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„Aus, Aus, Aus!“ Deutschland steht nicht im EM-Finale und Ror Wolf, der echte Fußballexperte, feiert heute trotzdem seinen 80. Geburtstag

Freitag, Juni 29th, 2012

„Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt. Es ist eine zuweilen bizarre Welt, in der unablässig Gefühlsschübe aufeinanderprallen. Emotionen, die jederzeit in ihr Gegenteil umschlagen können: Entzücken in Entsetzen, Begeisterung in Wut, Verzweiflung wieder in Entzücken.“ Ror Wolf (Schriftsteller und bildender Künstler), geboren am 29.06.1932 in Saalfeld/Thür.

Ror Wolf, der phantastische Wirklichkeits-Collageur, Wort- und Tontüftler sowie große „Fußballpoet“ begeht heute seinen 80. Geburtstag. Die deutsche Mannschaft hat ihm gestern leider dazu kein adäquates Geburtstagsständchen darbieten können. Sie schied eher sang- und klanglos im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft gegen Italien aus. Und wie es Ror Wolf 1980 anlässlich seines Abschieds vom literarischen Fußball beschrieb, wechselten in diesem Spiel Entzücken auf der einen Seite in Entsetzen auf der anderen und anfängliche Begeisterung für die deutsche Mannschaft schließlich in Verzweiflung. Aber statt in Wut mündeten die emotionalen Gefühlsschübe der Deutschen doch eher in einer großen kollektiven Enttäuschung. Der große Strategietüftler Jogi Löw hatte sich nach mehreren zunächst erfolgreichen Umstellungsexperimenten in der deutschen Mannschaftsaufstellung schließlich doch verzockt. Wieder einmal ist der Griff nach dem großen Titel von den zu Angstgegnern stilisierten Italienern vereitelt worden. Im Finale am Sonntag stehen durchaus verdient Weltmeister Spanien und ein italienisches Team, das sich in der Vorrunde noch etwas zurückhielt und sicherlich nicht nur deswegen zu Unrecht unterschätzt wurde. Die „Revanche“ der jungen deutschen Mannschaft auch gegen Spanien muss also erneut vertagt werden. Wer daran nun die Schuld trägt, wird die Seelen der deutschen Fußballexperten noch eine kleine Weile bewegen und die Gemüter der Fußballfans in Wallung halten. Ob es der gefährliche Maulwurf war, der die geheime Aufstellungstaktik Jogi Löws unterminierte, oder das Formtief von Spielern wie Müller und Schweinsteiger, ob Spielführer Lahm tatsächlich zu lahm oder doch eher zu klein gewachsen ist und Stürmer Gomez nur ein laues Lüftchen war, diskutiert wird immer an den deutschen Stammtischen.

Experte ist schließlich jeder, aber nur einige davon kommen ins Fernsehen. KMH und Olli Kahn, das Dreamteam der letzten WM vom ZDF, standen diesmal entweder im Kalauer-Regen von Heringsdorf oder verwehten im kalten Wind der Ostsee. Kathrin Müller-Hohenstein vermisste Jogis hellblauen Glückspulli und Kahn verhedderte sich sprachlich in der vielbeinigen Akropolis. Die feurige „Riesenfußballsause“ erkaltete schnell auf der Strandpromenade, die die Beiden mit Sprüchen aus dem „Betonmischwerk“ für Moderatoren zementierten. Ebenfalls gut Sprüche klopfen kann Netzer-Ersatzmann Mehmet Scholl in der ARD. Zum bitteren Ende drückte er aber lieber seine Moderatorenkollegen und sich, nach seiner danebengegangenen Gomez-Schelte, um klar verständliche Worte herum. Dafür wird er demnächst wohl ein Altersheim für Fußballer übernehmen, diagnostizierte er doch bei Gomez einen durchgelegen Rücken und mit den italienischen Spielern Balotelli und Cassano zwei Pflegefälle im deutschen Strafraum. Zumindest der Titel Dottore ist ihm damit spätestens nach dem Italienspiel sicher. Befindlichkeits-Talkmaster Beckmann fielen zu den umtriebigen italienischen Stürmern nur dämliche Tiernamen ein, was uns gleich zum nächsten Ärgernis der EM-Berichterstattung führt, den bellenden Sing- und Nervsäcken Waldi Hartmann und Matze Knop im Bayrischen Bahnhof, oder doch besser Komödiantenstadl zu Leipzig. Da kann der EM-gestresste Fernsehzuschauer wirklich nur froh sein, dass diese bräsigen Quatschrunden bei Bier und Brezn nun samt der „Loddar“-Matthäus- und Kaiser-Franz-Doubelei bald endgültig Sendepause haben.

Zurück zu Ror Wolf. Seine Fußballbegeisterung ist bekanntlich bereits in den 50er Jahren entstanden und sein Ästhetik-Verständnis noch stark in den 70er Jahren verhaftet, als die Fußballstars noch Grabowski oder Hölzenbein hießen und Eintracht Frankfurt um die deutsche Fußballmeisterschaft spielte und nicht ihm Ligafahrstuhl unterwegs war. Damals waren noch lange Bälle aus der Tiefe des Raumes und das individuelle Dribbling einzelner Fußballzauberer Inspirationsquell für so manchen Schriftsteller und verzauberten Moderatoren wie Edi Finger oder Armin Hauffe durch ihre spontanen Fußball-Wortschöpfungen das Publikum daheim. Die Zeiten sind lange vorbei und der alte Stil abtrainiert. Seit Ror Wolf 2006 die WM in Deutschland als „Totaltheater“ bezeichnet hatte, ist es etwas ruhiger um ihn geworden. Heute wird auch keiner mehr gleich „narrisch“, obwohl Fußball laut Ror Wolf „eben nicht nur ein Rasenspiel, sondern auch ein Spiel im Gefühlsgelände der Zuschauer und Zuhörer“ geblieben ist. Geblieben ist dem deutschen Fußball auch die Neigung zur Verniedlichungsendung „i“. Aus „Graaaabi – eher abspielen“, das uns aus Ror Wolfs Trainingsmitschnitten bei der Frankfurter Eintracht überliefert ist, wurde nun das kurze „Schweini-Poldi-Tor“. Leider hat das bei dieser EM nicht so funktioniert. Bis zur nächsten WM in zwei Jahren bleibt aber noch etwas Zeit zum Üben. Und wer die Günter Netzer CD-Collection schon durchhat, kann ja bis zur WM 2014, die dann übrigens bei den Ballzauberern in Brasilien stattfindet, die Gesammelte Fußball-Prosa von Ror Wolf lesen oder sich mit seinen Radio-Collagen auf CD mental vorbereiten. Denn eins ist nun mal sicher: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste.“ (R.W.)

Bis dahin, Ihr Wuwu Sellers.

 ror-wolf-spiel.jpg Ror Wolf: Das nächste Spiel ist immer das schwerste (Geb. Ausgabe); Verlag: Schöffling & Co. (2008), 296 Seiten

Weitere Werke unter: www.wirklichkeitsfabrik.de – Die Welten des Ror Wolf

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So long, Pablo!

Donnerstag, Oktober 28th, 2010

 Paul der Orakel-Krake ist tot – Ein Nachruf

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Unerreicht als Kassandra der Meere
Warn auch die Muscheln oft mies
Dein Orakel geriet nie zur Chimäre
In Öl, Pablo El Pulpo, Rest in Peace.

Drama am Kap der Guten Hoffnung, ein blaublütiger Krake and A Summer Tale without Ending

Montag, Juli 12th, 2010

Während die deutsche Mannschaft nach einem Ende gut, Alles gut mit Sieg im kleinen Finale schon über den Wolken des afrikanischen Kontinents Richtung Heimat-Schland schwebte, entspann sich in Johannesburg ein Schauspiel, in dem anfänglich nicht so eindeutig klar war, worum es den übriggebliebenen Finalisten eigentlich ging. Das Ganze entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Drama in mindestens 3 Akten und Epilog, mit allem was dazu gehört und es wäre durchaus nicht abwegig, die Schlachterei von Soccer City in Anlehnung an die Seeschlacht bei Gibraltar aus dem Jahre 1607, als Drama am Kap der Guten Hoffnung zu bezeichnen, allerdings mit umgekehrtem Ausgang. Man konnte sich wahlweise einfühlen oder unbeteiligt die Kommentare der Kriegsberichterstatter Marcel Reif (Sky) oder Bêla Rêthi (ZDF) verfolgen. Es hat sich im Einzelnen wie folgt zugetragen:

Exposition:
Einlauf der Protagonisten in den Handlungsraum, Aufteilung in zwei Lager, die Nederlands Elftal auch Oranje genannt gegen La Furia Roja auch La Selección española genannt und deren Vorstellung. Ein Erzähler berichtet über Charaktere der Beteiligten und die Vorgeschichte. Die nun folgende Handlung wird lang und breit ausgemalt. Objekt der Begierde ist ein goldener Pokal. Mittels einer runden Kugel wird ein eckiger Lattenverschlag anvisiert. Ein Unparteiischer aus England wacht über die Einhaltung der Kampfregeln.

1. Akt:
Der Konflikt entwickelt sich. Zuerst wird eine Menge Holz gehackt, zum Aufbau der Schiffe. Wer die größten Bäume gefällt hat, bekommt vom Unparteiischen Sir Howard gelbe Karten zur Belohnung. Hier tun sich mit ausdauernder Kraft besonders die Niederländer hervor. Wozu die Schiffe dienen sollen, weiß noch keiner der Beteiligten so richtig, erst mal ordentlich bauen, dann weitersehen. Nachdem genug Holz gehackt ist, hätten zumindest die Niederländer die rote Siegkarte, die zum sofortiger Verlassen des Kriegsschauplatzes und vorzeitigem Duschen berechtigt, mehr als verdient.

2. Akt:
Prinzipiell gleicher Handlungsverlauf, nur in umgekehrte Richtung. Beide Verbände brassen hart vor dem Wind, können aber zwingende Einschussmöglichkeiten nicht wahrnehmen. Die Tagelagen wirken immer zerfledderter und die Schiffe bekommen mit der Zeit ordentlich Schlagseite. Es wird wieder Holz gehackt, um gelbe Karten einzuheimsen. Eine Entscheidung für eine der Seiten ist nach Ablauf der für gewöhnlich vorgesehen Dauer nicht in Sicht.

3. Akt:
Sir Howard beschließt die Weiterführung der Kampfhandlung bis zum bitteren Ende. Nachdem einige ausgebrannte Segler durch neue ausgetauscht wurden, entbrennt endlich ein Kampf auf Augenhöhe. Die Fahrt geht hin und her, von Lattenverschlag zu Lattenverschlag. Der spanischen Armada gelingt es dabei die Koggen der Niederländer mehr und mehr abzuhängen. Der Versuch von Leichtmatrose Heitinga einen besonders großen Baum zu fällen, kann das Ruder nicht mehr rumreißen. Da nur er zum Duschen darf, müssen die restlichen Niederländer nach und nach die Segel streichen. Der vernichtende Schlag gelingt endlich Admiral Iniesta. Mit einem gezielten Schuss aus nächster Nähe in den Lattenverschlag von Stekelenburg, wird die Niederländische Orlogflotte so gut wie versenkt. Sir Howard hat auch längst den Überblick verloren, einige seiner Entscheidungen sind vor allem für die Oranje nicht mehr ganz nachvollziehbar. Er vergibt nun sogar Karten für gut gemeinte Ratschläge von Seiten des Maat van Bommel. Letztendlich erklärt er den niederländischen Schiffbruch für besiegelt und beendet die Katastrophe.

Prolog mit Überreichung der Siegtrophäe an die La Furia Roja, Spalier durch die gekrönten Häupter und die am Boden zerstörte Oranje. Wie immer liegen tiefe Trauer und überwältigende Freude dicht beieinander. Siegesfeuerwerk und großer Jubel. ENDE.

Leider kann ich nur den Handlungsverlauf schildern und muss eine genaue Dialogwiedergabe schuldig bleiben, da über 120 min. den Rahmen hier sprengen würden.
Ein Statement des Admirals Iniesta nach dem Sieg sagt da alles „sin palabras – ohne Worte“.

Karthasis: keine. In 4 Jahren beginnt das ganze Drama von vorn.

Nachtrag:

Krake Paul aus Oberhausen wird für die richtige Vorhersage des Sieges von König Juan Carlos von Spanien geadelt und heißt nun Pablo el Pulpo la Furia del Roja und wird zum Konteradmiral ehrenhalber ernannt. Was ist dagegen schon das Bundesverdienstkreuz?

Einige Zeit werden wir noch an den Lippen der Nachkommentatoren hängen und aufgeregt in der Hitze vor uns hin ölen, bis wir endgültig mit sämtlichen Vuvuzelas im Sommerloch verschwinden dürfen. Nur womit verbringen wir die restlichen 696 Tage bis zur nächsten Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Ein kalter Entzug ist zu befürchten und bis zur WM 2014 in Brasilien ist es mindestens eine gefühlte Ewigkeit.

Eine Idee gäbe es da schon. Man kann sich die Zeit natürlich mit der Günter Netzer CD-Collection verkürzen, die der nun in den wohl verdienten Ruhestand gestellte Kommentator, von seinem langjährigen Stichwortgeber Gerd Delling sichtlich gerührt am Samstag entgegennahm. Günter Netzer kann tatsächlich lachen und ist auf einmal richtig komisch. Plötzliche Altersweisheit oder die totale Erleichterung, wir werden es beim Hören seiner gesammelten Werke I bis X von „Was ich nicht verstanden habe“, über „Was ich immer noch nicht verstanden habe“, bis „Was ich nie verstehen werde“ erfahren. Das Leiden hat eine Ende „Ich habe genug geredet“, er kann nun endlich wieder die „Feiermaus“ mit Kaiser Franz geben. Ob je wieder ein Ex-Fußballer den von Beckenbauer so genannten Gebrüder-Grimm-Preis bekommt, hängt nun von Olli, Mehmet und Co. ab und einem erneuten Summer Tale without Ending.

Paul oder ein Orakel-Debakel

Donnerstag, Juli 8th, 2010

Nachdem ich heute früh mit dickem Kopf aufgewacht bin, habe ich natürlich sofort an Pulpo a la Vinagretta gedacht, das Internet ist auch schon voll von guten Rezepten. Krake Paul, der eigentlich Pablo el Pulpo heißt, der falsche Zwanziger, der uns tagelang in Sicherheit gewiegt hat, ist aber sicher längst außer Landes und liegt in einem Eimer Sangria in Palma am Strand. Der unfehlbarste unter allen Sehern, die Kassandra der letztendlich doch niemand glauben wollte, ein Orakel fatal, das sich nun wahrscheinlich fröhlich ins Exil begeben hat, um missgelaunten deutschen Touristen, die sich um ein zweites Sommermärchen betrogen fühlen, in Mallorca das Wetter voraus zu sagen.
Ich habe mir das Elend gestern auch noch beim Spanier El Tauro auf dem Pfefferberg im Prenzelberg angesehen. Erst gab es frittierte Oktopusringe und dann rangen sich die deutschen Spieler ein Fehlpassgekurke mit tentakelähnlichen Gummibeinen ab. Die filettierten Jungstiere wurden von den spanischen Toreros brutal in die Pfanne gehauen. Man kann gar nicht genug Albariño trinken, um das dann noch runter zu kriegen. Mein kleines „Loveletter“ an die neue Kunst des Ballverpassens im deutschen Team habe ich dann noch kurz vor dem Koma geschrieben. Am Samstag ist dann nun kleines Trost-Finale in der Volksbühne, vielleicht werden die Jungs irgendwann mal Kroos und es reicht wieder fürs Endspiel.
Zurück zu Paul, was haben sich die Hobbyzoo- und -orakelogen in Oberhausen nur dabei gedacht? Sie machen eine ganze Nation verrückt und sorgen dann nicht mal für ein vernünftiges Happy End. Und überhaupt, was ist das schon so ein Orakel? Man pilgert hin, muss wochenlang untätig rumsitzen und bekommt dann von einem volltrunkenen Medium doppeldeutige lateinische Hexameter um die Ohren gehauen, die kein Schwein richtig deuten kann. Krösus wusste ein Lied davon zu singen, als er nicht fremde Völker sondern sein eigenes zerstört hatte. Der große Alexander wollte sich mit dem Warten nicht lange aufhalten, da er ja schließlich noch die halbe Welt erobern musste und hat Pythia die Hohepriesterin des Orakels von Delphi und somit den Spruch kurzerhand an den Haaren herbeigezogen. So kommt das Ganze einem auch mittlerweile vor und vielleicht ist die neue Kuscheltaktik von Jogi Löw einfach zu lieb zu solchen Weicheiern wie Paul und etwas mehr alt bewährte Härte hätte sicher auch dem Spiel gegen Spanien gut getan.
Übrigens hat die Seherin Kassandra einen ganzen Krieg in Troja vorhergesagt und nicht nur den Ausgang eines banalen Ballgetretes. Für das Eintreffen des Ereignisses wurde sie dann letztendlich auch noch mit Wahnsinn und Tod belohnt. Tolle Aussichten also für ein Orakel. Nun ist Paul alias Pablo ja gar kein richtiges Orakel, da er nicht sprechen kann und man ihm vergammeltes Muschelfleisch unterschieben muss, um ihm eine Reaktion zu entlocken. Wahrscheinlich ist er davon schon so benebelt, das er die Farben der Fahnen gar nicht mehr auseinander halten kann, denn Augen hat so ein Krake ja eigentlich schon. Und so ähneln Pauls seherische Fähigkeiten eher einem blinden Teiresias, der widerwillig verklausulierte Sprüche von sich gibt und selbst nicht richtig weiß, ob er eigentlich Männchen oder Weibchen ist. Teiresias und ein weiteres Orakel sind mit verantwortlich für ödipale Komplexe, schreckliche Schauspielinszenierungen und ein bevorstehendes Wiedersehen mit Peter Stein und Klaus Maria Brandauer. Vielleicht haben die spanischen Fans aber auch heimlich einen vergammelten stinkenden Bismarckhering in den Pott mit der deutschen Fahne gelegt? Wie dem auch sei, so ein richtiges Orakel will gefragt werden und mich hat ja eigentlich auch keiner vorher gefragt ob ich es überhaupt hören will, was Paul zu sagen hat. So sind diese fragwürdigen Entscheidungen Pauls, wie die Weisheiten der Sibylle, die eigentlich niemand gebeten hatte zu weissagen, die aber fast schon notorisch immer wieder doppeldeutige Rätseleien unter die Menschheit streute.
Ich halte es da eher doch lieber mit den alten Naturvölkern, die ihre Feinde ganz oder Teile von ihnen verzehrt haben, um den Bann zu brechen und deren Kräfte und Eigenschaften auf sich über gehen zu lassen. Aber was wird man von so einem Gummipaule schon bekommen, außer einem weichen Keks womöglich noch einen flauen Magen und ein vorlautes Grummeln und orakelndes Wiedergehen in der Speiseröhre.
Egal, genug Orakelgekrakel, jetzt führe ich erst mal meinen Kater spazieren und dann kaufe ich mir eine Pfanne.

Pablo El Pulpo
Orakel fatal
sibyllische Kassandra
Du kannst mich mal

Trauerschland, a love letter

Donnerstag, Juli 8th, 2010

Der Wurm ist drin
Der Ball ist´s nicht
Es fehlte Müller
Welch blasses Licht

Blockade Klose
Alle Lahm
Ballverlust Schweini
¡No Pasarán!

Standard, Ecke
Kopfball Puyol
No, Manuel Neuer
España Goool

Adiós Finale
Aus ist der Traum
Im Tal der Tränen
Man glaubt es kaum

La Furia Roja
Das sind die Stars
Dankeschön Jogi
Leider, das war`s

Trostspiel am Samstag
Bis nächstes Mal
Viva España
Campeón Mundial

Das Ende der Diven und Kollektivierung jetzt auch auf dem Rasen

Dienstag, Juli 6th, 2010

Die letzten wirklichen Diven sind raus. Seit die deutschen Rasenmäher am Samstag Nachmittag locker wie beim Tanztee die letzte Hoffnung der Argentinier um Maradona und Messi abrasiert haben, ist das Volk der theatralischen Fußballshow am Boden zerstört.
Wie nach einer tragischen Oper von Verdi im Teatro Colón in Buenos Aires, stehen Maradona und Messi Arm in Arm auf dem Rasen in Kapstadt und können sich der Tränen nicht erwähren. Maradona ist von einem fröhlichen Falstaff zu einem tragischen Rigoletto geworden. Sein Kind, die Albiceleste liegt zerstört vor ihm. „Gott ist kein Argentinier“ weiß der indische Sunday Express. Die Hand Gottes hat sich wieder vom südamerikanischen Kontinent abgewandt. Maradona wird etwas trauern, aber dann sicher wieder auferstehen.
Das Theatralische liegt dem Volke Argentiniens im Blut, hier zu Lande ist die Show der Gruppe De La Guarda sicher noch gut in Erinnerung und die First Lady der 40er und 50er Jahre und Schauspielerin Eva Peron ist immer noch eine Nationalheldin. Ihr widmete Andrew Lloyd Webber das Musical Evita. „Don’t cry for me Argentina“ ist nach der Niederlage im Viertelfinale wieder in aller Munde. Webber hatte durch einen Kunstgriff die vielleicht größten Persönlichkeiten Argentiniens die Filmdiva Evita und den Berufsrevolutionär Che Guevara zusammen geführt. Und auch Maradona macht da keine Ausnahme in der Liebe zu diesen Personen, hat er doch ein Tattoo von Che auf dem Unterarm. Der Trainer von Uruguay hat sich sogar einen Spruch von ihm an sein Haus in Montevideo schreiben lassen: „Auch wenn du härter wirst, darfst du nie deine Zärtlichkeit verlieren.“ Das ist von Maradona und seiner Liebe zu seinem Star Messi auch nicht zu erwarten und umgekehrt steht auch die Mannschaft weiter zu ihm, trotzdem hat Maradona bereits konstatiert „Meine Zeit ist vorüber“. Und auch die Zeit der anderen großen Fußballdiven ist abgelaufen. Die Kollektivierung auf dem Rasen greift um sich und „Wo sind all die Messis hin, wo sind sie geblieben?“ möchte man in Anlehnung an Pete Seeger singen.
Ob man einen Christiano Ronaldo, Franck Ribéry und Kaká so schnell wieder sehen wird ist fraglich, nur Lionel Messi und Wayne Rooney sind zumindest in einem Alter, das noch eine weitere Chance zulässt. Aber auch ein deutscher Star ist von der um sich greifenden Kollektivbildung betroffen, Michael Ballack ist bereits nach Hause gefahren und obwohl er bald wieder spielen kann, wird von Philipp Lahm bereits an seinem Stuhl gesägt. Er wird die Binde des Kapitäns nicht so schnell wieder ablegen wollen. Die deutsche Mannschaft hat einen Leitwolf nicht mehr nötig, sie rennen alle nur durch einen inneren Wunsch angetrieben, allein der Kollektivierung der Fußballkunst zu dienen. „Der Star ist der Pass“ stellt die Berliner Zeitung fest und auch andere Blätter kommen nicht aus dem Schwärmen über das neue Fußball-Deutschland. Die spanische Zeitung „El Mundo“ sagt uns schon mal was die Spanier im Halbfinale erwartet: „Deutschland ist eine Bestie. Wie Obelix sammelt Deutschland die Helme der Römer und zerlegt alles, was es berührt. Zugleich weiht es eine neue Generation: Die eines wundervollen Fußballers namens Müller.“ Da Müller im Halbfinale nicht dabei ist, wird ein anderer im „fliegenden Panzer“ Platz nehmen und man wird es vielleicht nicht einmal bemerken.
Ein wenig Respekt vor Casillas, Xavi, Villa und Co. hat man schon, „Die haben nicht nur einen Messi. Die haben mehrere Messis.“ sagt Jogi Löw. Nur wenn die auch alle Knoten in den Beinen haben wie der argentinische, dann wird wohl nicht viel mit Toren und Schweinsteiger hat auch schon das Allheilmittel: „Xavi und Iniesta, die kann man nicht Eins zu Eins bezwingen. Die muss man mit dem Kollektiv ausschalten.“ Die soziale Komponente des Fußballs zeigt endlich auch bei den Bundesligastars Früchte und man kann darauf warten, wann das erste Che-Tattoo bei Khedira, Müller oder Podolski auftaucht.
Als eher links in ihrer politischen Einstellung werden auch die Trainer von Spanien und Uruguai eingestuft und es verwundert nicht, dass auch diese Mannschaften als geschlossene Kollektive ohne Starallüren gelten.
Da ist es gut, das es wenigsten noch einen gibt, der im Dienste des Herren unterwegs zu sein scheint, der Bondscoach der Holländer Bert van Marwijk: „Ich habe vom ersten Tag an gesagt, wir haben eine Mission: Weltmeister werden.“ Da hat aber auf jeden Fall Lukas Podolski etwas dagegen: „Es fehlen nur noch zwei Spiele und dann haben wir das Ding!“
Na dann, auf ein neues, 4 gewinnt.

Bereit zum Tanz auf dem Vulkan

Freitag, Juli 2nd, 2010

Pünktlich zum Beginn des Tanz- und Folkfestes im schönen Rudolstadt in Thüringen, das dieses Jahr zum 20. Mal stattfindet und in dem natürlich der Tanz immer ganz groß geschrieben ist, möchte auch ich etwas zu diesem schönen Thema berichten. Der Schwerpunkt des Festivals liegt diesmal auf dem Stepptanz, eine wie bei allen Tänzen üblich sehr beinlastige Unternehmung, wobei wir wieder beim Thema dieser Tage der Fußball-WM in Südafrika sind. Leider hat in Zeiten der Vuvuzela der monotone Klang das rhythmische Trommeln und Tanzen der Fangruppen so gut wie verdrängt und auch die vielleicht besten Tänzer der Fußballnation Brasilien müssen ihre Samba wieder in Rio de Janeiro tanzen, da sie über holländische Holzpantinen gestolpert sind. Auch in einer letzen kämpferischen Capoeira konnten sie nicht das des Tanzes unkundige europäische Bollwerk überwinden und mussten dezimiert die Trommeln einpacken. Die zweite südamerikanische Tanzbewegung, die Celeste aus Uruguay, konnte mit einem kraftvollen Candombe das letzte afrikanischen Tanzensemble aus Ghana, das fast mit seinem kriegerischen Agbekor wie der sichere Sieger aussah, noch im alles entscheidenden Penalty wegtrommeln.
Nun dürften viele der Festival-Teilnehmer in Rudolstadt mit halber Freude dabei sein, da auch sicher ihr Herz bei der ein oder anderen Fußballtanzeinlage hängen dürfte und vor allem gibt es morgen noch zwei Begegnungen mit stark tänzerisch geprägten Nationen. Am Abend müssen die Spanier sich zwischen feurigem Bolero, dem steigerungsfähigen Fandango oder dem entfesselten Flamenco entscheiden um die El Pajaro Campana aus Paraguay vom Rasen zu tanzen. Die vierte Tanztruppe aus Südamerika kann das Tempo mit einer Galopera durchaus noch anziehen. Vorher treffen sich noch zum nachmittäglichen Tanztee die Tango begeisterten Argentinier und die eher als Tanzmuffel bekannten Deutschen.
Wir sind Dank der Medien wieder bestens auf den nächsten Klassiker eingestimmt, noch zusätzlich befeuert durch die eher geistlosen und Spaß tötenden Mentalitätsprobleme Bastian Schweinsteigers. Da gilt es doch dringend Nachhilfe in Rhythmus und Feingefühl zu nehmen. Im Vorfeld ist viel über Gemeinsamkeiten und noch mehr über Rivalitäten gesprochen und geschrieben worden. Auf der einen Seite Tangofieber und das in Deutschland erfundene Bandoneon, auf der anderen Tumulte im Olympiastadion zu Berlin bei der WM 2006. Wie vor jeder Klassiker-Neuauflage fragt man sich auf der Theaterbühne wie auf dem Fußballfeld, wie man sich das nun diesmal vorzustellen hat. Werkgetreue Wiederauflage oder moderne Dekonstruktion. Nur der Fußball, wie das Rad werden auch diesmal nicht neu erfunden werden, nur kann man sicher mehr aus der Erde graben, als einen Faustkeil oder einen platt getretenen Ball. Man könnte zumindest die Illusion erstehen lassen, das auch die deutschen Spieler vielleicht doch ganz virtuose Tänzer sind. Dabei von Hilfe wäre das choreografische Können eines Experten in modernem Tanz. Ich denke da z.B. an Wanda Golonka, die in der Berliner Volksbühne bereits versucht hat Räume zu erkunden, obwohl sich diese nicht zwingend geöffnet haben. Eine zweite Möglichkeit wäre, wenn Jogi Löw in Mühlheim anruft, nur der Nachlass von Pina Bausch befindet sich, wie wir nun wissen, in den Händen von Rene Pollesch und Fabian Hinrichs, die damit versuchen einen perfekten Tag auferstehen zu lassen. Es wird also eng für die deutsche Tanzel(e)v.
Nun muss wohl doch Jogi Löw allein den Rhythmus und wer wen zum Tanz auffordert vorgeben. Einen Schritt weiter ist da bereits der Couch der Argentinier Maradona, der bereits mit Fidel in Kuba Cohiba rauchend eine flotte Rumba getanzt hat und mit Emir Kustirica bei den Filmarbeiten zu „Maradona by Kusturica“ sicher nach einigen Slivovic die heißesten Zigeunertänze ausprobiert hat. Die Absolution des Papstes braucht die Hand Gottes auch nicht mehr, um gegen jeden Höllentanz gefeit zu sein, da hilft es auch nicht das Benedikt XVI. für Deutschland beten will.
Was werden nun also die Deutschen und die Argentinier auf dem Rasen aufführen? Nun der Tango ist sicher etwas zu überstrapaziert und man kann sich sicher Podolski und Klose auch schwerlich grazil über den Rasen schreitend vorstellen, besser aber bei einer Tritsch-Tratsch-Polka in der Art, links tanzt der Poldi, recht tanzt der Müller und in der Mitte Kloses Zusammenstuss, äh -schluss und dann hoffentlich auch Schuss. Özil wird sich hoffentlich nicht wie bei einem türkischen Derwischtanz im Kreis drehen, sondern eher elegant wie beim Walzer. Dabei ist sicher egal ob links oder rechts drehend, Hauptsache in den freien Raum nach vorn. Was aber kann die Abwehr darbieten? Walzer, Tango, Dreher oder Galopp scheinen eher ungeeignet zu sein, einen Messi ins Abseits zu tanzen. Was ist aber der deutscheste und dazu südlichste aller Tänze hinter dem Weißwurstäquator, natürlich der zumindest Philipp Lahm sehr geläufige Schuhplattler. Leider darf man beim Fußball nicht die Hände zu Hilfe nehmen und so wird es für reichlich Verwirrung sorgen, wenn Tanzführer Lahm und seine Buam Mertesacker, Friedrich und Boateng anstatt sich wie Rumpelstilzchen Maradona aufzuführen, eher wie die Donkosaken, mit vor der Brust verschränkten Armen, den Argentiniern entgegenhopsen. Aber hoffentlich treten die deutschen Jungs nicht mit einer Ententanzpolonaise nach Blankenese vom Rasen ab.
Die Argentinier werden sich sicher als besondere Strategie den eher unbekannten Tanz der Argentinischen Landbevölkerung die lustig leichte Chacarera einfallen lassen oder als Überfalltaktik die aus dem Karneval in Buenos Aires stammende Murga, eine gruppenbetonte Art des argentinischen Straßentanzes, bei der sich Lukas Podolski als alter Kölner durchaus wohl fühlen könnte. Vielleicht kommt aber auch die schnellere Variante des Tangos der abgedrehte und verrückte Valse Crusado beim Umtänzeln der deutschen Volkstanzgruppe zum Einsatz.
Was auch immer den Argentiniern in die Beine fährt, Bastian Schweinsteiger sollte sich mental darauf einstellen, um nach dem Spiel auch mal ein flottes Tänzchen mit seiner Lieblingsfreundin Angela Merkel aufs Parkett legen zu können. Ob es ein Veitstanz oder doch eher ein deutscher Trauermarsch wird, das liegt wie bei allen anderen Tänzern sicher auch an der eigenen Mentalität, sich nie all zu sicher zu sein, nicht auf die eigenen oder andere Füße zu treten und einen gewohnt sicheren Alleintänzer wie Lionel Messi nicht zu unterschätzen.
Vielleicht treffen sich auch alle noch vor dem Spiel zu einer Milonga der Gefühle und versuchen ihre Rivalitäten zu vergessen.

„Milonga sentimental”

Manns genug, um Dich sehr zu lieben,
Manns genug, um Dir alles Gute zu wünschen,
Manns genug, um Beleidigungen zu vergessen,
weil ich Dir schon verziehen habe.

Na, ob da der verklemmte Olli Kahn mitsingen würde.

Nun noch mal viele Grüße nach Rudolstadt, wo den Tänzern sicher Schnurz Piep egal ist, wer in der nächsten Woche im Halbfinale steht, oder vielleicht doch nicht. Man wird es sehen.

Ein falsches Wembley-Tor oder Der wahre Klassiker

Dienstag, Juni 29th, 2010

Der Klassiker ist gelaufen, aber nicht klassisch wie erwartet, außer vielleicht das Deutschland gewonnen hat. Klassisch wäre gewesen, kraftbetonter Fußball, Kick and Rush, Standardsituationen und -tore oder vielleicht sogar ein Elfmeterschießen. Da ist jetzt sogar der schöne Text des Dramatikers und Lyrikers Albert Ostermaiers in der Welt über die WM als Lügenmärchen für Deutschland nicht mehr wahr und Jogis Einwechslungen sind schon lange nicht mehr so unverständlich wie ein Gedicht von Ostermaier.
Die unerwartete Klassik des England-Spiels bestand in einer wieder erfrischend aufspielenden deutschen Mannschaft mit zwei wunderbar herausgespielten frühen Toren und der plötzlichen kurzen Gegenwehr der Engländer mit Anschlusstor und der Tragik des Frank Lampard, der den Ball in der 38. Minute an die Latte knallte und alle ihn auch deutlich hinter der Linie sahen, zumindest in der Wiederholung der Torkamera. Von einem neuen oder Anti-Wembley-Tor wurde sofort gesprochen und der Videobeweis eingefordert. Vielleicht würde das aber gerade solche Klassiker verschwinden lassen, wenn alles nur noch unfehlbar sicher wäre. Nun könnte man noch den uruguayische Schiedsrichter Jorge Larrionda und seinen Assistenten Mauricio Espinosa als die schwarzen Engel der Gerechtigkeit bezeichnen, ganz wie in den Kontrakten des Kaufmann von Elfriede Jelinek, die nicht für die Gerechtigkeit sorgen können und sich gelangweilt und ignorant abwenden von einer unerschütterlichen Tatsache. Aber es hülfe leider nichts, die Entscheidung des Schiris ist unumstößlich und auch durch einen Antrag auf nachträgliche Anerkennung des Tores an den Petitionsausschuss im Bundestag nicht mehr zu ändern. „Das ist die Ironie der Geschichte“, sagt da nur lapidar Franz Beckenbauer, „Shame on You“ war die Reaktion von David Beckham auf Larrionda nach dem Abpfiff und Englands Coach Fabio Capello konstatierte: „Wir haben Fehler gemacht, aber der Schiedsrichter hat den größten Fehler gemacht.“ An diesen Knick in der Optik des Schiedsrichters wird man sich erinnern noch nach Jahren und nicht an das überragende Konterspiel der Löw-Jungen in der zweiten Halbzeit, das den letztendlich gerechten Einzug ins Viertelfinale gebracht hatte.
Und der Fehlleistungen nicht genug, gab es im anderen Achtelfinale noch ein Abseitstor der Argentinier, die aber dennoch souverän ins Viertelfinale einzogen. Apropos abseits, nun haben wir alle doch noch was dazu gelernt, das nicht mal Delling und Netzer sofort erkannt hatten, beim Abstoß vom Tor gibt es kein Abseits, übrigens auch nicht bei Ecke und direktem Freistoß.
Es ist nun Halbzeit bei der WM, die Vorrunde ist gelaufen und die Viertelfinals sind heute Abend komplett. Der Klassiker gab es auch in der Vorrunde genug, ständige interne Querelen bedeuteten das Aus für Frankreich, der immer währende Catenaccio das für die Italiener, die leider vergaßen vorher das Tor zu schießen. Griechenland ist nun entgültig so alt wie Otto Rehagel immer schon war und fährt verdient nach Hause. Von den vielen guten amerikanischen Mannschaften haben sich nur die südamerikanischen in der ersten K O-Runde durchgesetzt.
Was zeichnet denn nun dieses „We call it a Klassiker“ aus, um wieder mit Franz Beckenbauer zu Kalauern? In der Literatur und im Theater wissen wir es nicht erst seit dem Kanon von Marcel Reich-Ranicki. Es sind Goethe, Schiller und Co., erst Stürmer und Dränger und dann im Alter zumindest bei Goethe klopft die Restauration an die Tür. Es ist der ewige Kampf um eine bestimmte Bedeutungshoheit, sei es um ein Tor, die richtige Aufstellung oder um eine Theaterregie. Zur Zeit kämpft Nis-Momme Stockmann um die Bedeutung des Autors und die Kanonisierung der Dramatik einen klassischen Kampf. Man muss bedingungslos und immer wieder darüber streiten können, das ist der klassische Klassiker. Aber ist es auch der wahre?
Klassiker sind ohne Frage auch unser aller Kommentatorenpaar Delling und Netzer, nur hat ihnen mittlerweile unverhofft ein anderes Pärchen fast den Rang abgelaufen. Nach einem klassischen Fehlstart haben sich KMH und Olli Kahn zu einem ebenso gut auf einander abgestimmten Duo entwickelt und machen mit Sicherheit die besseren Witze, da sich das Konzept Delling ärgert und Netzer tut bemüht beleidigt abgenutzt hat. Mal ganz abgesehen von der Expertenfähigkeit eines Günter Netzer gegenüber Oliver Kahn, in Sachen Steifheit nehmen sie sich nach wie vor nichts, außer das Kahn sich zumindest um Lockerheit bemüht. Und wohin KMH und Olli nach Hause gehen, das wüssten wir dann doch gerne auch noch.
Es gibt übrigens noch zwei echte lebende Klassiker, einen bei der WM der Großen und einen der die kleinen auf diese WM vorbereitet. Die Rede ist von Maradona, dem Trainer der Argentinier, der den Fußball wie kein anderen mit Höhen und Tiefen nun auch auf der Bank auslebt und der andere, da sei noch mal Arkadij Zarthäuser für den Tipp gedankt, ist der Juniorentrainer des DFB, das „Kopfballungeheuer“ Horst Hrubesch, der ungefähr die Hälfte von Jogis Jungs mal unter seinen Fittichen hatte. Der lange als Auslaufmodell gehandelte Ex-Stürmer hat aus den talentierten Nachwuchskickern Aogo, Badstuber, Boateng, Khedira, Marin, Neuer, und nicht zu letzt Özil einen U21 Europameister 2009 gemacht. „Wenn du in die ganzen Gesichter guckst, dann siehst du das Leben“, sagte Hrubesch in einem Interview 2009 . „Es macht einfach Sinn, mit den Jungen zu leben.“ Der sich selbst als Spätzünder bezeichnende Hrubesch hat begriffen, was eine frühe Förderung für die Jungen bedeuten kann und Jögi Löw, einst selbst U21-Spieler, weiß das auch und kann nun davon profitieren. Hrubesch ist so ein wahrer Klassiker, der nicht nur von Bonmots lebt wie Kaiser Franz und Günter Netzer oder mit Stilblüten auffällt wie Uwe Seeler. Er hängt nicht mit seinen Gedanken im Gestern, sondern steht mit beiden Beinen im Hier und Jetzt. Das hat dann auch wirklich Klasse.
Das Zeug zum Klassiker zu werden, hat nicht erst seit dem England-Spiel nun auch der Wunderknabe im Mittelfeld Thomas Müller und das nicht nur wegen seines Namens. Er ist von der 2. Mannschaft der Bayern direkt zur Nationalmannschaft gestoßen. Ein weiterer Beweis für gelungene Talentförderung. Kleines dickes Müller ist jetzt groß und schlank aber ebenso torgefährlich wie der so vom damaligen Trainer Zlatko Cajkovski bezeichnete ehemalige Bayernstürmer und Nationalspieler Gerd Müller. Bleibt zu hoffen, das sich alle unsere jungen Spieler diese Frische durch das ganze Turnier bewahren können und nicht anfangen die eigenen Taten in den Himmel zu heben oder aber auch irgendwann zu tragischen Klassikern werden, wie England und heute die Portugiesen, die wieder im entscheidenden Spiel gegen Spanien keine Tore geschossen haben und vorher in einem Spiel gegen Nordkorea genügen für das ganz Turnier zusammen.
Also dann bis Samstag, Argentinien und die Hand Gottes warten. Noch so ein Klassiker.

Geschafft, oder das Glück eines Serben

Donnerstag, Juni 24th, 2010

Geschafft, die Nerven wie der Einzug ins Achtelfinale. Mezut Özil macht es Lukas Podolski nicht nach und trifft beim zweiten Versuch. Das war knapp und Ghana hat auch mitgeholfen. Sie haben das Serbienspiel nachgemacht, nur das sie diesmal diejenigen waren, denen das Glück anscheinend fehlte. Trotzdem sind beide weiter und Ghana hat vielleicht sogar das bessere Los gezogen. Mit ihnen ist doch noch ein glücklicher Serbe im Rennen und Afrika kann weiter den großen Traum vom Titel träumen. Da vergessen auch schon mal Gerhard Delling und Günter Netzer kurz ihren Dauerstreit, ihnen ist ein riesiger Stein vom Herzen geplumst. Vielleicht geht Netzer nun auch wirklich noch am Sonntag in Südafrika zum Friseur. Oder doch erst wenn Deutschland Weltmeister wird?

Erstmal gibt es jedoch den Klassiker, für den angeblich die WM geschaffen wurde, laut englischen Fans und man sollte sich in der deutschen Mannschaft schon mal nach guten Elfmeterschützen umsehen. Bei England scheint zumindest der Knoten geplatzt zu sein, auch wenn gerade mal ein Tor zum weiterkommen gereicht hat. Wayne Rooney ist schon ganz scharf aufs Deutschlandrauswerfen, nur das er dafür auch das Tor treffen müsste. Die Statistik spricht ebenfalls mal wieder gegen England und den Spruch von Gary Lineker kennen ja auch alle.

Vielleicht ist das aber alles sowieso umsonst, da im Viertelfinale eh die Hand Gottes wartet. Maradona ist mit seinen Argentiniern durchmarschiert und gibt Otto Rehagel zum Abschied Küsschen. Im Anschluss regt aber gerade er, der große Fußball-Schauspielregisseur, sich über das fehlende Fairplay, den Ball und auch noch über den Schiedsrichter auf. Ja, der Schiedsrichter ist wohl mal wieder das schwarze Schaf der WM. Kartenspieler, Sheriffs etc., Ottmar Hitzfeld der Trainer der Schweizer will sie sogar lieber am Strand pfeifen sehen. Da können sich seine Jungs ja auch vielleicht bald ausruhen.

Mit den Griechen müssen auch die Franzosen als erster Favorit vorzeitig nach Hause. Sie haben für mehr Aufsehen auf dem Trainingsplatz als auf dem WM-Rasen gesorgt. Ob noch ein weiterer Großer gehen muss, wird sich bald zeigen. Eins ist aber sicher, die südamerikanischen Mannschaften bestimmen das Geschehen und ein Finale Argentinien gegen Brasilien wird immer wahrscheinlicher oder hat da Ronaldo noch was dagegen zu setzen? Wuwu Sellers Leser wissen mehr.

Fußballpsychologien, fehlende Fußballgötter und kontinentale Verschiebungen

Sonntag, Juni 20th, 2010

Das Glück scheint sich abgewendet zu haben, nach dem furiosen Auftakt der jungen deutschen Mannschaft, ein ernüchternder und unglücklicher Rückschlag gegen Serbien. Der Balkan als großes Rätsel und Angstgegner der Deutschen? Hier hilft wohl nur noch Tiefenpsychologie weiter, wenn man den Journalisten und Spielexperten glauben will. Diese selbsternannten Fußballphilosophen tappen aber immer wieder im Dunkeln und zerren alte Statistiken heraus. Rein statistisch gesehen, so ihre These, ist also noch alles möglich, haben doch deutsche Mannschaften in der Geschichte der WM nach Niederlagen in der Vorrunde immer das Finale erreicht und sind so auch 3 mal Weltmeister geworden. „Im Fußball verkompliziert sich alles durch das Vorhandensein der gegnerischen Mannschaft.“ hat schon Sartre, der heimlich auch Fußball guckte, konstatiert. Er hat sogar philosophische Schriften zum Kicken verfasst, worin er erkannte, das zu viel Analyse und taktische Vorbereitung nicht zum Ziel führen, da alle möglichen Varianten eines Fußballspiels nicht vorherbestimmt werden können. Es würde kein vernünftiges Spiel zustande kommen und man verliere zwangsläufig. Sollte das nicht Jogi Löw mal lesen? Da ist scheinbar also auch viel Psychologie mit im Spiel oder ist doch eher der Zufall am Werk. Das Fußballspiel als Darstellung des großen Ganzen im Kleinen? So sieht es wohl der Philosoph Peter Sloterdijk. Der Fußball als Metapher für „…die Ungerechtigkeit des Glücks“. Oder ist es das menschliche Versagen? Murphys Gesetz, alles was schief gehen kann, geht auch schief. Podolski schießt im ganzen Spiel daneben und nimmt sich auch noch den Ball zum Elfmeter. Er hat mit seinem verschossenen Strafstoss die Antithese der Angst des Torwarts vorm Elfmeter bestätigt. Psychologisch ist der Torwart im Vorteil, er hat nichts zu verlieren, wenn er ruhig bleibt. Rein statistisch scheint der Schütze im Vorteil, zu sein, ist aber eher dem Druck des Versagens ausgesetzt. Er hatte eine schlechte Saison, trifft im ganzen Spiel nicht das Tor und hätte darum nicht schießen sollen, weiß ein echter Fußballpsychologe im Radio zu erzählen.

Also schlechtes Karma, ist uns der Fußballgott abholt? Schauen wir uns dazu nun noch das Abschneiden der anderen vermeintlich starken Nationen in der Vorrunde an. Da kommt einem schon ein Verdacht auf, wenn man sich die Fußballmannschaften des amerikanischen Kontinents anschaut, die Spiele Chiles, Mexicos, Paraguays, der USA und auch noch das bisher eher mäßige Auftreten der Brasilianer zeugen davon. Nicht zuletzt schaue man sich noch Maradonas Argentinier an, der große Trickser mit der Hand Gottes im Bunde, die nicht mehr über Europa zu ruhen scheint, sondern auf dem anderen Kontinent jenseits des Atlantiks. Dagegen ist Frankreich so gut wie am Ende, liegt England fast am Boden, Portugal und Spanien enttäuschen, ein WM-Titel scheint da in weiter Ferne und Italien hat sich bisher auch nicht mit Rum bekleckert, lediglich in der Holland-Gruppe scheint alles nach Plan zu laufen. Wenn sich die Oranjes auch mehr von Spiel zu Spiel mogeln, hat doch Dänemark gezeigt, das man ein schlechtes Spiel noch mal korrigieren kann. Sogar Ottos müde Griechen haben sich wieder gerappelt. Unsere Jungs haben es also nach wie vor in der eigenen Hand und so sollten sie allen psychologischen Ballast abwerfen und was auch immer für Gründe nach der Niederlage gefunden wurden, schlechter Schiedsrichter, Unerfahrenheit, Pech oder Übermotivation, alle sogenannten Experten im Spiel gegen Ghana Lügen strafen.

Und zum Schluss noch ein bekannter französischer Philosoph, Albert Camus, der nebenbei auch noch ein ausgezeichneter Fußballtorwart war: „Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.“ Wenn das auch etwas pathetisch klingt, vielleicht nehmen sich das zumindest die Franzosen ja noch zu Herzen. Immerhin gibt es einen in der deutschen Mannschaft, der das lebt. Philipp Lahm hat den Druck von den jungen Spielern genommen und sich die Schuld für das Versagen gegeben. Das hat eine gewisse Größe, die einem Kapitän Ballack eher fehlte.

Also am Mittwoch wissen wir mehr, bis dahin verbleibe ich als Ihr Dr. h.c. phil. Wuwu Sellers.