Archive for the ‘Yael Ronen’ Category

Russen, Tussen, Türken, Birken – Kunst, Culture Clash und Klischees. Hoch her ging‘s beim GOЯKI-Neustart in Berlin.

Freitag, Dezember 20th, 2013

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Es schlug wie eine Bombe ein, als kurz vor Ende des Berliner Theatertreffens im Mai 2012 bekannt wurde, dass Shermin Langhoff, langjährige Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg, die Nachfolge des nach Stuttgart wechselnden Armin Petras am Maxim Gorki Theater antreten würde. Der regierende Bürgermeister, Kultur- und Partysenator Klaus Wowereit hatte die deutsche Theatermacherin mit türkischen Wurzeln kurz vor den Toren Wiens abgefangen. Jetzt könnte man sich in dem Witz ergehen, dass die Türken bereits 1529 und 1683 vor Wien gescheitert sind. Was allerdings die Tatsache negieren hieße, dass sie mittlerweile längst in der Mitte Europas leben, und mit ihnen so manch andere Nationalität. Shermin Langhoffs Entscheidung für Berlin und das Maxim Gorki Theater war letztendlich eine ganz persönliche und bescherte der deutschen Hauptstadt dazu nun endlich auch das erste interkulturelle Schauspielensemble im deutschsprachigen Raum. Die Wiener Festwochen müssen sich mit der Belgierin Frie Leysen begnügen, die bereits das Festival Theater der Welt und 2012 das Berliner Theaterfestival Foreign Affaires kuratierte. Einer weiteren Internationalisierung der Festwochen werden also auch die Wiener nicht entgehen können.

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Der Kirschgarten von Anton Tschechow in einer Inszenierung von Nurkan Erpulat

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Zurück nach Berlin. Mit einem Herbstsalon der Kunst eröffnete Shermin Langhoff Anfang November ihre Intendanz am Maxim Gorki Theater. Für zwei Wochen wurde das angrenzende Palais am Kupfergraben mit Objekten, Installationen und Performances in Berlin lebender Künstler von internationaler Couleur bespielt. Ein gelungener Einstieg und Vorgeschmack auf den eigentlichen Start, der vom 17. bis 19. November mit drei Premieren gefeiert wurde. Mit Anton Tschechows Kirschgarten und zwei Inszenierungen von Gegenwartsstoffen der jungen Schriftstellerin Olga Grjasnowas und der jungen Dramatikerin Marianna Salzmann fiel das erste Wochenende im neuen GOЯKI recht russischlastig aus. Was natürlich nur auf den ersten Blick über die eigentliche Intension dieses vielbeachteten Neustarts hinwegtäuschte. Zum Auftakt präsentierte sich nämlich der nicht nur in Berlin bereits recht bekannte deutsch-türkische Theaterregisseur Nurkan Erpulat, der mit Verrücktes Blut gemeinsam mit dem neuen Gorki Chefdramaturgen Jens Hillje bereits einen Achtungserfolg für das postmigrantische Theater auf dem Berliner Theatertreffen 2011 feiern konnte. Die Inszenierung des Ballhaus Naunynstraße wurde übrigens auch ins Programm des Maxim Gorki Theaters übernommen.

Tschechows Kirschgarten interpretierte Erpulat nicht als Widerspruch Alt gegen Neu, Oben gegen Unten, sondern, ganz im Sinne des Leitmotivs des neuen Gorki, als Kampf der mittlerweile in der dritten Generation im Lande lebenden Migranten gegen die Alteingesessenen. Da wird der alte Sehnsuchtsort Kirschgarten, der ja schon bei Tschechow in jeder Enzyklopädie stand, zu einer Art überkommenen Leitkultur, die der junge Migrant Lopachin (Taner Sahintürk), dessen Vater noch als Leibeigener für die Familie der Ranjewskaja (Ruth Reinicke als letzte Verbliebene – im doppelten Sinne – des alten Gorki-Ensembles) ackern musste, am liebsten abholzen möchte. Er will Parzellen mit Ferienhäusern statt schöne Phrasen der deutschen Aufklärung, für die sich heute eh keiner mehr etwas kaufen kann. Taner Sahintürk liest aus Immanuel Kants Was ist Aufklärung? und lässt das Buch wie einst Tschechows Lopachin verständnislos sinken.

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Das neue GOЯKI. – Foto: St. B.

Die Unterschiede zur verrottenden und schwafelnden Intelligenzija der Ranjewskaja, ihres Bruders Gajew (Falilou Seck, noch bekannt aus Lukas Langhoffs Volksfeind-Inszenierung beim Theatertreffen 2012) oder dem Studenten Trofimow (Aram Tafreshian) werden hier an rein kulturellen Differenzen festgemacht. Da geht doch einiges verloren. Anja (Marleen Lohse), Warja (Sesede Terziyan), oder gar die Ranjewskaja selbst bleiben hier bei allem darstellerischen Können relativ vage. Den Nebenfiguren bzw. Bediensteten bei Tschechow wird in Erpulats Kirschgarten dagegen klar ihre Entsprechung in der heutigen deutschen Einwanderungsgesellschaft zugewiesen. Neben Lopachin trifft das vor allem auf Charlotta, Dunjascha, Firs und Jascha zu. Allen scheint irgendetwas zu fehlen. Sei es die Identität, Liebe, Zugehörigkeit oder gar so etwas wie Heimat.

Während Lopachin zumindest ein Ziel verfolgt, wirken die anderen doch recht orientierungslos. Çetin İpekkaya als Firs verfällt immer wieder in die türkische Sprache und wird von den anderen nicht ernst genommen. Der ersten Generation fehlt der Zugang zur neuen Gesellschaft, in der auch die anderen kaum ihren Platz finden oder nur mit Mühe behaupten können. Tamer Arslan als Jascha spielt den coolen Macho im Trainingsanzug. Pitschick (Mehmet Yilmaz) und Dunjascha (Mareike Beykirch) sind Karikaturen der Anpassung im deutschen Trachtenlook. Die Travestiekünstlerin Fatma Souad bringt als Charlotta mit ihrer ganz speziellen Geschichte (schwul, lesbisch, türkisch, berlinerisch) etwas Kreuzberger Lokalkolorit nach Mitte. Die schon bei Tschechow alters- und heimatlose Gouvernante als transidentisch darzustellen, ist natürlich schlüssig, aber auch nicht ganz neu.

Tschechows differenzierte Figurenzeichnung tritt hier hinter die klare Absicht des Regisseurs zurück. Die Widersprüche im Kirschgarten sollen so einen aktuellen Anstrich erhalten. Nur das dieser bisweilen etwas zu plakativ ausgemalt erscheint. Immer wieder werden deutsche Volkslieder gesungen und eine Musikerin (Sinem Altan) im schwarzen Hidschab spielt Klavier. Spätestens wenn Lopachin sich seine neue Heimat gekauft hat und beginnt die alten Tapeten abzureißen, schlägt auch bei ihm die unaufgearbeitete Vergangenheit durch. Tradition und Moderne geben sich auf der Bühne die Hand. Man tanzt zu türkischer Musik und spricht vom Aufbruch in eine neue Zeit. Zumindest tut man so. Und da ist man wieder ganz bei der Sehnsucht der Tschechow‘schen Figuren.

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Ob der gute Vorsatz nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sei dahingestellt, genau wie die These, dass die deutsche Gesellschaft wie das Gut der Ranjewskaja am Ende ist, wenn sie sich nicht den Problemen der Migration, wie auch den Vorzügen der kulturellen Diversität öffnet. Dass Hochkulturen zur Dekadenz und Fäulnis neigen, wenn sie sich allzu lang um sich selbst gedreht haben, dafür gibt es genügend Beispiele in der Geschichte. Ein neuer Pfropf wirkt da mitunter Wunder. In der Beziehung funktioniert die Metapher des alten Kirschgartens, mit dessen Früchten niemand mehr etwas anfangen kann, doch sehr gut. Am neuen Gorki wird man jedenfalls weiter darauf hinweisen, dass die Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund hierhergekommen sind, um einen Anspruch auf Mitgestaltung einzufordern. Und bereits im Januar bringt dann Nurkan Erpulat seine vielbeachtete Wiener Inszenierung von Maxim Gorkis Kinder der Sonne neu auf die Bühne des Gorki Theaters. Man darf weiterhin gespannt sein.

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Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt, inszeniert von Yael Ronen und Schwimmen lernen von Marianna Salzmann – Ein Lovesong am neuen Studio Я, inszeniert von Hakan Savaş Mican

In den anderen beiden Inszenierungen ist man dann doch etwas näher dran, an der Lebenswirklichkeit junger Migranten in Deutschland. Die junge Jüdin Mascha (Anastasia Gubareva) aus Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt ist Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan. Sie ist kriegstraumatisiert und daher nicht gerade auskunftsfreudig, was ihre Vergangenheit angeht, die sich ihr deutscher Freund Elias (Knut Berger), mit Hang zum Zuschreibungswahn, entsprechend zusammenreimt. Da gibt es dann genug Platz für altbekannte Klischees und Missverständnisse. Zwischen die beiden schiebt sich der in Deutschland gestrandete und auf ein Visum für die USA wartende Palästinenser Sami (Thomas Wodianka). Er ist einer, der keine Milch von Kühen im Kaffee mag und auch ansonsten nicht viel auf Traditionen gibt. Cem (Dimitrij Schad) ist Türke, schwul, spielt Gitarre und mimt den Conférencier.

Armes Deutschland, kann da Elias Vater Horst (Tim Porath) nur noch von sich geben. Der Deutsche ist hier entweder provinziell verknöchert und stink konservativ oder hyperaktiv um Verständnis heuchelnd. Zumindest muss alles seine Ordnung haben und sich entsprechend einsortieren lassen. Elias kommt mit seinen Fragen allerdings nicht mehr weit. Er erliegt nach der Hälfte des Stücks den Folgen eines blöden Sportunfalls, und mit ihm auch die Lebenslust Maschas. Nach einem traumatischen Besuch in der ostdeutschen Provinz bei Elias Vater, der den Sinn des Lebens darin sieht, die vielen Kuckucksuhren seines Vaters aufzuziehen, über den er sonst auch nicht viel mehr weiß, als über seinen Sohn Elias, verkriecht sich Mascha erstmal für Wochen mit dessen Spotshirt ins Bett. Dass sie da nicht ranzig wird, hat sie Cems Hartnäckigkeit und seinem Sinn für aufbauende Geschichten zu verdanken.

Über schlüpfrige Umwege kommt die sprach- und anderweitig begabte Mascha an ein Auslandsstipendium und damit schließlich nach Israel. Neues Land, neue Liebe, neues Leben. Erinnerungen an früher und allzu feste Wurzeln sind da nur noch hinderlich. Grjasnowas Roman ist ein schöne Beschreibung der bindungsarmen, zwischen den Welten switchenden Jugendlichen, die sich eigentlich nicht viel Gedanken über ihre eigentliche Identität und Heimat machen, diese aber trotzdem immer im Hintergrund mit sich herumschleppen und auch von der Gesellschaft hinterfragt bekommen. Die Inszenierung von Yael Ronen ist frisch, witzig, mit viel Situationskomik und macht definitiv Lust auf mehr.

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Gorki-Studio

Gorki-Studio Я

Ganz ähnlich geht es der jungen Protagonistin im Stück Schwimmen lernen der Dramatikerin Marianna Salzmann. Die Russin Lil (Marina Frenk) fühlt sich einsam in Deutschland. Sie träumt vom Meer in ihrer Heimat. Feli (Anastasia Gubareva) und Pep (Dimitrij Schad) dagegen sind ein Paar und halten sich für die beste Idee. Diese will aber auf Dauer nicht so recht zünden. Feli lernt Lil kennen und lieben. Angesteckt von Lils Idee vom Meer gehen beide schließlich nach Russland. Aber das Leben dort birgt andere Schwierigkeiten. Lil ist schnell genervt von den Kuchennachmittagen und Fragen der Verwandten und Feli fügt sich schwer in ihren neuen Job ein. Der Alltag ist Gift für die junge Liebe und das Meer nur eine ferne Projektion.

Wieder ein schönes Stück über Sehnsüchte Jugendlicher nach Freiheit und Geborgenheit gleichermaßen. Vereinbar scheinen beide auf Dauer nicht zu sein. Irgendwann ist Feli wieder weg und Lil im fremden Land auf sich allein gestellt. Hakan Savaş Mican inszeniert diesen zwischen Aufruhr der Gefühle und Melancholie schwankenden Lovesong auch als solchen. Die Darsteller singen immer wieder von Heimweh, Liebe und Liebesleid. Sie spielen dazu begnadet auf der Gitarre, dem Klavier, oder trommeln sich die Seele aus dem Leib. Heiß her geht es, bis zum Schluss die Fenster geöffnet werden und die jungen Leute auf die Straße ausbrechen. Ganz großes Theater im kleinen neuen Studio Я, das in Zukunft auch unter der Leitung von Marianna Salzmann stehen wird.

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Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen – Sebastian Nübling inszeniert Sibylle Berg

Sibylle Berg im Oktober 2013, Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia commons

Sibylle Berg im Okt. 2013
Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia

Ganz ohne Migrationshintergrund kommt dagegen das extra fürs neue Gorki geschriebene Stück der Schriftstellerin, Dramatikerin und Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg aus. Jugendlich sind die Protagonistinnen des lockeren Fünfundsiebzig-Minüters Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen aber schon. Regisseur Sebastian Nübling, den Shermin Langhoff überraschender Weise fürs Gorki verpflichten konnte, besetzt das Stück für eine Person und mehrere Stimmen dann auch mit den vier jungen Schauspielerinnen Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas. Deren vierstimmigen Wutschwall, von Berg als ununterbrochener Fließtext geschrieben, inszeniert Nübling als stampfendes, dampfendes Körperballett auf ansonsten leerer Bühne. In Schlabberlook und Nerdbrille zieht das Quartett dabei chorisch und unkorrekt über den heutigen Zeitgeist mit seinem Jugend-, Mode- und Körperwahn her.

Aus der Sicht der namenlosen Hauptprotagonistin hört dieses Rumgeleide aus Liebeskummer, Partystress und Identifikationdruck wahrscheinlich nie auf. Aber ob da einfach nur Älterwerden die Lösung bringt, darf bezweifelt werden. Vorerst bedient frau noch weiter bestens alle möglichen Ziel- und Randgruppen-Klischees. Dass es hier vor allem immer wieder die heteronormative Männlichkeit trifft ist durchaus beabsichtigt. „Schräger Pony, verdeckt beginnende Geheimratsecken, enge Hose, korrekter BMI, Nerd-Brille … und tschüss!“ Aber auch trendige Fitness-Beautys bekommen ihr Fett weg. „Wie werde ich überflüssige Pfunde am schnellsten los?“ Zuviel Hormone oder überhaupt Gefühle sind da einfach nur zum Kotzen. Zwischendurch rufen immer mal wieder die Schwestern Minna und Gemma oder die angehimmelte Freundin Lina an, während Stiefpapa Paul, das Opfer, im imaginierten Kellerverließ sitzt.

So trampeln sich die vier Darstellerinnen den Frust vom Leib und übertragen mit viel Coolness ihren We don’t give a shit-Storm aufs mehrheitlich jugendliche Publikum. Nur, wer die Radikalität der Bücher von Sibylle Berg kennt und weiß mit welcher oft auch moralischen Keule sie die Leser ihrer S.P.O.N.-Kolumnen traktieren kann, wird hier an manchen Stellen auch schon mal verstohlen gähnen. Ihre sonst recht böse Ironie kommt zuweilen doch recht nett daher. Und während Frau sich noch so ihren Teil denkt, schläft Mann vielleicht schon fest.

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Gorkilogo

Der Kirschgarten
eine Komödie von Anton Tschechow

Mit:
Jascha: Tamer Arslan
Dunjascha: Mareike Beykirch
Firs: Çetin İpekkaya
Anja: Marleen Lohse
Ranewskaya: Ruth Reinecke
Lopachin: Taner Şahintürk
Gajew: Falilou Seck
Trofimov: Aram Tafreshian
Warja: Sesede Terziyan
Simeonow-Pischtschik: Mehmet Yılmaz
Charlotta: Fatma Souad
Musiker: Özgür Ersoy
Musikerin: Sinem Altan

Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Sinem Altan / Tobias Schwencke
Licht: Norman Plathe
Dramaturgie: Daniel Richter

Weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/der-kirschgarten/

Der Russe ist einer, der Birken liebt (UA)
von Olga Grjasnowa in einer Bühnenfassung von Yael Ronen

Mit: Mehmet Ateşçí, Knut Berger, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Esther Krapiwnikow
Video: Benjamin Krieg
Musik: Yaniv Fridel / Dimitrij Schaad
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/

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Schwimmen lernen. Ein Lovesong
von Marianna Salzmann

Mit: Marina Frenk, Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad.

Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne und Kostüme: Sylvia Rieger
Musik: Enik
Video: Benjamin Krieger
Licht: Daniel Krawietz
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/schwimmen-lernen/

Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (UA)
von Sibylle Berg

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.

Regie: Sebastian Nübling
Choreographie: Tabea Martin
Raum: Magda Willi
Kostüme: Ursula Leuenberger
Mitarbeit Raum/Kostüme: Moïra Gilliéron
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Katja Hagedorn.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/es-sagt-mir-nichts-das-sogenannte-draussen/

siehe auch Kultura-Extra vom 12.12.2013

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Spaßiges Polit-Kabarett und Satire-Theater zum Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater und an der Schaubühne Berlin. (Teil 1)

Sonntag, September 11th, 2011

Die Spielzeitpause der Theater in Berlin ist seit gut einer Woche beendet und da sich auch die Open-Air-Aktivitäten dem Ende zu neigen und wegen andauernd schlechtem Wetter kaum noch jemanden hinter dem häuslichen Ofen hervorzulocken vermochten, drängt der zunehmend gelangweilte Bildungsbürger wieder in die moralischen Anstalten der Stadt. Und nichts anderes erwartet er dort, als, entsprechend dem allgemeinen Bildungsauftrag, umfassend aufgeklärt zu werden. Dem Bestreben kommen das Maxim Gorki Theater und die Schaubühne dann auch gleich nach, indem sie Staat und Religion, schön getrennt von einander versteht sich, zu verstehen versuchen. Im Gorki hat sich dazu Rainald Grebe, der Entertainer der informationshungrigen Städtebewohner schlechthin, den Berliner Wahlkampf vorgenommen und in der Schaubühne sucht die israelische Regisseurin Yael Ronen mit ihrem Team die Superreligion, oder was davon am jüngsten Tag übrig bleibt.

„Völker, schaut auf diese Stadt“ – Rainald Grebe zieht den Berliner Wahlkampf durch den Kakao, belässt den wahlmüden Bürger aber in seiner wohligen Lethargie.

„Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat.
Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“

Vicco von Bülow alias Loriot

Ja wo wo hängen Sie denn? dsc04637.JPG
Renate Künast in Schieflage. Foto: St. B.

Die Wahrheit ist es, die im Wahlkampf zuerst verloren geht, so klärt uns Rainald Grebe zu Beginn seiner Wahlkrampfparty im Maxim Gorki Theater auf. Wer also Leichen ausgraben will, muss in den Keller steigen. Die Bühne gleicht dann auch einer abgewrackten Wahlkampfzentrale aus dem Berliner Untergrund. Statt Waldbühne nun Wahlurne und so pflügt dann Grebe auch die Berliner Lokalpolitik mit dem Phrasenmäher unter die Grasnarbe der Glaubwürdigkeit.
Die größte Schuld die sich der moderne Mensch aufladen kann, ist die Uninformiertheit, sagt der Schauspieler Wilhelm Eilers, den sich Grebe neben dem Quatsch-Comedy-Club-Comdian und berlinernden Dauernuschler Hans Krüger zur Verstärkung geholt hat. Ursprünglich war auch noch die Schauspielerin Sabine Waibel dabei, doch sie hat wohl das Wahlkampffieber dahingerafft und so wird der Abend zur Three Man Show, immer dem Skandal und der Wahrheit dahinter auf der Spur. Mit den nötigen Informationen versorgt uns dann das Qualkampfteam auch gleich ausführlichst. Was man schon immer über die Politiker wissen wollte, sich aber lieber nie zu fragen wagte, hier und jetzt muss man es erfahren. Wahlen bestehen zu aller erst mal aus Zahlen, Wahlberechtigte, Wahlbeteiligung, Wahlbezirke und alle bisher in Berlin regierenden Bürgermeister, Ost wie West. Zahlen, Namen und Fakten, Rainald Grebe hat sie alle. Hans Krüger krakelt dazu wirre Diagramme auf einen Polylux und legt Fotos aus vergangenen Zeiten auf. Spätestens aber als Grebe einen dicken Packen mit den Wahlkampfprogrammen aller zugelassenen Parteien auf den Tisch knallt, möchte einem Hören und Sehen vergehen.
Aber es kommt doch noch anders, nach einem kurzen Exkurs in die kuriosen Gedankenwelten der Berliner Pogoanarchisten, die Berlin in drei Zonen aufteilen wollen, muss der Zuschauer nicht etwa an eine Biernotsäule angeschlossen werden, sondern bekommt jetzt reinen Wein eingeschenkt. Dem Volk aufs Maul geschaut, heißt die nächste Spielrunde, die Grebe, Krüger und Eilers jetzt einläuten. Das spielen die drei nun mit Handpuppen durch und es treten ein rasender Reporter – „Mach ick dir, mach ick dir.“ – ein Ostberliner Imbissbudenbesitzer und ein Westberliner Rentner auf. Das erinnert an Kermit und die Muppettshow, der (n)ölige Witz ist aber zäh und vorhersehbar, jeder bekommt seine Klischees bestätigt. Die Heiterkeit im Publikum kennt keine Grenzen und Grebe und Eilers setzten mit Redeparodien von Renate Künast und Klaus Wowereit noch einen drauf.
Es werden dann noch die Büros für die Werbekampagnen der großen Parteien vorgestellt. Zwei sogenannte Spin-Doktoren reden blasiert und mit verzerrter Stimme hinter einem Vorhang über ihre großen Erfolge, ein tatsächlich entlarvender Bericht, auch ohne passendes Gesicht dazu. Die großen Themen im Berliner Wahlkampf entpuppen sich in Wirklichkeit als lokale Befindlichkeiten und der Wutbürger von K21 bis zum Müggelsee ist das wahre Stimmungsbarometer. Die „neue“ FDP darf natürlich nicht fehlen, aber selbst mit dem Slogan: „Erst brennen die Autos und dann…“ kann Hans Krüger als Puppenwahlkämpfer mit FDP-Fähnchen niemanden erschrecken. Ein schräges Panoptikum des Berliner Wahlvolks defiliert an ihm vorbei.
Grebes Fazit ist schlussendlich, sich lieber aus der Politik fern zu halten und unabhängiger Künstler zu bleiben. Festlegen, wem er nun seine Stimme gibt, will er sich also nicht. Ich plädiere da dann auch eher für mein verbrieftes Recht auf Rausch und mehr und besseren Sex, die Pogos haben mich überzeugt. Vielleicht lässt sich auch noch eine vierte Zone einrichten, für all zu ulkige Wahlentertainer. Ich schlage das Berliner Olympiastadion vor. Wer da seinen Wahlsieg feiern kann und ob Rainald Grebe dann wieder mit dabei ist, wird man spätestens am 18.09. sehen. Aber wahrscheinlich fährt dann wieder halb Berlin ins Grüne und geht abends ins Maxim Gorki Theater, um sich zu informieren, wer sie die nächsten 5 Jahre zum Besten halten wird.

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Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? – Ein ironisch fragender Blick in die Zukunft der Menschheit von Yael Ronen und ihrem Team. „The Day before the last Day“ an der Schaubühne Berlin

Die letzte Inszenierung von Yael Ronen „Dritte Generation“, die zum Beginn der Spielzeit an der Schaubühne noch mal gezeigt wurde, endete in einem wilden Getümmel unter den Mitwirkenden. Die jungen Schauspieler aus Israel, Palästina und Deutschland konnten sich nicht einig werden, über das Problem eines friedlichen Zusammenlebens von Juden und Palästinensern und die Deutschen, die noch mit ihrer eigenen Geschichtsbewältigung haderten und schon wieder klug mitreden und in diesem Konflikt vermitteln wollten. Es wird wieder so kommen in der neuen Zusammenarbeit der Truppe unter Leitung der israelischen Regisseurin. Auch in „The Day before the last Day“ drängen alle Beteiligten zum Ende hin fluchartig aus dem Saal. Sie haben kein Patentrezept zur Beantwortung der vorher aufgeworfenen Fragen des Zusammenhangs zwischen weltlichen Konflikten und der Religion gefunden. Jeder glaubt im Besitz der einzigen bestimmenden Wahrheit zu sein und will diese Botschaft in die Welt tragen. Das eine wie das andere Ende ironisiert auf gewisse Weise die Unfähigkeit der Menschheit zum Dialog. Wie so ein Dialog aussehen könnte, versucht die gemischte Theatergruppe nun schon seit Jahren vorzuleben, mit allem Für und Wider. Das ist die einzige zwingende Botschaft, die auch von diesem Abend bleiben wird.
Es ist ein ater Hut, dass immer wieder davon gesprochen wird, dass sich die Menschheit alle paar Jahre an der Schwelle von bedeutenden geschichtlichen Umwälzungen befindet, oder sogar das Ende der Welt bevorsteht. Auf ironische Weise versucht Yael Ronen mit einem gefakten Powerpoint-Vortrag eines angeblichen israelischen Futurologen die Entstehung und genaue Voraussage von Kriegen wissenschaftlich zu erklären. Das geht natürlich schief. Tatkräftig von einem als Jesus kostümierten Darsteller sabotiert, stürzt dessen gutgemeinte Hilfe die Präsentation schließlich vollends ins Chaos. Niels Bormann, der sich in der Rolle des christlichen Messias blamiert, wird dann durch Stromschlag außer Gefecht gesetzt und will, wieder erweckt, als Botschafter aller Weltreligionen agieren. Eine wiederum ironisch gemeinte Phantasie, eine unerfüllbare Utopie, wie sich schnell herausstellt.
So richtig ernst wird der Abend nie. Der neu erweckte Guru Bormann fordert alle auf, sich an der Händen fassen und ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln und es gibt eine Umfrage im Publikum zu persönlichen Vorlieben, um eine Präferenzen für eine bestimmte Religion zu bestimmen. Religion im Sonderangebot aus dem Katalog? Schnell kommen die jungen Leute auf der Bühne zu der Erkenntnis, dass man sich seine Religion nicht einfach so aussuchen kann, sondern zumeist in einer traditionell anerzogenen Zugehörigkeit zu einer Religionsgruppe feststeckt. Die Eltern werden aus Israel zugeschaltet und deren Vorurteile, ethnischer und religiöser Art, gegen Juden und Moslems stürzt die jungen Schauspieler wieder in die allgegenwärtigen Konflikte. Es ist nicht leicht, sich den Traditionen zu entziehen, will man an der Religion festhalten. Eine peinigliche Befragung mit anschließendem Exorzismus und ein unfreiwilliger Verhedderungstanz beim Versuch sich einer Burka zu entledigen, führen die inneren Kämpfe der Mitwirkenden bildlich vor.
Zur Bebilderung von religiösem Wahn und Extremismus von allen Seiten werden Fotosequenzen und Ausschnitte aus YouTube-Videos vorgeführt und nachgespielt. Die typischen Bilder von Islamisten, dem christlichen Kreuzfahrer Anders Behring Breivik, religiöser Erweckungsquatsch, Homophobie und andere Hasstiraden rauschen an uns vorüber. Das ist als Erklärung dafür allerdings zu dünn. So lange Religionsauffassungen vom extremen Rand her interpretiert werden, wird es auch zukünftig Konflikte geben. Die innere Zerrissenheit der Schauspieler und ihre Ängste selbst Opfer der religiösen Wahns zu werden, verdeutlichen das nur zu gut. Ein anschauliches Beispiel wird gleich noch geliefert. Nachdem Niels Bormann kurzzeitig verschwunden war, kommt er mit blutiger Bauchwunde wieder in den Saal. Er ist auf Abwegen im Theater in die Hamletvorstellung nebenan geraten und versehentlich als Polonius vom dänischen Extremisten Hamlet erstochen worden. Der Messias ist also tot und die Jünger zerstreuen sich. Vielleicht hätte sich Yael Ronen mal lieber mehr um die Ursachen der Kriege, die im Zeichen des Gottes Mammon geführt werden, kümmert sollen, anstatt die allgemeine Ratlosigkeit zu bebildern. Das hätte dem Abend vielleicht eine nachhaltigere Denkrichtung geben können. Aber so, bei aller schönen Ironie, weiterhin große Sprach- und Geistesverwirrung.

weiter zu Teil 2

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Pimp my Car oder mit Sloterdijk auf dem Rücksitz – Das Jubiläums-F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne

Samstag, März 19th, 2011

Das Festival Internationale Neue Dramatik ist im 10ten Jahr und Schaubühnen-Hausherr Thomas Ostermeier bot innerhalb von 10 Tagen alles auf, was zur Zeit international Rang und Namen hat. Neben Festivalgrößen der letzten Jahre wie Wajdi Mouawad mit seinem neusten Stück „Zeit“, Alvis Hermanis mit „Schukschins Erzählungen“ und Rodrigo Garcia mit einem Solostück für Lars Eidinger, sind Raritäten wie der israelische Autor Hanoch Levin in der Regie von Yael Ronen und Neuheiten von Autoren wie Paul Brodowsky und Marie NDiaye oder jungen Regisseuren wie Johannes von Matuschka und Kirill Serebrennikov am Start. Das alles findet diesmal fast ausnahmslos mit bereits fertigen Inszenierungen statt, szenische Lesungen wie in den letzten Jahren sind leider Mangelware. Dafür gibt es Workshops für junge Regisseure  und Stückeschreiber, deren Ergebnisse rund um das offizielle Programm zu sehen sind. Zwei der neuen Stücke sind Hausproduktionen und gehen dann auch in den Spielplan der Schaubühne über.

Im Stück des argentinischen Autors Rodrigo Garcia „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“ hebt ein Vater all sein Geld (2.000,- €) von der Bank ab und bricht mit seinen zwei Söhnen, die eigentlich lieber ins Disneyland Paris wollen, zu einem Trip nach Madrid auf, um nachts in den Prado einzusteigen und sich die Gemälde von Goya anzusehen. Aber nicht einfach nur so, sie machen einen ganzen großen Kult daraus im Glitzer-Taxi, das auf der Bühne steht, mit Rotwein, Seranoschinken und Philosophie bis zum Abwinken. Denn es fährt noch der Großphilosoph Peter Sloterdijk auf dem Rücksitz mit, den man mit lukullischen und monetären Versprechungen nach Madrid gelockt hat. Ganz große Kunst also, nicht einfach nur Fußballstadion und Bier saufen, nein der kleine Mann geht stilvoll zu Grunde.
Eine Paraderolle für Lars Eidinger, im Bärenfellkostüm monologisiert er sich durch den schrägen Text von Garcia. Zu Anfang fallen ihm kiloweise Bücher aus dem Pelz, befreit von all der kulturellen Last, philosophiert er frei über den (Un)Sinn des Lebens und verfehlte Kindererziehung. Der Nachwuchs ist nicht besonders begeisterungsfähig und hält nicht viel von dem Plan in Madrid nur Bilder von Goya anzusehen, aber Papa hat für genügend Unterhaltung inklusive Drogen und geplantem Puff-Besuch gesorgt. Der vom Flieger abgeholte Sloterdijk steckt auf der Bühne in einem Sack und verheddert sich auf Band in seinen eigenen Kunst-Phrasen.
Eidinger geht in die Vollen, legt Technosound auf, der direkt in die Magengrube wummert, balanciert auf Büchertürmen und pflanzt die Bücher zum Schluss wie kleine Gräber auf den Kunstrasen, die er liebevoll gießt. Ein Abgesang auf „Sinn und Verstand“ unserer Gesellschaft, der Sturz ins 100%ige Chaos ohne irgendeine Absicherung. Rodrigo Garcia hat eine schöne kleine Satire über verlorene Werte und die Sehnsucht nach einem echtem Leben in einer medial zugemüllten Welt mit jeder Menge selbsternannter Heilsbringer und Propheten geschrieben.

Ein Bärenkostüm gibt es auch in der zweiten Schaubühnenproduktion „Regen in Neukölln“ des jungen Autors Paul Brodowsky in einer Inszenierung von Friederike Heller. Der Autor schickt 6 mehr oder minder verstörte Figuren und einen Stadtfuchs durch die Berliner Sommernacht, immer wieder zusammenprallend, den Staub der Pflastersteine schmeckend und sich schließlich im alles reinigenden Regen wieder findend.
Entfernt erinnert das an Schimmelpfennigs „Auf der Greifswalder Straße“. Hier nun das Gegenstück, das alten West-Berlin, in dem sich der schwerst berlinernde Taxifahrer Karl-Heinz (Ernst Stötzner) und ein Scherenschleifer (Sebastian Nakajew), dem ein Fuchs einst in den Trümmern Berlins den Finger abgebissen hat und der nun im besagten Eisbärenkostüm auf der ständigen Suche nach einem Stadtfuchs ist, schon lange nicht mehr zurecht finden. Dieser ganz kultivierte Fuchs (Niels Bormann) sitzt auf den als langen Laufsteg die Bühne ausfüllenden Berliner Gehwegplatten und lässt sich im Anzug die Reste der anderen mit Messer und Gabel schmecken.
Hanife (Eva Meckbach) ist ein selbstbewusste junge Araberin, die mit dem als Model verdienten Geld ihren Vater Ibrahim (Urs Jucker) aushalten muss, der natürlich als Mann darunter leidet und alle Leute mit zweifelhaften Geschichten um Geld anpumpt und ständig nach Hause telefonieren will. Franz Hartwig und Luise Wolfram sind ein junges Pärchen, das sich in der Disco kennen lernt und nicht richtig zueinander finden will. Marten, der Computer-Freak, verfällt dabei ständig in ein Art jandelndes Buchstabenwechsel-Kauderwelsch und das Disco-Girl Ella ist schon wieder auf dem nächsten Trip und landet schließlich vor Kallis Taxi und auf dem harten Bordstein. Überhaupt scheint Sprache hier das Problem und Kommunikation eher die Missverständnisse noch weiter zu befördern. Der Stoff (oder Stiff) ist leider oft etwas dünn, aber nicht uninteressant. Friederike Heller nimmt es locker und versucht Figuren und Stück in eine leicht übertriebene Komik zu retten.

Komik ist auch das Hauptelement im Stück „Morris Schimmel“ des leider früh verstorbenen israelischen Autors Hanoch Levin in der Regie von Yael Ronen, bekannt durch ihre Inszenierung „Die Dritte Generation“. Hier ist es die zweite, die sich noch nicht von den Eltern, den Überlebenden des Holocaust emanzipiert hat.
Der 40jährige Morris lebt noch bei seiner Mutter Tollebraine, die ihn liebevoll bevormundet und damit noch seine Antriebslosigkeit befördert. Mit seinen Kumpeln lebt er in den Tag hinein und hat große Pläne von einer Heirat mit seiner Nachbarin Choledonka oder einer Reise nach Schweden. Als sein Vater Gumperts stirbt bricht für die Mutter ein Welt zusammen und es wird noch einmal einige Zeit vergehen, bis Morris nach dem Tod der Mutter endlich Israel verlässt und nach Schweden aufbricht. Nach seiner Rückkehr ist alles wie zuvor, nur das alle älter sind und die junge Joggerin, der er immer nachgelaufen ist, deutlich mehr Pfunde auf den Hüften hat.
Ein absurder Reigen über verpasste Lebenschancen und das konsequente Ablehnen jeglicher Lösungsansätze. Der Weisheit letzter Schluss fällt aus dem Mund des sterbenden Vaters und heißt „Buchweizengrütze“. Der verkappte Heilsbringer namens Heine-Mareine Bitterfeld, der die Antwort auf alle Fragen bringen soll, gibt aber auch nichts weiter als seinen Namen preis. Das Stück ist mit jeder Menge herrlichem jüdischen Sprachwitz gespickt und hat auch wirklich tolle Schauspieler, leider nickt man trotzdem auf Dauer etwas weg.

Ein echtes Kontrastprogramm dann zur späten Stunde im „Sport“-Studio der Schaubühne. „Penthesilea, Außer Atem“ heißt das Stück, das der Regisseure Johannes von Matuschka mit Schülern des ersten Abschlussjahrgangs der Schauspielschule des Théâtre national de Bordeaux en Aquitaine einstudiert hat. Bei Kleist Penthesilea rennt man ja wohl traditionell an der Schaubühne im Kreis, hier hatte dieser Kreis als Kampfarena aber auch einen handfesten Sinn, nicht nur als Symbolik für das ewig andauernde sinnlose Anrennen gegen die eigene Natur und festgefahrene Rituale. Ein wenig erinnert das an „Penthesilea und Achill“ vom Gefängnistheater Aufbruch, da die Rollen der Hauptprotagonisten auch mal von allen übernommen werden, aber es wurde nicht der klassische Chor propagiert, sondern schon der Kampf des einzelnen Individuums in der Gruppe gezeigt. Klasse Aufführung, man war schlagartig wieder hell wach.
Das bekannte Thema der Amazonenkönigin Penthesilea und ihrer bedingungslosen Lieben zum Griechischen Kämpfer Achill wird hier zum auch innerhalb der Geschlechter herrschenden Kampf um Macht in einer klar hierarchischen Struktur mit Eifersucht und Unterwerfungszwang dargestellt. Ein klares Besitzstands- und Gruppendenken bis zur Selbstauslöschung. Eine wirkliche Befreiung von den Konventionen findet nach nicht statt, es gibt keine Sieger nur Unterlegene. Das Spiel der Darsteller/innen zeigt doch auch sehr viel Zweifel an den eingeübten Rollenbildern. In den männlichen Rollen, zeigt sich die ganze Bandbreite männlichen Verhaltens. Einerseits der Macho und Frauenverächter, dann der Anführertyp und Machtmensch und andererseits der nachdenkliche Vermittler, der genüssliche Beobachter, der Mitläufer und schließlich der schüchterne Stotterer, der von beiden Seiten hochgezogen wird und dann in seinem verletzten Stolz unbeholfen überreagiert. In Gebärszenen mit Äpfeln wird der Wahnsinn der Auslese der Amazonen dargestellt. Die guten (weiblich) ins Töpfchen die schlechten am Stiel (männlich), werden zu Fallobst. Selbstbewusst wirken die Amazonen, aber auch sie verkörpern deshalb noch keine wirkliche Einheit.
Bei all der Athletik bleiben die Protagonisten erstaunlich nahe am Kleistschen Text. Die Inszenierung findet immer wieder sehr treffende Bilder, schon am Anfang wenn alle nebeneinander stehen und durch die aufgesetzten Gasmasken versuchen Zärtlichkeiten auszutauschen. Erst wenn die Masken fallen, können die wahren Gefühle heraus, andererseits ist es aber oft auch besser die Maske auf zu behalten. Lieben und Verletzen liegen eben dicht beieinander, original Kleist: „Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen.“

Am letzten Wochenende wurden dann kleine Minidramen vor den Türen der Schaubühne in extra dafür aufgemotzten Autos und Crashcars gezeigt. „Confessions“ heißt das Projekt, in dem sieben junge Autoren unter der Regie von Jan-Christoph Gockel mit Schuldgeständnissen und Glaubensbekenntnissen experimentierten.
Das Studio ist am Abend fest in russischer Hand. In „Otmorozki“ (die Abgebrühten) von den Autoren Zakhar Prilepin und Kirill Serebrennikov begehren junge Russen gegen das System der korrupten Regierung mit ihrem Machtapparat auf. Geboren in den 80igern und aufgewachsen in den 90er Jahren voll Kriminalität und Gewalt, suchen sie ihren Platz in der neuen Gesellschaft. Der Protagonist Grischa ist zwischen der Möglichkeit mitzumachen oder für Gerechtigkeit zu kämpfen hin und hergerissen. Erfahrungen wie Freundschaft und erste Liebe einerseits sowie Verrat, Tod, die Unterdrückung und Repression der Polizei anderseits lassen ihn schließlich auf die Barrikaden gehen.
Ein sehr kraftvolle Inszenierung von Kirill Serebrennikov mit Schülern des Moskauer Künstlertheaters Mchat. Auf der Bühne werden Absperrgitter hin- und hergeschoben und die jungen Wilden skandieren vor den knüppelnden Omon-Leuten immer wieder „Revolutzia“. Als Grischa mit seinen Freunden schließlich zur Waffe greift und eine Polizeistation einnimmt eskaliert die Gewalt. Leider wird nicht ganz klar, was die Jungendlichen eigentlich außer Gerechtigkeit noch wollen. Es bleibt etwas im Dunkeln, genau wie die schlecht positionierten Übertitel im Gegenlicht der grellen Neonröhren an der Decke, die die Situation überstrahlen.
Da dürfte es im Haupthaus beim lettischen Regisseur Alvis Hermanis und „Schukschins Erzählungen“ etwas ruhiger zugegangen sein. Die Inszenierung, die schon 2009 bei den Wiener Festwochen gastierte, beschreibt in acht kurzen Szenen das russische Landleben in einem sowjetischen Kolchos. Vor naturalistischer Fototapete geben die Schauspieler des Moskauer Theaters der Nationen Liebe, Eifersucht, Klatsch und anderes Kurioses nicht ohne russische Klischees mit Tanz und Musik zum Besten. Das ist witzig gemacht und hat mit der bekannten Filmschauspielerin Chulpan Hamatowa auch ein charmantes Zugpferd.
Und auf ein weiteres Ereignis im Spielplan der nächsten Schaubühnensaison kann man sich schon freuen. Yael Ronen studiert gerade ein neues Projekt mit den Protagonisten der „Dritten Generation“ ein. Erste Ergebnisse des Stücks „The Day Before the Last Day” gab es auf dem F.I.N.D. schon mal vorab zu sehen. Es geht diesmal um die Zukunft, natürlich auch wieder um religiösen Fanatismus und die apokalyptischen Visionen aller großen Weltreligionen. Na wenn das nichts brennend Aktuelles ist?!