauft… Wo ist die andere Hälfte vom Haus?“ Die Fragen der Darsteller zielen dabei aber nicht einfach nur auf banale Probleme wie dem des allgemeinen Helfersyndroms oder der Sinnlosigkeit von sexuellen Paarbeziehungen. Der Grund dessen, weswegen sie eigentlich hier sind, ist das allseits bekannte Spiel René Pollesch‘, das man im weitesten Sinne ein Essenzmemory seiner momentanen, meist höchst philosophischen Lektüre bezeichnen kann.

Wie schon in seinem letzten Stück an den Münchner Kammerspielen Eure ganz großen Themen sind weg! geht es dann aber trotzdem auch wieder genau darum. Diesmal tummeln sich im Cowboyoutfit Katja Bürkle, Benny Claessens sowie die Pollesch-Newcomer Sandra Hüller und Kristof Van Boven vor einem nach einer Seite offenen, von Bert Neumann aus Holzlatten zusammengezimmerten Westernsaloon. Gleich einer Zigarettenpause im Büro wird im gemeinsamen Smalltalk zunächst der allgemeine Themenrahmen abgesteckt. Einer der Orte (neben dem Theater) wo  noch wirklich die ganz großen Themen unter Gleichgesinnten verhandelt werden. Hier treten aber auch auf schönste Weise die Diskrepanzen zu Tage, zwischen gelebtem Alltag und der Vorstellung dessen, was man sich idealer Weise immer so vornimmt. Die Kluft zwischen Wollen und Tun geht bekanntlich oft weit auseinander. Dazu kommt der Terror von Mitmenschen umgeben zu sein, die uns mit ihrer Anwesenheit belasten. Sogenannten toxischen Subjekten (nach Slavoj Zizek), die ständig unsere Tolernanz herausfordern, und unser Menschrecht auf Abstand gefährden.

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Beifall am DT für Gasoline BillFoto: St. B.

Der Wunsch nach Entlastung und Erlösung aus diesem Zustand (z.B. durch so „lässig coole Kapitalistenschweine“ wie Steve Jobs) dringt dabei bis auf die Theaterbühne vor. Wir delegieren, um nicht zu verzweifeln, unsere Emotionen das Elend der Welt betreffend an den Schauspieler, und können so wieder über die eigenen, alltäglichen Probleme nachdenken, z.B. wo man seinen Füller verlegt hat. Um das dem Schauspieler nun auch zu ermöglichen, wirft Benny Claessens schließlich einfach das Textbuch ins Holzhaus und die Entlastungs-Gebetsmühle an. Das Haus dreht sich und im diskursives Matratzenlager auf weichem, unsicheren Boden treffen Siegmund Freud und TV-Seelenversteher Domian auf Sandra Bullock in Gravity allein im All. Vom Band schmettern die Beasty Boys Party und Sabotage und ein Proust-Zusammenfassungs-Wettbewerb Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wird in Abendgarderobe zelebriert. Max Webers Erlösungstheorien über soziales Handeln kulminieren in der Enttäuschung eines Afrikahelfers über den Undank der Betroffenen.

Unsere vier Rampen-Hillbillys tanzen und rennen gegen die wachsende Bedeutungsmanie des modernen Theaters bei gleichzeitig um sich greifender Begriffsresistenz an. Dabei schlägt man sich selbstredend auch den Kopf beim Versuch ganz weit offene Türen einzurennen, wo gar keine sind. Obwohl die offensichtliche Salonschwingtür das problemlos in beide Richtungen zuließe. Sandra Hüller präsentiert den Slapstick als letzte Rettung aus der Repräsentationsmisere. Last Chance verheißt die Vorderfront der einsamen Doppelhaushälfte, Keep Out! steht auf der Rückseite. Einstieg und Ausweg in einem – ein Witz der ein ums andere Mal ins Leere läuft, sein Ziel aber dennoch nicht ganz verfehlt. Von Sigmund Freud (Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten) über Jacques Lacan (Die Ethik der Psychoanalyse) bis zu Robert Pfaller (Die Illusionen der anderen: Über das Lustprinzip in der Kultur) ein vergnüglich um sich selbst rotierender Ausflug durch mehr als 100 Jahre Psychoanalyse und trotz allem auch ein Beitrag zum Innehalten und darüber Nachdenken, ob es tatsächlich immer so weitergehen muss, wie bisher.

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Eher ein Fall für den Kinderpsychologen scheint dagegen das Mülheimer Gewinnerstück Und dann des jungen Leipziger Dramatikers Wolfram Höll. Es brachte dem Autor Einladungen zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und zum Heidelberger Stückemarkt 2012 sowie die Verleihung diverser Preise ein. Ähnlich der von Bert Neumann gestalteten Diskursbretterbude in Polleschs Gasoline Bill steht hier ein Lattengerüst mit Sperrholzbeplankung auf der Bühne (entworfen inkl. der Kostüme von Andreas Auerbach), die von den vier Leipziger Schauspielern Wenzel Banneyer, Daniela Keckeis, Heiner Kock und Markus Lerch in Buratino-Kostümen (die russische Variante des italienischen Pinocchios) mit großen Köpfen, langen Nasen und kurzen Hosen bevölkert wird. Die bildliche Imitation der Sichtweise eines Sechsjährigen, der noch nicht anders als in solch kindlichen Bildern und sich wiederholender, rhythmischer Kurzsatzsprache erfassen kann, was da gerade mit ihm und der ihn umgebenden Welt passiert.

Und dann (UA) Foto © Rolf Arnold

Und dann (UA)
Foto © Rolf Arnold

Vom Videobildschirm klingt es bereits beim Einlass im Dauerloop: „ein Vater, zwei Kinder, drei Verlierlinge, eine Mauer, die keine mehr ist“. Familiäre und systemumwälzende deutsch-deutsche Gletscherverschiebungen mit nach sich ziehender Geschichtseinebnung haben die beiden Brüder und ihren Vater wie drei eiszeitliche Findlinge in den Schluchten der Plattenbauten zurückgelassen. Das plötzliche Fehlen der Mutter, die Wende und langsame Zerrüttung der verbliebenen Rumpffamilie in einem randstädtischen, vermutlich Leipziger Plattenbau sind die Eckpfeiler einer Geschichte über Verlorenheit und Verlustschmerz. Die „Verlierlinge“ stehen hier als Sinnbild menschlich-tektonischer Verwerfungen in Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs.

Die Perspektive des Kindes zu wählen, erweist sich dabei als sprachlich interessanter Kunstgriff. Autor Höll tauscht damit ganz bewusst die Ebene des erwachsenen, allwissenden Erzählens gegen eine lückenhaft kindliche Erinnerung des Nichtverstehenkönnens. Diese Erinnerungssplitter rekapitulieren in kurzen Momentaufnahmen ein aus den Fugen geratendes Weltbild einer versehrten Kleinfamilie. Mittels Projektionen und Sprachbildern vermittelt der Text Stimmungen wie Aufbruch und Hoffnung oder Ängste und Wut. Die rhythmisierte Sprachmelodie mit der bindenden Aufzählungsformel „Und dann…“ lässt den Text fast strophenhaft klingen, was die Inszenierung von Claudia Bauer auch in kleinen repetitiven Sangeseinlagen aufnimmt. Text und Inszenierung verbinden sich dabei trotz der gewollten Künstlichkeit zu einem virtuosen Ganzen.

Das Erinnern funktioniert hier über alte Familienfilme, die mittels eines Videoprojektors das Bild der verlorenen Mutter für das Kind wiederbeleben und überdimensional an die betonsteinharten Häuserwände der Plattenbauten werfen. Der beruflich gescheiterte Vater, in den Vorstellungen des Kindes in einem großen Haus, ein Hausriese, ganz weit oben, verschanzt sich nun mehr in die eigenen engen Wände das Plattenbaus an seinem Funkgerät horchend, das für den Sohn die unbegreifliche Weite und Verbindung zur Welt darstellt. Ein geheimnisvoller „Würfelmittausendstimmendrinnen“, der sich nach seinem Verstummen in den vielen Fernsehgeräten der umliegenden Plattenbauten draußen wiederspiegelt.

Und dann (UA) mit Heiner Kock, Daniela Keckeis, Markus Lerch - Foto © Rolf Arnold

Und dann (UA) mit Heiner Kock, Daniela Keckeis, Markus Lerch – Foto © Rolf Arnold

Die Wende wiederum spiegelt sich in den Augen des Jungen z.B. über die plötzliche Wandlung der einstigen „Panzerparadenlangenstraße“ zur „Jedentagwagenparadenstraße“ der Westwagen, die er aufmerksam beobachtet. Die einen Russen gehen, damit die anderen Russen (nun Spätaussiedler) mit ihren Koffern kommen können. Immer mit gleicher, bildlicher „Vatermutterkindkiste“. Diese Metaphern und Projektionen kindlicher Phantasie bestimmen Hölls Stück über weite Strecken, bis sie immer kleiner werden und in den Händen des Kindes fast verschwinden. Das langsame Verlöschen der Erinnerung und das Warten auf einen neuen Gletscher, der die Geschichte weiter überscheiben wird, schließen das Stück, lassen es aber auch im Bild der drei Findlinge/Verlierlinge im Hof der Plattenbauten weitgehend offen.

Das Innehalten am Ende kommt hier aber eher einem Verharren in einer sich auf der Stelle drehenden Zeitschleife gleich. Zusammen mit dem ebenfalls nach Mülheim eingeladenen Stück am beispiel der butter des österreichischen Dramatikers Ferdinand Schmalz bewies das Schauspiel Leipzig unter dem neuen Intendanten Enrico Lübbe trotz Erfolgsdruck und damit verbundenem nicht immer künstlerisch überzeugendem Hochdruck auf der großen Bühne ein gutes Händchen für kleinere Produktionen an den Nebenspielstätten.

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Dem Vorwurf der Überproduktion von Stücken und dem gezielten Burnout junger Schreibtalente wehte allerdings auch etwas Widerspruch entgegen. Der Dramaturg und ehemalige Theaterkritiker Roland Koberg formulierte in seinem Hätte-wäre-Gedanken auf dem ATT-Blog die Behauptung „Mehr Stücke sind mehr.“ „Die bei Juroren beliebte Hypothese, das Theater werde besser, wenn weniger Dramatiker weniger Stücke mit mehr Qualität schreiben, gehört ins Reich der Phantasie. Nicht weniger ist mehr. Mehr ist mehr.“ Ein Plädoyer für mehr Mut der Autoren zum Stückeschreiben. Etwas anderes hätte man wohl auch kaum erwarten können, obwohl seit einiger Zeit selbst Dramaturgen wie Bernd Stegemann von der Berliner Schaubühne den Sinn der Überproduktion an den großen Häusern in Frage stellen. Er sieht das durchaus in einem größeren Zusammenhang: „Die ständig wachsende Zahl an neuen, von einer Theaterleitung erfundenen Produktionen verkehrt die Druckverhältnisse, die bisher von den Forderungen der Regisseure auf die Institutionen ausgingen. Kürzere Probenzeiten, höhere Aufführungsschlagzahl, kleinere Ensembles und Ausstattungsetats stellen den Regisseur vor Anforderungen, die wieder an die Anfänge seines Berufs erinnern.“ stellte er bereits 2011 in einem Interview mit der Berliner Zeitung fest. Das alles diene letztendlich nur „dem Beschleunigungswillen des Kapitals und der Entsolidarisierung der um dieses Kapital kämpfenden Individuen“. Das Ende der Fahnenstange in Bezug auf die Selbstausbeutung im künstlerischen Theaterbetrieb scheint da durchaus erreicht.

Foto: St. B.

Sind mehr Stücke wirklich gleich mehr? Dramenbaustelle ATT am DT – Foto: St. B.

Diesen Selbstoptimierungswahn gepaart mit einem endlos gesteigerten Leistungsdruck beschreibt in Teilen auch sehr schön eine Produktion des Deutschen Theaters, die ebenfalls nach Mülheim eingeladen war, dort beim Publikum gut ankam, auf den Autorentheatertagen allerdings nicht vertreten war und auf dem Spielplan des DT unerklärlicher Weise selten zu finden ist. In Alltag & Ekstase, einem modernen Sittenbild von Autorin Rebekka Kricheldorf, wird anhand dreier Generationen einer deutschen Durchschnitts-Familie ironisch der alltägliche Druck zum fast schon pathologischen Drang Ich-bezogenen Dauerin- und –outputs beschrieben. Und nach dem Motto: Lass es raus! hat dann hier auch jeder sein eigenes Lang- bzw. auch mal Kurzzeitprojekt am laufen. Vor allem Hauptprotagonist Janne (Jannek Petri) mit gescheiterter Ehe und geschiedenen Eltern, schlechtem Sex und kindischen Angewohnheiten wird hier zwischen seinen selbstfindungsbewussten Nahverwandten aufgerieben.

Wesentlich einfacher macht es sich da der japanische Intimfreund des Vaters, der Spaß, Job und Familie zu trennen weiß, die tägliche Leistungsoptimierung kurzerhand daheim lässt und zum Triebabbau bei völkisch ritualisierten Vergnügungen einfach nach Deutschland kommt. Vom Vater zur unfreiwilligen Eventbetreuung abgestellt, erlebt Janne schließlich eine Initialzündung zwischen gemeinschaftsbildendem Oktoberfest sowie naturnahem und körperbetontem Karnevalsritual, bei dem dann auch für ihn alles irgendwie in Ordnung zu kommen scheint, so lange Bier und Wurst ökologisch korrekter Herkunft sind. Da ist zum Ende des Stücks hin der bisher stoisch in der Ecke an eins der gescheiterten Projekte gemahnende Nachwuchs River aber bereits auf der Flucht vor den Erzeugern nach Nepal. Und irgendwie ist die Geschichte da auch wieder am Anfang angekommen. Der Beginn des Kreislaufs in der Hölle der Ich-Findung. Also doch lieber Innehalten? Mit dem Ausblick auf ein irgendwie gestaltetes Theaternirwana vielleicht keine schlechte Idee. Rebekka Kricheldorf wird jedenfalls in der kommenden Spielzeit ans Deutsche Theater zurückkehren, wie auch die nächsten Autorentheatertage nebst dem dazugehörigen neuen Motto.

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plebs coriolan
von Kevin Rittberger
Uraufführung
Regie: Kevin Rittberger, Bühne/Kostüm: Janina Brinkmann, Musik: Kira Kira.
Mit: Hanna Eichel, Barbara Horvath, Steffen Höld, Gideon Maoz, Myriam Schröder, Thiemo Strutzenberger.
Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: http://www.schauspielhaus.at/

Gasoline Bill
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Dramaturgie: Tobias Staab.
Mit: Katja Bürkle, Sandra Hüller, Benny Claessens, Kristof van Boven.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

Und dann (UA)
von Wolfram Höll
Regie: Claudia Bauer, Musik: Peer Baierlein, Bühne und Kostüme: Andreas Auerbach, Dramaturgie: Matthias Huber / Esther Holland-Merten.
Mit: Wenzel Banneyer, Daniela Keckeis, Heiner Kock, Markus Lerch.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.schauspiel-leipzig.de

Alltag und Ekstase. Ein Sittenbild (UA)
Von Rebekka Kricheldorf
Regie: Daniela Löffner, Bühne: Claudia Kalinski, Kostüme: Sabin Thoss, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Jannek Petri, Harald Baumgartner, Judith Hofmann, Thomas Schumacher, Franziska Machens, Nermina Jovanovic/Zoë Seelig.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/

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