Werke von Ödön von Horváth und Alfred Döblin in zwei bemerkenswerten Berliner Inszenierungen

Juli 28th, 2016

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Glaube Liebe Hoffnung – Das aufBruch-Gefängnistheater verschränkt Horváths kleinen Totentanz mit Texten von Gandersheim, Döblin und Jelinek

Glaube Liebe Hoffnung_Plakatmotiv aufBruchEin gemischtes Ensemble aus Ex-Inhaftierten und Freigängern sowie Schauspielern und Berliner Bürgern spielt einmal im Jahr außerhalb der geschlossenen Vollzugsanstalt unter der Regie von Peter Atanassow ein Theaterstück im Berliner Stadtraum. Mit wohl noch keinem ihrer Produktionen waren die Macher vom aufBruch-Gefängnistheater aber so nah am Leben der meisten ihrer Mitwirkenden. Glaube Liebe Hoffnung, der „kleine Totentanz“ des österreichischen Dramatikers Ödön von Horváth aus dem Jahr 1932, erzählt die Geschichte einer Passion aus Ohnmacht, Erniedrigung und Bestrafung, die einer jungen Frau kurz vor dem Ende der Weimarer Republik wegen einer aus heutiger Sicht als Bagatelldelikt geltenden Ordnungswidrigkeit die Unabhängigkeit und Existenz kostet.

Horváth schrieb das Stück nach einem realen Fall aus der gängigen Gerichtspraxis der damaligen Zeit. Dass dies nicht heutige Praxis ist, ändert nicht viel an der Tatsache, dass eine Gefängnisstrafe in unserer Gesellschaft noch immer als fast untilgbarer Makel gilt. Die christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung wirken hier wie reiner Hohn, in einer Welt, die auf Gehorsam, Ungleichheit und eigenen Vorteil orientiert ist. Gespielt wird nicht nur atmosphärisch sehr passend in der unter König Friedrich Wilhelm IV. 1857 zur „Missionsstation“ ausgebauten St. Johanniskirche Berlin-Moabit – sehr spartanisch ausgestattet mit schlichtem Altarstein und hölzerner Kreuzigungsgruppe.

 

Glaube Liebe Hoffnung in der St. Johanneskirche Moabit - Foto: St. B.

Die St. Johanneskirche in Berlin Moabit – Foto: St. B.

 

Dem aus dem 1. Korintherbrief des Paulus im Chor vorgetragenen „Hohelied der Liebe“, die nimmer aufhöret, folgt das frühchristliche Märtyrerspiel Das Leiden der heiligen Jungfrauen Fides, Spes und Caritas (lat. für Glaube, Hoffnung und Liebe), das die Stiftsdame Roswitha von Gandersheim im 10. Jahrhundert geschrieben hat. Der römische Kaiser Hadrian (Six Pack Hansi) lässt die drei Schwestern (Daria Dönch, Barbara Knewitz, Katharina Försch), die sich auf Geheiß ihrer Mutter Sapientia (Kristine Walther) nicht seinem Willen beugen wollen, foltern und umbringen. Hier gesellen sich zur Gottesliebe auch der fanatische Glauben einer Mutter, die von der Kanzel predigt, sowie die brutale Gewalt eines Herrschers, der einen anderen als seinen Glauben nicht gelten lässt.

Gleich zu Beginn ein recht körperbetontes Spiel des Ensembles, das einen starken Kontrapunkt zur spirituellen Aura des Ortes setzt. Regisseur Atanassow behält die Dreierbesetzung (nicht untypisch für aufBruch-Inszenierungen) für die weibliche Hauptrolle in Horváths Stück bei und setzt so die Tragödie der Elisabeth (Maja Borm, Rose Louis-Rudek, Sabine Böhm) direkt in Bezug zum Martyrium der drei Schwester. Die drei Elisabeths durchlaufen dann auch konsequent die Stationen vom Anatomischen Institut, wo ihnen der spießige Präparator (Christoph Bettinger) beim Taubenfüttern über den Kopf streicht, über das Miederwarengeschäft der Irene Prantl (Maria Baton), die ihre Verkäuferinnen wie bei einer Prozession voranschreitet, dem Betrugsvorwurf und den Demütigungen des Präparators wegen der 150 Mark für den Wandergewerbeschein bis zur Beziehung mit dem ebenfalls verdreifachten Schupo Alfons (Laurenz Wiegand, Moses, Philipp), der sie nach der Entdeckung ihrer zweiwöchigen Vorstrafe wegen der Karriere verlässt.

 

Das Ensemble von Glaube Liebe Hoffnung in der St. Johanneskirche Moabit - Foto: St. B.

Das Ensemble von Glaube Liebe Hoffnung in der St. Johanneskirche Moabit  – Foto: St. B.

 

Unterbrochen werden die Spielszenen immer wieder durch christliche Lieder und Choräle aus Bachs Johannespassion, Schuberts Deutschem Requiem oder aber auch durch deutsche Volkslieder, Berliner Gassenhauer und Chansons wie etwas Claire Waldorffs “Ach was sind die Männer dumm”.

Das Spielkonzept der Inszenierung setzt sich geschickt aus Analogien und Gegensätzen zusammen. Eine Collage aus kommentierenden Fremdtexteinschüben und einer bemerkenswerten Verschränkung von Horváths Drama mit dem Großstadtroman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin (gerade erst im Mai von Sebastian Hartmann am DT inszeniert). Ungefähr zur selben Zeit entstanden, ist die Geschichte des Ex-Knackis Franz Biberkopf nicht nur ein literarisches Pendant einer männlichen Passion, sondern auch eine atmosphärisch dichte, mit christlichen Motiven und Bibeltexten gespickte Reflexion des Geschehens auf den Berliner Straßen der Weimarer Republik. Die Verbindung dieser beiden Werke leuchtet sogar noch viel mehr ein, als der Versuch von Jette Steckel am Thalia Theater Hamburg, Horváths Glaube Liebe Hoffnung mit dessen Oktoberfestdrama Kasimir und Karoline zu verknüpfen.

Döblins Montagetechnik aus Kolportagen, Musikstücken und Gedankenschnipseln, die explosive Mischung aus Gesprächen in Arbeiterkneipen und Reden auf politischen Versammlungen passt sich nahtlos in Horváths Anklage über fehlende Nächstenliebe und Gerechtigkeit ein. Das Ensemble sitzt an Biertischen, diskutiert über Wahlen, die Macht des Kaisers und des Staats, Jesus‘ Reich der Gerechtigkeit und das Jammernest Erde mit seinen Paragraphen und Verboten. Kommunisten prügeln sich mit Nazis, und während der sich getäuscht fühlende Alfons am Tisch in der Wachstube sein Leben bejammert, wütet der festgenommene Franz Biberkopf von der Bank gegenüber.

Die alle Hoffnung fahrengelassene Elisabeth kann nicht einmal über ihren Tod im Kanal selbstbestimmt entscheiden. Der Mob trägt sie wie zur Heilsprozession und lässt sie dann aber irgendwann am Altar liegen. Eine Märtyrin des deutschen Herbstes hat das letzte Wort von der Kanzel. Es ist eine dreifache Ulrike Meinhof (Daria Dönch, Barbara Knewitz, Katharina Försch) aus Elfriede Jelineks Stück Ulrike Maria Stuart, die sich nach ideologischem und gescheitertem Kampf mit der Waffe nicht verstanden fühlt, und die Emanzipation im Tod sucht. Der Selbstmord als letzte autonome Tat. Ein etwas resignatives, aber auch starkes Bild zwischen Lieben, Glauben und Hoffen.

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GLAUBE LIEBE HOFFNUNG (St. Johanniskirche Berlin, 20.07.2016)
Regie: Peter Atanassow
Bühne: Holger Syrbe
Kostüm: Thomas Schuster
Dramaturgie: Hans-Dieter Schütt
musikalische Leitung: Vsevolod Silkin
Produktionsleitung: Sibylle Arndt
Grafik: Alexander Atanassow
Es spielt ein gemischtes Ensemble aus Ex-Inhaftierten und Freigängern Berliner Vollzugsanstalten sowie Schauspielern und Berliner Bürgern: AJ, Barbara Knewitz, Christoph Bettinger, Daria Dönch, Hans M., Hasan Adli, Hans-Jürgen Simon, Irene Oberrauch, Jan-Urs Hartmann, Jean, Jugo, Katharina Försch, Kristine Walther, Laurenz Wiegand, Maja Borm, Maria Baton, Mohamad Koulaghassi, Mohammad, Moses, Philipp, Para Kiala, Patrick Berg, Rita Ferreira, Rose Louis-Rudek, Rosemarie Klinkhammer, Sabine Böhm, Six Pack Hansi und Wolf Nachbauer
Premiere war am 20. Juli 2016
Weitere Termine: 28. – 31. 7. / 3. – 6. 8. 2016
Eine Produktion von aufBruch KUNST GEFÄNGNIS STADT

Weitere Infos siehe auch: http://www.gefaengnistheater.de

Zuerst erschienen am 23.07.2016 auf Kultura-Extra.

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Berlin Alexanderplatz – Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Sebastian Hartmann den Roman von Alfred Döblin als allegorischen Leidensweg

Berlin Alexanderplatz - Foto DT-Schaukasten

Foto DT-Schaukasten – St. B.

Der im Jahr 1929 erschienene Roman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin ist in seiner vielfältigen Erzähltechnik wohl eines der wichtigsten Zeugnisse der literarischen Moderne, der Beschreibung der Geschichte der Weimarer Republik und insbesondere der des Großstadtmolochs Berlin. Für Film und Bühne wurde die Die Geschichte vom Franz Biberkopf, wie der Untertitel des in neun Bücher unterteilten Werkes lautet, oft adaptiert. Bereits 1931 stand Heinrich George in der ersten Verfilmung von Piel Jutzi vor der Kamera. Legendär ist auch die 1979/80 von Rainer Werner Fassbinder gedrehte Fernsehserie mit Günter Lamprecht in der Rolle des Franz Biberkopf.

1999 verströmte am Maxim Gorki Theater Berlin Ben Becker in der Rolle des nach 4jähriger Haftstrafe wegen Totschlags aus dem Tegler Knast entlassenen Ex-Transportarbeiters viel naturalistisches Lokalkolorit. Zehn Jahre später assistierte an der Berliner Schaubühne ein Chor echter Knackis unter der Regie von Volker Lösch einem schwitzenden Sebastian Nakajew bei der Arbeit. Unerreicht bleiben dürfte aber die 2001 fürs Zürcher Publikum erarbeitete Romanadaption von Frank Castorf, die vier Jahre später in der Ruine des entkernten Palasts der Republik gastierte.

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Seit Mai hat Berlin endlich wieder eine Bühnenbearbeitung des berühmten Döblin-Romans, die diesen Titel auch verdient und nicht nur den Inhalt in epischer Breite auswalzt oder in Riders-Digest-Manier abschnurrt. Und das am Deutschen Theater, das nicht gerade mit bekömmlich aufbereiteten Dramatisierungen von Romanen geizt. Die Nebenspielstätte Box nicht mitgerechnet, ist das in dieser Spielzeit bereits die fünfte Inszenierung nach einem Werk der Weltliteratur. Ein Zauberberg wird noch folgen. Bis auf die zum Theatertreffen eingeladene Inszenierung des Turgenjew-Romans Väter und Söhne ist die Erfolgsbilanz eher gering. Nun ist auf der Bühne des großen Hauses der nicht ganz unumstrittene Regisseur und Leipziger Ex-Intendant Sebastian Hartmann angetreten, das zu ändern.

Bekannt für einen assoziativ ausschweifenden, bildgewaltigen Regiestil, nähert sich Hartmann ähnlich wie Castorf nicht unbedingt über das Nacherzählen des Inhalts dem Kern des Romanstoffs. Zuletzt konnte man das bei seiner Adaption des Romans Krieg und Frieden von Leo Tolstoi, die 2013 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, sehen. Bei der Inszenierung des Döblin-Romans lässt sich Hartmann von der Vielschichtigkeit der nichtlinearen Erzählebenen und der Montagetechnik Döblins inspirieren. Auf der vom Regisseur selbst gestalteten, fast leeren Bühne beginnt es dann auch zunächst ganz traumwandlerisch mit einem Gewirr von Menschen und Stimmen im Halbdunkel, einem Chor der anonymen Großstadt, dem ein Prolog des als Erzähler fungierenden Schauspielers Moritz Grove folgt, der wie in einer Sportreportage die Moritat des Franz Biberkopf im Schnelldurchlauf abspult. Eine Gewalttour, an deren Ende dieser zwar ziemlich ramponiert dasteht, doch sehend wird.

Da steckt einer lebenslang Schläge ein, wird angezählt, ausgeknockt und steht doch immer wieder auf. Zunächst aber hat der gerade entlassene Franz Biberkopf ein sehr menschliches Bedürfnis. Andreas Döhler klopft an die Tür (hier eine große Blechkiste) von Minna, deren Schwester Ida Franz vor vier Jahren mit einem Sahneschläger erschlagen hatte. Bei einem ziemlich komischen Geschlechtsakt erzählt uns Katrin Wichmann diese sehr expressionisch ausgemalte Geschichte. Beglückt Sebastian Hartmann sein Publikum im Laufe einer Inszenierung immer mal wieder mit einem Slapstick, so beginnt er hier gleich mit einem Running Gag mit Blumenstrauß und Schnapspulle.

 

Foto (C) Arno Declair

Foto (C) Arno Declair

 

Dem Biberkopf begegnen nun nacheinander der Tod (Almut Zilcher), den er nicht erkennt, und ein chassidischer Jude (Edgar Eckert), der ihm die Geschichte des Hochstaplers Stefan Zannowich erzählt, die Franz ebenso wenig versteht. „Man muss zu der Welt gehen können und muss sie sehen können.“ist die Quintessenz, die sich für Biberkopf inmitten der undurchdringbaren Großstadt mit ihren drohenden Häuserfluchten und Menschenmassen nicht erschließt. Er will anständig bleiben, lässt sich aber trotzdem von anderen wieder in Gaunereien verstricken und fällt in sein altes Leben zurück.

Die Inszenierung streift nur die Geschichte um Biberkopfs zwielichtigen Freund und Gegenspieler Reinhold (sehr fahrig-fiebrig Edgar Eckert), dem er Mädchen abnimmt und der schließlich Franzens große Liebe Mieze (Katrin Wichmann) umbringt. Immer wieder werden aber in kleinen Szenen von den anderen Darstellern die allegorischen Einschübe des Romans aus der Bibel über die Leiden Hiobs, die Hure Babylon oder Abraham und dessen Sohn Isaak gespielt. Das macht Sinn, läuft doch das Geschehen um Biberkopf fast wie eine Passion ab. Die Pumps-Bande und der Verlust seines Arms sind hier nur eine Randepisode. Dafür sehen wir ausführlich, wie Reinholt Mieze vergewaltigt und erwürgt. Nach der ersten Pause gibt es eine heitere Wiederauferstehung eines zweiten Liebespaars (Felix Goeser und Wiebke Mollenhauer), das staunend auf das Paar des ersten Teils trifft.

„Besinnungslos und abwesend ist der Mensch.“ heißt es zu Anfang. Regisseur Hartmann entwirft einen Totentanz in drei Teilen, in dem auch immer wieder Walzer getanzt wird und Benjamin Lillie eine nackte geschundene Kreatur aus Döblins poetisch-epischen Schilderungen über den Berliner Schlachthof gibt. Im hohen, sich drehenden Bühnenraum, der einer Kathedrale ähnelt, glüht ein rotes Leucht-Kreuz, und es fahren hohe Lichtwände zu einem Triptychon auf, auf das eine manieristische Kreuzigungsszene aus den Leibern der DarstellerInnen projiziert wird. Wucht und Pathos, dröhnender Technosound und klassische Musik wechseln zu ruhigen oder ironisch überhöhten Spielszenen.

Im Hintergrund flimmert der Moloch Berlin auf schwarz-weißen Videoprojektionen mit animierten Häuserzeilen oder der biblischen Schlange aus dem Paradies, die der Leipziger Künstler Tilo Baumgärtel gestaltet hat. Hartmann fügt dazu Szenen aus der Großstadt mit einen fressenden Mann (Christoph Franken), dessen Verdauung geschildert wird, im Spejbl & Hurvinek-Stil vorgetragene Zeitungsartikel, Politikerreden und das von Michael Gerber gesprochene Otto Reuter-Couplet Berlin ist ja so groß. Ein großes Ganzes wird Hartmann-Collage dann leider nicht. Sie zerfällt ein wenig, auch bedingt durch die zwei Pausen. Nach der großen kathartischen Schlussszene Biberkopfs mit dem Tod beschwört noch einmal der Chor die Zweisamkeit, ein ganz wichtiges Anliegen dieses Abends.

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Berlin Alexanderplatz (DT, 12.05.2016)
nach dem Roman von Alfred Döblin
Regie/Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Lichtdesign / Videogestaltung: Voxi Bärenklau
Videoanimation: Tilo Baumgärtel
Dramaturgie: Sonja Anders, Meike Schmitz
Regieassistenz: Yannik Böhmer, Lena Brasch
Künstlerische Leitung des Chors Christine Groß
Mit: Andreas Döhler, Edgar Eckert, Christoph Franken, Michael Gerber, Felix Goeser, Moritz Grove, Gabriele Heinz, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Markwart Müller-Elmau, Katrin Wichmann, Almut Zilcher
Premiere war am 12.05.2016 im Deutschen Theater

Termine: wieder am 29.09.2016

Info: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 17.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Schuberts Winterreise, Ubu und die Wahrheitskommission – William Kentridge verknüpfte bei den FOREIGN AFFAIRS Europa mit Südafrika

Juli 21st, 2016

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Ubu and the Truth Commission (Ubu und die Wahrheitskommission) – Eine Gemeinschaftsarbeit von William Kentridge und der Handspring Puppet Company

Schon seit 1975 beschäftigt sich der südafrikanische Multimedia-Künstler William Kentridge mit dem absurden Theaterstück König Ubu von Alfred Jarry. Zuerst als Schauspieler und ab Mitte der 1990er Jahre mit Radierungen und der Animationsfilm-Serie Ubu and the Procession. „Aus südafrikanischer Sicht ist Ubu eine besonders starke Metapher für den Irrsinn der Apartheidpolitik, die vom Staat als vernünftiges System hingestellt wird.“ schreibt Carolyn Christov-Bakargie, Verfasserin von Künstlermonografien über Kentridge und Kuratorin der dOCUMENTA 13.

 

Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Haus der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

 

Im Zuge der 1996 vom ANC und Präsident Nelson Mandela eingerichteten Wahrheits- und Versöhnungskommission (engl. Truth and Reconciliation Commission), einer südafrikanischen Einrichtung zur Untersuchung von politisch motivierten Verbrechen während der Zeit der Apartheid, entstand der Animationsfilm Ubu Tells the Truth. Gemeinsam mit der südafrikanischen Handspring Puppet Company inszenierte Kentridge 1997 das mittlerweile vielgereiste Theaterstück Ubu und the Truth Commission, das nun im Rahmen des Kentridige-Fokus der FOREIGN AFFAIRS auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele in Originalbesetzung gezeigt wurde.

Kentridge inszeniert eine Mischung aus Elementen von Graphic Novel, Dokumentar-, Puppen- und satirischem Volkstheater mit Gesang. Während im Hintergrund seine Kohle-Bilder rassistischer Gewalt mit Folter und Mord laufen, in die der Künstler immer wieder die von Jarry selbst geschaffene Zeichnung der monströsen Figur Père Ubu einfügt, spielen vor der Leinwand Dawid Minnaar und Busi Zokufa die südafrikanische Variante des Paars Papa und Mama Ubu. Der korrupte und sadistische General aus Jarrys Stück ist hier ein feige berechnender Täter, der sich mit einer Horde von Bluthunden umgibt. Die Beweise seiner nächtlichen Mordausflüge gibt er einem Krokodil mit Taschenmagen zu fressen, in dem auch jede Menge Knochen verschwinden. Die Spieler der Handspring Puppet Company führen diese Tiergestalten und leihen ihnen Stimme und Bewegung.

 

Ubu and the Truth Comission - Foto (c) Luke Younge

Ubu and the Truth ComissionFoto (c) Luke Younge

 

Ziel der südafrikanischen Wahrheitskommission war es, Opfer und Täter politisch motivierter, rassistischer Gewalt zu versöhnen, indem es den Opfern eine Stimme gab und den reuigen Tätern als Belohnung Straffreiheit zusagte, was auch oft als Vereitelung von Gerechtigkeit kritisiert wurde. Vor allem im Fall des besonders brutalen Polizeioberst Eugene Alexander de Kock, der durchaus Pate für die Ubu-Figur des Stücks gestanden haben könnte. Der Stück-Ubu windet sich schließlich mit geheuchelter Reue heraus und schiebt alle Schuld auf seine Hundemeute. Wie de Kock werden die willigen Helfer zu lebenslänglich plus 212 Jahre verurteilt werden, während der scheinbar geläuterte Captain Ubu die Segel setzt und zu neuen Ufern in die Saragossasee aufbricht.

Kentridges Film wie das Theaterstück sind vor allem eine in zwei Ebenen angelegte Erinnerungsarbeit über Gewalt, Verrat, Heuchelei und Vertuschung der Verbrechen des früheren Apartheitstaats. Mit Puppen gespielte und in Xhosa gesprochene Berichte von schwarzen Südafrikanern über ihr Martyrium werden simultan von Schauspielern in einem Glaskasten, in dem sich zuvor Captain Ubu das Blut der Nacht abgeduscht hat, ins Englische übersetzt. Die nüchtern dokumentarisch wirkenden Aussagen der Opfer setzen die satirisch überhöhten Spielszenen mit dem windigen Heuchlers Ubu ins rechte Licht und reflektieren die Absurdität eines gescheiterten Versöhnungsmythos.

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Winterreise – William Kentridges bebildert eindrucksvoll Schuberts romantisch-melancholischen Liederzyklus

Sicherlich einen der Höhepunkte nicht nur des Kentridge-Fokus erlebten die FOREIGN AFFAIRS mit der Interpretation der Winterreise von Franz Schubert zu den Gedichten von Wilhelm Müller durch den Bariton Matthias Goerne, der vom Intendanten der Wiener Festwochen Markus Hinterhäuser am Klavier begleitet wurde. Mit fast schon philosophischem Ernst nähert sich William Kentridge dem romantisch-melancholischen Liederzyklus. Er hat zu einer Reihe seiner bereits existierenden Animationsfilme einige neue zur Bebilderung von Schuberts Musikwerk passend hinzugefügt.

 

Die Winterreise - Foto (c) Patrick Berger / Artcomart

Die WinterreiseFoto (c) Patrick Berger / Artcomart

 

Diese in üblicher Weise animierten Kohlezeichnungen Kentridges laufen auf zwei großen und versetzt stehenden Atelierwänden, die mit Zetteln und Zeichnungen dicht behängt sind und den visuellen Hintergrund für den musikalischen Vortrag von Goerne und Hinterhäuser bilden. Die schwarz-weißen Videobilder greifen Kentridges typische Themen wie Entstehen und Verwischen, Erinnern und Vergessens auf, aber auch die Naturmetaphorik der Verse von Wilhelm Müller, dessen unbehaustes, lyrisches Ich suchend durch die kargen Landschaften Kentridges streift, als animiertes Alter-Ego des Künstlers über die Seiten von Enzyklopädien wandelt und sich ein wirbelndes Tänzchen mit der südafrikanischen Choreografin Dada Masilo aus der Performance Refuse the Hour gönnt.

William Kentridge spannt geschickt einen Bogen von Schuberts Lebenswelt in Wien, wo die Konzert-Performance auch bei den Festwochen 2014 zu sehen war, zur Umgebung des südafrikanischen Johannesburg, der Heimat Kentridges mit ihrer kargen Grubenarchitektur. Bäume entstehen wie aus dem Nichts und verdorren wieder, animierte Streifen laufen über die Videowände, wie Gefrorne Tränen, von denen Goerne singt, und Kentridges Kaffeekannen, Megafontrichter, Kameras und liegende, nackte Frauenleiber verwirbeln als Kohlepapierfetzen zu Schuberts Winterstürmen.

 

Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Haus der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

 

Im Lied Das Wirtshaus durchziehen Striche wie imaginäre Parabeln die Koordinaten einer alten Totenliste. Und plötzlich hängen da auch Leiber im Lindenbaum. Zu den Nebensonnen zeigt Kentridge Negativbilder und zum Leiermann zieht eine Schattenprozession gebückter Leiber wie ein endloser Flüchtlingstross über die Leinwand. Zu dokumentarischen Archivbildern von Schlachten und Bombenexplosionen fügt Kentridge am Ende seine gezeichneten Bilder der Leichen des Sharpeville-Massakers. Schuberts düstere Winterreise als Kunstallegorie auf politische Restauration und Hoffnungslosigkeit wird somit auch zu einem ganz gegenwärtigen Requiem für die Opfer von Apartheid, Krieg und Vertreibung.

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UBU AND THE TRUTH COMISSION (Seitenbühne vom Haus der Berliner Festspiele, 14.07.2016)

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Regie: William Kentridge
Co-Regie: Janni Younge
Text: Jane Taylor
Puppendesign: Adrian Kohler
Animation: William Kentridge
Bühnenbild: Adrian Kohler und William Kentridge
Kostümbild: Adrian Kohler
Kostümmacher: Phyllis Midlane, Sue Steele
Lichtdesign: Wesley France
Sounddesign: Wilbert Schubel
Musik: Warrick Sony und Brendan Jury
Choreografie: Robyn Orlinä
Animationsschnitt: Catherine Meyburgh
TRC-Recherche: Antjie Krog
Film- und Videorecherche: Gail Berhmann
Technische Leitung: Wesley France
Inspizienz: Bruce Koch
Sound: Simon Mahoney
Mit: Dawid Minnaar und Busi Zokufa (Schauspiel) sowie Gabriel Marchand, Mandiseli Maseti und Mongi Mthombeni (Puppenspiel)

WINTERREISE (Haus der Berliner Festspiele, 12.07.2016)
Regie und visuelle Kreation: William Kentridge
Bühnenbild: Sabine Theunissen
Kostümbild: Greta Goiris
Lichtdesign: Herman Sorgeloos
Videoschnitt: Snezana Marovic
Video: Kim Gunning
Mit: Matthias Goerne (Bariton) und Markus Hinterhäuser (Klavier)
Produktion: Festival d’Aix-en-Provence
Uraufführung 2014 beim Festival d’Aix-en-Provence
Koproduktion: Wiener Festwochen, Holland Festival, Kunstfestspiele Herrenhausen (Hannover) / Niedersächsische Musiktage (Göttingen), Lincoln Center, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Opéra de Lille

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-festspiele.de/

Zuerst erschienen am 16.06.2016 auf Kultura-Extra.

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The blind poet – Jan Lauwer & Needcompany basteln bei den FOREIGN AFFAIRS im Haus der Berliner Festspiele aus 7 persönlichen Portraits den Stammbaum der Welt

Juli 17th, 2016

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fa16_promo_motivFast am Ende des diesjährigen Performing-Arts-Festivals FOREIGN AFFAIRS gab es mit The blind poet von Jan Lauwers & Needcampany nochmal einen der typischen, gut verdaulichen Festivalhappen, die in breiter Koproduktion von Ort zu Ort ziehen. Die Needcompany, 1986 vom belgischen Theatermacher Jan Lauwers und der aus Indonesien stammenden Choreografin Grace Ellen Barkey gegründet, ist ein multikulturelles und wie eine Theaterfamilie funktionierendes Künstlerkollektiv aus Performern, Tänzern und Musikern, das auch mit bildenden oder anderen Bühnenkünstlern kooperiert. In ihrem Stück The blind poet, das im Frühjahr 2015 beim Kunstenfestivaldesarts in Brüssel seine Premiere feierte und auch schon bei den KunstFestSpielen in Herrenhausen und im Mousonturm Frankfurt/M zu sehen war, beschäftigen sich die Künstler der Needcompany in sieben Portraits mit Familien-Stammbäumen, Identität und Migration.

Das sind alles sehr aktuelle Themen, die in Berlin vor allem im Maxim Gorki Theater schon zu manch interessantem Theaterabend verwoben wurden. Ohne die politische Dimension besonders tief auszuloten oder an einer konkreten Handlung festzumachen, haben sich die Künstler und Künstlerinnen der Needcomany hier für ganz persönliche Lebensberichte in ihrer jeweiligen Muttersprache entschieden, die nacheinander in Einzelperformances vorgetragen werden, begleitet von Musik, Tanz und besonderen Bühnen-Installationen.

Den Anfang macht Grace Ellen Barkey im Kostüm einer Tempeltänzerin mit Blumenkopfschmuck, Clownsgesicht und ebensolchen Schuhen. Sie ruft zunächst minutenlang wie zu Anfeuerung ausschließlich ihren Namen, der ihr auch ebenso aus den Reihen der Mitstreiter entgegenschallt. Eine ausdrucksstarke Selbstvergewisserung, noch da zu sein. Barkey leidet am Lynch-Syndrom, einer erblichen Darmkrebsform, und hat sich wieder zurück ins Leben gespielt. Ihre Performance ist eine witzige Reise zu den Ahnen von Indonesien über China bis nach Deutschland, wo ihr Vorfahre zusammen mit belgischen Waffenschmieden an den Kreuzzügen teilnahm. Sie bezeichnet sich selbst als multikulturelles Wunder, was sie anscheinend auch mit den anderen Vortragenden verbindet.

 

The blind poet - Foto (c) Maarten Vanden Abeele

The blind poet – Foto (c) Maarten Vanden Abeele

 

Dies sind vor allem der dampfende Norweger Hans Petter Melø Dahl, der von Wikingern, Trojanern und Kannibalen abstammt, die eher bodenständigere Friesin Anna Sophia Bonnema, die ihr Ich allerdings auf einen Stammbaum auf berühmte Frauenfiguren der Weltgeschichte zurückführt („Ich bin alle Frauen.“), oder der belgische Musiker Maarten Seghers, der einem Geschlecht von stolzen belgischen Waffenschmieden entstammt, sich aber wie Onkel Jan Lauwers für die Künstlerlaufbahn entschieden hat. „Ich bin…“ ist ihr persönliches Mantra, was ihnen zu sagen auch wichtig ist.

Das sind Biografien und globale Verknüpfungen, die in einem philosophischen „Alles hängt mit allem zusammen.“ münden, allerdings künstlerisch stark überhöht und zumeist auch gut geflunkert sind. Der begleitende Sound ist eine Mischung aus Rock, Weltmusik und Country. Hängt die Performance am Anfang noch ein wenig, dreht die Needcompany nach der Pause dann richtig auf. Der Belgier Benoît Gob tischt uns eine unglaubliche Kindheitsgeschichte auf, mit häuslicher Gewalt und der Suche nach dem Gebiss des betrunkenen Vaters in den Bordellen Lüttichs. Am lustigsten gerät die Performance von Jules Beckman, der als jüdischer Countrysänger mit Banjo und breitestem Südstaatendialekt eine Story von Sex, Drogen, Jesus und der Flucht vor den Nazis aus Minsk zum Besten gibt.

Zu diesen ironisch performten Clownerien, die recht wortreich selten ernsthaft geerdet werden, gibt es begleitenden Tanz, Pantomime und zwei riesige, hölzerne Rittertürme, die mit ihren Lanzen lautstark aneinandergeraten sowie eine Todeswaage mit einem unechten Pferdekadaver als Symbol. Und wer es vorher noch nicht geahnt hatte, der immer wiedermal in den Szenen auftauchende tunesische Tänzer Mohamed Toukabri wird am Ende zum Gegenentwurf der europäischen Ahnengeschichte. Er verfolgt sich zurück zum blinden Poeten und Religionskritiker Abu l-‘Ala al-Ma’arri aus Syrien und der in Córdoba geborenen Dichterin Wallada bint al Mustakfi, einer unabhängigen und gebildeten Frau, die es ablehnte sich zu verschleiern und ironische Verse auf ihre Liebhaber dichtete.

Das war im 11. Jahrhundert, als Andalusien noch das Zentrum einer weltoffenen und toleranten muslimischen Kultur war, während das mittelalterliche Europa loszog, um Jerusalem zu erobern. Mohamed Toukabri, im Seidenanzug seines Vaters, ist sein schönes Lächeln bei der Ankunft in Belgien vergangen. „Eure blinden Dichter sind nicht unsere blinden Dichter.“ ist sein Fazit, und wenn Jan Lauwers das in seinem Stück etwas mehr vertieft hätte anstatt unablässig auf die Humortube zu drücken, wäre das sicher auch ein noch stärkerer Theaterabend geworden. So bleibt alles doch etwas an der visuell künstlich aufgeblähten Oberfläche, die zumindest zeitweise ganz gut unterhält.

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The blind poet (Haus der Berliner Festspiele, 15.07.2016)
von Jan Lauwers & Needcompany
Text, Regie, Bühne: Jan Lauwers
Musik: Maarten Seghers
Kostüm: Lot Lemm
Kostüm: Mohammed Bachir bin Ahmed bin Rhaïem El Toukabri
Dramaturgie und Übertitel: Elke Janssens
Licht: Marjolein Demey, Jan Lauwers
Tondesign: Ditten Lerooij
Ton: Marc Combas
Technische Leitung: Marjolein Demey
Technik und Produktion: Marjolein Demey, Gwen Laroche
Technischer Bühnenbildbau: De Muur, X-Treme
Logistische Unterstützung: Irmgard Mertens
Dramaturgische Einführung: Erwin Jans
Dramaturgische Mitarbeit: Jef Lambrecht, Lucas Catherine, Taha Adnan
Französische Übersetzung: Olivier Taymans
Englische Übersetzung: Gregory Ball
Deutsche Übersetzung: Rosi Wiegmann
Fotograf: Maarten Vanden Abeele
Mit: Grace Ellen Barkey, Jules Beckman, Anna Sophia Bonnema, Hans Petter Melø Dahl, Benoît Gob, Maarten Seghers, Mohamed Toukabri, Elke Janssens, Jan Lauwers
Produktion: Needcompany
Koproduktion: Kunstenfestivaldesarts, KunstFestSpiele Herrenhausen, FIBA – Festival Internacional de Buenos Aires, Künstlerhaus Mousonturm
In arabischer, englischer, flämischer, französischer, norwegischer und tunesischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Dauer 2h 30, eine Pause

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de

Zuerst erschienen am 16.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Only another Coffee Pot – “Six Drawing Lessons” von William Kentridge bei den FOREIGN AFFAIRS – Eine multimediale Lecture-Performance über den Zusammenhang von Zeichenkunst, Kunstgeschichte und Weltpolitik

Juli 15th, 2016

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fa16_promo_motivIn seinen Six Drawing Lessons genannten, erstmals 2012 für die Charles Eliot Norton Lectures an der Harvard Universität gehalten Vorlesungen über die Kunst des Zeichnens, beschäftigt sich der südafrikanische Multimedia-Künstler William Kentridge mit Gedanken zur Kunst selbst, der Kunstherstellung und dem Atelier als Mittelpunkt seiner Arbeit. Im diesjährigen Fokus der FOREIGN AFFAIRS hielt er nun an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im Haus der Berliner Festspiele seine sechsteilige Lecture-Performance, die in dem multimedialen Bühnenstück Refuse the Hour mündet.

Ausgehend von Platons Höhlengleichnis entwickelt Kentridge philosophische und künstlerische Denkmodelle über Mechanismen und Täuschungen, durch die wir in der Welt Sinn konstruieren. Er erläutert das immer wieder sehr anschaulich anhand seiner Arbeiten. So ist der Prozessionszug von schattenartigen Menschen, die Dinge und Symbole mit sich tragen, schon zu seinem Markenzeichen geworden. Das Licht der Aufklärung, der Drang Menschen auch gegen ihren Willen zu befreien, ist für Kentridge durch die blutigen Auswüchse der Französischen Revolution und die europäische Kolonisation Afrikas diskreditiert. Als Beispiel bringt er die Niederschlagung eines Aufstandes in der britischen Kolonie Nyassaland (dem heutigen Malawi) und den deutschen Genozid an den Hereo.

Kentridge vergleicht Robespierre mit dem Sarastro aus Mozarts Zauberflöte, die er 2005 in Brüssel inszeniert hat, und hat noch so manch anderen Querverweis aus der Kunstgeschichte von Dürers Rhinozeros bis zu Picassos Faible für afrikanische Masken auf Lager. All das findet sich in Kentridges Kunst wieder. Der Künstler nennt das selbst „Lob des Synkretismus“. Auch eine Synthese von Zeichnung und verschiedenen Methoden, bewegte Bilder zu erzeugen (wie etwa mit dem Zoetrop oder der Filmkamera). Kentridge erklärt den Ablauf von Bewegung, Projektion und Illusion. Wir schauen ihm im Video bei der Arbeit zu, wie er sich selbst als Double Hinweise gibt. Das Prinzip des schauenden und handelnden Künstlers im Atelier, dem Raum für die „notwendige Dummheit“, die wiederum Raum für unvoreingenommene Ideen und Gedanken schafft.

 

Drawing Lessons I–V - Foto (c) William Kentridge

Drawing Lessons – Foto (c) William Kentridge

 

Die Bemühung, die Unordnung der Welt neu zu ordnen, stürzt uns immer wieder in neue Unordnung. Kentridge erklärt daher das Unfertige und die Unsicherheit zum Prinzip seiner Arbeit. Irgendwo gibt es immer eine Lücke in der Lösung von Rätseln, die wieder ein neues unlösbar scheinendes Rätsel offenbart. Diese Lücke nutzt Kentridge als Impuls für sein künstlerisches Schaffen. Als politisch denkender Künstler zeichnet Kentridge auch gegen den nationalen Gedächtnisverlust. Bilder aus seiner Kindheit (wie die Fotos von den Toten des Massakers an 69 schwarzen Demonstranten im Township Sharpeville) haben sich in sein Gedächtnis eingefressen.

Zeichnen bedeutet für Kentridge auch Erinnern. Eines seiner in Versalien auf Buchseiten geschrieben Mantra lautet daher auch: Undo, unsay, unsave, unremember, unhappen. Für das Erinnern versucht er wie jeder Mensch auch die Zeit anzuhalten oder rückwärts laufen zu lassen. Das schafft Kentridge mit Hilfe des vor- und rückwärts laufenden Films. Zeit ist Entfernung und Geografie. Können wir dem entfliehen, was wir sind, ist dann auch die Frage Kentridges, die er wiederum mit dem Schaffensprozess des Künstlers im Atelier in Zusammenhang bringt, der wie Rilkes Panther im Käfig auf- und abläuft. Ein Prozess, den Kentridge „Denken mit den Füßen“ nennt. *In der Lektion Vertikales Denken befasst sich Kentridge mit der Landschaft um Johannesburg, die sich durch den Bergbau stark verändert hat. Eine Stadt, die auf dem Reißbrett entstanden ist, einzig aus geologischen Gründen, weil es dort Gold gibt. Hier hat sich Geschichte vertikal in eine Landschaft eingeschrieben. Eine illusionslose Nichtlandschaft, die immer wieder in Kentridges Bildern und Animationsfilmen über die Unterdrückung und Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung auftaucht.

Die selbstironische Distanz, das kluge Aufgreifen und Nutzen von Widersprüche sowie der humorvolle und unterhaltsame Vortrag Kentridges machen diese Lektionen zu einer echten Anregung zum Weiterdenken, auch wenn es in Lesson 4 und Lesson 5 manchmal etwas zu didaktisch wird.

 

Refuse the Hour von William Kentridge und Philip Miller - Foto (c) Jac de Villiers

Refuse the Hour von William Kentridge und Philip Miller – Foto (c) Jac de Villiers

 

In Teil 6, der Kammeroper Refuse the Hour, die eine Weiterführung der multimedialen Installation The Refusal of Time ist, wird jedoch alles Wissenschaftliche zur reinen Poesie aus Wort, Bild, Bewegung und Musik. Es geht um Zeit, Raum und Schicksal. Und wieder verbindet William Kentridge eine antike Sage mit der Gegenwart. Die Geschichte von Perseus und dessen Großvater Akrisios, die ihm als Achtjährigem von seinem Vater vorgelesen wurde. König Akrisios flieht vor dem Orakelspruch, der ihm prophezeit, von seinem Enkel Perseus getötet zu werden. Dennoch kann er seinem Schicksal nicht entgehen und ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Theorien über europäische Zeitmessung, die Kolonialgeschichte Afrikas, schwarze Löcher, Ordnung, Unordnung, Begrifflichkeiten und deren Fehlinterpretationen verbinden sich auf wundersame Weise mit Soundinstallationen, Bühnen- und Kostümgestaltung, Videokunst, Musik und Performance.

Kentridge ist hier eine kongeniale Übertragung der zuvor behandelten Themen mit den Mitteln des Schauspiels, Tanzes und Animationsfilms sowie seinem eigenen Vortrag in ein multimediales Bühnenspektakel gelungen, zu dem Philip Miller eine recht moderne Musik mit europäischen und afrikanischen Referenzen komponierten hat, wie wir sie schon in Paper Music erleben konnten. Hier glänzen aber nicht nur die Sängerin Ann Masina und Performerin Joana Dudley, die sogar rückwärts singen kann, sondern vor allem auch die südafrikanische Choreografin und Tänzerin Dada Masilo, der Schauspieler Thato Motlhaolwa sowie die Orchestermusiker unter Leitung von Adam Howard. Ein ganz großes Bühnenerlebnis mit anschließenden Standing Ovations des begeisterten Publikums.

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DRAWING LESSONS I-V (Haus der Berliner Festspiele, 08./09.07.2016)
Konzept: William Kentridge
Musik und musikalische Einrichtung: Philip Miller
Video, Schnitt: Catherine Meyburgh
Performer: William Kentridge
Videomanipulation: Janus Fouché
Licht: Marine Deballon

REFUSE THE HOUR (Haus der Berliner Festspiele, 09.07.2016)
Kammeroper von William Ketridge
Konzept und Libretto: William Kentridge
Musik: Philip Miller
Choreografie: Dada Masilo
Videokonzept: William Kentridge und Catherine Meyburgh
Bühnenkonzept: Sabine Theunissen
Kostüme: Greta Goiris
Mit: William Kentridge, Dada Masilo (Tanz), Ann Masina und Joanna Dudley (Gesang), Thato Motlhaolwa (Schauspiel) sowie den Musikern Adam Howard (Dirigent, Ko-Einrichtung, Trompete und Flügelhorn), Tlale Makhene (Perkussion), Waldo Alexander (Violine), Dan Selsick (Posaune), Vincenzo Pasquariello (Klavier) als auch Edward Rudolf Neuhauser (Tuba)

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de

Zuerst erschienen am 11.07.2016 auf Kultura-Extra.

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Interdisziplinäres von William Kentridge und Alain Platel zum Auftakt der FOREIGN AFFAIRS 2016 im Martin-Gropius-Bau und dem Haus der Berliner Festspiele

Juli 9th, 2016

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En avant, marche! – Frank Van Laecke, Alain Platel und Steven Prengels schicken eine Blaskapelle zum Start der FOREIGN AFFAIRS auf die Bühne im Haus der Berliner Festspiele

fa16_promo_motivMittenhinein in den Volksbühnenstreit zeigen uns die Berliner Festspiele zum Auftakt des internationalen Performing-Arts-Festival FOREIGN AFFAIRS, wie es zukünftig im Theater am Rosa-Luxemburg-Platz aussehen könnte. Hoffentlich etwas frischer als die spartenübergreifende, durch Europa tourende, belgische Produktion En avant, marche! von Regisseur Frank Van Laecke, Spitzenchoreograf Alain Platel und Komponist Steven Prengels. Warum muss eigentlich momentan gefühlt jeder zweite Musiktheaterabend aussehen wie ein relativ uninspirierter Marthaler? Und das gerade dann, wenn der Schweizer Meister der ironisch-melancholischen Langsamkeit selbst im Begriff ist, sich immer mehr zu kopieren.

Aber wie das Licht der alten Volksbühne, das für eine Supernova noch einmal aufscheint, um dann für immer zu verlöschen, so zeigen sich die FOREIGN AFFAIRS in ihrer fünften und letzten Ausgabe noch einmal strahlend bunt und vielfältig. Und das mit Uraufführungen von Forced Entertainment und dem Nature Theater of Oklahoma, die Freiwillige aus dem Publikum zu einem Sience-Fiction-Dreh geladen haben. Es wird Gastspiele u.a. von Jan Lauwers & Needcompany, einige Pop-Konzerte sowie einen Fokus mit Arbeiten des südafrikanischen Multimedia-Künstlers William Kentridge geben. Das bisherige Format des Festivaldirektors Matthias von Hartz weicht im nächsten Jahr den immersiven Kunstträumen des Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender. Man könnte das auch die weise Voraussicht einer Konkurrenzvermeidung zu Chris Dercons Plänen an der Volksbühne nennen. Aber auch da soll das Theater ja in virtuelle Welten eintauchen.

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In En avant, marche! (zu deutsch: Vorwärts, marsch!) kämpft ein an Kehlkopfkrebs erkrankter und darum an die Becken verbannter Posaunist (Wim Opbrouck) gegen das Sterben und Verstummen. „Der Tod ist vorbeigekommen und hat eine Blume in meinen Mund gesteckt.“ Soweit eine Adaption des Einakters Der Mann mit der Blume im Mund von Luigi Pirandello aus dem Jahr 1923. Etwas uninspiriert übt sich zu Beginn der verhinderte Blasmusiker an dem vom Band eingespeisten Vorspiel zu Wagners Lohengrin in der Benutzung der Becken. Ein nicht besonders lohnendes Unterfangen. Erst der Aufmarsch einer ganzen Blaskapelle löst den Mann aus seiner Lethargie und verleiht ihm neuen Mut, über den Sinn des Lebens zu sinnieren, was er auch in mehrsprachigen Bröckchen unablässig tut. Was tragikomisch und skurril wirken soll, erschöpft sich aber zunächst in flauen, musikalischen Unterleibswitzchen und der beständigen Forderung immer weiter zu spielen.

 

En avant, marché! bei den FOREIGN AFFAIRS 2016 - (c) Phile Deprez

En avant, marché! – Foto (c) Phile Deprez

 

Die Zentralkapelle Berlin bläst ein paar feierliche Sterbemärsche dazu – Gustav Mahlers Urlicht aus der 2. Sinfonie eignet sich besonders schön dafür – und goldene Funkenmariechen (Griet Debacker und Chris Thys) schwingen den Tambourstab. Getanzt wird allerdings eher sparsam. Körperliche Wucht, wie noch in Platels zum Theatertreffen 2014 eingeladener Produktion tauberbach, zeigt nur der relativ präsente Schauspieler Openbrouck mit klarer Tendenz zur Rampensau. Ansonsten zieht sich der erste Teil der Veranstaltung zäh wie der sprichwörtliche Kaugummi, bis die Berliner Bläser einen flotten Balkan Brass spielen und sich auch choreografisch einiges zu bewegen beginnt.

Das Team um Platel zelebriert die künstlerische Gemeinschaft in Form einer traditionellen Blaskapelle in Uniform, nicht ohne die Klischees musikalisch ordentlich gegen den Strich zu bürsten und ironisch zu verfremden. Es gibt u.a. ein schräges Troubadour-Duett von Verdi und ein stark rhythmisches Schlagzeugstock-Ballett. Dem dahinscheidenden Künstler-Individuum wird mit dem auf einem Hornmundstück geblasenen Lied Der Leiermann aus Franz Schuberts Winterreise gehuldigt. Dazu tanzt das Schwergewicht Openbrouck einen Pas de deux als sterbender Schwan und wird sogar in die Luft gehoben. Geradezu filmreif ist die Jupiter-Schlussmelodie aus Gustav Holsts Planetensuite, die nochmal einiges an Emotionen beim Publikum wecken kann, bevor sie plötzlich erstirbt.

Zu hoffen bleibt, dass sich das bunte Programm der FOREIGN AFFAIRS in den nächsten zwei Wochen noch als steigerungsfähig erweist.

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En avant, marche! (Vorwärts, marsch!) – (05.05.2016, Haus der Berliner Festspiele)
NTGent & les ballets C de la B
Konzeption und Inszenierung: Frank Van Laecke, Alain Platel
Musikauswahl und Bearbeitung: Steven Prengels, Dirigent: Steven Prengels
Mit: Griet Debacker, Chris Thys, Hendrik Lebon, Wim Opbrouck
Musiker:
Trompete: Jan D’Haene, Jonas Van Hoeydonck
Waldhorn: Lies Vandeburie
Euphonium: Niels Van Heertum
Horn: Simon Hueting
Schlagzeug: Witse Lemmens, Gregory Van Seghbroeck
Zentralkapelle Berlin
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de/

Zuerst erschienen am 07.07.2014 auf Kultura-Extra.

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William Kentridge lässt im Lichthof des Martin Gropius Bau seine animierten Kohlezeichnungen zu Philip Millers Paper Music tanzen

mgb16_plakat_kentridge_liteboxDass es bei den FOREIGN AFFAIRS auch wesentlich innovativer zugehen kann als beim Blasmusikabend En avant, marche! beweist Fokusgast William Kentridge, der schon seit Jahrzehnten über alle Genregrenzen hinweg seine Kunst betreibt. Die Berliner Festspiele widmen ihm gerade im Martin-Gropius-Bau die retrospektive Ausstellung No it is! – ebenfalls mit Ausrufezeichen. Zu Beginn des Kentridge-Fokus der FOREIGN AFFAIRS fand im Lichthof des Museumsgebäudes die deutsche Erstaufführung des Ciné-Concerts Paper Music mit Kompositionen von Philip Miller zu filmisch animierten Kohlezeichnungen William Kentridges statt. Ein guter Querschnitt durch das Schaffen des 1955 in Johannesburg geborenen und in der Anti-Apartheidsbewegung engagierten Zeichners, Bühnenbildners, Theaterregisseurs und Animationsfilmers aus Südafrika.

Vincenzo Pasquariello am Piano untermalt – begleitet von der schwarzen Sängerin Ann Masina, die mit großartiger Sopranstimme Texte in Xhosa und Englisch vorträgt, sowie der australischen Performerin und Sängerin Joanna Dudley – eine Reihe von kurzen Animationsfilmen Kentridges mit einer teils melodiösen bis minimalistisch anmutenden Liedfolge. Wir sehen u.a. Journey to the Moon mit Kentridges Lieblingsutensil, einer Espressokanne, sowie Ameisen als flirrende Sterne, den südafrikanischen Geschichtsabriss Tide Table, Ausschnitte aus Refusal of Time und Rilkes Panther, der hinter den von Kentridge gezeichneten Gittern auf und abläuft. Es sind abfotografierte Kohle- und Tuschezeichnungen, die Kentridge immer wieder verändert, auswischt und überlagert.

 

Paper Music - Foto © Chris Hewitt - v.l.n.r.: Ann Masina, Joanna Dudley und William Kentridge Philip Miller & William Kentridge „Paper Music“ Ein Ciné-Concert von William Kentridge und Philip Miller Deutsche Erstaufführung ANN MASINA Gesang JOANNA DUDLEY Gesang VINCENZO PASQUARIELLO Klavier PHILIP MILLER Schallplattenspieler Video WILLIAM KENTRIDGE Musik PHILIP MILLER Kostümbild GRETA GOIRIS Kostümassistenz EUGÉNIE POSTE Technische Leitung MICHELE GRECO Mit freundlicher Unterstützung von Firenze Suona Contemporanea und Lia Rumma Gallery (Neapel und Mailand). „Paper Music“ wird vertreten von Quaternaire (www.quaternaire.org). In englischer Sprache Dauer 1h

Paper Music – v.l.n.r.: Ann Masina, Joanna Dudley und William Kentridge – Foto © Chris Hewitt

Die schwarz-weißen Animationen zeigen den typischen Zeichenkanon aus Kentridges Bilderkosmos wie apokalyptische Landschaften aus der durch den Bergbau gezeichneten Umgebung seiner Heimatstadt Johannesburg, immer wieder den Künstler selbst, sein Alter-Ego Felix, die nackte Muse, Trichter-Megafone, Globen, übermalte Nachschlagewerke, Coffee-Cups and Pots sowie tickende Metronome als Symbole der verstreichenden Zeit. Kentridge komponiert symbolische Bilderrätsel, “Composite Rebus” genannt, die Philip Müller spannungsgeladen vertont hat.

Die beiden Sängerinnen machen dazu Livegeräusche mit Papier, einem alten Plattenspieler, Schlagwerken oder gar stakkatohaften Lautmalereien, die in einem schrillen Lullaby for Housalarm kulminieren. Auch der Meister selbst gibt sich die Ehre und trägt ein kurzes philosophisches Poem zum Thema How did we know, that we are in time vor.

Mit der Performerin Joanna Dudley kann man noch bis zum 15. Juli an Nachtführungen durch die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau teilnehmen und bei den FOREIGN AFFAIRS weitere Music-Performances und Drawing Lessons von und mit William Kentridge besuchen.

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William Kentridge - Journey to the Moon 2003 - Foto © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

William Kentridge – Journey to the Moon, 2003
Foto © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

 

„Uncertainty“ (Unsicherheit) ist auch das Prinzip von Kentridges Kunst, in der alles im Fluss und ständiger Metamorphose ist. Im 1.OG des Martin-Gropius-Baus kann man in das in sechs Räumen aufgefächerte, interdisziplinäre Gesamtwerk des Künstlers wie in eine Wunderkammer eintauchen. Auch hier sind der Ausgangspunkt wieder die zahlreichen Animationsfilme Kentridges, die beginnend mit den Seven Fragments for Georges Méliès und Drawings for Projection (1989-2011) über das monumentale filmische Fries More Sweetly Play the Dance (2015) im Mittelteil bis zu der die Vergänglichkeit und Zeit reflektierenden Rauminstallation The Refusal of Time, die 2012 erstmals auf der documenta zu sehen war, am Ende der Ausstellung reicht.

Dazwischen können die Besucher in gestalteten Atelierräumen über Schaukästen, Ready-mades, Skulpturen, Zeichnungen zu Bühnenbildern und Making-of-Videofilmen tief in den Schaffensprozess des Künstlers Einblick nehmen. Zu sehen sind auch Inspirationsquellen wie Radierungen von Goya, Piranesi, Hopper und Dürers Rhinozeros, dem das Kupferstichkabinett am Berliner Kulturforum bereits eine Ausstellung widmete. Kentridges gezeichnete Rubics sind politische Comics und Schlagwortkataloge des Vertical Thinking und enthalten auch so wunderbare deutsche Begriffe wie „Torschlusspanik“.

Eines der Höhepunkte ist aber sicher der ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Philip Miller entstandene über sieben Leinwände laufende Videofries More Sweetly Play the Dance, in dem Kentridge mehrere Gruppen von Protagonisten beginnend mit einer Marching-Brass-Band durch eine schwarz-weiß gezeichnete Traumlandschaft laufen lässt. Die 45 Meter lange filmische Projektion ist Parade, politische Demonstration und Flüchtlingsstrom gleichermaßen. Ein prozessionsartiger Totentanz schattenartiger Figuren mit dem William Kentridge sein Heimatland Südafrika als Gesellschaft in Transformation reflektiert. Am späten Abend wird das Video dann auch an die Fassade des Hauses der Berliner Festspiele projiziert.

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Paper Music
Ein Ciné-Concert von William Kentridge und Philip Miller
Deutsche Erstaufführung am 05.07.2016 im Lichthof des Martin Gropius Baus
Video: William Kentridge
Musik: Philip Miller
Kostümbild: Greta Goiris
Technische Leitung: Michele Greco
Mit: Ann Masina, Joanna Dudley (Gesang) und Vincenzo Pasquariello (Klavier)
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/fa16_programm/fa16_programm_gesamt/fa16_veranstaltungsdetail_168213.php

No it is! – William Kentridge
12.05. – 21.08.2016
Martin-Gropius-Bau

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/berlinerfestspiele/ueber_uns_bfs/aktuell_bfs/start.php

Zuerst erschienen am 08.07.2014 auf Kultura-Extra.

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Fantasie und Wirklichkleit – Roland Schimmelpfennig und Jakob Nolte bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin

Juli 3rd, 2016

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An und Aus von Roland Schimmelpfennig – Ein Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim

ATT 2016An und aus heißt die von Roland Schimmelpfennig vor drei Jahren für das National Theatre Tokyo geschriebene poetisch-melancholische Seitensprungkomödie, die aber indirekt von der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima handelt. Die deutsche Erstaufführung fand im Januar in der Regie des Schauspielintendanten Burkhard C. Kosminski im Nationaltheater Mannheim statt und gastierte nun bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin.

Außer dem Datum (der 11.03.2011), das zu Beginn an eine vom Schnürboden herabhängende, weiße Papierbahn geschrieben wird, erinnert allerdings nichts auf der leeren Bühne oder im Stück selbst an das Unglück, das durch einen Tsunami ausgelöst wurde. Lediglich die Beschreibung eines Bildes des japanischen Holzschnittkünstlers Hokusai im Text, lässt die große Welle als Imagination entstehen. Das Bild hängt in einem kleinen Hafenhotel mit drei Zimmern und einem Rezeptionisten – der Junge mit der Brille (Sven Prietz) genannt – der die Schlüssel der Zimmer immer montags an drei Paare aushändigt, die sich hier zu einem wöchentlichen Routineseitensprung treffen.

Ohne dass sie voneinander wissen, gehen Frau Z. und Herr A. (Katharina Hauter, Stefan Reck) immer in Zimmer 1,  Frau A. und Herr Y. (Ragna Pitoll, Fabian Raabe) in Zimmer 2 und Frau Y und Herr Z. (Hannah Müller, Reinhard Mahlberg) in Zimmer 3. Die perfekte „Montagsaffäre“, wie sie auch der Junge mit der Brille gerne hätte, nur dass er mangels Zeit mit seiner Angebeteten, dem Mädchen auf dem Fahrrad (Anne-Marie Lux), das in einer Wetterstation auf dem Berg arbeitet, nur per SMS verkehrt. Beide erzählen sich das poetische Märchen vom fliegenden Wal und der versunkenen Biene, die nicht zueinander passen wollen. Fisch sucht Fahrrad, während in den drei Hotelzimmern zunächst alles wie immer läuft.

 

An und aus - Foto (c) Christian Kleiner.

An und ausFoto (c) Christian Kleiner

 

Scheinbar nur, denn nachdem das Licht an-, aus- und wieder angegangen ist, ist nichts mehr so wie es war. Frau Z. hat zwei Köpfe und Herr A. keinen Mund mehr. Frau A. fühlt sich schwer wie ein Stein und dem Läufer Herrn Y. brennt das Herz. Frau Y. ist eine Motte im schwarzen Regen und Herr Z. ein  toter Fisch. Genau wie in seinem Stück SPAM über den Coltan-Abbau in Afrika verhält sich Schimmelpfennig nicht direkt zur eigentlichen Katastrophe, sondern verschachtelt das Ganze mit virtuos-poetischer Wortakrobatik in bildhafte Metaphern von Fischen und anderen Tieren.

Regisseur Kosminski macht noch das Beste aus diesem manchmal in seinen Textwiederholungen schon recht redundanten Schimmel(Spar)pfennig. Fast papieren wirkt das Stück, wie das Bühnenbild selbst, auf das die SchauspielerInnen ihre Requisiten malen, in das sie mit dem Cuttermesser Öffnungen schneiden und mit dem sie Geräusche von Wellen und Wind machen können. Schließlich bricht alles über den Paaren zusammen, die sich nach dem Wühlen durch die Papierberge in ihr altes Leben zurückwünschen und doch vor den Trümmern ihrer Konsumgüter und Lebenslügen stehen. Bildhaft ist das stimmig, allerdings verfängt sich das Stück zunehmend in endlosen Textschleifen.

Auch Wal und Biene finden nicht zueinander. Dramatisches Cellospiel und schwarzer Flitterregen auf drehendem Bühnenrund künden vom Weltenende. „Die Welt ist verschwunden, aber die Sterne sind so klar wie nie vorher.“, heißt im Text. Oder „Hast du mal versucht, den Schatten eines Vogels zu fotografieren?“ Deformationen, Sprachlosigkeit, bleierne Schwere und unerfüllt brennende Herzen gehören sicher zu den menschlichen Katastrophen unserer in grenzenlosem Wachstum und Arbeitsroutine versinkenden Gesellschaft. Eine besondere Dringlichkeit merkt man hier aber nie.

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An und Aus (Deutsches Theater Berlin, 18.06.2016)
von Roland Schimmelpfennig
Deutschsprachige Erstaufführung am 09.01.2016 im Nationaltheater Mannheim
Regie: Burkhard C. Kosminski
Bühne: Florian Etti
Kostüme: Lydia Kirchleitner
Musik: Hans Platzgumer
choreographische Mitarbeit: Jean Sasportes
Licht: Nicole Berry
Dramaturgie: Ingoh Brux
Mit: Sven Prietz, Anne-Marie Lux, Katharina Hauter, Stefan Reck, Ragna Pitoll, Fabian Raabe, Hannah Müller, Reinhard Mahlberg
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.nationaltheater-mannheim.de

Zuerst erschienen auf Kultura-Extra am 18.06.2016.

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Gespräch wegen der Kürbisse – Jakob Nolte amüsiert mit seinem neuen Stück in der Uraufführungsinszenierung von Tom Kühnel in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin

Kleine Höhepunkte der AUTORENTHEATERTAGE sind mit Sicherheit die Uraufführungen der drei Gewinner der Stückausschreibung, die aus einer Auswahl von 175 eingesandten Stücken durch die diesjährige Alleinjurorin Barbara Behrendt gekürt wurden. Neben Inszenierungen aus Wien und Zürich ging für das Deutsche Theater Berlin Jungdramatiker Jakob Nolte ins Rennen. Er ist u.a. bekannt als Teil des Autorenduos Nolte/Decar, das bereits mit der Groteske Der neue Himmel bei den ATT15 vertreten war und einen veritablen Erfolg mit ihrem Stück Das Tierreich am Schauspiel Leipziger landete. Noltes einstündige Konversationskomödie Gespräch wegen der Kürbisse wurde von Regisseur Tom Kühnel auf der Hinterbühne der Kammerspiele mit den beiden großartigen DT-Schauspielrinnen Maren Eggert und Natali Seelig uraufgeführt.

 

Gespräch wegen der Kürbisse von Jakob Nolte Regie: Tom Kühnel Bühne: Jo Schramm Kostüme: Linda Tiebel Dramaturgie: Ulrich Beck Auf dem Bild: Maren Eggert, Natali Seelig Copyright Arno Declair arno@iworld.de Birkenstr.13b 10559 Berlin tel +49 (0) 30 695 287 62 mobil +49 (0)172 400 85 84 Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC: DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID Nr. DE118970763 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Foto (c) Arno Declair

 

Zwei beste Freundinnen mit den sprechenden Namen Anna Krachgarten (Eggert) und Elisabeth Mishima (Seelig) treffen sich in einem Café, und während sie auf ihre Bestellung warten, hauen sie sich, wie man so schön sagt, gegenseitig die Taschen voll. Ein Kaffeekränzchen der besonders grotesken Art. Eine Satire auf bürgerliche Befindlichkeiten, das zunehmend ins Surreale kippt, wie in einem Einakter von Georges Courteline, ohne sich jedoch in dessen absurde Höhen zu schrauben.

Autor Nolte lauscht seinen Damen, einer Wissenschaftlerin und einer Lektorin im Ausstand, ein sogenanntes Frauengespräch über Urlaub, Arbeit, natürlich die Männer und Väter sowie den israelischen Mossad ab. Das klingt nicht nur banal bis absurd, das ist es auch, und auch wieder nicht. Die Spannung liegt hier in der Möglichkeit und Unmöglichkeit gleichermaßen, in den Behauptungen, kleinen Sticheleien, Lügen und Übertreibungen. Man schlägt sich und verträgt sich verbal. Innere Verletzungen sind einkalkuliert. Mit der Wirklichkeit nimmt es hier keine so genau.

Und doch versucht Raketenforscherin Elisabeth die Kontrolle über das Gesagte zu erringen, während Urlauberin Anna ihrer Fantasie allzu freien Lauf lässt. Nolte füttert das Gespräch zunächst mit reichlich Banalitäten und Small Talk, bis es dann weiter mit einer Agentenstory um den angeblich vom Mossad ermordeten Vater Elisabeths und den Suizid von Annas Erzeuger in China geht. Nebenbei erfährt man von einem Bücher schreibenden Sebi und dass Elisabeth mit Frau und Kind unglücklich ist. Das Meer rauscht, und in der blühenden Fantasie von Anna klingen ausgehölte Kürbisse wie Glocken, während für Elisabeth ein Raketenauftrag der Regierung das Selbstverständlichste von der Welt ist.

Die beiden Freundinnen traktieren sich mit gegenseitigen Vorwürfen und Unterstellungen, schweifen oder lenken vom Thema ab und landen irgendwann bei Leichen aus dem Meer, die im Strandkorb angeschwemmt oder samt Atommüll mit Kanonen ins All geschossen werden. Jakob Nolte surft vom Privaten mit Depressionen und Einsamkeit über Verschwörungstheorien zum Aktuell-Politischen und wieder zurück. Dazu dreht sich das Damenkränzchen auf der Hinterbühne der Kammerspiele, und ein von der Volkssternwarte Laupheim e.V. (stimmt wirklich) ausgeliehener Zeiss-Sternenprojektor erzeugt ein wenig Diskokugel-Feeling zu dramatischer Musikuntermalung.

Regisseur Kühnel macht das Beste draus und lässt seinen beiden Protagonistinnen viel Spielraum, den die beiden sogar zu ein paar Gesangseinlagen mit Mikro nutzen. Irgendwann kommt auch noch der Kaffee hereingerollt, ansonsten geht es einem wie dem sprichwörtlichen Sack Reis in China. Who cares? Noltes Weltenmeerfantasie ist relativ flach, aber Dank der Damen doch halbwegs amüsant.

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Gespräch wegen der Kürbisse (30.06.2016, Kammerspiele des DT)
von Jakob Nolte
Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters am 25.06.2016
Regie: Tom Kühnel
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Linda Tiebel
Dramaturgie: Ulrich Beck
Mit: Maren Eggert, Natali Seelig
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
Termine: 05. und 14.07., dann wieder am 26.09.2016

Infos: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen auf Kultura-Extra am 02.07.2016.

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Henriette Dushe und Thomas Melle bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin

Juni 30th, 2016

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Bilder von uns von Thomas Melle bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin – Ein Gastspiel des Theaters Bonn

ATT 2016Zunächst einmal gibt es nur ein Bild. Dem erfolgreichen Verlagsmanager Jesko Drescher aufs Handy gesendet, verursacht es fast einen Unfall und lässt Jesko, der sich darauf als fast nackter 12jähriger wiederkennt, sein früheres Leben wie einen einzigen Unfall vorkommen. Es geht im Stück Bilder von uns, das auch für die Mülheimer Theatertage nominiert wurde, um einen Fall von Kindesmissbrauch, verübt von einem Pater und Lehrer eines katholischen Elitekollegs. Inspiriert wurde Autor Thomas Melle von ähnlichen Vorfällen im Bad Godesberger Aloisiuskolleg, an dem er selbst Schüler war.

Der Schauspieler Benjamin Grüter steht als Jesko mit seinem Smartphone zu Beginn im grellen Licht eines Diaprojektors. Um ihn herum auf alten Klassenzimmerstühlen sitzend erzählt das übrige Ensemble die Anfangssequenz. Alte Diaprojektoren sind hier neben den Stühlen einzige Requisiten (Bühne: Cora Saller). Sie sind im weißen Licht wie leere Erinnerungen, die mit flüchtigen Imaginationen gefüllt werden, oder richten sich wie Verhörlampen auf die Protagonisten.

Die Bilder aus einer Vergangenheit, die verdrängt schien, verfolgen Jesko und bringen Unordnung in sein Leben. Der Verunsicherte beginnt nun im Kreis alter Schulkameraden nach dem Versender der Fotos zu suchen, trifft aber zunächst nur auf Ignoranz und Ablehnung. Er reagiert aggressiv, da er die Kontrolle über sein Leben zu verlieren scheint. Schließlich vertraut sich Jesko Malte (Hajo Tuschy), dem Inhaber einer „Werbeklitsche“ und Johannes (Holger Kraft), einem zynischen Anwalt, an.

An wirklicher Aufklärung des Falls, der sich nun wie ein kleiner Krimi entfaltet, scheint aber weder Johannes noch Jesko interessiert. Für den Anwalt ist es ein Fall wie jeder andere mit einer flexiblen Wirklichkeit. Jesko scheut die Konsequenzen eines Gangs an die Öffentlichkeit, einen Wirbel, den keiner braucht. Er möchte nicht zum handlungsunfähigem Objekt und Opfer gemacht werden. Malte ist dagegen für einen offensiven Umgang, bei dem er Diskurs und Deutungshoheit bestimmen will.

Thomas Melle beschreibt hier sehr schön das Funktionieren eines geschlossenen Systems wie das des Kollegs, bestehend aus der Ausnutzung von Macht und Angst, das auch nach dessen Ende noch weiter funktioniert. Ausdruck dafür sind die verschiedenen Mechanismen der Verdrängung, die eine Aufarbeitung fast unmöglich machen. Das schwächste Mitglied, der psychisch gebrochene Konstantin (Benjamin Berger), nimmt sich schließlich das Leben. Nachdem auch Pater Stein gestorben ist, werden Bilder und Akten vernichtet, und Jesko schafft sich abwehrend seinen „neuen Lügenkomplex“. Dadurch verliert er auch seine Frau Bettina (Mareike Hein), nachdem er sich in eine unbefriedigende Affäre mit der Lehrerin Katja (Johanna Falckner) gestürzt hat.

Regisseurin Alice Buddeberg inszeniert das dialogreiche Stück recht sparsam aber durchaus spannend. Einige der reflexiven Prosapassagen werden von Lydia Stäubli wie eine Art schlechtes Gewissen von Jesko gesprochen. Sie ist als Freundin von Konstantin auch die Versenderin der Bilder und letztendlich auch Jeskos „Todesengel“. Es gibt keine Erlösung, wie Konstantin in seinem Abschiedsbrief schreibt. Auch Jeskos Leben geht schließlich in die Brüche. Die Fragmente seines Ichs, damals und heute, fügen sich zu keiner neuen Identität. Der anfängliche Unfall wird Realität.

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BILDER VON UNS (DT Berlin, 19.06.2016)
von Thomas Melle
Regie: Alice Buddeberg
Bühne: Cora Saller
Kostüme: Emilia Schmucker
Musik: Stefan Paul Goetsch
Licht: Lothar Krüger
Dramaturgie: Johanna Vater
Besetzung:
Jesko … Benjamin Grüter
Malte … Hajo Tuschy
Johannes … Holger Kraft
Konstantin … Benjamin Berger
Katja … Johanna Falckner
Bettina … Mareike Hein
Sandra … Lydia Stäubli
Uraufführung in der Werkstatt am Theater Bonn: 21.01.2016
Gastspiel des Theaters Bonn zu den AUTORENTHEATERTAGEN Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/

Zuerst erschienen am 20.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Lupus in Fabula von Henriette Dushe – Ein Gastspiel des Schauspielhaus Graz bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin

„Der Tod, der Tod, der Tod… ist eine blöde Sau.“ heißt es in Lupus in Fabula von Henriette Dushe. Die junge deutsche Dramatikerin wurde 2013 für ihr Stück mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. Regisseurin Claudia Bossard hat im Januar 2016 am Schauspiel Graz die österreichische Erstaufführung besorgt. Am letzten Wochenende gastierte ihre Inszenierung bei den gerade begonnenen AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin. Der sprichwörtliche Wolf, den man hier beim Namen nennt und somit herbeiruft, ist nichts anderes als der Tod, „die schreckliche Begegnung, die für das Subjekt ironisch erscheinende Vereinigung von Konkretem und Absolutem, und der Gipfel der Ironie ist, das dies noch nicht einmal erfahrbar ist, für das Subjekt.“ Jedenfalls keine Erfahrung, die man später nutzen könnte.

 

Lupus in Fabula - Foto (c) Lupi Spuma

Lupus in Fabula – Foto (c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

 

So weit, so philosophisch, so ironisch und gut. Ganz konkret befasst sich der Abend dann mit der Auseinandersetzung dreier Schwestern mit dem bevorstehenden Tod ihres erkrankten Vaters. Mit Krankheit, dem Sterben und dem Tod an sich beschäftigt sich unsere Gesellschaft kaum. Nis Momme Stockmann hat das 2011 in seinem am Deutschen Theater uraufgeführten Stück Die Ängstlichen und die Brutalen recht drastisch getan. Da war der Vater allerdings schon verschieden. Man spricht nicht gern über dieses Thema und verdrängt den Gedanken an den Tod. Und so verarbeitet jede der Schwestern das Dahinsiechen des einst ganz stattlichen Erzeugers auch auf ihre eigene Weise.

Die Älteste (Evamaria Salcher) hat sich ganz der Pflege des Vaters verschrieben, kommentiert seinen körperlichen und geistigen Verfall hin zu einem Riesenbaby, das man wieder wickeln muss, und widmet sich ansonsten der Ausformulierung einer möglichst perfekten Grabrede. Die Mittlere (Veronika Glatzner) versucht das Leben mit Naturträumereien festzuhalten, was letztendlich um ein sich ständig änderndes Bild des Werdens und Vergehens kreist, und hält dem sterbenden Vater ihr eigenes, gerade erst geborenes Kind entgegen. Die Jüngste (Vera Bommer) bastelt eher erfolglos an ihrer Karriere, schaut mit dem Fernglas in die Zukunft und wünscht sich die Anerkennung des Vaters.

Katharina Trajceski hat drei verschiedene Schränke auf die Bühne gestellt, aus oder hinter denen die Schwestern hervorkriechen. Sie telefonieren mit alten Tastenapparaten, monologisieren oder streiten miteinander und bauen dabei die Schränke um und auseinander. Darinnen befinden sich Küchenutensilien, Medikamente und Wärmflaschen, die nach und nach von der Ältesten auf die Spielfläche geworfen werden, oder Musikkassetten, die die Mittlere immer wieder in einen Rekorder steckt, um die Erinnerung an die Kindheit und Jugend zu wecken.

Drei verschiedene Charaktere – pragmatisch, verträumt, unsicher – finden sich am Bett des Vaters zusammen. Sie sprechen über vergangene Kindheitserlebnisse und auch mal über eigene Probleme. Wissensspiele mit dem Vater, Nordseeurlaub, Arbeit, Baby, Stuhlgang-Philosophien – die Schilderungen der drei Frauen verweben sich zu einem langen gemeinsamen Betttuch aus persönlichen Erinnerungen, das sie später dann bildlich über die ganze Szene ziehen. Sie suchen nach Erklärungen für das eigene Leben und das unvermeidliche Ende, die ihnen der Vater in seiner Verwirrtheit nicht mehr geben kann.

Ein schweres Thema, das Henriette Dushe in eine eindrückliche, bildhafte Sprache fasst, und das von Claudia Bossard mit leichter Hand und tollen Schauspielerinnen inszeniert wird. Ein recht mutiger Versuch mit dem Wolf zu tanzen und zu heulen – gegen die eigenen Zweifel und Ängste.

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LUPUS IN FABULA (DT-Box, 12.06.2016)
Regie: Claudia Bossard
Bühne: Katharina Trajceski
Kostüme: Susanne Leitner
Dramaturgie: Jennifer Weiss
Mit: Evamaria Salcher (die Älteste), Veronika Glatzner (die Mittlere) und Vera Bommer (die Jüngste)
Uraufführung beim Heidelberger Stückemarkt 2014
Österreichische EA am Schauspielhaus Graz: 21.01.2016
Gastspiel des Schauspielhauses Graz zu den AUTORENTHEATERTAGEN Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus-graz.com/

Zuerst erschienen am 14.06.2016 auf Kultura-Extra.

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In einem dichten Birkenwald, Nebel – Das zweite Stück von Henriette Dushe in einem Gastspiel des Landestheaters Detmold bei den ATT 16

Die junge Dramatikerin Henriette Dushe aus Halle kann man getrost zu den Entdeckungen der diesjährigen AUTORENTHEATERTAGE in Berlin zählen. Sie ist mit zwei Stücken zum Festival im Deutschen Theater eingeladen. Ihr Stück In einem dichten Birkenwald, Nebel, das Regisseur Malte Kreuzfeldt am Detmolder Landestheater uraufgeführt hat, wirkt wie eine thematische Fortsetzung ihres Heidelberger Preisträgerstücks Lupus in Fabula, das in einer Inszenierung von Claudia Bossard vom Grazer Schauspielhaus zu sehen war.

In der nur etwa eine Stunde währenden Detmolder Inszenierung haben sich die drei Schwestern aus Graz in eine Junge (Karoline Stegemann), Ältere (Heidrun Schweda) und Weder noch (Marie Luisa Kerkhoff) verwandelt. Drei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, denen die Autorin noch einen Dreierchor depressiver Männer (Stephan Clemens, Roman Weltzien, Henry Klinder) hinzugesellt hat. Sie alle sind in einem diffusen Birkenwald gestrandet, der sich unscharf auf einem durchsichtigen Gazevorhang abzeichnet, und wissen nicht mehr weiter. Dushe nennt das Ganze dann auch „Eine Bühnenelegie für drei Schauspielerinnen und einen Männerchor von drei Stimmen“.

 

In einem dichten Birkenwald, Nebel am Landestheater Detmold - Foto (c) Landestheater/Schomburg

In einem dichten Birkenwald, Nebel
Foto (c) Landestheater/Schomburg

 

Besagter Chor äußert sich dann auch zunächst recht larmoyant über zunehmende Müdigkeit und ein sich auflösendes Leben. Die Männer sind vom Regisseur in weiße Brautkleider gesteckt worden, während zunächst das sogenannte schwache Geschlecht die Hosen an hat und infolge Beziehungskonflikte mit einem imaginären männlichen Partner ausficht. Während die Männer Stresssyndrome beschreiben und hinter dem Vorhang symbolisch Stühle mit der Axt zertrümmern, geht vorn eine Beziehung an banal erscheinenden Alltagsproblemen und gegenseitigen Vorwürfen in die Brüche. Wie klassische TragödInnen werden alle von inneren Teufeln und Dämonen verfolgt oder Vergleiche wie Hölle und Fegefeuer als persönliche Zustandsbeschreibungen bemüht.

Wie eine sehnsüchtige Ode an die Schönheit der Natur wird immer wieder „Wie schön bist du, freundliche Stille, himmlische Ruh’!“ gesungen. Gegen den Klagechor der ProtagonistInnen über ein sich nicht einstellen wollendes Glück setzt Henriette Dushe Adolf Krummachers Gedicht Die Nacht in der Vertonung von Franz Schubert und den dichten Birkenwald als Metapher für die Vollkommenheit der Schöpfung. Der Mensch scheitert an den Gegebenheiten des alltäglichen Lebens. Im Unvermögen darüber zu sprechen und konstruktiv miteinander zu streiten, zeigt sich die Müdigkeit einer Generation, die an ihren hehren Zielen und Idealen gescheitert ist. Unzufriedenheit, Burnout-Syndrom und Depressionen sind Ausdruck und Folge der Schnelllebigkeit unserer heutigen Gesellschaft.

Träume zerplatzen wie die an der Decke hängenden Glühbirnen, Kompromisse verhindern die Souveränität und Emanzipation des Individuums. Geschlechterspezifische und typische Ost-West-Konflikte bringt Dushe noch zusätzlich ins Spiel. Wie die Kostüme wechseln im Lauf des Abends die Identitäten, je tiefer man sich ins aussichtslos zerstörte Beziehungsgeflecht verstrickt. Frauen und Männer nehmen schließlich bildlich gesehen ihre vorbestimmten Rollen wieder ein. Der Konflikt verebbt in völliger Lähmung. Eine der Frauen hängt hinter der Bühnentür am Strick. Letzte Ausfahrt Tod. So düster-melancholisch der Text auch klingen mag, eine Umkehr scheint möglich und geboten.

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IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL (DT-Box, 22.06.2016)
Regie und Ausstattung: Malte Kreutzfeldt
Dramaturgie: Christian Katzschmann
Besetzung:
Marie Luisa Kerkhoff (Weder noch)
Heidrun Schweda (Ältere)
Karoline Stegemann (Junge)
Stephan Clemens (Mann 1)
Roman Weltzien (Mann 2)
Henry Klinder (Mann 3)
Uraufführung am Landestheater Detmold: 15. Januar 2016
Gastspiel des Landestheaters Detmold zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.landestheater-detmold.de

 

Zuerst erschienen am 25.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Falk Richter und Sascha Marianna Salzmann erzählen im Maxim Groki Theater von queerer Identität

Juni 25th, 2016

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Città del Vaticano – Der neue Theaterabend von Falk Richter und Nir de Volff als Gastspiel der Wiener Festwochen

Vor dem Maxim Gorki Theater hat das Zentrum für politische Schönheit einen großen Tigerkäfig aufgebaut. Mit ihrer Aktion Flüchtlinge fressen – Not und Spiele protestiert die Künstlergruppe um Philipp Ruch gegen den Paragrafen 63, Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Nach fruchtlosem Ablauf eines Ultimatums an das Auswertige Amt sollen aus Syrien nach Deutschland eingeflogene Flüchtlinge drei lybischen Tigern aus dem Zirkus zum Fraß vorgeworfen werden. Man kann für ihren Flug spenden und sie in den Käfig rein wählen. Eine zynische Abwandlung antiker römischer Volksbelustigung sowie die Umkehrung einer ehemaligen Aktion von Christoph Schlingensief, der im Jahr 2000 bei den Wiener Festwochen Asylbewerber aus einem Container neben der Wiener Staatoper zur Abschiebung rauswählen ließ.

 

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

 

Während draußen also drei eingesperrte, müde Tiger gähnen und auf Futter warten, gastiert im Saal der Dramatiker und Regisseur Falk Richter mit seiner neuen Text- und Tanz-Performance Città del Vaticano, die der Autor gemeinsam mit dem Choreografen Nir de Volff sowie bei der Biennale in Venedig gecasteten Performern und dem Ensemble des Schauspielhauses Wien entwickelt hat. Es ist ein Gastspiel der Wiener Festwochen 2016, und so schließt sich ein historischer Kreis. Schlingensiefs Aktion entstand nach der Bildung eines Regierungsbündnisses der ÖVP mit der rechtspopulistischen FPÖ. Richters Premiere in Wien fand einen Abend vor dem denkwürdigen zweiten Wahlgang der durch die Flüchtlingskrise angeheizten österreichischen Präsidentschaftswahlen statt. Der ehemalige Grünenvorsitzende Alexander Van der Bellen konnte sich knapp gegen den FPÖ-Mann Norbert Hofer durchsetzen. Ein Sieg in letzter Minute für die Vertreter einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Genau wie bei Schlingensief wird die Flüchtlings-Aktion des Zentrums für politische Schönheit von Gesprächen mit Künstlern und Politikern flankiert. An diesem Abend ist die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt, ehemalige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu Gast. Sie ist wie Falk Richter selbst schon zur Zielscheibe rechtpopulistischer und unverholen faschistischer Anfeindungen geworden. „Linksgrün-versifft“ ist eines der Lieblingsattribute in den einschlägigen Hasskommentaren. Und wie schon in seinem Pegida-Abend Fear an der Berliner Schaubühne bedient sich Richter auch in Città del Vaticano wieder reichlich aus dem Vokabular der Rechten.

 

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del Vaticano – Foto © Matthias Heschl

 

Zunächst aber bekommt der im Stück-Titel erwähnte katholische Kirchenstaat sein Fett weg. Das Zentrum der christlichen Werte ist ein durch Finanzkrisen der Vatikanbank, Korruption und Kindesmissbrauch geschütteltes „Bad Empire“. Hier regieren alte Männer mit Vorliebe für Schmuck und Frauenkleider, wurde nie ein Kind geboren, und die Vatikan-Wächter der Schweizer Garde werden ironisch mit Toy Boys verglichen. Das Abkanzeln der christlichen Moralapostel erfolgt bei einem Frontalmeeting, bei der die sieben Performer auf Stühlen an der Rampe, munter zwischen Deutsch und Englisch wechselnd, ihre Ansichten zum Vatikan-Staat vortragen. Das sitzt zunächst, gibt aber nicht die weitere Richtung des Abends vor. Es geht mehr um den Einfluss und die Gültigkeit der moralischen Werte, die durch den Papst und die katholische Kirche vorgegeben werden. „Who cares?“ Die Ansichten des Vatikans haben nichts mit unserem Leben zu tun, ist die überwiegende Meinung der fünf offen schwulen Performer und beiden jungen Frauen im Team.

Damit könnte der Abend auch schon zu Ende sein. Falk Richter legt seinen Performern aber nicht nur seinen Text in den Mund, es sind auch die persönlichen Erfahrungen jedes Einzelnen, die in diesem als „Work in Progress“ bezeichneten Projekt zum Ausdruck kommen. Hier überzeugen vor allem die Schilderungen des Wiener Schauspielers Steffen Link, der von seiner Kindheit in einer freikirchlichen Gemeinschaft erzählt. Ein Anhalten zu einem ewigen Arbeiten an sich selbst, das durch Schuldgefühle, verklemmte Sexualität und Scham vor dem eigenen Körper geprägt war. Man wird das nicht los, gesteht Link. Dazu flimmern passende Videobilder von Predigten vor Kindern über die Rückwand der sonst bis auf die Stühle leergeräumten Bühne. Ein Videobild ist aber besonders eindrücklich. Francis Bacons Studie nach Velázquez’ Portrait Papst Innozenz` X. Der Mund des Papstes ist zum stummen Schrei geöffnet. Ein Symbol für das lange Schweigen der Kirche.

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del VaticanoFoto © Matthias Heschl

 

Es geht aber auch weg vom Katholizismus-Bashing hin zu einer gesamteuropäischen Bestandsaufnahme. Wieder auf Stühlen werden Bekenntnisse eines allegorischen Europas aufgesagt, das von linker Utopie, Krieg, Auschwitz, Eroberungen und Kolonisation bis zur Hochkultur des Theaters alles in sich birgt. Vassilissa Reznikoff steigert sich in die Verzweiflung eines europäischen Bürgers, der die Unübersichtlichkeit der globalen Welt nicht mehr versteht und über den Kontrollverlust über das eigene Leben klagt. „Ich will mich nur noch mit Dingen beschäftigen, die ich wirklich verstehe. Und ich will keine Verantwortung übernehmen müssen für Dinge, die ich nicht verstehe.” Eine klare Absage an die Verantwortung Europas für das Leid der anderen, was nicht zuletzt auch das „Zentrum für politische Schönheit“ in seinen Aktionen anprangert.

Neben den Hieben auf dumpf-dumme Pegida-Anhänger, die hier bevorzugt wieder im ländlichen Osten verortet werden, die „Karrierefrauen“ der AfD und das rechtskonservative Bündnis „Demo für Alle“ wird natürlich auch noch ein wenig getanzt, was sich in schön umschlungen Gruppen- und Einzelszenen zeigt. Eine eindrucksvolle Bewegungsperformance zum Thema Sexualität und Entdeckung des eigenen Körpers. Dazu werden von Tatjana Pessoa immer wieder passende Fragen an alle zu Liebe, Partnerschaft, oder Familie gestellt. Höhepunkt ist sicher der Traum von einer Boy-Group, die für den Vatikan den Eurovision Songcontest gewinnt, was auch göttlich performt wird.

Ein Abend für frei gewählte und gelebte Sexualität, die das internationale und durchweg großartig agierende Ensemble nicht nur zu Lebensbeichten, sondern auch zu einigen glühenden Bekenntnissen treibt, unter anderem zu einer Botschaft an ein ungeborenes Kind, das sich Gabriel da Costa zusammen mit seiner ehemaligen Partnerin und seinem jetzigen Partner wünscht. Ein Wunsch auch nach einem selbstbestimmten Leben in einem Europa ohne Grenzen. Das lässt den doch etwas plakativ einfachen Erzählabend, der sich aber gut in die offene Ästhetik der letzten Arbeiten von Falk Richter oder Yael Ronen am Gorki Theaters einfügt, ganz versöhnlich ausklingen.

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Città del Vaticano (Maxim Gorki Theater, 17.06.2016)
von Falk Richter und Nir de Volff
Regie: Falk Richter
Choreografie: Nir de Volff
Ausstattung: Falk Richter, Nir de Volff
Dramaturgie: Tobias Schuster
Mit: Telmo Branco, Gabriel da Costa, Johannes Frick, Steffen Link, Tatjana Pessoa, Vassilissa Reznikoff, Christian Wagner
Uraufführung bei den Wiener Festwochen im Schauspielhaus Wien am 20.05.2016
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.schauspielhaus.at/
http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 19.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Queere Berliner auf Identitätssuche – METEORITEN von Marianna Salzmann, inszeniert von Hakan Savaş Mican

Meteroiten am MGT_Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Kompliziert hatte es Marianna Salzmann schon in ihrem letzten Stück Wir Zöpfe schwierige Identitätsprobleme in einer russisch-jüdischen Familie in Berlin, die sich an Weihnachten noch weiter internationalisierten. Ganz ähnlich geht es in ihrem neuen Stück Meteoriten, das diesmal im Berliner Sommer angesiedelt ist, was die Story nicht unbedingt entspannt. Wir treffen zunächst auf zwei Paare: Udi (Thomas Wodianka) aus Israel, der den Syrer Roy (Mehmet Ateşçi) liebt, der wiederum betont nicht wegen des Krieges, sondern wegen der Liebe in Berlin zu sein. Sie sind befreundet mit der schwarzen Türkin Üzüm (Thelma Buabeng), die eine lesbische Beziehung zur transsexuellen Cato (Mareike Beykirch) hat. Das ist für eine deutsche Otto-Normal-Hete für den Anfang schon recht viel.

Marianna Salzmann, die sich als Ausdruck ihrer männlichen Seite den Vornamen ihres Großvaters Sasha dazugewählt hat, schickt vier queere Berliner mit verschiedensten Migrationshintergründen los, als Pioniere die Welt zu retten, indem sie beschließen als zukünftige Großfamilie Kinder in selbige zu setzen. Soweit der Plan und die Abmachung. Vor der schon nicht ganz einfachen Weltenrettung setzt aber nun die Autorin zwecks Drama erst noch eine viel kompliziertere Ich-Werdung, die sich bei den einzelnen Figuren ganz unterschiedlich vollzieht. Titelgebende Meteoriten sind sie alle irgendwie, und sei es nur als schöner, verglühender Stern kurz vor dem Aufschlag in der Realität. Einige katastrophale Verheerungen in der Gefühlswelt der anderen richtet zumindest der Einschlag von Serösha (Dimitrij Schaad) in die Phalanx der zwei scheinbar glücklichen Paare an.

Zumindest möchte Serösha so cool sein wie jemand, der beim Einschlag des Meteors von Tscheljabinsk nur kurz die Scheibenwischer anstellt und weiterfährt. Wegen des Wehrdienstes aus Russland nach Berlin geflohen, hat er Angst zur Beerdigung seines Vaters, eines hohen russischen Militärs, zu fahren und bittet Cato ihn zu begleiten, allerdings nicht als Freund, sondern als seine Frau, so wie Serösha Cato auch gerne sähe. Das stürzt den gerade voll mit seiner „Transition“ Beschäftigten in eine zusätzliche Identitätskrise. Und auch Serösha hat arge Probleme. Er kann sich nämlich seine latente Homosexualität nicht eingestehen, was sich ziemlich aggressiv auch in Schüben von Homophobie äußert. In eine Schwulenbar läuft er Roy und Udi über den Weg, die sich ihren Traum vom eigenen Heim mit dem Abziehen von Touristen erfüllen wollen. In einer schönen Schattenchoreografie zu Musik und Videoeinspielung wird Serösha von beiden im Darkroom verführt.

Wenn es verworren und kompliziert sein soll, hat es sich in letzter Zeit als sehr effizient gezeigt, ein vertikales Schachtelbühnenbild zu bauen. Im Gorki Theater schraubt Magda Willi ein Gerüst aus Metallleitern mit betonfarbenen Ebenen zwischen zwei Wände, auf dem es sich herrlich herumklettern lässt. Das Ensemble ist hier die ganze Zeit auf der Bühne, macht live Musik und filmt sich beim Spielen. Auf die Rückwände der Wohnzellen projiziert Videofilmer Guillaume Cailleau zusätzlich die reale Welt mit Syrien-Krieg, Maidan und Krim-Annexion, die die Fünf gerne ausblenden, aber immer wieder von ihr eingeholt werden. Als aktueller deutscher Hintergrund dient die Fußballweltmeisterschaft 2014. Was zumindest für Üzüm von Bedeutung ist, die sich voll integriert mit Deutschland-Makeup von ihrer kriselnden Beziehung zu Cato ablenken will.

Die anderen stoßen die nationalen Gesänge eher ab, oder sie klopfen wie Roy und Udi ironische Sprüche zum Holocaust-Denkmal und ihrer für deutsche Verhältnisse unklaren Identität. Roy macht Dienst beim schwulen Überfalltelefon und berichtet von homophober Gewalt, vor deren Auswüchsen in Russland auch Serösha Angst hat. Viel mehr Politisches ist nicht im Stück, es dreht sich mehr oder weniger um die Beziehungsprobleme der Figuren, die sich immer mehr auseinanderleben, je mehr Autonomie sie vom anderen für sich einfordern. Das betrifft vor allem Roy, dem seine Freiheit lieber ist als der Plan vom Eigenheim mit Kind und Udi. Was den armen Kerl in eine herrlich schräge Liebeskummerszene stürzt. Während er sich anhänglich bei Serösha ausheult, liefern sich Üzüm und Cato ein paar Eifersuchtsszenen. Man wirft sich gegenseitig den Verrat an der gemeinsamen Idee vor.

Als zusätzliche gedankliche Metaebene zu den Geschlechter-Irrungen und Beziehungs-Wirrungen zieht Sasha Marianna Salzmann monologisch vorgetragene Episoden ein, die von den Metamorphosen des Ovid angeregt sind. Das geht von der entführten, nun rachsüchtigen Europa über den Seher Teiresias, der in beiden Geschlechtern lebte, bis zur Vereinigung der Nymphe Salmakis mit dem Hermaphroditos, von der am Ende Cato berichtet. Da ist er/sie wahrscheinlich schon tot, durch einen homophoben Übergriff ums Leben gekommen, und beschwört noch einmal die Vollkommenheit und die Liebe als schmerzhafte Suche nach dem einst verlorenen zweiten Geschlecht.

Regisseur Hakan Savaş Mican inszeniert das mit gewohnt leichter Hand. Man schaut den SchauspielerInnen gerne zu, auch wenn mit der Zeit der allgemein boulevardeske Stil am Gorki fast jedes Stück irgendwie gleich aussehen lässt. Man läuft hier Gefahr das bereits als Gorki-Boulevard Betitelte zur neuen Norm zu erklären. Berühren tut das hier schon, auch wenn nicht jeder Charakter gleichermaßen überzeugt. Man möchte den manchmal verbissen mit sich ringenden ProtagonistInnen gerne zurufen: Seid doch einfach alle, wie ihr seid – ganz normal!

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METEORITEN (Maxim Gorki Theater, 15.04.2016)
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Michelle Gurevich
Video: Guillaume Cailleau
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Jens Hillje
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Thelma Buabeng, Dimitrij Schaad und Thomas Wodianka
Uraufführung war am 15. April 2016

Weitere Termine: 24.06. / 20.09. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 17.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Episches und Meditatives aus Stuttgart und Basel bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin

Juni 19th, 2016

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I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) von Fritz Kater – Ein Gastspiel des Schauspiels Stuttgart

In seinem neuen Stück I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) erzählt Fritz Kater, das Dramatiker-Alter-Ego des Regisseurs und Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart Armin Petras, deutsche Geschichte mal nicht wie in zeit zu lieben zeit zu sterben oder heaven (zu Tristan) aus der reinen Ost-Perspektive. Der Autor spannt einen Bogen in 13 Szenen von 1941 im Kriegs-Berlin über die bundesdeutsche Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre bis zum Sommer 1989 in West-Berlin kurz vor dem Mauerfall. Vielleicht ist das Stück auch so etwas wie ein westdeutsches Pendant zu Christa Wolfs Roman Der Geteilte Himmel, den Armin Petras 2015 an der Berliner Schaubühne mit viel ostdeutschem Zeitkolorit inszeniert hat.

 

I´m earching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) - Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Im wahrsten Sinne des Wortes erzählt wird hier die Liebesgeschichte des Journalisten Maibom (André Jung) und seiner Freundin Rieke (Fritzi Haberlandt), einer Mitarbeiterin eines West-Berliner Immobilienbüros. Sie leben Anfang 1959 im siebenten Jahr zusammen und denken sogar an Heirat. Nach einer Auslandsreise Maiboms nach Havanna, wo er eine Reportage über den Sieg der kubanischen Revolution machen soll, holt die Beiden ein Jahr später ihre Vergangenheit wieder ein.

Katers Stücktext ist, wie schon erwähnt, sehr episch geraten. In längeren Monologpassagen erzählen die Figuren in Rückblenden Episoden aus ihrem Leben während des Kriegs. Rieke hieß 1941 noch Rosa, ein 15jähriges Mädchen, das nach einer Vergewaltigung in die Prostitution abrutschte und dann über den Nazi-Mann Hauser Auslandagentin in Rom wurde. Auch Maibom hatte damals noch einen anderen Namen und war jüdisch-polnischer Kampfpilot. Nach dem Krieg ging er nach Israel, wurde Agrarflieger, verlor sein Bein bei einem Absturz und ging schließlich wieder nach Deutschland, wo er nun als Journalist und gelegentlich als Nazijäger für den Mossad arbeitet.

 

Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Das klingt zunächst recht spannend und ist auch in Teilen ganz interessant anzuhören. Allein ein richtiges Stück will daraus nicht werden. Die weitestgehend statische Inszenierung des Stuttgarter Opern-Intendanten Jossi Wieler bremst den hochtrabend-langatmigen Text zusätzlich aus. Besonders die Israelpassage im Krankenhaus von Tel Aviv absolviert André Jung komplett im Liegen. Trotz guter Schauspieler wirkt das streckenweise wie eine szenische Lesung auf einem Haufen zersplitterter Gipszementplatten, auf denen die DarstellerInnen unsicher balancieren wie auf dünnem Eis.

Fritz Kater springt in der Zeit vor und zurück, bedient sich bei Stilelementen des Film Noir, des Agententhrillers oder bei Kriegs- und Reiseliteratur von Anna Seghers, Erich Maria Remarque, William Faulkner und Hunter S. Thomson. Das Filmische wird zusätzlich durch Schwarz-weiß-Videoeinblendungen und Jazzmusik betont. Die 40er und 50er Jahre sind auch in den Kostümen maßgebend. Miles Davis und Philip Marlow treffen hier auf Kommissar Blacky Fuchsberger.

Weitere Figuren werden in die Story eingewoben, wie die ominöse Milena (Manja Kuhl), die Maibom nach der Entführung von Rieke/Helene 1960 in einer Villa in Bonn-Bad Godesberg neben der Leiche eines italienischen Musiktheoretikers und Bach-Spezialisten trifft, oder einen aus der DDR nach West-Berlin geflohenen jungen Musiker (Matti Krause), der dort 1989 neben dem gealterten Maibom wohnt. Und auch der verdruckste Ossi hat eine schuldbeladene Fluchtgeschichte.

Neben der komplizierten Liebesbeziehung ist das vor allem aber auch ein Stück über vergebliche Vergangenheitsbewältigung und Heilung von Wunden, was laut Maibom nur durch das Vergessen geschehen kann. Allein er kann nicht vergessen, und er kann auch nicht sterben, weil ihn der Hass an den Nazi Hauser am Leben hält. Und natürlich klagen Maibom/Kater auch ein wenig über vergangene Revolutionen, nach deren erster Euphorie in ein paar Jahren schnell alles wieder beim Alten ist. Man befindet sich im permanenten Kriegszustand, bis einer gesiegt hat. Nach Schuld oder Wahrheit wird hier nicht gefragt. Was schmerzt, ist der Verlust über das, was man schon sicher zu haben glaubte. Etwa wie Orpheus seine Eurydike, deren Geschichte Kater als Sekundärdrama mit einflicht.

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I’M SEARCHING FOR I:N:R:I (EINE KRIEGSFUGE)

(DT-Kammerspiele, 14.06.2016)
Regie: Jossi Wieler
Bühne / Kostüme: Anja Rabes
Musik: Wolfgang Siuda
Video: Chris Kondek
Dramaturgie: Jan Hein
Licht: Felix Dreyer, Rainer Eisenbraun
Mit: André Jung (maibom), Fritzi Haberlandt (rosa, helene, rieke – ein und dieselbe person), Manja Kuhl (milena), Lucie Emons (julie) und Matti Krause (der junge mann)
Uraufführung am Schauspiel Stuttgart: 11. März 2106
Gastspiel des Schauspiels Stuttgart zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 15.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit LSD – Mein Sorgenkind – Thom Luz organisiert mit seiner Baseler Minimal-Inszenierung der Drogenradfahrt von Albert Hofmann einen eher unterdosierten Klang- und Bilderrausch

Von wegen LSD-Trip. Es sollen schon Radfahrer allein an der reinen Schweizer Bergluft einer Art Höhenrausch verfallen sein. Nun hat aber der Schweizer Chemiker Albert Hofmann die Wirkung der von ihm entdeckten Droge LSD, einem Derivat der aus dem Mutterkorn gewonnenen Lysergsäure, 1943 tatsächlich bei einer Velo-Fahrt von Basel in den Vorort Bottmingen an sich selbst getestet. Dieser halbwegs kontrollierte Trip, den Hofmann minutiös festhielt und seine Erfahrungen 1979 in dem Buch LSD – Mein Sorgenkind veröffentlichte, inspirierte den hochgelobten Theater-Experimentator Thom Luz zu einer theatralen Wiederholung. Dabei interessierte ihn allerdings weniger der eigentliche Drogenrausch als die Tatsache des im Buch beschrieben Phänomens, „in relativ kurzer Zeit in einen Bereiche vorzudringen, der sich in Worten nur schwer ausdrücken lässt.“

Nun gleichen die Beschreibungen von Albert Hofmann schon recht genau den Vorstellungen, die man gemeinhin mit solcher Art von Drogenerfahrungen verbindet. Psychedelische Zustände und visuelle Halluzinationen mit übersteigerten Klang- und Farbwahrnehmungen. Zitat: „Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.“ Besonders merkwürdig war Hofmann, „wie alle akustischen Wahrnehmungen (…) sich in optische Empfindungen verwandelten”. Und genau dahin zielt der Versuch des Bühnen-Tüftlers Luz.

 

LSD - Mein Sorgenkind am Theater Basel - Foto (c) Simon Hallström

LSD – Mein Sorgenkind am Theater Basel
Foto (c) Simon Hallström

 

Dabei ist das Instrumentarium, das der Regisseur hier auf großer Bühne auffährt, relativ sparsam. Thom Luz und Wolfgang Menardi haben einen Versuchsraum geschaffen, der einem Laboratorium wie in der Schweizer Sandoz AG in etwa nahe kommen könnte. Hohe weiße Wände, ein paar Pflanzen und Stühle, dazu ein Cembalo, Soundmixer, Klangstangen, Speichenräder, Monitore, auf denen eine Kamerafahrt durch das nächtliche Basel übertragen wird, eine Verkehrsampel und ein Vogelkäfig.

Es dauert etwas, bis sich das Schauspielensemble, das weiße Kittel und auch mal Atemmasken trägt, eingerichtet hat. Man spielt Minimalmusik und spricht Fragmente aus den Erinnerungen Albert Hofmanns. Etwa die einer „Verzauberung aus Kindertagen“ bei einem Waldspaziergang, bei dem ihm plötzlich alles wie in einem hellen Licht erschien. Ein „Glücksgefühl der Zugehörigkeit und der seligen Geborgenheit“. Dazu zwitschern die Vögel, am Mischpult entstehen immer wieder experimentelle Störgeräusche, und verzerrte Stimmen wie aus dem All gefunkt sind wahrnehmbar.

Vieles wird nur angestimmt, bleibt aber schnell wieder stecken. Ein gewisses ironisch entschleunigtes Marthaler-Feeling macht sich breit. Man singt im Chor Partien aus Haydns Oratorium Die Schöpfung, was sehr gut zum Schöpfungsakt des Wissenschaftlers und seiner späteren Aussage zum Bewusstsein als dem größten Geschenk des Schöpfers an die Menschen passt. Zu den Zustandsbeschreibungen auf der Fahrradfahrt Hofmanns, die genaue Orte, Straßen und Plätze benennen, werden immer mehr Klaviere aufgefahren, in die lange Papierrollen eingespannt sind. Die Dämpfer der Hämmer sind mit Farbe getränkt und hinterlassen beim Anschlag entsprechende Farbmuster auf den Rollen, die an Prospektstangen hochgezogen, schließlich einen ganzen Wald bilden. Die Farbklaviere erzeugen einen sehr schönen Effekt in Klang und Bild, der aber der einzige Farbtupfer auf dunkler Bühne bleibt.

„Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr – von der Wahrheit.“ Dabei hatte sich Hofmann bei der Erprobung tätige Mithilfe beim deutschen Schriftsteller Ernst Jünger geholt. „Es handelt sich ja eigentlich nicht nur um das Visuelle, sondern um die Schärfung der Sinnesorgane überhaupt. Ich möchte sagen, die Bandbreite wird nach beiden Seiten verlängert und überschritten.“ lässt sich der drogenerfahrene „Psychonaut“ in einem Gespräch mit Albert Hofmann in den 1970er Jahren vernehmen. Übrigens legte sich der kultivierte LSD-Genießer Ernst Jünger bei seinen äußerst kontrollierten Trips immer gern Mozart auf.

Bei Luz zerrt es akustisch mal ein wenig in die eine, mal in die andere Richtung. Zu wirklichen Grenzüberschreitungen kommt es aber nie. Als kleine Wahrnehmungsstörung funktioniert der Abend ganz gut, wenn man sich schon darüber wundert, dass einem die Beatles plötzlich spanisch vorkommen. Nun gilt ja Musik durchaus als spiritueller Rauscherzeuger. Besonderer Mittelchen zur kollektiven Verzückung braucht es da nicht unbedingt. Eine Explosion der Sinne oder wie auch immer geartete Bewusstseinserweiterung bleibt hier aber weitestgehend aus. Es wirkt eher wie der meditative Versuch einer spirituellen Kontemplation. Luz verabreicht sein „LSD“ in homöopathischen Dosen. Ein Vogel im Käfig eben. Auch Jünger bezeichnete die Modedroge der Hippies, nachdem er sie zu stark mit Wasser verdünnt hatte, als Hauskatze verglichen mit dem Königstiger Meskalin.

Man lese LSD. Albert Hofmann und Ernst Jünger. Der Briefwechsel 1947 bis 1997, der den intellektuellen Austausch Hofmanns mit dem experimentierfreudigen, nicht ganz unproblematischen Künstler und Lebensphilosophen Jünger dokumentiert. Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen und der Biologe Cord Riechelmann kommen in einem im Buch veröffentlichten Gespräch über Jüngers Drogenexperimente und dessen Essay Annäherungen. Drogen und Rausch zu der interessanten Feststellung: „Wozu habe ich einen Möglichkeitssinn, wenn er mir nicht den Blick auf die Wirklichkeit erweitert?“ Musils „Möglichkeitsmensch“ lässt grüßen. Außerdem klingt das dann schon fast wie eine ultimative Aufforderung für experimentierende Theatermacher.

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LSD – MEIN SORGENKIND (DT Berlin, 15.06.2016)
Inszenierung: Thom Luz
Bühne: Thom Luz, Wolfgang Menardi
Kostüme/Licht: Tina Bleuler
Musik: Mathias Weibel
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer
Mit: Carina Braunschmidt, Mario Fuchs, Wolfgang Menardi, Daniele Pintaudi, Mathias Weibel und Leonie Merlin Young
Uraufführung am Theater Basel: 31.Oktober 2015
Gastspiel des Theaters Basel zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-basel.ch/

Zuerst erschienen am 17.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Zwischen Tragik und Komik, Quatsch und Langeweile – Zweimal Tschechows IWANOW in Wien und München

Juni 14th, 2016

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Iwanow_Volkstheater Wien

(c) Volkstheater Wien

Anton Tschechows Stück Iwanow stellt die typische Frage des Theaters nach Komödie oder Tragödie des Lebens. Der Autor konnte sich damals irgendwie selbst nicht recht entscheiden und hat seinen ersten Komödienentwurf, dessen Uraufführung 1887 eher floppte, zwei Jahre später zur Tragödie umgeschrieben. Wie die Episode um den tief melancholischen, depressiv die eigene Nutzlosigkeit beklagenden Mitdreißigers Nikolai Alexejewitsch lwanow, der alles um sich her mit einem Mehltau aus Misslaunigkeit und Langeweile überzieht, zu deuten ist, daran scheiden sich auch heute noch die Geister, sprich Regisseure. An der Volksbühne hatte 2005 Dimiter Gotscheff die Ödnis der müßigen Tschechow-Figuren im ländlichen Russland auf leerem Bühnenrund in viel Nebel aufgehen lassen.

Zum anschaulichen Vergleich bieten sich nun zwei relativ neue Interpretationen an. Zum einen die Inszenierung des vielgelobten ungarischen Regisseurs Victor Bodo am Volkstheater Wien und zum anderen die des Intendanten des Münchner Residenztheaters Martin Kušej:

Die Grundstimmung und szenische Atmosphäre ist in beiden Fällen zumindest sehr ähnlich. Dazu kommt, dass man sich im Bühnenbild für das etwas heruntergekommene Heim des Gutsbesitzers Iwanow und das wesentlich luxuriösere der Lebedews, wo Iwanow, die Leere seines Alltags fliehend, die Abende verbringt, in beiden Inszenierungen mit leicht abgewandelten Kopien ein und desselben Raums bedient. Während im Wiener Volkstheater immer wieder leicht umdekoriert wird, bewegt sich im Münchner Residenztheater einfach die Drehbühne weiter.

Leer ist die Bühne also keineswegs. In Wien ist sie ein Raum mit sich auflösendem Fischgrätparkett, einer Reihe Sesseln und Nebenräumen mit Veranda, Bad und Küchenzeile, die in den Lebedew-Akten mit einem Regal voll Gläsern der legendären Konfitüre der geizigen Hausherrin ergänzt wird. In München sitzt man auf lose gestellten Stühlen, die bei Iwanow dick mit Staub überzogen sind. Hier kauert er bei schwerer Lektüre und will nicht gestört werden. Martin Kušej hat ihm als Prolog ein paar existentielle Gedanken des düsteren Philosophen Søren Kierkegaard in den Mund gelegt. „Wer bin ich? Wie bin ich in die Welt hineingekommen…“ Er kann sich für seine Klagen allerdings an keinen „Verhandlungsleiter“ wenden und muss sich mit dem vorhandenen Personal zufrieden geben.

 

Iwanow im Residenztheater München - Foto (c) Matthias Horn

Iwanow im Residenztheater München – Foto (c) Matthias Horn

 

Thomas Loibl gibt den Münchner Iwanow als personifiziertes Fragezeichen mit hängenden Schultern, immer schon kurz vorm Äußersten, zu dem es aber erst am bitteren Ende kommt, dass Kušej auch bis zum nämlichen mit Duellfarce und anschließendem Selbstmord Iwanows ausspielt. „Iwanow ist erschöpft, er begreift sich selbst nicht, aber das Leben geht das nichts an.“ schrieb Tschechow in einem Brief an seinen Verleger. Man hält ihn für einen Schuft und Betrüger, der seine an Typhus erkrankte Frau Anna sterben lässt, die für ihn den Glauben und Namen gewechselt hat und dafür von den jüdischen Eltern enterbt wurde. Iwanow plagen Schulden und Schuldgefühle, aber er kann sich weder zu Anna bekennen, noch glaubt er an die „tätige Liebe“ Saschas. Nadine Quittner und Genija Rykova überbieten sich in der Rolle der Tochter der Lebedews an jugendlicher Naivität.

Iwanow fühlt sich unverstanden, von den Leuten verleumdet und den Alltagssorgen aufgefressen. Das ist das ganze Dilemma des „nutzlosen Menschen“, dass sich nun in beiden Inszenierungen über drei Stunden hinwälzt ohne tatsächlichen Erkenntnisgewinn. Gibt sich Victor Bodo in Wien noch ein wenig Mühe, das Publikum mit Livemusik, ein paar Gags und feucht fröhlichen Slapsticks bei Laune und der Stange zu halten, so sackt das Tempo des Münchner Iwanows schon zu Beginn erschreckend gegen Null. Krönung ist die wie eingefroren auf ihre Spielkarten schauende Gesellschaft bei den Lebedews. Heute würde man sie wohl Smartphone-Zombies nennen. Sie brabbeln nur hin und wieder leise von Langeweile und ernten dafür vom Publikum entsprechende Unmutsbekundungen.

 

Iwanow - Foto © www.lupispuma.com / Volkstheater

IwanowFoto © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Einzig Oliver Nägele als stämmiger Lebedjew kann in München noch ein paar wortgewaltige Akzente setzen. Und Spaßkanone Mischa Borkin (gleichermaßen ranschmeißerisch Thomas Frank in Wien wie Marcel Heuperman in München) sorgt für etwas Auflockerung. Ein kurzes Tänzchen in Wien steht gegen ein Totalbesäufnis in München. Nach der Entdeckung der Liebelei Iwanows mit Sascha durch seine ihm zu den Lebedews nachgefahrene Frau folgt die Pause, nach der sich in beiden Theatern die Sitzreihen etwas lichten.

Verpassen würde man in München nicht mehr viel – und in Wien immerhin ein versoffenes Dreigestirn (Günter Franzmeier als Lebedew, Stefan Suske als Graf Schabelskij und Thomas Frank als Borkin), das sich an Wodka-Mix und Kochrezepten berauscht. Der moralisch überkorrekte Arzt Lwow (Gábor Biedermann in Wien und Till Firit in München) stellt Iwanow wegen dessen Frau zur Rede, und der sichtlich Genervte eröffnet wiederrum Anna, dass sie bald sterben wird. In der Rolle der Kranken überzeugt vor allem die von der Wiener Burg ans Volkstheater gewechselte Stefanie Reinsperger, die noch als gespenstische Heimsuchung auf Iwanows verpatzter Hochzeit mit Sascha auftaucht, während in München sich Sophie von Kessel mit tief dunklem Kajal durchs Stück hüstelt.

Höhepunkt ist in Wien wie in München der berühmte Monolog des depressionsgeschüttelten Iwanow, in dem er über sich selbst Gericht hält. Dabei steigt ein zitternder Jan Thümer in Wien aus der Eiswanne, reißt das Parkett aus dem Boden und kotzt sein Leben buchstäblich aus, während Thomas Loibl in München nur in Selbstmittleid auf dem Stuhl zerfließt. Der Rest ist hier wie dort konventionelles, zuweilen etwas rührseliges Konversationstheater. Lediglich Victor Bodo kann stellenweise mit ein paar interessanten Bildern überzeugen und stellt die Komik gleichberechtigt neben die Tragik des Iwanows. Martin Kušej scheint dagegen jegliche Idee, was die Haltung zum Stück und seinem Titelhelden betrifft, abhandengekommen zu sein.

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IWANOW (Volkstheater Wien, 30.05.2016)
Regie: Victor Bodo
Bühne: Lőrinc Boros
Kostüme: Fruzsina Nagy
Musik: Klaus von Heydenaber
Sound- und Tondesign: Gábor Keresztes
Licht: Tamás Bányai
Dramaturgie Angela Heide, Anna Veress
Mit: Gábor Biedermann (Jewgenij Konstantinowitsch Lwow), Thomas Frank (Michail Michajlowitsch Borkin), Günter Franzmeier (Pawel Kirillytsch Lebedew), Steffi Krautz (Sinaida Sawischna), Nadine Quittner (Sascha), Stefanie Reinsperger (Anna Petrowna), Claudia Sabitzer (Marfa Jegorowna Babakina), Martina Spitzer (Awdotja Nasarowna), Stefan Suske (Matwej Semjonitsch Schabelskij), Jan Thümer (Nikolaj Alexejewitsch Iwanow), Luka Vlatkovic (Jegoruschka), Günther Wiederschwinger (Dmitrij Nikitsch Kossych), Klaus von Heydenaber (Musiker) und Loukia Loulaki/Maria Probst (Musikerinnen)
Premiere im Volkstheater Wien war am 18. März 2016
Weitere Termine: 15., 23. 6. 2016

Infos: http://www.volkstheater.at

IWANOW (Residenztheater München, 08.06.2016)
Regie: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Bert Wrede
Licht: Tobias Löffler
Dramaturgie: Götz Leineweber
Mit: Thomas Loibl (Nikolai Alexejewitsch lwanow), Sophie von Kessel (Anna Petrowna), René Dumont Matwej (Semjonowitsch Schabjelski), Oliver Nägele (Pawel Kiriljitsch Lebedjew), Juliane Köhler (Sinaida Sawischna), Genija Rykova (Sascha), Till Firit (Jewgeni Konstantinowitsch Lwow), Hanna Scheibe (Marfa Jegorowna Babakina), Paul Wolff-Plottegg (Dmitri Nikititsch Kosich), Marcel Heuperman (Michail Michailowitsch Borkin), Ulrike Willenbacher (Awdotja Nasarowna), Arnulf Schumache (Jegoruschka), Alfred Kleinheinz (Gawrila/Piotr), Max Koch (Erster Gast), Jeff Wilbusch (Dritter Gast) und Pauline Fusban (Erstes Fräulein)
Premiere war am 4. Juni 2016
Weitere Termine: 21., 30. 6. / 5., 16., 20. 7. 2016

Infos: http://www.residenztheater.de

Zuerst erschienen am 13.06.2016 auf Kultura-Extra.

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