Archive for the ‘Yael Ronen’ Category

Eine „Winterreise“ mit dem Exil Ensemble und Falk Richters „Verräter – Die letzten Tage“ – Das Maxim Gorki Theater Berlin zeigt zwei bedenkliche deutsche Bestandsaufnahmen

Freitag, Mai 5th, 2017

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Winterreise – Yael Ronen organisiert mit dem Exil Ensemble des Maxim Gorki Theaters eine theatrale Busfahrt durch Deutschland

Winterreise am Maxim Gorki Theater
Foto (c) Esra Rotthoff

Die Winterreise ist der Klassiker der deutschen Romantik schlechthin. Das Maxim Gorki Theater hat mit Get lost in November bereits einen Abend zum Fremdsein in Deutschland und wehmütigen Heimatgefühlen nach Schuberts Liederzyklus im Programm. Eine orientalische Variante mit multiethnischem Ensemble wohlgemerkt. Warum also noch einmal eine solche Produktion? Die Antwort ist: Das Gorki verfügt seit November 2016 auch über das erste Exil Ensemble an deutschen Theatern. Es besteht aus „professionellen Neuberliner Schauspieler*innen aus Afghanistan, Syrien und Palästina“, die aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflüchtet sind.

Zusammen mit der Gorki-Hausregisseurin Yael Ronen haben sich im Januar Ayham Majid Agha, Maryam Abu Khaled, Hussein Al Shatheli, Karim Daoud, Mazen Aljubbeh, Kenda Hmeidan und – als ihr deutscher Guide – Niels Bormann von Berlin aus zu einer Recherche-Bustour quer durch Deutschland mit kleinem Abstecher in die Schweiz aufgemacht. Kein genaues Ziel vor Augen, sind es eher ein paar Fragen, die das Team um Yael Ronen beim Blick auf ihr Exil-Land aufwerfen. Etwa: „Wie nehmen sie das Zusammensein mit den Eingeborenen war? Welche gegenseitigen Annäherungsversuche gibt es, wie werden die zwischenmenschlichen Beziehungen ausgelotet?“ Das Ergebnis dieser Winterreise, wie das Exil Ensemble dann auch seine erste Produktion genannt hat, ist seit Anfang April im Maxim Gorki Theater zu erleben.

Apropos deutsche Klassik und Romantik: Für den deutschen Bildungsbürger sind diese Begriffe ja selbst immer auch ein großes Klischee über Deutschland mit seinen großen Dichtersöhnen aus einer Vielzahl von selbsternannten Kulturstädten mit ihren darin reichlich vorhanden Kultstätten. Was läge also näher, als die 12tägige Deutschlandreise gerade in Dresden und Weimar beginnen zu lassen. Zunächst aber gibt es auch hier Musik, nicht von Schubert, aber ebenso klangvoll melancholisch gestimmte arabische Klänge. Das Ensemble steht mit gepackten Koffern frierend in seinen Winterklamotten und wartet auf den Guide Niels. Soviel zum ersten und häufigsten Klischee – der deutschen Pünktlichkeit. Das dieser Abend noch weitere in Petto hat, ist nicht unbedingt sein Manko. Worüber, was ließe sich wohl ein Land für Fremde besser erschließen, als über seine Stereotypen.

Und das bedeutet hier nur nicht allzu viel Persönliches von sich selbst preiszugeben, immer ein bisschen auf Abstand zu sein, keine Gefühle zu zeigen. German Angst und German Rules, die der deutsche Busfahrer (den Bormann gleich noch mit mimen muss) den Exil-Reisenden zu Beginn recht plastisch zu schildern weiß. Ein Erklärertyp ohne die geringsten Selbstzweifel. Für die ist der Intellektuelle Niels zuständig, der sich ständig reflektiert, Angst hat seine Schützlinge zu überfordern und angesichts einer Pegida-Montagsdemo bei der Ankunft in Dresden um den heißen Brei relativiert.

Freiheit und Toleranz, einst Projekte der europäischen Aufklärung, geraten hier unmittelbar auf den Prüfstand. Der Abend geht das locker an, indem er sich angesichts des geballten Fremdenhasses zunächst in die Ironie flüchtet, wenn zwei der arabischen Reisenden über die merkwürdigen Plakate der „Patriotischen Europäer“ rätseln, auf denen Angela Merkel ein Kopftuch trägt und Fatima genannt wird, oder „Sachsen bleibt deutsch“ steht. Aber es geht auch um den unmittelbaren Vergleich. Und da wird der Abend schon etwas ernster. Denn vieles vom Gesehenen und Gehörtem (nicht nur Dresdener Bombenächte und das Konzentrationslager Buchenwald) erinnert die Mitglieder vom Exil Ensemble auch an die eigene Heimat, die in ihren nachdenklichen Monologen immer präsent ist.

Den Syrer Mazen Aljubbeh plagen Albträume nach dem Besuch von Buchenwald. Er will nichts mehr von Tod und Zerstörung wissen, nicht mehr auf Beerdigungen gehen. Niels führt sie zu einem anderen Ort deutscher Selbstvergewisserung, der Münchner Allianz-Arena, die aber wegen der Abwesenheit der Bayernelf auch nur einem riesigen Raum der Kontemplation gleicht und damit wieder nur melancholische Gefühle statt, wie bei Niels, heimatliche Geborgenheit befördert. So räsoniert Ayham Majid Agha angesichts einer im Abriss befindlichen ehemaligen Siedlung für US-amerikanische Armeeangehörige in Mannheim über seine zerstörte Heimatstadt Damaskus und einen Taubenzüchter, der sie wegen seiner Tauben nicht verlassen will. Und auch Kenda Hmeidan plagt die Sehnsucht nach ihrem Ex-Freund, den sie hofft in Hamburg wieder zu sehen. Hussein Al Shatheli erzählt von seinem schwierigen Status als syrische Palästinenser und seiner Flucht über den europäischen Kontinent. In diesen Berichten spiegelt der Abend durchaus Schuberts Winterreise, aus der alle noch das Lied Der Wegweiser singen. Ein sehnsüchtiges Statement des unbehausten Wanderers. Ästhetisch verstärkt wird das durch Fotos und Zeichnungen von Esra Rotthoff, die auf drei Videoleinwände geworfen werden.

So etwas wie Flüchtlingsromantik oder Betroffenheit soll dabei allerdings gar nicht erst aufkommen. Eine weitere Klammer bildet das Gedicht Über die Bezeichnung Emigranten von Bertolt Brecht, das der Palästinenser Karim Daoud vorträgt. „Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten. / Daß heißt doch Auswanderer. Aber wir / Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluß / Wählend ein anderes Land.“ heißt es darin. Nur ein Exil soll dieses Land, in das sie flüchteten, sein. Und dennoch will man dieses Deutschland auch verstehen, in dem die Palästinenserin Maryam Abu Khaled sogar eine neue Liebe fand, das einem aber doch mit seinen Verhaltensregeln wie einer kuriosen App, die deutsche Sexualpraktiken erklärt, fremd bleibt. Eine Heimat, in der sie sich sicher fühlen, haben sie aber bereits gefunden, wie es Ayham Majid Agha am Ende erklärt. Die Theaterbühne, auf der das Exil Ensemble sicher noch weitere Produktionen präsentieren wird.

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WINTERREISE (Maxim Gorki Theater, 26.04.2017)
Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Sophie Du Vinage
Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi
Video: Benjamin Krieg, Patrícia Bateira (Station Mannheim)
Puppenspiel: Ariel Doron
Zeichnungen: Esra Rotthoff
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Ayham Majid Agha, Maryam Abu Khaled, Hussein Al Shatheli, Niels Bormann, Karim Daoud, Mazen Aljubbeh und Kenda Hmeidan
Uraufführung war am 8. April 2017
Weitere Termine: 19., 24.05.2017

Weitere Infos siehe auch: http://gorki.de

Zuerst erschienen am 02.05.2017 auf Kultura-Extra.

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„Wo sind wir hier?“Falk Richter und Ensemble verirren sich mit Verräter – Die letzten Tage im immer dunkler werdenden deutsch-nationalen Sprachwald

Verräter – Die letzten Tage am Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Ähnlich wie Yael Ronen mit dem Exil Ensemble spielt auch Falk Richter in seiner neuen Gorki-Produktion Verräter – Die letzten Tage mit den Biografien der mitwirkenden SchauspielerInnen. Allerdings geht Richter in seinen Stücken bei weitem weniger subtil vor. Seine Texte greifen in letzter Zeit oft direkt Personen des rechtsnationalen Spektrums um AfD und Pegida an. Der Autor und Regisseur benutzt dabei ganz bewusst deren Hass-Rhetorik gegen Minderheiten wie Homosexuelle oder Ausländer. Das hat ihm im Fall seines Stücks Fear an der Berliner Schaubühne bereits eine Klage der AfD-Politikerin Beatrix von Storch eingebracht, die allerdings zugunsten Richters abgewehrt wurde. Auch in Small Town Boy am Maxim Gorki Theater redete sich der Schauspieler Thomas Wodianka gegen die neuen Rechten, CDU-Politikerinnen und Wladimir Putin in Rage.

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Sein neues Stück behandelt den von den Rechten immer wieder ins Spiel gebrachten Begriff des Verräters am Volk oder den von rechts proklamierten abendländischen Werten. Richters Befürchtung geht dahin, dass die Tage der freien Welt gezählt scheinen und „der ‚freien Westen‘ immer tiefer in ein Phantasma der gesellschaftlichen Restauration von autoritärer Stärke und altväterlicher Macht“ driftet. Die explizite und patriarchale Rhetorik eines Trump, Erdogan oder Putin liefern ihm dafür den Beweis. Richter hat für seine Recherche auch den französischen Philosophen Didier Eribon und dessen autobiografische und politische Analyse Rückkehr nach Reims gelesen. Darin erklärt der aus einer Arbeiterfamilie stammende schwule Autor das Erstarken der nationalen Rechten auch aus der Abwehr einer sexuellen und sozialen Scham sowie des ins gesellschaftliche Unterbewusstsein verdrängten Klassenkampfs, der nun von rechts als Kulturkampf zurückgekehrt ist.

Dazu lässt Richter sein Ensemble zum Beginn des Abends von der eigenen Scham und dem Verrat an der sozialen Herkunft, der Familie oder dem Stehen zur eigenen sexuellen Orientierung erzählen. So berichtet z.B. Mareike Beykirch von ihrer Kindheit in einem kleinen Ort im Harz, in dem nach der Wende Arbeitslosigkeit und Hartz IV Einzug hielten, wodurch die sozialen und familiären Strukturen nachhaltig zerstört wurden. Sich ihrer Mutter zu schämen, ihre Entfremdung von dem Ort mit seinen leeren, braunen Feldern und der harten anhaltinischen Sprache, empfindet sie auch ein wenig als Verrat. Mehmet Ateşçi schämt sich während eines Türkeiurlaubs mit seinem Freund in der Istanbuler Putschnacht aus Angst vor Entdeckung nicht klar zu seiner Sexualität gestanden zu haben. Und auch der Schauspieler Knut Berger, der mit einem Mann zusammenlebt, mit dem er zwei Kinder erzieht, erzählt, dass seine Ruhrpolnische Familie, um als deutsch zu gelten, einst den Namen geändert hatte.

 

Foto: St. B.

 

Soweit ist Richters Stück mit den biografischen Splittern seiner MitspielerInnen auch künstlerisch nah am politischen Thema dran. Es untersucht die Sprache als Transportmittel von Hass und Vorurteilen oder was sich mit ihr beschreiben lässt und was nicht. Wie sie bewusst ausgrenzt und verfälscht. Dazu spielt das Ensemble passende Live-Musik wie etwa Mareike Beykirchs Punksong Wer hat uns verraten? Christdemokraten oder bekannte Popsongs wie In a Manner of Speaking von Tuxedomoon und Enjoy the Silence von Depeche Mode mit den Liedzeilen „Words like violence / Break the silence oder Words are very unnecessary“. Knut Berger vermisst eine Sprache, in der er vorkommt. Vieles unterliege einem Sprechverbot, was er auch als „Verrat an der Poesie“ empfindet.

Dass die Inszenierung dann doch auch wieder in die aufgesetzte Attitüde des Hate-Speech und der bewussten Provokation verfällt, dabei aber immer auch wieder Gesagtes zurücknimmt oder zur Diskussion stellt, tut dem anfänglichen Fluss des Abends nicht besonders gut. Selbstironische Einsprengsler wie die Sing-Sang-Nummer des Hamburger Thalia-Schauspielers Daniel Lommatzsch, der als Witzfigur eines deutschen Theatermachers die so anderen Biografien seiner MitspielerInnen so interessant findet, dass er z.B. ein LaLaLand-Musical mit der Israelin Orit Nahmias über jüdische Kollaborateure in deutschen KZs machen will, wirken gar schon etwas grenzwertig. Çiğdem Teke wartet noch mit dem ironisch gemeinten Wunsch auf, nicht allein nur als lesbische Schauspielerin auf sich selbst festgelegt zu werden, sondern auch mal eine Liebesszene mit einem Mann zu spielen.

Der Dialog als gesellschaftliche Art der Auseinandersetzung hat nach Falk Richters Meinung ausgedient und ist in die anonymen Kommentarzeilen der sozialen Netzwerke verlegt worden. Auf düster- apokalyptischer Bühne mit einer Art verkohltem Waldboden, wohl als Sinnbild der verirrten deutschen Seele gemeint, machen sich nun finstere Gestalten ans Holzhacken. Daniel Lommatzsch referiert dazu als Götz-Kubitschek-Verschnitt über den Weg des Mannes und die angestammte Rolle der Frau, in die er sie wieder zurückdrängen will. Dieser Art der „neuen Terminologie“, die doch das Alte meint, will der Abend den Kampf ansagen, verzettelt sich dann aber doch in kabarettistischen Solonummern und bietet am Ende wieder nur das Idyll als Alternative, wie es Falk Richter beispielsweise mit der Utopie des Urban Gardening bereits in Fear proklamiert hat. Hier ist es die Hoffnung, dass wie in Angkor Wat die Natur alte Herrscherreiche wieder überwuchern wird, oder die polyamoröse Lebensart, eine Art von kollektiver Identität, der man mit gemeinsamem Kuscheln in einer Videoprojektion frönt und I „wanna dance with somebody / With somebody who loves me“ singt.

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VERRÄTER – DIE LETZTEN TAGE (Maxim Gorki Theater, 28.04.2017)
Regie: Falk Richter
Bühne/Kostüme: Katrin Hoffmann
Musik: Nils Ostendorf
Video: Aliocha Van Der Avoort
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Jens Hillje, Mazlum Nergiz
Mit: Mehmet Ateşçi, Knut Berger, Mareike Beykirch, Daniel Lommatzsch, Orit Nahmias und Çiğdem Teke
Uraufführung war am 28. April 2017
Weitere Termine: 11., 13.05.2017

Weitere Infos siehe auch: http://gorki.de/

Zuerst erschienen am 02.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Spielzeitbeginn an der Berliner Schaubühne und dem Maxim Gorki Theater mit Recherchestücken von Milo Rau und Yael Ronen

Mittwoch, September 14th, 2016

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Im Fluss der Geschichten – Empire von Milo Rau verhandelt die tragische Verquickung von europäischen mit außereuropäischen Schicksalen.

Der Fluss als Metapher für das Vergehen von Zeit, verflossenes Leben, vergangene Schicksale und als Transporteur von Geschichte. Alles hängt mit allem zusammen, nichts bleibt wie es ist oder: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. So ähnlich steht es schon beim griechischen Philosophen Heraklit. Alles ist im Fluss und nichts bleibt. Damit etwas bleibt, muss es erzählt und dokumentiert werden. Denn auch das sagt der alte Philosoph: „Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.“ Ein Sammelsurium an verschiedenen Geschichten.

Nichts anderes sammelte auch der Dokumentartheatermacher Milo Rau für seine Europa-Trilogie, die nach The Civil Wars (2014) und The Dark Ages (2015) nun mit dem Stück Empire zu Ende geht. Der Abend ist nach der Uraufführung vor einer Woche beim Theaterspektakel Zürich in der mitproduzierenden Berliner Schaubühne angekommen…

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Die Donau ist so ein geschichtsträchtiger Strom, der im Herzen Europas entspringt und an dessen Grenze ins Mittelmeer fließt. In der Antike von den Römern mare nostrum (unser Meer) genannt, hat es durch Fluchtbewegungen, die sich infolge des syrischen Bürgerkriegs noch verstärkt haben, eine traurige Bedeutung erlangt. Ein anderer Fluss ist der Tigris in Vorderasien, der aus dem kurdischen Teil der Türkei kommend einen Teil der Grenze zu Syrien bildet und nach seinem Weg durch den Irak im Persischen Golf mündet. Dort, im sogenannten Zweistromland, das der Tigris mit dem Euphrat bildet, entwickelte sich noch vor der Antike, die erste Hochkultur der Menschheitsgeschichte.

Hochkulturen kommen und gehen. Deren Geschichten und Mythen rund um die großen Flüsse bleiben. Der griechische Filmregisseur Theo Angelopoulos beschreibt in seinem 1995 gedrehten Film Der Blick des Odysseus die Odyssee eines Regisseurs auf der Suche nach alten Filmrollen durch die von Krieg und politischem Wandel gezeichneten Staaten des Balkans, die auch schon Thema in Teil 2 von Milo Raus‘ Europa-Trilogie waren. Die persönlichen Geschichten seiner aus ihrem Leben berichtenden ProtagonistInnen bewegten sich aus der Mitte Europas über dessen Ränder bis in den sogenannten Nahen Osten. Auch eine dramatische Reise von Tschechows Kirschgarten über Shakespeares Hamlet bis zu Medea, der griechischen Tragödie des Euripides.

Die tragische Verquickung von europäischen mit außereuropäischen Schicksalen. Die nicht immer glücklichen Wechselwirkungen dieser Geschichte wirken bis heute nach. Milo Rau nennt hier in einem Interview im Programmheft u.a. das Sykes-Picot-Abkommen von 1916, in dem Frankreich und Großbritannien ihre Einflusssphären im untergehenden Osmanischen Reich festschrieben. Die Kurden wurden durch die willkürlich gezogenen Grenzen auf drei Länder (Irak, Syrien, Türkei) verteilt, in denen sie bis heute eine ungeliebte Minderheit bilden. Auch der bis heute schwelende Nahostkonflikt ist nicht unwesentlich auf die westeuropäische Einflussnahme zurückzuführen.

 

Empire von Milo Rau in der Berliner Schaubühne - Foto (c) Marc Stephan

Empire von Milo Rau in der Berliner Schaubühne
Foto (c) Marc Stephan

 

All das kommt in Empire nur am Rande vor in den Erzählungen des Syrers Rami Khalaf und des syrischen Kurden Ramo Ali. Beide sind sie auch Schauspieler, spielen hier aber keine Rollen, sondern tragen ihre eigenen Familiengeschichten vor, die auch Generationenkonflikte beschreiben und sich schicksalhaft mit den politischen und religiösen Verwerfungen in ihrem Land verknüpfen. Sie wurden nach der Teilnahme an Demonstrationen gegen das Assad-Regime während der syrischen Revolution inhaftiert. Rami Khalaf konnte nach Paris fliehen, wo er einige Zeit bei einem arabischen Radiosender arbeitete. Später suchte er unter 12.000 Fotos von Folteropfern das Gesicht seines vermissten Bruders.

Ramo Ali durchlitt im Gefängnis von Palmyra die Folter. Die Gespräche mit einem der Verhörer sieht er im Nachgang wie eine Psychotherapie, bei der er sich erst richtig kennengelernt hat. Nach der Flucht nach Deutschland reiste er wieder zurück über die Türkei und den Grenzfluss Tigris nach Nordsyrien, wo er mit 13 Geschwistern aufwuchs, um das Grab seines Vaters zu besuchen. Ein Vater, der ihn schlug, um einen starken Mann aus ihm zu machen. Das hat ihn geprägt.

Übrigens ist der gut behütete Talisman des Muslim Ramo Ali ein Kettchen mit dem Bildnis der Jungfrau Maria. Die hat die rumänische Schauspielerin Maia Morgenstern in Mel Gibsons als antisemitisch verschrienen Film The Passion of Christ verkörpert. Das hat der Jüdin, deren Familie von den Nazis aus Weißrussland vertrieben wurde und deren Großvater Im KZ war, viel unschöne Kritik eingetragen. Heute leitet sie das Jüdische Theater in Bukarest. Sie erzählt vom schwierigen Leben in der Ceaușescu-Diktatur und der Trennung von ihren Kindern, wegen der langen Arbeit mit dem Regisseur Angelopoulos am Dreh von Der Blick des Odysseus, dessen Filmkomponistin Eleni Karaindrou auch den getragenen Soundtrack der Aufführung geschaffen hat und dessen starkes Bild mit einem abgebauten Lenindenkmal auf einem Donaukahn lange nachwirkt.

Eine lange Odyssee von Odessa über Wladiwostok auf der Flucht vor den Bolschewiki nach Thessaloniki haben auch die Großeltern des griechischen Schauspielers Akillas Karazissis hinter sich. Nun kann auch er von seiner Exil-Geschichte nach der Flucht vor den griechischen Militärputschisten berichten. Fast wie in einem Fassbinderfilm erlebte er im Deutschland der 1960er Jahre die erste Freiheit ebenso wie den Ausländerhass. Als Grieche vom Dienst machte er Erfahrungen am deutschen Stadttheater und ist heute ein gefragter Tragödiendarsteller am Theater von Epidauros.

Was die vor Live-Kamera und spartanischer Wohnküche, die zuvor auf der Vorderseite noch eine zerschossene Hausfassade zeigte, vorgetragenen Geschichten verbindet, ist ihre unspektakuläre und doch emotional dichte Erzähldramaturgie, die die Erfahrungen von Krieg, Leid, Flucht und Leben im Exil auch einem westeuropäischen Publikum eindrucksvoll nahezubringen vermag. Eine Kraft, die sich allein mit schnellen, medialen Bildern von Menschentragödien nicht vermitteln lässt.

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EMPIRE (Schaubühne, 08.09.2016)
Eine Produktion von Milo Rau / International Institute of Political Murder (IIPM)
Premiere war am 01.09.2016 beim Zürcher Theater Spektakel
Berlin-Premiere war am 08.09.2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Konzept, Text und Regie: Milo Rau
Musik: Eleni Karaindrou
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Video: Marc Stephan
Dramaturgie und Recherche: Stefan Bläske, Mirjam Knapp
Sounddesign: Jens Baudisch
Technik: Aymrik Pech
Produktionsleitung: Mascha Euchner-Martinez, Eva-Karen Tittmann
Text und Performance: Ramo Ali, Akillas Karazissis, Rami Khalaf, Maia Morgenstern
Eine Produktion des IIPM – International Institute of Political Murder. In Koproduktion mit dem Zürcher Theater Spektakel, der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin und dem steirischen herbst festival Graz
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Sprache: Arabisch, Griechisch, Kurdisch, Rumänisch mit deutschen Untertiteln

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 09.09.2016 auf Kultur-Extra.

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Denial – Yael Ronen und Ensemble versuchen sich in ihrem neuen Recherchestück am sehr verbreiteten Phänomen der Verneinung, Verdrängung oder Verleugnung von unbequemen Tatsachen

Denial - Foto (c) Esra Rotthoff

DenialFoto (c) Esra Rotthoff

Einen Tag nach Milo Rau’s Empire an der Berliner Schaubühne geht auch das gerade zum Theater des Jahres gewählte Maxim Gorki Theater mit einem Recherchestück an den Spielzeitstart. Die ebenfalls preisgekrönte israelische Regisseurin Yael Ronen (Ihr zum Berliner THEATERTREFFEN eingeladenes Stück The Situation ist Stück des Jahres) hat mit ihrem Ensemble einen Psychiater, eine Historikerin, eine Juristin, eine Energie-Therapeutin und einen Hypnotiseur zum weitverbreiteten Phänomen der Verneinung, Verdrängung oder Verleugnung befragt. Herausgekommen ist eine lose Abfolge von einzelnen Spielszenen zum Thema Denial.

Geht es in Empire um das Teilen von persönlichen Erinnerungen und Tragödien, versucht man in Denial diese eher zu beschönigen oder ganz zu negieren. So international wie das Ensemble sind auch die Gründe für die Realitätsflucht der dargestellten fiktiven Charaktere. Verdrängt, ignoriert und geleugnet wird in allen Kulturen und Nationen – sei es aus Scham, wegen der Konventionen oder auch aus politischen Gründen. Wobei das Thema der kollektiven, nationalen Geschichtsverdrängung hier leider etwas zu kurz kommt. Zum Nahostkonflikt, Syrien- oder Balkankrieg hat man am Gorki und gerade von Yael Ronen schon wesentlich schärfere Abende gesehen.

Und so geht es auch zunächst ganz lustig los. Zum Song „Billie Jean“ von Michal Jackson tanzend beteuern alle fünf Ensemblemitglieder (Orit Nahmias, Oscar Olivo, Dimitrij Schaad, Çigdem Teke und Maryam Zaree) eine garantiert glückliche Kindheit gehabt zu haben. Aber schon mit der Songauswahl wird diese Aussage konterkariert, was auch bald in noch ganz unbewussten, kleinen Einschränkungen der SchauspielerInnen zum Ausdruck kommt. Trotzdem gab es nie Streit mit den Eltern, keine Geheimnisse oder Probleme. Nichts, wonach man hätte fragen müssen außer vielleicht, wo eigentlich der Vater war. Und so hat man sich mit der Zeit eigene Wahrheiten zurecht gelegt und die bestehende Verdrängung noch perfektioniert.

Psychologie mag hier sicher eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben, allerdings verzettelt man sich zu Beginn in ein paar netten Kabaretteinlagen aus schrägen Kindheitserinnerungen. Beispielhaft dafür ein verdrängtes schwules Coming out eines mexikanischen Jungen im Fatsuite. Eine komische Nummer mit Livevideo über heimliche Anrufe bei einer teuren Gay-Hotline auf den Bahamas über das Telefon des Onkels, der lieber die Kosten begleicht als einen schwulen Neffen zu haben.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Etwa in der in Berlin offen lebenden, queeren Community mit Migrationshintergrund, wo ein verheiratetes lesbisches Paar einen gemeinsamen Sohn hat, aber zur türkischen Hochzeit die iranische Partnerin verleugnet und mit Verhaltensregeln eingedeckt wird – aus Angst vor den Problemen daheim. Kultur oder angelernter Verdrängungsmechanismus, die Lügen und Ausreden für die Partnerin oder die Eltern daheim lassen sich nicht so leicht ausblenden.

Der Abend behandelt noch weitere Problem-Themen wie Krankheit, Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt oder auch mal ganz banale Dinge wie zum Beispiel die konsequente Ausblendung finanzieller Schieflagen. Nie erreicht dabei das Spiel aber die Tiefe wie in dem einseitigen Gesprächsversuch einer Tochter mit ihrer Mutter vor laufender Kamera. Eine hochemotionale Rede über nie gestellte Fragen an die Mutter, die ihre Tochter im iranischen Gefängnis bekam und nie über die Folter und den ebenfalls inhaftierten Vater sprechen konnte.

Und das macht den Unterschied zu den anderen Spielszenen und zum Stück von Milo Rau: die gelungene Verdichtung des Recherchematerials zu wirkungsvollem Theater, das hier nur dank eines engagiert spielenden Ensembles nicht zu sehr ins Gestellte oder am Ende albern Esoterische kippt.

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DENIAL (Maxim Gorki Theater Berlin, 09.09.2016)
Regie: Yael Ronen
Bühnenbild: Magda Willi
Kostüme: Amit Epstein
Musik: Nils Ostendorf
Video: Hanna Slak
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Orit Nahmias (Dorit), Oscar Olivo (Olivio), Dimitrij Schaad (Jimmy), Çigdem Teke (Shaydem) und Maryam Zaree (Marian)
Dauer 1:45 h, keine Pause
Uraufführung war am 9. September 2016
Weitere Termine: 14., 18. 9. / 1. 10. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 10.09.2016 auf Kultur-Extra.

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Am Maxim Gorki Theater inszeniert Yael Ronen eine Bühnenadaption des jiddischen Flüchtlingsromans Feinde, die Geschichte einer Liebe von Isaac B. Singer

Mittwoch, März 16th, 2016

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Der 1935 in die USA emigrierte jüdische Schriftsteller Isaac B. Singer, erster Nobelpreisträger für Literatur, der in jiddischer Sprache schrieb, beschreibt in seinem Roman Feinde – die Geschichte einer Liebe das Leben von vier Personen nach dem Zweiten Weltkrieg in New York, deren Erlebnisse während des Holocaust sie auf immer schicksalhaft miteinander verkettet haben. Yael Ronen, die junge jüdische Hausregisseurin am Maxim Gorki Theater, sonst eher bekannt für ihre politischen Recherchestücke, hat diesen Flüchtlingsroman nun für die Bühne adaptiert.

Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

„Der Jude hat nie verächtlich auf den Fahnenflüchtigen herabgeblickt, der sich in einem Keller oder dem Dachboden verkroch, während draußen in den Straßen Armeen aufeinanderprallten.“ heißt es in Singers Roman. Herman Broder, ein Shoa-Überlebender aus Polen, hat dieses Prinzip verinnerlicht. Im Gegensatz zu seiner Familie hat es ihm das Leben gerettet, aber auch einen großen, lebenslangen Schuldkomplex eingetragen. Von Yadwiga, der polnischen Dienstmagd seiner Eltern drei Jahre lang auf dem Dachboden versteckt, versucht Herman sich auch nach dem Krieg in New York vor dem wirklichen Leben zu verstecken. In Yael Ronens Inszenierung kriecht Aleksandar Radenkovic als Herman Broder zu Beginn aus einer Luke am Boden und flüchtet sich während der zweistündigen Aufführung öfter auf eine hohe Metallbrücke über dem Bühnenportal.

Herman steht zudem zwischen drei Frauen. Yadwiga (Orit Nahmias), die er aus Dankbarkeit geheiratet hat, ist ein etwas einfach gestricktes Bauernmädchen, das weder lesen noch schreiben kann und ihm bedingungslos ergeben ist. Abwechslung sucht Herman bei Mascha (Lea Draeger), einer genauso hoch erotischen wie neurotischen Frau, die er in einem jüdischen Auffanglager kennen gelernt hat. Mit ihr hat er schnellen Sex auf dem Küchentisch, wird aber auch von ihren ständigen Eifersuchtsattacken geplagt. Ganz verzwickt wird die Lage, als seine totgeglaubte Ehefrau Tamara (Çizdem Tekes) plötzlich wie ein Geist oder jüdischer Dibbuk in New York auftaucht. Auch von ihr kann sich Herman wegen ihrer beider Vergangenheit nicht trennen. Er wird zum Trigamist wider Willen, ein albtraumgeplagter Wandler zwischen dem Hier und jetzt der New Yorker Gegenwart und den Schatten der Vergangenheit.

Dazu kommt, dass alle Figuren mehr oder weniger durch ihre Erlebnisse während des Krieges traumatisiert und lebensunfähig sind. All das setzt Yael Ronen nun ganz geschickt um, in dem alle vier Figuren auf verschiedenen Podestebenen auf der Bühne immer gleichzeitig anwesend sind und Herman, verfolgt von per Video eingeblendeten Schatten und Negativaufnahmen, zwischen den Frauen ständig hin und her hetzen muss. Singer hat Herman noch einen identitäts- und namenlosen Job als Ghostwriter für den New Yorker Rabbi Milton Lambert gegeben, den er als Vorwand nutzt, um sich immer wieder für Stunden oder Tage zu Mascha oder Tamara zu flüchten. Ständig klingelt ein Telefon wie eine Lagersirene und schreckt Herman aus seinem aus Ausflüchten und Lügen zusammengehaltenen Lebensgebilde.

In seiner Dankesrede zum Nobelpreis sagte Isaac B. Singer: „Gespenster lieben Jiddisch, und soviel ich weiß, sprechen sie es auch.“ Die Figuren seines Romans sind solche Gespenster, die ihre unbewältigten Traumata mit sich schleppen, unfähig sich in die neue Zeit des Friedens und der Freiheit zu integrieren. So tagträumt Herman z.B. von Nazis in Brooklyn. Yael Ronen hat diese epischen, teilweise sehr poetischen Passagen gestrichen sowie einige Nebenstränge gekappt und ihre Inszenierung ganz auf das schwierige Liebes- und Gefühlschaos der vier Hauptpersonen fokussiert. Eine recht konventionelle Regieführung, die sich an Konversationsstücken des New Yorker Broadway orientiert, aber auch slapstickhafte oder melodramatische Elemente mit einer Prise jüdischen Humors kombiniert. Dafür zieht Ronen eine neue, musikalische Ebene ein. Daniel Kahn performt mit seiner Klezmerband Tragikomisches aus jüdischer Tradition und Moderne. Er fungiert dabei als singender Erzähler und Witze reißender Rabbi Lambert.

Zentral für das Spiel auf der Bühne sind aber vor allem die unterschiedlichen Charaktere der drei Frauen. Yadwiga entwickelt sich langsam aus ihrer devoten Rolle und findet während ihrer Schwangerschaft in der Konversion zum jüdischen Glauben einen neuen Halt, den Herman längst verloren hat. Mascha und ihre Mutter Shifrah Puah (Ruth Reinecke) haben Schreckliches erlebt, was sie zu verdrängen suchen, sich aber immer mal wieder in ihren emotionalen Ausbrüchen äußert. Der scheinbare Ruhepol in der Konstellation ist Tamara, die bei allem einen kühlen Kopf bewahrt. Ihre Gefühlskälte und Ablehnung gegenüber Herman ist dabei natürlich auch Ausdruck des Erlebten.

Dabei sind gerade Familie und Kinder das Schmiermittel der Gesellschaft und des Weiterlebens. Eine Normalität, die den Protagonisten abhandengekommen ist und um die sie verzweifelt ringen. Sie ist im Video ständig anwesend, wie auch die vielen Toten des Holocaust. Das verdeutlicht die Inszenierung von Yael Ronen, die zum einen natürlich unterhalten will, aber auch das Gedenken wachhält mit einem kleinen Blick in Gegenwart und Zukunft. Die ungeliebten Flüchtlinge damals wie heute sind der Gesellschaft mit ihren Problemen unangenehm, da sie ein Verdrängen der Geschichte unmöglich machen. Ein Lichtblick des Abends ist da nach dem Verschwinden Hermans das Schlussbild der übriggebliebenen rein weiblichen Zweckgemeinschaft mit Kind.

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FEINDE, die Geschichte einer Liebe | ENEMIES, a love story
von Isaac Bashevis Singer
Premiere am 11.3. im Maxim Gorki Theater
Regie: Yael Ronen
Bühne Heike Schuppelius
Kostüme Amit Epstein
Musik Daniel Kahn
Video Hanna Slak
Dramaturgie Necati Öziri
Besetzung: Lea Draeger, Daniel Kahn, Orit Nahmias, Aleksandar Radenkovic, Ruth Reinecke, Çiğdem Teke, Christian Dawid / Daniel Kahn / Hampus Melin
Premiere war am 11.03.2016 am Maxim Gorki Theater
Dauer: 120 Minuten, keine Pause

Termine: 15.03., 04. und 07.04.2016

Infos: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 13.03.2016 auf Kultura-Extra.

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The Situation – Yael Ronen und Team verbinden am Maxim Gorki Theater die persönlichen Geschichten junger Migranten aus Israel, Palästina und Syrien mit den Problemen des ungelösten Nah-Ost-Konflikts.

Mittwoch, September 9th, 2015

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Seit ihrem ersten Theaterstück in Deutschland Die dritte Generation, in dem sich junge SchauspielerInnen aus Israel, Palästina und Deutschland im gemeinsamen Diskurs mehr oder weniger vergeblich um ein friedliches Zusammenleben von Juden, Palästinensern und Deutschen bemühten, lassen die israelische Theaterregisseurin Yael Ronen die Probleme von Jugendlichen aus den Krisenregionen dieser Welt nicht mehr los. Zuletzt wurde sie mit Common Ground, einem Abend über die Aufarbeitung der Balkankriege zum THEATERTREFFEN 2015 eingeladen.

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Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Und auch in Ronens neuer Produktion The Situation, die am 04.09.2015 im Maxim Gorki Theater uraufgeführt wurde, geht es – über Trennendes und Verbindendes hinaus – um den Versuch ein gemeinsames Fundament der Verständigung zu schaffen. Mit der sogenannten „Situation“ ist nichts anderes gemeint als der immer währende Nahostkonflikt zwischen Israelis, Palästinensern und den arabischen Nachbarstaaten. In der als interkulturell und frei gepriesenen Stadt Berlin treffen nun immer mehr MigrantInnen aus der Region mit ihren ungelösten Konflikten im Gepäck auf eine deutsche Gesellschaft im Wandel, die ihrerseits nicht mit klugen Ratschlägen geizt oder auch mit Unwissen und Unverständnis auf die Neuankömmlinge reagiert.

So ein wohlmeinender und altkluger Vertreter ist auch der Sprachlehrer Stefan (Dimitrij Schaad), der fünf jungen MigrantInnen aus Israel, Palästina und Syrien als ganz aktuellem Krisenherd die deutsche Sprache beibringen soll. So wird der Abend dann auch als Deutschlandkurs in 90 Minuten und mehreren Lektionen angekündigt, bei dem zunächst das aus Israel stammende Paar Noa (Orit Nahmias) und Amier (Yousef Sweid) von ihrem Lehrer ausgiebig über das Wer, Woher und Warum befragt wird. Wobei Stefan nicht müde wird, die deutsche Aussprache seiner Schüler zu korrigieren, in seiner Wortwahl aber selbst höchst unsicher ist. So gerät er über die Frage, ob Noa Jüdin sei, ins Stammeln oder wird bei einem wissend wirkenden „Aha“ ertappt. Noa berichtet in recht schwarz-humoriger Art von den Vorurteilen ihrer jüdischen Eltern und Amier über das Problem mit seinem Sohn Arabisch zu sprechen. In Neukölln hat er endlich ein „Village“ gefunden, in dem er sich ganz als Palästinenser fühlen kann. Die Ehe des israelisch-palästinensischen Paars ist dann aber trotz allem mehr an den üblichen Mann-Frau-Problemen gescheitert als am Nahostkonflikt.

Bis dahin ist wieder alles in einem, wie von Yael Ronen erwartbar, typisch ironisch witzigem Boulevardstil inszeniert, der sich auch in der Vorstellung der flippigen schwarzen Palästinenserin Laila (Maryam Abu Khaled) vorsetzt, die sich bei Stefan einquartiert hatte und nach einem Kurztrip nach Hause mit dem palästinensischen Rapper Karim (Karim Daoud) im Schlepptau wieder beim ihm auftaucht. Stefan soll Karims antisemitische Raptexte ins Deutsche übersetzen, macht daraus aber dann einen zwar politisch korrekten nur eben auch sexistischen Gangsterrap. In Stefans Zimmer wohnt mittlerweile der Syrer Hamoudi (Ayham Majid Agha), der sich daheim als Schmuggler durchschlagen musste und schließlich abgestumpft durch die Ausweglosigkeit des andauernden Kriegszustands in Syrien über eine Zwischenstation im Libanon nach Berlin geflüchtet ist. Hamoudi, der auch selbst gedrehte Videofilme über den Krieg bei Youtube eingestellt hat, hält Stefan mit ein paar Anekdoten über al-Qaida und den IS zum Besten. Was wie purer Sarkasmus daherkommt, ist letztendlich aber mehr eine Art von Überlebensstrategie, um nicht vollends zu verzweifeln.

 

The Situation am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

The Situation am Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

 

Auf einer aufklappbaren und rückwärtig als Treppe fungierenden Klagemauer hocken die fünf in Berlin Gestrandeten vor ihrem Lehrer, der, mit all ihren Problemen konfrontiert, ein regelrechtes Helfersyndrom entwickelt hat. An den Alltagsklamotten der MigrantInnen sind die Farben Weiß, Blau, Grün, Rot und Schwarz der Flaggen von Israel, Syrien und Palästina erkennbar. Sie schleppen also immer auch ein wenig ihr Land, aus dem sie geflohen sind, mit sich herum. Es abzustreifen wie ein abgetragenes Kleidungsstück stellt sich dabei aber als fast unmöglich heraus. Und so erhält dann jeder der Fünf nochmal einen Soloauftritt, in dem das Publikum mehr aus dem sozialen Umfeld der durchweg jungen KünstlerInnen und über ihre Motivation für die Migration nach Berlin erfährt.

Schließlich entpuppt sich sogar der Lehrer Stefan als aus Kasachstan stammender Russland-Deutscher mit dem ursprünglichen Vornamen Sergej. Er erzählt in einem längeren Monolog die schier unglaubliche Migrationsgeschichte seiner Eltern, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und einem erstarkenden Nationalismus in Kasachstan nach Deutschland gekommen sind. Nach den etwas krummen Pfaden des Vaters in der latent korrupten Sowjetunion und dem autokratischen und offen kriminellen System in Kasachstan musste die Familie in Deutschland einen ganz neuen Weg finden.

Wie der Weg der Neuankömmlinge aussehen wird, bleibt relativ offen. Man gibt sich aber optimistisch, will einen Job finden oder sich künstlerisch betätigen. Und was das Hadern mit der Situation betrifft – außer auf eine leckere Runde Humus wird man sich auch da auf keine Lösung einigen können. Das Stück bricht dann auch relativ ergebnisoffen ab. Der Zuschauer bekommt in 100 Minuten eine Fülle an Information. Es wird viel erzählt, wenig wirklich gespielt, und dennoch entwickelt sich so etwas wie ein dramatisches Gefüge, wenn auch nicht in der Intensität der bisherigen Diskurstheaterstücke von Yael Ronen. Was bleibt, ist zumindest ein Gefühl von Gemeinsamkeit, ein erster Schritt ist getan.

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The Situation
von Yael Ronen & Ensemble
Regie: Yael Ronen
Bühne: Tal Shacham
Kostüme: Amit Epstein
Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi
Licht: Jens Krüger
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Karim Daoud, Maryam Abu Khaled, Orit Nahmias, Dimitrij Schaad, Yousef Sweid, Ayham Majid Agha
Uraufführung am 04.09.2015 im Maxim Gorki Theater
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Termine: 09. und 20.09. sowie 08., 16. und 19.10.2015

Infos: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 07.09.2015 auf Kultura-Extra.

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All By Myself – Maxim Gorki und Deutsches Theater Berlin zwischen modernem Heldentum und blanker Erregungspose

Donnerstag, Mai 28th, 2015

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Jede Stadt braucht ihren Helden – In der Box des Deutschen Theaters bringt Daniela Löffner das neue Stück von Philipp Löhle zur Uraufführung

dt-logoEigentlich dachte man, die Zeit für Helden in Strumpfhosen sei längst vorbei. Aber weit gefehlt. Theaterautor Philipp Löhle lässt – nach einigen Stücken, in denen er noch Sympathien für moderne Antihelden (Marke Genannt Gospodin oder Die Überflüssigen) hegte – den echten Super Hero in seinem neuen Stück Jede Stadt braucht ihren Helden, das er für das Deutsche Theater Berlin geschrieben hat, wieder auferstehen. Die Uraufführung in der Box des DT besorgte (wie schon bei Löhles Globalisierungsstück Das Ding) Regisseurin Daniela Löffner.

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„Ich weiß zwar nicht, wer hier gegen wen kämpft, aber Krieg kommt von kriegen, und irgendjemand kriegt seiner Meinung nach zu wenig.“ Das in etwa ist der Grundtenor des Stücks, in dem Autor Löhle die heutige Welt zunächst mal in allen Schattierungen alltäglicher Gewalt ausmalt. Dazu lässt Daniela Löffner die DarstellerInnen immer wieder über den Überfall in eine Spielbank, ein herbeigeführtes Zugunglück, diverse Wohnungsdiebstähle, gewaltsame Streitigkeiten zwischen Ex-Ehepartnern oder Mord und Totschlag an einer Bearbeiterin im Jobcenter bzw. dem Mitarbeiter eines Landratsamts berichten. Die Psychologie der Aggression als eine Form der Kommunikation bekommt der Zuschauer in Löhles Text gleich mitgeliefert. Ein andauernder Dialog mit dem Schmerz, bis die Schmerzgrenze für einen der Partner überschritten ist. Wobei Gewalt natürlich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch durch Ausgrenzung, Ablehnung, Demütigung oder Ignoranz ausgeübt werden kann.

Nun hat Löhle aber bei weitem keine düstere Anthologie der Welt des Schmerzes verfasst. Die eingestreuten Prosatexte – u.a., wie es eigentlich in der Menschheitsgeschichte zur Herausbildung des Eigentums kam – bilden hier den Verweis oder auch eine Art gedankliche Metaebene zur Wirklichkeit. Ansonsten arbeitet der Autor wie immer mit Elementen der Komik und Ironie und verpackt seine Kritik an den herrschenden Eigentumsverhältnissen und Verteilungsungerechtigkeiten unserer Gesellschaft in eine hübsche, kleine Tragikomödie über zwei Mitarbeiter einer Firma für Sicherheitstechnik, die sich ihre schmale Kasse mit kleineren Gaunereien und Diebstählen nach dem Prinzip „erst Schloss einbauen, dann wieder knacken“ aufbessern. Dabei scheint dann beim letzten Bruch einiges schief gelaufen zu sein.

Jede Stadt braucht ihren Helden - Foto: DT-Schaukasten

Jede Stadt braucht ihren HeldenFoto: DT-Schaukasten

Jedenfalls hat Daniel (Timo Weisschnur), einer der beiden Kleinganoven, auf der Flucht seine Jacke mit dem Wohnungsschlüssel verloren und steht nun selbst etwas hilflos vor seiner verschlossenen Wohnungstür. Eine tolle Gelegenheit mit der Nachbarin Ella (Wiebke Mollenhauer) anzubändeln, die Daniel ganz offensiv zum Kaffee zwecks Kennenlernen einlädt. Da Chef Jörg (Christoph Franken) die Tür mangels passendem Werkzeug einfach eintritt, steht Ella nun selbige immer offen, was die junge Frau auch weidlich ausnutzt, nicht ohne Nachbar Daniel auch als Sicherheitsfachmann für ihre Kunstgalerie zu engagieren. Zu sichern gäbe es dort u.a. ein angeblich sehr wertvolles diamantbesetztes Hühnerei vom Superkünstler Rush – wer auch immer das sein mag.

Die ziemlich misstrauische Alma (Lisa Hrdina), eine Kollegin von Jörg und Daniel, vervollkommnet schließlich das Personal in Philipp Löhles Heldenstück zum Quartett Infernale. Sie trifft in Daniels leerer Wohnung auf die etwas undurchsichtige Ella und entwickelt, nachdem sie auch noch Zeugin wird, wie ein brutaler Tarantino-Typ im Anzug (UdK-Student Eric Wehlan) ihren Chef Jörg malträtiert, eine regelrechte Paranoia. Dazu beginnt Alma sich nach und nach einen eigenen Super Hero zu imaginieren, wobei nun die Fantasie kräftig mit ihr und der Inszenierung durchgeht. Der abends ständig abwesende Daniel mutiert in den Augen Almas zum Retter Veto in enganliegenden Strumpfhosen, Umhang und Glitzer-V auf nackter Brust. Und das von Jens immer wieder wie ein Mantra vorgetragene Motto, das alles gut würde, nimmt nun tatsächlich Gestalt an.

Regisseurin und Ausstatterin (Sigi Colpe) packen das in schöne, überdrehte Bilder. Von der Decke hängen schwarze Müllsäcke, die nach und nach aufgeschlitzt, passende Requisiten, Styroporkugeln oder anderes freigeben. Das spielfreudige Ensemble hängt sich mit Körper, Stimme und viel Elan mächtig rein. Superheld Daniel stemmt sich gegen einen Zug aus Müllsäcken, rettet Leben, verteilt Deo, Klopapier und Hustenbonbons. Dazu schmachtet Eric Carmen sein „All By Myself“ vom Band. Doch die romantischen Träume platzen wie die aufgeblasenen Luftballons und die Würde des Menschen ist wieder antastbar.

Die Handlungsfäden laufen schließlich zielgerichtet in Ellas Galerie zusammen, wo Jens und Daniel im Trockeneisnebel mit Taschenlampen bewaffnet dem Glitzer-Fake-Ei der Erkenntnis auf der Spur sind und die verkappte Zielfahnderin Ella schon auf sie wartet. Dass die Geschichte nicht so ausgeht, wie es sich die beiden verzweifelt herumfunzelnden Einbrecher oder die sich aus Angst vor dem Draußen in ihre Wohnung einschließende Alma vorstellen, ist vorprogrammiert. Auch wenn sie sich schließlich selbst in eine V-Woman verwandelt, wird das Alma nicht mehr aus ihrer Angst-Isolation befreien. Die Realität lässt sich nicht aussperren. Wir sind gemeint und gefordert im alltäglichen Leben. Zumindest das will uns Philipp Löhles Stück über modernes Real-Life-Heldentum sagen.

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Jede Stadt braucht ihren Helden
von Philipp Löhle
Uraufführung: 20.05.2015 Deutsches Theater Box
Regie: Daniela Löffner
Bühne / Kostüme: Sigi Colpe
Dramaturgie: Ulrich Beck
Mit: Timo Weisschnur, Christoph Franken, Lisa Hrdina, Wiebke Mollenhauer

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Premiere war am 20. Mai 2015

Termine: 10.,26. und 29.06.2015

Info: https://www.deutschestheater.de/home/jede_stadt/

Zuerst erschienen am 23.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Das Kohlhaas Prinzip am Maxim Gorki Theater – In ihrer Adaption von Heinrich von Kleists Rachenovelle lassen Yael Ronen und Ensemble das Latte-macchiato-Berlin in Flammen aufgehen.

Einer der zugleich rechtschaffensten wie entsetzlichsten Menschen seiner Zeit sei Michael Kohlhaas gewesen, so heißt es am Anfang von Kleists Novelle, in der ein durch adlige Willkür geprellter brandenburgischer Rosshändler mit übersteigertem Rechtsgefühl zum Räuber und Mörder wird. Von der Rechtschaffenheit bis zum Zünden von Molotowcocktails und brennenden Autos ist es nur ein kurzer Schritt, will uns der neue Theaterabend von Yael Ronen und Ensemble am Maxim Gorki Theater auch schon zu Beginn sagen. Hier stehen nun die SchauspielerInnen Jerry Hoffmann, Cynthia Micas, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad und Thomas Wodianka in eherner Kämpferpose an der Rampe, und Schaad lässt nun in bewehrter ironischer Manier einen Monolog voller provozierender Äußerungen zur Bedeutung und Wirkung von Theater, aber auch zum Aussehen und Können seiner Schauspielkollegen vom Stapel, der mit teils sogar sexistisch bis rassistisch anmutenden Anspielungen die anderen schließlich auch in die gewünschte Rage versetzt.

Maxim Gorki Theater_Mai 2015

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Was den Erregungszustand eines korrekt seinen Müll trennenden und seine Steuern zahlenden Entrepreneurs für Elektro-Bikes (Thomas Wodianka) betrifft, so köchelt dieser genau in dem Moment hoch, als der Vertreter des heutigen Wut-Bürgertums mit Sohn (als Puppe von Jerry Hoffmann geführt) und Fahrrad vom BMW-Fahrer und Industriellen-Sohn Hajo von Tronka (wieder schön blasiert: Dimitrij Schaad) unsanft aus dem Verkehr geschubst wird. In einer ersten Reaktion kippt unser Kohlaas aus Berlin-Friedrichshain dem Gegenspieler im Auto seinen heißen Kaffee ins Gesicht und wird daraufhin mangels Glaubwürdigkeit von der Polizei schikaniert und von Tronka auch noch auf Schadenersatz verklagt. Der Gang durch die Instanzen mit seinem Rechtsanwalt führt – wie beim echten Kohlhaas – in eine Sackgasse, aus der sich der im Recht Wähnende nur mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit befreien zu können glaubt. Dazu bekommt er noch den zwielichtigen Arbeitslosen und Saufkumpan Max Schneider (Taner Şahintürk) an die Seite. Eine Art moderner Johann Nagelschmidt aus Kleists Novelle, der der neuen Stimme der Stimmlosen in ihrem Akt des zivilen Ungehorsams sofort die Größe von Gottesarbeit bescheinigt.

Diese auf Krawall gebürstete Räuberpistole wird nun in schnellen Rollenwechseln vom gesamten Ensemble bewältigt, das die von oben auf die Bühne gefallenen Kostüme und Requisiten (wie z.B. Autotüren) zu immer neuen Bildern zusammenfügt. Allerdings wirkt das Runterbrechen von Kleists Kohlhaas auf einen Latte trinkenden Ökofaschisten in Radlerhosen, der im Internet zu Gerechtigkeits-Kampagnen aufruft und damit einen infernalischen Flächenbrand auslöst, wie ein ziemlich schlechter Witz, der in seiner spielerischen Überzeichnung eher bedauernswert ist, auch wenn sich Thomas Wodianka bewundernswürdig in diese Rolle hineinkniet. Nicht dass wir uns alle nicht schon mal an der Entertaste des Computers abreagiert hätten. Brennende Autos und ähnlich Gewaltaktionen gibt es ja auch. Wir regen uns über Prenzlschwaben, laute Biergärten, Bahnstreiks oder die allgemeine Gentrifizierung mehr auf als über Flüchtlingsprobleme oder Machenschaften von Geheimdiensten. Dass das hier aber wiedermal nur in eine Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Gewalt mündet und schließlich sogar in die Nähe der R.A.F. gerückt wird, ist äußerst kurzsichtig und zeugt nicht von einer dialektischen Denke, wie sie z.B. Stéphane Hessel in seinen Werken Empört Euch! und Engagiert Euch! einfordert.

Kohlhaas-Prinzip im Gorki_Fotos (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Interessanter Weise macht Yael Ronen nebenbei noch eine zweite Baustelle auf, in der ein entrechteter Palästinenser namens Michail (wieder Taner Şahintürk) aus Israel nach Berlin flieht, dem dortigen Wutbürger Kohlhaas als Zeuge seines Unbills zufällig über den Weg läuft und schließlich in einer Geheimdienstposse (erst israelischer, dann deutscher Art) als Sündenbock herhalten muss. Dem kommt dann auch, wenn die Bomben vor dem Berliner Soho-Haus explodieren, plötzlich alles so bekannt vor. In der Geschichte eines kleinen Käsehändlers, der am israelischen Checkpoint in Ramallah an Bürokratie und Willkür scheitert, steckt echtes Potential. Recht poetisch erzählt Cynthia Micas noch eine Parabel über die „Biologische Invasion“ schwarzer Indischer Raben, die die Fantasie der Zuhörer in Bezug auf Fremdenfeindlichkeit und Rachemotive durchaus beflügelt.

Leider wird dieser Plot nicht wirklich weiter verfolgt, dazu hätte es einer guten, plausiblen Story bedurft, die Fragen unserer tatsächlichen Verfasstheit betrifft. Und hiermit meine ich durchaus auch ein Nachdenken über den Sinn des deutschen Grundgesetztes. Das hat die Regisseurin Anja Gronau mal anhand des Kohlhaas‘ sehr schön in ihrem Theatersolo Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger getan. Oder erst letztens der scheidende Dessauer Intendant André Bücker in Goethes Fehde-Drama Götz von Berlichingen. Rachefabel hin oder her, der Kleist`sche Kohlhaas zweifelt neben der Absurdität einer kleinstaaterischen Anmaßung von Lokalrecht und Bürokratie (siehe israelischer Checkpoint oder Ignoranz deutscher Polizeibeamter) auch die allgemeine, gottgewollte Rechtsordnung seiner Zeit an. Das betrifft dann schließlich den Landesfürsten selbst, und da hörte der Spaß bekanntlich auch bei Luther auf, der mitnichten ein pazifistischer Einbeter war, und wenig zu tun hat mit dem von Yael Ronen herbeizitierten US-amerikanischen Bürgerrechtler gleichen Namens M. L. King und dem Begründer des passiven Widerstands Mahatma Gandhi, die hier gemeinsam den außer Kontrolle geratenen Gerechtigkeitsfanatiker mit den Worten des Reformators aus Kleists Novelle im Traum zur Ordnung rufen wollen.

Letztendlich ergibt sich der Wodianka-Kohlhaas in einen rechtsstaatlich fragwürdigen Kuhhandel, was tatsächlich einige grundsätzliche Fragen aufwirft, die sonst den so vielgerühmten diskursiven Grund (s. Common Ground) in Yael Ronens bisherigen Theaterprojekten erst ausmachten. Natürlich lässt es sich in Deutschland als unbescholtener, rechtschaffender Bürger relativ unberührt von den Sorgen der Welt recht gut leben. Kaum jemand würde das ernsthaft in Frage stellen. Das ist dann vielleicht auch der Punkt, wo das Denken einsetzen muss, und nicht beim Streit BMW-Schlitten mit Pandafell-Bezügen versus kaputtem E-Bike. Leider geigelt sich der Abend dann doch lieber von einer Kabarettnummer zur nächsten, was sicher darstellerisches Futter für das durchweg spielfreudige Ensemble bietet, aber nicht annähernd in die Tiefen der Kleist’schen Novelle vordringt.

Was zur komödiantischen Geißelung deutscher Befindlichkeiten dienen soll und nebenbei noch ein paar Probleme der repräsentativen Demokratie und ihrer drei Gewalten des Rechtsstaats aufzeigt, die sich allzu sehr mit der Wirtschaft verbandeln, wird somit auch zum großen Manko des Abends, der über diese Mätzchen hinaus keinerlei echte politische Haltung zeigt. Als wenn es politische Essays wie Der kommende Aufstand oder die schon erwähnten Hessel-Bücher nicht geben würde. Zudem lässt das Organisationen wie Blockupy, Attac oder Wikileaks wie eine Ansammlung von unkontrollierten Wutbürgern erscheinen. Eigentlich ein Schlag ins Gesicht echter politischer Empörung und Bürgerbewegtheit. Und das ist nun wirklich schade.

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DAS KOHLHAAS-PRINZIP
Maxim Gorki Theater, 23.05.2015
Regie: Yael Ronen
Bühne: Heike Schuppelius
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Nils Ostendorf
Video: Hanna Slak
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Jerry Hoffmann, Cynthia Micas, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Premiere war am 23. Mai 2015

Weitere Termine: 4. + 14. 6. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 25.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater mit dynamischem Antiaggressionstraining, Sextalk und viel Improvisiertem (Teil 1)

Dienstag, September 16th, 2014

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Der Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater, frisch gekürt zum Theater des Jahres, wurde am letzten Wochenende mit gleich drei Premieren gefeiert. Den Anfang machte am Freitag Sebastian Nübling mit FALLEN, einem Tanztheaterprojekt, das er zusammen mit dem belgischen Choreographen Ives Thuwis entwickelt hat. Auf einer Bühne aus 70 Tonnen Sand vor dem Maxim Gorki Theater befragen 10 junge Darsteller Formen von Gewalt im öffentlichen Raum. Am Samstag lotete Hausregisseurin Yael Ronen in Erotic Crisis mit ihrem Ensemble Grenzen von Liebe, Beziehungen und verschiedensten Formen der Sexualität in der Großstadt Berlin aus. Als Zugabe konnte man am Sonntag im Studio Я mit Theater ist endlich ist Theater noch einen Abend Kurzgeschriebenes sehen, das erst einen Tag vorher gemeinsam erarbeitet wurde.

Spielzeitauftakt mit Tanz und Sextalk vor und im Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Spielzeitauftakt mit Tanz und Sextalk vor und im Maxim Gorki TheaterFoto: St. B.

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FALLEN – Die Tanztheaterproduktion von Sebastian Nübling und Ives Thuwis beschäftigt sich mit der Gewalt im öffentlichen Raum

Für die erste Premiere der Spielzeit wurde auf dem Platz vor dem Gorki extra eine kleine Arena errichtet – die Simulation eines öffentlichen Raums, wie es ihn bereits zu den Sportwettkämpfen im antiken Griechenland oder aber auch für populäre Vergnügungen in Form von blutigen Kampfspielen im alten Rom gab. Der Hintergrund für diese bauliche Idee (Bühne von Muriel Gerstner) ist ein nicht minder fürchterlicher: Körperliche Gewalt – meist ausgehend von Gruppen junger Männer, die sich ihre Opfer immer wieder scheinbar willkürlich aussuchen. Auch wenn Statistiken belegen, dass Berlin nicht die Hauptstadt der Jugendkriminalität ist, erschrecken doch die Meldungen von der Brutalität, mit der solche Taten begangen werden.

FALLEN vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: Esra Rotthoff

im Sand vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: Esra Rotthoff

Bekannte Beispiele dafür sind ein 2011 auf einem Berliner U-Bahnhof von Jugendlichen zusammengetretener 29jähriger Mann und der 2012 auf dem Alexanderplatz erstochene 21jährige Jonny K. Die Gründe dafür mögen verschiedenster Natur sein. Soziale Ungleichheit, Ausländerhass, Mangel an entsprechenden Freizeitangeboten, der bloße Kick etc. etc. Alles läuft aber immer auf eine Spaltung der Gesellschaft hinaus, in Arm und Reich oder Stark und Schwach. Alkohol, gewaltverherrlichende Videospiele oder Filme dienen meist nur noch als Verstärker der eh schon latent vorhandenen Gewaltbereitschaft. Da übertönt der Ruf nach mehr Sicherheit in der Gesellschaft schnell den nach ausgleichender Gerechtigkeit.

Der Abend beginnt mit der szenischen Darstellung einer solchen Tat, indem einer der jungen Spieler von drei anderen zu Boden gerissen und getreten wird. Dazu hört man undeutlich die Stimmen aus einer U-Bahnstation. Danach ist Stille. Die zehn ganz in Schwarz gekleideten jungen Männer beginnen nun in aller Seelenruhen, als wenn nichts geschehen wäre, ein ausgedehntes Lauftraining. Aber der Lauf wird langsam immer schneller, bis alle bei dröhnenden Geräuschen zu gehetzten Sprints ansetzen und sich dann im vollen Lauf immer wieder gegenseitig rempeln, umstoßen, grätschen und mit größtem Körpereinsatz ineinander rennen. Das ganze Spiel wird sich zum Ende hin wiederholen. Wohl ein Ausdruck dafür, dass sich solche Taten jederzeit wieder ereignen können. Ein schier auswegloser, ermüdender Automatismus aus nicht enden wollender Gewalt.

Das ist im Grunde genommen kein herkömmliches Tanztheater. Es wirkt zuweilen wie ein äußerst dynamisches Anti-Aggressionstraining, wenn sich die Spieler gegenseitig schleppen, auch mal umarmen, auffangen oder wieder wegstoßen. Entwickelt sich daraus auch keine echte dramatische Spannung, bleibt alles immer in Bewegung. Die Spannung erzeugen hier im wahrsten Sinne des Wortes die Körper der jungen Männer selbst. Es geht natürlich auch um die Ästhetik und Erotik der Gewalt. Dem Kick beim Fight Mann gegen Mann. Mit Muskelspielen, Breakdance-Solos und beim gemeinsamen Posen (was bei den Zuschauern doch eher für Erheiterung sorgt) provozieren die Männer, demonstrieren ihre Macht, Reizbarkeit und Gewaltbereitschaft. Ausdruck eines gruppendynamischen Prozesses. Echte Tanzeinlagen sind da selten und sorgen für kurze Entspannung.

Premierenbeifall für FALLEN vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Premierenbeifall für FALLEN in der Arena vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

Der Kampf erzeugt immer auch einen Unterlegenen, das Opfer der Gewalt, das man billigend in Kauf nimmt. Auch das wird hier gezeigt. Demütigung, Umherzerren des Opfers, flehende Schreie, verzweifeltes Eingraben und Boxen in den Sand. Das sind die starken, eindrucksvollen Szenen der Performance. Das titelgebende FALLEN ist hier auch mehrdeutig zu verstehen – als bloßes Umfallen, ohnmächtiges Fallen oder auch Sich-selbst-wieder-Fallenlassenkönnen, als herbeigesehnter Ausweg aus der Gewaltspirale. Ein hilfesuchender Blick der Männer geht hier in Richtung Abendhimmel. Trotz der großen körperlichen Verausgabung aller Spieler glückt es der Inszenierung nur bedingt Gewaltentstehung zu erklären. Sie bleibt ein darstellerischer Versuch, der immerhin ansehenswert ist.

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Eine weitere Inszenierung von Sebastian Nübling wird es bereits im Oktober geben. Der Regisseur wagt sich dann an Hebbels Nibelungenstoff. Mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge erforscht der Regisseur „die dunkle menschliche Lust, unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“, wie man in der Ankündigung lesen kann. Mit Gewalt und Rache scheint Nübling sein Thema für die Spielzeit gefunden zu haben. Da ist es gut, dass andere Produktionen für den nötigen emotionalen Ausgleich sorgen werden.

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FALLEN
Inszenierung: Sebastian Nübling / Ives Thuwis,
Bühne: Muriel Gerstner
Kostüme: Ursula Leuenberger
Musik: Tobias Koch
Dramaturgie: Katja Hagedorn
Besetzungsliste: Hassan Akkouch / Tamer Arslan / Mehmet Ateşçi / Jan Bluthardt / Jerry Hoffmann / Taner Şahintürk / Dimitrij Schaad / Aram Tafreshian / Hasan Taşgin / Paul Wollin

Premiere in der Arena vor dem MGT: 12.09.2014

Dauer: ca. 60 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/fallen/

Termine:
Di 16.09., Mi 17.09., Fr 19.09., Sa 20.09., So 21.09., Mi 24.09., Do 25.09., So 28.09., Mo 29.09.2014

Zuerst erschien am 13.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Let’s talk about Sex – Yael Ronen und ihr Ensemble loten die „Erotic Crisis“ geplagter Großstädtern aus.

Die israelische Theaterregisseurin Yael Ronen war bisher vor allem dafür bekannt, die Probleme von Jugendlichen aus Krisenregionen dieser Welt (Die dritte Generation, Common Ground) oder sogar einen Abend über Gott und die Welt (The Day before the last Day) auf die Bühne zu bringen. Ihre neue Produktion am Maxim Gorki Theater verortet sie dagegen in der privaten Kampfzone der zwischenmenschlichen Paarbeziehungen. Die Darsteller gehen diesmal auf der Bühne frontal die Schwierigkeiten eines gemeinsamen erfüllten Sexlebens und des Schamgefühls an, offen darüber zu reden. Über Sex spricht man nicht. Sex hat man, oder eben nicht.

EROTIC CRISIS am Maxim Gorki Theater - Foto: Esra Rotthoff

Sextalks am Maxim Gorki Theater – Foto: Esra Rotthoff

Am Beginn steht dann auch ein Bild, was wohl symptomatisch für die Schlafzimmer geplagten Großstädter sein soll. Ein sich unruhig im Bett wälzendes Paar, das wie in einem Alptraum den Koitus-Geräuschen aus der Nachbarwohnung lauschen muss. Beim ersten Paar, Maya und Jan (Orit Nahmias und Thomas Wodianka), läuft im Bett schon lange nichts mehr. Man steckt tief in der Sex-Krise. Das andere, Kumari und Rafael (Anastasia Gubareva und Aleksandar Radenković), mit einem, wie zu hören, wohl ganz erfüllten Sexleben, wird sich erst noch in die Krise hineinmanövrieren. Es geht um die oftmals sehr weit auseinandergehenden Auffassungen, was denn nun wirklich guten Sex ausmacht und wie man, im durchaus doppelten Wortsinn, gemeinsam dahin kommt. Die eine Beziehung wird daran zerbrechen, die andere über Umwege vielleicht zu einer neuen Art Sexualität finden.

Der gesellschaftliche wie persönliche Druck diesbezüglich scheint enorm. Das will uns jedenfalls dieser Abend vermitteln. Das Fernsehen lebt es vor. Serien wie Sex and the City, Masters of Sex, Wahre Liebe oder Sex-Talks und Reportagen aus dem Rotlichtmilieu sind der Renner auf allen Kanälen. Guten Sex haben, gehört zum A und O einer Liebesbeziehung. Und die Sex-Branche weiß mit entsprechenden Hilfsmittelchen und visuellem Anschauungsmaterial dem Abflauen der sexuellen Begierde entgegenzusteuern. Stress im Alltag und Job oder zu große Erwartungen an das Projekt Partnerschaft und Familie, all das kann einer andauernden Libido mitunter abträglich sein. Missverständnisse und eine steigende Sex-Müdigkeit führen zu Problemen und münden oft in Streit. Und so wird man auch am Anfang nicht müde, einige dieser Klischees über den Sex in der Paarbeziehung von der Rampe aus ins Publikum zu werfen.

Zwischen allen Stühlen bzw. Betten sitzt da Singlefrau Susan (Mareike Baykirch), die sich nach außen über den Job definiert und als sexuelles Neutrum behauptet: „Ich bin mein größtes Projekt.“ oder „Wer braucht schon eine Beziehung?“ Die Computerspezialistin hackt sich lieber heimlich in das Lebend der Anderen ein, und holt sich so die Befriedigung ihrer uneingestandenen Bedürfnisse. Ihre Figur wirkt schon sehr spleenig gezeichnet, und später auch etwas freakig, wenn Susan sich dann mit Rafael, der aus seiner zu kompliziert gewordenen Liebesbeziehung ausbrechen will und bei ihr den reinen Sex sucht, über die verschiedenen Levels beim Spielen von Porno-Games austauchen.

Vorurteile gegenüber Singles spielen dann ebenso eine Rolle wie das gegenseitige Erzählen von sexuellen Fantasien und die Probleme, diese zu artikulieren, ohne gleich für pervers gehalten zu werden. In fantasievollen Leder- und Latex-klamotten posen die Vier zu Jimi Hendrix‘ Foxy Lady wie bei einer Fetischparty oder schrägen Paartherapie und drucksen mehr oder weniger verschämt herum. Das mündet in einige Szenen von großer Situationskomik, wenn etwa Orit Nahmias‘ Maya ihre Fantasie in Hebräisch zum Besten gibt, und man als der Sprache nicht Mächtiger nur Hamas, CIA und Hotel in Abu Dhabi versteht.

Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

Ärger trifft es da den Rafael von Aleksandar Radenković, der durch die Konditionierung mittels der Pornovideos seines Vaters als Jugendlicher ein etwas verqueres Frauenbild vermittelt bekam, und nun ziemlich hardcore von seinem ersten Mal im Auto erzählt. Diese Erfahrung hat ihn damals etwas verunsichert zurückgelassen und sich prägend auf sein weiteres Sexualleben übertragen. Der angelernte Automatismus ist sein Problem, den Freundin Kumari auch mal so beschreibt: „Du bearbeitest mich, als wäre ich eine kaputte Waschmaschine.“

Natürlich geht es nicht nur allein um die Erotik oder Mechanik beim Sex, auch wenn man damit hie und da ein wenig übers Ziel des Abends hinaus schießt. Dass das alles nicht zu einer Aneinanderreihung von ironischen Kabarettnummern wird, verdankt die Inszenierung den hervorragenden Darstellern, die bereits in Produktionen von Yael Ronen und Falk Richter aus der letzten Spielzeit zu sehen waren. Und vor allem der Tatsache, dass die Textfassung, die Yael Ronen zusammen mit ihrem Ensemble erarbeitet hat, irgendwann auch dahin geht, wo es sehr persönlich wird und anfängt wirklich weh zu tun.

In mehreren Monolog- und Dialogszenen sprechen die Protagonisten offen über ihre Zweifel, Ängste und Wünsche. Man stellt fest, den Partner nicht wirklich zu kennen, oder dringt erst gar nicht zu ihm durch. Immer wieder mündet der Dialog in das Schweigen eines der Partner, bis es nicht mehr geht. Der verzweifelte Jan kann und will nicht über seine Unlust am Sex reden. Was Maya schließlich veranlasst zu gehen. „It’s finished. There ist no us.“ Und Kumari singt ihrem untreuen Rafael mit Where did you sleep, last night ein paar Zeilen Curt Cobain nach. Trotz allem wirkt die gezeigte Emotionalität nie übertrieben gespielt oder gar peinlich. Kein Wohlfühlabend also, aber einer der Mut machen soll.

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Erotic Crisis (UA)
von Yael Ronen & Ensemble
Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Amit Epstein
Musik: Nils Ostendorf
Licht: Jens Krüger
Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Mareike Baykirch, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Aleksandar Radenković, Thomas Wodianka.

Premiere im MGT: 13.09.2014

Dauer: ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Infos: www.gorki.de

Termine:
19.09., 20.09., 28.09. und 08.10., 10.10., 14.10.2014

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Common Ground – Yael Ronen lässt am Maxim Gorki Theater junge Menschen aus den ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens nach einer gemeinsamen Basis der Verständigung suchen.

Montag, März 17th, 2014

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„Balkane, Balkane Moj“ (dt.: Mein Balkan) heißt eines der sehnsuchtsvollen bosnischen Lieder, die Schauspielerin Vernesa Berbo, die bis Anfang der 1990er Jahre in Sarajevo Theater spielte und 1992 nach Ausbruch des Bosnienkrieges nach Berlin floh, an diesem Abend im Maxim Gorki Theater singt. In einem anderen heißt es aber auch traurig „nichts wird bleiben, außer der Schmerz“. Ein Schmerz, der tiefe Wunden gerissen hat. Verursacht durch einen Krieg, der nach dem Zusammenbruch von Titos Jugoslawien auf dem Balkan mit einer Heftigkeit und Brutalität entbrannte, die den Vielvölkerstaat zerriss und an seinem Ende „ethnisch saubere“ Grenzen zog.

Foto: Esra Rotthoff

(c) Maxim Gorki Theater – Foto: Esra Rotthoff

Common Ground (dt.: Gemeinsamkeit) ist der Titel der neuen Produktion von Yael Ronen, die die israelische Regisseurin nach Die dritte Generation an der Schaubühne nun am Maxim Gorki Theater herausgebracht hat. Und wie bereits bei der Arbeit mit jungen Israelis und Palästinensern, geht es wieder um das spielerische Ausloten von Trennendem wie Verbindendem zwischen den aus Ex-Jugoslawien stammenden Schauspielern, die bis auf Vernesa Berbo fast ausnahmslos in Deutschland aufgewachsen sind.

Was bereits in vielen Filmen aus Kroatien, Slowenien, Serbien oder Bosnien-Herzegowina immer wieder versucht wird. Hier kommt es nun erstmals auf eine deutsche Bühne. Der Versuch Vergangenes aufzuarbeiten, nicht aus der Perspektive des nach Ursachen und Erklärungen suchenden Polittheaters, sondern in einer Rückschau, die die in Deutschland lebenden Protagonisten bei einer gemeinsamen Reise nach Bosnien an die Ursprünge des Konflikts führt und sie mit Überlebenden, Opfern wie Tätern konfrontiert. Für die aus Bosnien, Kroatien und Serbien stammenden Schauspieler auch eine Reise zurück zu den eigenen Wurzeln ihrer fast vergessenen Geschichte.

Für dieses schwierige Unterfangen hat ihnen Yael Ronen die israelische Schauspielerin Orit Nahmias und den deutschen Schauspieler Niels Bormann, beide bereits in Ronens beiden Schaubühnen-Projekten mit von der Partie, als humorvolle Sidekicks an die Seite gegeben. Nahmias möchte ihre Kompetenz anhand der Analogien zum Palästinenserkonflikt anbringen, wird aber von Bormann beiseitegeschoben. Er gibt den verständnisvollen Deutschen, für den nur die Fakten zählen und dem das schließlich alles viel zu chaotisch wird. Seine teils unpassenden, von außen in den Konflikt gebrachten Kommentare nerven die anderen schließlich nur noch.

Um nach über 20 Jahren einen Überblick über die Zeit der Balkankriege zu geben, prasseln zu Beginn die Nachrichten jener Jahre im Schnelldurchlauf durch die Protagonisten vorgetragen auf das Publikum nieder. Beginnend mit der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens 1991 bis zum Friedensvertrag von Dayton 1995, der den Bosnienkrieg beendete, werden wichtige Eckdaten des Konflikts neben Schlagzeilen aus Politik, Sport und Popkultur, die die Welt damals auch bewegten, gestellt. Eine mit Popsongs und Videobildern untermalte Überforderung, die alle schließlich zusammenbrechen lässt.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Das Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Das abrupte Aufwachen verursacht eine gewisse Orientierungslosigkeit. Man räumt auf, trägt das aus Holzkisten bestehende Bühnenbild wieder zusammen und versucht die Gedanken neu zu ordnen. Was nun beginnt, ist das Erzählen der Protagonisten in kurzen Spielszenen aus ihrer Kindheit in Ex-Jugoslawien. Eben noch Freunde und Nachbarn, muss man nun aufpassen, in welchem Dialekt man spricht und den richtigen Ausweis haben. Die Behauptung Jüdin zu sein, kann sogar erstmalig in einem ethnischen Konflikt in Europa lebensrettend sein. Diese Absurditäten sind schwer verständlich und verlangen nach Erklärungen, die bis heute keiner wirklich geben kann.

Der in Belgrad geborene Dejan Bućin (bekannt als Schauspieler am Berliner Ensemble) fühlt sich nicht vordergründig als Serbe und betont die multiethnische Herkunft seiner Familie. Gorki-Schauspieler Aleksander Radenković besitzt einen deutschen und serbischen Pass, die er auf Reisen immer bei sich trägt. Mateja Meded, eine junge Kroatin, hat einen Vater, der Aufseher in einem Lager war. Der Vater der in Bosnien geborenen Jasmina Musić, ist dagegen in einem Lager in Prijedor umgekommen. Der Zufall der Geburt entscheidet hier ein Schicksal. Die Suche nach der Wahrheit über die Väter, bei der sich die beiden jungen Frauen näher kommen, ist ihre Gemeinsamkeit, die schließlich in einer Freundschaft mündet.

Die Busfahrt nach Prijedor, das in der heutigen Republika Srpska liegt, ist für alle das gemeinsame Erlebnis, das die Basis bildet, auf der sich eine Verständigung aufbauen lässt. Bis auf Einschusslöcher in den Häusern, sind die Spuren der Kriegsgreuel hier fast verwischt. Ein Denkmal vor dem Lager, das nun wieder eine Schule ist, verweist auf die Kämpfer für die Republik Srpska. Es lässt sich schwer ausmachen, was die Wirklichkeit ist, was nur in der Erinnerung verzerrte Wahrnehmung? Ein Treffen mit der Vertreterin einer Organisation für Vergewaltigungsopfer wirkt da wie der heilsame Schock, der die jungen Leute aus der gemeinsamen Vergangenheit, die sie trennte, wieder in eine mögliche gemeinsame Zukunft katapultiert.

Hier wird es wieder sehr emotional. Schuldgefühle und Wut brechen sich Bahn, auf sich selbst, oder die mangelnde Gerechtigkeit für die Opfer. Aber es wächst auch die Erkenntnis, dass Nationalismus dieses Leid verursacht hat. Der anstrengende Abend mündet in einer kollektiven Erschöpfung. Etwas wehmütig erfasst Orit Nahmias Heimweh nach Israel. Wieder daheim in Berlin, ist für Vernesa Berbo Zuhause etwas, was einem die Sicherheit gibt, nachts die Augen schließen zu können. Sind diese Erlebnisse ein sicherer Grund, auf dem man in Zukunft gemeinsam stehen kann? Zumindest hoffen alle am Ende, doch mehr Gemeinsames als trennende Unterschiede gefunden zu haben.

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Common Ground
von Yael Ronen und Ensemble
Premiere: 14.03.2014

Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Lina Jakelski
Video: Benjamin Krieg, Hanna Slak
Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Vernesa Berbo, Niels Bormann, Dejan Bućin, Mateja Meded, Jasmina Musić, Orit Nahmias, Aleksandar Radenković.

Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

die nächsten Termine:

Sa. 12.04.14, 19:30
So. 13.04.14, 18:00
Mo. 14.04.14, 19:30
Fr. 02.05.14, 19:30

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/common-ground/

Zuerst erschienen am 16.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Russen, Tussen, Türken, Birken – Kunst, Culture Clash und Klischees. Hoch her ging‘s beim GOЯKI-Neustart in Berlin.

Freitag, Dezember 20th, 2013

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Es schlug wie eine Bombe ein, als kurz vor Ende des Berliner Theatertreffens im Mai 2012 bekannt wurde, dass Shermin Langhoff, langjährige Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg, die Nachfolge des nach Stuttgart wechselnden Armin Petras am Maxim Gorki Theater antreten würde. Der regierende Bürgermeister, Kultur- und Partysenator Klaus Wowereit hatte die deutsche Theatermacherin mit türkischen Wurzeln kurz vor den Toren Wiens abgefangen. Jetzt könnte man sich in dem Witz ergehen, dass die Türken bereits 1529 und 1683 vor Wien gescheitert sind. Was allerdings die Tatsache negieren hieße, dass sie mittlerweile längst in der Mitte Europas leben, und mit ihnen so manch andere Nationalität. Shermin Langhoffs Entscheidung für Berlin und das Maxim Gorki Theater war letztendlich eine ganz persönliche und bescherte der deutschen Hauptstadt dazu nun endlich auch das erste interkulturelle Schauspielensemble im deutschsprachigen Raum. Die Wiener Festwochen müssen sich mit der Belgierin Frie Leysen begnügen, die bereits das Festival Theater der Welt und 2012 das Berliner Theaterfestival Foreign Affaires kuratierte. Einer weiteren Internationalisierung der Festwochen werden also auch die Wiener nicht entgehen können.

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Der Kirschgarten von Anton Tschechow in einer Inszenierung von Nurkan Erpulat

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Zurück nach Berlin. Mit einem Herbstsalon der Kunst eröffnete Shermin Langhoff Anfang November ihre Intendanz am Maxim Gorki Theater. Für zwei Wochen wurde das angrenzende Palais am Kupfergraben mit Objekten, Installationen und Performances in Berlin lebender Künstler von internationaler Couleur bespielt. Ein gelungener Einstieg und Vorgeschmack auf den eigentlichen Start, der vom 17. bis 19. November mit drei Premieren gefeiert wurde. Mit Anton Tschechows Kirschgarten und zwei Inszenierungen von Gegenwartsstoffen der jungen Schriftstellerin Olga Grjasnowas und der jungen Dramatikerin Marianna Salzmann fiel das erste Wochenende im neuen GOЯKI recht russischlastig aus. Was natürlich nur auf den ersten Blick über die eigentliche Intension dieses vielbeachteten Neustarts hinwegtäuschte. Zum Auftakt präsentierte sich nämlich der nicht nur in Berlin bereits recht bekannte deutsch-türkische Theaterregisseur Nurkan Erpulat, der mit Verrücktes Blut gemeinsam mit dem neuen Gorki Chefdramaturgen Jens Hillje bereits einen Achtungserfolg für das postmigrantische Theater auf dem Berliner Theatertreffen 2011 feiern konnte. Die Inszenierung des Ballhaus Naunynstraße wurde übrigens auch ins Programm des Maxim Gorki Theaters übernommen.

Tschechows Kirschgarten interpretierte Erpulat nicht als Widerspruch Alt gegen Neu, Oben gegen Unten, sondern, ganz im Sinne des Leitmotivs des neuen Gorki, als Kampf der mittlerweile in der dritten Generation im Lande lebenden Migranten gegen die Alteingesessenen. Da wird der alte Sehnsuchtsort Kirschgarten, der ja schon bei Tschechow in jeder Enzyklopädie stand, zu einer Art überkommenen Leitkultur, die der junge Migrant Lopachin (Taner Sahintürk), dessen Vater noch als Leibeigener für die Familie der Ranjewskaja (Ruth Reinicke als letzte Verbliebene – im doppelten Sinne – des alten Gorki-Ensembles) ackern musste, am liebsten abholzen möchte. Er will Parzellen mit Ferienhäusern statt schöne Phrasen der deutschen Aufklärung, für die sich heute eh keiner mehr etwas kaufen kann. Taner Sahintürk liest aus Immanuel Kants Was ist Aufklärung? und lässt das Buch wie einst Tschechows Lopachin verständnislos sinken.

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Das neue GOЯKI. – Foto: St. B.

Die Unterschiede zur verrottenden und schwafelnden Intelligenzija der Ranjewskaja, ihres Bruders Gajew (Falilou Seck, noch bekannt aus Lukas Langhoffs Volksfeind-Inszenierung beim Theatertreffen 2012) oder dem Studenten Trofimow (Aram Tafreshian) werden hier an rein kulturellen Differenzen festgemacht. Da geht doch einiges verloren. Anja (Marleen Lohse), Warja (Sesede Terziyan), oder gar die Ranjewskaja selbst bleiben hier bei allem darstellerischen Können relativ vage. Den Nebenfiguren bzw. Bediensteten bei Tschechow wird in Erpulats Kirschgarten dagegen klar ihre Entsprechung in der heutigen deutschen Einwanderungsgesellschaft zugewiesen. Neben Lopachin trifft das vor allem auf Charlotta, Dunjascha, Firs und Jascha zu. Allen scheint irgendetwas zu fehlen. Sei es die Identität, Liebe, Zugehörigkeit oder gar so etwas wie Heimat.

Während Lopachin zumindest ein Ziel verfolgt, wirken die anderen doch recht orientierungslos. Çetin İpekkaya als Firs verfällt immer wieder in die türkische Sprache und wird von den anderen nicht ernst genommen. Der ersten Generation fehlt der Zugang zur neuen Gesellschaft, in der auch die anderen kaum ihren Platz finden oder nur mit Mühe behaupten können. Tamer Arslan als Jascha spielt den coolen Macho im Trainingsanzug. Pitschick (Mehmet Yilmaz) und Dunjascha (Mareike Beykirch) sind Karikaturen der Anpassung im deutschen Trachtenlook. Die Travestiekünstlerin Fatma Souad bringt als Charlotta mit ihrer ganz speziellen Geschichte (schwul, lesbisch, türkisch, berlinerisch) etwas Kreuzberger Lokalkolorit nach Mitte. Die schon bei Tschechow alters- und heimatlose Gouvernante als transidentisch darzustellen, ist natürlich schlüssig, aber auch nicht ganz neu.

Tschechows differenzierte Figurenzeichnung tritt hier hinter die klare Absicht des Regisseurs zurück. Die Widersprüche im Kirschgarten sollen so einen aktuellen Anstrich erhalten. Nur das dieser bisweilen etwas zu plakativ ausgemalt erscheint. Immer wieder werden deutsche Volkslieder gesungen und eine Musikerin (Sinem Altan) im schwarzen Hidschab spielt Klavier. Spätestens wenn Lopachin sich seine neue Heimat gekauft hat und beginnt die alten Tapeten abzureißen, schlägt auch bei ihm die unaufgearbeitete Vergangenheit durch. Tradition und Moderne geben sich auf der Bühne die Hand. Man tanzt zu türkischer Musik und spricht vom Aufbruch in eine neue Zeit. Zumindest tut man so. Und da ist man wieder ganz bei der Sehnsucht der Tschechow‘schen Figuren.

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Ob der gute Vorsatz nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sei dahingestellt, genau wie die These, dass die deutsche Gesellschaft wie das Gut der Ranjewskaja am Ende ist, wenn sie sich nicht den Problemen der Migration, wie auch den Vorzügen der kulturellen Diversität öffnet. Dass Hochkulturen zur Dekadenz und Fäulnis neigen, wenn sie sich allzu lang um sich selbst gedreht haben, dafür gibt es genügend Beispiele in der Geschichte. Ein neuer Pfropf wirkt da mitunter Wunder. In der Beziehung funktioniert die Metapher des alten Kirschgartens, mit dessen Früchten niemand mehr etwas anfangen kann, doch sehr gut. Am neuen Gorki wird man jedenfalls weiter darauf hinweisen, dass die Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund hierhergekommen sind, um einen Anspruch auf Mitgestaltung einzufordern. Und bereits im Januar bringt dann Nurkan Erpulat seine vielbeachtete Wiener Inszenierung von Maxim Gorkis Kinder der Sonne neu auf die Bühne des Gorki Theaters. Man darf weiterhin gespannt sein.

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Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt, inszeniert von Yael Ronen und Schwimmen lernen von Marianna Salzmann – Ein Lovesong am neuen Studio Я, inszeniert von Hakan Savaş Mican

In den anderen beiden Inszenierungen ist man dann doch etwas näher dran, an der Lebenswirklichkeit junger Migranten in Deutschland. Die junge Jüdin Mascha (Anastasia Gubareva) aus Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt ist Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan. Sie ist kriegstraumatisiert und daher nicht gerade auskunftsfreudig, was ihre Vergangenheit angeht, die sich ihr deutscher Freund Elias (Knut Berger), mit Hang zum Zuschreibungswahn, entsprechend zusammenreimt. Da gibt es dann genug Platz für altbekannte Klischees und Missverständnisse. Zwischen die beiden schiebt sich der in Deutschland gestrandete und auf ein Visum für die USA wartende Palästinenser Sami (Thomas Wodianka). Er ist einer, der keine Milch von Kühen im Kaffee mag und auch ansonsten nicht viel auf Traditionen gibt. Cem (Dimitrij Schad) ist Türke, schwul, spielt Gitarre und mimt den Conférencier.

Armes Deutschland, kann da Elias Vater Horst (Tim Porath) nur noch von sich geben. Der Deutsche ist hier entweder provinziell verknöchert und stink konservativ oder hyperaktiv um Verständnis heuchelnd. Zumindest muss alles seine Ordnung haben und sich entsprechend einsortieren lassen. Elias kommt mit seinen Fragen allerdings nicht mehr weit. Er erliegt nach der Hälfte des Stücks den Folgen eines blöden Sportunfalls, und mit ihm auch die Lebenslust Maschas. Nach einem traumatischen Besuch in der ostdeutschen Provinz bei Elias Vater, der den Sinn des Lebens darin sieht, die vielen Kuckucksuhren seines Vaters aufzuziehen, über den er sonst auch nicht viel mehr weiß, als über seinen Sohn Elias, verkriecht sich Mascha erstmal für Wochen mit dessen Spotshirt ins Bett. Dass sie da nicht ranzig wird, hat sie Cems Hartnäckigkeit und seinem Sinn für aufbauende Geschichten zu verdanken.

Über schlüpfrige Umwege kommt die sprach- und anderweitig begabte Mascha an ein Auslandsstipendium und damit schließlich nach Israel. Neues Land, neue Liebe, neues Leben. Erinnerungen an früher und allzu feste Wurzeln sind da nur noch hinderlich. Grjasnowas Roman ist ein schöne Beschreibung der bindungsarmen, zwischen den Welten switchenden Jugendlichen, die sich eigentlich nicht viel Gedanken über ihre eigentliche Identität und Heimat machen, diese aber trotzdem immer im Hintergrund mit sich herumschleppen und auch von der Gesellschaft hinterfragt bekommen. Die Inszenierung von Yael Ronen ist frisch, witzig, mit viel Situationskomik und macht definitiv Lust auf mehr.

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Gorki-Studio

Gorki-Studio Я

Ganz ähnlich geht es der jungen Protagonistin im Stück Schwimmen lernen der Dramatikerin Marianna Salzmann. Die Russin Lil (Marina Frenk) fühlt sich einsam in Deutschland. Sie träumt vom Meer in ihrer Heimat. Feli (Anastasia Gubareva) und Pep (Dimitrij Schad) dagegen sind ein Paar und halten sich für die beste Idee. Diese will aber auf Dauer nicht so recht zünden. Feli lernt Lil kennen und lieben. Angesteckt von Lils Idee vom Meer gehen beide schließlich nach Russland. Aber das Leben dort birgt andere Schwierigkeiten. Lil ist schnell genervt von den Kuchennachmittagen und Fragen der Verwandten und Feli fügt sich schwer in ihren neuen Job ein. Der Alltag ist Gift für die junge Liebe und das Meer nur eine ferne Projektion.

Wieder ein schönes Stück über Sehnsüchte Jugendlicher nach Freiheit und Geborgenheit gleichermaßen. Vereinbar scheinen beide auf Dauer nicht zu sein. Irgendwann ist Feli wieder weg und Lil im fremden Land auf sich allein gestellt. Hakan Savaş Mican inszeniert diesen zwischen Aufruhr der Gefühle und Melancholie schwankenden Lovesong auch als solchen. Die Darsteller singen immer wieder von Heimweh, Liebe und Liebesleid. Sie spielen dazu begnadet auf der Gitarre, dem Klavier, oder trommeln sich die Seele aus dem Leib. Heiß her geht es, bis zum Schluss die Fenster geöffnet werden und die jungen Leute auf die Straße ausbrechen. Ganz großes Theater im kleinen neuen Studio Я, das in Zukunft auch unter der Leitung von Marianna Salzmann stehen wird.

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Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen – Sebastian Nübling inszeniert Sibylle Berg

Sibylle Berg im Oktober 2013, Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia commons

Sibylle Berg im Okt. 2013
Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia

Ganz ohne Migrationshintergrund kommt dagegen das extra fürs neue Gorki geschriebene Stück der Schriftstellerin, Dramatikerin und Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg aus. Jugendlich sind die Protagonistinnen des lockeren Fünfundsiebzig-Minüters Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen aber schon. Regisseur Sebastian Nübling, den Shermin Langhoff überraschender Weise fürs Gorki verpflichten konnte, besetzt das Stück für eine Person und mehrere Stimmen dann auch mit den vier jungen Schauspielerinnen Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas. Deren vierstimmigen Wutschwall, von Berg als ununterbrochener Fließtext geschrieben, inszeniert Nübling als stampfendes, dampfendes Körperballett auf ansonsten leerer Bühne. In Schlabberlook und Nerdbrille zieht das Quartett dabei chorisch und unkorrekt über den heutigen Zeitgeist mit seinem Jugend-, Mode- und Körperwahn her.

Aus der Sicht der namenlosen Hauptprotagonistin hört dieses Rumgeleide aus Liebeskummer, Partystress und Identifikationdruck wahrscheinlich nie auf. Aber ob da einfach nur Älterwerden die Lösung bringt, darf bezweifelt werden. Vorerst bedient frau noch weiter bestens alle möglichen Ziel- und Randgruppen-Klischees. Dass es hier vor allem immer wieder die heteronormative Männlichkeit trifft ist durchaus beabsichtigt. „Schräger Pony, verdeckt beginnende Geheimratsecken, enge Hose, korrekter BMI, Nerd-Brille … und tschüss!“ Aber auch trendige Fitness-Beautys bekommen ihr Fett weg. „Wie werde ich überflüssige Pfunde am schnellsten los?“ Zuviel Hormone oder überhaupt Gefühle sind da einfach nur zum Kotzen. Zwischendurch rufen immer mal wieder die Schwestern Minna und Gemma oder die angehimmelte Freundin Lina an, während Stiefpapa Paul, das Opfer, im imaginierten Kellerverließ sitzt.

So trampeln sich die vier Darstellerinnen den Frust vom Leib und übertragen mit viel Coolness ihren We don’t give a shit-Storm aufs mehrheitlich jugendliche Publikum. Nur, wer die Radikalität der Bücher von Sibylle Berg kennt und weiß mit welcher oft auch moralischen Keule sie die Leser ihrer S.P.O.N.-Kolumnen traktieren kann, wird hier an manchen Stellen auch schon mal verstohlen gähnen. Ihre sonst recht böse Ironie kommt zuweilen doch recht nett daher. Und während Frau sich noch so ihren Teil denkt, schläft Mann vielleicht schon fest.

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Gorkilogo

Der Kirschgarten
eine Komödie von Anton Tschechow

Mit:
Jascha: Tamer Arslan
Dunjascha: Mareike Beykirch
Firs: Çetin İpekkaya
Anja: Marleen Lohse
Ranewskaya: Ruth Reinecke
Lopachin: Taner Şahintürk
Gajew: Falilou Seck
Trofimov: Aram Tafreshian
Warja: Sesede Terziyan
Simeonow-Pischtschik: Mehmet Yılmaz
Charlotta: Fatma Souad
Musiker: Özgür Ersoy
Musikerin: Sinem Altan

Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Sinem Altan / Tobias Schwencke
Licht: Norman Plathe
Dramaturgie: Daniel Richter

Weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/der-kirschgarten/

Der Russe ist einer, der Birken liebt (UA)
von Olga Grjasnowa in einer Bühnenfassung von Yael Ronen

Mit: Mehmet Ateşçí, Knut Berger, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Esther Krapiwnikow
Video: Benjamin Krieg
Musik: Yaniv Fridel / Dimitrij Schaad
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/

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Schwimmen lernen. Ein Lovesong
von Marianna Salzmann

Mit: Marina Frenk, Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad.

Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne und Kostüme: Sylvia Rieger
Musik: Enik
Video: Benjamin Krieger
Licht: Daniel Krawietz
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/schwimmen-lernen/

Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (UA)
von Sibylle Berg

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.

Regie: Sebastian Nübling
Choreographie: Tabea Martin
Raum: Magda Willi
Kostüme: Ursula Leuenberger
Mitarbeit Raum/Kostüme: Moïra Gilliéron
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Katja Hagedorn.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/es-sagt-mir-nichts-das-sogenannte-draussen/

siehe auch Kultura-Extra vom 12.12.2013

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Spaßiges Polit-Kabarett und Satire-Theater zum Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater und an der Schaubühne Berlin. (Teil 1)

Sonntag, September 11th, 2011

Die Spielzeitpause der Theater in Berlin ist seit gut einer Woche beendet und da sich auch die Open-Air-Aktivitäten dem Ende zu neigen und wegen andauernd schlechtem Wetter kaum noch jemanden hinter dem häuslichen Ofen hervorzulocken vermochten, drängt der zunehmend gelangweilte Bildungsbürger wieder in die moralischen Anstalten der Stadt. Und nichts anderes erwartet er dort, als, entsprechend dem allgemeinen Bildungsauftrag, umfassend aufgeklärt zu werden. Dem Bestreben kommen das Maxim Gorki Theater und die Schaubühne dann auch gleich nach, indem sie Staat und Religion, schön getrennt von einander versteht sich, zu verstehen versuchen. Im Gorki hat sich dazu Rainald Grebe, der Entertainer der informationshungrigen Städtebewohner schlechthin, den Berliner Wahlkampf vorgenommen und in der Schaubühne sucht die israelische Regisseurin Yael Ronen mit ihrem Team die Superreligion, oder was davon am jüngsten Tag übrig bleibt.

„Völker, schaut auf diese Stadt“ – Rainald Grebe zieht den Berliner Wahlkampf durch den Kakao, belässt den wahlmüden Bürger aber in seiner wohligen Lethargie.

„Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat.
Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“

Vicco von Bülow alias Loriot

Ja wo wo hängen Sie denn? dsc04637.JPG
Renate Künast in Schieflage. Foto: St. B.

Die Wahrheit ist es, die im Wahlkampf zuerst verloren geht, so klärt uns Rainald Grebe zu Beginn seiner Wahlkrampfparty im Maxim Gorki Theater auf. Wer also Leichen ausgraben will, muss in den Keller steigen. Die Bühne gleicht dann auch einer abgewrackten Wahlkampfzentrale aus dem Berliner Untergrund. Statt Waldbühne nun Wahlurne und so pflügt dann Grebe auch die Berliner Lokalpolitik mit dem Phrasenmäher unter die Grasnarbe der Glaubwürdigkeit.
Die größte Schuld die sich der moderne Mensch aufladen kann, ist die Uninformiertheit, sagt der Schauspieler Wilhelm Eilers, den sich Grebe neben dem Quatsch-Comedy-Club-Comdian und berlinernden Dauernuschler Hans Krüger zur Verstärkung geholt hat. Ursprünglich war auch noch die Schauspielerin Sabine Waibel dabei, doch sie hat wohl das Wahlkampffieber dahingerafft und so wird der Abend zur Three Man Show, immer dem Skandal und der Wahrheit dahinter auf der Spur. Mit den nötigen Informationen versorgt uns dann das Qualkampfteam auch gleich ausführlichst. Was man schon immer über die Politiker wissen wollte, sich aber lieber nie zu fragen wagte, hier und jetzt muss man es erfahren. Wahlen bestehen zu aller erst mal aus Zahlen, Wahlberechtigte, Wahlbeteiligung, Wahlbezirke und alle bisher in Berlin regierenden Bürgermeister, Ost wie West. Zahlen, Namen und Fakten, Rainald Grebe hat sie alle. Hans Krüger krakelt dazu wirre Diagramme auf einen Polylux und legt Fotos aus vergangenen Zeiten auf. Spätestens aber als Grebe einen dicken Packen mit den Wahlkampfprogrammen aller zugelassenen Parteien auf den Tisch knallt, möchte einem Hören und Sehen vergehen.
Aber es kommt doch noch anders, nach einem kurzen Exkurs in die kuriosen Gedankenwelten der Berliner Pogoanarchisten, die Berlin in drei Zonen aufteilen wollen, muss der Zuschauer nicht etwa an eine Biernotsäule angeschlossen werden, sondern bekommt jetzt reinen Wein eingeschenkt. Dem Volk aufs Maul geschaut, heißt die nächste Spielrunde, die Grebe, Krüger und Eilers jetzt einläuten. Das spielen die drei nun mit Handpuppen durch und es treten ein rasender Reporter – „Mach ick dir, mach ick dir.“ – ein Ostberliner Imbissbudenbesitzer und ein Westberliner Rentner auf. Das erinnert an Kermit und die Muppettshow, der (n)ölige Witz ist aber zäh und vorhersehbar, jeder bekommt seine Klischees bestätigt. Die Heiterkeit im Publikum kennt keine Grenzen und Grebe und Eilers setzten mit Redeparodien von Renate Künast und Klaus Wowereit noch einen drauf.
Es werden dann noch die Büros für die Werbekampagnen der großen Parteien vorgestellt. Zwei sogenannte Spin-Doktoren reden blasiert und mit verzerrter Stimme hinter einem Vorhang über ihre großen Erfolge, ein tatsächlich entlarvender Bericht, auch ohne passendes Gesicht dazu. Die großen Themen im Berliner Wahlkampf entpuppen sich in Wirklichkeit als lokale Befindlichkeiten und der Wutbürger von K21 bis zum Müggelsee ist das wahre Stimmungsbarometer. Die „neue“ FDP darf natürlich nicht fehlen, aber selbst mit dem Slogan: „Erst brennen die Autos und dann…“ kann Hans Krüger als Puppenwahlkämpfer mit FDP-Fähnchen niemanden erschrecken. Ein schräges Panoptikum des Berliner Wahlvolks defiliert an ihm vorbei.
Grebes Fazit ist schlussendlich, sich lieber aus der Politik fern zu halten und unabhängiger Künstler zu bleiben. Festlegen, wem er nun seine Stimme gibt, will er sich also nicht. Ich plädiere da dann auch eher für mein verbrieftes Recht auf Rausch und mehr und besseren Sex, die Pogos haben mich überzeugt. Vielleicht lässt sich auch noch eine vierte Zone einrichten, für all zu ulkige Wahlentertainer. Ich schlage das Berliner Olympiastadion vor. Wer da seinen Wahlsieg feiern kann und ob Rainald Grebe dann wieder mit dabei ist, wird man spätestens am 18.09. sehen. Aber wahrscheinlich fährt dann wieder halb Berlin ins Grüne und geht abends ins Maxim Gorki Theater, um sich zu informieren, wer sie die nächsten 5 Jahre zum Besten halten wird.

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Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? – Ein ironisch fragender Blick in die Zukunft der Menschheit von Yael Ronen und ihrem Team. „The Day before the last Day“ an der Schaubühne Berlin

Die letzte Inszenierung von Yael Ronen „Dritte Generation“, die zum Beginn der Spielzeit an der Schaubühne noch mal gezeigt wurde, endete in einem wilden Getümmel unter den Mitwirkenden. Die jungen Schauspieler aus Israel, Palästina und Deutschland konnten sich nicht einig werden, über das Problem eines friedlichen Zusammenlebens von Juden und Palästinensern und die Deutschen, die noch mit ihrer eigenen Geschichtsbewältigung haderten und schon wieder klug mitreden und in diesem Konflikt vermitteln wollten. Es wird wieder so kommen in der neuen Zusammenarbeit der Truppe unter Leitung der israelischen Regisseurin. Auch in „The Day before the last Day“ drängen alle Beteiligten zum Ende hin fluchartig aus dem Saal. Sie haben kein Patentrezept zur Beantwortung der vorher aufgeworfenen Fragen des Zusammenhangs zwischen weltlichen Konflikten und der Religion gefunden. Jeder glaubt im Besitz der einzigen bestimmenden Wahrheit zu sein und will diese Botschaft in die Welt tragen. Das eine wie das andere Ende ironisiert auf gewisse Weise die Unfähigkeit der Menschheit zum Dialog. Wie so ein Dialog aussehen könnte, versucht die gemischte Theatergruppe nun schon seit Jahren vorzuleben, mit allem Für und Wider. Das ist die einzige zwingende Botschaft, die auch von diesem Abend bleiben wird.
Es ist ein ater Hut, dass immer wieder davon gesprochen wird, dass sich die Menschheit alle paar Jahre an der Schwelle von bedeutenden geschichtlichen Umwälzungen befindet, oder sogar das Ende der Welt bevorsteht. Auf ironische Weise versucht Yael Ronen mit einem gefakten Powerpoint-Vortrag eines angeblichen israelischen Futurologen die Entstehung und genaue Voraussage von Kriegen wissenschaftlich zu erklären. Das geht natürlich schief. Tatkräftig von einem als Jesus kostümierten Darsteller sabotiert, stürzt dessen gutgemeinte Hilfe die Präsentation schließlich vollends ins Chaos. Niels Bormann, der sich in der Rolle des christlichen Messias blamiert, wird dann durch Stromschlag außer Gefecht gesetzt und will, wieder erweckt, als Botschafter aller Weltreligionen agieren. Eine wiederum ironisch gemeinte Phantasie, eine unerfüllbare Utopie, wie sich schnell herausstellt.
So richtig ernst wird der Abend nie. Der neu erweckte Guru Bormann fordert alle auf, sich an der Händen fassen und ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln und es gibt eine Umfrage im Publikum zu persönlichen Vorlieben, um eine Präferenzen für eine bestimmte Religion zu bestimmen. Religion im Sonderangebot aus dem Katalog? Schnell kommen die jungen Leute auf der Bühne zu der Erkenntnis, dass man sich seine Religion nicht einfach so aussuchen kann, sondern zumeist in einer traditionell anerzogenen Zugehörigkeit zu einer Religionsgruppe feststeckt. Die Eltern werden aus Israel zugeschaltet und deren Vorurteile, ethnischer und religiöser Art, gegen Juden und Moslems stürzt die jungen Schauspieler wieder in die allgegenwärtigen Konflikte. Es ist nicht leicht, sich den Traditionen zu entziehen, will man an der Religion festhalten. Eine peinigliche Befragung mit anschließendem Exorzismus und ein unfreiwilliger Verhedderungstanz beim Versuch sich einer Burka zu entledigen, führen die inneren Kämpfe der Mitwirkenden bildlich vor.
Zur Bebilderung von religiösem Wahn und Extremismus von allen Seiten werden Fotosequenzen und Ausschnitte aus YouTube-Videos vorgeführt und nachgespielt. Die typischen Bilder von Islamisten, dem christlichen Kreuzfahrer Anders Behring Breivik, religiöser Erweckungsquatsch, Homophobie und andere Hasstiraden rauschen an uns vorüber. Das ist als Erklärung dafür allerdings zu dünn. So lange Religionsauffassungen vom extremen Rand her interpretiert werden, wird es auch zukünftig Konflikte geben. Die innere Zerrissenheit der Schauspieler und ihre Ängste selbst Opfer der religiösen Wahns zu werden, verdeutlichen das nur zu gut. Ein anschauliches Beispiel wird gleich noch geliefert. Nachdem Niels Bormann kurzzeitig verschwunden war, kommt er mit blutiger Bauchwunde wieder in den Saal. Er ist auf Abwegen im Theater in die Hamletvorstellung nebenan geraten und versehentlich als Polonius vom dänischen Extremisten Hamlet erstochen worden. Der Messias ist also tot und die Jünger zerstreuen sich. Vielleicht hätte sich Yael Ronen mal lieber mehr um die Ursachen der Kriege, die im Zeichen des Gottes Mammon geführt werden, kümmert sollen, anstatt die allgemeine Ratlosigkeit zu bebildern. Das hätte dem Abend vielleicht eine nachhaltigere Denkrichtung geben können. Aber so, bei aller schönen Ironie, weiterhin große Sprach- und Geistesverwirrung.

weiter zu Teil 2

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Pimp my Car oder mit Sloterdijk auf dem Rücksitz – Das Jubiläums-F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne

Samstag, März 19th, 2011

Das Festival Internationale Neue Dramatik ist im 10ten Jahr und Schaubühnen-Hausherr Thomas Ostermeier bot innerhalb von 10 Tagen alles auf, was zur Zeit international Rang und Namen hat. Neben Festivalgrößen der letzten Jahre wie Wajdi Mouawad mit seinem neusten Stück „Zeit“, Alvis Hermanis mit „Schukschins Erzählungen“ und Rodrigo Garcia mit einem Solostück für Lars Eidinger, sind Raritäten wie der israelische Autor Hanoch Levin in der Regie von Yael Ronen und Neuheiten von Autoren wie Paul Brodowsky und Marie NDiaye oder jungen Regisseuren wie Johannes von Matuschka und Kirill Serebrennikov am Start. Das alles findet diesmal fast ausnahmslos mit bereits fertigen Inszenierungen statt, szenische Lesungen wie in den letzten Jahren sind leider Mangelware. Dafür gibt es Workshops für junge Regisseure  und Stückeschreiber, deren Ergebnisse rund um das offizielle Programm zu sehen sind. Zwei der neuen Stücke sind Hausproduktionen und gehen dann auch in den Spielplan der Schaubühne über.

Im Stück des argentinischen Autors Rodrigo Garcia „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“ hebt ein Vater all sein Geld (2.000,- €) von der Bank ab und bricht mit seinen zwei Söhnen, die eigentlich lieber ins Disneyland Paris wollen, zu einem Trip nach Madrid auf, um nachts in den Prado einzusteigen und sich die Gemälde von Goya anzusehen. Aber nicht einfach nur so, sie machen einen ganzen großen Kult daraus im Glitzer-Taxi, das auf der Bühne steht, mit Rotwein, Seranoschinken und Philosophie bis zum Abwinken. Denn es fährt noch der Großphilosoph Peter Sloterdijk auf dem Rücksitz mit, den man mit lukullischen und monetären Versprechungen nach Madrid gelockt hat. Ganz große Kunst also, nicht einfach nur Fußballstadion und Bier saufen, nein der kleine Mann geht stilvoll zu Grunde.
Eine Paraderolle für Lars Eidinger, im Bärenfellkostüm monologisiert er sich durch den schrägen Text von Garcia. Zu Anfang fallen ihm kiloweise Bücher aus dem Pelz, befreit von all der kulturellen Last, philosophiert er frei über den (Un)Sinn des Lebens und verfehlte Kindererziehung. Der Nachwuchs ist nicht besonders begeisterungsfähig und hält nicht viel von dem Plan in Madrid nur Bilder von Goya anzusehen, aber Papa hat für genügend Unterhaltung inklusive Drogen und geplantem Puff-Besuch gesorgt. Der vom Flieger abgeholte Sloterdijk steckt auf der Bühne in einem Sack und verheddert sich auf Band in seinen eigenen Kunst-Phrasen.
Eidinger geht in die Vollen, legt Technosound auf, der direkt in die Magengrube wummert, balanciert auf Büchertürmen und pflanzt die Bücher zum Schluss wie kleine Gräber auf den Kunstrasen, die er liebevoll gießt. Ein Abgesang auf „Sinn und Verstand“ unserer Gesellschaft, der Sturz ins 100%ige Chaos ohne irgendeine Absicherung. Rodrigo Garcia hat eine schöne kleine Satire über verlorene Werte und die Sehnsucht nach einem echtem Leben in einer medial zugemüllten Welt mit jeder Menge selbsternannter Heilsbringer und Propheten geschrieben.

Ein Bärenkostüm gibt es auch in der zweiten Schaubühnenproduktion „Regen in Neukölln“ des jungen Autors Paul Brodowsky in einer Inszenierung von Friederike Heller. Der Autor schickt 6 mehr oder minder verstörte Figuren und einen Stadtfuchs durch die Berliner Sommernacht, immer wieder zusammenprallend, den Staub der Pflastersteine schmeckend und sich schließlich im alles reinigenden Regen wieder findend.
Entfernt erinnert das an Schimmelpfennigs „Auf der Greifswalder Straße“. Hier nun das Gegenstück, das alten West-Berlin, in dem sich der schwerst berlinernde Taxifahrer Karl-Heinz (Ernst Stötzner) und ein Scherenschleifer (Sebastian Nakajew), dem ein Fuchs einst in den Trümmern Berlins den Finger abgebissen hat und der nun im besagten Eisbärenkostüm auf der ständigen Suche nach einem Stadtfuchs ist, schon lange nicht mehr zurecht finden. Dieser ganz kultivierte Fuchs (Niels Bormann) sitzt auf den als langen Laufsteg die Bühne ausfüllenden Berliner Gehwegplatten und lässt sich im Anzug die Reste der anderen mit Messer und Gabel schmecken.
Hanife (Eva Meckbach) ist ein selbstbewusste junge Araberin, die mit dem als Model verdienten Geld ihren Vater Ibrahim (Urs Jucker) aushalten muss, der natürlich als Mann darunter leidet und alle Leute mit zweifelhaften Geschichten um Geld anpumpt und ständig nach Hause telefonieren will. Franz Hartwig und Luise Wolfram sind ein junges Pärchen, das sich in der Disco kennen lernt und nicht richtig zueinander finden will. Marten, der Computer-Freak, verfällt dabei ständig in ein Art jandelndes Buchstabenwechsel-Kauderwelsch und das Disco-Girl Ella ist schon wieder auf dem nächsten Trip und landet schließlich vor Kallis Taxi und auf dem harten Bordstein. Überhaupt scheint Sprache hier das Problem und Kommunikation eher die Missverständnisse noch weiter zu befördern. Der Stoff (oder Stiff) ist leider oft etwas dünn, aber nicht uninteressant. Friederike Heller nimmt es locker und versucht Figuren und Stück in eine leicht übertriebene Komik zu retten.

Komik ist auch das Hauptelement im Stück „Morris Schimmel“ des leider früh verstorbenen israelischen Autors Hanoch Levin in der Regie von Yael Ronen, bekannt durch ihre Inszenierung „Die Dritte Generation“. Hier ist es die zweite, die sich noch nicht von den Eltern, den Überlebenden des Holocaust emanzipiert hat.
Der 40jährige Morris lebt noch bei seiner Mutter Tollebraine, die ihn liebevoll bevormundet und damit noch seine Antriebslosigkeit befördert. Mit seinen Kumpeln lebt er in den Tag hinein und hat große Pläne von einer Heirat mit seiner Nachbarin Choledonka oder einer Reise nach Schweden. Als sein Vater Gumperts stirbt bricht für die Mutter ein Welt zusammen und es wird noch einmal einige Zeit vergehen, bis Morris nach dem Tod der Mutter endlich Israel verlässt und nach Schweden aufbricht. Nach seiner Rückkehr ist alles wie zuvor, nur das alle älter sind und die junge Joggerin, der er immer nachgelaufen ist, deutlich mehr Pfunde auf den Hüften hat.
Ein absurder Reigen über verpasste Lebenschancen und das konsequente Ablehnen jeglicher Lösungsansätze. Der Weisheit letzter Schluss fällt aus dem Mund des sterbenden Vaters und heißt „Buchweizengrütze“. Der verkappte Heilsbringer namens Heine-Mareine Bitterfeld, der die Antwort auf alle Fragen bringen soll, gibt aber auch nichts weiter als seinen Namen preis. Das Stück ist mit jeder Menge herrlichem jüdischen Sprachwitz gespickt und hat auch wirklich tolle Schauspieler, leider nickt man trotzdem auf Dauer etwas weg.

Ein echtes Kontrastprogramm dann zur späten Stunde im „Sport“-Studio der Schaubühne. „Penthesilea, Außer Atem“ heißt das Stück, das der Regisseure Johannes von Matuschka mit Schülern des ersten Abschlussjahrgangs der Schauspielschule des Théâtre national de Bordeaux en Aquitaine einstudiert hat. Bei Kleist Penthesilea rennt man ja wohl traditionell an der Schaubühne im Kreis, hier hatte dieser Kreis als Kampfarena aber auch einen handfesten Sinn, nicht nur als Symbolik für das ewig andauernde sinnlose Anrennen gegen die eigene Natur und festgefahrene Rituale. Ein wenig erinnert das an „Penthesilea und Achill“ vom Gefängnistheater Aufbruch, da die Rollen der Hauptprotagonisten auch mal von allen übernommen werden, aber es wurde nicht der klassische Chor propagiert, sondern schon der Kampf des einzelnen Individuums in der Gruppe gezeigt. Klasse Aufführung, man war schlagartig wieder hell wach.
Das bekannte Thema der Amazonenkönigin Penthesilea und ihrer bedingungslosen Lieben zum Griechischen Kämpfer Achill wird hier zum auch innerhalb der Geschlechter herrschenden Kampf um Macht in einer klar hierarchischen Struktur mit Eifersucht und Unterwerfungszwang dargestellt. Ein klares Besitzstands- und Gruppendenken bis zur Selbstauslöschung. Eine wirkliche Befreiung von den Konventionen findet nach nicht statt, es gibt keine Sieger nur Unterlegene. Das Spiel der Darsteller/innen zeigt doch auch sehr viel Zweifel an den eingeübten Rollenbildern. In den männlichen Rollen, zeigt sich die ganze Bandbreite männlichen Verhaltens. Einerseits der Macho und Frauenverächter, dann der Anführertyp und Machtmensch und andererseits der nachdenkliche Vermittler, der genüssliche Beobachter, der Mitläufer und schließlich der schüchterne Stotterer, der von beiden Seiten hochgezogen wird und dann in seinem verletzten Stolz unbeholfen überreagiert. In Gebärszenen mit Äpfeln wird der Wahnsinn der Auslese der Amazonen dargestellt. Die guten (weiblich) ins Töpfchen die schlechten am Stiel (männlich), werden zu Fallobst. Selbstbewusst wirken die Amazonen, aber auch sie verkörpern deshalb noch keine wirkliche Einheit.
Bei all der Athletik bleiben die Protagonisten erstaunlich nahe am Kleistschen Text. Die Inszenierung findet immer wieder sehr treffende Bilder, schon am Anfang wenn alle nebeneinander stehen und durch die aufgesetzten Gasmasken versuchen Zärtlichkeiten auszutauschen. Erst wenn die Masken fallen, können die wahren Gefühle heraus, andererseits ist es aber oft auch besser die Maske auf zu behalten. Lieben und Verletzen liegen eben dicht beieinander, original Kleist: „Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen.“

Am letzten Wochenende wurden dann kleine Minidramen vor den Türen der Schaubühne in extra dafür aufgemotzten Autos und Crashcars gezeigt. „Confessions“ heißt das Projekt, in dem sieben junge Autoren unter der Regie von Jan-Christoph Gockel mit Schuldgeständnissen und Glaubensbekenntnissen experimentierten.
Das Studio ist am Abend fest in russischer Hand. In „Otmorozki“ (die Abgebrühten) von den Autoren Zakhar Prilepin und Kirill Serebrennikov begehren junge Russen gegen das System der korrupten Regierung mit ihrem Machtapparat auf. Geboren in den 80igern und aufgewachsen in den 90er Jahren voll Kriminalität und Gewalt, suchen sie ihren Platz in der neuen Gesellschaft. Der Protagonist Grischa ist zwischen der Möglichkeit mitzumachen oder für Gerechtigkeit zu kämpfen hin und hergerissen. Erfahrungen wie Freundschaft und erste Liebe einerseits sowie Verrat, Tod, die Unterdrückung und Repression der Polizei anderseits lassen ihn schließlich auf die Barrikaden gehen.
Ein sehr kraftvolle Inszenierung von Kirill Serebrennikov mit Schülern des Moskauer Künstlertheaters Mchat. Auf der Bühne werden Absperrgitter hin- und hergeschoben und die jungen Wilden skandieren vor den knüppelnden Omon-Leuten immer wieder „Revolutzia“. Als Grischa mit seinen Freunden schließlich zur Waffe greift und eine Polizeistation einnimmt eskaliert die Gewalt. Leider wird nicht ganz klar, was die Jungendlichen eigentlich außer Gerechtigkeit noch wollen. Es bleibt etwas im Dunkeln, genau wie die schlecht positionierten Übertitel im Gegenlicht der grellen Neonröhren an der Decke, die die Situation überstrahlen.
Da dürfte es im Haupthaus beim lettischen Regisseur Alvis Hermanis und „Schukschins Erzählungen“ etwas ruhiger zugegangen sein. Die Inszenierung, die schon 2009 bei den Wiener Festwochen gastierte, beschreibt in acht kurzen Szenen das russische Landleben in einem sowjetischen Kolchos. Vor naturalistischer Fototapete geben die Schauspieler des Moskauer Theaters der Nationen Liebe, Eifersucht, Klatsch und anderes Kurioses nicht ohne russische Klischees mit Tanz und Musik zum Besten. Das ist witzig gemacht und hat mit der bekannten Filmschauspielerin Chulpan Hamatowa auch ein charmantes Zugpferd.
Und auf ein weiteres Ereignis im Spielplan der nächsten Schaubühnensaison kann man sich schon freuen. Yael Ronen studiert gerade ein neues Projekt mit den Protagonisten der „Dritten Generation“ ein. Erste Ergebnisse des Stücks „The Day Before the Last Day” gab es auf dem F.I.N.D. schon mal vorab zu sehen. Es geht diesmal um die Zukunft, natürlich auch wieder um religiösen Fanatismus und die apokalyptischen Visionen aller großen Weltreligionen. Na wenn das nichts brennend Aktuelles ist?!