Archive for the ‘Zentrum für politische Schönheit’ Category

Falk Richter und Sascha Marianna Salzmann erzählen im Maxim Groki Theater von queerer Identität

Samstag, Juni 25th, 2016

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Città del Vaticano – Der neue Theaterabend von Falk Richter und Nir de Volff als Gastspiel der Wiener Festwochen

Vor dem Maxim Gorki Theater hat das Zentrum für politische Schönheit einen großen Tigerkäfig aufgebaut. Mit ihrer Aktion Flüchtlinge fressen – Not und Spiele protestiert die Künstlergruppe um Philipp Ruch gegen den Paragrafen 63, Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Nach fruchtlosem Ablauf eines Ultimatums an das Auswertige Amt sollen aus Syrien nach Deutschland eingeflogene Flüchtlinge drei lybischen Tigern aus dem Zirkus zum Fraß vorgeworfen werden. Man kann für ihren Flug spenden und sie in den Käfig rein wählen. Eine zynische Abwandlung antiker römischer Volksbelustigung sowie die Umkehrung einer ehemaligen Aktion von Christoph Schlingensief, der im Jahr 2000 bei den Wiener Festwochen Asylbewerber aus einem Container neben der Wiener Staatoper zur Abschiebung rauswählen ließ.

 

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

 

Während draußen also drei eingesperrte, müde Tiger gähnen und auf Futter warten, gastiert im Saal der Dramatiker und Regisseur Falk Richter mit seiner neuen Text- und Tanz-Performance Città del Vaticano, die der Autor gemeinsam mit dem Choreografen Nir de Volff sowie bei der Biennale in Venedig gecasteten Performern und dem Ensemble des Schauspielhauses Wien entwickelt hat. Es ist ein Gastspiel der Wiener Festwochen 2016, und so schließt sich ein historischer Kreis. Schlingensiefs Aktion entstand nach der Bildung eines Regierungsbündnisses der ÖVP mit der rechtspopulistischen FPÖ. Richters Premiere in Wien fand einen Abend vor dem denkwürdigen zweiten Wahlgang der durch die Flüchtlingskrise angeheizten österreichischen Präsidentschaftswahlen statt. Der ehemalige Grünenvorsitzende Alexander Van der Bellen konnte sich knapp gegen den FPÖ-Mann Norbert Hofer durchsetzen. Ein Sieg in letzter Minute für die Vertreter einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Genau wie bei Schlingensief wird die Flüchtlings-Aktion des Zentrums für politische Schönheit von Gesprächen mit Künstlern und Politikern flankiert. An diesem Abend ist die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt, ehemalige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu Gast. Sie ist wie Falk Richter selbst schon zur Zielscheibe rechtpopulistischer und unverholen faschistischer Anfeindungen geworden. „Linksgrün-versifft“ ist eines der Lieblingsattribute in den einschlägigen Hasskommentaren. Und wie schon in seinem Pegida-Abend Fear an der Berliner Schaubühne bedient sich Richter auch in Città del Vaticano wieder reichlich aus dem Vokabular der Rechten.

 

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del Vaticano – Foto © Matthias Heschl

 

Zunächst aber bekommt der im Stück-Titel erwähnte katholische Kirchenstaat sein Fett weg. Das Zentrum der christlichen Werte ist ein durch Finanzkrisen der Vatikanbank, Korruption und Kindesmissbrauch geschütteltes „Bad Empire“. Hier regieren alte Männer mit Vorliebe für Schmuck und Frauenkleider, wurde nie ein Kind geboren, und die Vatikan-Wächter der Schweizer Garde werden ironisch mit Toy Boys verglichen. Das Abkanzeln der christlichen Moralapostel erfolgt bei einem Frontalmeeting, bei der die sieben Performer auf Stühlen an der Rampe, munter zwischen Deutsch und Englisch wechselnd, ihre Ansichten zum Vatikan-Staat vortragen. Das sitzt zunächst, gibt aber nicht die weitere Richtung des Abends vor. Es geht mehr um den Einfluss und die Gültigkeit der moralischen Werte, die durch den Papst und die katholische Kirche vorgegeben werden. „Who cares?“ Die Ansichten des Vatikans haben nichts mit unserem Leben zu tun, ist die überwiegende Meinung der fünf offen schwulen Performer und beiden jungen Frauen im Team.

Damit könnte der Abend auch schon zu Ende sein. Falk Richter legt seinen Performern aber nicht nur seinen Text in den Mund, es sind auch die persönlichen Erfahrungen jedes Einzelnen, die in diesem als „Work in Progress“ bezeichneten Projekt zum Ausdruck kommen. Hier überzeugen vor allem die Schilderungen des Wiener Schauspielers Steffen Link, der von seiner Kindheit in einer freikirchlichen Gemeinschaft erzählt. Ein Anhalten zu einem ewigen Arbeiten an sich selbst, das durch Schuldgefühle, verklemmte Sexualität und Scham vor dem eigenen Körper geprägt war. Man wird das nicht los, gesteht Link. Dazu flimmern passende Videobilder von Predigten vor Kindern über die Rückwand der sonst bis auf die Stühle leergeräumten Bühne. Ein Videobild ist aber besonders eindrücklich. Francis Bacons Studie nach Velázquez‘ Portrait Papst Innozenz` X. Der Mund des Papstes ist zum stummen Schrei geöffnet. Ein Symbol für das lange Schweigen der Kirche.

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del VaticanoFoto © Matthias Heschl

 

Es geht aber auch weg vom Katholizismus-Bashing hin zu einer gesamteuropäischen Bestandsaufnahme. Wieder auf Stühlen werden Bekenntnisse eines allegorischen Europas aufgesagt, das von linker Utopie, Krieg, Auschwitz, Eroberungen und Kolonisation bis zur Hochkultur des Theaters alles in sich birgt. Vassilissa Reznikoff steigert sich in die Verzweiflung eines europäischen Bürgers, der die Unübersichtlichkeit der globalen Welt nicht mehr versteht und über den Kontrollverlust über das eigene Leben klagt. „Ich will mich nur noch mit Dingen beschäftigen, die ich wirklich verstehe. Und ich will keine Verantwortung übernehmen müssen für Dinge, die ich nicht verstehe.“ Eine klare Absage an die Verantwortung Europas für das Leid der anderen, was nicht zuletzt auch das „Zentrum für politische Schönheit“ in seinen Aktionen anprangert.

Neben den Hieben auf dumpf-dumme Pegida-Anhänger, die hier bevorzugt wieder im ländlichen Osten verortet werden, die „Karrierefrauen“ der AfD und das rechtskonservative Bündnis „Demo für Alle“ wird natürlich auch noch ein wenig getanzt, was sich in schön umschlungen Gruppen- und Einzelszenen zeigt. Eine eindrucksvolle Bewegungsperformance zum Thema Sexualität und Entdeckung des eigenen Körpers. Dazu werden von Tatjana Pessoa immer wieder passende Fragen an alle zu Liebe, Partnerschaft, oder Familie gestellt. Höhepunkt ist sicher der Traum von einer Boy-Group, die für den Vatikan den Eurovision Songcontest gewinnt, was auch göttlich performt wird.

Ein Abend für frei gewählte und gelebte Sexualität, die das internationale und durchweg großartig agierende Ensemble nicht nur zu Lebensbeichten, sondern auch zu einigen glühenden Bekenntnissen treibt, unter anderem zu einer Botschaft an ein ungeborenes Kind, das sich Gabriel da Costa zusammen mit seiner ehemaligen Partnerin und seinem jetzigen Partner wünscht. Ein Wunsch auch nach einem selbstbestimmten Leben in einem Europa ohne Grenzen. Das lässt den doch etwas plakativ einfachen Erzählabend, der sich aber gut in die offene Ästhetik der letzten Arbeiten von Falk Richter oder Yael Ronen am Gorki Theaters einfügt, ganz versöhnlich ausklingen.

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Città del Vaticano (Maxim Gorki Theater, 17.06.2016)
von Falk Richter und Nir de Volff
Regie: Falk Richter
Choreografie: Nir de Volff
Ausstattung: Falk Richter, Nir de Volff
Dramaturgie: Tobias Schuster
Mit: Telmo Branco, Gabriel da Costa, Johannes Frick, Steffen Link, Tatjana Pessoa, Vassilissa Reznikoff, Christian Wagner
Uraufführung bei den Wiener Festwochen im Schauspielhaus Wien am 20.05.2016
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.schauspielhaus.at/
http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 19.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Queere Berliner auf Identitätssuche – METEORITEN von Marianna Salzmann, inszeniert von Hakan Savaş Mican

Meteroiten am MGT_Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Kompliziert hatte es Marianna Salzmann schon in ihrem letzten Stück Wir Zöpfe schwierige Identitätsprobleme in einer russisch-jüdischen Familie in Berlin, die sich an Weihnachten noch weiter internationalisierten. Ganz ähnlich geht es in ihrem neuen Stück Meteoriten, das diesmal im Berliner Sommer angesiedelt ist, was die Story nicht unbedingt entspannt. Wir treffen zunächst auf zwei Paare: Udi (Thomas Wodianka) aus Israel, der den Syrer Roy (Mehmet Ateşçi) liebt, der wiederum betont nicht wegen des Krieges, sondern wegen der Liebe in Berlin zu sein. Sie sind befreundet mit der schwarzen Türkin Üzüm (Thelma Buabeng), die eine lesbische Beziehung zur transsexuellen Cato (Mareike Beykirch) hat. Das ist für eine deutsche Otto-Normal-Hete für den Anfang schon recht viel.

Marianna Salzmann, die sich als Ausdruck ihrer männlichen Seite den Vornamen ihres Großvaters Sasha dazugewählt hat, schickt vier queere Berliner mit verschiedensten Migrationshintergründen los, als Pioniere die Welt zu retten, indem sie beschließen als zukünftige Großfamilie Kinder in selbige zu setzen. Soweit der Plan und die Abmachung. Vor der schon nicht ganz einfachen Weltenrettung setzt aber nun die Autorin zwecks Drama erst noch eine viel kompliziertere Ich-Werdung, die sich bei den einzelnen Figuren ganz unterschiedlich vollzieht. Titelgebende Meteoriten sind sie alle irgendwie, und sei es nur als schöner, verglühender Stern kurz vor dem Aufschlag in der Realität. Einige katastrophale Verheerungen in der Gefühlswelt der anderen richtet zumindest der Einschlag von Serösha (Dimitrij Schaad) in die Phalanx der zwei scheinbar glücklichen Paare an.

Zumindest möchte Serösha so cool sein wie jemand, der beim Einschlag des Meteors von Tscheljabinsk nur kurz die Scheibenwischer anstellt und weiterfährt. Wegen des Wehrdienstes aus Russland nach Berlin geflohen, hat er Angst zur Beerdigung seines Vaters, eines hohen russischen Militärs, zu fahren und bittet Cato ihn zu begleiten, allerdings nicht als Freund, sondern als seine Frau, so wie Serösha Cato auch gerne sähe. Das stürzt den gerade voll mit seiner „Transition“ Beschäftigten in eine zusätzliche Identitätskrise. Und auch Serösha hat arge Probleme. Er kann sich nämlich seine latente Homosexualität nicht eingestehen, was sich ziemlich aggressiv auch in Schüben von Homophobie äußert. In eine Schwulenbar läuft er Roy und Udi über den Weg, die sich ihren Traum vom eigenen Heim mit dem Abziehen von Touristen erfüllen wollen. In einer schönen Schattenchoreografie zu Musik und Videoeinspielung wird Serösha von beiden im Darkroom verführt.

Wenn es verworren und kompliziert sein soll, hat es sich in letzter Zeit als sehr effizient gezeigt, ein vertikales Schachtelbühnenbild zu bauen. Im Gorki Theater schraubt Magda Willi ein Gerüst aus Metallleitern mit betonfarbenen Ebenen zwischen zwei Wände, auf dem es sich herrlich herumklettern lässt. Das Ensemble ist hier die ganze Zeit auf der Bühne, macht live Musik und filmt sich beim Spielen. Auf die Rückwände der Wohnzellen projiziert Videofilmer Guillaume Cailleau zusätzlich die reale Welt mit Syrien-Krieg, Maidan und Krim-Annexion, die die Fünf gerne ausblenden, aber immer wieder von ihr eingeholt werden. Als aktueller deutscher Hintergrund dient die Fußballweltmeisterschaft 2014. Was zumindest für Üzüm von Bedeutung ist, die sich voll integriert mit Deutschland-Makeup von ihrer kriselnden Beziehung zu Cato ablenken will.

Die anderen stoßen die nationalen Gesänge eher ab, oder sie klopfen wie Roy und Udi ironische Sprüche zum Holocaust-Denkmal und ihrer für deutsche Verhältnisse unklaren Identität. Roy macht Dienst beim schwulen Überfalltelefon und berichtet von homophober Gewalt, vor deren Auswüchsen in Russland auch Serösha Angst hat. Viel mehr Politisches ist nicht im Stück, es dreht sich mehr oder weniger um die Beziehungsprobleme der Figuren, die sich immer mehr auseinanderleben, je mehr Autonomie sie vom anderen für sich einfordern. Das betrifft vor allem Roy, dem seine Freiheit lieber ist als der Plan vom Eigenheim mit Kind und Udi. Was den armen Kerl in eine herrlich schräge Liebeskummerszene stürzt. Während er sich anhänglich bei Serösha ausheult, liefern sich Üzüm und Cato ein paar Eifersuchtsszenen. Man wirft sich gegenseitig den Verrat an der gemeinsamen Idee vor.

Als zusätzliche gedankliche Metaebene zu den Geschlechter-Irrungen und Beziehungs-Wirrungen zieht Sasha Marianna Salzmann monologisch vorgetragene Episoden ein, die von den Metamorphosen des Ovid angeregt sind. Das geht von der entführten, nun rachsüchtigen Europa über den Seher Teiresias, der in beiden Geschlechtern lebte, bis zur Vereinigung der Nymphe Salmakis mit dem Hermaphroditos, von der am Ende Cato berichtet. Da ist er/sie wahrscheinlich schon tot, durch einen homophoben Übergriff ums Leben gekommen, und beschwört noch einmal die Vollkommenheit und die Liebe als schmerzhafte Suche nach dem einst verlorenen zweiten Geschlecht.

Regisseur Hakan Savaş Mican inszeniert das mit gewohnt leichter Hand. Man schaut den SchauspielerInnen gerne zu, auch wenn mit der Zeit der allgemein boulevardeske Stil am Gorki fast jedes Stück irgendwie gleich aussehen lässt. Man läuft hier Gefahr das bereits als Gorki-Boulevard Betitelte zur neuen Norm zu erklären. Berühren tut das hier schon, auch wenn nicht jeder Charakter gleichermaßen überzeugt. Man möchte den manchmal verbissen mit sich ringenden ProtagonistInnen gerne zurufen: Seid doch einfach alle, wie ihr seid – ganz normal!

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METEORITEN (Maxim Gorki Theater, 15.04.2016)
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Michelle Gurevich
Video: Guillaume Cailleau
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Jens Hillje
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Thelma Buabeng, Dimitrij Schaad und Thomas Wodianka
Uraufführung war am 15. April 2016

Weitere Termine: 24.06. / 20.09. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 17.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs – Milo Rau inszeniert an der Schaubühne am Lehniner Platz einen ziemlich ungemütlichen Theaterabend

Donnerstag, Februar 4th, 2016

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Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Daniel Seiffert

Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto (C) Daniel Seiffert

In seinem Fünf-Punkte-Aufruf gegen den „zynischen Humanismus oder wie man anfängt, die Welt zu retten“ in der Züricher Sonntagszeitung hatte Milo Rau schon vorab den Rahmen seiner neuen Inszenierung an der Berliner Schaubühne abgesteckt. Der Vorwurf des bekannten Schweizer Recherche-Theatermachers (u.a. Hate Radio, Breiviks Erklärung, The Civil Wars oder Das Kongo-Tribunal) richtet sich vor allem gegen die Ignoranz der westlichen Welt, die es sich beim Unterschreiben von Online-Petitionen in einer Art „Wohlfühl-Ethik“ bequem macht. Und so lautet dann auch das für uns wohl eher etwas unerfreuliche Motto des Theaterstücks Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs: „Alle sind Arschlöcher“.

Hinzufügen sollte man noch, dass es Rau auch um den aufklärerischen Aspekt von Theater geht. Im Programmheft äußert sich der Regisseur zur westlichen Selbstgerechtigkeit wie folgt: „2015 war ein heilsames Jahr: Es war das Jahr, in dem sich auf Grund der sogenannten Flüchtlingskrise die Nebelwand auflöste, die uns bis dahin vor dem Anblick der Folgen unserer Wirtschaftspolitik im Nahen Osten und in Zentralafrika geschützt hatte.“ Eine Auffassung, die auch in den Aktionen des Zentrums für politischen Schönheit um Philipp Ruch vertreten wird, damit niemand mehr behaupten könne, er hätte von den Folgen der Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik des Westens nichts gewusst.

Allerdings richtet sich Raus Stück nun vor allem gegen den aufkommenden „Charity-Diskurs“, der die vorgenannte Nebelwand wieder aufgezogen habe. „Wer sieht uns, wenn wir leiden?“ ist dann auch die zentrale Fragestellung des Abends, der in drei Teile gegliedert ist. Zentral steht der von Ursina Lardi an einem Rednerpult auf zugemüllter Bühne vorgetragene Bericht einer ehemaligen Entwicklungshelferin, die noch einmal zu Recherchezwecken für ein Theaterstück in den Kongo gereist ist und mit etwas Nostalgie in der Stimme auf ihre Zeit als Mitglied einer NGO-Organisation namens „Teachers in Trouble“ zurückblickt. Das ist natürlich ein aus Berichten mehrerer NGO-Mitarbeiter zusammengeschnittener Vortrag, der auch ganz bewusst etwas Künstliches, Belehrendes an sich hat. „Rette die Welt. Du dies, tu jenes nicht.“ So kokettiert Lardi mit ihrer eigenen Erfahrungen als Schauspielerin und den erlernten Mitteln der Darstellung. Übungen, abgestuft von leicht bis schwer, mit denen man die Botschaft zum Publikum rüberbringt. Mitleid zu erregen fällt nicht schwer, vor allem unterstützt durch das richtige Bildmaterial wie etwa das Foto des vor der Küste der Türkei ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan, das Lardi in die Kamera hält.

 

Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Daniel Seiffert

Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (C) Daniel Seiffert

 

Der leicht ironischen Kritik am vorherrschenden Theater, dass das Elend der Welt noch einmal für die eigenen Zwecke instrumentalisiert, folgt die Beschreibung des Werdegangs einer angehenden Entwicklungshelferin, dem Drang folgend, im Leben etwas Sinnvolles zu tun, das sich dann auch noch gut im Lebenslauf und auf Partys macht. Lardis Erzählungen aus dem Leben in einem Flüchtlingslager im kongolesischen Goma an der Grenze zu Ruanda sind teilweise an Zynismus nicht zu überbieten. Um die Schreie der von den Hutus umgebrachten Tutsi nicht hören zu müssen, dreht sie Beethovens 7. Sinfonie immer lauter. Als sie später die aus Ruanda geflohenen Täter in einem Workshop betreuen muss, entlädt sich ihr ganzer Ekel über deren Verhalten. Aber auch nach dem Einmarsch der Tutsi-Befreiungsarmee in Goma nimmt das Töten kein Ende, das nun auch die einheimischen Mitarbeiter betrifft. In einer Art metaphorischem Albtraum beschreibt Lardi die Demütigung einer Frau und pinkelt dabei auf die Bühne. Theatralisch umschreibt sie das zwiespältige Wesen der NGOs mit Ödipus, der schon vorher weiß, dass er an der Pest in Theben Schuld ist und dennoch weiter sucht.

Umrahmt wird dieser recht zynische Bericht mit der Lebensgeschichte der in Burundi geborenen Schauspielerin Consolate Sipérius. Sehr frisch und im Gegensatz zu Lardis gespieltem Duktus zwischen Belehrung und zeitweiliger Empörung vermag diese Erzählung wirklich zu berühren. Mit viel Ironie und einiger Verwunderung über ihr neues Leben im Westen Europas, in das Sie nach der Adoption durch eine belgische Pflegefamilie kam, legt sie den Finger noch einmal in die richtige Wunde. Consolate Sipérius hat als Kind den Genozid 1993 in Burundi überlebt. Sie ist eine Zeugin, wie sie selbst betont. Jedoch inszeniert sie sich bewusst nicht, und wird auch von Rau nicht als Opfer inszeniert, sondern als selbst denkendes, empfindendes und handelndes Wesen.

Das verdeutlicht sich auch im Vergleich zweier Kinofilme, die sich um Gewalt und Rache drehen. Ursina Lardi erzählt die Geschichte von Grace aus Lars von Triers Parabel Dogville, bei der die quälenden Dorfbewohner am Ende mit Maschinengewehren erschossen werden. Consolate Sipérius schildert die Szene aus Quentin Tarantinos Inglouries Bastards, in der von französischen Widerstandskämpfern in ein Kino eingesperrte Nazis durch die Jüdin Shosanna, deren Familie sie umgebracht hatten, von der Leinwand herunter von ihrem nahen Tod erfahren. Am Ende kommt es darauf an, wer die Maschinengewehre hat, ist das Fazit von Lardi mit der Kalaschnikow in der Hand, während Sipérius sich für eine Soundcollage mit lachenden Kindern aus Burundi entscheidet. Ein Schuss Hoffnung am Ende eines nicht nur wegen des Mülls auf der Bühne recht ungemütlichen Theaterabends, der, mal ganz abgesehen von einer Katharsis, sicher noch länger nachwirken wird.

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Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs (Schaubühne, 29.01.2016)
von Milo Rau
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Video und Sound: Marc Stephan
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Mitarbeit Recherche/Dramaturgie: Mirjam Knapp, Stefan Bläske
Licht: Erich Schneider
Mit: Ursina Lardi und Consolate Sipérius
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere war am 16.01.2016 an der Schaubühne am Lehniner Platz

Termine: 10., 11., und 14.02. / 31.03.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 31.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Das 52. Berliner Theatertreffen 2015 eröffnet mit der Inszenierung des Jelinek-Stücks „Die Schutzbefohlenen“ vom Thalia Theater Hamburg

Samstag, Mai 2nd, 2015

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Ohne die üblichen großkopferten Vorreden begann gestern Abend im Haus der Berliner Festpiele die 52. Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters. Man war sozusagen sofort mitten drin im Geschehen. Die Realität hat das Theater eingeholt, Wirklichkeit und Kunst reichen sich die Hand auf der Bühne. Geschützte Künstler um den Regisseur Nicolas Stemann und schutzsuchende Flüchtlinge aus Wien, Hamburg und Berlin gestalten im Schutzraum Theater gemeinsam einen Abend voller aufregender gesellschaftspolitscher Fragen, die auch im Anschluss noch für reichlich Gesprächsstoff sorgten.

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Fotos: St. B.

Die Kritik zur Inszenierung DIE SCHUTZBEFOHLENEN steht hier online:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/tt2015_dieschutzbefohlenen_thaliatheaterhamburg.php

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Festung Europa und Schutzraum Theater – Politik und Ästhetik in den eingeladenen Inszenierungen beim 52. Theatertreffen in Berlin (Teil 1)

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Foto: St. B.

Bereits im Oktober letzten Jahres ging ein schier unglaubliches Foto um die Welt. Auf einem riesigen Drahtzaun, der die spanischen Exklave Melilla an der Grenze zu Marokko vom Kontinent Afrika trennt, hingen Flüchtlinge, die unter Einsatz ihres Lebens, diesen Zaun zu überwinden versuchten, während auf der anderen Seite reiche Europäer in aller Seelenruhe Golf spielten. Zurzeit häufen sich in den heimischen TV- und Printmedien wieder die Bilder von gekenterten Flüchtlingsbooten und angeschwemmten Leichen aus dem Mittelmeer. Eine fortgesetzte Schande für die Länder der Europäischen Gemeinschaft und die Verantwortlichen dieses unmenschlichen Grenzregimes.

Neben Realität oder Fiktion, Authentizität und Interaktion gegenüber der reinen Repräsentation sind in der Kunst am Theater auch Politik und Ästhetik von entscheidender Wirkung. Was sich im geschützten Raum des Theaters abspielt, muss immer wieder mit dem tatsächlichen Geschehen in der realen Welt ver- und abgeglichen werden. Theater als offenes oder geschlossenes System – Kunst und Wirklichkeit bedingen sich einander. Vermischen aber kann man sie nur, wenn man sich aus der Fiktion löst und direkt in die Realität einwirkt, auch mit der Aktion vor Ort, die mitunter sogar ein konkretes politisch motiviertes Ziel verfolgt. Ästhetisch gesehen ist das natürlich immer auch eine künstlerische Gratwanderung.

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Mit dem direkt vor Ort gehen tun sich die Stadttheater dann aber doch eher schwer. Die Künstler der Gruppe „Zentrum für Politische Schönheit“, die das dann im letzten Jahr auch gewagt hatten, taten dies noch mit einer sozusagen erst mediales Interesse generierenden Nacht- und Nebelaktion, bei der sie zunächst 14 Kreuze aus der Maueropfer-Gedenkinstallation Weiße Kreuze neben dem Reichstag abmontierten und als sogenannte Solidaritätsaktion zu den Toten des europäischen Grenz-Regimes entführten. Eine Kunstaktion, die das Gedenken der Daheimgebliebenen auch auf die Toten lenken sollte, die das rigide Einwanderungsregime der „Festung Europa“ bisher gefordert hat. Was dem folgte, war ein Aufschrei der Entrüstung und sogar so etwas wie ein echter parlamentarischer Shitstorm. Man kann das auf der Website der Aktionisten nachlesen. Eigentlich beschämend, und so musste das Ganze erst noch mal bittere Aktualität bekommen, als in den letzten Wochen wieder hunderte von ertrunkenen Flüchtlingen aus dem Mittelmeer auf die heimischen Bildschirme schwappten, um eine Reaktion der Erschütterung in den Medien auszulösen.

Parallel zur Mauerkreuze-Aktion machte sich eine Gruppe von Künstlern und Aktivisten unter der Leitung von Zentrums-Chef Philipp Ruch zum Europäischen Grenzzaun auf, den sie mit Bussen quer durch Europa erreichen wollten. Mit Bolzenschneidern und Megafon „bewaffnet“ hatte man sich vorgenommen den EU-Grenzzaun wenigstens in Teilen zu zerstören. Mediale wie politische Aufmerksamkeit war den Aktionisten für Politische Schönheit auf ihrem Weg gewiss. Staatsschutz und Grenzpolizei der verschiedensten Länder folgten dem Tross bis zum Ziel, dem bulgarischen Ort Lessowo. Letztendlich blieb es beim Versuch – scheitern gehört nicht erst seit Christoph Schlingensief zum Credo politischer Aktionskunst. Man kann über diese Aktion streiten, eines kann man ihr aber nicht absprechen, ein Gefühl für politische Zusammenhänge und ein modernes ästhetisches Kunstverständnis, das sich wieder am Menschen orientiert und nicht nur am Gegenstand der Kunst.

Den Zusammenhang von innerdeutscher Mauer und einem neuen Limes an den Grenzen Europas hat 1994 schon Heiner Müller festgestellt. Auch nicht gerade ein Denkfauler. Nun erinnern die Aktionen nicht von ungefähr auch an die von Christoph Schlingensief (etwa „Bitte liebt Österreich“ oder „Baden im Wolfgangsee“), nur dass die Gruppe „Zentrum für politische Schönheit“ hier nicht nur provokativ etwas künstlerisch Fingiertes der bestehenden Realität gegenüberstellt oder den reinen Spaßfaktor bedient, sondern tatsächlich im öffentlichen Raum handelt. Und das mit maximaler öffentlicher Aufmerksamkeit. Natürlich nutzte man hier die Medien samt Bild-Zeitung (vermutlich ist das einer der Gründe warum der sogenannte Vordenker der Ästhetischen Kunstaktion Bazon Brock so vehement dagegen protestierte), und die taten den Aktionisten dann auch den Gefallen, samt entlarvender Politikerkommentare.

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Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg

Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg

Angesichts dessen wäre es geradezu schon kurzsichtig vom Berliner Theatertreffen, der nun wieder anstehenden Leistungsschau der deutschsprachigen Theaterlandschaft, solch Engagements politisch aktiver Kunst nicht zu würdigen. Fast schon retrospektiv bemüht man sich nun dem Thema einigermaßen gerecht zu werden. Und so hat es dann auch ein anderer diskussionswürdiger Versuch, nämlich Nicolas Stemanns Inszenierung des Klageepos Die Schutzbefohlenen von der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek nach Berlin geschafft. Die Produktion des Thalia Theaters Hamburg, die am 1. Mai das 52. Theatertreffen eröffnet, deutet dabei nicht nur an, wo die Grenzen in Europa verlaufen, sondern auch wo der Kunst die Grenzen gesetzt sind. Diese Grenze in den Köpfen und der allgemeinen Wahrnehmung zu verschieben, war letztendlich auch die Absicht der an die Grenze der „Festung Europa“ entführten Berliner Mauerkreuze.

Im Vergleich weniger spektakulär, aber darum nicht minder eindrucksvoll erzählt in Jelineks Stück ein Chor von Flüchtlingen seine Geschichte von Verfolgung, qualvoller Flucht und neuen Repressionen im Land der Verheißung von Freiheit, Gleichheit, Recht und Demokratie. Ein Fundament, auf das wir nicht steigen können, da es auf dem Rücken von Menschen gebaut ist, wie es so ähnlich auch in Jelineks Text heißt. Ihr Text hat Anklänge an antike und mythologische Stoffe wie den Chor Die Schutzflehenden von Aischylos, Ovids Metamorphosen und die Bibel. Aber auch Schriften und Ereignisse mit aktuellem Zeitbezug wie etwa eine Broschüre des österreichischen Staatssekretariats für Integration mit dem schönen Titel „Zusammenleben in Österreich“ oder bös ironische Spitzen auf sogenannte willkommene Einwanderer wie die Opernsängerin Anna Netrebko und die Blitzeinbürgerung der Jelzin-Tochter Tatjana Jumaschewa sind mit eingeflossen.

Die große Frage im Umgang mit dem Text ist: Wer spricht hier für wen, oder wem soll letztendlich wirklich dadurch eine Stimme gegeben werden. Das typische Repräsentations- und Stellvertreterdilemma des Theaters, das hier noch dadurch verstärkt wird, dass man nicht etwa nur eine fiktive Rolle spielt, sondern im Namen einer tatsächlich vorhandenen, aber größtenteils stummen Menschengruppe spricht. Darüber können auch einzelne Aktionen von Flüchtlingen in Wien, Berlin und Hamburg (meist aus einem anderen Schutzraum, wie dem der Kirche, heraus) nicht hinwegtäuschen. Diese Menschen sind uns größtenteils dadurch fremd, dass wir ihre Geschichte/n nicht kennen, und uns auch bisher nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für diese interessiert haben.

Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg

Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg

Neben dem Inhalt des Textes selbst, der mal im typischen Jelinek-Stil kalauernd daher kommt, dann aber auch wieder ganz pathetisch Leid, Verzweiflung und Rechtlosigkeit beklagt, ist es immer auch seine adäquate Darstellung, worüber er sich letztendlich transportiert, um seinen Weg zum Publikum zu finden. Hier ist das Spiel zunächst wie selbstverständlich auf eine Gruppe weißer, männlicher Schauspieler (Sebastian Rudolph, Felix Knopp und Daniel Lommatzsch) aufgeteilt. Zu Ihnen gesellen sich dann noch die schwarzen Schauspieler Ernest Allen Hausmann und Thelma Buabeng sowie die Hamburgerin Barbara Nüsse, die die erste Gruppe nun wieder in Zweifel ziehen.

Stemann lässt alle mit den Worten Jelineks um ihre Präsens und Deutungshoheit auf der Bühne ringen. Sie wissen, dass sie nicht die Flüchtlinge sind. Eigentlich sind sie wie auch wir als Adressaten der Klage ja selbst gemeint. Das gipfelt dann in der Feststellung: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen.“ Ein Dilemma zwischen Betroffenheit über das Gesagte, und dem Paradox der Einfühlung bei gleichzeitiger Repräsentation. Dem begegnen die Darsteller immer wieder mit dem Hinterfragen von Stereotypen, provokantem Vorführen von fragwürdigen Theatermitteln (Black/Whitefacing), einem aus der Rolle heraustreten, oder auch mit Travestie, Slapstick und ironischen Musiknummern.

Die wirklich Betroffenen kommen dann aber auch noch zu Wort. Im Hintergrund formiert sich ein echter Chor aus Schutzsuchenden, die neben Jelineks Text (Wer ist denn diese Jelinek überhaupt?) auch über ihre ganz eigenen Geschichten sprechen. Elfriede Jelinek hat ihr Stück in Anlehnung an in Wien Asyl suchende Menschen geschrieben, die aus Angst vor der Abschiebung die dortige Votivkirche besetzten. Nicolas Stemann spielte in Hamburg mit einer Gruppe von Lampedusa-Flüchtlingen, die in der Sankt Pauli Kirche Zuflucht gesucht hatten. In Berlin sind es Menschen, die vor kurzem noch den Oranienplatz und die Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg besetzt hielten. Ein Umstand, der ein weiteres Dilemma zeigt, die Unfreiheit als Flüchtling in einer freiheitlichen Demokratie. Bei aller Unzulänglichkeit der Darstellung, ein erster Versuch der Flüchtlings-Problematik in theatraler Weise beizukommen. Weitere werden sicher folgen.

Die Inszenierung erntete bisher viel Lob, aber auch ernst zu nehmende Ablehnung. Da tat Stemann sicher gut daran, die Zweifel der Darstellbarkeit gleich mit zu thematisieren. Man kann sich natürlich auch andere Performances wie Schlepperopern oder szenisch aufbereitete Wikipedia-Vorträge über Frontex ansehen (Die haben sicher auch ihre Berechtigung). Und man kann im Voraus oder Nachhinein viel behaupten. Was auch zur Aussage der Macher zur speziell politischen Ausrichtung des aktuellen Theatertreffens passen würde. Nach Festival-Leiterin Yvonne Büdenhölzer widmen sich die eingeladenen Theatermacher in ihren Interpretationen und Kreationen großen gesellschaftspolitischen Problemen wie Krieg, Flucht und den dadurch bedingten Traumata. Doch selbst wenn es denn nicht wirklich so gewollt gewesen wäre, steckt doch einiges an Potential in den eigeladenen Produktionen. Man wird in den nächsten zwei Wochen sehen, ob und wie sich diese Ankündigung bewahrheitet.

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Das Maxim Gorki Theater und das Ballhaus Ost zeigen Monologestücke aus der islamischen Welt zwischen Aufstand und Terror.

Montag, November 24th, 2014

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Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt.“ Albert Camus

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Aufstand – Im Rahmen des „Voicing Resistance“-Festivals am Maxim Gorki Theater inszeniert András Dömötör ein Monolog-Stück der bekannten Publizistin und Gorki-Kolumnistin Mely Kiyak im Studio R.

Momentan wird allerorten an den friedlichen Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren gedacht. In diesem Kontext veranstaltet das Maxim Gorki Theater seit dem 7. November das Festival „Voicing Resistance“ im Studio R. Es wäre trotz Megafon im Veranstaltungs-Plakat fast unbemerkt geblieben, wenn nicht eine Performergruppe mit dem schönen Namen Zentrum für Politische Schönheit im Rahmen des Festivals die Gedenkkreuze für die Toten an der Berliner Mauer ebenso unbemerkt abgeschraubt und sich damit auf den Weg an die außereuropäische Grenze begeben hätte, mit der Absicht, dort den unmenschlichen Grenzzaun abzubauen. Eine Kunstaktion, die das Gedenken der Daheimgebliebenen auch auf die Toten lenken sollte, die das rigide Einwanderungsregime der „Festung Europa“ bisher gefordert hat. Und damit sind nicht nur die vielen Ertrunkenen vor Lampedusa gemeint. Die allgemeine Aufregung war groß, und die Einmischungsversuche deutscher Politiker in die Kunstausübung des kleinen Theaters am Berliner Festungsgraben, das gerade noch als Vorzeigeobjekt gelungener Integration sowie Theater des Jahres in aller Munde war, nahmen daraufhin erschreckende Ausmaße an.

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 „Erinnern ist Aufstand!“

(C) Esra Rotthoff

(C) Esra Rotthoff

Die Publizistin und seit einem Jahr auch feste Kolumnistin des Maxim Gorki Theaters Mely Kiyak, Tochter aus der Türkei stammender kurdischer Einwanderer, schreibt in ihrer monatlichen Kolumne auf der Website des Theaters zum Thema „Grenzen überschreiten“: „Und so erinnere ich daran, dass wir alle am Gorki landeten, weil wir Aufständler sind. Kein Politiker hat mir oder irgendjemand anderem an diesem Haus zu sagen, wie man damit umgeht, ein politisches Opfer zu sein und was die angemessene Form des Gedenkens sei. (…) Meine Eltern kommen aus einem System, in dem mit politischer Kunst nie anders umgegangen wurde, als es der Berliner Innensenator gerade vorgemacht hat. Daran erinnern ist auch Aufstand!“

Parallel hat Mely Kiyak nun also auch ihr erstes Theaterstück geschrieben. In Aufstand (im Juni am koproduzierenden Badischen Staatstheater Karlsruhe uraufgeführt) geht es neben Protest und Widerstand vor allem auch um das wichtige Thema Erinnerung. Der Protagonist des Stücks ist ein junger kurdischer Lehrer aus Diyarbakır, einer Stadt im Südosten Anatoliens in der Türkei. Er vertritt dort von 8 bis 12:30 Uhr als türkischer Staatsbeamter die Grundsätze des Landes, ist aber nach halb eins Künstler, der in seinen Videoarbeiten das Unrecht des Staates Türkei an der kurdischen Bevölkerung kritisiert. Das bedeutet für den Lehrer die Wahrheit nicht auszusprechen zu können – als Künstler fühlt er sich dagegen aber geradezu verpflichtet dies zu tun. Ein Leben zwischen innerer Zerrissenheit und permanentem Ausnahmezustand. Während er als Gast des DAAD in Berlin eine Performance vorbereitet, die per Video in eine Galerie in Istanbul übertragen werden soll, erzählt er uns, seinem Publikum, die Geschichte von der Unterdrückung des kurdischen Volkes in der Türkei.

Sein Künstlername ist Bênav, was so viel heißt wie anonym, ohne Namen, da er seinen kurdischen Namen offiziell nicht benutzen kann und seinen türkischen Namen nicht benutzen will. Seine Familie ist, als er noch ein Junge war, aus ihrem Dorf vertrieben worden, was er in einer Videoarbeit Lese ich die Karte falsch? thematisiert hat. Dagegen haben türkische Künstler Unterschriften gesammelt und somit seine Teilnahme an einer Ausstellung in Deutschland verhindert. Bênav erzählt von der ständigen Bevormundung und Kontrolle des Staates, die vom Verbot der Sprache bis zu direkten Repressionen der türkischen Armee gegen die Kurden reicht. Selbst noch in Deutschland lassen ihn Künstlerkollegen aus der Türkei bei einem Empfang des DAAD ihre Überlegenheit spüren.

„Stell dir vor, es ist Revolution, und die falschen Leute zetteln sie an.“

Nachdem im Frühjahr 2013 die allgemeinen Proteste gegen die türkische Regierung im Istanbuler Gezi Park ausgebrochen sind, keimt nun auch neue Hoffnung bei Bênav. Doch in Istanbul angekommen, fühlt er sich keiner der unterschiedlichen Gruppen zugehörig. Den Lippenbekenntnissen derjenigen, die ihn einst anschwärzten und nun „Wir sind alle Kurden“ rufen, kann er nicht glauben. „Jetzt wo ihr selber rebelliert, weil ihr die Schnauze voll habt von diesen ganzen Schweinereien, die um euch herum passieren, kommt ihr und sagt: ‚Ist das keine Schweinerei, wie sie mit uns umgehen?’ Jetzt, wo ihr merkt, dass die Zeitungen Scheißdreck verbreiten, kommt ihr und fragt: ,Sind diese Medien kein Skandal?’ Nein! Das sind keine Schweinereien, das ist kein Skandal! Das lief doch immer schon so.“ Enttäuscht fährt Bênav wieder nach Diyarbakır zurück.

Mely Kiyaks Aufstand - Foto (C) Felix Grünschloß Bildquelle: Badisches Staatstheater Karlsruhe

Mely Kiyaks AufstandFoto (C) Felix Grünschloß
Bildquelle: Badisches Staatstheater Karlsruhe

Mely Kiyak zeichnet das Portrait eines Künstlers, den seine Wut über die Ungerechtigkeit in seinem Land überall anecken lässt, der aber dennoch nicht aufgeben will immer wieder daran zu erinnern. Seine innere Zerrissenheit hindert ihn nicht daran, einen guten Job für die Kinder und mit seinem unangepasst rebellischen Geist Kunst gegen die Dummheit zu machen. Der Schauspieler Mehmet Yılmaz spricht mit unverfälschter Emotionalität und auch einem leicht ironischen Unterton Kiyaks in ihrem typischen, sehr direkten Kolumnenton verfassten Text. Den Rahmen der geplanten Videoaktion zum Thema Demonstrationen nutzt der ungarische Regisseur András Dömötör (der bereits mit Marianna Salzmanns Notizen über Hurenkinder und Schusterjungen das Thema Rebellion aufgegriffen hat), um auch das Publikum direkt mit einzubeziehen. Die Interaktion wird zum unmittelbaren Ausgangspunkt einer kleinen Exkursion in Bürgerrechte und die aktuelle Protestkultur.

Die Ausführungen Bênavs, als Mittler von Kiyaks Gedanken, drehen sich unmittelbar auch um Ereignisse aus der deutschen, türkischen, kurdischen und armenischen Geschichte. Der Holocaust und der Genozid an den Armeniern, ein ebenso heikler Vergleich wie der der Mauertoten mit den toten Flüchtlingen an den europäischen Grenzen. Und so gestaltet sich auch dieses Stück unversehens zum Beispiel für die künstlerische Rebellion gegen eine von oben übergestülpte Erinnerungskultur.

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Aufstand
Monolog eines wütenden Künstler
von Mely Kiyak
Koproduktion mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe
Premiere in Karlsruhe war am 27.06.2014
Premiere im Studio R des Maxim Gorki Theaters: 20.11.2014
Regie: András Dömötör
Dramaturgie: Daniel Richter
Bühne & Kostüme: Moïra Gilliéron
Mit: Mehmet Yılmaz

Dauer: 75 Minuten ohne Pause

weitere Vorstellungen
im Maxim Gorki Theater: 11.12., und 26.12.2014
im Badischen Staatstheater Karlsruhe: 28.11., 07.12.2014 und 11.01.2015

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/aufstand/
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/info/1800/

Zuerst erschienen am 22.11.2014 auf Kultura-Extra.

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Hussein – Ein modernes Heldenpoem des libanesischen Theatermachers Omar Abi Azar inszeniert von Lucie Zielke im Ballhaus Ost

(C) Ballhaus Ost

(C) Ballhaus Ost

Parallel zum Festival „Voicing Resistance“ im Maxim Gorki Theater, das auch mit Stücken und Performances zu Rebellion und Krieg in der Türkei und Syrien aufwartet, feierte am Freitagabend im Ballhaus Ost der arabische Theatermonolog Hussein seine Berlin-Premiere. Das Berliner Theaterprojekt suite42 hat in Koproduktion mit der Beiruter Zoukak Theater Company eine Inszenierung zum aktuellen Thema Islamistischer Terror erarbeitet.

Das Thema ist gerade bei uns wieder sehr aktuell, wie man an den Erfolgen salafistischer Prediger erkennen kann, deren Werbungen auch immer mehr junge Leute aus Deutschland folgen und sie in den islamischen Krieg gegen die westliche Welt oder direkt zu den Terroristen des Islamischen Staats (IS) in die Kriegsgebiete Syriens und des Iraks ziehen lassen. Die Berliner Regisseurin Lydia Ziemke ist diesem Phänomen nachgegangen und auf das bereits vor drei Jahren entstandene Heldenpoem Hussein des libanesischen Theaterautors Omar Abi Azar gestoßen, das antike Heldenmythen mit den Vorstellungen über moderne Kämpfer verbindet.

Hussein ist nicht nur ein gebräuchlicher arabischer Vorname sondern auch der des schiitischen Märtyrers der Schlacht von Kerbala (680), Al-Husain ibn Ali, einem Enkel des islamischen Propheten Mohammed. Ein schier erdrückendes Erbe für den Protagonisten des Monologs, den der libanesische Schauspieler Junaid Sarieddeen darstellt. In rotem Umhang mit Schwert und blutigem Körper steht der Held sichtlich erschöpft nach dem Kampf vor uns. „Ich heiße Hussein, heute bin ich geboren“, beginnt Omar Abi Azars Langgedicht, dessen Text zunächst nur als Leuchtschrift auf einen schrägen Podest mit weißem Laken, auf dem gefüllte Gläser stehen, projiziert wird. Dazu hört der Zuschauer den Klagegesang der Musikerin Houwaida Goulli.

HUSSEIN im Ballhaus Ost - Foto (c) Piero Chiussi

HUSSEIN im Ballhaus Ost – Foto (c) Piero Chiussi

Ein ständig klingelndes Handy scheint minutenlang den Helden aus dem Konzept zu bringen, bis sich herausstellt, dass auch das zur Inszenierung gehört. Sarieddeen lädt nun das Publikum ein, im zweiten Teil auf Stühlen neben dem Podest Platz zu nehmen. Er verteilt die Gläser mit einem Getränk, das Whiskey sein soll und von dem er selbst reichlich trinkt. Der Monolog entspinnt sich nun auf arabischer Sprache und zieht den Zuschauer durch die ungewohnte aber eindrückliche Sprachmelodie und Körperperformance des Darstellers in seinen Bann. Unterstützung erfährt er dabei durch einen Jungen, der mit dem Handy zu spielen beginnt, einer Frau, die die Liebe des Helden darstellt und einen alten Mann in Soldatenmantel mit weiß geschminktem Gesicht.

Schließlich verlagert sich das Geschehen auf die Zuschauertribüne, über deren Stufen nun wieder die deutsche Übersetzung des Textes läuft. Omar Abi Azars Poem handelt von der Zerrissenheit und Müdigkeit eines Kämpfers, der kaum gestorben erneut vielfach aus den Eingeweiden des Toten aufersteht. Der sehr poetische Text verweist neben den muslimischen Quellen auch auf Helden der Antike wie den fluchbeladenen Ödipus und den aus dem Trojanischen Krieg heimkehrenden Odysseus, dessen Frau über zwanzig Jahre auf ihn warten musste. Der Held ist gefangen zwischen Tradition, Armut und den Verlockungen der modernen Welt. Seine Zweifel betäubt er mit Alkohol. Dem Ringen um Liebe und Glück steht aber nur die Banalität seiner unumkehrbaren Illusionen vom Paradies gegenüber. Ein Kreislauf der Geschichte, dem er nicht zu entrinnen vermag. Ein eindrucksvolles Drama über die Zweifelhaftigkeit andauernder Heldenverehrung.

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Hussein – Ein Heldenmonolog
Eine Produktion von suite42 (Berlin) und zoukak (Beirut) in Kooperation mit dem Ballhaus Ost.

Autor: Omar Abi Azar / Regie: Lydia Ziemke / Spiel: Junaid Sarieddeen, Lucie Zelger / Design: Claire Schirck / Live Musik: Houwaida Goulli / Dramaturgische Mitarbeit: Elke Ranzinger / Assistenz: Jamila Al-Yousef / Übertitel: David Maß

in arabischer, französischer und deutscher Sprache

Dauer: ca. 50 Minuten ohne Pause

Premiere war am 21. November 2014

nächste Termine: 6. – 9.5.2015

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/hussein/

Zuerst erschienen am 23.11.2014 auf Kultura-Extra.

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