“Wer hat Angst vor Hugo Wolf?” und “Bilder deiner großen Liebe” – Zwei bemerkenswerte Musiktheaterabende in Zürich

Mai 24th, 2016

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? Herbert Fritsch macht sich am Schauspielhaus Zürich virtuos komisch über die romantische Liedkunst her

Wer hat Angst vor Hugo Wolf_Schauspielhaus Zürich_Schaukasten

Schaukasten Schauspielhaus Zürich
Foto: St. B.

Hugo Wolf (1860-1903) ist ein Bruder in Körper und im Geiste eines Franz Schubert, was von der Syphilis bis zum düster melancholischen Wesensart der Liedkomposition reicht. Ein wenig Wahn war bei Wolf auch mit im Spiel. Das ist zunächst kein Grund sich über den Spätromantiker und Wagnerianer Wolf zu erheben, der zu Lebzeiten ähnlich wie Schubert nicht viel galt, aber die gesamte Sehnsuchts- und Schmachtpallette der Dichtkunst deutscher Romantik von Goethe über Mörike, Eichendorff, Fallersleben und Heine bis zu Keller vertont hat. Das romantische Kunstlied ist nun im Kunstschredder von Dada-Wicht Herbert Fritsch, der sich am Geburtsort der sinnverneinenden Kunstvernichtung Zürich allen Ernstes fragt:  Wer hat Angst vor Hugo Wolf?

Als Referenzen stecken da sowohl das bekannte Albee-Drama Wer hat Angst vor Virginia Woolf als auch das Skandal-Gemälde von Barnett Newman Who’s afraid of red, yellow and blue, ein Hauptwerk des Abstrakten Expressionismus, auf dem die Primärfarben Rot, Gelb und Blau als monochrome Farbflächenvariation streifenartig nebeneinander angeordnet sind. Ähnliches hat man Wolfs Kompositionen vorgeworfen, die angeblich leitmotivisch aus der Variation einer einzigen musikalischen Phrase bestünden. Diese These greifen auch Herbert Fritsch und sein Musiker Carsten Meyer unterstützt von der Berliner Sängerin Ruth Rosenfeld für die Arrangements des Zürcher Liederabends auf.

Herbert Fritsch, Regisseur - Foto (c) Thomas Aurin

Herbert Fritsch, Regisseur
Foto (c) Thomas Aurin

Auf Fritschs Bühne kreiseln drei spiegelnde Farbwände in besagtem Rot, Gelb und Blau, die auch gegeneinander um die eigene Achse gedreht werden können. Eine gut illuminierte Showbühne, auf der noch ein schwarzer Flügel steht, den Pianist Carsten Meyer in Las-Vegas-Kostüm virtuos bedient. Das erinnert in den Farben auch ein wenig an Fritschs Dieter-Roth-Abend Murmel, Murmel an der Berliner Volksbühne und in der schrägen Textzusammenstellung an den Konrad Bayer-Abend der die mann, für den der Regisseur gerade erst beim Berliner Theatertreffen mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde.

Fluxus und Dada halten sich in Zürich aber in Grenzen zu Gunsten von sieben Damen mit wunderbaren Gesangsstimmen, die die Bühne zunächst in schwarzen Anzügen mit angeklebten Bärtchen ganz wie die Comedian Harmonists erobern und zu einer Ouvertüre mit Mörikes Du bist Orplid, mein Land! / Das ferne leuchtet ansetzen. Damit legen Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld und Carol Schuler gleich zu Beginn das schöne, große Pathos frisch ironisierend frei.

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie - Foto: Wikipedia

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie
Foto: Wikipedia

Sieben singende Frauen und ein böser Wolf, eine ebenso romantische Märchen-Assoziation wie Steilvorlage für Fritschs witzige  Blödeleien. Und gemäß Goethes Diktum des ewig Weiblichen übernehmen sie die Regie und geben sie bis auf kurze Momente in denen Carsten Meyer seinen Flügel mit Jazzbesen bearbeitet, nicht wieder aus der Hand. Neben der modern arrangierten Musik des Komponisten Wolf. Weiteres bestimmendes Element sind die wie immer absurden, slapstickartigen Choreografien, die sich im Wechsel der Kostüme, Lichter und Schatten um die drei Wände drehen.

Fritsch dekonstruiert wahnwitzig Text und Musik indem er Mörikes Selbstgeständnis Ich bin meiner Mutter einzig Kind im sich überschlagenden Schnellsprech aufsagen lässt, eine Gruppe Geishas in Phantasiekimonos zu Ich esse nun mein Brot nicht trocken mehr aus dem Italienischen Liederbuch performen, oder Mörikes Frühling lässt sein blaues Band mit Marschmusik unterlegt wird.

Wandern lieb ich für mein Leben von Eichendorff ergeht es nicht viel anders als Ein Stündlein wohl vor Tag von Mörike oder gar Goethes Prinz Pipi. Sie werden durch den Fritsch’schen Lieder-Wolf gedreht. „So la la! Le ralla!“ Und auch der potentielle Rezensent bekommt sein Fett ab, wenn er von Anne Ratte-Polle mit Mörikes Abschied verbal rasch die Treppe hinab gegangen wird.

Die sieben Damen in abgestuften Komplementärfarb-Kostümen lassen nichts aus, um die Hör- und Sehgewohnheit des Bildungsbürgers zu verunsichern. Dass das nur bedingt gelingt, liegt sicher an der grandios perfekten Darbietung, die 90 Minuten bestens unterhält, aber auch etwas zu sehr nur schöne Oberfläche bleibt. Wenn die Sieben immer wieder unermüdlich das Erschrecken voreinander variierenden um die sich drehenden Wände hasten und am Ende wie Minz und Maunz warnend die Hände erheben, so lässt sich das Publikum nicht von einem Laß, o Welt, o laß mich sein! beirren,  und will unbedingt mehr davon. Zugabe gab‘s sofort bei der typischen Applausordnung.

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? (06.05.2016)
von Herbert Fritsch
Uraufführung am 23.04.2016 im Schauspielhaus Zürich
Regie: Herbert Fritsch, Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Helmi, Musikalische Leitung: Carsten Meyer und Ruth Rosenfeld, Dramaturgie: Amely Joana Hag
Mit: Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Carsten Meyer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause.

Termine: 25. und 31.05. / 07., 23., 24. und 30.06.2016

Infos: http://www.schauspielhaus.ch

Zuerst erschienen am 08.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Bilder deiner großen Liebe – Sandra Hüller rockt am Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus Wolfgang Herrndorfs unvollendetem Roman

Bilder Deiner Grossen Liebe_Theater Neumarkt_Montage

(c) Theater Neumarkt

Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Dr. Martins – die Schauspielerin Sandra Hüller performt am kleinen Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus dem nachgelassenen und unvollendet gebliebenen Roman Bilder deiner großen Liebe des 2013 verstorbenen Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. In einem krachigen Intro, an Gitarre und Schlagzeug von den Musikern Moritz Bossman und Sandro Tajouri begleitet, hält Hüller mit dem Finger eine imaginäre Sonne an. Isa, Herrndorfs Hauptfigur und Herrscherin in ihrem Universum, macht sich eines Tages aus der Psychiatrie mit zwei Tabletten und ihrem Tagebuch im Gepäck durchs Fenster aus dem Staub. „Steigt man aus dem Fenster, gelangt man in einen Raum wie in seinem eigenen Inneren.“ sagt Isa im Roman, und aus diesem Inneren holt die 14jährige den phantasievollen, poetischen Soundtrack ihres ganzen kurzen Lebens.

2015 hatte die Uraufführung der Bühnenfassung von Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Auch der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer nahm im Januar dieses Jahres Koalls Adaption als Vorlage für seine Inszenierung am Hans Otto Theater. Tom Schneider überführt nun die Text-Vorlage für die Schweizer Erstaufführung in eine Art Spoken-Words-Performance mit Live-Musik. Bühnenbildner Michael Graessner hat ihm dazu eine Studio-Installation mit wirr verlegtem Kabelsalat, abgehängten Skulpturen und Zimmerpflanze für Isas Wald geschaffen.

Innen und außen sind hier nicht klar definiert. Erinnertes aus dem Leben der Protagonistin, wie die widersprüchlichen Geschichten über den Vater, oder ein filmreifer Serienplot über eine auf die Rückkehr eines Soldaten aus Afghanistan Wartenden stehen neben unglaublichen Begegnungen mit geilen Fernfahrern, einem älteren Schriftsteller oder der Fahrt mit einem Flussschiffer. Finden dies Gespräche mit so fantastischen Figuren wie dem taubstummen Jungen nur im Kopf Isas statt, oder ist es tatsächlich Erlebtes? Realität verschwimmt hier mit Fiktion wie Gesprochenes mit dem Gesang.

 

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt - Foto (c) Niklaus Strauss

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt – Foto (c) Niklaus Strauss

 

Sandra Hüller agiert mit Mikro, selbstgesteuerten Lichteffekten, Verzerrer und Hall. Sie demonstriert ziemlich anschaulich diese zwei Welten Isas – die dunkle und die andere – schont sich nicht dabei und lotet in ihrer Performance immer wieder die Grenzen der Repräsentation und Interaktion mit dem Publikum aus. Es ist letztendlich wie in einem echten Konzert, bei dem die Sängerin ihr Innerstes sehr emotional nach außen stülpt. “My Heart is a Graveyard” singt Sandra Hüller zur Szene, in der Isa auf dem Friedhof vor dem Grab eines jung Gestorbenen steht. In der Szene, in der sie einen toten Jäger im Wald findet, kriecht sie in einen am Boden liegenden Pelzmantel.

Der Wegfall von so zentralen Episoden wie die im Haus des Schriftstellers, der seine Tochter verloren hat, oder die sehr lange epische Passage mit dem Flussschiffer werden vielleicht einige verwundern, die den Roman zuvor bereits gelesen haben. Regisseur Schneider scheint es aber vor allem um die Gedanken und Reflexionen Isas zu gehen, die sich viel um Einsamkeit und den Wunsch nach Geborgenheit drehen. Mit taffer Souveränität überspielt sie diese Unischerheit immer wieder mit ihrer selbstgewählten Außenseiterrolle. Hüller nutzt das ein ums andere Mal zur ausgestellten Pose, die die eigentlich zarte und barfüßige Isa ins imaginäre, schützende Leder einer Rockdiva kleiden.

Gegen das Schreien und die volle Verausgabung stehen sehr persönliche, entblößende Momente, in denen Sandra Hüller auf einem Tennishochsitz über das Alter, das Erinnern und die Liebe spricht. Sehr offen performativ auch die Schilderung der Begegnung mit den aus Herrndorfs Tschick bekannten Jungen, die hier von den beiden Musikern wie bei einem improvisierten Interview gespielt werden. Der Russe und der schüchterne Blonde, in den sie sich verliebt und er auch in sie. Nur weiß er das eben noch nicht, wie Isa erzählt. Hier ist sie ganz weich und legt die schützende Haut ab, auch wenn das nur für Minuten ist, bevor sie wieder an der Abrisskante steht und in den Abgrund blickt.

Die großartige Sandra Hüller bietet eine überzeugende Soloperformance, die auch ein großer Abend für das kleine, im 50. Jahr seines Bestehens von Finanzierungsunbill bedrohte Theater Neumarkt ist.

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Bilder deiner großen Liebe
von Wolfgang Herrndorf, Bühnenfassung von Robert Koall
Regie: Tom Schneider
Bühne und Kostüme: Michael Graessner
Dramaturgie: Inga Schonlau
Musik: Moritz Bossmann, Sandro Tajouri, Sandra Hüller
Mit: Sandra Hüller, Moritz Bossmann, Sandro Tajouri
Premiere der Schweizer Erstaufführung war am 28.04.2016 im Theater Neumarkt
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Termine: wieder in der nächsten Spielzeit

Infos: www.theaterneumarkt.ch/home.html

Zuerst erschienen am 10.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Faustens düstere Brüder im Geiste – Schillers “Wallenstein” an der Berliner Schaubühne und Ibsens “Peer Gynt” am Hans Otto Theater Potsdam

Mai 18th, 2016

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Spät kommt er, aber er kommt zu spät – Michael Thalheimer inszeniert Schillers Wallenstein als müden Melancholiker

 

Wallenstein von Friedrich Schiller Schaubühne am Lehniner Platz Premiere: 05.05.16 Regie: Michael Thalheimer Bühne: Olaf Altmann Kostüme: Nehle Balkhausen Musik: Bert Wrede Szene mit: Regine Zimmermann, Ingo Hülsmann

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto (c) Katrin Ribbe

Schwerer Nebel begleitet einen schon beim Einlass zu Michael Thalheimers Wallenstein-Inszenierung an der Berliner Schaubühne. Es ist erst mal nicht viel zu sehen. Düster und brachial haut einen dann auch Bert Wrede seinen gewohnten Bombast-Sound um die Ohren und in die Magengrube. Dazu gibt es einen minutenlangen Prolog mit nackten, blutigen Leibern, die sich um einen vom Schnürboden hängenden halben Pferdekadaver drängen. Der andere Teil, bald ebenso totes Fleisch, sitzt regungslos in Militäruniform mit Orden behangen in einem Lehnsessel am Rand. Es ist Feldherr Wallenstein, Herzog von Friedland, über dessen letzte Tage während des Dreißigjährigen Kriegs Friedrich Schiller eine tagfüllende Trilogie geschrieben hat. Peter Stein hat sie vor Jahren komplett aufgeführt mit einem umherstolzierenden Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle.

Ingo Hülsmanns Wallenstein sitzt fast drei ununterbrochene Stunden lang zusammengesunken sinnierend, während sich um ihn ein Ränkespiel um Macht, Rache und Verrat entspinnt, in das der sein Geschick an die Konstellation der Sterne Hängende viel zu spät tätig eingreifen wird. Hinter ihm steht sein Astrologe und diabolischer Einflüsterer Seni (Lise Risom Olsen). Er hält ihn eisern an der Schulter, bleierne Gewichte scheinen den böhmischen Kriegsherrn im Dienste des österreichischen Kaisers auf seinem Stuhl niederzuhalten. Er grollt und brüllt nur an, was ihm vors halb gesenkte Haupt kommt: vom kaiserlichen Gesandten über die Gefolgsleute bis zu Frau und Tochter.

Regisseur Thalheimer lässt auf der fast ständig halbdunklen, einem Käfig aus Gitterwänden und Boden gleichenden Bühne von Thomas Altmann eine Geschichte von unabwendbarem Schicksal und fataler Selbstüberschätzung spielen, als würde alles nur auf das eine klare Ziel hinauslaufen: Wallensteins Tod. Der Heidelberger Literaturprofessor Dieter Borchmeyer liefert die entstehungsgeschichtlichen Hintergründe zum Drama und eine These zur Verwandtschaft von Schillers Wallenstein zu Goethes Faust, dem melancholischen Bruder im Geiste – ein Essay über den Zusammenhang der beiden Dramen der Weimarer Klassik in ihrer epischen Form sowie den der Sterndeutung mit der Temperamentlehre. Viel wird in beiden Dramen von Schicksalsmacht, geistigen und materiellen Befindlichkeiten geredet, allein drei Stunden Wallenstein lassen sich damit kaum füllen. Da muss auch noch mächtig der Intrigenapparat angeworfen werden.

 

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (c) Katrin Ribbe

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Katrin Ribbe

 

Das Thalheimer‘sche Schauspielpersonal geht dafür immer wieder an die Rampe, um den großen Text Schillers frontal ins Publikum zu sprechen, den man auch in ausgedünnter Form noch genießen und eine Strichliste der geflügelten Worte führen kann. Politischer Erfolg und Verrat liegen hier dicht beieinander, die intriganten Akteure Illo (Andreas Schröders) und Graf Terzky (Felix Römer) pro Wallenstein, Octavio Picolomini (Peter Moltzen) und später Buttler (Urs Jucker) gegen ihn sind im sprachlichen Diktum kaum auseinanderzuhalten. Verschlagenheit, Hass und Furcht vor der eigenen Entschlossenheit lassen sie zudem zappeln, grimassieren und irre lachen.

Ein paar Abstufungen gibt es schon, die das düstere Einerlei der Kostüme durchbrechen. Regine Zimmermanns Gräfin Terzki versucht in wechselnd aufreizender Garderobe zu verführen und greift dem müden Feldherrn auch mal ans Gemächt. Das verhinderte Liebespaar Thekla (Alina Stiegler), Tochter Wallensteins, und Max (Laurenz Laufenberg), Sohn des Octavio Picolomini, trägt noch unbeflecktes Weiß, der jugendliche Idealismus lässt grüßen, hat aber gegen die Abgeklärtheit des Alters nicht viel zu melden.

Sich gegen die Treue zum Kaiser zu entscheiden, um einen Frieden mit den Schweden zu auszuhandeln, hat für Wallenstein auch ganz persönliche Gründe. Er fühlt sich zu Höherem berufen. Seine Entscheidungsarmut erinnert aber nicht nur an das Konfliktaussitzen aktueller Politiker, es hat auch etwas von Shakespeares Hamlet, der lange nicht die richtige Seite findet und am Ende durch die Ränke der anderen fällt. So ist es letztendlich auch mit Wallenstein. Vom einen verraten, vom anderen blutig gemeuchelt und aufs tote Pferd gesetzt, gerät der Stern des selbsternannten Cesaren ins Trudeln. Aber auch der Nachfolger im Sessel hat schon wieder den Einflüsterer vom Anfang im Nacken.

Das ist stringent, ohne große Umschweife und durchaus schlüssig erzählt. Michael Thalheimer beendet mit Schillers Wallenstein seine eigene blutige Kriegstrilogie, die von der antiken Orestie über die mittelalterlichen Nibelungen bis in den Dreißigjährigen Krieg reicht. Die Kriege der Gegenwart und Zukunft stehen hier nicht zur Debatte, man muss dafür aber nicht erst die Sterne deuten.

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WALLENSTEIN (Schaubühne am Lehniner Platz, 05.05.2016)
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Bernd Stegemann
Licht: Norman Plathe
Besetzung: Wallenstein … Ingo Hülsmann Octavio Piccolomini … Peter Moltzen Max Piccolomini … Laurenz Laufenberg Graf Terzky … Felix Römer Illo … Andreas Schröders Buttler … Urs Jucker Isolani, Gefreiter … David Ruland Questenberg, Wrangel … Ulrich Hoppe Seni … Lise Risom Olsen Herzogin von Friedland … Marie Burchard Thekla … Alina Stiegler Gräfin Terzky … Regine Zimmermann
Premiere war am 05. Mai 2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: 3 Stunden, keine Pause
Weitere Termine: 10. – 12. 6. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 07.05.2016 auf Kultura-Extra.

 

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Peer Gynt Alexander Nerlich inszeniert Henrik Ibsens dramatisches Gedicht in Potsdam als düsteres Psychogramm einer gespaltenen Persönlichkeit

Das 1867 von Henrik Ibsen geschriebene dramatisches Gedicht Peer Gynt ist als großes Ichdrama die kongeniale Übersetzung des Faustmotivs in die Gegenwart des modernen Menschen. Nicht umsonst wird es weithin auch als „Faust des Nordens“ bezeichnet. Peer Gynt treibt als einziger Lebenszweck die permanente Sucht nach Selbstfindung und -bestätigung an. Dabei bewegt ihn weniger die Suche nach dem, was die Welt im Inneren zusammenhält, sondern der unbedingte Wille zum Erfolg. Der Außenseiter Peer muss besser sein als alle anderen, die in ihm nur den Verlierer und Träumer sehen. Er ist sich dabei sein eigener Mephisto, eine höchst ambivalente Gestalt, die mit sich selbst ringt.

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam - Foto © HL Böhme

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam – Foto © HL Böhme

Ich-sein oder Nicht sein – was Ibsen zunächst in nordische Mythen von Geistern und Trollen verpackt, später mit frühkapitalistischen Motiven des Geld- und Sklavenhandels sowie philosophischen Metaphern von sich häutenden Zwiebeln und Knopfgießern anreichert – ist für Regisseur Alexander Nerlich das Psychogramm einer manischen, tief gespaltenen Persönlichkeit. Und daher begegnet sich der Peer Gynt am Potsdamer Hans Otto Theater auch immer wieder selbst auf der von Wolfgang Menardi als schwarze Bretterschräge gestalteten Bühne, die seitlich mit ebenso schwarzen Plastikplanen abgehängt ist und in deren Mitte immer wieder ein dunkles Loch droht, das mal mit einfachen, schwarzen Brettern oder später mit goldenen Vorhängen umsäumt wird.

Schon in einer surrealen Eingangsszene stehen sich Bernd Geiling als gealterter Peer aus dem 5. Akt und Alexander Finkenwirth als sein junges Alter-Ego und unheimlicher fremder Passagier in grünen Friesennerzen auf hoher See gegenüber. Der Fremde will Peer Gynt nicht die Seele dafür aber dessen Kadaver abhandeln. „Vor allem suche ich den Sitz der Träume.“ Später wird Finkenwirth als junger Peer mit dem unsichtbaren Krummen, dargestellt von Bernd Geiling, erneut mit sich selbst ringen. Der Weg führt außen rum, immer an sich selbst vorbei. Diesen jungen Peer spielt Alexander Finkenwirth als ungestümen Träumer, der sich in seine Geschichten verstrickt und die Hochzeitgesellschaft der schönen Ingrid (Denia Nironen) aufmischt. Von Mutter Aase (Rita Feldmeier) wird er zwar als Lügner beschimpft, sie nimmt ihn aber auch immer wieder gegen die anderen in Schutz. Aus der Enge der spießigen Bretterbudengesellschaft mit Luftballons und Schlauchboothüpfburg, in die er erst unbedingt hinein will, bricht Peer schnell wieder mit der gestohlen Braut aus.

Im ersten Teil des Abends bleibt Regisseur Nerlich ungewohnt lange bei der heimischen Vorgeschichte des Titelhelden und seiner Mutter Aase, bis Peer sie schließlich in seinen Armen mit schönen Märchen in den Himmel wiegt. Er trifft ein schwarz bemaltes Troll-Ballett, wird zum wilden Tanz gebeten und flieht wieder. Mit der Akkordeon spielenden Solvejg (Franziska Melzer) geht Peer in die Wälder und baut sich eine Hütte aus schwarzen Schlauchbooten. Letztendlich verlässt er aber seine Liebe, um in die Welt zu ziehen. Sei dir selbst genug, ist nicht genug für Peer. Das ist äußerst intensiv gespieltes Theater mit einem ausdrucksstarken Alexander Finkenwirth, der bis zur Pause stetig präsent bleibt. Mal ist er feinfühlig Liebender, dann wieder Ego-Rampensau. Die frisch gereimte, mitunter kalauernde Übersetzung von Angelika Gundlach bietet hier und da auch einige passende Anspielungen zum Theater.

 

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam - Foto © HL Böhme

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam – Foto © HL Böhme

 

Nach der Pause übernimmt Bernd Geiling den Part des nun weit umher und durch Sklavenhandel zu Geld gekommenen Peer Gynt. Ein Lebenszyniker, der mit solariumsgebräunten Bussiness-Chargen (Michael Schrodt, Eddie Irle und Philipp Mauritz in noch vielen weiteren Rollen) an einer Tafel mit schwarzer Plane und Hirschkadaver hockt, und über sein Leben sinniert. Er spielt weiter den „geilen Hahn“, wird von der orientalischen Schönheit Anitra (Denia Nironen) am Gängelband geführt und landet schließlich im Irrenhaus, wo man ihm sein Ich streitig macht. Das ist die wohl stärkste Szene des zweiten Teils, der sonst fast diametral zum intensiven ersten wirkt. Aus dem Loch steigen drei weitere Peers und verwickeln Bernd Geiling in ein wildes Tänzchen des gespaltenen Individuums.

Ein wahrlich faustischer Moment. Den passenden Sound dazu gibt’s von Malte Preuß, der zwischen düsterem Pop, Ambient und Klassik schwankt. Auf schwankenden Planken und Planen bewegt sich auch Peer auf seinem Weg nach Hause, wo er seiner Beerdigung beiwohnt, sein Leben wie eine Zwiebel häutet und unter den Brettern der Welt nur Sand findet. Fast wie im Schnelldurchlauf zieht sein Leben, von dem er glaubte, es ende nie („Man stirbt nicht mittendrin im 5. Akt.“), an ihm vorüber. Doch schon unter der schwarzen Tafel hockt wieder sein jüngeres Alter-Ego, das ihn nicht in Ruhe lässt und schließlich später, wenn er verarmt wieder daheim angekommen ist, als Knopfgießer (Alexander Finkenwirth) einfach als misslungen umgießen will. Erst in den Armen Solvejgs, die ihn in den letzten Traum wiegt, findet der vom eigenen Ich Verfolgte so etwas wie innere Ruhe und ein durchaus bemerkenswerter, gut drei Stunden lang sämtliche Höhen und Tiefen seiner Hauptperson auslotender Abend sein stilles Ende.

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Peer Gynt (29.04.2016)
von Henrik Ibsen Deutsch von Angelika Gundlach Regie: Alexander Nerlich
Bühne und Kostüme: Wolfgang Menardi
Musik und Sounddesign: Malte Preuß
Choreografische Mitarbeit: Alice Gartenschläger
Dramaturgie: Helge Hübner Mit: Alexander Finkenwirth, Bernd Geiling, Rita Feldmeier, Franziska Melzer, Denia Nironen, Michael Schrodt, Eddie Irle, Philipp Mauritz
Premiere war am 23.04.2016 am Hans Otto Theater Potsdam Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Termine: 18. und 29.05. / 03.06.2016

Info: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 03.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Entdramatisiertes Retrotheater mit Peter Handke und René Pollesch am Berliner Ensemble und an der Volksbühne

Mai 11th, 2016

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Langer Titel, langes Warten, Langeweile – Nach Wien biegen Claus Peymann und Peter Handke mit Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße endlich am Berliner Ensemble in die Zielgerade

Die Unschuldigen_BE-Plakat

Foto: St. B.

Peter Handke hat sich etwas Zeit gelassen. Bereits seit Längerem konnte man auf der Website des Berliner Ensembles lesen, dass Claus Peymann die Inszenierung eines neuen Stücks des österreichischen Schriftstellers und Dramatikers, mit dem ihn eine langjährige Hassliebe verbindet, plane. Vor einem Jahr wurde dann freudig die Uraufführung für Januar 2016 am Wiener Burgtheater, an dem Claus Peymann 13 lange Jahre selbst Direktor war, angekündigt. Ein durchaus denkwürdiges Ereignis, ist es doch nun immerhin auch schon wieder 17 lange Jahre her, dass Peymann Wien samt Hose sowie anderem toten und lebenden Inventar in Richtung Berlin verlassen hat.

Fast ebenso lang ist auch Peymanns Liste mit Handke-Uraufführungen, angefangen mit der 1966 am Frankfurter Theater am Turm uraufgeführten Publikumsbeschimpfung. Recht lang ist auch der Titel ihrer 11. Zusammenarbeit, und ein wenig geschimpft wird auch hier. Peter Handke hat mit Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (auf 180 Seiten) eine mal in poetischem, dann wieder gebräuchlichem Prosa-Ton anklagende bis selbstironisch klagende Suada (in vier Jahreszeiten) auf die moderne Welt und die darin „unschuldig“ umherstreifende Menschheit geschrieben. Der Autor bedient sich dabei so manchem literarischeren Zitats und einiger Anspielungen an den herrschenden Dramenkanon von der Bibel über Shakespeare und Goethe bis hin zu Brecht.

Ein zunächst einsames Ich, das sich immer wieder in einen Ich-Erzähler und ein Ich, der Dramatische spaltet, wandert mit Rucksack auf einer ebenso einsamen Landstraße. Es ersehnt und flieht die Menschen, beschimpft sie z.B. als (Achtung Kalauer) „Pack, Doppelpack, Tetrapack“ und wartet auf die eine Unbekannte, die ihn erlöst. Der poetisch-prosaische Ich-Wandersmann, den Claus Peymann ins Rennen schickt, ist Christopher Nell, gut bekannt als wahn-wütiger Hamlet des Leander Haußmann und wahn-witziger Mephisto des Robert Wilson. Hier ist Nell ganz der lustige Kerl mit leichten Anwandlungen zum Rumpelstilzchen. Während das Ich auf der Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann mit geschwungener und beleuchteter Kurve wandelt, fabuliert es sich beim Gehen so seine Theater- und Menschheitsgeschichte hin, denn nichts zu suchen, das war sein Sinn.

 

die Unschuldigen ... am BE - Foto (c) Monika Rittershaus

Die Unschuldigen … am BE – Foto (c) Monika Rittershaus

 

Es läuft ihm dann alles mehr wie zufällig und dennoch recht erwartbar über den Weg. Allerdings ist dieses Stück Straße im dramatischen Nirgendwo auch eine theatrale Sackgasse, und das ist zunächst nicht mal abschätzig gemeint. Mit ein bisschen Fingerschnipsen entstehen Theaterdonner und Blitze, Vogelgezwitscher; und eine ruinöse, aufgelassene Bushaltestelle fährt aus der Unterbühne hoch, die sich das Handke-Ich als elfenbeinernen Ausguck wählt, auf dem es wachträumt oder von dem es immer wieder über die vorbeiziehenden Sprechblasenkrebse, tätowierten Schwimmlehrer, Gegoogelten, Rundinformierten und sämtlich Smartphoneabhängigen vom Planeten der Traumlosen, die ihm einfach nicht zuhören wollen, mit fast schon oberlehrerhaftem Tonfall herzieht.

Das schlägt natürlich auch mal in die andere Richtung aus. Mit dem Häuptling und der Häuptlingsfrau gibt es so etwas wie einen weiblichen und einen männlichen Gegenpart, die die nicht wenigen Unschuldigen, wie sie Handke nennt, an- und wortführen. Da wird viel von Maria Happel tremolierend gekichert und gejodelt oder mit weiser Stimme von Martin Schwab geschnarrt. Claus Peymann veranstaltet ein wenig Budenzauber und spielt Komödchen mit Handkes selbstreferenzieller Lebensbeichte eines mit sich und der Welt hadernden Intellektuellen, der den letzten freien Weg der Welt verteidigt. Das ist selten wirklich witzig, eher unfreiwillig komisch und putzig anzuschauen.

Schlussendlich stößt die doch noch aufgetauchte und zunächst stumm gestikulierende Unbekannte unseren blinden, selbstverliebten Denker etwas unsanft und wortschwallend vor die Stirn. Meret Becker musste sich in nur drei Tagen die Rolle der verletzten Burgtheaterschauspielerin Regina Fritsch drauf bringen. Die Berlinpremiere wurde dafür um einen Tag verschoben. Da weht dann schon mal so etwas wie Anarchie durch das Mausoleum der ewig Gestrigen, die hier viel von Damals reden.

Die etwas lang geratenen Unschuldigen mit dem noch längerem Namen sind gegen Gotscheffs bemerkenswert leichte und dennoch schwergewichtigere Handke-Inszenierung von Immer noch Sturm (Shakespeares Prospero wird hier dann auch noch bemüht) leider ein ziemlich laues Theaterlüftchen. Da macht sich am nicht enden wollenden Ende, dem nach Handke letzten Stündlein fürs Theater, trotz flehendem Hoffnungsgeraune an Brechtgardine auf Dauer doch etwas Langeweile breit. Und jetzt? Da wäre nichts gewesen, was uns Peter Handke nicht an anderer Stelle schon wesentlich pointierter gesagt hätte.

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Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (01.05.2015)
Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten von Peter Handke
Eine Koproduktion des Berliner Ensembles mit dem Burgtheater Wien
Uraufführung war am 27.01.2016 im Burgtheater Wien
Berlinpremiere war am 01.05.2016 im Berliner Ensemble
Regie: Claus Peymann
Bühne: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Margit Koppendorfer
Dramaturgie: Jutta Ferbers und Anke Geidel
Licht: Karl-Ernst Herrmann und Friedrich Rom
Musikalische Mitarbeit: Moritz Eggert
Geräusche / Töne: David Müllner
Mit: Christopher Nell (“ich” im Wechsel zwischen “Ich, Erzähler” und “Ich, der Dramatische”), Krista Birkner, Anatol Käbisch, Luca Schaub, Hermann Scheidleder, Martin Schneider, Fabian Stromberger, Jörg Thieme (Die Unschuldigen, nicht wenige), Felix Strobel (Die Unschuldigen, unter ihnen mein Doppelgänger), Martin Schwab (Der Wortführer der Unschuldigen oder: Häuptling/Capo), Maria Happel (Die Wortführerin der Unschuldigen oder: Häuptlingsfrau/Häuptlingin/Frau), Meret Becker (Die Unbekannte von der Landstraße)
Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Termine: 12. und 13.06.2016

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/120

Zuerst erschienen am 03.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit der Bong auf dem Balkon – Im neuen René Pollesch I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung wird an der Berliner Volksbühne der Kunst des Stoner-Movies und der virtuosen Beleidigung gehuldigt.

Nicht nur Peter Handke kann lange Stücktitel, nein auch René Pollesch hat schon einige Textwürmer kreiert wie etwa Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte oder Wann kann ich endlich in einen Supermarkt gehn und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen? Sein neuer Streich an der Berliner Volksbühne heißt etwas kryptisch in Denglisch: I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung. Eine geistige Darmwurst, sprich Abfallprodukt, des großen Twitter-Nachrichtendienstes on WorldWideWeb, wo sich der Autor Pollesch im Gegensatz zum Autor Handke ziemlich aktiv herumtreibt.

 

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

 

Wie Handkes Unschuldige … am Rand der Landstraße befinden sich die vier Pollesch-Akteure Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider auf der Retrospur, wobei sie sich mit ihren Glitzerkostümen, dem Hang zum Kiffen und der Musik von Scott Walker wohl in den 1960er und 70er Jahren befinden. Im Bühnenbild, das aus drei Wagen der Rollenden Roadshow von Bert Neumann besteht, die seitlich auf der Asphaltfläche des Theatersaals stehen, spiegelt sich ein wenig die guten alten Volksbühnenzeiten, und das Publikum sitzt direkt davor wie einst im Prater, einem schönen Nebenspielplatz, den René Pollesch in den Anfangsjahren der Castorf-Ära etablierte. Man bewegte sich damals auf einer kleinen Seitenstraße der Volksbühne, die nun selbst im Mainstream angekommen ist, wie US-Rocker Bruce Springsteen, der “Hiding on the Backstreet” röhrt.

Im Gegensatz zu Peter Handke findet René Pollesch zum Glück immer wieder einen Diskurs-Schleifenweg back to Futur oder zumindest ins aktuelle politische Alltagsgeschehen. Im Rückblick auf die Jammer-Kultur des No Futur der 1980er ist Zukunft heute kein Thema mehr für Gesprächsrunden. Keine Zukunft, kein Zuhause. Der Pollesch‘sche moderne und spaßverliebte No-Futur-Mensch lebt wie ein Nomade der hippen Airbnb-Welt auf irgendeiner Couch, einem Hybrid-Möbel zwischen Bett und Stuhl, und lässt die Tüte kreisen. Was hier ausgiebig getan wird, bevorzugt hinter der Wagenplane mit Livekameras auf zwei große Videoscreens übertragen.

 

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Dazu fällt man sich immer wieder ins Word, wirft Gedanken hoch und fängt die der anderen wortreich wieder ab. So werden etwa Theorien über die soziale Praxis der Konfliktbewältigung durch Beleidigung im multiethnischen Burkina Faso oder die befreiende Wirkung des Lachens über das Beschimpfen des Gegners vor bewaffneten Kämpfen in Zentralafrika ausgetauscht. Zum besseren Abbau von Spannungen und der Herstellung des sozialen Friedens wird sogar über ein Gesetz, das zur gegenseitigen Beleidigung verpflichtet, nachgedacht. Man könnte das durchaus als einen augenzwinkernden Kommentar zur aktuellen Böhmermann-Debatte verstehen oder als lustige Diskurs-Fortsetzung von Frank Castorfs Thesen gegen die herrschende Konsenskultur. Zumindest kämpft man hier ein wenig gegen deren entdramatisierende Wirkung an, wenn da so herrliche Sätze fallen wie: „Beleidigung kann auch was Kathartisches haben, wenn man sie nicht übel nimmt.“

Den philosophischen Überbau bilden diesmal theoretische Schriften wie Soziale Raumzeit von Gunter Weidenhaus, Peripherie und Ungleichzeitigkeit von Klaus Ronneberger, Was ist ein Ereignis von Slavoj Žižek sowie Der Implex von Dietmar Dath und Barbara Kirchner, deren selbstgeschöpftes Amalgam René Pollesch wie immer in leicht ironischen Dosen beimengt und damit sein Diskurstheater mit kapitalismuskritischen Thesen zu Raum, Zeit, Realität und Fortschritt befeuert.

Zusammen mit der US-Komödie Half Baked (1998) über vier durchgeknallte Marihuana-Dealer und ihre Freundin Mary Johanna, was hier zu einigen schönen Kalauern ausgebaut wird, huldigt man viel der Kunst der virtuosen Beleidigung und dem Genre der Stoner-Movies, die in den 1990er Jahren wie bunte psychodelische Pilze aus dem Boden schossen. Allerdings macht Shit in der Birne auch ein wenig bewegungsfaul, und ein Fahrrad ist nun mal kein Pit-Bike. Ein Ausflug der Vier mit qualmender Bong auf den Balkon ist da schon das aufregendste Ereignis dieses sanft entdramatisierten und trotzdem recht witzigen Abends. Da träumt der Dude von.

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I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung (UA)
Text und Regie: René Pollesch
Bühne: entwickelt von Lenore Blievernicht / Nina Peller mit den Wagen der Rollenden-Road-Schau (RRS) von Bert Neumann, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz 2000-2006
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Frank Novak
Kamera: Mathias Klütz, Ute Schall
Videoschnitt: Cemile Sahin
Ton: Hans-Georg Teubert, Georg Wedel
Tonangel: William Minke
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider
Premiere war am 04.05.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Termine: 03., 16. und 27.06.2016

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 05.05.2016 auf Kultura-Extra.

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“Erwin Wurm. Bei Mutti” und “Visionäre der Moderne” – Zwei bemerkenswerte Ausstellungen in der Berlinischen Galerie

Mai 6th, 2016

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Erwin Wurm. Bei Mutti – Der vielseitige österreichische Künstler zu Gast in Berlin

Erwin Wurm_Gurke vor der BG

Foto: St. B.

Die Berlinische Galerie steht zurzeit ganz im Zeichen der Gurke. Erwin Wurm, der österreichische Künstler, der für ein Selbstporträt sein Körpergewicht schon mal in 17 Essiggurkerln aus Bronze gießt, ist nach Günter Brus im Martin Gropius Bau bereits der zweite bekannte Steirer, dem Berlin in diesem Jahr eine Einzelausstellung ausrichtet. Die Gurken sind für ihn so individuell verschieden und doch in ihrer Form erkennbar, wie der Mensch selbst. Mit seinen abstrakten Wurstskulpturen, die sich auch mal umarmen und küssen, stellt Wurm ironisch Werke von Rodin oder Giacometti nach.

Neben Essbarem hat es der 1954 geborene Spaßvogel unter den Bildhauern aber vor allem mit Alltagsdingen und Statussymbolen wie Möbeln, Autos oder Häusern, die in ihrer Ausmaßen und Formen etwas von der Norm abweichen. Es dürfte ebenso so schwierig sein, mit Wurms Fat Car zu fahren, wie in seinem sprechenden Fat House zu wohnen. Dafür steigt der Künstler den Museen wie 2006 dem Wiener MUMOK mit seinen deformierten Haus-Skulpturen auch gern mal aufs Dach.

Erwin Wurm, Narrow House, Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

Erwin Wurm, Narrow House, Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

In der Berlinischen Galerie in Kreuzberg erfreut uns derzeit ein etwas abgespeckter Wurm. Und das zunächst einmal in Form des in der Eingangshalle stehenden Narrow House, einem auf 1,10 Meter Breite zusammengeschrumpften Nachbau des Wohnhauses seiner Eltern aus Bruck an der Mur. Natürlich in erster Linie ein Sinnbild für provinzielle Enge, aber auch ein großer Spaß für alle Besucher. Der Titel der Ausstellung Bei Mutti versteht sich nämlich durchaus als Einladung. Und so drücken sich alle, nachdem brav angestanden wurde, mit dem Rücken an der Wand durch die begehbare Installation vorbei an Zimmerchen mit gestauchten Tischchen und Schränkchen und nehmen einen Blick auf Bad und WC, so breit wie eine Fußmatte. Der Traum vom Eigenheim für den ganz schmalen Geldbeutel.

Wie der Wiener Aktionist Brus arbeitet Wurm vor allem mit dem menschlichen Körper. Dabei überschreitet der Künstler geschickt die Grenze von der bildenden Kunst zur Performance. Und auch hier sind wieder die Besucher gefragt. Großen Raum, nämlich die gesamte Mittelhalle, nehmen die seit 20 Jahren immer wieder weiterentwickelten One Minute Sculptures ein. Jeder ist hier aufgerufen, die auf kleinen Podesten stehenden Alltagsgegenstände wie Bücher oder Stühle gemäß Anleitung zu nehmen, oder seinen Kopf in ein Sofa, eine Hundehütte oder einen Kühlschrank zu stecken, für eine Minute die Luft anzuhalten und von Subjekt zum kurzzeitigen Kunstobjekt einzufrieren.

Erwin Wurm, The Idiot III (One Minute Sculpture), 2010, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016, courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

Erwin Wurm, The Idiot III (One Minute Sculpture), 2010, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016, courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

Man kann sich dabei sogar mit der Handykamera aufnehmen. Die Soziale Skulptur im Internetzeitalter. Nach den Ergebnissen, die sonst auch schon mal mit an den Museumswänden hingen, wird man wohl die sozialen Netzwerke durchforsten müssen. Dafür sind in der hinteren Halle vorbereitende Skizzen zu den One Minute Sculptures ausgestellt, die nicht nur in den kuriosen Stellungen, sondern auch in den Titeln wie Idiot, Most Loved Philosophers, Wittgensteins Alphabet, Der spekulative Realist oder Wurm-Gelee von Wurms hintersinnigem Humor zeugen.

Auf die Spitze oder besser in die Breite treibt es Wurms minutiös aufgeschriebene Anleitung Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen. Man solle viel und lange schlafen, liegend Fernsehen und lesen, am offenen Fenster oder im Freien sitzen und sich langsam und gleichmäßig bewegen. Dazu gibt es zum Frühstück, Mittag, zur Jause und zum Abendbrot detaillierte Menü-Vorschläge mir viel Rahm, Rotwein, Eis und fetten Mehlspeisen. Die genau getimte Gewichtszunahme ist hier der skulpturale Vorgang, den Wurm auch immer als eine „Poesie der Verschiebung von Wertigkeiten“ begreift. Äußere Hülle und innere Leere, Ernährungsplan oder bestimmte philosophische Haltung – der Mensch scheitert immer wieder beim Versuch, sein Leben zu meistern.

Im letzten Teil der Ausstellung mit neuen Werken Erwin Wurms sind Skulpturen aus Bronze oder Polyesterharz zu sehen, die Objekten des menschlichen Alltags zeigen, die ihre Spannung aus der scheinbar vertrauten Form und ihrer Verfremdung, der zweckentfremdeten Nutzung oder der Veränderung der Größen- und Formverhältnisse ziehen. Die Begegnung von Mensch und Objekt manifestiert sich hier in tiefen Fußabdrücken auf Möbeln, wie Sessel, Liege und Sideboard, oder einem an der Wand hängenden überdimensionalen Mobil-Telefon. Ein riesiger Seifenspender ist durch einen Einschlag aufgerissen, Lost nennt sich eine überfahrene Wanduhr und ein Kühlschrank nimmt äußerlich die zerfließende Form eines Stücks Butter aus seinem Inneren an. Einige delikate Kunstschmankerl, die einen auf den Geschmack bringen und Appetit auf mehr Wurm machen.

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Erwin Wurm. Bei Mutti
15.04.-22.08.2016
BERLINISCHE GALERIE
Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstr. 124-128, 10969 Berlin

Infos: http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/erwin-wurm

Zuerst erschienen am 27.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Visionäre der Moderne. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch werden in einer kleinen Kabinettausstellung wiederentdeckt

Mit der Kabinettausstellung Visionäre der Moderne erinnert die Berlinische Galerie derzeit an drei Künstler und Architekturvisionäre, die – außer dem relativ bekannten Architekten und Stadtplaner (z.B. Hufeisensiedlung Berlin-Britz) Bruno Taut (1880-1938) – bereits in Vergessenheit zu geraten schienen.

Paul Scheerbart, Jenseitsgalerie, 1907, Blatt 3 von 10, Berlinischen Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Paul Scheerbart –  Jenseitsgalerie, 1907, Blatt 3 von 10, Berlinischen Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Vor allem der Schriftsteller, Erfinder und eigene Illustrator seiner fantastischen Romane Paul Scheerbart (1863-1915) vermochte es um 1913 mit seinen visionären Plänen einer transparenten Glasarchitektur, den jungen Architekten Bruno Taut zu inspirieren. Der Verfasser von utopischen Werken wie Die große Revolution (1902), Lesabéndio. Ein Asteroiden-Roman (1913) oder höchst humorvollen Gedichtbänden wie Katerpoesie war nicht nur leidenschaftlicher Trinker, sondern ebenso besessener Fleißarbeiter. Einige seiner Bücher sind hier in einer Vitrine ausgestellt, und die tollen Fantasiewesen aus der um 1902 entstandenen Grafikmappe Jenseitsgalerie hängen an der Wand. Blieb Paul Scheerbart zwar zeitlebens eine größere Anerkennung verwehrt, so inspirierte er neben Taut auch den Publizisten und Berliner Flaneur Walter Benjamin sowie den Urvater des Absurden Theaters Alfred Jarry. „Immer bunter wird’s in Berlin. Bald wird man nicht mehr leben dürfen, ohne Farbe zu bekennen.“ schrieb Scheerbart schon 1892 in seiner Abhandlung über Berlins Archetektonische Plastik. In seinen Aufsätzen über die Glasarchitektur, die er Bruno Taut widmete, heißt es dann später: „Wollen wir unsre Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsre Architektur umzuwandeln.“

Das fiel bei Bruno Taut auf fruchtbaren Boden. Zur Internationalen Baufach-Ausstellung 1913 zu Fuße des Leipziger Völkerschlachtdenkmals wurden erste Pläne präsentiert. Das Monument des Eisens ist eine von Bruno Taut und Franz Hoffmann entworfene vierstufige, achteckige, 30 Meter hohe Pyramide aus Stahlprofilteilen und einer 9 Meter spannenden vergoldeten Zinkblechkuppel, deren kleines Metallmodell man hier bestaunen kann. Ein Jahr später entwarf Taut für die Kölner Werkbundausstellung den Glashaus-Pavillon der Deutschen Glasindustrie. „Das Licht will durch das ganze All / Und ist lebendig im Kristall“ dichtete ihm Paul Scheerbart dazu. Sein Schriftzug „Das bunte Glas zerstört den Hass“ ziert das Portal. Eine Utopie, die sich da noch nicht verwirklichen sollte.

 

Bruno Taut, Glashaus auf der Werkbundausstellung auf Köln 1914, Ansicht von außen, Akademie der Künste, Berlin, Bruno-Taut-Sammlung, Fotograf unbekannt

Bruno Taut – Glashaus auf der Werkbundausstellung auf Köln 1914, Ansicht von außen, Akademie der Künste, Berlin, Bruno-Taut-Sammlung, Fotograf unbekannt

 

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte Taut Pläne zur Verschmelzung von Natur und Architektur im Gebiet der Alpen vom Monte Rosa bis zur Oberitalienischen Ebene. Die Freude an der Schönheit erklärte Taut zum Mittel für die Völkerverständigung. Im Zusammenschluss mit Architekten wie Walter Gropius, Hans Scharoun und Wassili Luckardt (alles große Architekten der 1920er bis 30er Jahre und dann wieder der Nachkriegsmoderne in Berlin) sowie expressionistischen Künstlern wie Hermann Finsterlin, Wenzel Hablik und Paul Goesch entstand aus der Novembergruppe hervorgegangen ab 1919 die Gemeinschaft Die gläserne Kette. Ihr Wahlspruch war: „Nur die große Heiterkeit wird siegen.“ Bauen und Tanzen – die Musikinstrumente sind Stahl, Stahlbeton und Glas sowie eine utopisch anmutende Farbigkeit, wie sie vor allem das Werk des Architekten und Malers Paul Goesch (1885-1940) auszeichnet. Ihm und seinen Bildern wird hier ein breiter Raum gegeben.

Paul Goesch, Selbstportrait, undatiert, Berlinische Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Paul Goesch – Selbstportrait, undatiert, Berlinische Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Die Ausstellung zeigt neben den Zeichnungen und Texten Paul Scheerbarts und Bruno Tauts sowie den erwähnten Mitgliedern der Gläsernen Kette etwa achtzig überwiegend noch unbekannte expressionistische Aquarelle von Paul Goesch aus der Sammlung der Berlinischen Galerie und der Sammlung Prinzhorn. Auch Goesch träumte als junger Architekt und Anthroposoph vom Einklang des Menschen mit der Natur. Nach Behandlungen wegen eines Nervenleidens musste Goesch in den 1920er Jahren den Beruf des Architekten aufgeben und widmete sich verstärkt dem Malen und Zeichnen. In seiner Malerei beschäftigt er sich neben farbigen Architekturvisionen mit Naturgottheiten und Motiven der christlichen Ikonografie. „Die betäubende Kraft der Kirche hat mich überwältigt.“ schrieb Goesch. Einige seiner farbenfrohen Jesus- und Mariendarstellungen sind hier zu sehen.

Die Erlösung hat Paul Goesch nicht finden können. Einem finsteren Kapitel Deutschlands, den Euthanasie-Morden der Nazis, fiel der Künstler im Jahr 1940 zum Opfer. Umso wichtiger und schöner, dass die Berlinische Galerie ihn mit dieser Ausstellung wiederentdeckt und ehrt.

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Visionäre der Moderne. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch
15.04.-31.10.2016
Berlinische Galerie
Museum für Moderne Kunst, Berlin
Alte Jakobstrasse 124-128, 10969 Berlin

Infos: http://www.berlinischegalerie.de

Mehr zu Paul Scheerbart gibt es hier: http://scheerbart.de/

Und zu Paul Goesch hier: http://www.freundeskreis-paul-goesch.de/_index.html

Zuerst erschienen am 28.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Unterwerfung – Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Stephan Kimmig eine weitestgehend harmlose Bühnenfassung des Skandal-Romans von Michel Houellebecq

April 27th, 2016

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Anfang Februar, ungefähr ein Jahr nach dem Erscheinen des Romans Unterwerfung von Michel Houellebecq und den islamistischen Attentaten auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo, inszenierte Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg die erste Bühnenfassung mit dem bekannten deutschen Fernseh- und Theatermimen Edgar Selge in der Rolle des windelweichen, opportunistischen Literaturprofessors François, der nach dem Wahlsieg einer gemäßigt-muslimischen Partei im Jahr 2022 in Frankreich zum Islam konvertiert. Ein großer Erfolg für Beier und Selge und ein ebensolcher Gewinn fürs Theater. Bühnen in Dresden und Wien folgten. Der Stoff ist nach wie vor brisant. Nun hat Hausregisseur Stephan Kimmig gemeinsam mit seinem Dramaturgen David Heiligers eine eigene Adaption des Romans für das Deutsche Theater Berlin geschaffen.

 

Unterwerfung nach Michel Houellebecq am DT - Foto: St. B.

Unterwerfung nach Michel Houellebecq am DT – Foto: St. B.

 

In der aseptischen Krankenhaus-Bühnenwelt von Katja Haß ist François ein leidender Patient und Sinnbild einer an ihrer Saturiertheit und zunehmenden Orientierungslosigkeit krankenden, westlichen Gesellschaft, deren Wertedecke dünn und papieren ist – wie die Lichtdecke, die über François Kopf schwebt. Er wird sie später, wenn sie sich auf ihn niedersenkt, mühelos durchstoßen können. Das ist für den Anfang und das Ende eine starke Metapher als Rahmen, die allerdings nicht die Kraft besitzt, den ganzen Abend zu tragen.

Houellebecq seziert nicht zum ersten Mal, aber in diesem Roman auf besonders intelligente und auch perfide Weise die französische Gesellschaft und beschwört den Untergang der westlichen Kultur. Hier in Gestalt eines französischen Jedermann, den der Schauspieler Steven Scharff in Kimmigs Inszenierung mal jovial, sich ans Publikum ranwanzend, mal hibbelig über die Bühne tänzelnd, bis weinerlich klagend im Bett liegend darstellt. Dass er dabei auch ein wenig irre wirkt und von Pflegern umsorgt wird, nimmt man zunächst als netten Gag mit. Die breit angelegte Innenschau des Roman-François wird dadurch allerdings zur pathologischen Diagnose eines komatösen Hypochonders, der sich aus dem realen Leben zurückgezogen hat und es nur in homöopathischen Dosen an sich ran lässt.

Diese an die Romanhandlung anknüpfenden Kurzbesuche, die von Lorna Ishema, Camill Jammal, Marcel Kohler und Wolfgang Pregler in verschiedenen Romanrollen absolviert werden, sollen dann auf Dauer auch nicht ihre Wirkung verfehlen. Kimmigs Prinzip des homöopathischen Verdünnens, sprich das Herauslösen und Aufteilen des Textes, der im Roman von François selbst als Reflexionen seines Lebens, aus Beobachtung seiner Umgebung heraus oder beim Ansehen von Fernsehdebatten erzählt wird, auf mehrere Personen, läuft dabei allerdings Gefahr, dass größere Unschärfen entstehen und letztendlich in eine völlig falsche Richtung fokussiert wird.

 

Foto (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

 

Auch wird die Rolle der bürgerlichen Parteien, die um den Sieg des Front National bei der Präsidentschaftswahl zu verhindern nur kurz am Rande erwähnt. In Videoeinspielungen von jungen National-Identitären kommt ein wenig Volkes Stimme zu Geltung. Die allgemeine Situation im Land und wie der Islam nach dem Wahlsieg des Muslimbruders Mohammed Ben Abbes in die Welt des Protagonisten einbricht, lässt Kimmig dann als Nummernrevue aus gespielten TV- Reportagen, Politikerreden und Gesprächsszenen mit François‘ Kollegen, einem geschassten Geheimdienstmann, und seiner Geliebten Myriam vorbeischnurren. Die schwarze Schauspielerin Lorna Ishema gibt hier alle Frauenfiguren, was ihr erstaunlich gut gelingt. Die Verkörperung von Marine Le Pen mit Blondhaarperücke vor Tricolore ist aber ein ebenso stark ironisierender Verfremdungseffekt wie die Darstellung als hereingefahrene schwarze Jungfrau von Rocamadour kitschig wirkt.

Die religiöse Sinnsuche des Literaturprofessors und Huysmans-Spezialisten François endet abrupt auf der einbrechenden papierenen Himmelsleiter. Weinerlich sucht er Trost in den Armen der Jungfrau. „Ich bin für nichts.“ sagt er einmal zu Myriam. Das weiche, unpolitische Handtuch reagiert relativ apathisch auf das Treiben um ihn. Und sogar die Einflüsterungen der politischen Ziele des neuen muslimischen Präsidenten, die Camill Jammal als Ben Abbes minutenlang zelebriert und sich schließlich zu François ins Bett legt, lässt er ungerührt über sich ergehen.

Die Hauptfigur verliert dabei zusehends an Kontur, was bei einem politisch desinteressierten, des eigenen Lebens überdrüssig gewordenen Niemand ja durchaus stimmig wäre. Unterwerfung als Auslöschung des Individuums und Aufgehen in etwas Größerem. Den handelnden Part übernehmen die anderen für ihn. Er bekommt Anweisungen vom Klinikpersonal, wird gewaschen, macht Hüpfballtherapie und windet sich schmerzverzerrt wegen des juckenden Ausschlags an seinen Füßen.

Für den Vergleich mit einem kranken, handlungsunfähigen Europa reicht das allerdings nicht aus. Es verfälscht zudem die Vorlage, die eigentlich auf provokante Art die innere Leere François‘ mit etwas füllt, das potentiell schon immer da war und es der Figur ohne große Mühe gestattet, wie das Wechseln der Garderobe in eine neue Identität zu schlüpfen. Andockpunkt in der Wertegeschichte des Abendlandes, für die Houellebecq in seinem Roman auch viele Beispiele bringt, gibt es genug. Da ist von linker Kapitalismuskritik über den Katholizismus und seine patriarchalen Familienstrukturen bis hin zu rechtem Nationalismus alles dabei.

Bei Kimmigs François vollzieht sich der Wandel recht schnell und fast wie nebenbei, als der neue Präsident der nun islamischen Sorbonne Rediger, ein gewendeter Nietzsche im Gewand eines Mufti (Wolfgang Pregler im seidenen Morgenmantel), bei ihm die richtigen Knöpfe drückt. Dreimal mehr Gehalt als seine Pension und die daraus resultierende Anzahl von Frauen. Das reicht schon für den Macho im Mann, der sich wie Kimmigs Inszenierung durch die Hintertür aus der Geschichte stiehlt.

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Unterwerfung
nach dem Roman von Michel Houellebecq
Fassung von David Heiligers und Stephan Kimmig
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Sigi Colpe, Musik: Michael Verhovec, Video: Julian Krubasik, Licht: Robert Grauel, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Lorna Ishema, Camill Jammal, Marcel Kohler, Wolfgang Pregler, Steven Scharf.
Premiere am Deutschen Theater Berlin war am 22.04.2016
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 27.04. / 11., 21. und 31.04.2016

Infos: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 24.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Genre- und Experimentalfilme beim 12. Achtung Berlin Filmfestival 2016

April 25th, 2016

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achtung-berlin-logo-2016Auch zwei vorab schon viel gelobte Genrefilme im Spielfilm-Wettbewerb des 12. achtung berlin-Filmfestivals haben ungewöhnliche Frauenfiguren im Fokus.

Da wäre zunächst der Langspielfilm Der Nachtmahr des Regisseurs und bildenden Künstlers Achim Bornhak (Das wilde Leben), der nun neu unter dem Pseudonym AKIZ firmiert. Ohne Förderung mit nur 80.000 Euro Budget und eigener Produktionsfirma OOO-Films hat er einen kleinen Horrorfilm inszeniert, der sich ähnlich der absurden Groteske Der Bunker von Nikias Chryssos nicht ins übliche Schema pressen lässt. Regisseur AKIZ spielt dabei mit vielerlei kunsthistorischen Anleihen und filmischen Vorbildern, die vom Maler Johann Füssli, von dessen Gemälde Der Nachtmahr sich der Film den Titel leiht, über die Psychoanalyse von Sigmund Freud bis zu Filmregisseuren der Neuzeit wie Steven Spielberg oder David Lynch reichen. Der 1969 geborene AKIZ ist da ganz Kind der 1980er und 90er Jahre, was sich auch in seinem Fabel für Street-Art und Techno-Musik zeigt. Als echter Gimmick ist die Ex-Bassistin der Kult-Band Sonic Youth Kim Gordon als Englischlehrerin besetzt, in deren Unterricht Gedichte des düsteren Romantikers William Blake gelesen werden.

Durchaus zeitgemäß ist aber die eigentliche Story des Films, bei der die 17jährige Tina (Carolyn Genzkow) mit ihren Freundinnen von einer schrillen, wummernden Techno-Party zur nächsten zieht. Der Film arbeitet mit ordentlich Stroboskoplicht und binauralen Beats, die sich stimulierend aufs Hirn legen sollen. Das ist schon echt Hardcore. Es machen Selfies und skurrile Handy-Videos die Runde, Alkohol wird konsumiert und so manch andere Substanz. Das allein wäre schon genug für eine handfeste Psychose. Die wachsende Paranoia der jungen Filmheldin hat aber einen ganz realen Grund, den zunächst nur sie selbst sehen kann und deswegen von den hilflosen Eltern (Julia Jenkins und Arnd Klawitter) zum Psychologen geschickt und von ihrer Clique für verrückt erklärt wird.

 

DER NACHTMAHR - Foto (c) achtung berlin

DER NACHTMAHRFoto (c) achtung berlin

 

Der titelgebende Nachtmahr, der sich in der heimischen Küche und Tinas Kinderzimmer zu schaffen macht, ist ein gnomartiges Wesen zwischen ET und einer Missgeburt in Spiritus aus der Anatomischen Sammlung. AKIZ hat es schon vor der ersten Filmidee modelliert und die Geschichte drum herum nach und nach entworfen. Tina muss nun zum Psychologen (Alexander Scheer), der ihr Tabletten verschreibt und rät die Kreatur in ihren vermeintlichen Albträumen doch einfach anzusprechen oder zu berühren. Der handfeste Beweis der Echtheit zeigt sich dann in Handlungen, die der Nachtmahr vollzieht und die sich wie Selbstverletzungen am Körper Tinas manifestieren.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine geistige, fast symbiotische Beziehung. Regisseur AKIZ verarbeitet im Film eigene Nahtoterfahrungen, Teenagerprobleme wie Liebeskummer, Bulimie oder ungewollte Schwangerschaften genauso wie psychologische Projektionen des Unterbewusstseins. Damit hält er den nach Erklärungen suchenden Zuschauer geschickt in einer dauerhaften Spannung. Echt skurril wird es nochmal, wenn der von der Polizei eingefangene Nachtmahr tatsächlich wie ET im Krankenhaus an Drähten hängt. Neben Horrorfilm und Psychothriller ist Der Nachtmahr aber auch eine ganz klassische Coming-of-Age-Geschichte, in der sich die Protagonistin von ihren Ängsten löst und lernt zu sich selbst und ihrem Körper zu stehen.

Der Film hat auf dem Festival den Preis des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFk) erhalten und startet bereits am 26. Mai in den deutschen Kinos.

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DER NACHTMAHR
Regie und Buch: AKIZ
Kamera: Clemens Baumeister, Alex Bloom
Mit: Carolyn Genzkow, Kim Gordon, Julia Jenkins, Arnd Klawitter, Alexander Scheer, Wilson Gonzales Ochsenknecht, Sina Tkotsch, Michael Epp, Lynn Femme, Til Schindler, Uwe Preuss, Hagen Stoll

Infos: http://der-nachtmahr.com/

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Bereits mit einem First Step Award für den Kameramann Johannes Waltermann ging der Diplomfilm After Spring Comes Fall von Daniel Carsenty in den Spielfilmwettbewerb. Nun ist noch der Preis für die Beste Produktion beim achtung berlin-Filmfestival hinzugekommen. Während die Dokumentation Research Refugees Kommentare zur allgemeinen Lage von Flüchtenden in Europa abgibt, behandelt Carsentys Film einen ganz konkreten Fall von Flucht und Verfolgung, bei dem der syrische Bürgerkrieg die vor ihm geflohene Mina (Halima Ilter) in Deutschland wieder einholt. Auch Carsenty begann zunächst einen Dokumentarfilm über einen geflüchteten Syrer in Deutschland zu drehen, der vom syrischen Geheimdienst bedrängt wurde. Um seinen Protagonisten zu schützen, hat sich der Regisseur entschlossen, die recherchierten Fakten zu fiktionalisieren.

 

 © Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

After Spring Comes FallFoto (c) Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

 

Es beginnt in Damaskus (wofür im Film ein Set in Potsdam-Babelsberg gebaut wurde) mit einer leidenschaftlichen Romanze zwischen Mina und ihrem Geliebten Khaled (Murad Seven), die abrupt durch Schüsse eines Snipers unterbrochen wird. Mina flüchtet nach Berlin und muss Khaled in einem Krankenhaus in Damaskus zurücklassen. Hier lebt sie illegal allein in einem Kreuzberger Apartment. Die Kamera beobachtet sie lange beim Weg zur Arbeit in einer Wäscherei, beim Telefonieren mit dem Geliebten und beim Geldschicken nach Daheim. Mina ist einsam und hat das Gefühl verfolgt zu werden. Die Paranoia ist nicht unbegründet, denn eines Morgens sitzen drei Männer vom syrischen Geheimdienst an ihrem Bett. Sie haben den Weg des Geldes verfolgt.

Mina wird nun mit Drohungen und Foltermethoden zur Mitarbeit für den Geheimdienst in Berlin gezwungen. Sie gibt sich als Journalistin aus und interviewt den syrischen Oppositionellen Mansour (Asad Schwarz), der Professor an der Humboldt-Uni ist und wiederum Beziehungen zu anderen Oppositionellen unterhält. Mina begleite ihn auf Demos und macht Fotos. Ihr Führungsoffizier Abbas (Tamer Yigit) und seine Männer sind zynische Befehlsempfänger, die einfach ihren Job machen, um das marode Assad-Regime am Leben zu halten, an das sie selbst kaum noch glauben. Nicht nur die Schergen, auch die Beamten in der Flüchtlingsaufnahmestelle, in die Mina kurz nach einem Zusammenbruch eingeliefert wird, oder der Schichtleiter der Wäscherei, der sie kurzerhand feuert, überall wo Mina hinkommt, handeln alle mit blankem Zynismus und Gleichgültigkeit.

Daniel Carsenty zeigt ein graues, unwirtliches Berlin, wie man es seit den 1980er Jahren in kleinen, dreckigen Agentenfilmchen wie Der Westen leuchtet! nicht mehr gesehen hat. Der kalte Krieg, der auch autoritäre Systeme wie das syrische geschaffen und gestützt hat, wirkt nun zurück bis in unsere freie Welt, die für die aus den Krisengebieten vor den Restriktionen Geflüchteten wieder zur Falle wird. Der Film schwankt zwischen Agententhriller und persönlichem Martyrium einer Frau, die aus Angst um ihre Liebe handelt und keinen Ausweg aus der Gewaltspirale sieht. Das ist sicher nicht so spektakulär gefilmt wie die gerade im deutschen TV laufende Berlin-Staffel von Homeland, aber ein trauriger Film Noir unserer Tage mit düster-jazzigen Klängen, glaubhaft inszeniert und gut gespielt.

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After Spring Comes Fall (D, 2015), 92 Min.
Regie und Drehbuch: Daniel Carsenty
Kamera: Johannes Waltermann
Mit: Halima Ilter, Tamer Yigit, Asad Schwarz, Murad Seven, Raschid Daniel Sidgi, Marc Philipps

Infos: http://www.filmuniversitaet.de/de/filmeprojekte/filme/detail/kafkanistan/1/0.html

Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Abseits des Spielfilmwettbewerbs in der Sektion „Berlin Highlights“ hatte im kleinen Kino 5 des Filmtheaters am Friedrichshain die kleine filmische Meditation Fideliche ihre Weltpremiere. So nennt zumindest der in Berlin lebende russische Filmregisseur, Theatermacher, Schauspieler und Musiker Alexey Shipenko sein neuestes Werk. Er hat es gemeinsam mit dem Schauspieler Stipe Erceg produziert, der auch eine der Hauptrollen übernahm. Gedreht wurde in Indien und Portugal, was nun nicht gerade Berlin-Bezüge vermuten lässt. Es geht auch eher um ein Gedankenspiel, das sich um den 9. Oktober 1967 dreht und ebenso geschickt im Filmtitel versteckt ist.

 

Fideliche_- Foto (c) Nondual Productions

FidelicheFoto (c) Nondual Productions

 

Vermutlich haben sich Shipenko und Freunde nach Dreharbeiten zu anderen Projekten in Indien bei einem guten Joint gedacht, man müsste mal was zum zufälligen Zusammentreffen des 27. Geburtstags von John Lennon und dem Tag der Exekution Che Guevaras im bolivianischen Urwald machen. John Lennon hielt sich zu dieser Zeit mit Yoko Ono und den Beatles in Indien beim Guru Maharishi Mahesh Yogi auf und schrieb neben der Mediation die Songs zum Weißen Album der Beatles. Wenn man sich so die Bilder von damals ansieht, wirkt der hagere, langhaarige Lennon ein wenig wie die Reinkarnation von Jesus Christus. Später schreibt er mit Yoko Ono Happy Xmas (War ist over).

Nachdem der lateinamerikanische Befreiungskampf nach dem Tod Che Guevaras beendet war, wurde Che zur bekannten Ikone, die ebenso an Jesus erinnert und die Hoffnung auf die Auferstehung der Revolution in sich trägt. Ob das nun genau die Intensionen Shipenkos waren, lässt sich nicht genau aus dem Gezeigten eruieren. Möglich wäre es schon. Zumindest wird auf zwei Ebenen in einer portugiesischen Theatergarderobe in spanischer Sprache viel über die Revolution sinniert und in einem indischen Landhaus über Jesus und das Leben an sich. Dazu treffen in besagtem Theater ein Fidel-Castro-Darsteller (Rui Madeira) und ein Toter in Militäruniform (Carlos Feio) aufeinander. Während Fidel revolutionäre Reden vor leeren Rängen schwingt, wäscht sich Che den Dreck des bolivianischen Dschungels vom Körper und raucht genüsslich eine letzte Zigarre.

Als Reinkarnation in dreifacher Hinsicht dürfte sich die Figur Stipe Ercegs, ein Musiker, der mit japanischer Freundin (Fumie Kimura) und Kind Ferien auf dem indischen Land macht, fühlen. Er schwingt sich aufs Motorrad und fährt – wie Jesus einst in die Wüste -in den indischen Dschungel und macht sich dort seinen eigenen brennenden Dornbusch als Zeichen der Auferstehung. Dazu hören wir noch den Working Class Hero von John Lennon und erfahren von einem lächelnden Rastafari (Pranaji Bindoobaba), dass Ringo Star the King und Paul McCartney the Queen of Clubs ist. Auch Lennon wurde 1980 erschossen und ist zur Pop-Ikone auferstanden. So weit, so gut und in unserer kurzlebigen Zeit der TV-Stars und Sternchen ein paar Gedanken wert. Aber ob sich dafür ein Kinopublikum finden lässt?

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Fideliche
Regie und Buch: Alexey Shipenko
Kamera: Christian Thiem
Mit: Stipe Erceg, Rui Madeira, Fumie Kimura, Carlos Feio, Shion Kimura Jones, Frederico Bustorff, Pranaji Bindoobaba

Infos: http://nondual-productions.org/de/projekte/fideliche/

Fazit Teil 1

Weiter Infos: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Junge Filmemacherinnen und neue Frauenfiguren im Spielfilmwettbewerb des 12. Achtung Berlin Filmfestivals 2016

April 24th, 2016

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achtung berlin_plakatIn sieben von zwölf Filmen des diesjährigen achtung berlin-Spielfilmwettbewerbs stünden Frauen im Mittelpunkt, rühmte sich das Festival zu Beginn. Das Thema „Neue Frauenfiguren“ war den Machern dann sogar ein eigenes Gesprächspanel wert, bei dem die bereits seit einigen Jahren spürbare Hinwendung zu Frauen im Film diskutiert werden sollte. Schaut man aber auf den Anteil von Regisseurinnen im Wettbewerb, sieht die Sache allerdings schon wieder etwas anders aus. Mit Bernadette Knoller, Leonie Krippendorff, Linnea Saasen (in Coworking mit Regie-Kollegen Alex Holdridge), Mia Maariel Meyer und Nicolette Krebitz (mit Wild außer Konkurrenz) waren ganze fünf Filmfrauen im Wettbewerb vertreten. Und so ist zwar eine gehobene Frauenquote feststellbar, ebenso bemerkenswert war aber auch der hohe Anteil von Debüt- und Diplomfilmen.

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Treppe Aufwärts_FilmplakatMia Maariel Meyer hat in ihrem Spielfilmdebut Treppe aufwärts sogar eine reine Männerriege am Start. Taxifahrer Adam (Hanno Kofler) manipuliert nachts Spielautomaten, um die hohen Schulden seines spielsüchtigen und mittlerweile dementen Vaters (Ex-Falkenau-Förster Christian Wolff) abzubezahlen. Eine im wahrsten Sinne des Wortes reine Männerwirtschaft, zu der sich noch Adams 16jähriger Sohn Ben (Matti Schmidt-Schaller) gesellt, der von seiner Mutter ausgerissen ist und einfach beim getrennt lebenden Vater einzieht. Statt wieder in die Schule zu gehen, gerät Ben unter den Einfluss des zwielichtigen Bardo (Patrick Wollf), der ihn zum Geldeintreiben bei säumigen Spielern schickt. Da es Adam wegen seines Geheimnisses nicht gelingt, Ben ein gutes Beispiel für die Zukunft zu geben, droht die Situation bald schon zu eskalieren. Ein ruhig gefilmtes aber dennoch eindrucksvolles und spannendes Generationenportrait, das schon in dieser Woche in die Kinos kommt.

Von Frauen aus drei Generationen erzählt Regisseurin Leonie Krippendorff in Looping. Der Titel ihres Diplomfilms ist durchaus doppeldeutig. Die 19jährige Leila (Jella Haase aus Fack ju Göhte) lebt als Rummelkind zwischen Auto-Scooter und Zuckerwatte und wird durch die heimliche Liebe zu ihrer Freundin Sarah (Luisa-Céline Gaffron) und einer Vergewaltigung psychisch aus der Bahn geworfen. In der Psychiatrie trifft sie auf die 35jährige verheiratete Mutter Frenja (Lana Cooper aus Love Steaks) und die alleinstehende 52jährige Ann (Marie-Lou Sellem), deren Probleme sich in Essstörungen und Beziehungsunfähigkeit äußern. Durch gemeinsame Aktivitäten finden die drei Frauen langsam wieder zu sich. Das ist gut gespielt, einfühlsam und nicht ohne Witz inszeniert. Lana Cooper konnte „durch ihr unaufgeregtes Spiel“ den Preis für die Beste Schauspielerin einheimsen.

 

LOOPING_Foto © Salzgeber & Co. Medien GmbH

LOOPINGFoto © Salzgeber & Co. Medien GmbH

 

Auffallend mental krisengeschüttelt sind auch die Frauenfiguren in den Filmen Lotte von Julius Schultheiß, Luka tanzt leise von Philipp Eichholtz und Ferien von Bernadette Knoller. Wobei in allen drei Filmen nicht so sehr viel Zeit auf das Warum verwendet wird, sondern eher auf die langsame Entwicklung der Figuren.

Lotte (Karin Hanczewski) ist so etwa Anfang/Mitte dreißig, ziemlich flapsig und pflegt einen sehr lockeren Lebensstil mit nächtlichen Unternehmungen, reichlich Alkohol und hin und wieder Drogen. Obwohl es ihr als Krankenschwester nicht an Empathie zu Menschen in Not fehlt, halten ihre privaten Beziehungen meist nicht lang, und sie ist stets auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Nach 15 Jahren begegnen ihr plötzlich zuerst ihr kopfverletzter Ex-Freund (Paul Matzke) aus dem Heimatort und dann im Krankenhaus auch noch die verunfallte Tochter Greta (Zita Aretz), die sie damals beim Weggang nach Berlin zurückgelassen hatte. Greta hängt sich nun an ihre wiedergefundene Mutter, die damit zunächst überhaupt nicht klar kommt und weiter die Coole gibt. So entsteht nach und nach ein doch eher kumpelhafter Umgang, der sich in Discobesuchen und dem Erlernen von Rauchen, Saufen, Rülpsen erschöpft. Das wirkt mitunter merkwürdig, ist aber nur die konsequente Umkehr der gewohnten Geschlechterrollen und was man gemeinhin unter mütterlicher Verantwortung versteht.

 

LOTTE - Foto (c) Martin Neumeyer

Karin Hanczewski als LOTTEFoto (c) Martin Neumeyer

 

Selbst als die Elternzusammenführung erwartungsgemäß genau an diesen gegenseitigen Vorwürfen scheitert, lässt Greta nicht locker und schreckt auch nicht vor einem Wetttrinken zurück, um die Mutter in Richtung Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – von der wie nie Näheres erfahren – zu drängen. Lotte weiß sich zu wehren und wirkt eigentlich nie unsympathisch dabei oder gar wirklich unglücklich. Wobei sie das in ihrer Art natürlich auch gut zu kaschieren weiß. Trotzdem fragt man sich mitunter, warum sie sich so unbedingt ändern sollte. Für die Spielfilmjury war das zumindest der überzeugendste Beitrag im Wettbewerb und den Hauptpreis für den besten Langspielfilm wert. Der zweite Hauptpreis hintereinander für Schauspielerin Karin Hanczewski nach Im Sommer wohnt er unten von Tom Sommerlatte im letzten Jahr, der (wie Lotte) zuvor schon auf der Berlinale lief.

Seinen zweiten Film im Wettbewerb des Festivals hat Philipp Eichholtz mit Luca tanzt leise. War die Sarah (Lilli Meinhard, die hier mal in einer kleinen Nebelrolle vorbeirennt) aus Liebe mich! ziemlich flippig und laut, so ist die Luca der Martina Schöne-Radunski umso leiser und eher melancholisch veranlagt. Das liegt daran, dass Luca eine etwas längere dunkle Phase in ihrem Leben hinter sich hat. Nun macht die 25jährige ihr Abitur nach und will dann ein Praktikum bei der Tierärztin beginnen, zu der sie mit ihrer Hündin Martha geht. Das Kümmern um Martha gibt der jungen Frau Struktur für ihr Leben, das durch den zur Gewalt neigenden Ex-Freund (Sebastian Fräsdorf) immer wieder aus der Bahn gerät. Durch Mutti, die auch noch die Englischlehrerin ist, gegängelt und „Von Oma gefördert“ (die typische Eichholtz-Finanzierung), ringt die junge Frau um ihre Selbstbestimmung. Der Deal mit dem älteren Automechaniker Herrn Pfeiffer (Hans-Heinrich Hardt), durch gemeinsames Lernen die Prüfungen zu schaffen, gerät durch eine erneute Depri-Phase Lucas in Gefahr.

 

Luca tanzt leise - Foto (c) von Oma gefördert

Luca tanzt leiseFoto (c) von Oma gefördert

 

Philipp Eichholtz hat eine weitere kleine Improvisation nach dem „Sehr gute Filme“-Manifest von Axel Ranisch vorgelegt, die eine junge Frau bei der Selbstfindung zeigt. Trotz der sympathisch agierenden Hauptdarstellerin krankt der Film ein wenig an seiner bewusst ausgestellten, fast schon dokumentarischen Schlichtheit. Die plötzliche Dramatik reißt zwar die Protagonistin aus ihrer Lethargie, den Film aber auch etwas aus dem Fluss. Die Probleme lösen sich am Ende etwas zu schnell in Wohlgefallen auf. Das kann nicht wirklich überzeugen.

Als Komödie kommt der Erstling von Bernadette Knoller, Ferien, daher. Die an sich zweifelnde junge Staatsanwältin Vivian (Britta Hamelstein) verlässt Job, Freund (Golo Euler) und neu eingerichtete Wohnung, um sich auf der „Insel der Träume“ Borkum eine Auszeit zu nehmen. Was mit Heul- und Wutattacken wie ein Post-Examens-Burn-Out daherkommt, ist eine veritable Lebenskrise, womit sie auf der Insel nicht ganz alleine ist. Hier hat so ziemlich jeder einen kleinen, sympathischen Sockenschuss. Vivi zieht bei der etwas schrägen, alleinerziehenden Biene (Inga Busch) ein, die sich nach gescheitertem Bastelkurs mal wieder neuerfinden will. Mit deren Sohn Eric (Jerome Hirthammer), der ohne echten Anschluss ist, anleingelassen, muss sich Vivi sofort wieder behaupten. Was sie dann trotz ständiger Bevormundung durch ihren hyperaktiven Vater (Detlev Buck, Vater der Regisseurin) auch relativ relaxt mit einem Job im Kramladen des herrlich verhuschten Otto Mukitz (Ferdinand von Schirach) angeht. Der Film ist gut und witzig in Szene gesetzt und zudem noch bis in die Nebenrollen ausgezeichnet besetzt. Das Berliner Nachwuchstalent Jerome Hirthammer bekam für seine Rolle des 13jährigen Eric den Preis für den Besten Schauspieler zuerkannt.

 

FERIEN - Foto (c) Nicolai Mehring

FERIENFoto (c) Nicolai Mehring

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Weiter Infos: https://achtungberlin.de/programm0/madeinberlinbrandenburg0/spielfilme/

Fortsetzung folgt

Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Research Refugees – Fluchtrecherchen – Ein gelungener aktuell-politischer Beitrag im Dokumentarfilm-Wettbewerb des Achtung Berlin Filmfestivals

April 22nd, 2016

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achtung berlin_plakatKaum eine Kunstgattung kommt heute noch an der uns umgebenden Realität vorbei. Die Verarbeitung aktuell-politischer Themen wie Krieg, Flucht und Vertreibung in der bildenden und darstellenden Kunst gewinnt vor allem nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien immer mehr an Bedeutung. Vor allem das Genre des Dokumentarfilms eignet sich hier, möglichst schnell und direkt vor Ort auf die Ereignisse zu reagieren. Beweis dafür ist nicht nur der Goldene Bär für die Flüchtlings-Doku Fuocoammare auf der diesjährigen Berlinale. Auch auf anderen Filmfestivals ist der vermehrte Einbruch des realen Weltgeschehens in die Filmkunst zu verzeichnen.

So haben Studierende der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und der Bauhaus Universität Weimar 2015 begonnen, in einem von Michael Klier betreuten Projekt die Flüchtlingsbewegungen in Europa aus verschiedenen Perspektiven filmisch einzufangen. Das Ergebnis hatte am vergangenen Sonntag im Rahmen des Dokumentarfilm-Wettbewerbs beim 12. achtung berlin-Filmfestival im Kino Babylon Weltpremiere. Herausgekommen sind elf filmische Skizzen zusammengefasst in einer 98minütigen Dokumentation mit dem Titel Research Refugees – Fluchtrecherchen.

Es beginnt mit einer essayistischen Betrachtung über den Zufall von Ort und Zeit, bei der die in der Schweiz geborene Regisseurin Thaïs Odermatt ihre eigene Biografie und die Geschichte der Schweiz vom Franzoseneinfall zweihundert Jahre bzw. den Hungersnöten und Auswanderungen ungefähr einhundert Jahre vor ihrer Geburt mit dem Schicksal heutiger Flüchtlingskinder verbindet. Einleuchtendes Fazit: Kriege und Flucht sind kein Zufall, wo und wann man geboren ist schon.

Auch der Film Wegweiser von Laura Laabs verwebt geschickt europäische Geschichte an den Grenzen von Österreich und Deutschland mit der jüdischen Familiengeschichte der Regisseurin. In einer sehr poetischen Sprache und mit entsprechenden Bildern geht es von Braunau, dem Geburtsort Hitlers, über Bayreuth, der Weihestätte für Wagner, bis zu einem Runengrenzstein in Jamel im Norden Deutschlands. Als Beispiel für Flucht und eine gelungene Integration zeigt Laura Laabs die Erlebnisse ihrer jüdischen Verwandten, die aus Breslau fliehen mussten und nach dem Krieg im bayrischen Trostberg in einem Bauerngehöft unterkamen, mit deren Bewohnern ihr altes Geschäft wieder aufgebaut haben. Auch eine Chance für Deutschland heute. Nur will keiner die Flüchtenden haben, die wie die drei Könige aus dem Morgenland in goldene Kältedecken gehüllt, auf ein Zeichen warten.

 

Research Refugees - Fluchtrecherchen - (c) Carlos Vasquez

Research Refugees – Fluchtrecherchen  (c) Carlos Vasquez

 

Der Beitrag Police Woman & Dragon Rider von Duc Ngo Ngoc porträtiert Helfer und Betroffene vor dem LAGeSo in der Berliner Turmstraße, das in der letzten Zeit für etliche Negativschlagzeilen (die Versorgung der Flüchtenden betreffend) gesorgt hat. Die Mutter des 5jährigen Fabian und andere freiwillige Helfer sorgen hier vor Ort für die Verteilung von Kleidung und anderen Sachspenden. Der Film betrachtet das durch die Augen von Fabian und der 12jährigen Jaqueline aus Syrien und hält dabei Träume und Wünsche der Kinder für ihre Zukunft fest.

Fast ohne Sprache kommt der Beitrag Autum Songs von Valérie Anex aus. Der Film zeigt die Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft in der Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule in Berlin-Schöneberg bei ihren täglichen Verrichtungen und dem Singen von Liedern aus ihrer Heimat. Mittlerweile mussten die Geflüchteten wieder aus der Schule ausziehen, da sie für die Eröffnung eines Bildungszentrums umgebaut werden soll. Der Film Kurzaufenthalt von Felix Pauschinger thematisiert das mit Bildern von Protesten vor der Schule und den leeren Räumen danach. Auf ironische Weise legt der Beitrag Meinungsaustausch von Sophia Bösch und Sophie Linnenbaum O-Töne mit deutschen Ängsten, Vorurteilen und Klischees über Fremde den betroffenen Flüchtlingen in den Mund.

 

Research Refugees - Fluchtrecherchen - (c) Janine Paetzold

Research Refugees – Fluchtrecherchen  (c) Janine Paetzold

 

Weitere Beiträge beschäftigen sich auch mit den Fluchtwegen und den Geschehnissen in den europäischen Erstankunftsländern. So etwa Griechenland, wo junge Senegalesen am Strand Souvenirs verkaufen müssen und von ihrer Zukunft in Europa träumen (Nordwärts von Therese Koppe) oder Flüchtende an einem Grenzimbiss und einer Akkuladestation (Regie: Christoph Eder und Jonas Eisenschmidt) gefilmt werden. 0,5 m² von Tobias Wilhelm zeigt das Leben der Angekommenen in einem Flüchtlingsheim für christliche Männer in Deutschland.

Ganz vom Dokumentarischen weg bewegen sich nur zwei der filmischen Beiträge. In Umut schwimmt eine muslimische Frau auf einer Europalette übers Meer und landet erst in einem idyllisch menschenverlassenen Olivenhain, bevor die Reise an einem überfüllten Touristenstrand endet. Der Schlussfilm Veto zeigt ironisch eine Festival-Kommission, die sich über der Auswahl passender Dokumentarfilmbeiträge zur Flüchtlingssituation in die Haare bekommt und dabei sämtliche bekannte Exoten-Klischees durchdekliniert. Eine ratlose Veranstaltung, der es nach dem vorher Gezeigten eigentlich nicht mehr bedarf. Also Licht aus und Spot an für zukünftige Fluchtrecherchen.

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Fluchtrecherchen_FilmposterResearch Refugees – Fluchtrecherchen
Dokumentarfilm (D 2016) 98 Min, OmeU
Regie: Laura Laabs, Duc Ngo Ngoc, Tobias Wilhelm, Natalia Sinelnikova, Sophia Bösch, Sophie Linnenbaum, Christoph Eder, Therese Koppe, Thaïs Odermatt, Felix Pauschinger, Jonas Eisenschmidt, Valérie Anex, Baturay Ertas
Kamera: Omri Aloni, Christoph Eder, Jonas Eisenschmidt, David-Simon Groß, Therese Koppe, Lilian Nix, Felix Pauschinger, Janine Pätzold, David Schittek, Domenik Schuster, Carlos Vasques
Schnitt: Valérie Anex, Christoph Eder, Jonas Eisenschmidt, Emma Gräf, Andrea Herda-Muñoz, Friederike Hohmuth, Therese Koppe, Lena Köhler, Thais Odermatt, Felix Pauschinger, Laura Sabogal Espinel, Tobias Wilhelm, Martin Wunschick
Musik: Franziska Henke

Infos: https://achtungberlin.de

Zuerst erschienen am 20.04.2016 auf Kultura-Extra.

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The Dark Ages von Milo Rau beim FIND #16 in der Berliner Schaubühne

April 20th, 2016

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The Dark Ages am Residenztheater München - Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages am Residenztheater München – Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages heißt der zweite Teil der Europa-Trilogie des Schweizer Recherchetheatermachers Milo Rau. Der Abend hatte vor einem Jahr am Residenztheater in München Premiere und war nun beim 16. FIND-Festival in der Berliner Schaubühne zu sehen. Wie schon im ersten Teil The Civil Wars (der 2015 ebenfalls zu FIND gastierte) geht es um den Mechanismus des Erinnerns aus der ganz persönlichen Sicht von Schauspielern und Betroffenen zu einem bestimmten Thema europäischer Geschichte. Ein Theaterabend, der wieder tief in persönliche Geschichten eintaucht und sehr nachdenklich stimmt.

Bühnenbild und szenischer Aufbau sind ganz ähnlich dem beim Züricher Theater Spektakel 2014 uraufgeführten Stück, in dem es um die Entstehung von Extremismus in der bürgerlichen Gesellschaft ging. Wir schauen zunächst auf ein historisches Bild einer antiken Bühnenempore, die sich dreht und das Bild auf den Nachbau des NGO-Büros des bosnischen Menschenrechtsaktivisten Sudbin Musić freigibt. In der als Fünfakter angelegten Inszenierung The Dark Ages erzählen die fünf beteiligten DarstellerInnen, während sie sich mit einer Videokamera gegenseitig filmen, über ihre Erlebnisse während und nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. den Balkan-Kriegen in den 1990er Jahren. Nach dem eher aktiv spielerischen Rechercheprojekt Common Ground von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater eine ganz andere Art der Vergangenheitsbewältigung.

Viele Familienmitglieder, Freunde und Bekannte aus dem Dorf von Sudbin Musić wurden während des Bosnienkrieges von serbischen Freischärlern umgebracht. Musić selbst überlebte ein serbisches KZ, öffnet heute Massengräber und spricht mit den Hinterbliebenen. “Im Identifizieren sind wir Bosnier weltführend”, sagt er. Für ihn ist der Krieg nicht vorbei, bevor es Gerechtigkeit für die Opfer gibt. Daran zu erinnern, in einer Welt, die schnell vergisst, ist sein Lebensinhalt. Musić zeigt ein Video einer Hochzeitsgesellschaft, spricht vom Tag, als der frühere Serbenführer Radovan Karadzic nicht vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal erschien, weil er es nicht anerkennt und zählt die noch Verbliebenen aus seinem Dorf auf. Er fühlt sich dabei tatsächlich wie der letzte der Mohikaner.

Vedrana Seksan blieb während der serbischen Belagerung Sarajevos mit der Mutter und dem jüngeren Bruder in der Stadt. In der Kälte des Winters, ohne Kohle, oder Brot; und in der Gefahr vor Scharfschützen und Granatenbeschuss ging es immer ums tägliche Überleben. Vedrana leistete schon früh ihren Beitrag als 16jährige TV-Moderatorin und beschämte sogar den damaligen Uno-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali auf einer Silvesterparty mit unbequemen Fragen.

 

The Dark Ages am Residenztheater München - Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages am Residenztheater München
Foto (c) Thomas Dashuber

 

Auch die serbische Schauspielerin Sanja Mitrović war Teenager während des Ausbruchs des Krieges. Sie erinnert sich daran, wie plötzlich Bücher von kroatischen Schriftstellern aus dem Unterricht verschwanden und die Eltern ihr das Spielen mit Kindern anderer Nationalitäten verboten. Trotzdem empfindet sie selbst die Zeit des späteren Nato-Bombardements 1999 als die beste Zeit ihres Lebens. Vor allem an die Aufbruchsstimmung nach dem Fall der Milošević-Regierung erinnert sie sich gern. Heute sind die meisten Bekannten im Ausland. Sie selbst spielt nun Theater in Belgien.

Mehr oder weniger gerahmt wird das Ganze durch die an Theaterdramen erinnernde Aktüberschriften “Die Schutzflehenden”, “Die dunkle Zeit”, “Versuch über das Böse”, “Die Lebenden und die Toten” und “Schöne neue Welt” sowie die extra für die Produktion komponierte Musik der bekannten slowenischen Rockband Laibach. Sanja und Vedrana berichten gleichermaßen enthusiastisch über Konzertbesuche in Belgrad und Sarajewo nach dem Krieg. Die Musik der Band, die immer wieder Themen und Symbole des Totalitarismus ironisch benutzt und überhöht, hat gerade für die Menschen in den Ländern Ex-Jugoslawiens eine ganz besondere Bedeutung.

Ergänzt werden die Berichte der drei direkt Betroffenen von Erzählungen zweier Ensemblemitglieder des Münchner Residenztheaters. Manfred Zapatka berichtet von den letzten Kriegswochen, in denen er und seine Mutter in Bremen zweimal ausgebombt wurden. Er spricht von seiner schweren Nachkriegskindheit und der sehr engen Beziehung zu seinen Eltern bis zu deren Tod, der noch zusätzlich durch eine Erbstreitigkeit mit dem Bruder überschattet wurde.

Das sich wie ein roter Faden durch den Abend ziehende Thema ist auch eines der persönlichen Verluste. Das wird vor allem in den Berichten der Schauspielerin Valery Tscheplanowa deutlich, die nach der Trennung der Eltern mit ihrer Mutter aus dem russischen Kasan nach Deutschland kam, es anfänglich recht schwer hatte und wenig sprach. Eine Eigenschaft, die sie auch in ihren Schauspielberuf einbrachte, was sich auch in der Arbeit mit Regisseur Dimiter Gotscheff niedergeschlagen hat. Sie erzählt von der gemeinsamen Inszenierung von Heiner Müllers Hamletmaschine, die sie lange am Deutschen Theater Berlin spielten. Und selbst noch kurz nach dem Tod des Regisseurs war sie damit in Kuba, wo Gotscheff als Videoprojektion eingespielt wurde.

Teure Tote im Video sieht man öfter an dieser Aufführung, und trotzdem ist das in erster Linie kein sentimentaler, eher ein nachdenklich stimmender Abend über die Kraft der Erinnerung, wofür auch das Theater einen Beitrag leisten kann. So sprechen dann auch Valery Tscheplanowa und Sudbin Musić, der ähnlich wie Hamlet den Schädel seines exhumierten Vaters in Händen halten musste, Texte aus der Hamletmaschine Heiner Müllers, dem Meister der geschichtlichen Totenbeschwörung. “Each Man kills the Thing he loves” singt die Band Laibach. Ein Jeanne-Moreau-Cover nach The Ballad of Reading Gaol von Oscar Wilde. Ob das die letzte Erklärung für das Böse in der Welt ist, bleibt fraglich.

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(c) Schaubühne

(c) Schaubühne

THE DARK AGES 
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Musik: Laibach
Licht: Uwe Grünewald
Video: Marc Stephan
Dramaturgie: Sebastian Huber und Stefan Bläske
Mit: Valery Tscheplanowa, Manfred Zapatka, Sanja Mitrović, Vedrana Seksan und Sudbin Musić
Uraufführung im Residenztheater München war am 11. April 2015
Gastspiel beim FIND #16 an der Schaubühne am Lehniner Platz, 16.04.2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.residenztheater.de/

Zuerst erschienen am 18.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Ausbruch mit Wolf – Wild, der neue Film von Nicolette Krebitz mit einer bemerkenswerten Lilith Stangenberg in der Hauptrolle

April 18th, 2016

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WILD_PlakatDie Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz hat ihren dritten Spielfilm Wild nicht auf der Berlinale sondern beim renommierten Sundance Film Festival für internationale unabhängige Produktionen gezeigt. Der Film hat dort für einiges Aufsehen gesorgt und war nun parallel zum deutschen Kinostart als Gast im Wettbewerb des diesjährigen achtung berlin-Festivals zu sehen.

Wild handelt von der jungen Frau Ania, die sich nach der Begegnung mit einem Wolf aus ihren bisherigen Lebenszwängen befreit und zu einer selbstbestimmten Sexualität findet. In der Hauptrolle ist die bemerkenswert vielseitige Volksbühnenschauspielerin Lilith Stangenberg zu bewundern.

Ania ist die graue IT-Maus in einem äußerlich sterilen PR-Büro in Halle. Ihr Chef Boris (Georg Friedrich) wirft mit Bällen gegen die Bürotrennwand, wenn sie ihm einen Kaffee bringen soll. Die Kamera verfolgt Ania zunächst auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit vorbei an stillgelegten Bahngleisen entlang eines verwilderten Parks in der Betonwüste Halle-Neustadts. Dort lebt sie allein, die Schwester ist zu ihrem Freund gezogen. Über den Flur befindet sich die Wohnung der Großeltern, um die sie sich kümmert, während der Großvater (Hermann Beyer) nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt und schließlich stirbt. Auf einem geselligen Abend mit den Kollegen fühlt sich die stille Frau deplatziert. Einzige Freizeitunternehmung scheint der regelmäßige Gang zum Schießstand.

Das monotone Einerlei ihres Alltags ändert sich, als Ania am Rand des Wäldchens einen Wolf sieht. Man kann es schon im Leuchten ihrer Augen erkennen. Sie beginnt den Wolf zunächst mit einem riesigen Kottelet zu locken. Da er das Stück Fleisch verschmäht, kauft sie zwei lebendige Kaninchen und setzt diese aus. Als auch das fehlschlägt, erwacht in Ania der Jagdinstinkt. Dabei helfen ihr die Affinität zum Schießen und ein altes Buch des Großvaters über die sogenannte Lappjagd, bei der das Wildtier mit an Bäumen aufgefädelten Stofflappen in ein bestimmtes Gebiet getrieben wird.

 

Lilith Stangenberg im Film Wild von Nicolette Krebitz - (c) Heimatfilm

Lilith Stangenberg im Film Wild von Nicolette Krebitz
Foto (c) Heimatfilm

 

Ania vernachlässigt ihren Job und konzentriert sich voll auf die Jagd nach dem Wolf, bei der ihr drei Vietnamesinnen aus einer Lumpenfabrik helfen, in die sie wegen eines Kunden mit ihrem Chef gefahren war. Mit Fackeln und Blasrohr wird der Wolf schließlich gestellt und betäubt. Ania beginnt nun in ihrer Plattenbauwohnung mit dem die absolute Freiheit gewohnten Tier ein gefährliches Annäherungsspiel, das den Wolf in ihrer Fantasie sogar über ein Menstruationsrinnsal zwischen ihre Beine führt und dann beim gemeinsamen Eierfrühstück endet. Erst durch ein Loch in der Wand beobachtet, schlägt sich der Wolf schließlich zu ihr durch und beschnuppert seine Bezwingerin.

Je mehr sie den Wolf domestiziert, umso mehr beginnt auch die junge Frau selbst zu verwildern. Das zeigt sich u.a. im plötzlich aufmüpfigen Verhalten gegenüber ihrem Chef, der davon sichtlich irritiert ist und sich nun ebenfalls zu ihr hingezogen fühlt. Nach wildem Sex auf dem Bürotisch versagt Boris allerdings, da er nicht aus seiner angestammten Rolle findet. Ania hinterlässt ihre Marke auf dem Tisch und zündet das nach künstlichem Bodenbelag riechende Büro einfach an.

Der Ausbruch mit Wolf erst auf die Dächer über Halle-Neustadt und schließlich in die Wildnis eines verlassenen Tagebaus ist konsequenter Abschied aus der einengenden Zivilisation als Sinnbild des alten unfreien Lebens. Die Sehnsüchte und Wünsche dieser Frau lassen sich dabei nur schwerlich durch die Symbolik der Bilder oder gar durch Anleihen an Freud’sche Psychologiemodelle erklären. Das ist auch gut so. In dem sorgfältig fotografierten Film wirkt nichts aufgesetzt oder voyeuristisch. Es ist sogar Platz für eine leicht subtile Komik, die nie die Hauptfigur denunziert und jede Menge Platz für eigene Fantasien und Interpretationsmöglichkeiten lässt.

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WILD (D 2016), 97 Min.
Regie und Drehbuch: Nicolette Krebitz
Kamera: Reinhold Vorschneider
Schnitt: Bettina Böhler
Szenenbild: Sylvester Koziolek
Kostümbild: Tabassom Charaf
Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl, Kotti Yun, Laurie Young, Pit Bukowski, Nelson und Cossa, Hermann Beyer
Eine Produktion von Heimatfilm in Koproduktion mit WDR, ARTE
Produzentin: Bettina Brokemper
Kinostart: 14. April 2016

Infos unter: http://www.heimatfilm.biz/?portfolio=wild&lang=de

Infos Festival unter: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 16.04.2016 auf Kultura Extra.

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