„Lucky Loser“ und „Die Hannas“ – Neues deutsches Kino überzeugt mit Witz und Ernsthaftigkeit

August 21st, 2017

___

Sommerzeit ist Open-Air-Kinozeit, und selbst wenn das Wetter derzeit nicht mitspielt, machen zumindest zwei neue deutsche Filme Lust auf Sonne, Ferien und Liebe, auch wenn es zunächst nach Beziehungsstress aussieht. „Camping ist Kacke“, ruft der Lucky Loser in Beziehungspause Mike im gleichnamigen Film von Regisseur Nico Sommer; und Hans aus Die Hannas von Regisseurin Julia C. Kaiser stöhnt auch nur: „Schon wieder ein Beziehungsfilm“. Was also ist das Besondere an diesen beiden Low-Budget-Filmen, dass man sie unbedingt gesehen haben muss?

*

Nico Sommer hat mit Filmen wie Silvi (2013) und Familienfieber (2014) schon ganz gut unter Beweis gestellt, dass er sein Handwerk als Regisseur für improvisierte Filme mit hintersinnigem Humor versteht. Nun hat er mit Filmförderung durch das ZDF zum ersten Mal ein richtiges Drehbuch geschrieben. Für das Gelingen am Set sorgte bisher immer ein ausgesuchtes Ensemble von DarstellerInnen, zu denen vor allem sein jetziger Hauptdarsteller und Impro-Könner Peter Trabner gehört. In Lucky Loser gibt Trabner Mike, einen alleinstehenden Mitvierziger, der nach 8 Jahren Beziehungspause immer noch an seiner Ex-Freundin Claudia (gespielt vom TV-Liebling Annette Frier) hängt. Die ist allerdings längst mit dem etwas spießigen Thomas (Kai Wiesinger) liiert. Aber Mike gibt nicht auf. Am Rückspiegel seiner Schrottkarre hängt das Bild seiner Angebeteten – bis sie ihn erhört oder bis zu seinem bitteren Ende, wie er der gemeinsamen 15jährigen Tochter Hannah (Emma Bading) versichert. Hanna ist die einzige, die noch zu Mike hält, und beschließt daher spontan nach einem Streit mit der Mutter und deren Freund, bei ihrem Vater einzuziehen.

Da Mike aber gerade von seinem Vermieter (Gustav Peter Wöhler) wegen Mietrückständen auf die Straße gesetzt wurde, fängt die Sache an etwas kompliziert zu werden. Vom seinem Chef (Tatort-Kommissar Kopper alias Andreas Hoppe auf Kinoabwegen) aus der Autowaschanlage, in der er arbeitet, bekommt Mike einen alten Wohnwagen und beschließt notgedrungen, seine Tochter auf eine Campingtour ins Brandenburgische zu lotsen. Damit wird die Sache aber nicht einfacher, und es beginnt ein „Sommer in der Bredouille“, wie die Beziehungskomödie kalauernd im Untertitel heißt.

 

Lucky Loser(c) Farbfilm Verleih

 

Denn nicht nur Mike hat Tochter und Ex nicht ganz die Wahrheit gesagt, auch Hannah hat ihrem Vater verschwiegen, dass sie ihren Freund Otto (Elvis Clausen) zwecks geplanter Entjungferung zum 16. Geburtstag auf den Campingplatz, auf dem schon Mutter Claudia die verregnetsten Sommer ihres Lebens verbringen musste, eingeladen hat. Nun ist Otto zum Erstaunen Mikes trotz entsprechendem Namen kein sogenannter „Biodeutscher“, sondern ein in Deutschland geborener, großgewachsener Spross ghanaischer Eltern, was nicht nur P.C.-Debatten über das „N“-Wort auslöst, sondern auch Anlass zu Auseinandersetzungen mit rassistischen brandenburgischen Jugendlichen gibt.

Mike macht sich aber zunächst eher Gedanken über Drogenkonsum sowie die Jungfräulichkeit seiner Tochter und wie sie alle gemeinsam die Verwicklungen vor der nun auch noch auf dem Campingplatz angekommenen Mutter verbergen sollen. Der Film schrammt hier natürlich hart an allerhand Klischees vorbei, kann diese aber auch zu jeder Menge Wortwitz nutzen. Mitreißend aber ist, wie Peter Trabner in der Rolle des Mike, ohne dessen Bemühungen um Tochter und Ex ins Lächerliche zu ziehen, den Jungen spielt, der nicht erwachsen werden will und dem als Lucky Loser alle Sympathien gehören.

**

Als Komödie beginnt der neue Film von Julia C. Kaiser, der – wie schon ihr Erstling Das Floß! (2015) – wieder beim Achtung Berlin Filmfestival im April lief und dort gleich die Preise für den besten Film, das beste Drehbuch, die beste Darstellerin und den besten Darsteller abräumte. Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach), zusammen Die Hannas, leben seit 15 Jahren zusammen und sind nach der etwas unschmeichelhaften Feststellung von Annas Freundin (Anne Ratte-Polle) das Paar, das im Kompromiss glücklich sein kann. Wir sehen zwei, die ihren Alltag leben ohne durchzudrehen. Scheinbar. Denn eigentlich gehen die beiden jedem Konflikt – sei es die Urlaubsplanung oder nur das gemeinsame Essen – aus dem Weg. Und damit beginnen dann aber auch schon die Probleme.

Nicht nur die Physiotherapeutin Anna verliebt sich für sie ganz überraschend in ihre umtriebige und nicht ganz einfache Patientin Nico (Ines Marie Westernströer), die in einer veganen WG mit Café-Betrieb lebt und einen recht taffen 15jährigen Sohn (Tim Blochwitz) im Heim hat. Auch der etwas gemütliche und korpulente Hans gerät unverhofft auf Abwege, als er beim über seinen Freund Florian (Christian Natter) vermittelten Hardcore-Fitnesstraining die Bondage und anderen Spielen nicht abgeneigte Kim (Julia Becker) kennenlernt. Dass Nico und Kim Schwestern mit zunächst unklaren Vergangenheit sind, erfährt man erst nach und nach, was für weitere Verwirrung sorgt, die Spannung und scheinbare Absurdität der Story aber noch beständig steigert.

 

Die Hannas – (c) W-film

 

Allerdings beginnt hier auch der Wandlungsprozess des Paars, was die durch ihren Psychotherapeuten (Falilou Seck) ermunterte Anna weiter beflügelt ihren Gefühlen nachzugehen und auch Hans immer mehr aus seiner Lethargie reißt. Das bedeutet aber auch, dass die beiden den geschützten Kokon ihrer gewohnten Zweisamkeit verlassen müssen und ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird. Wie unwirklich sich das für sie manchmal anfühlt, zeigt der Film in einigen surreal wirkenden Szenen. Einerseits genießen Die Hannas den Reiz der neuen Freiheit und die anderen Erfahrung in Sachen Liebe, andererseits wollen sie sich nicht verlieren, was wiederum die Schwestern in eine Krise stürzt.

Julia C. Kaiser hat einen aufregenden Film gedreht, der abseits normierter Sehgewohnheiten für einen freieren Umgang mit Liebes- und Beziehungsdingen wirbt, Alternativen zur Diskussion stellt, es den Beteiligten aber auch nicht unbedingt einfach macht sich zu entscheiden. Ob Die Hannas, um ihr Leben zu ändern, über den geraden gelben Strich, den ein Straßenarbeiter beständig zieht, springen können, sei hier noch nicht verraten. Es lohnt aber in jedem Fall ihnen beim Versuch zu zusehen.

***

Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille (Deutschland 2017)
Dauer: 94 Minuten
Regie und Buch: Nico Sommer
Kamera: Thomas Förster
Montage: Nico Sommer, Carlotta Kittel BFS
Ton: Tim Stephan
Sounddesign: Manuel Laval
Redakteur: Christian Cloos
Producerin: Katharina Possert
Produzenten: Boris Schönfelder
Mit: Peter Trabner, Annette Frier, Emma Bading, Kai Wiesinger, Elvis Clausen, Ursula Werner, Andreas Hoppe, Harald Polzin, Christin Nichols, Antonio Wannek, Michael Kind, Gustav Peter Wöhler, Karim Cherif, Alexandra Grimaldi, Deborah Kaufmann, Katharina Schlothauer

Weitere Infos: http://www.luckyloser-film.de/

Die Hannas (Deutschland, 2016)
Dauer: 102 Minuten
Regie, Buch: Julia C. Kaiser
Kamera: Dominik Berg
Schnitt: Linda Bosch
Musik: Sorry Gilberto, Dominik Berg, Coleslaw Clubbing
Ton: Tobias Rüther
Kostüm: Ulé Barcelos
Szenenbild: Melanie Peter
Produzenten: Oliver Schütte, Stefan Jäger, Katrin Renz, Milena Klemke
Produktion: tellfilm Deutschland
Mit: Anna König, Till Butterbach, Ines Marie Westernströer, Julia Becker, Anne Ratte-Polle, Christian Natter, Tim Blochwitz, Çetin Ipekkaya, Mandana Mansouri, Cynthia Micas, Robert Nickisch, Jakob Renger, Falilou Seck, Oliver Steffen

Infos: http://diehannas.wfilm.de

Zuerst erschienen am 16.08.2017 auf Kultura-Extra.

__________

„Kalakuta Republik“ und „Au-delà de l’humain“ – Zum Auftakt der 29. Ausgabe von Tanz im August standen Choreografien aus Afrika im Mittelpunkt

August 15th, 2017

___

Am 11.08.2017 wurde im HAU 1 die 29. Ausgabe von TANZ IM AUGUST eröffnet. Nach Reden von Gastgeberin Annemie Vanackere, Kultursenator Klaus Lederer und der Kuratorin Virve Sutinen, die den Jahrgang in seiner Themenvielfalt und dem Versuch von künstlerischen Reflexionen angesichts einer globalisierten Welt allgemein als einen sehr guten anpriesen, stand eine Aufführung des Tänzers und Choreografen Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso auf dem Programm im HAU 1. Mit seiner Kalakuta Republik tourt er derzeit durch ganz Europa. Deutschlandpremiere hatte die Produktion bei der bei Africologne in Köln. Die nächste Station wird das Sommerfest auf Kampnagel in Hamburg sein.

*

Coulibaly thematisiert in seinem Tanzstück den Zusammenhang von Kunst und Revolte am Beispiel des bekannten nigerianischen Afrobeat-Musikers Fela Kuti, der von den 1960er Jahren bis zu seinem AIDS-Tod 1997 als Künstler und politischer Aktivist tätig war. In seinen Texten kritisierte er vor allem die Militärregierung des Landes. Anfang der 1970er Jahren gründete er in Lagos die titelgebende Künstlerkommune Kalakuta Republik. Diese wurde 1977 bei einem Angriff nigerianischer Regierungstruppen zerstört. Fela Kuti ist nach wie vor eine Leuchtfigur im Kampf gegen afrikanische Diktatoren oder die Folgen der westlichen Kolonisation. Von Kritikern wird er aber auch als Demagoge und sexistischer Fundamentalist bezeichnet. Vor allem seine klare Ablehnung der Homosexualität und der AIDS-Prävention sind bekannt.

 

Kalakuta Republik von Serge Aimé Coulibaly – Foto (c) Doune Photo

 

Diese Ambivalenz Kutis untersucht die Choreografie in zwei Teilen. Im ersten Teil, der mit „Without a Story we would go mad“ (Ohne eine Geschichte würden wir verrückt werden) überschrieben ist, zeigen die Tänzer in Gruppen- und Solopartien das Entstehen eines gemeinsamen Widerstands. Aber auch hier gibt es einen charismatischen Führer, der die einzelnen, farblich unterschiedenen Individuen um sich schart. Und immer mehr beginnen sie diesem zu huldigen. Die Choreografien sind dabei sehr körperlich, dynamisch und in ihrer Zeichenhaftigkeit nicht immer endschlüsselbar. Der treibende Beat der Funkmusik mit Saxofon-Einlagen trägt aber über die gut 40minütige, schweißtreibende Darbietung der 7 afrikanischen Tänzer und Tänzerinnen, zu denen der Choreograf selbst und auch die weiße, französische Tänzerin Marion Alzieu gehören. Als Requisiten dienen ihnen dabei einige Stühle eine Ledersitzecke und zwei große Videowände.

Der zweite Teil nach der Pause spielt in einem verrauchten Soul-Nachtclub, in dem die Stühle wild herumliegen, eine Frau auf einem Podest tanzt, betrunkene Gestalten umherirren und Männer die Frauen mit Gesten erniedrigen. So bläst einer der Tänzer einer Tänzerin, die am Mikrofon zu singen versucht, immer wieder Zigarettenqualm ins Gesicht und auf den Körper. „War is a purifiction rite“ (Krieg ist ein Reinigungs-Ritus) steht auf der Videowand oder auch „Dekadence can be an end in itself“ (Dekadenz kann Selbstzweck sein). Einer der Tänzer ruft: „Ich werde Präsident sein.“ Die Befreiung schlägt in ihr Gegenteil um, die Revolution frisst ihre Kinder. Der Widerstand erstickt in Ritualen der Körperlichkeit, der Dekadenz und des Machismo. In einer kleinen Parade mit wieder sehr symbolhaften Gesten verlässt die Truppe, die Tänzerinnen auf den Schultern der Tänzer, den Saal.

**

Zora Snake bei seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain vor dem HAU 1
Foto: St. B.

Mit traditionellen Riten beschäftigt sich der 1990 in Kamerun geborene Choreograf Zora Snake in seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain (Jenseits des Menschlichen), die er im Anschluss an die Eröffnungspremiere draußen vor dem HAU 1 begann. Er setzt sich darin mit dem postkolonialen afrikanischen Körper auseinandersetzen und bedient sich dabei Mitteln der Performing Arts sowie des Urban und African Dance. Zunächst sprang Snake mit zwei Ritualschalen auf die Stresemannstraße und zog danach einen Sarg mit der Kameruner Flagge zum HAU 2, wobei ihm das Publikum folgte und auch eine Kette aus schwarzen Holzkreuzen hinterher trug. Vor dem Café Wau zelebrierte der junge Performer noch ein streng durchchoreografiertes, afrikanisches Begräbnisritual auf einem quadratischen Erdfeld und hielt eine Rede in Französisch, die im Programmblatt auf Deutsch abgedruckt war.

In dem Text Die Toten sind nicht tot geht es um die Tragödie aus Kriegen überall in Afrika. „Werden wir immer schweigende Beute bleiben?“ fragt Zora Snake und verneint dies mit dem Aufruf „dem Leben, das vor Jahrhunderten gestorben ist, wieder Leben einzuflößen“. Snake ruft dazu die Ahnen des schwarzen Widerstands wie Nelson Mandela, Mohamed Ali, Fidel Castro, Martin Luther King, Malcom X oder Patrice Lumumba. „In dem Ring meiner Erinnerung boxt die Hoffnung gegen die Hoffnungslosigkeit. Wir leisten Widerstand.“ Gerade in ihrer für uns Europäer vielleicht etwas simplen Archaik blieb diese Performance nicht ganz ohne Wirkung.

 

Zora Snake bei seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain vor dem HAU 2 – Foto: St. B.

***

Kalakuta Republik
Konzept & Choreografie: Serge Aimé Coulibaly
Von und mit Adonis Nebié, Marion Alzieu, Sayouba Sigué, Serge Aimé Coulibaly, Ahmed Soura, Antonia Naouele, Ida Faho
Musik: Yvan Talbot
Video: Eve Martin
Dramaturgie: Sara Vanderieck
Assistenz Choreografie: Sayouba Sigué
Bühne & Kostüm: Catherine Cosme
Licht: Hermann Coulibaly
Technische Leitung: Sam Serruys
Produktion: Faso Danse Théâtre & Halles de Schaerbeek
Produktionsleitung: Halles de Schaerbeek
Distribution: Frans Brood Productions
Koproduktion: Maison de la Danse Lyon, TorinoDanza, Le Manège Scène nationale de Maubeuge, Le TARMAC – La Scène internationale francophone Paris, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Ankata Bobo Dioulasso, Les Récréâtrales Ouagadougou, Festival AfriCologne, CC De Grote Post Oostende.
Dauer: 85 min + Pause

Au-delà de l’humain
von und mit Cie Zora Snake
Künstlerische Leitung: Zobel Raoul Tejeutsa / Snake
Konzept & Choreografie: Zora Snake
Bühnenbild: Snake
Produktion: Compagnie Zora Snake
Mit der Unterstützung von: Festival Ambony Ambany 4 Madagascar, Festival Mantsina Sony sur Scène – Congo-Brazzaville, Festival Les Récréârales, La Triennale danse l’Afrique danse, Festival les Dètours de Babel, Othni (laboratoire de théâtre de Yaoundé-Cameroun).
Dauer: 45 Min

Infos: http://m.tanzimaugust.de/

Zuerst erschienen am 13.08.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Lucian Freud: Closer – Der Martin Gropius Bau zeigt erstmals Radierungen des britischen Malers aus der UBS Art Collection

August 13th, 2017

___

Lucian Freud – Ausschnitt aus Head and Shoulders of a Girl, 1990 – © The Lucian Freud Archive, Bridgeman Images, UBS Art Collection

Lucian Freud (1922-2011) wurde von seinen Kritikern als der „besessenste Maler des Fleisches“ bezeichnet. Seine stark pastösen Gemälde nackter Modelle wirken oft sehr korpulent und auf viele geradezu obszön. Jede Ader, jede Hautfalte, jeder noch so kleine Makel, alles Intime liegt in seinen radikal-realistischen Bildern gnadenlos offen. Aber es ist die Art, wie er die Menschen sah. „Zu den aufregendsten Dingen gehört, durch die Haut hindurchzusehen, bis zum Blut, zu den Venen und Narben.“ Das Innere bildhaft nach außen kehren. Darin ähnelt Lucian Freud seinem Malerkollegen und Freund Francis Bacon. Beide haben sich mehrfach gegenseitig portraitiert.

Die Modelle fand der in Berlin geborene Enkel des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud im direkten Umfeld. „Mein Werk ist rein Autobiografisch. Es ist der Versuch, etwas aufzuzeichnen. Es geht darin um mich und meine Umgebung. Ich male nach Menschen, die mich interessieren und die mir etwas bedeuten und über die ich nachdenke, in Räumen, in denen ich lebe und die ich kenne.“ Auch die Natur und vor allem Tiere tauchen immer wieder in Freuds Gemälden auf. In Kombination sind dies Bilder der Ruhe und Ausgeglichenheit, fast wie fleischgewordene Meditationen.

Wie setzt man diese Art zu Malen nun in das eher reduziertere Medium der Druckgrafik um? Dazu sind im Martin Gropius Bau zurzeit 51 Radierungen Freuds aus der UBS Art Collection zu sehen. Ergänzt werden sie durch ein aquarelliertes Selbstportrait und zwei bekannte Gemälde aus der großen Schweizer Unternehmens-Sammlung. Lucian Freud: Closer ist nach großen Retrospektiven 2010 im Centre Georges Pompidou Paris, 2012 in der National Portrait Gallery London und 2013 im Kunsthistorisches Museum Wien, eine erste Ausstellung mit Werken Freuds in Berlin seit 1991.

 

Lucian Freud: The Painter´s Mother, 1982, Radierung, 29,5 x 24,2 cm © The Lucian Freud Archive, Bridgeman Images UBS Art Collection

 

1922 in Berlin geboren, wanderte der damals 10jährige Freud nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mit seiner Familie nach Großbritannien aus. Mit 16 wurde er britischer Staatsbürger und besuchte bereits die Central School of Art. Kontinuierlich an sich arbeitend hatte Freud mit 21 seine erste eigene Ausstellung. Gezeichnet und radiert hatte er im kleinen Maßstab eigentlich schon immer. Aber erst ab den 1980er Jahren entstanden parallel zu seinen Gemälden viele auch großformatige Radierungen mit den gleichen Motiven. Die ausgestellten Werke stammen bis auf das Aquarell Self-Portrait aus dem Jahr 1974 aus der Zeit von 1982 bis 2001.

Als ironische Wertung der symbolhaft überladenen Werke der Surrealisten, denen er sich nur ganz kurz in den 1940er Jahren zuwandte, ist sein Ausspruch zu verstehen: „Was könnte surrealer sein, als eine Nase zwischen zwei Augen.“ Freud suchte die Wahrhaftigkeit in seinen Portraits. „Ich wünsche mir, dass meine Porträts sozusagen die Leute selbst sind, nicht nur deren äußere Erscheinung.“ Den strengen Maßstab seiner Portraitbilder legte er auch ans eigene Antlitz. Die Ausstellung öffnet mit dem besagten Selbstportrait am Eingang zum ersten Raum, in dem vorwiegend Portraits von Verwandten und Bekannten sowie Londoner Künstlerpersönlichkeiten gezeigt werden, und schließt mit einer sehr düsteren Self-Portrait-Radierung von 1996. Ein tief gefurchtes Gesicht mit dunklen Augenhöhlen und heruntergezogenen Mundwinkeln, nichts beschönigend. Zum Vergleich kann man im ersten Raum eine kleine Serie von Radierungen seiner Mutter betrachten. The Painter‘s Mother von 1982 dokumentiert schon ebenso kompromisslos die Vergänglichkeit des Körpers.

 

 

Lucian Freud: Large Sue, 1995, (Benefits Supervisor Sleeping), Radierung, 82,5 x 67,3 cm
(c) Lucian Freud Archiv/Bridgeman Images UBS Art Collection

 

Weitere Radierungen zeigen vor allem seine Tochter Bella, Bekannte der Familie, wie den Anwalt seines Großvaters Sigmund Freund, oder Freunde und Künstlerkollegen wie den britischen Konzeptkünstler, Bildhauer und Filmemacher Cerith Wyn Evans, dessen Kopf er zusätzlich mit Pastellkreide wild über den Rand der Radierung hinaus kolorierte, oder in Head of a Man und Large Head den australischen Modedesigner und Performancekünstlers Leigh Bowery, der Freud ebenfalls meist nackt Modell stand. Eines davon, Reclining Figure, ist im zweiten Raum zu sehen, der sich ganz Freuds vielen Nacktmodellen widmet. Sie verströmen alle eine ganz spezielle Nähe und Intimität.

Lucian Freud ließ in den Radierungen alles Interieur um seine Modelle weg. Das erweckt tatsächlich den Eindruck von Schwebenden. Als signifikantes Beispiel dafür hängen hier die Bilder der recht barocken Arbeitsamtsangestellten Sue Tilley, die ihm sehr oft Modell saß, oder besser lag. Wie eine schlafende Madonna von Rubens. Als Gemälde erzielten diese Aktbilder auf Auktionen enorme Preise. Die Radierungen Large Sue und Woman with Arm Tattoo sind aber nicht minder eindrucksvoll.

 

Lucian Freud: Double Portrait 1988–1990 (Susanna Chancellor und Freuds Hund Pluto), Öl auf Leinwand, 113,3 x 134,62 cm
(c) The Lucian Freud Archive, Bridgeman Images UBS Art Collection

 

Freuds Vorlieben für Tiere und Naturdarstellungen widmen sich die hinteren Räume der Ausstellung. Hier fasziniert vor allem die Radierung eine feingliedrigen Diestel, ein Motiv, das öfters in seinen Gemälden auftaucht. Ebenso wie Hunde, die er zusammen mit ihren Besitzern portraitierte. Als anschauliches Beispiel dient hier das Gemälde Double Portrait (1988–1990), das Freuds Modell Susanna Chancellor mit seinem Jagdhund Pluto zeigt. In der Radierung reduzierte Freud den Bildausschnitt lediglich auf den Hund, der zu Füßen der Ruhenden liegt.

Vorbilder fand Freud in der klassischen französischen Portrait-Malerei des 18. Jahrhunderts mit Vertretern wie Jean-Auguste-Dominique Ingres oder Jean Siméon Chardin, dessen Gemälde Die Schulmeisterin er in zwei Radierungen adaptierte. Chardin ist als „Maler der Stille“ bekannt, was Freuds Intensionen der Malerei natürlich sehr nahe kommt. In der Radierung The Egyptian Book reflektiert Freud Besuche des Berliner Ägyptischen Museums in seiner Kindheit. Das Bild zeigt das aufgeschlagene Buch Geschichte Ägyptens aus seinem Besitz, mit den Portraits zweier früher ägyptischer Statuen. Ebenfalls eine Referenz an die Kunstgeschichte wie auch an die Vergänglichkeit.

***

Lucian Freud: Closer
Radierungen aus der UBS Art Collection
22.07.2017 – 22.10.2017
Martin-Gropius-Bau,  Berlin
Niederkirchnerstraße 7

Infos: https://www.berlinerfestspiele.de/

Zuerst erschienen am 10.08.2017 auf Kultura-Extra.

__________

A L‘ARME! Festival V – Das 5. Berliner Festival für Avantgardemusik und zeitgenössischen Jazz präsentierte viele neue Improvisations-Projekte und alte Gitarren-Helden

August 10th, 2017

___

Auf mittlerweile bereits fünf Ausgaben kann in diesem Jahr das kleine aber doch auch großartige Avantgarde-Jazzfestival A L’ARME! zurückschauen. Erstmalig 2012 ertönte der Aufruf „A L’ARME – zu den Waffen“ im Radialsystem V, einem umgebauten Pumpwerk am Spreeufer, das sich seit 2006 als internationaler Treffpunkt für experimentelle Musik, zeitgenössischen Tanz und viele andere Künste etabliert hat. Weniger militärisch als viel mehr improvisationslustig präsentierte sich seitdem auch das Line-up des Festivals, auf dem sich Avantgarde-, Noise- und Free-Jazz-Größen wie Peter und Caspar Brötzmann, Joe McPhee, Thurston Moor, FM Einheit, Mats Gustafson, Massimo Pupillo, Ken Vandermark, Ingrid Laubrock und sogar Pop-Größen wie Neneh Cherry ein Stelldichein gaben.

Zum viertägigen Jubiläum versprachen die Veranstalter eine Vielzahl von Album-Erstvorstellungen und kompositorische Uraufführungen. Dazu wurde eine Mix aus AL’ARME!-All-Stars und jüngeren Talenten der Avantgardemusik-Szene eingeladen. Wobei der Fokus des Festivals auf der Berliner Jazz- und Improvisationsszene liegen sollte. Spezielle After-Show-Partys mit elektronischer Musik präsentierte das Raster-Noton-Label.

 

Mieko SuzukiFoto (c) Peter Gannushkin

 

Wie in den letzten beiden Jahren fand das Opening des Festivals am Mittwochabend in Berlins Techno-Tempel Nr. 1, dem Berghain statt. Die in Berlin lebende japanische DJ-Künstlerin Mieko Suzuki mischte dazu den passenden elektronischen Begrüßungssound. Auch wenn ihre schmale Silhouette hinter den Turntables kaum wahrnehmbar war, versprühte sie doch vor und zwischen den einzelnen Live-Acts mit ihren wabernden, elektroakustischen Basslinien eine bemerkenswert klangliche Präsenz. Ein fast psychodelisches Warm-up, zu dem der nachfolgende deutsche Elektropionier, Visual Artist und Mitbegründer des renommierten Raster-Noton-Labels, Frank Bretschneider, zunächst so gar nicht recht passen wollte.

Bretschneider, der mit seinem alten Kollegen aus Karl-Marx-Städter AG.Geige-Zeiten Olaf Bender aka Byetone Samstagnacht noch ein paar DJ-Sets im Radialsystem V spielen wird, trat mit seiner audiovisuellen EXP-Solo-Performance auf. Der elektronische Soundtüftler erzeugte auf seinem Laptop ca. eine halbe Stunde lang elektroakustische Störgeräusche, zu deren Rhythmus auf einem Videoscreen im Hintergrund bizarre Herzfrequenzkurven und andere Computergrafiken hypnotisch zuckten.

 

Frank Bretschneider(c) A L’ARME! Festival

 

Es war ein Abend der Extreme und klanglichen Collagen. Extrem experimentell wirkte im Anschluss auch das Zusammenspiel der beiden avantgardistischen Gitarren-Gurus Caspar Brötzmann und Thurston Moor. Berliner Industrial trifft New Yorker Noise-Rock – zwei Fender-Gitarren im unmittelbaren Soundbattle. Die beiden Experimental-Gitarreros türmten zunächst ein paar improvisierte Lärmwände auf, die sie nach und nach unter viel Getöse wieder einrissen. Dabei wurden die Stahl-Saiten der Elektrogitarren auf alle nur erdenkliche Art und Weise malträtiert. Vorwärtstreibende Gitarrenriffs von Thurston Moor verknäulten sich mit den metallen zerrenden Geräuschen, die der Massaker-Frontmann seiner E-Gitarre entlockte. Ein Noise- und Feedbackgewitter, das hin und wieder auch in ein fast meditatives Glockengeläut überging.

Allein das wäre für geübte Noise-Rock-Jünger schon das Eintrittsgeld wert gewesen, wenn nicht mit dem norwegischen Hammond-Orgel-Powertrio Elephant9 gegen 23 Uhr noch ein ganz spezielles Set das Lärm-Glück komplettiert hätte. Man könnte meinen, die musikalischen Uhren im Berghain liefen an diesem Abend rückwärts. Die Auferstehung des Avantgarde-Jazz und Prog-Rock der 1960er Jahre, der nicht nur Brötzmann und Moor inspiriert haben dürfte, im bombastischen Sound-Gewand des Elektro-Organisten Ståle Storkløkken begleitet von Nikolai Hængsle Eilertsens psychedelischen Basslinien und den treibenden Drums des Schlagzeugers Torstein Lofthus. Und damit schwimmen die drei Norweger natürlich auf einer anhaltenden Retro-Welle. Was diesen an Prog-Rock-Größen wie King Crimson oder Amon Düül erinnernden Instrumentalsound ins 21. Jahrhundert trägt, sind der konsequente Einsatz von elektronischen Loops und verzerrten Fender Rhodes, die den Sound dadurch auch für jüngere Techno-Fans tanzbar machen. Eine gelungene Fusion von Elektronik und Art-Rock.

 

Elephant 9Foto (c) Hans Petter Heggli

 

**

Nach der ersten Lärmoffensive zur Eröffnung des 5. A L’ARME!-Festivals am Mittwoch im Berghain stand der Donnerstag im Radialsystem V wieder ganz im Zeichen der Improvisation. Der Abend begann mit einem recht minimalistischen Solokonzert der in Amsterdam lebenden slowenischen Pianistin Kaja Draksler. Sie gehört zu den derzeit gefragtesten ImprovisatorInnen der Avantgarde-Szene und war daher auch noch für einen Auftritt mit ihrem Kaja Draksler Octet am Samstag gebucht. Im quadrophonisch neu ausgerichteten Saal des Radialsystems überzeugte Draxler mit einer Darbietung ihres Könnens am eher klassischen Konzertinstrument, bei dem sie alle Spielarten der Klangerzeugung selbst mittels auf die Saiten des Flügels geworfener Metallstückchen atmosphärisch austestete.

 

Kaja DrakslerFoto (c) Beata Szparagowska

 

Gleich danach präsentierte der Berliner Schlagzeuger und SWR-Jazzpreisträger 2017 Christian Lillinger mit seinem dänisch-deutschen Ensemble-Projekt Dell/Brecht/Lillinger/Westergaard eine elektroakustische Weltpremiere für Schlagzeug, Vibraphon, Kontrabass und Live-electronics. Herbei wurden die von Schlagzeuger Christian Lillinger, Vibraphonisten Christian Dell und Bassist Jonas Westergaard gespielten Improvisationen durch die Live-Bearbeitung des Stuttgarter DJs Johannes Brecht verstärkt. Was Brecht hier mit den Klängen der drei Mitstreiter anstellte, ist zwar musikalisch gesehen nicht unbedingt ganz neu, verfehlte aber seine akustische Wirkung im Saal nicht.

Natalie Sandtorv Foto: St. B.

Eine improvisatorische Meisterleistung gelang der jungen norwegischen Sängerin und Preisträgerin des Moldejazz/”Sparebank 1-Jazz Talent“-Preises 2016 Natalie Sandtorv mit ihrem neustes Projekt, dem New Roots Trio. Bei diesem auskomponierten Konzert für Stimme, präpariertes Klavier und Schlagzeug wurde sie von dem norwegischen Schlagzeuger Ole Mofjell und der griechischen Pianistin Zoe Efstathiou unterstützt, die wiederum als sogenannte Meisterin des präparierten Klaviers gilt. Bemerkenswert aber war vor allem das Können Ole Mofjells, der ähnlich wie Draxler und Efstathiou, alle erdenklichen Möglichkeiten der Klangerzeugung auf seinen Drums und Schellen nutzte, was Natalia Sandtorv elfengleichen Voice-Improvisationen bestens ergänzte.

Ein bombastisches orchestrales Konzerterlebnis stand zum Finale des Donnerstagabends in der Halle des Radialsystems auf dem Programm. Der New Yorker Trompeter und Komponist Nate Wooley hat für die Berlin-Premiere der 2015 in New York uraufgeführten fünften Edition seiner siebenteiligen Kompositionsserie Seven Storey Mountain ein 19-köpfiges Ensemble, bestehend aus bekannten SpitzenmusikerInnen der internationalen Avantgarde-Bewegung, zusammengestellt. Das Werk begann mit einem fanfarenartigen Auftakt der Bläsersektion und steigerte sich dann im Zusammenspiel von zwei Vibraphonen, Schlagzeugen und Streichern, der Vocal-Instrumentalistin Liz Allbee und der Trompete von Nate Wooley zu einem orchestralen Infernal aller beteiligten MusikerInnen. Nach etwa einer Stunde war das fünfte Lärm-Geschoss erklommen und der Abend klang mit fast meditativen Glockenschlägen als Zeichen der unaufhaltsamen Vergänglichkeit aus.

 

Nate Wooley mit Seven Storey Mountain – Foto: St. B.

**

Im Song Trends des deutschen Avantgarde-Pop-Duos Foyer Des Arts hieß es 1982 noch ironisch „Gitarrensolos erobern sich die Rockmusik zurück“. Bewahrheitet hat sich das u.a. mit Avantgarde-Musikern wie Caspar Brötzmann und Thurston Moore, die beide ihre Karriere in den 1980er Jahren begannen und nun zum widerholten Mal zum A L’ARME!-Festival eingeladen wurden. Nicht zuletzt würdigte man diese Tradition mit dem Auftritt eines weiteren Gitarren-Sets mit der niederländischen Punk-Legende The Ex, die das Festival am Samstagabend beendeten. Auch wenn Caspar Brötzmanns letzte eigene Platteneinspielung schon ein paar Jahre zurückliegt und der Extrem-Gitarrist nach mittlerweile 30 Jahren im Geschäft immer noch als Geheimtipp in der Szene gilt, war der eigentlich nie wirklich weg. Nach Projekten mit FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten und den beiden Schweizer Musikern Michael Wertmüller und Marino Pliakas belebte Brötzmann nun mit dem italienischen E-Bassisten Massimo Pupillo und dem Schweizer Schlagzeuger Alexandre Babel die Dreierkonstellation seiner legendären Band Massaker wieder.

 

Brötzman-Pupillo-Babel
Foto (c) A L’ARME! Festival

 

Den Freitagabend im Radialsystem eröffneten die drei Musiker mit der ersten öffentlichen Vorstellung ihrer neuen LP Alexandre Babel/ Massimo Pupillo/ Caspar Brötzmann: Live At Candybomber Studio Vol. I. Man kann also noch auf weitere Releases dieser rein instrumental eingespielten E-Gitarren-Improvisationen hoffen. Wer diese Art von Brachialbeschallung mag, wurde beim Konzert in der Halle nicht enttäuscht. Brötzmann ließ wieder seine nur selten abebbenden Gitarren-Lärmwellen fließen und wurde dabei von Babels treibenden Drums und Pupillos Bass, den der italienische Fusion- und Improvisationsspezialist noch über Live-electronics verstärkte, bestens unterstützt.

Weniger lärmig aber nicht minder intensiv war das Duett des US-amerikanischen Free-Jazz-Veteranen Joe McPhee mit dem norwegischen Schlagzeuger Paal Nilssen-Love in benachbarten Saal. Nur durch einige Spoken-Words-Darbietungen unterbrochen, ließ McPhee immer wieder seine Stimme mit und durch sein Saxophon aufheulen. Dabei assistierte ihm Nilsson Love an Drums Gongs und Rasseln.

 

Corsano – Lee – Abdelinour – MayaFoto: St. B.

 

Danach gehörte die kleine quadratische Bühne wieder dem nicht minder ambitionierten Nachwuchs. Der New Yorker Avantgarde-Schlagzeuger Chris Corsano, der am Donnerstag bereits beim „Seven Storey Mountain V“-Orchester an den Drums saß, präsentierte sein Projekt-Quartett Corsano/Lee/Abdelinour/Mayas, das neben ihm aus der koreanischen Noise-Cellistin Okkyung Lee, der Berliner Inside Piano-Virtuosin Magda Mayas und der französischen Alt-Saxofonistin Christine Abdelnour besteht. Ebenfalls ein Beitrag von spezieller, beeindruckender Improvisationskraft.

Thurston Moore & Band
Foto: St. B.

Mit dem Ausruf „Rock‘n‘Roll!“ wurde der mittlerweile in London lebende Ex-Sonic-Youth-Mastermind Thurston Moore zu später Stunde in der gut gefüllten Halle des Radialsystems begrüßt. Hier stellte er dann auch sein neues Album Rock N Roll Consciousness vor. Nach dem Gitarren-Battle mit Caspar Brötzmann am Mittwoch im Berghain und nachdem dieser bereits furios vorgelegt hatte, war man gespannt, was Moore neues zu bieten hatte. Letztlich ähnelte der Auftritt der Thurston Moore Group doch sehr dem auf der letzten Pop-Kultur im Berliner Huxleys vor einem Jahr. Thurston Moore setzt da ganz auf Beständigkeit. Zu psychedelischen Videos mit konvulsierenden Sonnen, wechselnden Planetenkonstellationen und Magic Mushrooms legte Moore mit seiner Band seinen gewohnt bewusstseinserweiternden Gitarrensoundteppich aus, den man im Gegensatz zum Free Jazz fast schon melodiös nennen könnte. Dazwischen brandete aber immer wieder improvisierter Gitarrenlärm auf, der am Ende in einem fast zehnminütigen Feedback-Gewitter kulminierte. Der langjährige Erfolg und die fast frenetischen Zugabe-Rufe geben dem alten Avantgarde-Hasen aber durchaus Recht. Rock’n’Roll will never die. „Peace and Love“ wünschte der Meister zum Abschied.

*

Das Berliner Festival hatte also in seiner Jubiläumsausgabe so einiges zu bieten. Erstmals gelang es nach 5 recht erfolgreichen Jahren auch, eine spartenübergreifende Förderung durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa zu ergattern. Mit dieser Geldspritze ist das Fortbestehen dieses kleinen aber innovativen Avantgarde-Festivals erstmal bis zur nächsten Ausgabe gesichert, und der Berliner Senat beweist neben dem etwas größer angelegten Pop-Kultur-Festival, das in drei Wochen folgen wird, seine Verantwortung auch für die Förderung und den Erhalt von Strukturen freier, alternativer Musikformen in der Stadt. Das hat das Festival sicher auch dem unermüdlichen Einsatz seines künstlerischen Leiters und A L’ARME!-Begründers Louis Rastig zu verdanken. Möge diese Zusammenarbeit auf Dauer fruchten.

***

A L’ARME! Festival Vol. V
Improvised music & contemporary jazz
02. – 05. August 2017
Im BERGHAIN und dem RADIALSYSTEM V, Berlin

Infos: http://www.alarmefestival.de

Zuerst erschienen am 04.08. und am 07.08.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Tony Cragg in der Villa Schöningen und Dominique Raack im Pomonatempel auf dem Pfingstberg – Eine Kulturtour mit dem Rad von Berlin nach Potsdam

August 4th, 2017

___

Das Belvedere auf dem Pfingstberg Potsdam – Foto: St. B.

An der südwestlichen Grenze Berlins gelegen, ist Potsdam nicht nur geschichtlich eng mit der gesamt-deutschen Bundeshauptstadt verbunden. Die wesentlich kleinere brandenburgische Landeshauptstadt ist außerdem ähnlich gut wie ihre große Schwester mit kulturellen Highlights bestückt. Ein Grund mehr in der an Kultur-Events etwas flaueren Sommerzeit einen Blick über die Havel nach Potsdam zu werfen. Zu erreichen ist die alte preußische Residenz- und Garnisonsstadt über die Regionalbahn Richtung Brandenburg, mit der S-Bahn oder für sportlich Ambitionierte auch mit dem Fahrrad.

*

Fährt man vom S-Bahnhof Wannsee entlang der Königstraße Richtung Potsdam am Schloss Glienicke vorbei, trifft man kurz hinter der Glienicker Brücke auf die Villa Schöningen. Direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegen beherbergt die 2008 vom Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner und dem Vorstandsvorsitzenden der RHJI, Leonhard Fischer gekaufte und denkmalschutzgerecht wieder aufgebaute Villa eine Dauerausstellung zur Geschichte des Hauses und zur Glienicker Brücke. Im Obergeschoss finden noch dazu wechselnde Sonderausstellungen renommierter Künstler und Künstlerinnen statt. Momentan sind dort (noch bis 3. September) Werke des britischen Bildhauers Tony Cragg zu sehen.

 

 

Die Ausstellung umfasst eine kleine Auswahl von Skulpturen aus den letzten sechs Jahren sowie Zeichnungen und Grafiken der letzten zwanzig Jahre. Die Arbeiten bieten einen guten Einblick in die Vielfalt des Schaffens des Turnerpreisträgers von 1988, der auch schon mehrfach auf der documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig vertreten war. Besonders faszinieren immer wieder seine dynamischen Skulpturen, die mal sehr filigran in die Höhe wachsen und dann wieder in gedrungener Form durchaus Ähnlichkeiten mit den wesentlich voluminöseren Bronzeskulpturen seines Landsmanns Henry Moore aufweisen. Zumindest teilt der 68jährige Cragg die Vorliebe Moors für polierte Oberflächen aus Marmor oder Bronze und widmete dem von ihm verehrten Kollegen eine Ausstellung in seinem 2008 eröffneten Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal.

Was allerdings die Skulpturen Tony Craggs auszeichnet, ist ihre abstrahierende Form aus ständig wechselnden Perspektiven. Die dargestellten Figuren bilden ganze Gesichts- und Körperlandschaften, die sich den BetrachterInnen aus verschiedenen Blickwinkeln immer wieder neu präsentieren. So auch bei den ausgestellte Werken in der Villa Schöningen. Sie zeigen Skulpturen aus behandeltem Holz, gegossene Bonzen und sogar mundgeblasene Gegenstände aus venezianischem Muranoglas. Besonders gut verdeutlichen die Bronze Woman’s Head oder die aus Holz gearbeitete Skulptur Contradiction das Prinzip des Bildhauers, die Formen von Werk zu Werk weiter zu entwickeln.

 

Tony Cragg, Ausstellungsansicht mit der Skulptur Contradiction – Foto: St. B.

 

Flankiert werden Craggs Skulpturen von Arbeiten auf Papier, die zum Teil wie Vorstudien zu seinem bildhauerischen Schaffen wirken, aber durchaus eine eigenständige von ihm „sculptures on the page“ genannte Werkgruppe bilden. Die auf den Zeichnungen und Druckgrafiken dargestellten Gesichter, sich windenden Formen und Figuren stehen hier in einer unmittelbaren Wechselwirkung zu den sinnlichen Skulpturen im Raum.

**

Wenn man von der Villa Schöningen weiter durch den Neuen Garten vorbei am ebenfalls geschichtsträchtigen Schloss Cecilienhof fährt, kommt man schließlich zum Pfingstberg, mit seinem nach der Wende bis 2005 aus Spenden wieder aufgebauten Schloss Belvedere. Seit mehr als 25 Jahren engagiert sich der Förderverein Pfingstberg in Potsdam e.V. für den Erhalt des historischen Ensembles. Unter dem Titel „Kultur in der Natur“ veranstaltet der Förderverein hier in den Sommermonaten Open-Air-Kinoabende, Märchenlesungen, Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen. So etwa im ersten von Karl Friedrich Schinkel ausgeführten Bau, dem 2010 sanierten Pomonatempel. Hier findet eine jährliche Ausstellungsreihe mit Werken junger Künstlerinnen und Künstler statt. Die Auswahl trifft eine Jury des Fördervereins Pfingstberg.

 

 

Zur Zeit (noch bis zum 10. September) stellt die in Potsdam lebende Künstlerin Dominique Raack spezielle Fotoarbeiten und Keramiken aus. Auch sie experimentiert mit skulpturalen Formen und Arbeiten auf Papier. In ihrem bisherigen Œuvre dominieren aber eindeutig die foto- und videobasierten Papierarbeiten. Dominique Raack bearbeitet dafür am Computer im Atelier eigene Fotografien und Videos mit Motiven aus der Natur. Dabei werden mit Hilfe eines Bearbeitungsprogramms verschiedene Bildebenen (Layer) übereinander gelegt, bis ein neues Bild entsteht. Die Künstlerin arbeitet dabei sehr intuitiv. Am Anfang steht meist nur eine Idee, die sich bis zum Ende des Arbeitsprozesses aber noch stark verändern kann.

Es entstehen hierbei teils magische, teils sinnliche Bildcollagen, die ihren Ursprung etwa in den antiken Theorien von den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde als Ursprung des Lebens haben, oder wie Traumbilder das nicht Sichtbare in eine symbolhafte Form bringen. In ihren Bildern mit Titeln wie Driftin, Floating, Connected oder Between the lines setzt Dominique Raack Bestandteile der Natur in eine Beziehung zueinander oder zeigt in Weißer Regen das natürliche Fließen der Dinge.

 

Dominique Raack – Foto: St. B.

 

Ihre Inspirationen holt sie sich bei Spaziergängen durch die brandenburgischen Kiefernwälder, oder auf Reisen in andere Länder. So war sie bereits vor und auch nach dem Studium der Europäischen Medienwissenschaft an der Universität Potsdam für eine längere Zeit in Neuseeland, oder zu kürzeren Studien- und Arbeitsaufenthalten im spanischen Barcelona und der Ukraine. Der Mond ist die große Klammer für die Ausstellung im Pomonatempel. Zur neuen Werkserie Promises from the Moon mit Mond- Wald- und Bergmotiven kombiniert die Künstlerin weitere ähnlich surreale „Landschaftsklänge“ wie Gesang des Herzens oder Bei Vollmond. Die runde Mondform findet sich auch in der ausgestellten Keramikserie zu den vier Elementen wieder.

**

Der Mond in echt ist im August noch jeden Freitag an den sogenannten Mondnächten auf dem Pfingstberg bei Musik und einem Glas Wein zu genießen. Berlin erreicht man dann wieder auf dem ausgeschilderten Mauerradweg über Sacrow, wo sich noch der Besuch des Schlosses und der Heilandskirche am Sacrower See lohnt. In Kladow geht die Fähre zurück zum S-Bahnhof Wannsee.

***

TONY CRAGG
4. Juni bis 3. September 2017
VILLA SCHÖNINGEN
Berliner Straße 86
14467 Potsdam

Infos: https://www.villa-schoeningen.org/ausstellungen/Kunst/

Promises from the moon
Fotoarbeiten von Dominique Raack
29. Juli bis 10. September 2017
Eine Ausstellung des Fördervereins Pfingstberg im Pomonatempel auf dem Pfingstberg Potsdam
Öffnungszeiten: immer samstags, sonntags und feiertags in der Zeit von 14 bis 17 Uhr
Der Eintritt ist frei, Spenden sind jedoch erwünscht.

Infos: http://pfingstberg.de/ausstellung/

Die Homepage der Künstlerin: http://www.dominique-raack.de/

Zuerst erschienen am 01.082017 auf Kultura-Extra.

__________

Luther und die Avantgarde – Eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst zum Reformationsjubiläum im Alten Gefängnis der Lutherstadt Wittenberg

Juli 31st, 2017

___

Die Stadt Wittenberg befindet sich momentan ganz im Luther-Fieber. Der Namenspatron und Kirchenreformer ist hier im sogenannten Lutherjahr überall präsent. Gleich am Bahnhof werden die Gäste von einem 27 Meter hohen, begehbaren Bibelturm begrüßt. Wer Lust hat, sich schon hier einen Ausblick auf die Stadt zu verschaffen, kann über ein verkleidetes Baugerüst auf eine Plattform steigen und die Lutherstadt mal aus einer anderen Perspektive betrachten. Der Aussichtsturm gehört zum Projekt Weltausstellung Reformation – Tore der Freiheit, das sich über die gesamte Innenstadt erstreckt. 7 Tore bilden 7 Räume, in denen sich verschiedene Hochschulen zu 7 Weltthemen wie der Kultur, Globalisierung, Spiritualität, Jugend oder dem Frieden und der Gerechtigkeit widmen. Eine schöne Idee, deren Ergebnisse auch weitestgehend im Stadtbild verbleiben werden. Wer also neben dem Besuch der zahlreichen Ausstellungen zum Reformationsjubiläum noch genügend Elan verspürt, kann diesen für einen ausgedehnten Stadtspaziergang nutzen.

**

Am anderen Ende der Innenstadt gleich hinter dem Stadtschloss mit seinem weit hin sichtbaren Kirchturm befindet sich das Alte Gefängnis Wittenberg. Es war bis in die 1970er Jahre in Betrieb und bietet nun einen interessanten Rahmen für die Ausstellung Luther und die Avantgarde, einer Schau zeitgenössischer Kunst mit 66 KünstlerInnen aus mehreren Ländern. Auch diese Ausstellung ist wie die großen nationalen Schauen zum Reformationsjubiläum dreigeteilt. Neben dem zentralen Ort Wittenberg gibt es im Rahmen der Documenta in der Kassler Karlskirche Werke von Shilpa Gupta und Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo zu sehen. Das britische Künstlerduo Gilbert & George zeigt in der St. Matthäus-Kirche am Berliner Kulturforum ihre Sündenbock-Bilder zum Thema religiöse und soziale Konflikte, Fundamentalismus und Terrorgefahr.

 

Torraum 2 – Spiritualität-Steg auf dem Bunkerberg der Lutherstadt Wittenberg – Foto: St. B.

 

Schon in der großen Wittenberger Ausstellung Luther! 95 Schätze – 95 Menschen hat man versucht, das Wirken des Reformators in einen Bezug zu Ansichten und Positionen von Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte bis ins Heute hinein zu setzen. Und auch auf dem Rasen vor dem Alten Gefängnis begegnet uns wieder Edward Snowden, der meistgesuchte Whistleblower, als auf schachbrettartigen Gehwegplatten verpixeltes, nur aus der Vogelperspektive erkennbares Portrait. Achim Mohnés am Computer entstandene Kunstwerk 0,000672 Megapixel – Citizen tob e seen from Mars setzt die über des Internet verbreiteten Enthüllungen Snowdens in einen direkten Kontext zu dem von Luther genutzten, damals wohl schnellstem medialen Verfahren, dem Buchdruck.

 

robotlab: bios [bible], 2007 –  Foto: St. B.

Dem Druck der von Luther ins Deutsche übersetzten Bibel widmet sich auch das Künstlerkollektiv robotlab in ihrer Installation bios [bible], bei der ein programmierter Industrieroboterarm mit einem Füllfederhalter tagtäglich in deutscher Gutenbergschrift die komplette Luther-Bibel abschreibt. Überhaupt ziehen sich Sprache, Schrift und Buchdruck wie ein roter Faden durch die Ausstellungsräume in den langen Zellenfluren des viergeschossigen Gefängnisbaus. Viele der ausstellenden KünstlerInnen, wie auch die Konzeptkünstler Art & Language, die Luthers Schrift für den heutigen Kunstgebrauch desakralisiert haben, verbinden heute mit dem geschriebenen Wort auch ein mediales Ereignis. Diese Sicht karikiert Olaf Metzel mit seiner im Treppenhaus hängenden Metall-Installation Luther rauf und runter aus zerknüllten Zeitungsartikeln zum Lutherjahr. Eine Hommage an die Sprache in gedruckter Form ist das Gemälde Zeitungsstapel von Cornelius Völker.

 

Olaf Metzel: Luther rauf und runter –  Foto: St. B.

 

Schrift, die man vervielfältigen kann, wird damals wie heute zur vielfach teilbaren Information. Als Metatext flimmert bei Mischa Kuball ein philosophischer Diskurs über Luther zwischen dem Psychoanalytiker Jacques Lacan und dem Kunsttheoretiker Felix Ensslin über den Bildschirm. In seiner narrativen Videoarbeit Von der Reformation zum Bombentrichter. Installation für eine Gefängniszelle verbindet der Filmemacher Alexander Kluge Schrift und Bild sowie deutsche Geschichte von Luther bis Bismarck mit der zerbombten syrischen Stadt Aleppo. Mit dem Thema Zensur beschäftigt sich die chinesische Künstlerin Jia, die die Wände der Treppenhäuser mit in der Kulturrevolution verbotenen Schriftzeichen bemalt hat. Mit arabischen Schriftzeichen in prophetischem Grün ritzte der deutsche Atheist Jörg Herold die 99 Namen und Eigenschaften Allahs aus dem Koran an die Wände seiner Zelle. Dass Sprache sehr komplex ist, verdeutlicht der Künstler Jan Svenungsson mit einem ebenfalls an die Zellenwände geschriebenen Mix aus Deutsch und Englisch, mit dem er für den Fall begrenzender Sprachbarrieren wirbt.

Die Zelle als Symbol des Eingesperrt-Seins ist Thema weiterer Arbeiten. Den äußeren Begrenzungen durch die Zellenmauern wird die innere Freiheit der Gedanken gegenübergestellt. Das Ringen, die innere und äußere Freiheit wiederzuerlangen, kann in ganz kontemplativen Werken wie etwa Die Dusche von der Künstlerin Paoloma Varga Weisz, bei der eine nackte, hölzerne Gliederpuppe wie ein betender Mönch auf dem Zellenboden liegt, zum Ausdruck kommen, oder aber ganz ostentativ mit der individuell kostümierten Schaufensterpuppen-Installation Schauspieler II, 4 von Isa Genzken. Der chinesische Künstler Ai Weiwei setzt sich als gefangener man in a cube gleich selbst in Szene. Der Künstler Andrey Kuzkin zeigt in Setzkästen, die die ganze Zelle ausfüllen, kleine betende Brotfiguren, wie sie in russischen Straflagern gefertigt wurden. In The Eminent Direction of Thoughts von Ilya und Emilia Kabakov führen die Gedanken einer unsichtbaren Figur wie Fäden an die Zellendecke. Leuchtende Spiritualität verströmt die Lichtinstallation Inner touch sphere des Künstlers Olafur Eliasson, während in Monica Bonvecinis Erhellung das Licht der Aufklärung strahlt.

 

Stephan Balkenhol: Nackter Mann, 2017 – Foto: St. B.

 

Direkt mit Lutherabbildern beschäftigen sich etwa die bunt collagierten Portraits von Adrian Ghenie oder der Entwurf von Markus Lüpertz für ein ambivalentes Lutherdenkmal, das er Eiferer nennt. Dagegen ist Stephan Balkenhols Nackter Mann eine Reflexion auf Luthers Auftritt vor dem Tribunal des Wormser Reichstags. Ulrike Kuschels Papier-Serie M.L. zeigt den Reformator als Figurengedicht aus Reden zum Thema Luther und die deutsche Geschichte von Thomas Mann über Erich Honecker bis zu Karl Carstens. Erwin Wurm stellt Luthers Wucht der Reformation als eingedellt-deformierten Boxhandschuh auf den Hof vor dem Gefängnis.

Der sonst den Hammer schwingende Nagelkünstler Günther Uecker verbindet in der Installation Tücher das persönliche Erlebnis von angespülten toten KZ-Häftlingen der untergegangen Cap Arcona mit dem Schicksal der Mittelmeerflüchtlinge. Bemerkenswert dazu auch die Videoarbeit Asylum von Julian Rosenfeldt. Der chinesische Künstler Sun Xun lässt in seinem aufregenden Animations-Film Protestant revolutionäre Protestbewegungen aus fünf Jahrhunderten revuepassieren. In Christian Jankowski Video wird ein Jesus vor einer vatikanischen Jury gecastet. Auch Jürgen Klauke beschäftigt sich in seiner Fotoserie Grüße vom Vatikan mit gesellschaftlichen Mechanismen der Deformation des Menschen im Namen von Glaube, Liebe, Hoffnung und Erlösung.

 

Jonathan Meeses Kunstzelle – Foto: St. B.

 

Luther stand der bildenden Kunst eher skeptisch gegenüber. Für den Protestanten waren Bilder nicht notwendig. Das verdeutlichen u.a. Christian Boltanski mit schwarzen Spiegeln oder der Künstler Tal R mit seinen schwarzen Jalousien. Gehörte Luther in seiner Zeit wirklich zur Avantgarde? Was machte ihn zum Vordenker einer neuen Zeit? Sehr kritisch und auf seine typisch provozierende Art setzt sich der Skandal-Künstler Jonathan Meese in seiner Kunst-Zelle mit Luther und der Reformation auseinander. Sein Fazit: „Alles für die Katz.“ Für Meese gehört die Religion abgeschafft und die Zukunft der ideologiefreien Kunst. In Miao Xiaochuns Zero Degree Doubt legt Caravaggios Ungläubiger Thomas nochmal computergeneriert den Finger in die Wunde.

***

Luther und die Avantgarde
Zeitgenössische Kunst in Wittenberg, Berlin und Kassel
19. Mai bis 17. September 2017
Altes Gefängnis Wittenberg
Berliner Straße / Ecke Dessauer Str.
06886 Lutherstadt Wittenberg
Mit Werken von: Eija-Liisa Ahtila – Ai Weiwei – Art & Language – Stephan Balkenhol – Christian Boltanski – Monica Bonvicini – Maurizio Cattelan – Mat Collishaw – Olafur Eliasson – Ayse Erkmen – Elger Esser – Isa Genzken – Adrian Ghenie – Gilbert & George – Dorothee Golz – Manuel Graf – Assaf Gruber – Shilpa Gupta – Axel Heil + Roberto Ohrt – Diango Hérnandez – Jörg Herold – Thomas Huber – Richard Jackson – Christian Jankowski – Jia – Ilya und Emilia Kabakov – Yury Kharchenko – Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo – Jürgen Klauke – Alexander Kluge – Korpys/Löffler – Eva Kot’átková – Olya Kroytor – Mischa Kuball – Csilla Kudor – Ulrike Kuschel – Andrey Kuzkin – Thomas Locher – Markus Lüpertz – Antje Majewski – Jonathan Meese – Olaf Metzel – Miao Xiaochun – Marzia Migliora – Achim Mohné – Christian Philipp Müller – Eko Nugroho – Pjotr Pawlenski – Ivan Plusch – Johanna Reich – Sebastian Riemer – Robotlab – Julian Rosefeldt – Luise Schröder – Andreas Slominski – Song Dong – Juergen Staack – Sun Xun – Jan Svenungsson – Tal R – Pascale Tayou – Günther Uecker – Paloma Varga Weisz – Cornelius Völker – Erwin Wurm – Xu Bing – Zhang Huan – Zhang Peili
Eine Kooperation der Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn mit dem Reformationsjubiläum 2017 e.V. und Teil der Weltausstellung Reformation

Weitere Infos siehe auch: http://luther-avantgarde.de/r2017/

Zuerst erschienen am 29.07.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Luther! 95 Schätze – 95 Menschen – Eine zweiteilige Ausstellung im Lutherhaus Wittenberg zeigt wie der junge Mönch zum großen Reformator wurde

Juli 28th, 2017

___

„Die volle Wucht der Reformation“ sollen in diesem Luther-Jubiläumsjahr drei Nationale Sonderausstellungen in Berlin, Eisenach und Lutherstadt Wittenberg verbreiten. Die Ausstellungsverantwortlichen haben sich deshalb wohl auch das Symbol des Thesen-Hammers als Marketinglogo auserkoren. Das sieht dann leider etwas nach Holzhammermethodik aus, preist man diese drei Jubiläumsschauen doch sogar als „Großereignis, das durch Umfang und Vielfalt das globale Wirkungsmaß der Reformation widerspiegelt“. Zumindest mit der Ausstellung Der Luthereffekt im Martin-Gropius-Bau Berlin hat das KuratorInnenteam diesbezüglich nicht ganz danebengehauen.

* *

An der ehemaligen Wirkungsstätte des Reformators im Augusteum Wittenberg beschäftigt sich die Ausstellung Luther! 95 Schätze – 95 Menschen nun eher mit dem Menschen Martin Luther. Und das mit Ausrufezeichen. Den BesucherInnen soll im ersten Teil zunächst anhand von 95 ausgewählten Kunstschätzen aus der Zeit der Reformation nahe gebracht werden, wie Luther zum Reformator wurde, was er sich erhoffte, was ihn prägte und antrieb seine Ziele umzusetzen. Im Grunde folgt man hier Luthers Lebensweg vom jungen Augustinermönch über die Stationen Kloster, Theologiestudium, Romreise, Professur in Wittenberg, Thesenanschlag, Auftritt beim Reichstag zu Worms bis zum Bibelübersetzer und Verfasser zahlreicher Schriften.

Am Beginn steht natürlich das Erweckungserlebnis des jungen Jurastudenten Luther, der 1505 bei einem Gewitter in Lebensgefahr geraten, zur heiligen Anna betete und verspracht ins Kloster einzutreten. „Vom Himmel durch Schrecken gerufen, bin ich Mönch geworden.“ Damit widersetzt er sich auch seinem autoritären Vater, einem Bergbauunternehmer, den Luther dennoch sehr verehrte und dem er später in einem Brief seine Beweggründe als notwendigen Schritt zum wahren, dem Evangelium des Glaubens erklärte. Bis dahin durchschritt Luther aber eine lange Phase der Ängste und Zweifel, Gott nicht zu genügen. Das sind durchaus typische Auffassungen für das ausgehende Mittelalter mit seiner Jenseitsangst und Darstellungen von Tod und Teufel. Beispielhaft dafür stehen hier ein in Lindenholz geschnitzter Tod in Mönchskutte, oder ein Weltgerichtsaltar, Rosenkranztafeln, zahlreiche Christkindfiguren und Reliquiengefäße.

 

Lucas Cranach d.Ä., Das goldene Zeitalter – Foto (c) Anne Hansteen Jarre, Nasjonalmuseet for Kunst, Arkitektur og Design Oslo

 

Durch die exzessive Beschäftigung mit der Bibel, der Auseinandersetzung mit den Zehn Geboten und dem Studium bei seinem Lehrer Johann von Staupitz, dessen Schrift Von der Liebe Gottes hier ausgestellt ist, vollzieht sich „Luthers innere Wandlung“ hin zu einem Glauben an die Gnade Gottes, die Liebe und die Freiheit des Christenmenschen. Er bezieht sich dabei unmittelbar auf das Hohelied der Liebe aus den Korintherbriefen des Paulus im Neuen Testament. Luthers Weg geht nun unbeirrt über die 95 Thesen wider den Ablass bis zur Weigerung des Widerrufs vor dem Wormser Reichstag. Die Ausstellung feiert das als Gewissenstat. „Mein Gewissen ist frei geworden, das heißt gründlich frei.“ Während man den Worten Luthers lauscht, sieht man seine Kutte in einer Vitrine.

In Schiften, Bildern und Alltagsgegenständen wird Luther als energischer Verfechter seiner Ansichten dargestellt. Man liest über seine Auffassungen zur Jungfrau Maria, zur Ehe und erotischen Liebe anhand von Beispielen seiner Lektüre wie etwa Ovids Remedia amoris, einer Anleitung beim Ende von Liebesbeziehungen über die Schmerzen hinwegzukommen, was Luther für ungeeignet zum Schutz vor der sexuellen Versuchung hielt. Ansonsten war Luther nicht faul seine Gegner wie etwa Papst Leo X. entsprechend scharf anzugehen. Er nutzte dazu Polemik und Satire, wie etwa Hermann Botes Till Eulenspiegel. Davon zeugen auch zeitgenössische Darstellungen seiner Gegner mit Tierköpfen oder ein Holzschnitt, der Luther als Hercules Germanicus zeigt, der mit der Keule gegen die Autoritäten der römischen Kirche vorgeht. „Je mehr jene wüten, desto weiter gehe ich vor.“ Für Luther waren der Heilige Georg und Johannes der Täufer zeitlebens wichtige Figuren. Der Reformator besaß ein unnachgiebiges Sendungsbewusstsein.

 

sogenannter Schreibkasten Luthers, 1. Hälfte 16. Jh.
Angermuseum Erfurt, Foto (c) Dirk-Urban

 

Luther geißelte nicht nur den Katholizismus. Seine Schriften zu den Juden und Türken sind bekannt, auch wenn sie in dieser Jubelschau mal wieder zu kurz kommen. Dafür gibt es einige Portraits von Luthers Wittenberger Leibmaler Lucas Cranach d. Ä. zu sehen. Sie zeigen Freunde und Förderer wie die Wettiner Herrscherbrüder Friedrich der Weise und Johann der Beständige, ein Portrait Luthers im Kreise der Wittenberger Reformatoren von Lucas Cranach d. J., oder das berühmte Gemälde Das goldene Zeitalter von Cranach d. Ä., eine Leihgabe aus der Nationalgalerie Oslo. Dieses Sinnbild des humanistischen Ideals sah Luther eher als Zeichen der Endzeit, einer Wiederkehr Christi und einer neuen Schöpfung. Das Zeitalter der Renaissance brachte auch neue wissenschaftliche Theorien hervor. Nur hielt Luther angeblich nicht viel von Kopernikus‘ Weltbild und in Kolumbus‘ Entdeckung Amerikas sieht er nur eine weitere Möglichkeit die frohe Botschaft des Evangeliums auch in der neuen Welt zu predigen. Hier zeigt sich sicher nicht ganz unbewusst die Parallele zur Berliner Ausstellung Der Luthereffekt mit dem Blick auf die territoriale und missionarische Eroberung der Welt.

Am Ende des ersten Teils zeigt die Ausstellung dann noch Luther als Erfolgsautoren, der die Möglichkeiten des Buchdrucks zu nutzen verstand. Man sieht sein hölzernes Schreibkästchen und andere Utensilien sowie Auszüge aus Schriften und Briefen, wie etwa seinem Testament, in dem er als Zeuge des Evangeliums in Erinnerung bleiben möchte, und die weltliche Obrigkeit bat, den Prozess der Reformation fortzusetzen. So sehr Luther auch an die Befreiung des Menschen vor Gott glaubte, so verfangen war er in seinem Obrigkeitsdenken. Seine Ablehnung von weiterführenden gesellschaftlichen Veränderungen haben u.a. die Bauern und die Täufer schmerzlich erfahren müssen.

*

Thesennägel mit Köpfen macht die Ausstellung dann im Zweiten Teil. Das Ausstellungsteam hat lange recherchiert und 95 mehr oder weniger bekannte Köpfe aus 5 Jahrhunderten versammelt. Es sind Persönlichkeiten aus Kunst, Politik, Religion, Wissenschaft und Wirtschaft, die sich unabhängig von Glauben oder Weltanschauung in ihren Worten und Werken auf Martin Luther berufen, oder sich von seinem Wirken positiv wie negativ inspirieren ließen. Passend zur Charakterisierung des Reformators im ersten Teil lassen sie sich gut in Gewissens-, Geistes-, Tat- oder Machtmenschen einteilen.

 

Thesenanschlag Martin Luther Kings 1966 in Chicago – Foto (c) John Tweedle; John Tweedle Foundation, All Rights Reserved

 

Da wäre natürlich zu allererst der schwarze US-amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King, der seinem Wittenberger Namensvetter folgend 1966 zumindest 48 Thesen zu den unmenschlichen Wohnbedingungen in den Chicagoer Schwarzengettos an die Tür des dortigen Rathaus heftete. Wie schon in Berlin ist der schwedische Regisseur Ingmar Bergman Zeuge eines kritischen Umgangs mit der lutherischen Religion. Für ihn zählt allein die irdische Heiligkeit des Menschen. Der Maler Max Beckmann bekennt: „Meine Religion ist Trotz gegen Gott, dass er uns so geschaffen hat, das wir uns nicht lieben können.“ Und der Dadaist Hugo Ball ruft: „Erlösen wir uns von den Erlösern.“

Als „Staatsbürger mit Gewissen“ zeigt die Ausstellung den Whistleblower Edward Snowden. Und auch Friedrich Bonhoeffer und Sophie Scholl leisten Widerstand gegen den Faschismus aus einer inneren Überzeugung der Freiheit und Nächstenliebe. Als nationalistisch befeuerter Idealist steht der Dichter Ernst Moritz Arndt. Wogegen Apple-Gründer Steve Jobs wohl die Religion des modernen Arbeitsmenschen symbolisiert. Sein Gegenpart dürfte Künstler Bruce Naumann sein, der das lutherische Arbeitsethos mit seinem Video Bouncing in the Corner ad absurdum führt.

 

Lutherdarstellungen von Karl Bauer – Foto (c) Thomas Bruns

 

Die US-amerikanische Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton kritisiert Luthers Bibelübersetzungen als frauenfeindlich und legt 1895 ihre Woman’s Bible vor. „Zuerst Mensch und dann Christ.“ ist die Maxime des dänischen Schriftstellers, Philosophen und Pfarrers N. F. S. Grundtvig, der sich im 19. Jahrhundert um eine Reform der evangelischen Kirche bemüht. Seine völkisch-mythischen Ideen sind heute allerdings auch Anknüpfungspunkte für rechtsnationale Bewegungen.

Ob Wissenschaftlerin Lise Meitner, Filmemacher Michael Haneke, KünstlerInnen und SchriftstellerInnen wie Käthe Kollwitz, Edward Munch, Ricarda Huch und Astrid Lindgren, oder Philosophen wie Nitzsche und Kierkegaard, es ist müßig alle Personen im Einzelnen aufzuzählen. Man kann hier ganz für sich auf die Suche gehen, von dem einen oder anderen Gedanken inspirieren lassen, oder auch nur erstaunt mit dem Kopf schütteln. Das Karl May seinen Winnetou für eine Christen hielt, ist eine lässliche Binse, ebenso darf man das christlich motivierte Sendungsbewusstsein von Zeitungsmogul Axel Springer bezweifeln. Aber auch an einen modernen Märtyrer erinnert die Ausstellung mit dem evangelischen Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich aus Protest gegen die Unterdrückung der Kirche in der DDR 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz selbst verbrannte.

* *

Wem das noch immer nicht genug ist, der kann allein, oder mit der ganzen Familie im Obergeschoss in der Mitmachausstellung „Der Mönch war’s!“ auf eine spannende Zeitreise ins spätmittelalterliche Wittenberg gehen. Luthers Hund Tölpel lädt ein, in über acht Stationen mittels Klang, Geruch, Bild, Sprache, Musik und Erzählung ein sehr persönliches Bild vom Leben des Mönches Martin Luther zu gewinnen. Dort kann man dann auch seine ganz persönlichen Thesen auf Papier stempeln.

***

Luther! 95 Schätze – 95 Menschen
13.05.2017 – 05.11.2017
Eine Ausstellung der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
im Augusteum am Lutherhaus
Collegienstraße 54
06886 Lutherstadt Wittenberg

Öffnungszeiten: täglich 9 – 18 Uhr

Tickets sind an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gültig, auch für die Mitmachausstellung Der Mönch war’s! und das Lutherhaus. Einzelticket 12 Euro, ermäßigt 8 Euro, Schüler 5 Euro, Kinder bis 6 Jahre frei. Bei Gruppen ab 10 Personen zahlt jeder 10 Euro, Gruppenführung 75 Euro plus Eintritt, Dauerkarte 80 Euro, Kombiticket für alle drei Nationalen Sonderausstellungen 24 Euro, Kombiticket Gruppen 21 Euro pro Person, Audio-Guide 3 Euro, öffentliche Führungen 4 Euro plus Eintritt.

Weitere Informationen: https://www.3xhammer.de/wittenberg/luther-95-schaetze-95-menschen/

Zuerst erschienen am 26.07.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Der Luthereffekt – Eine Ausstellung zum Reformationsjubiläum im Martin-Gropius-Bau zeigt am Beispiel von Schweden, den USA, Korea und Tansania den Einfluss von 500 Jahren Protestantismus in der Welt

Juli 26th, 2017

___

Deutschland befindet sich im Lutherjahr. 1517 nagelte der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen gegen das Ablasswesen an die Wittenberger Kirchentür, was nun 500 Jahre später mit einigen Jubiläumsausstellungen quer durch die reformierten Lande begangen wird. Das Deutsche Historische Museum Berlin gedenkt im Martin-Gropius-Bau dem Beginn der Reformation mit der breit angelegten Schau Der Luthereffekt. Es ist eine von drei nationalen Sonderausstellungen, die in diesem Jahr einen umfassenden Überblick über die Reformation und ihre Folgen bieten. In der Lutherstadt Wittenberg zeigt die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt Luther! 95 Schätze – 95 Menschen. Die Wartburg-Stiftung in Eisenach widmet sich dem Thema Luther und die Deutschen.

* *

Im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus wird auf rund 3.000 Quadratmetern das Wirken der sich von deutschen und anderen europäischen Nachbarlanden über vier Kontinente ausbreitenden Reformation am Beispiel von Schweden, den USA, Korea und Tansania präsentiert. Im Wandelgang um den Lichthof bekommen die BesucherInnen einen Überblick über die Ursprünge der europäischen Reformationsgeschichte beginnend bei den Kirchenkritikern John Wycliff und Johannes Hus, die bereits vor Luther die Mitgestaltung des kirchlichen und religiösen Lebens durch Laien forderten. Die Schau verschweigt auch nicht, dass es verschiedene europäische Reformwege, etwa die der anglikanischen Kirche in England oder die eidgenössische Reformation unter Zwingli und Calvin, gab.

Anhand von in Schaukästen ausgestellten Texten, Gegenständen der Religionsausübung und Kunstwerken aus der Zeit der Reformation in Europa werden die Veränderungen im Alltag der Menschen des 16. Jahrhunderts erklärt. Die neuen Glaubensvorstellungen wie etwa der Wegfall des Zölibats und die von Luther propagierte Aufwertung der Ehe, beeinflussten Kultur und Gesellschaft. Es kam nicht nur zur Umgestaltung der Kirchenräume und Gottesdienste, sondern auch zu offenen Konflikten mit der katholischen Kirche, was schließlich zum Dreißigjährigen Krieg zwischen der kaiserlichen Katholischen Liga und der Protestantischen Union von Kurfürsten lutherischer Konfession führte. Aber auch die verschiedenen Reformrichtungen machten sich untereinander Konkurrenz. Es kommt zur Herausbildung mehrerer protestantischer Glaubensrichtungen.

 

Martin Luther im Kreise von Reformatoren, 1625-1650
(c) Deutsches Historisches Museum

 

Hier fehlt dem interessierten Laien dann doch etwas die Orientierung, auch wenn der kostenfrei gereichte Multimedia-Guide in Form eines kleinen Tablets mit angeschlossenen Kopfhörern einiges an Wissenswertem über Luther und den Weg der Reformation in Europa vermittelt. Eine darüber hinausgehende kritische Betrachtung des Reformators und seiner Texte zum Beispiel über die Juden erfolgt allerdings nur am Rande. Das Bild der Frau und ihr Wirken in der Reformation werden ebenfalls nur kurz gestreift. Hier ist es nicht etwa die ehemalige Nonne Katharina von Bora (Cranachs Doppelgemälde Luthers und seiner Frau hängt in der Ausstellung), sondern die Altenburger Reformatorin Ursula Weyda, die mit ihren prolutherischen Flugschriften für das Einmischen von Frauen in die Reformation sorgte. Ansonsten hatten auch evangelische Frauen den Platz an der Seite ihres Mannes einzunehmen und sich seiner Führung unterzuordnen.

Zu erwähnen wäre noch die Licht-Klang-Installation ÜBERGANG des Berliner Künstlers Hans Peter Kuhn. Eine den Lichthof durchschneidende, sich spiralförmig windendende Doppelhelix-Skulptur aus Aluminiumrohren, die mit einer 16-kanaligen Klangkomposition die Spaltung der Kirchenlehren audiovisuell erfahrbar machen soll. Der Wechsel vom katholischen ins protestantische Weltbild wird im Genesismodel der Chromosomen als Bausteine des Lebens sichtbar. Irdische Horizontale und göttliche Vertikale verändern sich im Protestantismus, der den direkten Zugang der Gläubigen zu Gott erleichterte, dafür aber strengere irdische Regeln aufstellte, denen man sich nicht wie im Katholizismus durch Beichte und Sündenerlass entziehen konnte. Was aber auch andeuten soll, dass beide Konfessionen auch weiterhin untrennbar miteinander verbunden sind.

*

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt aber klar in der Verbreitung der neuen reformierten Glaubenslehren in Europa und über den Kontinent hinaus. Durch den ab 1539 in Wittenberg studierenden und späteren Reichsrat Carl Holgerson Gera verbreiteten sich Luthers Schriften sehr rasch im Königreich Schweden. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts bildete sich dort die erste lutherische Staatskirche heraus. Militärische Erfolge in den europäischen Feldzügen feierte der schwedische König Gustav II. Adolf als nationale Triumphe des Glaubens. Entsprechende Reliquien und Devotionalien sind in der Abteilung ausgestellt. Schweden wird zur lutherischen Großmacht in Europa. Die schwedische Zentralkirche drängt freie pietistische Glaubensvereinigungen zurück und zwangsmissioniert die im Norden lebende Urbevölkerung der Sámi. Als Zeuge des zunehmend in Schweden herrschenden Katechismus aus Sünde, Bekenntnis, Strafe, Vergeltung und Gnade führt die Ausstellung den schwedischen Regisseur Ingmar Bergmann, bekannt durch seine zahlreichen Filme zum Thema, wie etwa Fanny und Alexander.

 

Apothese Koenig Gustavs II. Adolf, um 1650
(c) Nationalmuseum Stockholm, Schweden

 

Die Utopie eines sich tolerant gebenden Gottesstaats versuchen im 17. Jahrhundert europäische Auswanderer in Amerika zu leben. Neben den in den englischen Kolonien vorherrschenden Puritanern, Anglikanern und Presbyterianern gründen wegen ihres Glaubens in Europa verfolgte reformierte Glaubensgemeinschaften wie die Quäker, Herrnhuter, Amische oder Mennoniten unter dem Quäker William Penn in Pennsylvania eine neue Kolonie als „Holy Experiment“. Die dort gelebte Glaubensfreiheit und Toleranz fand in der Einstellung zu Sklaverei und Rassismus allerdings auch ihre Grenzen. Die zunehmende christliche Missionierung ging vor allem mit einer territorialen Expansion in den Westen, ins sogenannte „gelobte Land“ der amerikanischen Ureinwohner einher. Indigene Konvertiten sind die „First Fruits“ der sich als erwähltes Volk sehenden Neuamerikaner. Weiterhin beschäftigt sich dieser Ausstellungsteil noch mit den in Folge der durch die Verfassung der USA garantierten Glaubensfreiheit wie Pilze aus dem Boden schießenden Frei- und Erweckungskirchen sowie ihren übers Land ziehenden Wanderpredigern. Zusammenfassend lässt sich die Wirkung des Protestantismus bei der Herausbildung der amerikanischen Nation ganz gut mit den Worten Abraham Lincolns zusammenfassen: „Intelligenz, Patriotismus, Christentum und ein starkes Vertrauen in ihn, der dieses bevorzugte Land noch nie verlassen hat, befähigen uns immer noch, uns an gegenwärtige Schwierigkeiten anzupassen.“ Kurz gesagt: „In God we trust.“

Europäische und amerikanische Missionare sind es auch, die den protestantischen Glauben nach Afrika und Asien bringen. Besonders in Tansania zu deutschen Kolonialzeiten und im Korea des ausgehenden 19. Jahrhundert fällt dies auf fruchtbaren Boden. In Tansania leben heute neben 40 Prozent Muslimen ebenso viele Protestanten. Die dortige evangelisch-lutherische Kirche ist nach der schwedischen die zweitgrößte lutherische Kirche der Welt und im Gegensatz zu Deutschland weiter im Wachsen begriffen. Die Ausstellung dokumentiert in Exponaten und Fotografien die Geschichte wie auch das heutige Gemeindeleben als ein sehr reges an eigenen religiösen Riten wie dem „Faith Healing“ reiches Gemeinwesen, das auch Ausdruck eines wachsenden Selbstbewusstseins ist.

 

Erzengel Gabriel kündigt der Jungfrau Maria die Geburt Christi an – Kim Ki-chang, um 1950.  (c) Seoul Museum

 

Korea wird dann noch geradezu als „Boomland des Protestantismus“ gefeiert. Die christlichen Werte des Westens lassen sich besonders gut in leistungsorientierte Gesellschaften integrieren. Der Anteil der evangelischen Christen beträgt heute etwa 20 Prozent. Besonders presbyterianische Missionare mit ihrer Glaubenslehre „Du bist ein Sünder“ bekehrten die nach einer Erneuerung der konfuzianischen Lehre suchenden Koreaner zum Christentum. Interessant ist vor allem der in diesem Teil gezeigte Bilderzyklus Das Leben Jesu Christi. Der südkoreanische Künstler Kim Ki-chang malte die bekannten Bibelszenen in traditioneller koreanischer Umgebung, als wäre der christliche Erlöser ein asiatischer Gelehrter. Betont wird auch der Beitrag der evangelischen Kirche am Befreiungskampf gegen die japanische Besatzung. Sie war allerdings anfangs auch Stütze des südkoreanischen Militärregimes. So wie das Land in Nord- und Südkorea geteilt ist, herrscht auch in der südkoreanischen Kirche eine Spaltung in einen konservativen und liberalen Zweig, der die „Schlüsselfrage“ nach der Wiedervereinigung sowie soziales und politisches Engagement gegen das Nationale Sicherheitsgesetz von 1991 noch nicht ganz ad Acta gelegt hat.

*

Insgesamt ist die Ausstellung in den Überseebereichen sehr informativ und – was das heutige protestantische Leben betrifft – auch recht gegenwartsbezogen gestaltet, was man sich auch für den europäischen Teil und die Wirkung der Reformation im heutigen Deutschland gewünscht hätte. Aber dafür muss man dann wohl an die einstige Wirkungsstätte des deutschen Reformators nach Wittenberg fahren. Allerdings scheint, wie erste Publikumserhebungen zeigen, das Interesse an Luther und dem unter seinem Namen ausgerufenem Jubiläumsjahr wohl doch nicht so hoch zu sein, wie erwartet.

***

Der Luthereffekt
500 Jahre Protestantismus in der Welt
12. April bis 5. November 2017
Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums im Martin-Gropius-Bau, Berlin, Veranstalter Stiftung Deutsches Historisches Museum

 Mehr Informationen: https://www.3xhammer.de/de/berlin/der-luthereffekt/

Öffnungszeiten:
MI bis MO 10:00–19:00
DI geschlossen
Sonderöffnungszeiten:
DI 3. und 31. Oktober 2017
von 10:00–19:00 geöffnet

Multimedia-Guide: Kostenfrei
Der Guide ist erhältlich für Kinder und Erwachsene in Deutsch und Englisch. Er enthält deutsche Audiodeskriptionen sowie Informationen in Einfacher Sprache und in Deutscher Gebärdensprache

Eintritt:
€ 12 / ermäßigt € 8
Gruppen (ab 10 Personen) p. P. € 10
Schülergruppen p. P. € 8
Eintritt frei bis 16 Jahre
Kombiticket (alle drei Nationalen Sonderausstellungen in Berlin, Wittenberg und Eisenach): € 24,
Kombiticket Gruppe: € 21 p. P.

Zuerst erschienen am 22.07.2017 auf Kultura-Extra.

__________

WASSERMUSIK X – Arto Lindsay und Romperayo eröffnen die Jubiläumsausgabe des Weltmusikfestivals auf der Dachterrasse des HKW

Juli 23rd, 2017

___

10 Jahre ist es nun schon wieder her, dass das Haus der Kulturen der Welt nach dem bedauerlichen Ende des beliebten HEIMATKLÄNGE-Festivals eine kleine, feine Weltmusikreihe unter dem etwas irreführenden Namen WASSERMUSIK ins Leben rief. Ob man dabei an Händels megainstrumentale Freiluft-Suiten gedacht haben mag oder dem Kind einfach einen passenden Namen zur an der schwangeren Auster entlangfließenden Spree geben wollte, ist nicht weiter bekannt. Aber schon damals lief das Festival unter einem jährlichen Motto, zu dem MusikerInnen aus der ganzen Welt Surf and Tiki, Balkan-Beats, indische Bangra-Klänge, arabische, karibische und lateinamerikanische Sounds, oder Musik aus dem lusofonischen Sprachraum spielten. Dazu gab und gibt es auch in diesem Jahr ein Film- und Wortprogramm sowie den Wassermarkt.

Zur Jubiläumsausgabe WASSERMUSIK X lassen nun die Programmverantwortlichen den polyfonen Klangmix aus den 10 Jahren einfach nochmal mit ausgewählten VertreterInnen revuepassieren. Unter ihnen befinden sich bei 10 Konzerten bis zum 13. August u.a. so renommierte Namen wie Abdullah Ibrahim, Khaled, Los Pirañas, die Barmer Boys, die Cumbia All Stars oder Arto Lindsay. Letzterer eröffnete am vergangenen Freitag den Reigen der Jubelkonzerte auf der Dachterrasse des HKW, wo seit deren Sanierung die WASSERMUSIK mit kleineren Unterbrechungen in jedem Jahr stattfindet. Bei Wasser von oben kann in den Ausstellungssaal im Erdgeschoss ausgewichen werden. Das war trotz einiger gewitterartiger Regengüsse in der letzten Zeit gottlob an diesem Abend nicht notwendig.

 

RomperayoFoto: St. B.

 

Bei schönster Abendsonne begannen dann die kolumbianischen Romperayo mit ihrem psychedelischen Cumbia- und Reggae-Sound einzuheizen. Die Band aus Bogota um den Schlagzeuger Pedro Ojeda loopte und sampelte sich per eindringlicher Keyboard- und Percussion-Klänge durch den gesamten karibischen Raum. Ein hervorragendes Warmup bei ein paar Cocktails für den Haupt-Act des ersten WASSERMUSIK-Abends, der schon vor der Bühne durchs Publikum schlich.

 

Arto Lindsay & Band – Foto: St. B.

 

Auch wenn es beileibe nicht so aussieht: Arto Lindsay ist ein reges Chamäleon der Weltmusik. Der als Sohn amerikanischer Missionare in Brasilien aufgewachsene Musiker lärmte bereits in den 1970er Jahren mit seiner azurblauen E-Gitarre bei Avantgardegrößen wie Fred Frith und John Zorn in New York oder spielte bei John Luries Lounge Lizards. Die brasilianischen Wurzeln konnte Lindsay aber nie ganz verleugnen. Seit den 1990er Jahren ist er mit einer Fusion aus Avantgarde-Jazz und brasilianischen Rhythmen, zu denen er auch singt, unterwegs. Auf der Dachterrasse des HKW streute er aber zunächst einige seiner berühmten Gitarrenfeedbacks unter den swingenden Latin-Sound seiner brasilianischen Musikerkollegen. Vielleicht ist dieser ungewöhnliche Mix aus Noise mit schrägen Gitarrenriffs, Free- und Latin-Jazz gepaart mit poetischen Songs, die Lindsay in Englisch und Portugiesisch vorträgt, nicht jedermanns Geschmack. Aber eins muss man ihm lassen, mit der relaxten Gelassenheit seines dennoch intensiven Vortrags ist Arto Lindsay einfach eine verdammt coole Sau.

***

Wassermusik X
Haus der Kulturen der Welt
21. Juli 2017 – 13. August 2017
Mit: Abdullah Ibrahim & Ekaya, Khaled, Oumou Sangaré, Arto Lindsay & Band, Marcos Valle, Moreno Veloso, Cumbia All Stars, Idris Ackamoor & The Pyramids, Bixiga 70, Alemayehu Eshete & The Polyversal Souls, Orchestre Les Mangelepa, Barmer Boys, Los Pirañas, Orchestra of Spheres, Romperayo, Pascuala Ilabaca, Newen Afrobeat u. a.

Infos: https://www.hkw.de/

Zur Facebook-Galerie: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1438759306218439.1073741855.100002531517385&type=1&l=2e51d662c0

Zuerst erschienen am 22. Juli 2017 auf Kultura-Extra.

Das getanzte Selfie – Constanza Macras und DorkyPark bespielten mit ihrer neuen Tanztheaterperformance THE POSE Räume in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg

Juli 19th, 2017

___

Mitte Mai geisterte eine beunruhigende Mitteilung durch die Berliner Feuilletons. Constanza Macras hätte keine Kooperationspielstätte mehr in der Hauptstadt. Weder die langjährigen Partner Schaubühne und HAU noch das Maxim Gorki Theater, in dem Macras noch im letzten Jahr ihre Produktion On Fire präsentierte, hätten in ihren Spielplänen Platz für die seit 1996 in Berlin lebende und mit ihrer Tanz- und Performancegruppe DorkyPark arbeitende argentinische Choreografin. Für zwei Aufführungen ihrer letzten Arbeit On Fire erhielt Constanza Macras Asyl im schicken Boulevard-Theater am Kurfürstendamm. Seit dem 9. Juli ist sie nun mit einer groß angelegten Teilbespielung der Akademie der Künste am Hanseatenweg zu sehen.

Das in den 1950er Jahren vom Architekten Werner Düttmann entworfene Akademiegebäude ist ein Baudenkmal der Berliner Nachkriegsmoderne und Herzstück des am Rande des Tiergartens gelegenen Hansaviertels. Constanza Macras nutzt die Intimität der hinteren Atelierräume und Teile des Gartens für ihre neue Produktion The Pose. Nun ist das Sich-in-Pose-Werfen ja nicht unbedingt eine intime Angelegenheit, außer man täte es daheim, allein vor dem Spiegel. Hier geht es aber zunächst um das ganz freizügige Posieren vor der eigenen Handykamera. Die Ergebnisse, sogenannte Selfies, landen dann meist sofort in den einschlägigen sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Instagram oder in Dating-Portalen wie etwa Tinder oder PlanetRomeo.

Die Choreografin von The Pose stellt sich nun ganz einfach die Frage: „Wie verändern sich die ikonografischen Narrative der Selbstinszenierung durch die Fülle achtlos erstellter Bilder?“ Was sich zunächst wie ein etwas aufgeblasenes Dramaturgen-Vokabular anhört, ergibt hier in Bewegung umgesetzt so etwas Ähnliches wie das getanzte Selfie. Was das in drei Gruppen aufgeteilte Publikum dann auch in mehreren Varianten im ersten Durchlauf des Abends von den 10 PerformerInnen der Gruppe DorkyPark geboten bekommt. Dabei werden wechselnd ein mit einem Erdbeet gefüllter, kleiner Sitzungssaal, ein Besprechungsraum mit Treppe und am Rand aufgestapelten Sesseln und ein Teil des Gartens mit Mauer, Steinsäulen und Wasserbecken bespielt.

 

The Pose von Constanza Macras/DorkyPark
Foto (c) Thomas Aurin

 

Zu den im Solo oder in der Gruppe absolvierten Tanzeinlagen mit in den Bewegungen immer wieder teils bizarr oder akrobatisch verrenkt eingefrorenen Posen zeigen die PerformerInnen in einer Art Lichtbildervortrag eigene Selfies, die sie an verschiedenen Orten der Welt, meist im Urlaub oder auf Flughäfen, aufgenommen haben. Erklärt wird dazu die gerade gewählte Attitüde oder vorherrschende Stimmungslage wie: peinlich, traurig, betrunken oder mit nachfolgendem „Hangover“. Auch kleine philosophische Abhandlungen, wie Lacans Spiegeltheorie, ziehen sich durch den ganzen Abend. Der Selbstpräsentationszwang als Teil unserer narzisstischen Ader verursacht eine digitale Bilderflut, die unsere Sinne täuschen will wie ein mit der Tapete verschmelzender Tänzer.

Dass Constanze Macras mit Orten und deren Geschichte umgehen kann, hat sie schon 2013 in der Performance Forest: The Nature of Crisis im Köpenicker Müggelwald bewiesen. Aber auch wenn hin und wieder auf bestimmte Orte oder Sehenswürdigkeiten auf den Fotos verwiesen wird, glückt das angekündigte Zusammenspiel der Performance mit der Architektur des Düttmann-Baus nur bedingt in den Gartenpassagen, wo sich die Bewegungen einfach besser in die Umgebung integrieren oder deren Gegebenheiten wie die Säulen und das Wasserbecken nutzen lassen. Um auf die eingangs erwähnte Frage zurückzukommen, wirkt die Fülle der Bilder und Erzählungen genauso beliebig wie achtlos erstellte Selfies nun mal meist sind. Der geglückte „Headshot“ (ob nun wild oder seriös) ist die Seltenheit. Die gewünschte Wirkung bleibt gemäß Bekundung der PerformerInnen auch in professionell erstellten Fotoserien für die eigene oder eine Agentur-Website doch meist aus.

 

The Pose von Constanza Macras/DorkyPark
Foto (c) Thomas Aurin

 

Trotz der für Macras typischen Ironie ernüchtert das dann schon etwas auf die Dauer. Zur Auflockerung gibt es vor der Pause für alle gemeinsam im Studiosaal eine tänzerische Gruppeneinlage zur teils recht minimalistischen, mit Störgeräuschen versetzten elektronischen Musik von Robert Lippok, Mitbegründer der legendären Ost-Berliner Experimentalband Ornament & Verbrechen. Bei schnellen Kostüm- und Accessoirewechseln friert das Ensemble immer wieder in Tableau Vivants ein oder führt kommandierte Gruppenchoreografien bis hin zum sterbenden Schwan aus.

Der Zwang alles zu fotografieren und zu dokumentieren ist dem Menschen immanent. Ein gesellschaftlicher Ritus und Fluch zugleich, der schon früher zu einer Fülle von Familienfotografien und Sammlungen von Fotoalben führte. Und so sind dann beim zweiten Durchlauf nach der Pause auch die persönlichen Familiengeschichten der PerformerInnen das Thema der Choreografien und wieder parallel stattfindenden Fotoschauen. Es geht um Kindheitserinnerungen, die teils schwierigen Beziehungen zu den Eltern oder auch um den Tod naher Verwandter. In einem einführenden Vortrag erzählt die brasilianische Performerin Fernanda Farah als Barkeeperin am Tresen im Studiofoyer von ihrem kunst- und fotografiebesessenen Vater, dessen Leidenschaft sie früher nicht teilte und nun bedauert, ihm vor seinem Tod die Fotos ihres Sohnes nicht mehr gezeigt zu haben.

Diese zum Teil sehr intimen Berichte gehen wesentlich tiefer als die Selfie-Parade zuvor. Die Fotografie als Spiegel der Geschichte von Menschen und Orten. Ein kollektives Gedächtnis, das sich durch die entsprechende Pose oder Gesichtsregung positiv oder negativ beeinflussen lässt. Wie trügerisch diese Erinnerungen sein können, zeigt sich, wenn die Performer einfach unversehens die Rollen bei der Erklärung der Fotos tauschen. Ein Foto allein sagt noch nichts über das ganze Leben eines Menschen. Die Geschichten dahinter müssen zum Leben erweckt werden. Als ziemlich perfekt abschnurrendes Gesamtkunstwerk aus Bild, Raum, Ton und Bewegung erzählt der Abend dann auch einiges über die magische Wirkung persönlicher Fotografie und die Geschichten ihrer Entstehung. In seiner recht epischen Struktur wirkt der gut 4,5-h-Abend aber auch etwas über Gebühr zerdehnt. Da ist es am Ende wie eine Befreiung, wenn die PerformerInnen noch mal wie aus dem starren Rahmen gefallen draußen vor den Fensterscheiben im Garten wild tanzen oder, uns fixierend, einfach als dreidimensionales Einzel- oder Gruppen-Selfie vor dem angeleuchteten Hintergrund verharren.

***

The Pose (AdK am Hanseatenweg, 09.07.2017)
Constanza Macras | DorkyPark
Regie & Choreographie: Constanza Macras
Musik: Robert Lippok
Dramaturgie: Carmen Mehnert
Von und mit: Emil Bordás, Diane Gemsch, Luc Guiol, Fernanda Farah, Nile Koetting, Thulani Lord Mgidi, Ana Mondini, Daisy Philips, Felix Saalmann, Miki Shoji & Momo Akkouch
Licht: Catalina Fernandez
Ton: Fabrice Moinet
Bühne: Laura Gamberg, Veronica Wüst & Chika Takabayashi
Kostüm: Constanza Macras & Daphna Munz
Regieassistenz: Helena Casas
Eine Produktion von Constanza Macras | DorkyPark in Zusammenarbeit mit Robert Lippok. In Kooperation mit der Akademie der Künste, Berlin.
Premiere war am 09.07.2017 in der Akademie der Künste am Hanseatenweg
Termine: 12.-17.07.2017

Infos: http://www.adk.de/de/programm/index.htm?filter=30211

Zuerst erschienen am 11.07.2017 auf Kultura-Extra.

__________