Falk Richter und Sascha Marianna Salzmann erzählen im Maxim Groki Theater von queerer Identität

Juni 25th, 2016

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Città del Vaticano – Der neue Theaterabend von Falk Richter und Nir de Volff als Gastspiel der Wiener Festwochen

Vor dem Maxim Gorki Theater hat das Zentrum für politische Schönheit einen großen Tigerkäfig aufgebaut. Mit ihrer Aktion Flüchtlinge fressen – Not und Spiele protestiert die Künstlergruppe um Philipp Ruch gegen den Paragrafen 63, Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Nach fruchtlosem Ablauf eines Ultimatums an das Auswertige Amt sollen aus Syrien nach Deutschland eingeflogene Flüchtlinge drei lybischen Tigern aus dem Zirkus zum Fraß vorgeworfen werden. Man kann für ihren Flug spenden und sie in den Käfig rein wählen. Eine zynische Abwandlung antiker römischer Volksbelustigung sowie die Umkehrung einer ehemaligen Aktion von Christoph Schlingensief, der im Jahr 2000 bei den Wiener Festwochen Asylbewerber aus einem Container neben der Wiener Staatoper zur Abschiebung rauswählen ließ.

 

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

 

Während draußen also drei eingesperrte, müde Tiger gähnen und auf Futter warten, gastiert im Saal der Dramatiker und Regisseur Falk Richter mit seiner neuen Text- und Tanz-Performance Città del Vaticano, die der Autor gemeinsam mit dem Choreografen Nir de Volff sowie bei der Biennale in Venedig gecasteten Performern und dem Ensemble des Schauspielhauses Wien entwickelt hat. Es ist ein Gastspiel der Wiener Festwochen 2016, und so schließt sich ein historischer Kreis. Schlingensiefs Aktion entstand nach der Bildung eines Regierungsbündnisses der ÖVP mit der rechtspopulistischen FPÖ. Richters Premiere in Wien fand einen Abend vor dem denkwürdigen zweiten Wahlgang der durch die Flüchtlingskrise angeheizten österreichischen Präsidentschaftswahlen statt. Der ehemalige Grünenvorsitzende Alexander Van der Bellen konnte sich knapp gegen den FPÖ-Mann Norbert Hofer durchsetzen. Ein Sieg in letzter Minute für die Vertreter einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Genau wie bei Schlingensief wird die Flüchtlings-Aktion des Zentrums für politische Schönheit von Gesprächen mit Künstlern und Politikern flankiert. An diesem Abend ist die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt, ehemalige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu Gast. Sie ist wie Falk Richter selbst schon zur Zielscheibe rechtpopulistischer und unverholen faschistischer Anfeindungen geworden. „Linksgrün-versifft“ ist eines der Lieblingsattribute in den einschlägigen Hasskommentaren. Und wie schon in seinem Pegida-Abend Fear an der Berliner Schaubühne bedient sich Richter auch in Città del Vaticano wieder reichlich aus dem Vokabular der Rechten.

 

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del Vaticano – Foto © Matthias Heschl

 

Zunächst aber bekommt der im Stück-Titel erwähnte katholische Kirchenstaat sein Fett weg. Das Zentrum der christlichen Werte ist ein durch Finanzkrisen der Vatikanbank, Korruption und Kindesmissbrauch geschütteltes „Bad Empire“. Hier regieren alte Männer mit Vorliebe für Schmuck und Frauenkleider, wurde nie ein Kind geboren, und die Vatikan-Wächter der Schweizer Garde werden ironisch mit Toy Boys verglichen. Das Abkanzeln der christlichen Moralapostel erfolgt bei einem Frontalmeeting, bei der die sieben Performer auf Stühlen an der Rampe, munter zwischen Deutsch und Englisch wechselnd, ihre Ansichten zum Vatikan-Staat vortragen. Das sitzt zunächst, gibt aber nicht die weitere Richtung des Abends vor. Es geht mehr um den Einfluss und die Gültigkeit der moralischen Werte, die durch den Papst und die katholische Kirche vorgegeben werden. „Who cares?“ Die Ansichten des Vatikans haben nichts mit unserem Leben zu tun, ist die überwiegende Meinung der fünf offen schwulen Performer und beiden jungen Frauen im Team.

Damit könnte der Abend auch schon zu Ende sein. Falk Richter legt seinen Performern aber nicht nur seinen Text in den Mund, es sind auch die persönlichen Erfahrungen jedes Einzelnen, die in diesem als „Work in Progress“ bezeichneten Projekt zum Ausdruck kommen. Hier überzeugen vor allem die Schilderungen des Wiener Schauspielers Steffen Link, der von seiner Kindheit in einer freikirchlichen Gemeinschaft erzählt. Ein Anhalten zu einem ewigen Arbeiten an sich selbst, das durch Schuldgefühle, verklemmte Sexualität und Scham vor dem eigenen Körper geprägt war. Man wird das nicht los, gesteht Link. Dazu flimmern passende Videobilder von Predigten vor Kindern über die Rückwand der sonst bis auf die Stühle leergeräumten Bühne. Ein Videobild ist aber besonders eindrücklich. Francis Bacons Studie nach Velázquez’ Portrait Papst Innozenz` X. Der Mund des Papstes ist zum stummen Schrei geöffnet. Ein Symbol für das lange Schweigen der Kirche.

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del VaticanoFoto © Matthias Heschl

 

Es geht aber auch weg vom Katholizismus-Bashing hin zu einer gesamteuropäischen Bestandsaufnahme. Wieder auf Stühlen werden Bekenntnisse eines allegorischen Europas aufgesagt, das von linker Utopie, Krieg, Auschwitz, Eroberungen und Kolonisation bis zur Hochkultur des Theaters alles in sich birgt. Vassilissa Reznikoff steigert sich in die Verzweiflung eines europäischen Bürgers, der die Unübersichtlichkeit der globalen Welt nicht mehr versteht und über den Kontrollverlust über das eigene Leben klagt. „Ich will mich nur noch mit Dingen beschäftigen, die ich wirklich verstehe. Und ich will keine Verantwortung übernehmen müssen für Dinge, die ich nicht verstehe.” Eine klare Absage an die Verantwortung Europas für das Leid der anderen, was nicht zuletzt auch das „Zentrum für politische Schönheit“ in seinen Aktionen anprangert.

Neben den Hieben auf dumpf-dumme Pegida-Anhänger, die hier bevorzugt wieder im ländlichen Osten verortet werden, die „Karrierefrauen“ der AfD und das rechtskonservative Bündnis „Demo für Alle“ wird natürlich auch noch ein wenig getanzt, was sich in schön umschlungen Gruppen- und Einzelszenen zeigt. Eine eindrucksvolle Bewegungsperformance zum Thema Sexualität und Entdeckung des eigenen Körpers. Dazu werden von Tatjana Pessoa immer wieder passende Fragen an alle zu Liebe, Partnerschaft, oder Familie gestellt. Höhepunkt ist sicher der Traum von einer Boy-Group, die für den Vatikan den Eurovision Songcontest gewinnt, was auch göttlich performt wird.

Ein Abend für frei gewählte und gelebte Sexualität, die das internationale und durchweg großartig agierende Ensemble nicht nur zu Lebensbeichten, sondern auch zu einigen glühenden Bekenntnissen treibt, unter anderem zu einer Botschaft an ein ungeborenes Kind, das sich Gabriel da Costa zusammen mit seiner ehemaligen Partnerin und seinem jetzigen Partner wünscht. Ein Wunsch auch nach einem selbstbestimmten Leben in einem Europa ohne Grenzen. Das lässt den doch etwas plakativ einfachen Erzählabend, der sich aber gut in die offene Ästhetik der letzten Arbeiten von Falk Richter oder Yael Ronen am Gorki Theaters einfügt, ganz versöhnlich ausklingen.

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Città del Vaticano (Maxim Gorki Theater, 17.06.2016)
von Falk Richter und Nir de Volff
Regie: Falk Richter
Choreografie: Nir de Volff
Ausstattung: Falk Richter, Nir de Volff
Dramaturgie: Tobias Schuster
Mit: Telmo Branco, Gabriel da Costa, Johannes Frick, Steffen Link, Tatjana Pessoa, Vassilissa Reznikoff, Christian Wagner
Uraufführung bei den Wiener Festwochen im Schauspielhaus Wien am 20.05.2016
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.schauspielhaus.at/
http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 19.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Queere Berliner auf Identitätssuche – METEORITEN von Marianna Salzmann, inszeniert von Hakan Savaş Mican

Meteroiten am MGT_Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Kompliziert hatte es Marianna Salzmann schon in ihrem letzten Stück Wir Zöpfe schwierige Identitätsprobleme in einer russisch-jüdischen Familie in Berlin, die sich an Weihnachten noch weiter internationalisierten. Ganz ähnlich geht es in ihrem neuen Stück Meteoriten, das diesmal im Berliner Sommer angesiedelt ist, was die Story nicht unbedingt entspannt. Wir treffen zunächst auf zwei Paare: Udi (Thomas Wodianka) aus Israel, der den Syrer Roy (Mehmet Ateşçi) liebt, der wiederum betont nicht wegen des Krieges, sondern wegen der Liebe in Berlin zu sein. Sie sind befreundet mit der schwarzen Türkin Üzüm (Thelma Buabeng), die eine lesbische Beziehung zur transsexuellen Cato (Mareike Beykirch) hat. Das ist für eine deutsche Otto-Normal-Hete für den Anfang schon recht viel.

Marianna Salzmann, die sich als Ausdruck ihrer männlichen Seite den Vornamen ihres Großvaters Sasha dazugewählt hat, schickt vier queere Berliner mit verschiedensten Migrationshintergründen los, als Pioniere die Welt zu retten, indem sie beschließen als zukünftige Großfamilie Kinder in selbige zu setzen. Soweit der Plan und die Abmachung. Vor der schon nicht ganz einfachen Weltenrettung setzt aber nun die Autorin zwecks Drama erst noch eine viel kompliziertere Ich-Werdung, die sich bei den einzelnen Figuren ganz unterschiedlich vollzieht. Titelgebende Meteoriten sind sie alle irgendwie, und sei es nur als schöner, verglühender Stern kurz vor dem Aufschlag in der Realität. Einige katastrophale Verheerungen in der Gefühlswelt der anderen richtet zumindest der Einschlag von Serösha (Dimitrij Schaad) in die Phalanx der zwei scheinbar glücklichen Paare an.

Zumindest möchte Serösha so cool sein wie jemand, der beim Einschlag des Meteors von Tscheljabinsk nur kurz die Scheibenwischer anstellt und weiterfährt. Wegen des Wehrdienstes aus Russland nach Berlin geflohen, hat er Angst zur Beerdigung seines Vaters, eines hohen russischen Militärs, zu fahren und bittet Cato ihn zu begleiten, allerdings nicht als Freund, sondern als seine Frau, so wie Serösha Cato auch gerne sähe. Das stürzt den gerade voll mit seiner „Transition“ Beschäftigten in eine zusätzliche Identitätskrise. Und auch Serösha hat arge Probleme. Er kann sich nämlich seine latente Homosexualität nicht eingestehen, was sich ziemlich aggressiv auch in Schüben von Homophobie äußert. In eine Schwulenbar läuft er Roy und Udi über den Weg, die sich ihren Traum vom eigenen Heim mit dem Abziehen von Touristen erfüllen wollen. In einer schönen Schattenchoreografie zu Musik und Videoeinspielung wird Serösha von beiden im Darkroom verführt.

Wenn es verworren und kompliziert sein soll, hat es sich in letzter Zeit als sehr effizient gezeigt, ein vertikales Schachtelbühnenbild zu bauen. Im Gorki Theater schraubt Magda Willi ein Gerüst aus Metallleitern mit betonfarbenen Ebenen zwischen zwei Wände, auf dem es sich herrlich herumklettern lässt. Das Ensemble ist hier die ganze Zeit auf der Bühne, macht live Musik und filmt sich beim Spielen. Auf die Rückwände der Wohnzellen projiziert Videofilmer Guillaume Cailleau zusätzlich die reale Welt mit Syrien-Krieg, Maidan und Krim-Annexion, die die Fünf gerne ausblenden, aber immer wieder von ihr eingeholt werden. Als aktueller deutscher Hintergrund dient die Fußballweltmeisterschaft 2014. Was zumindest für Üzüm von Bedeutung ist, die sich voll integriert mit Deutschland-Makeup von ihrer kriselnden Beziehung zu Cato ablenken will.

Die anderen stoßen die nationalen Gesänge eher ab, oder sie klopfen wie Roy und Udi ironische Sprüche zum Holocaust-Denkmal und ihrer für deutsche Verhältnisse unklaren Identität. Roy macht Dienst beim schwulen Überfalltelefon und berichtet von homophober Gewalt, vor deren Auswüchsen in Russland auch Serösha Angst hat. Viel mehr Politisches ist nicht im Stück, es dreht sich mehr oder weniger um die Beziehungsprobleme der Figuren, die sich immer mehr auseinanderleben, je mehr Autonomie sie vom anderen für sich einfordern. Das betrifft vor allem Roy, dem seine Freiheit lieber ist als der Plan vom Eigenheim mit Kind und Udi. Was den armen Kerl in eine herrlich schräge Liebeskummerszene stürzt. Während er sich anhänglich bei Serösha ausheult, liefern sich Üzüm und Cato ein paar Eifersuchtsszenen. Man wirft sich gegenseitig den Verrat an der gemeinsamen Idee vor.

Als zusätzliche gedankliche Metaebene zu den Geschlechter-Irrungen und Beziehungs-Wirrungen zieht Sasha Marianna Salzmann monologisch vorgetragene Episoden ein, die von den Metamorphosen des Ovid angeregt sind. Das geht von der entführten, nun rachsüchtigen Europa über den Seher Teiresias, der in beiden Geschlechtern lebte, bis zur Vereinigung der Nymphe Salmakis mit dem Hermaphroditos, von der am Ende Cato berichtet. Da ist er/sie wahrscheinlich schon tot, durch einen homophoben Übergriff ums Leben gekommen, und beschwört noch einmal die Vollkommenheit und die Liebe als schmerzhafte Suche nach dem einst verlorenen zweiten Geschlecht.

Regisseur Hakan Savaş Mican inszeniert das mit gewohnt leichter Hand. Man schaut den SchauspielerInnen gerne zu, auch wenn mit der Zeit der allgemein boulevardeske Stil am Gorki fast jedes Stück irgendwie gleich aussehen lässt. Man läuft hier Gefahr das bereits als Gorki-Boulevard Betitelte zur neuen Norm zu erklären. Berühren tut das hier schon, auch wenn nicht jeder Charakter gleichermaßen überzeugt. Man möchte den manchmal verbissen mit sich ringenden ProtagonistInnen gerne zurufen: Seid doch einfach alle, wie ihr seid – ganz normal!

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METEORITEN (Maxim Gorki Theater, 15.04.2016)
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Michelle Gurevich
Video: Guillaume Cailleau
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Jens Hillje
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Thelma Buabeng, Dimitrij Schaad und Thomas Wodianka
Uraufführung war am 15. April 2016

Weitere Termine: 24.06. / 20.09. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 17.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Episches und Meditatives aus Stuttgart und Basel bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin

Juni 19th, 2016

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I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) von Fritz Kater – Ein Gastspiel des Schauspiels Stuttgart

In seinem neuen Stück I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) erzählt Fritz Kater, das Dramatiker-Alter-Ego des Regisseurs und Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart Armin Petras, deutsche Geschichte mal nicht wie in zeit zu lieben zeit zu sterben oder heaven (zu Tristan) aus der reinen Ost-Perspektive. Der Autor spannt einen Bogen in 13 Szenen von 1941 im Kriegs-Berlin über die bundesdeutsche Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre bis zum Sommer 1989 in West-Berlin kurz vor dem Mauerfall. Vielleicht ist das Stück auch so etwas wie ein westdeutsches Pendant zu Christa Wolfs Roman Der Geteilte Himmel, den Armin Petras 2015 an der Berliner Schaubühne mit viel ostdeutschem Zeitkolorit inszeniert hat.

 

I´m earching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) - Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Im wahrsten Sinne des Wortes erzählt wird hier die Liebesgeschichte des Journalisten Maibom (André Jung) und seiner Freundin Rieke (Fritzi Haberlandt), einer Mitarbeiterin eines West-Berliner Immobilienbüros. Sie leben Anfang 1959 im siebenten Jahr zusammen und denken sogar an Heirat. Nach einer Auslandsreise Maiboms nach Havanna, wo er eine Reportage über den Sieg der kubanischen Revolution machen soll, holt die Beiden ein Jahr später ihre Vergangenheit wieder ein.

Katers Stücktext ist, wie schon erwähnt, sehr episch geraten. In längeren Monologpassagen erzählen die Figuren in Rückblenden Episoden aus ihrem Leben während des Kriegs. Rieke hieß 1941 noch Rosa, ein 15jähriges Mädchen, das nach einer Vergewaltigung in die Prostitution abrutschte und dann über den Nazi-Mann Hauser Auslandagentin in Rom wurde. Auch Maibom hatte damals noch einen anderen Namen und war jüdisch-polnischer Kampfpilot. Nach dem Krieg ging er nach Israel, wurde Agrarflieger, verlor sein Bein bei einem Absturz und ging schließlich wieder nach Deutschland, wo er nun als Journalist und gelegentlich als Nazijäger für den Mossad arbeitet.

 

Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Das klingt zunächst recht spannend und ist auch in Teilen ganz interessant anzuhören. Allein ein richtiges Stück will daraus nicht werden. Die weitestgehend statische Inszenierung des Stuttgarter Opern-Intendanten Jossi Wieler bremst den hochtrabend-langatmigen Text zusätzlich aus. Besonders die Israelpassage im Krankenhaus von Tel Aviv absolviert André Jung komplett im Liegen. Trotz guter Schauspieler wirkt das streckenweise wie eine szenische Lesung auf einem Haufen zersplitterter Gipszementplatten, auf denen die DarstellerInnen unsicher balancieren wie auf dünnem Eis.

Fritz Kater springt in der Zeit vor und zurück, bedient sich bei Stilelementen des Film Noir, des Agententhrillers oder bei Kriegs- und Reiseliteratur von Anna Seghers, Erich Maria Remarque, William Faulkner und Hunter S. Thomson. Das Filmische wird zusätzlich durch Schwarz-weiß-Videoeinblendungen und Jazzmusik betont. Die 40er und 50er Jahre sind auch in den Kostümen maßgebend. Miles Davis und Philip Marlow treffen hier auf Kommissar Blacky Fuchsberger.

Weitere Figuren werden in die Story eingewoben, wie die ominöse Milena (Manja Kuhl), die Maibom nach der Entführung von Rieke/Helene 1960 in einer Villa in Bonn-Bad Godesberg neben der Leiche eines italienischen Musiktheoretikers und Bach-Spezialisten trifft, oder einen aus der DDR nach West-Berlin geflohenen jungen Musiker (Matti Krause), der dort 1989 neben dem gealterten Maibom wohnt. Und auch der verdruckste Ossi hat eine schuldbeladene Fluchtgeschichte.

Neben der komplizierten Liebesbeziehung ist das vor allem aber auch ein Stück über vergebliche Vergangenheitsbewältigung und Heilung von Wunden, was laut Maibom nur durch das Vergessen geschehen kann. Allein er kann nicht vergessen, und er kann auch nicht sterben, weil ihn der Hass an den Nazi Hauser am Leben hält. Und natürlich klagen Maibom/Kater auch ein wenig über vergangene Revolutionen, nach deren erster Euphorie in ein paar Jahren schnell alles wieder beim Alten ist. Man befindet sich im permanenten Kriegszustand, bis einer gesiegt hat. Nach Schuld oder Wahrheit wird hier nicht gefragt. Was schmerzt, ist der Verlust über das, was man schon sicher zu haben glaubte. Etwa wie Orpheus seine Eurydike, deren Geschichte Kater als Sekundärdrama mit einflicht.

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I’M SEARCHING FOR I:N:R:I (EINE KRIEGSFUGE)

(DT-Kammerspiele, 14.06.2016)
Regie: Jossi Wieler
Bühne / Kostüme: Anja Rabes
Musik: Wolfgang Siuda
Video: Chris Kondek
Dramaturgie: Jan Hein
Licht: Felix Dreyer, Rainer Eisenbraun
Mit: André Jung (maibom), Fritzi Haberlandt (rosa, helene, rieke – ein und dieselbe person), Manja Kuhl (milena), Lucie Emons (julie) und Matti Krause (der junge mann)
Uraufführung am Schauspiel Stuttgart: 11. März 2106
Gastspiel des Schauspiels Stuttgart zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 15.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit LSD – Mein Sorgenkind – Thom Luz organisiert mit seiner Baseler Minimal-Inszenierung der Drogenradfahrt von Albert Hofmann einen eher unterdosierten Klang- und Bilderrausch

Von wegen LSD-Trip. Es sollen schon Radfahrer allein an der reinen Schweizer Bergluft einer Art Höhenrausch verfallen sein. Nun hat aber der Schweizer Chemiker Albert Hofmann die Wirkung der von ihm entdeckten Droge LSD, einem Derivat der aus dem Mutterkorn gewonnenen Lysergsäure, 1943 tatsächlich bei einer Velo-Fahrt von Basel in den Vorort Bottmingen an sich selbst getestet. Dieser halbwegs kontrollierte Trip, den Hofmann minutiös festhielt und seine Erfahrungen 1979 in dem Buch LSD – Mein Sorgenkind veröffentlichte, inspirierte den hochgelobten Theater-Experimentator Thom Luz zu einer theatralen Wiederholung. Dabei interessierte ihn allerdings weniger der eigentliche Drogenrausch als die Tatsache des im Buch beschrieben Phänomens, „in relativ kurzer Zeit in einen Bereiche vorzudringen, der sich in Worten nur schwer ausdrücken lässt.“

Nun gleichen die Beschreibungen von Albert Hofmann schon recht genau den Vorstellungen, die man gemeinhin mit solcher Art von Drogenerfahrungen verbindet. Psychedelische Zustände und visuelle Halluzinationen mit übersteigerten Klang- und Farbwahrnehmungen. Zitat: „Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.“ Besonders merkwürdig war Hofmann, „wie alle akustischen Wahrnehmungen (…) sich in optische Empfindungen verwandelten”. Und genau dahin zielt der Versuch des Bühnen-Tüftlers Luz.

 

LSD - Mein Sorgenkind am Theater Basel - Foto (c) Simon Hallström

LSD – Mein Sorgenkind am Theater Basel
Foto (c) Simon Hallström

 

Dabei ist das Instrumentarium, das der Regisseur hier auf großer Bühne auffährt, relativ sparsam. Thom Luz und Wolfgang Menardi haben einen Versuchsraum geschaffen, der einem Laboratorium wie in der Schweizer Sandoz AG in etwa nahe kommen könnte. Hohe weiße Wände, ein paar Pflanzen und Stühle, dazu ein Cembalo, Soundmixer, Klangstangen, Speichenräder, Monitore, auf denen eine Kamerafahrt durch das nächtliche Basel übertragen wird, eine Verkehrsampel und ein Vogelkäfig.

Es dauert etwas, bis sich das Schauspielensemble, das weiße Kittel und auch mal Atemmasken trägt, eingerichtet hat. Man spielt Minimalmusik und spricht Fragmente aus den Erinnerungen Albert Hofmanns. Etwa die einer „Verzauberung aus Kindertagen“ bei einem Waldspaziergang, bei dem ihm plötzlich alles wie in einem hellen Licht erschien. Ein „Glücksgefühl der Zugehörigkeit und der seligen Geborgenheit“. Dazu zwitschern die Vögel, am Mischpult entstehen immer wieder experimentelle Störgeräusche, und verzerrte Stimmen wie aus dem All gefunkt sind wahrnehmbar.

Vieles wird nur angestimmt, bleibt aber schnell wieder stecken. Ein gewisses ironisch entschleunigtes Marthaler-Feeling macht sich breit. Man singt im Chor Partien aus Haydns Oratorium Die Schöpfung, was sehr gut zum Schöpfungsakt des Wissenschaftlers und seiner späteren Aussage zum Bewusstsein als dem größten Geschenk des Schöpfers an die Menschen passt. Zu den Zustandsbeschreibungen auf der Fahrradfahrt Hofmanns, die genaue Orte, Straßen und Plätze benennen, werden immer mehr Klaviere aufgefahren, in die lange Papierrollen eingespannt sind. Die Dämpfer der Hämmer sind mit Farbe getränkt und hinterlassen beim Anschlag entsprechende Farbmuster auf den Rollen, die an Prospektstangen hochgezogen, schließlich einen ganzen Wald bilden. Die Farbklaviere erzeugen einen sehr schönen Effekt in Klang und Bild, der aber der einzige Farbtupfer auf dunkler Bühne bleibt.

„Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr – von der Wahrheit.“ Dabei hatte sich Hofmann bei der Erprobung tätige Mithilfe beim deutschen Schriftsteller Ernst Jünger geholt. „Es handelt sich ja eigentlich nicht nur um das Visuelle, sondern um die Schärfung der Sinnesorgane überhaupt. Ich möchte sagen, die Bandbreite wird nach beiden Seiten verlängert und überschritten.“ lässt sich der drogenerfahrene „Psychonaut“ in einem Gespräch mit Albert Hofmann in den 1970er Jahren vernehmen. Übrigens legte sich der kultivierte LSD-Genießer Ernst Jünger bei seinen äußerst kontrollierten Trips immer gern Mozart auf.

Bei Luz zerrt es akustisch mal ein wenig in die eine, mal in die andere Richtung. Zu wirklichen Grenzüberschreitungen kommt es aber nie. Als kleine Wahrnehmungsstörung funktioniert der Abend ganz gut, wenn man sich schon darüber wundert, dass einem die Beatles plötzlich spanisch vorkommen. Nun gilt ja Musik durchaus als spiritueller Rauscherzeuger. Besonderer Mittelchen zur kollektiven Verzückung braucht es da nicht unbedingt. Eine Explosion der Sinne oder wie auch immer geartete Bewusstseinserweiterung bleibt hier aber weitestgehend aus. Es wirkt eher wie der meditative Versuch einer spirituellen Kontemplation. Luz verabreicht sein „LSD“ in homöopathischen Dosen. Ein Vogel im Käfig eben. Auch Jünger bezeichnete die Modedroge der Hippies, nachdem er sie zu stark mit Wasser verdünnt hatte, als Hauskatze verglichen mit dem Königstiger Meskalin.

Man lese LSD. Albert Hofmann und Ernst Jünger. Der Briefwechsel 1947 bis 1997, der den intellektuellen Austausch Hofmanns mit dem experimentierfreudigen, nicht ganz unproblematischen Künstler und Lebensphilosophen Jünger dokumentiert. Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen und der Biologe Cord Riechelmann kommen in einem im Buch veröffentlichten Gespräch über Jüngers Drogenexperimente und dessen Essay Annäherungen. Drogen und Rausch zu der interessanten Feststellung: „Wozu habe ich einen Möglichkeitssinn, wenn er mir nicht den Blick auf die Wirklichkeit erweitert?“ Musils „Möglichkeitsmensch“ lässt grüßen. Außerdem klingt das dann schon fast wie eine ultimative Aufforderung für experimentierende Theatermacher.

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LSD – MEIN SORGENKIND (DT Berlin, 15.06.2016)
Inszenierung: Thom Luz
Bühne: Thom Luz, Wolfgang Menardi
Kostüme/Licht: Tina Bleuler
Musik: Mathias Weibel
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer
Mit: Carina Braunschmidt, Mario Fuchs, Wolfgang Menardi, Daniele Pintaudi, Mathias Weibel und Leonie Merlin Young
Uraufführung am Theater Basel: 31.Oktober 2015
Gastspiel des Theaters Basel zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-basel.ch/

Zuerst erschienen am 17.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Zwischen Tragik und Komik, Quatsch und Langeweile – Zweimal Tschechows IWANOW in Wien und München

Juni 14th, 2016

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Iwanow_Volkstheater Wien

(c) Volkstheater Wien

Anton Tschechows Stück Iwanow stellt die typische Frage des Theaters nach Komödie oder Tragödie des Lebens. Der Autor konnte sich damals irgendwie selbst nicht recht entscheiden und hat seinen ersten Komödienentwurf, dessen Uraufführung 1887 eher floppte, zwei Jahre später zur Tragödie umgeschrieben. Wie die Episode um den tief melancholischen, depressiv die eigene Nutzlosigkeit beklagenden Mitdreißigers Nikolai Alexejewitsch lwanow, der alles um sich her mit einem Mehltau aus Misslaunigkeit und Langeweile überzieht, zu deuten ist, daran scheiden sich auch heute noch die Geister, sprich Regisseure. An der Volksbühne hatte 2005 Dimiter Gotscheff die Ödnis der müßigen Tschechow-Figuren im ländlichen Russland auf leerem Bühnenrund in viel Nebel aufgehen lassen.

Zum anschaulichen Vergleich bieten sich nun zwei relativ neue Interpretationen an. Zum einen die Inszenierung des vielgelobten ungarischen Regisseurs Victor Bodo am Volkstheater Wien und zum anderen die des Intendanten des Münchner Residenztheaters Martin Kušej:

Die Grundstimmung und szenische Atmosphäre ist in beiden Fällen zumindest sehr ähnlich. Dazu kommt, dass man sich im Bühnenbild für das etwas heruntergekommene Heim des Gutsbesitzers Iwanow und das wesentlich luxuriösere der Lebedews, wo Iwanow, die Leere seines Alltags fliehend, die Abende verbringt, in beiden Inszenierungen mit leicht abgewandelten Kopien ein und desselben Raums bedient. Während im Wiener Volkstheater immer wieder leicht umdekoriert wird, bewegt sich im Münchner Residenztheater einfach die Drehbühne weiter.

Leer ist die Bühne also keineswegs. In Wien ist sie ein Raum mit sich auflösendem Fischgrätparkett, einer Reihe Sesseln und Nebenräumen mit Veranda, Bad und Küchenzeile, die in den Lebedew-Akten mit einem Regal voll Gläsern der legendären Konfitüre der geizigen Hausherrin ergänzt wird. In München sitzt man auf lose gestellten Stühlen, die bei Iwanow dick mit Staub überzogen sind. Hier kauert er bei schwerer Lektüre und will nicht gestört werden. Martin Kušej hat ihm als Prolog ein paar existentielle Gedanken des düsteren Philosophen Søren Kierkegaard in den Mund gelegt. „Wer bin ich? Wie bin ich in die Welt hineingekommen…“ Er kann sich für seine Klagen allerdings an keinen „Verhandlungsleiter“ wenden und muss sich mit dem vorhandenen Personal zufrieden geben.

 

Iwanow im Residenztheater München - Foto (c) Matthias Horn

Iwanow im Residenztheater München – Foto (c) Matthias Horn

 

Thomas Loibl gibt den Münchner Iwanow als personifiziertes Fragezeichen mit hängenden Schultern, immer schon kurz vorm Äußersten, zu dem es aber erst am bitteren Ende kommt, dass Kušej auch bis zum nämlichen mit Duellfarce und anschließendem Selbstmord Iwanows ausspielt. „Iwanow ist erschöpft, er begreift sich selbst nicht, aber das Leben geht das nichts an.“ schrieb Tschechow in einem Brief an seinen Verleger. Man hält ihn für einen Schuft und Betrüger, der seine an Typhus erkrankte Frau Anna sterben lässt, die für ihn den Glauben und Namen gewechselt hat und dafür von den jüdischen Eltern enterbt wurde. Iwanow plagen Schulden und Schuldgefühle, aber er kann sich weder zu Anna bekennen, noch glaubt er an die „tätige Liebe“ Saschas. Nadine Quittner und Genija Rykova überbieten sich in der Rolle der Tochter der Lebedews an jugendlicher Naivität.

Iwanow fühlt sich unverstanden, von den Leuten verleumdet und den Alltagssorgen aufgefressen. Das ist das ganze Dilemma des „nutzlosen Menschen“, dass sich nun in beiden Inszenierungen über drei Stunden hinwälzt ohne tatsächlichen Erkenntnisgewinn. Gibt sich Victor Bodo in Wien noch ein wenig Mühe, das Publikum mit Livemusik, ein paar Gags und feucht fröhlichen Slapsticks bei Laune und der Stange zu halten, so sackt das Tempo des Münchner Iwanows schon zu Beginn erschreckend gegen Null. Krönung ist die wie eingefroren auf ihre Spielkarten schauende Gesellschaft bei den Lebedews. Heute würde man sie wohl Smartphone-Zombies nennen. Sie brabbeln nur hin und wieder leise von Langeweile und ernten dafür vom Publikum entsprechende Unmutsbekundungen.

 

Iwanow - Foto © www.lupispuma.com / Volkstheater

IwanowFoto © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Einzig Oliver Nägele als stämmiger Lebedjew kann in München noch ein paar wortgewaltige Akzente setzen. Und Spaßkanone Mischa Borkin (gleichermaßen ranschmeißerisch Thomas Frank in Wien wie Marcel Heuperman in München) sorgt für etwas Auflockerung. Ein kurzes Tänzchen in Wien steht gegen ein Totalbesäufnis in München. Nach der Entdeckung der Liebelei Iwanows mit Sascha durch seine ihm zu den Lebedews nachgefahrene Frau folgt die Pause, nach der sich in beiden Theatern die Sitzreihen etwas lichten.

Verpassen würde man in München nicht mehr viel – und in Wien immerhin ein versoffenes Dreigestirn (Günter Franzmeier als Lebedew, Stefan Suske als Graf Schabelskij und Thomas Frank als Borkin), das sich an Wodka-Mix und Kochrezepten berauscht. Der moralisch überkorrekte Arzt Lwow (Gábor Biedermann in Wien und Till Firit in München) stellt Iwanow wegen dessen Frau zur Rede, und der sichtlich Genervte eröffnet wiederrum Anna, dass sie bald sterben wird. In der Rolle der Kranken überzeugt vor allem die von der Wiener Burg ans Volkstheater gewechselte Stefanie Reinsperger, die noch als gespenstische Heimsuchung auf Iwanows verpatzter Hochzeit mit Sascha auftaucht, während in München sich Sophie von Kessel mit tief dunklem Kajal durchs Stück hüstelt.

Höhepunkt ist in Wien wie in München der berühmte Monolog des depressionsgeschüttelten Iwanow, in dem er über sich selbst Gericht hält. Dabei steigt ein zitternder Jan Thümer in Wien aus der Eiswanne, reißt das Parkett aus dem Boden und kotzt sein Leben buchstäblich aus, während Thomas Loibl in München nur in Selbstmittleid auf dem Stuhl zerfließt. Der Rest ist hier wie dort konventionelles, zuweilen etwas rührseliges Konversationstheater. Lediglich Victor Bodo kann stellenweise mit ein paar interessanten Bildern überzeugen und stellt die Komik gleichberechtigt neben die Tragik des Iwanows. Martin Kušej scheint dagegen jegliche Idee, was die Haltung zum Stück und seinem Titelhelden betrifft, abhandengekommen zu sein.

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IWANOW (Volkstheater Wien, 30.05.2016)
Regie: Victor Bodo
Bühne: Lőrinc Boros
Kostüme: Fruzsina Nagy
Musik: Klaus von Heydenaber
Sound- und Tondesign: Gábor Keresztes
Licht: Tamás Bányai
Dramaturgie Angela Heide, Anna Veress
Mit: Gábor Biedermann (Jewgenij Konstantinowitsch Lwow), Thomas Frank (Michail Michajlowitsch Borkin), Günter Franzmeier (Pawel Kirillytsch Lebedew), Steffi Krautz (Sinaida Sawischna), Nadine Quittner (Sascha), Stefanie Reinsperger (Anna Petrowna), Claudia Sabitzer (Marfa Jegorowna Babakina), Martina Spitzer (Awdotja Nasarowna), Stefan Suske (Matwej Semjonitsch Schabelskij), Jan Thümer (Nikolaj Alexejewitsch Iwanow), Luka Vlatkovic (Jegoruschka), Günther Wiederschwinger (Dmitrij Nikitsch Kossych), Klaus von Heydenaber (Musiker) und Loukia Loulaki/Maria Probst (Musikerinnen)
Premiere im Volkstheater Wien war am 18. März 2016
Weitere Termine: 15., 23. 6. 2016

Infos: http://www.volkstheater.at

IWANOW (Residenztheater München, 08.06.2016)
Regie: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Bert Wrede
Licht: Tobias Löffler
Dramaturgie: Götz Leineweber
Mit: Thomas Loibl (Nikolai Alexejewitsch lwanow), Sophie von Kessel (Anna Petrowna), René Dumont Matwej (Semjonowitsch Schabjelski), Oliver Nägele (Pawel Kiriljitsch Lebedjew), Juliane Köhler (Sinaida Sawischna), Genija Rykova (Sascha), Till Firit (Jewgeni Konstantinowitsch Lwow), Hanna Scheibe (Marfa Jegorowna Babakina), Paul Wolff-Plottegg (Dmitri Nikititsch Kosich), Marcel Heuperman (Michail Michailowitsch Borkin), Ulrike Willenbacher (Awdotja Nasarowna), Arnulf Schumache (Jegoruschka), Alfred Kleinheinz (Gawrila/Piotr), Max Koch (Erster Gast), Jeff Wilbusch (Dritter Gast) und Pauline Fusban (Erstes Fräulein)
Premiere war am 4. Juni 2016
Weitere Termine: 21., 30. 6. / 5., 16., 20. 7. 2016

Infos: http://www.residenztheater.de

Zuerst erschienen am 13.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Vor der Morgenröte – Ein eindrucksvoller Film von Maria Schrader über den Schriftsteller Stefan Zweig und seine Jahre im amerikanischen Exil

Juni 10th, 2016

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Vor der Morgenröte_FilmplakatÜber sechs Jahre hat Maria Schrader an ihrem zweiten Kinofilm Vor der Morgenröte gearbeitet. Damals gab es noch nicht einmal den syrischen Bürgerkrieg – geschweige denn dass man in Europa eine Ahnung davon gehabt hätte, was der IS ist. Und dennoch schlägt dieser Film über den österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig als Flüchtling vor der Nazidiktatur aktuell ein wie eine Bombe.

Der Film betrachtet in lose aneinandergereihten Episoden Zweigs Jahre im Exil auf dem amerikanischen Kontinent von 1936 bis zu seinem Freitod 1942 in Brasilien. „Ein halber Kontinent möchte auf einen anderen flüchten, wenn er könnte.“ sagt der Schriftsteller (Josef Hader) in einer Szene mit seiner ersten Frau Friderike (Barbara Sukowa), die ihn mit zahlreichen Bittgesuchen von Bekannten aus der ehemaligen Heimat für amerikanische Visa konfrontiert. Das ist ein Zwischenspiel in New York. Zweig trifft nach Jahren seine Exfrau und deren Töchter wieder und ist sichtlich erschüttert von deren Schilderungen über die beschwerliche Flucht über die Pyrenäen und die Szenen vor der Abfahrt des Schiffes mit Flüchtlingen, die Visa über ein Liste von Eleanor Roosevelt erhalten hatten, in die USA. Nun zählt man auf ihn. Seine Stimme hat Gewicht.

Einige Jahre zuvor, 1936 – Zweig weilt zum P.E.N.-Kongress in Buenos Aires – , gedenkt der deutsche Schriftsteller und Publizist Emil Ludwig (Charly Hübner) – wie Zweig ein literarischer Biograf von Persönlichkeiten seiner Zeit sowie der Welt- und Kunstgeschichte – in seiner Rede den deutschsprachigen Mitgliedern, die noch auf der Flucht sind und von denen man noch nicht genau wusste, ob sie es geschafft haben. Darunter bekannte Namen wie Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Anna Seghers und Walter Benjamin, dessen Schicksal beispielhaft für jene steht, denen die Flucht aus Europa nicht geglückt ist.

 

Vor der Morgenröte_ © X Verleih 1

Vor der MorgenröteFoto © X Verleih

 

Zweig zeigt sich hier beschämt ob dieser klaren Stellungnahme zu den politischen Vorgängen in Deutschland, zu denen er sich als Pazifist und Künstler nicht berufen fühlt und die er sich zuvor bei einer Pressekonferenz auch nicht entlocken lässt. „Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.” ist seine Antwort auf das Drängen eines jungen jüdischen Journalisten (André Szymanski). Zweigs Waffe ist sein Werk, wie er betont. Seinen Einfluss, den er als weltweit verlegter Schriftsteller genießt – der Film macht das mit der Anfangsszene eines großen Banketts zu Ehren des Autors in Brasilien klar – will er nicht politisch ausschlachten.

Zweig ist ein Mensch des Ausgleichs. Auch wenn er die Meinungsfreiheit als hohes Gut schätzt und verteidigt, wird er nicht das Wort gegen Deutschland erheben. Und sein Buch über die neue Exil-Heimat Brasilien ist eine Liebeserklärung, die ihm vor allem von linken Kritikern übel genommen wird. Im südamerikanischen Staat sieht Zweig die Utopie eines geeinten Europas verwirklicht, ohne Unterschied von Hautfarbe, Rasse und Religion. Das ist dann angesichts einer Reise in die Region des Zuckerrohranbaus mit seiner zweiten Frau Charlotte (Aenne Schwarz) schon recht fragwürdig. Zumindest deutet der Film die Gegensätze des Bildungsbürgers und der ländlichen, schwarzen Landarbeiterbevölkerung an. Vom heimischen weißen Bürgermeister wird er dann wieder als internationale Persönlichkeit mit schwarzer Blaskapelle und einem schrägen Donauwalzer geehrt.

 

Vor der Morgenröte - Foto © X Verleih

Vor der MorgenröteFoto © X Verleih

 

Zweig bleibt auch im südamerikanischen Exil ein europäischer Intellektueller, liberal eingestellt, aber wenig reflektiert gegenüber den tatsächlichen Verhältnissen. Und das verbindet ihn unter den europäischen Flüchtlingen wohl noch eher mit Thomas Mann als mit Ernst Bloch oder Bertolt Brecht. Natürlich verfolgt Zweig das Geschehen in Deutschland in der im brasilianischen Exil erhältlichen internationalen Presse. Das und die Berichte der deutschen Flüchtlinge deprimieren ihn allerdings zunehmend. „Es gibt keine Opposition gegen den Krieg als solchen, in keinem Land“, ist das tief enttäuschte und melancholisch gefärbte Credo des Humanisten Zweig. Selbst der Blick in die paradiesischen Pflanzenwelt seiner Zuflucht in Petrópolis lässt ihn verzweifeln vor dem Unglück der Anderen. Trotz allem spricht er dem mit seinem Emigrantenschicksal hadernden Berliner Journalisten Ernst Feder (Matthias Brandt) ironisch Mut zu. Man könnte es schlimmer treffen.

„Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht!” steht in Zweigs Abschiedsbrief, den Ernst Feder am Ende des Films verliest. Der Glaube an ein freies Europa ohne Grenze und Pässe ist Stefan Zweig abhandengekommen. Er hat ihn in eine ferne Zukunft, ein anderes Leben verschoben, dass es auch heute noch gelebt werden will. Die zweigeteilte Kameraeinstellung, der indirekte Spiegelblick auf das Paar auf der einen und die trauernden Freunde im Nebenraum auf der anderen Seite, scheidet klar die Lebenden von den Toten.

Schraders Film ist kein Biopic im üblichen Sinne. In langen, fast meditativen Einstellungen fängt er mehr Stimmungen ein, als dass er über historische Fakten informiert. Es ist der Zwiespalt des Künstlers zwischen politischem Engagement und Dienst am künstlerischen Werk, zwischen Empathie und Hilflosigkeit. Zweig kann zwar in der Fremde weiter publizieren, glaubt aber nicht mehr an die Kraft seiner Worte. Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader verkörpert die innere Zerrissenheit und Depression des Intellektuellen kongenial. Er ist ein Glück für diesen Film. „Hader ist Zweig“, titelte ganz Wien. Josef Hader ist Stefan Zweig und ist es auch wieder nicht, genauso wenig wie Armin Mueller-Stahl je Thomas Mann oder Bruno Ganz Adolf Hitler waren. Und doch wird man beim Namen Stefan Zweig in Zukunft Josef Hader vor Augen haben.

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VOR DER MORGENRÖTE
Stefan Zweig in Amerika (D/F/A, 2016)
Film-Länge: 107 Min.
Regie: Maria Schrader
Buch: Maria Schrader und Jan Schomburg
Kamera: Wolfgang Thaler
Szenenbild: Silke Fischer
Kostümbild: Jürgen Döring
Maskenbild: Monika Fischer-Vorauer, Andreas Meixner
Originalton: Philippe Garnier
Tongestaltung: Kai Tebbel
Mischung: Bruno Tarrière
Musik: Tobias Wagner
Schnitt: Hansjörg Weissbrich, BFS
DIE BESETZUNG:
Stefan Zweig: JOSEF HADER
Friderike Zweig: BARBARA SUKOWA
Lotte Zweig: AENNE SCHWARZ
Ernst Feder: MATTHIAS BRANDT
Emil Ludwig: CHARLY HÜBNER
Joseph Brainin: ANDRÉ SZYMANSKI
In weiteren Rollen: HARVEY FRIEDMAN, OSCAR ORTEGA SÁNCHEZ, IVAN SHVEDOFF,  VINCENT NEMETH, TÓMAS LEMARQUIS, ARTHUR IGUAL, JOÃO CABRAL, JACQUES BONNAFFÉ, BENEDIKT ERLINGSSON, JOÃO DIDELET, NAHUEL PÉREZ BISCAYART, VALERIE PACHNER, SARAH VIKTORIA FRICK, ROBERT FINSTER, STEPHEN SINGER, ABRAHAM BELAGA, IRINA POTAPENKO, MARIA VIEIRA, FRANZISKA TRAUB, RALF HARSTER, ANA PINHEIRO u.a.

Infos: http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/de/

Zuerst erschienen am 09.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Das Wiener Leopold Museum vergleicht Plastiken von Wilhelm Lehmbruck und Berlinde De Bruyckere mit Papierarbeiten von Egon Schiele und Joseph Beuys

Mai 31st, 2016

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Lehbrucl-De Bruyckere_LEODas LEOPOLD MUSEUM in Wien steht derzeit ganz im Zeichen der Skulptur. Während im Untergeschoss des Hauses im Museumsquartier dem deutschen Bildhauer und Begründer der plastischen Moderne Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) eine Retrospektive gewidmet wird, hat man im Erdgeschoss die Hausheiligen des Wiener Jugendstils Gustav Klimt und Koloman Moser ausgeräumt und Platz für die Personale Suture (Naht) der belgischen Bildhauerin Berlinde De Bruyckere (geb. 1964) geschaffen. Einen weiteren Magneten der Sammlung Leopold wird man aber in den letzten beiden Räumen der Lehmbruck-Retrospektive wiederfinden. Der neue Direktor des Leopoldmuseum und Kurator der Ausstellung Hans-Peter Wipplinger stellt dort den gezeigten 50 Skulpturen sowie 100 Zeichnungen und Radierungen des Duisburger Bildhauers den Wiener Expressionisten Egon Schiele (1890-1918) gegenüber, und auch zum Werk der Belgierin De Bruyckere sieht Wipplinger erstaunliche Parallelen. Wie gut die Bronzeplastiken Lehmbrucks mit den Wachsskulpturen von De Bruyckere und den Zeichnungen Schieles korrespondieren, eine künstlerische Gemeinschaft bilden, die physischer Materialität auch eine seelische entgegensetzt, wird man sich hier überzeugen können.

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Und noch ein vierter Künstler ist mit in Bunde: Der deutsche Aktionskünstler, Bildhauer und Zeichner Joseph Beuys (1921-1986), der im letzten Teil der Ausstellung in einem Video seiner Dankesrede für den Wilhelm-Lehmbruck-Preis kurz vor seinem Tod 1986 eine Lanze für die Plastik bricht, indem er Lehmbrucks den Satz, „dass Plastik alles ist,(…) schlechthin das Gesetz der Welt“nahelegt und in Bezug zu Lehmbrucks Werk weiter ausführt: „Man kann sie nur erfassen mit einer Intuition, wobei einem ganz andere Sinnesorgane ihr intuitives Tor offen machen, und das ist vor allen Dingen das Hörende – das Hörende, das Sinnende, das Wollende, das heißt, es sind Kategorien in seiner Skulptur vorhanden, die niemals vorher vorhanden waren.“ Lehmbruck – und das stellt diese Retrospektive Raum für Raum klar – überwand bei seinem Ringen um die neue Form nicht nur den wilhelminischen Naturalismus seiner Lehrjahre an der Düsseldorfer Kunstakademie, er versuchte auch, gegen den Dualismus von Körper und Geist im Sinne einer Vergeistigung der menschlichen Figur, eine neue Spiritualität in der Plastik zu schaffen. Flankierend sind an den Wänden des Raums Beuys‘ Zeichnungen aus der Kölner Mappe von 1957 und andere fragmentarische Aktdarstellungen gehängt.

 

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien - Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien – Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

 

Lehmbruck als Sohn einer einfachen Bergarbeiterfamilie hatte früh ein Auge für Leid und Elend, was ihn auch in die Nähe von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach rückt, die ihm hier im ersten Teil der Ausstellung über die frühen Jahre Lehmbrucks mit bildhauerischen Werken gegenübergestellt sind. Er orientierte sich aber vor allem am idealistischen Maler Hans von Marées, den Bildhauern August Rodin und Aristide Maillol sowie an den Künstlern, die er in seiner Pariser Zeit bis zum Ersten Weltkrieg kennenlernte. Ein weiteres Vorbild war der Bildhauer und Maler Georg Minne, dessen Kniender Knabe (1897) hier neben Lehmbrucks Bronzeskulptur Kniende (1911) steht. „Das Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“, wie es der Schriftsteller Theodor Däubler formulierte. Hier sind schon alle Merkmale des späteren Werks vereint: geometrische Figur, schlanke Gliedmaßen, geneigter und überdimensionierter Kopf. Die maßvolle, asketische Form eines reflektierten Geistes.

Der Impuls des Aufbruchs, das Streben nach Höherem und die Hoffnung eines neuen Menschenbildes, die hier in den beiden Skulpturen der Großen Sinnenden (1913) und des Emporsteigenden Jünglings (1913/14) vereint sind, finden mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein jähes Ende. Der allgemeinen nationalen Euphorie kann sich der zum Sanitätsdienst und als Kriegsmaler eingezogene Lehmbruck nicht anschließen und nimmt mit seiner Figur Der Gestürzte (1915) an einem Wettbewerb für ein Kriegerdenkmal in Duisburg teil. Die Folge sind Unverständnis und harsche Ablehnung, während Lehmbruck weiter Grafiken und Öl-Tempera-Bilder von Verzweiflung, Vernichtung, Leid und Untergang schafft. In einem Gedicht äußert der Künstler erste Selbstmordgedanken: „Habt ihr, die so viel Tod verbreitet, / Habt ihr nicht auch den Tod / Für mich?“

 

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien - Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien – Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

 

Lehmbruck floh 1915 ins Exil nach Zürich. Es folgten Freundschaften und ein reger Austausch mit Schriftstellern und Künstlern wie Elsa Lasker Schüler, René Schickele, Iwan Goll und Hugo Ball sowie eine unglückliche Liebe zur österreichischen Schauspielerin Elisabeth Bergner, die Lehmbruck mehrfach portraitierte. Hier ist u.a. die Büste der 19-jährigen als erratisch entrückte Betende (1918) und ein Zyklus von düsteren Illustrationen zu Shakespeares Königsdrama Macbeth (1918) zu sehen.

„Körper als Fragment“ ist die Zürcher Zeit vor dem frühen Freitod Lehmbrucks im Jahre 1919 überschrieben. Sein plastisches Werk reduzierte sich nun mehr und mehr in Richtung Torso. Und hier kommen dann auch verstärkt die Vergleiche zur Bildhauerin Berlinde de Bruyckere mit ihren an die christliche Ikonografie angelegten Torsi aus Wachs, Kunstharz und Haar sowie Schieles fragmentarischen Selbstbildnissen mit ausgemergeltem Körper. Lehmbrucks Radierung Der verwundete Genius (1919) in Gestalt eines gestürzten Engels hängt hier neben der Skulptur Gefesselter Prometheus des Bildhauers Gerhard Macks, die dieser 1948 nach dem Ende der totalitären Herrschaft des Nationalsozialismus schuf. Lehmbruck porträtiert sich 1918 nochmal wie in einem „metaphorischen Selbstbildnis“ als Kopf eines Denkers. Eine Büste, die die Dominanz des Geistigen gegenüber dem Leib als Hort des Triebes veranschaulichen soll.

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BERLINDE DE BRUYCKERE, Aanéén-genaaid - 2002 © Privatsammlung, Belgien, Foto Mirjam Devriendt

Berlinde De Bruyckere, Aanéén-genaaid – 2002 © Privatsammlung, Belgien, Foto Mirjam Devriendt

Existentielle Probleme des Menschseins bewegen auch Berlinde De Bruyckere. In der Ausstellung im Erdgeschoss kann man sich vertiefend ihren Werkgruppen widmen, in denen die Bildhauerin motivisch die „christliche Schmerzenskultur“ reflektiert. So wie in Lehmbrucks Werk, steht auch bei De Bruyckere der Wunsch körperliches Leid, Schmerz und menschliche Verletzlichkeit erfahrbar zu machen, im Zentrum des plastischen Schaffens. Beispielhaft dafür ist die lediglich auf Kissen gebettete Skulptur Piëta von 2007-2008. Wie in der Ausstellung betont, sind De Bruyckeres Wachs-Skulpturen in ihrer Form deshalb so stark abstrahiert, um die Zeitlosigkeit menschlicher Befindlichkeiten weg von der christlichen Tradition zu verdeutlichen. Besonders anschaulich wird das in der Skulptur San S. von 2003-2004, die nur auf die gekreuzten Beine des Heiligen reduziert ist.

Ein weiteres zentrales Motiv in den Plastiken De Bruyckeres ist die Naht. Nackte, schutzsuchende Figurentorsi wie Aanéén-genaaid (2002) scheinen dabei wie mit Decken vernäht. Die Polarität von Leben und Tod, Liebe und Einsamkeit zeigt sich vor allem in den Werken Into One-Another V To P.P.P. von 2011 oder Eén von 2003-2004, bei dem sich in voneinander separierten Glasvitrinen Körpertorsi förmlich zu durchdringen scheinen. Symbolisch das menschliche Innere nach außen stülpt De Bruyckere in ihrer plastischen Installation Inside Me II von 2010-2011. Teilweise inspiriert von Fotos aus dem Ersten Weltkrieg sind ihre Zeichnungen und Skulpturen eine durchaus anschauliche Ergänzung zum humanistisch geprägten Lebenswerk von Wilhelm Lehmbruck.

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WILHELM LEHMBRUCK
Retrospektive
08.04. – 04.07.2016
Leopold Museum im Museumsquartier Wien
Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Lehmbruck Museum Duisburg

BERLINDE DE BRUYCKERE
SUTURE
08.04. – 05.09.2016
Leopold Museum im Museumsquartier Wien

Infos: www.leopoldmuseum.org/de

Zuerst erschienen am 27.505.2016 auf Kultura-Extra.

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“Wer hat Angst vor Hugo Wolf?” und “Bilder deiner großen Liebe” – Zwei bemerkenswerte Musiktheaterabende in Zürich

Mai 24th, 2016

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? Herbert Fritsch macht sich am Schauspielhaus Zürich virtuos komisch über die romantische Liedkunst her

Wer hat Angst vor Hugo Wolf_Schauspielhaus Zürich_Schaukasten

Schaukasten Schauspielhaus Zürich
Foto: St. B.

Hugo Wolf (1860-1903) ist ein Bruder in Körper und im Geiste eines Franz Schubert, was von der Syphilis bis zum düster melancholischen Wesensart der Liedkomposition reicht. Ein wenig Wahn war bei Wolf auch mit im Spiel. Das ist zunächst kein Grund sich über den Spätromantiker und Wagnerianer Wolf zu erheben, der zu Lebzeiten ähnlich wie Schubert nicht viel galt, aber die gesamte Sehnsuchts- und Schmachtpallette der Dichtkunst deutscher Romantik von Goethe über Mörike, Eichendorff, Fallersleben und Heine bis zu Keller vertont hat. Das romantische Kunstlied ist nun im Kunstschredder von Dada-Wicht Herbert Fritsch, der sich am Geburtsort der sinnverneinenden Kunstvernichtung Zürich allen Ernstes fragt:  Wer hat Angst vor Hugo Wolf?

Als Referenzen stecken da sowohl das bekannte Albee-Drama Wer hat Angst vor Virginia Woolf als auch das Skandal-Gemälde von Barnett Newman Who’s afraid of red, yellow and blue, ein Hauptwerk des Abstrakten Expressionismus, auf dem die Primärfarben Rot, Gelb und Blau als monochrome Farbflächenvariation streifenartig nebeneinander angeordnet sind. Ähnliches hat man Wolfs Kompositionen vorgeworfen, die angeblich leitmotivisch aus der Variation einer einzigen musikalischen Phrase bestünden. Diese These greifen auch Herbert Fritsch und sein Musiker Carsten Meyer unterstützt von der Berliner Sängerin Ruth Rosenfeld für die Arrangements des Zürcher Liederabends auf.

Herbert Fritsch, Regisseur - Foto (c) Thomas Aurin

Herbert Fritsch, Regisseur
Foto (c) Thomas Aurin

Auf Fritschs Bühne kreiseln drei spiegelnde Farbwände in besagtem Rot, Gelb und Blau, die auch gegeneinander um die eigene Achse gedreht werden können. Eine gut illuminierte Showbühne, auf der noch ein schwarzer Flügel steht, den Pianist Carsten Meyer in Las-Vegas-Kostüm virtuos bedient. Das erinnert in den Farben auch ein wenig an Fritschs Dieter-Roth-Abend Murmel, Murmel an der Berliner Volksbühne und in der schrägen Textzusammenstellung an den Konrad Bayer-Abend der die mann, für den der Regisseur gerade erst beim Berliner Theatertreffen mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde.

Fluxus und Dada halten sich in Zürich aber in Grenzen zu Gunsten von sieben Damen mit wunderbaren Gesangsstimmen, die die Bühne zunächst in schwarzen Anzügen mit angeklebten Bärtchen ganz wie die Comedian Harmonists erobern und zu einer Ouvertüre mit Mörikes Du bist Orplid, mein Land! / Das ferne leuchtet ansetzen. Damit legen Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld und Carol Schuler gleich zu Beginn das schöne, große Pathos frisch ironisierend frei.

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie - Foto: Wikipedia

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie
Foto: Wikipedia

Sieben singende Frauen und ein böser Wolf, eine ebenso romantische Märchen-Assoziation wie Steilvorlage für Fritschs witzige  Blödeleien. Und gemäß Goethes Diktum des ewig Weiblichen übernehmen sie die Regie und geben sie bis auf kurze Momente in denen Carsten Meyer seinen Flügel mit Jazzbesen bearbeitet, nicht wieder aus der Hand. Neben der modern arrangierten Musik des Komponisten Wolf. Weiteres bestimmendes Element sind die wie immer absurden, slapstickartigen Choreografien, die sich im Wechsel der Kostüme, Lichter und Schatten um die drei Wände drehen.

Fritsch dekonstruiert wahnwitzig Text und Musik indem er Mörikes Selbstgeständnis Ich bin meiner Mutter einzig Kind im sich überschlagenden Schnellsprech aufsagen lässt, eine Gruppe Geishas in Phantasiekimonos zu Ich esse nun mein Brot nicht trocken mehr aus dem Italienischen Liederbuch performen, oder Mörikes Frühling lässt sein blaues Band mit Marschmusik unterlegt wird.

Wandern lieb ich für mein Leben von Eichendorff ergeht es nicht viel anders als Ein Stündlein wohl vor Tag von Mörike oder gar Goethes Prinz Pipi. Sie werden durch den Fritsch’schen Lieder-Wolf gedreht. „So la la! Le ralla!“ Und auch der potentielle Rezensent bekommt sein Fett ab, wenn er von Anne Ratte-Polle mit Mörikes Abschied verbal rasch die Treppe hinab gegangen wird.

Die sieben Damen in abgestuften Komplementärfarb-Kostümen lassen nichts aus, um die Hör- und Sehgewohnheit des Bildungsbürgers zu verunsichern. Dass das nur bedingt gelingt, liegt sicher an der grandios perfekten Darbietung, die 90 Minuten bestens unterhält, aber auch etwas zu sehr nur schöne Oberfläche bleibt. Wenn die Sieben immer wieder unermüdlich das Erschrecken voreinander variierenden um die sich drehenden Wände hasten und am Ende wie Minz und Maunz warnend die Hände erheben, so lässt sich das Publikum nicht von einem Laß, o Welt, o laß mich sein! beirren,  und will unbedingt mehr davon. Zugabe gab‘s sofort bei der typischen Applausordnung.

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? (06.05.2016)
von Herbert Fritsch
Uraufführung am 23.04.2016 im Schauspielhaus Zürich
Regie: Herbert Fritsch, Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Helmi, Musikalische Leitung: Carsten Meyer und Ruth Rosenfeld, Dramaturgie: Amely Joana Hag
Mit: Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Carsten Meyer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause.

Termine: 25. und 31.05. / 07., 23., 24. und 30.06.2016

Infos: http://www.schauspielhaus.ch

Zuerst erschienen am 08.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Bilder deiner großen Liebe – Sandra Hüller rockt am Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus Wolfgang Herrndorfs unvollendetem Roman

Bilder Deiner Grossen Liebe_Theater Neumarkt_Montage

(c) Theater Neumarkt

Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Dr. Martins – die Schauspielerin Sandra Hüller performt am kleinen Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus dem nachgelassenen und unvollendet gebliebenen Roman Bilder deiner großen Liebe des 2013 verstorbenen Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. In einem krachigen Intro, an Gitarre und Schlagzeug von den Musikern Moritz Bossman und Sandro Tajouri begleitet, hält Hüller mit dem Finger eine imaginäre Sonne an. Isa, Herrndorfs Hauptfigur und Herrscherin in ihrem Universum, macht sich eines Tages aus der Psychiatrie mit zwei Tabletten und ihrem Tagebuch im Gepäck durchs Fenster aus dem Staub. „Steigt man aus dem Fenster, gelangt man in einen Raum wie in seinem eigenen Inneren.“ sagt Isa im Roman, und aus diesem Inneren holt die 14jährige den phantasievollen, poetischen Soundtrack ihres ganzen kurzen Lebens.

2015 hatte die Uraufführung der Bühnenfassung von Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Auch der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer nahm im Januar dieses Jahres Koalls Adaption als Vorlage für seine Inszenierung am Hans Otto Theater. Tom Schneider überführt nun die Text-Vorlage für die Schweizer Erstaufführung in eine Art Spoken-Words-Performance mit Live-Musik. Bühnenbildner Michael Graessner hat ihm dazu eine Studio-Installation mit wirr verlegtem Kabelsalat, abgehängten Skulpturen und Zimmerpflanze für Isas Wald geschaffen.

Innen und außen sind hier nicht klar definiert. Erinnertes aus dem Leben der Protagonistin, wie die widersprüchlichen Geschichten über den Vater, oder ein filmreifer Serienplot über eine auf die Rückkehr eines Soldaten aus Afghanistan Wartenden stehen neben unglaublichen Begegnungen mit geilen Fernfahrern, einem älteren Schriftsteller oder der Fahrt mit einem Flussschiffer. Finden dies Gespräche mit so fantastischen Figuren wie dem taubstummen Jungen nur im Kopf Isas statt, oder ist es tatsächlich Erlebtes? Realität verschwimmt hier mit Fiktion wie Gesprochenes mit dem Gesang.

 

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt - Foto (c) Niklaus Strauss

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt – Foto (c) Niklaus Strauss

 

Sandra Hüller agiert mit Mikro, selbstgesteuerten Lichteffekten, Verzerrer und Hall. Sie demonstriert ziemlich anschaulich diese zwei Welten Isas – die dunkle und die andere – schont sich nicht dabei und lotet in ihrer Performance immer wieder die Grenzen der Repräsentation und Interaktion mit dem Publikum aus. Es ist letztendlich wie in einem echten Konzert, bei dem die Sängerin ihr Innerstes sehr emotional nach außen stülpt. “My Heart is a Graveyard” singt Sandra Hüller zur Szene, in der Isa auf dem Friedhof vor dem Grab eines jung Gestorbenen steht. In der Szene, in der sie einen toten Jäger im Wald findet, kriecht sie in einen am Boden liegenden Pelzmantel.

Der Wegfall von so zentralen Episoden wie die im Haus des Schriftstellers, der seine Tochter verloren hat, oder die sehr lange epische Passage mit dem Flussschiffer werden vielleicht einige verwundern, die den Roman zuvor bereits gelesen haben. Regisseur Schneider scheint es aber vor allem um die Gedanken und Reflexionen Isas zu gehen, die sich viel um Einsamkeit und den Wunsch nach Geborgenheit drehen. Mit taffer Souveränität überspielt sie diese Unischerheit immer wieder mit ihrer selbstgewählten Außenseiterrolle. Hüller nutzt das ein ums andere Mal zur ausgestellten Pose, die die eigentlich zarte und barfüßige Isa ins imaginäre, schützende Leder einer Rockdiva kleiden.

Gegen das Schreien und die volle Verausgabung stehen sehr persönliche, entblößende Momente, in denen Sandra Hüller auf einem Tennishochsitz über das Alter, das Erinnern und die Liebe spricht. Sehr offen performativ auch die Schilderung der Begegnung mit den aus Herrndorfs Tschick bekannten Jungen, die hier von den beiden Musikern wie bei einem improvisierten Interview gespielt werden. Der Russe und der schüchterne Blonde, in den sie sich verliebt und er auch in sie. Nur weiß er das eben noch nicht, wie Isa erzählt. Hier ist sie ganz weich und legt die schützende Haut ab, auch wenn das nur für Minuten ist, bevor sie wieder an der Abrisskante steht und in den Abgrund blickt.

Die großartige Sandra Hüller bietet eine überzeugende Soloperformance, die auch ein großer Abend für das kleine, im 50. Jahr seines Bestehens von Finanzierungsunbill bedrohte Theater Neumarkt ist.

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Bilder deiner großen Liebe
von Wolfgang Herrndorf, Bühnenfassung von Robert Koall
Regie: Tom Schneider
Bühne und Kostüme: Michael Graessner
Dramaturgie: Inga Schonlau
Musik: Moritz Bossmann, Sandro Tajouri, Sandra Hüller
Mit: Sandra Hüller, Moritz Bossmann, Sandro Tajouri
Premiere der Schweizer Erstaufführung war am 28.04.2016 im Theater Neumarkt
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Termine: wieder in der nächsten Spielzeit

Infos: www.theaterneumarkt.ch/home.html

Zuerst erschienen am 10.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Faustens düstere Brüder im Geiste – Schillers “Wallenstein” an der Berliner Schaubühne und Ibsens “Peer Gynt” am Hans Otto Theater Potsdam

Mai 18th, 2016

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Spät kommt er, aber er kommt zu spät – Michael Thalheimer inszeniert Schillers Wallenstein als müden Melancholiker

 

Wallenstein von Friedrich Schiller Schaubühne am Lehniner Platz Premiere: 05.05.16 Regie: Michael Thalheimer Bühne: Olaf Altmann Kostüme: Nehle Balkhausen Musik: Bert Wrede Szene mit: Regine Zimmermann, Ingo Hülsmann

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto (c) Katrin Ribbe

Schwerer Nebel begleitet einen schon beim Einlass zu Michael Thalheimers Wallenstein-Inszenierung an der Berliner Schaubühne. Es ist erst mal nicht viel zu sehen. Düster und brachial haut einen dann auch Bert Wrede seinen gewohnten Bombast-Sound um die Ohren und in die Magengrube. Dazu gibt es einen minutenlangen Prolog mit nackten, blutigen Leibern, die sich um einen vom Schnürboden hängenden halben Pferdekadaver drängen. Der andere Teil, bald ebenso totes Fleisch, sitzt regungslos in Militäruniform mit Orden behangen in einem Lehnsessel am Rand. Es ist Feldherr Wallenstein, Herzog von Friedland, über dessen letzte Tage während des Dreißigjährigen Kriegs Friedrich Schiller eine tagfüllende Trilogie geschrieben hat. Peter Stein hat sie vor Jahren komplett aufgeführt mit einem umherstolzierenden Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle.

Ingo Hülsmanns Wallenstein sitzt fast drei ununterbrochene Stunden lang zusammengesunken sinnierend, während sich um ihn ein Ränkespiel um Macht, Rache und Verrat entspinnt, in das der sein Geschick an die Konstellation der Sterne Hängende viel zu spät tätig eingreifen wird. Hinter ihm steht sein Astrologe und diabolischer Einflüsterer Seni (Lise Risom Olsen). Er hält ihn eisern an der Schulter, bleierne Gewichte scheinen den böhmischen Kriegsherrn im Dienste des österreichischen Kaisers auf seinem Stuhl niederzuhalten. Er grollt und brüllt nur an, was ihm vors halb gesenkte Haupt kommt: vom kaiserlichen Gesandten über die Gefolgsleute bis zu Frau und Tochter.

Regisseur Thalheimer lässt auf der fast ständig halbdunklen, einem Käfig aus Gitterwänden und Boden gleichenden Bühne von Thomas Altmann eine Geschichte von unabwendbarem Schicksal und fataler Selbstüberschätzung spielen, als würde alles nur auf das eine klare Ziel hinauslaufen: Wallensteins Tod. Der Heidelberger Literaturprofessor Dieter Borchmeyer liefert die entstehungsgeschichtlichen Hintergründe zum Drama und eine These zur Verwandtschaft von Schillers Wallenstein zu Goethes Faust, dem melancholischen Bruder im Geiste – ein Essay über den Zusammenhang der beiden Dramen der Weimarer Klassik in ihrer epischen Form sowie den der Sterndeutung mit der Temperamentlehre. Viel wird in beiden Dramen von Schicksalsmacht, geistigen und materiellen Befindlichkeiten geredet, allein drei Stunden Wallenstein lassen sich damit kaum füllen. Da muss auch noch mächtig der Intrigenapparat angeworfen werden.

 

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (c) Katrin Ribbe

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Katrin Ribbe

 

Das Thalheimer‘sche Schauspielpersonal geht dafür immer wieder an die Rampe, um den großen Text Schillers frontal ins Publikum zu sprechen, den man auch in ausgedünnter Form noch genießen und eine Strichliste der geflügelten Worte führen kann. Politischer Erfolg und Verrat liegen hier dicht beieinander, die intriganten Akteure Illo (Andreas Schröders) und Graf Terzky (Felix Römer) pro Wallenstein, Octavio Picolomini (Peter Moltzen) und später Buttler (Urs Jucker) gegen ihn sind im sprachlichen Diktum kaum auseinanderzuhalten. Verschlagenheit, Hass und Furcht vor der eigenen Entschlossenheit lassen sie zudem zappeln, grimassieren und irre lachen.

Ein paar Abstufungen gibt es schon, die das düstere Einerlei der Kostüme durchbrechen. Regine Zimmermanns Gräfin Terzki versucht in wechselnd aufreizender Garderobe zu verführen und greift dem müden Feldherrn auch mal ans Gemächt. Das verhinderte Liebespaar Thekla (Alina Stiegler), Tochter Wallensteins, und Max (Laurenz Laufenberg), Sohn des Octavio Picolomini, trägt noch unbeflecktes Weiß, der jugendliche Idealismus lässt grüßen, hat aber gegen die Abgeklärtheit des Alters nicht viel zu melden.

Sich gegen die Treue zum Kaiser zu entscheiden, um einen Frieden mit den Schweden zu auszuhandeln, hat für Wallenstein auch ganz persönliche Gründe. Er fühlt sich zu Höherem berufen. Seine Entscheidungsarmut erinnert aber nicht nur an das Konfliktaussitzen aktueller Politiker, es hat auch etwas von Shakespeares Hamlet, der lange nicht die richtige Seite findet und am Ende durch die Ränke der anderen fällt. So ist es letztendlich auch mit Wallenstein. Vom einen verraten, vom anderen blutig gemeuchelt und aufs tote Pferd gesetzt, gerät der Stern des selbsternannten Cesaren ins Trudeln. Aber auch der Nachfolger im Sessel hat schon wieder den Einflüsterer vom Anfang im Nacken.

Das ist stringent, ohne große Umschweife und durchaus schlüssig erzählt. Michael Thalheimer beendet mit Schillers Wallenstein seine eigene blutige Kriegstrilogie, die von der antiken Orestie über die mittelalterlichen Nibelungen bis in den Dreißigjährigen Krieg reicht. Die Kriege der Gegenwart und Zukunft stehen hier nicht zur Debatte, man muss dafür aber nicht erst die Sterne deuten.

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WALLENSTEIN (Schaubühne am Lehniner Platz, 05.05.2016)
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Bernd Stegemann
Licht: Norman Plathe
Besetzung: Wallenstein … Ingo Hülsmann Octavio Piccolomini … Peter Moltzen Max Piccolomini … Laurenz Laufenberg Graf Terzky … Felix Römer Illo … Andreas Schröders Buttler … Urs Jucker Isolani, Gefreiter … David Ruland Questenberg, Wrangel … Ulrich Hoppe Seni … Lise Risom Olsen Herzogin von Friedland … Marie Burchard Thekla … Alina Stiegler Gräfin Terzky … Regine Zimmermann
Premiere war am 05. Mai 2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: 3 Stunden, keine Pause
Weitere Termine: 10. – 12. 6. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 07.05.2016 auf Kultura-Extra.

 

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Peer Gynt Alexander Nerlich inszeniert Henrik Ibsens dramatisches Gedicht in Potsdam als düsteres Psychogramm einer gespaltenen Persönlichkeit

Das 1867 von Henrik Ibsen geschriebene dramatisches Gedicht Peer Gynt ist als großes Ichdrama die kongeniale Übersetzung des Faustmotivs in die Gegenwart des modernen Menschen. Nicht umsonst wird es weithin auch als „Faust des Nordens“ bezeichnet. Peer Gynt treibt als einziger Lebenszweck die permanente Sucht nach Selbstfindung und -bestätigung an. Dabei bewegt ihn weniger die Suche nach dem, was die Welt im Inneren zusammenhält, sondern der unbedingte Wille zum Erfolg. Der Außenseiter Peer muss besser sein als alle anderen, die in ihm nur den Verlierer und Träumer sehen. Er ist sich dabei sein eigener Mephisto, eine höchst ambivalente Gestalt, die mit sich selbst ringt.

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam - Foto © HL Böhme

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam – Foto © HL Böhme

Ich-sein oder Nicht sein – was Ibsen zunächst in nordische Mythen von Geistern und Trollen verpackt, später mit frühkapitalistischen Motiven des Geld- und Sklavenhandels sowie philosophischen Metaphern von sich häutenden Zwiebeln und Knopfgießern anreichert – ist für Regisseur Alexander Nerlich das Psychogramm einer manischen, tief gespaltenen Persönlichkeit. Und daher begegnet sich der Peer Gynt am Potsdamer Hans Otto Theater auch immer wieder selbst auf der von Wolfgang Menardi als schwarze Bretterschräge gestalteten Bühne, die seitlich mit ebenso schwarzen Plastikplanen abgehängt ist und in deren Mitte immer wieder ein dunkles Loch droht, das mal mit einfachen, schwarzen Brettern oder später mit goldenen Vorhängen umsäumt wird.

Schon in einer surrealen Eingangsszene stehen sich Bernd Geiling als gealterter Peer aus dem 5. Akt und Alexander Finkenwirth als sein junges Alter-Ego und unheimlicher fremder Passagier in grünen Friesennerzen auf hoher See gegenüber. Der Fremde will Peer Gynt nicht die Seele dafür aber dessen Kadaver abhandeln. „Vor allem suche ich den Sitz der Träume.“ Später wird Finkenwirth als junger Peer mit dem unsichtbaren Krummen, dargestellt von Bernd Geiling, erneut mit sich selbst ringen. Der Weg führt außen rum, immer an sich selbst vorbei. Diesen jungen Peer spielt Alexander Finkenwirth als ungestümen Träumer, der sich in seine Geschichten verstrickt und die Hochzeitgesellschaft der schönen Ingrid (Denia Nironen) aufmischt. Von Mutter Aase (Rita Feldmeier) wird er zwar als Lügner beschimpft, sie nimmt ihn aber auch immer wieder gegen die anderen in Schutz. Aus der Enge der spießigen Bretterbudengesellschaft mit Luftballons und Schlauchboothüpfburg, in die er erst unbedingt hinein will, bricht Peer schnell wieder mit der gestohlen Braut aus.

Im ersten Teil des Abends bleibt Regisseur Nerlich ungewohnt lange bei der heimischen Vorgeschichte des Titelhelden und seiner Mutter Aase, bis Peer sie schließlich in seinen Armen mit schönen Märchen in den Himmel wiegt. Er trifft ein schwarz bemaltes Troll-Ballett, wird zum wilden Tanz gebeten und flieht wieder. Mit der Akkordeon spielenden Solvejg (Franziska Melzer) geht Peer in die Wälder und baut sich eine Hütte aus schwarzen Schlauchbooten. Letztendlich verlässt er aber seine Liebe, um in die Welt zu ziehen. Sei dir selbst genug, ist nicht genug für Peer. Das ist äußerst intensiv gespieltes Theater mit einem ausdrucksstarken Alexander Finkenwirth, der bis zur Pause stetig präsent bleibt. Mal ist er feinfühlig Liebender, dann wieder Ego-Rampensau. Die frisch gereimte, mitunter kalauernde Übersetzung von Angelika Gundlach bietet hier und da auch einige passende Anspielungen zum Theater.

 

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam - Foto © HL Böhme

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam – Foto © HL Böhme

 

Nach der Pause übernimmt Bernd Geiling den Part des nun weit umher und durch Sklavenhandel zu Geld gekommenen Peer Gynt. Ein Lebenszyniker, der mit solariumsgebräunten Bussiness-Chargen (Michael Schrodt, Eddie Irle und Philipp Mauritz in noch vielen weiteren Rollen) an einer Tafel mit schwarzer Plane und Hirschkadaver hockt, und über sein Leben sinniert. Er spielt weiter den „geilen Hahn“, wird von der orientalischen Schönheit Anitra (Denia Nironen) am Gängelband geführt und landet schließlich im Irrenhaus, wo man ihm sein Ich streitig macht. Das ist die wohl stärkste Szene des zweiten Teils, der sonst fast diametral zum intensiven ersten wirkt. Aus dem Loch steigen drei weitere Peers und verwickeln Bernd Geiling in ein wildes Tänzchen des gespaltenen Individuums.

Ein wahrlich faustischer Moment. Den passenden Sound dazu gibt’s von Malte Preuß, der zwischen düsterem Pop, Ambient und Klassik schwankt. Auf schwankenden Planken und Planen bewegt sich auch Peer auf seinem Weg nach Hause, wo er seiner Beerdigung beiwohnt, sein Leben wie eine Zwiebel häutet und unter den Brettern der Welt nur Sand findet. Fast wie im Schnelldurchlauf zieht sein Leben, von dem er glaubte, es ende nie („Man stirbt nicht mittendrin im 5. Akt.“), an ihm vorüber. Doch schon unter der schwarzen Tafel hockt wieder sein jüngeres Alter-Ego, das ihn nicht in Ruhe lässt und schließlich später, wenn er verarmt wieder daheim angekommen ist, als Knopfgießer (Alexander Finkenwirth) einfach als misslungen umgießen will. Erst in den Armen Solvejgs, die ihn in den letzten Traum wiegt, findet der vom eigenen Ich Verfolgte so etwas wie innere Ruhe und ein durchaus bemerkenswerter, gut drei Stunden lang sämtliche Höhen und Tiefen seiner Hauptperson auslotender Abend sein stilles Ende.

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Peer Gynt (29.04.2016)
von Henrik Ibsen Deutsch von Angelika Gundlach Regie: Alexander Nerlich
Bühne und Kostüme: Wolfgang Menardi
Musik und Sounddesign: Malte Preuß
Choreografische Mitarbeit: Alice Gartenschläger
Dramaturgie: Helge Hübner Mit: Alexander Finkenwirth, Bernd Geiling, Rita Feldmeier, Franziska Melzer, Denia Nironen, Michael Schrodt, Eddie Irle, Philipp Mauritz
Premiere war am 23.04.2016 am Hans Otto Theater Potsdam Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Termine: 18. und 29.05. / 03.06.2016

Info: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 03.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Entdramatisiertes Retrotheater mit Peter Handke und René Pollesch am Berliner Ensemble und an der Volksbühne

Mai 11th, 2016

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Langer Titel, langes Warten, Langeweile – Nach Wien biegen Claus Peymann und Peter Handke mit Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße endlich am Berliner Ensemble in die Zielgerade

Die Unschuldigen_BE-Plakat

Foto: St. B.

Peter Handke hat sich etwas Zeit gelassen. Bereits seit Längerem konnte man auf der Website des Berliner Ensembles lesen, dass Claus Peymann die Inszenierung eines neuen Stücks des österreichischen Schriftstellers und Dramatikers, mit dem ihn eine langjährige Hassliebe verbindet, plane. Vor einem Jahr wurde dann freudig die Uraufführung für Januar 2016 am Wiener Burgtheater, an dem Claus Peymann 13 lange Jahre selbst Direktor war, angekündigt. Ein durchaus denkwürdiges Ereignis, ist es doch nun immerhin auch schon wieder 17 lange Jahre her, dass Peymann Wien samt Hose sowie anderem toten und lebenden Inventar in Richtung Berlin verlassen hat.

Fast ebenso lang ist auch Peymanns Liste mit Handke-Uraufführungen, angefangen mit der 1966 am Frankfurter Theater am Turm uraufgeführten Publikumsbeschimpfung. Recht lang ist auch der Titel ihrer 11. Zusammenarbeit, und ein wenig geschimpft wird auch hier. Peter Handke hat mit Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (auf 180 Seiten) eine mal in poetischem, dann wieder gebräuchlichem Prosa-Ton anklagende bis selbstironisch klagende Suada (in vier Jahreszeiten) auf die moderne Welt und die darin „unschuldig“ umherstreifende Menschheit geschrieben. Der Autor bedient sich dabei so manchem literarischeren Zitats und einiger Anspielungen an den herrschenden Dramenkanon von der Bibel über Shakespeare und Goethe bis hin zu Brecht.

Ein zunächst einsames Ich, das sich immer wieder in einen Ich-Erzähler und ein Ich, der Dramatische spaltet, wandert mit Rucksack auf einer ebenso einsamen Landstraße. Es ersehnt und flieht die Menschen, beschimpft sie z.B. als (Achtung Kalauer) „Pack, Doppelpack, Tetrapack“ und wartet auf die eine Unbekannte, die ihn erlöst. Der poetisch-prosaische Ich-Wandersmann, den Claus Peymann ins Rennen schickt, ist Christopher Nell, gut bekannt als wahn-wütiger Hamlet des Leander Haußmann und wahn-witziger Mephisto des Robert Wilson. Hier ist Nell ganz der lustige Kerl mit leichten Anwandlungen zum Rumpelstilzchen. Während das Ich auf der Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann mit geschwungener und beleuchteter Kurve wandelt, fabuliert es sich beim Gehen so seine Theater- und Menschheitsgeschichte hin, denn nichts zu suchen, das war sein Sinn.

 

die Unschuldigen ... am BE - Foto (c) Monika Rittershaus

Die Unschuldigen … am BE – Foto (c) Monika Rittershaus

 

Es läuft ihm dann alles mehr wie zufällig und dennoch recht erwartbar über den Weg. Allerdings ist dieses Stück Straße im dramatischen Nirgendwo auch eine theatrale Sackgasse, und das ist zunächst nicht mal abschätzig gemeint. Mit ein bisschen Fingerschnipsen entstehen Theaterdonner und Blitze, Vogelgezwitscher; und eine ruinöse, aufgelassene Bushaltestelle fährt aus der Unterbühne hoch, die sich das Handke-Ich als elfenbeinernen Ausguck wählt, auf dem es wachträumt oder von dem es immer wieder über die vorbeiziehenden Sprechblasenkrebse, tätowierten Schwimmlehrer, Gegoogelten, Rundinformierten und sämtlich Smartphoneabhängigen vom Planeten der Traumlosen, die ihm einfach nicht zuhören wollen, mit fast schon oberlehrerhaftem Tonfall herzieht.

Das schlägt natürlich auch mal in die andere Richtung aus. Mit dem Häuptling und der Häuptlingsfrau gibt es so etwas wie einen weiblichen und einen männlichen Gegenpart, die die nicht wenigen Unschuldigen, wie sie Handke nennt, an- und wortführen. Da wird viel von Maria Happel tremolierend gekichert und gejodelt oder mit weiser Stimme von Martin Schwab geschnarrt. Claus Peymann veranstaltet ein wenig Budenzauber und spielt Komödchen mit Handkes selbstreferenzieller Lebensbeichte eines mit sich und der Welt hadernden Intellektuellen, der den letzten freien Weg der Welt verteidigt. Das ist selten wirklich witzig, eher unfreiwillig komisch und putzig anzuschauen.

Schlussendlich stößt die doch noch aufgetauchte und zunächst stumm gestikulierende Unbekannte unseren blinden, selbstverliebten Denker etwas unsanft und wortschwallend vor die Stirn. Meret Becker musste sich in nur drei Tagen die Rolle der verletzten Burgtheaterschauspielerin Regina Fritsch drauf bringen. Die Berlinpremiere wurde dafür um einen Tag verschoben. Da weht dann schon mal so etwas wie Anarchie durch das Mausoleum der ewig Gestrigen, die hier viel von Damals reden.

Die etwas lang geratenen Unschuldigen mit dem noch längerem Namen sind gegen Gotscheffs bemerkenswert leichte und dennoch schwergewichtigere Handke-Inszenierung von Immer noch Sturm (Shakespeares Prospero wird hier dann auch noch bemüht) leider ein ziemlich laues Theaterlüftchen. Da macht sich am nicht enden wollenden Ende, dem nach Handke letzten Stündlein fürs Theater, trotz flehendem Hoffnungsgeraune an Brechtgardine auf Dauer doch etwas Langeweile breit. Und jetzt? Da wäre nichts gewesen, was uns Peter Handke nicht an anderer Stelle schon wesentlich pointierter gesagt hätte.

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Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (01.05.2015)
Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten von Peter Handke
Eine Koproduktion des Berliner Ensembles mit dem Burgtheater Wien
Uraufführung war am 27.01.2016 im Burgtheater Wien
Berlinpremiere war am 01.05.2016 im Berliner Ensemble
Regie: Claus Peymann
Bühne: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Margit Koppendorfer
Dramaturgie: Jutta Ferbers und Anke Geidel
Licht: Karl-Ernst Herrmann und Friedrich Rom
Musikalische Mitarbeit: Moritz Eggert
Geräusche / Töne: David Müllner
Mit: Christopher Nell (“ich” im Wechsel zwischen “Ich, Erzähler” und “Ich, der Dramatische”), Krista Birkner, Anatol Käbisch, Luca Schaub, Hermann Scheidleder, Martin Schneider, Fabian Stromberger, Jörg Thieme (Die Unschuldigen, nicht wenige), Felix Strobel (Die Unschuldigen, unter ihnen mein Doppelgänger), Martin Schwab (Der Wortführer der Unschuldigen oder: Häuptling/Capo), Maria Happel (Die Wortführerin der Unschuldigen oder: Häuptlingsfrau/Häuptlingin/Frau), Meret Becker (Die Unbekannte von der Landstraße)
Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Termine: 12. und 13.06.2016

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/120

Zuerst erschienen am 03.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit der Bong auf dem Balkon – Im neuen René Pollesch I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung wird an der Berliner Volksbühne der Kunst des Stoner-Movies und der virtuosen Beleidigung gehuldigt.

Nicht nur Peter Handke kann lange Stücktitel, nein auch René Pollesch hat schon einige Textwürmer kreiert wie etwa Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte oder Wann kann ich endlich in einen Supermarkt gehn und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen? Sein neuer Streich an der Berliner Volksbühne heißt etwas kryptisch in Denglisch: I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung. Eine geistige Darmwurst, sprich Abfallprodukt, des großen Twitter-Nachrichtendienstes on WorldWideWeb, wo sich der Autor Pollesch im Gegensatz zum Autor Handke ziemlich aktiv herumtreibt.

 

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

 

Wie Handkes Unschuldige … am Rand der Landstraße befinden sich die vier Pollesch-Akteure Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider auf der Retrospur, wobei sie sich mit ihren Glitzerkostümen, dem Hang zum Kiffen und der Musik von Scott Walker wohl in den 1960er und 70er Jahren befinden. Im Bühnenbild, das aus drei Wagen der Rollenden Roadshow von Bert Neumann besteht, die seitlich auf der Asphaltfläche des Theatersaals stehen, spiegelt sich ein wenig die guten alten Volksbühnenzeiten, und das Publikum sitzt direkt davor wie einst im Prater, einem schönen Nebenspielplatz, den René Pollesch in den Anfangsjahren der Castorf-Ära etablierte. Man bewegte sich damals auf einer kleinen Seitenstraße der Volksbühne, die nun selbst im Mainstream angekommen ist, wie US-Rocker Bruce Springsteen, der “Hiding on the Backstreet” röhrt.

Im Gegensatz zu Peter Handke findet René Pollesch zum Glück immer wieder einen Diskurs-Schleifenweg back to Futur oder zumindest ins aktuelle politische Alltagsgeschehen. Im Rückblick auf die Jammer-Kultur des No Futur der 1980er ist Zukunft heute kein Thema mehr für Gesprächsrunden. Keine Zukunft, kein Zuhause. Der Pollesch‘sche moderne und spaßverliebte No-Futur-Mensch lebt wie ein Nomade der hippen Airbnb-Welt auf irgendeiner Couch, einem Hybrid-Möbel zwischen Bett und Stuhl, und lässt die Tüte kreisen. Was hier ausgiebig getan wird, bevorzugt hinter der Wagenplane mit Livekameras auf zwei große Videoscreens übertragen.

 

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Dazu fällt man sich immer wieder ins Word, wirft Gedanken hoch und fängt die der anderen wortreich wieder ab. So werden etwa Theorien über die soziale Praxis der Konfliktbewältigung durch Beleidigung im multiethnischen Burkina Faso oder die befreiende Wirkung des Lachens über das Beschimpfen des Gegners vor bewaffneten Kämpfen in Zentralafrika ausgetauscht. Zum besseren Abbau von Spannungen und der Herstellung des sozialen Friedens wird sogar über ein Gesetz, das zur gegenseitigen Beleidigung verpflichtet, nachgedacht. Man könnte das durchaus als einen augenzwinkernden Kommentar zur aktuellen Böhmermann-Debatte verstehen oder als lustige Diskurs-Fortsetzung von Frank Castorfs Thesen gegen die herrschende Konsenskultur. Zumindest kämpft man hier ein wenig gegen deren entdramatisierende Wirkung an, wenn da so herrliche Sätze fallen wie: „Beleidigung kann auch was Kathartisches haben, wenn man sie nicht übel nimmt.“

Den philosophischen Überbau bilden diesmal theoretische Schriften wie Soziale Raumzeit von Gunter Weidenhaus, Peripherie und Ungleichzeitigkeit von Klaus Ronneberger, Was ist ein Ereignis von Slavoj Žižek sowie Der Implex von Dietmar Dath und Barbara Kirchner, deren selbstgeschöpftes Amalgam René Pollesch wie immer in leicht ironischen Dosen beimengt und damit sein Diskurstheater mit kapitalismuskritischen Thesen zu Raum, Zeit, Realität und Fortschritt befeuert.

Zusammen mit der US-Komödie Half Baked (1998) über vier durchgeknallte Marihuana-Dealer und ihre Freundin Mary Johanna, was hier zu einigen schönen Kalauern ausgebaut wird, huldigt man viel der Kunst der virtuosen Beleidigung und dem Genre der Stoner-Movies, die in den 1990er Jahren wie bunte psychodelische Pilze aus dem Boden schossen. Allerdings macht Shit in der Birne auch ein wenig bewegungsfaul, und ein Fahrrad ist nun mal kein Pit-Bike. Ein Ausflug der Vier mit qualmender Bong auf den Balkon ist da schon das aufregendste Ereignis dieses sanft entdramatisierten und trotzdem recht witzigen Abends. Da träumt der Dude von.

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I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung (UA)
Text und Regie: René Pollesch
Bühne: entwickelt von Lenore Blievernicht / Nina Peller mit den Wagen der Rollenden-Road-Schau (RRS) von Bert Neumann, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz 2000-2006
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Frank Novak
Kamera: Mathias Klütz, Ute Schall
Videoschnitt: Cemile Sahin
Ton: Hans-Georg Teubert, Georg Wedel
Tonangel: William Minke
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider
Premiere war am 04.05.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Termine: 03., 16. und 27.06.2016

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 05.05.2016 auf Kultura-Extra.

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“Erwin Wurm. Bei Mutti” und “Visionäre der Moderne” – Zwei bemerkenswerte Ausstellungen in der Berlinischen Galerie

Mai 6th, 2016

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Erwin Wurm. Bei Mutti – Der vielseitige österreichische Künstler zu Gast in Berlin

Erwin Wurm_Gurke vor der BG

Foto: St. B.

Die Berlinische Galerie steht zurzeit ganz im Zeichen der Gurke. Erwin Wurm, der österreichische Künstler, der für ein Selbstporträt sein Körpergewicht schon mal in 17 Essiggurkerln aus Bronze gießt, ist nach Günter Brus im Martin Gropius Bau bereits der zweite bekannte Steirer, dem Berlin in diesem Jahr eine Einzelausstellung ausrichtet. Die Gurken sind für ihn so individuell verschieden und doch in ihrer Form erkennbar, wie der Mensch selbst. Mit seinen abstrakten Wurstskulpturen, die sich auch mal umarmen und küssen, stellt Wurm ironisch Werke von Rodin oder Giacometti nach.

Neben Essbarem hat es der 1954 geborene Spaßvogel unter den Bildhauern aber vor allem mit Alltagsdingen und Statussymbolen wie Möbeln, Autos oder Häusern, die in ihrer Ausmaßen und Formen etwas von der Norm abweichen. Es dürfte ebenso so schwierig sein, mit Wurms Fat Car zu fahren, wie in seinem sprechenden Fat House zu wohnen. Dafür steigt der Künstler den Museen wie 2006 dem Wiener MUMOK mit seinen deformierten Haus-Skulpturen auch gern mal aufs Dach.

Erwin Wurm, Narrow House, Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

Erwin Wurm, Narrow House, Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

In der Berlinischen Galerie in Kreuzberg erfreut uns derzeit ein etwas abgespeckter Wurm. Und das zunächst einmal in Form des in der Eingangshalle stehenden Narrow House, einem auf 1,10 Meter Breite zusammengeschrumpften Nachbau des Wohnhauses seiner Eltern aus Bruck an der Mur. Natürlich in erster Linie ein Sinnbild für provinzielle Enge, aber auch ein großer Spaß für alle Besucher. Der Titel der Ausstellung Bei Mutti versteht sich nämlich durchaus als Einladung. Und so drücken sich alle, nachdem brav angestanden wurde, mit dem Rücken an der Wand durch die begehbare Installation vorbei an Zimmerchen mit gestauchten Tischchen und Schränkchen und nehmen einen Blick auf Bad und WC, so breit wie eine Fußmatte. Der Traum vom Eigenheim für den ganz schmalen Geldbeutel.

Wie der Wiener Aktionist Brus arbeitet Wurm vor allem mit dem menschlichen Körper. Dabei überschreitet der Künstler geschickt die Grenze von der bildenden Kunst zur Performance. Und auch hier sind wieder die Besucher gefragt. Großen Raum, nämlich die gesamte Mittelhalle, nehmen die seit 20 Jahren immer wieder weiterentwickelten One Minute Sculptures ein. Jeder ist hier aufgerufen, die auf kleinen Podesten stehenden Alltagsgegenstände wie Bücher oder Stühle gemäß Anleitung zu nehmen, oder seinen Kopf in ein Sofa, eine Hundehütte oder einen Kühlschrank zu stecken, für eine Minute die Luft anzuhalten und von Subjekt zum kurzzeitigen Kunstobjekt einzufrieren.

Erwin Wurm, The Idiot III (One Minute Sculpture), 2010, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016, courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

Erwin Wurm, The Idiot III (One Minute Sculpture), 2010, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016, courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

Man kann sich dabei sogar mit der Handykamera aufnehmen. Die Soziale Skulptur im Internetzeitalter. Nach den Ergebnissen, die sonst auch schon mal mit an den Museumswänden hingen, wird man wohl die sozialen Netzwerke durchforsten müssen. Dafür sind in der hinteren Halle vorbereitende Skizzen zu den One Minute Sculptures ausgestellt, die nicht nur in den kuriosen Stellungen, sondern auch in den Titeln wie Idiot, Most Loved Philosophers, Wittgensteins Alphabet, Der spekulative Realist oder Wurm-Gelee von Wurms hintersinnigem Humor zeugen.

Auf die Spitze oder besser in die Breite treibt es Wurms minutiös aufgeschriebene Anleitung Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen. Man solle viel und lange schlafen, liegend Fernsehen und lesen, am offenen Fenster oder im Freien sitzen und sich langsam und gleichmäßig bewegen. Dazu gibt es zum Frühstück, Mittag, zur Jause und zum Abendbrot detaillierte Menü-Vorschläge mir viel Rahm, Rotwein, Eis und fetten Mehlspeisen. Die genau getimte Gewichtszunahme ist hier der skulpturale Vorgang, den Wurm auch immer als eine „Poesie der Verschiebung von Wertigkeiten“ begreift. Äußere Hülle und innere Leere, Ernährungsplan oder bestimmte philosophische Haltung – der Mensch scheitert immer wieder beim Versuch, sein Leben zu meistern.

Im letzten Teil der Ausstellung mit neuen Werken Erwin Wurms sind Skulpturen aus Bronze oder Polyesterharz zu sehen, die Objekten des menschlichen Alltags zeigen, die ihre Spannung aus der scheinbar vertrauten Form und ihrer Verfremdung, der zweckentfremdeten Nutzung oder der Veränderung der Größen- und Formverhältnisse ziehen. Die Begegnung von Mensch und Objekt manifestiert sich hier in tiefen Fußabdrücken auf Möbeln, wie Sessel, Liege und Sideboard, oder einem an der Wand hängenden überdimensionalen Mobil-Telefon. Ein riesiger Seifenspender ist durch einen Einschlag aufgerissen, Lost nennt sich eine überfahrene Wanduhr und ein Kühlschrank nimmt äußerlich die zerfließende Form eines Stücks Butter aus seinem Inneren an. Einige delikate Kunstschmankerl, die einen auf den Geschmack bringen und Appetit auf mehr Wurm machen.

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Erwin Wurm. Bei Mutti
15.04.-22.08.2016
BERLINISCHE GALERIE
Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstr. 124-128, 10969 Berlin

Infos: http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/erwin-wurm

Zuerst erschienen am 27.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Visionäre der Moderne. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch werden in einer kleinen Kabinettausstellung wiederentdeckt

Mit der Kabinettausstellung Visionäre der Moderne erinnert die Berlinische Galerie derzeit an drei Künstler und Architekturvisionäre, die – außer dem relativ bekannten Architekten und Stadtplaner (z.B. Hufeisensiedlung Berlin-Britz) Bruno Taut (1880-1938) – bereits in Vergessenheit zu geraten schienen.

Paul Scheerbart, Jenseitsgalerie, 1907, Blatt 3 von 10, Berlinischen Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Paul Scheerbart –  Jenseitsgalerie, 1907, Blatt 3 von 10, Berlinischen Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Vor allem der Schriftsteller, Erfinder und eigene Illustrator seiner fantastischen Romane Paul Scheerbart (1863-1915) vermochte es um 1913 mit seinen visionären Plänen einer transparenten Glasarchitektur, den jungen Architekten Bruno Taut zu inspirieren. Der Verfasser von utopischen Werken wie Die große Revolution (1902), Lesabéndio. Ein Asteroiden-Roman (1913) oder höchst humorvollen Gedichtbänden wie Katerpoesie war nicht nur leidenschaftlicher Trinker, sondern ebenso besessener Fleißarbeiter. Einige seiner Bücher sind hier in einer Vitrine ausgestellt, und die tollen Fantasiewesen aus der um 1902 entstandenen Grafikmappe Jenseitsgalerie hängen an der Wand. Blieb Paul Scheerbart zwar zeitlebens eine größere Anerkennung verwehrt, so inspirierte er neben Taut auch den Publizisten und Berliner Flaneur Walter Benjamin sowie den Urvater des Absurden Theaters Alfred Jarry. „Immer bunter wird’s in Berlin. Bald wird man nicht mehr leben dürfen, ohne Farbe zu bekennen.“ schrieb Scheerbart schon 1892 in seiner Abhandlung über Berlins Archetektonische Plastik. In seinen Aufsätzen über die Glasarchitektur, die er Bruno Taut widmete, heißt es dann später: „Wollen wir unsre Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsre Architektur umzuwandeln.“

Das fiel bei Bruno Taut auf fruchtbaren Boden. Zur Internationalen Baufach-Ausstellung 1913 zu Fuße des Leipziger Völkerschlachtdenkmals wurden erste Pläne präsentiert. Das Monument des Eisens ist eine von Bruno Taut und Franz Hoffmann entworfene vierstufige, achteckige, 30 Meter hohe Pyramide aus Stahlprofilteilen und einer 9 Meter spannenden vergoldeten Zinkblechkuppel, deren kleines Metallmodell man hier bestaunen kann. Ein Jahr später entwarf Taut für die Kölner Werkbundausstellung den Glashaus-Pavillon der Deutschen Glasindustrie. „Das Licht will durch das ganze All / Und ist lebendig im Kristall“ dichtete ihm Paul Scheerbart dazu. Sein Schriftzug „Das bunte Glas zerstört den Hass“ ziert das Portal. Eine Utopie, die sich da noch nicht verwirklichen sollte.

 

Bruno Taut, Glashaus auf der Werkbundausstellung auf Köln 1914, Ansicht von außen, Akademie der Künste, Berlin, Bruno-Taut-Sammlung, Fotograf unbekannt

Bruno Taut – Glashaus auf der Werkbundausstellung auf Köln 1914, Ansicht von außen, Akademie der Künste, Berlin, Bruno-Taut-Sammlung, Fotograf unbekannt

 

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte Taut Pläne zur Verschmelzung von Natur und Architektur im Gebiet der Alpen vom Monte Rosa bis zur Oberitalienischen Ebene. Die Freude an der Schönheit erklärte Taut zum Mittel für die Völkerverständigung. Im Zusammenschluss mit Architekten wie Walter Gropius, Hans Scharoun und Wassili Luckardt (alles große Architekten der 1920er bis 30er Jahre und dann wieder der Nachkriegsmoderne in Berlin) sowie expressionistischen Künstlern wie Hermann Finsterlin, Wenzel Hablik und Paul Goesch entstand aus der Novembergruppe hervorgegangen ab 1919 die Gemeinschaft Die gläserne Kette. Ihr Wahlspruch war: „Nur die große Heiterkeit wird siegen.“ Bauen und Tanzen – die Musikinstrumente sind Stahl, Stahlbeton und Glas sowie eine utopisch anmutende Farbigkeit, wie sie vor allem das Werk des Architekten und Malers Paul Goesch (1885-1940) auszeichnet. Ihm und seinen Bildern wird hier ein breiter Raum gegeben.

Paul Goesch, Selbstportrait, undatiert, Berlinische Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Paul Goesch – Selbstportrait, undatiert, Berlinische Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Die Ausstellung zeigt neben den Zeichnungen und Texten Paul Scheerbarts und Bruno Tauts sowie den erwähnten Mitgliedern der Gläsernen Kette etwa achtzig überwiegend noch unbekannte expressionistische Aquarelle von Paul Goesch aus der Sammlung der Berlinischen Galerie und der Sammlung Prinzhorn. Auch Goesch träumte als junger Architekt und Anthroposoph vom Einklang des Menschen mit der Natur. Nach Behandlungen wegen eines Nervenleidens musste Goesch in den 1920er Jahren den Beruf des Architekten aufgeben und widmete sich verstärkt dem Malen und Zeichnen. In seiner Malerei beschäftigt er sich neben farbigen Architekturvisionen mit Naturgottheiten und Motiven der christlichen Ikonografie. „Die betäubende Kraft der Kirche hat mich überwältigt.“ schrieb Goesch. Einige seiner farbenfrohen Jesus- und Mariendarstellungen sind hier zu sehen.

Die Erlösung hat Paul Goesch nicht finden können. Einem finsteren Kapitel Deutschlands, den Euthanasie-Morden der Nazis, fiel der Künstler im Jahr 1940 zum Opfer. Umso wichtiger und schöner, dass die Berlinische Galerie ihn mit dieser Ausstellung wiederentdeckt und ehrt.

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Visionäre der Moderne. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch
15.04.-31.10.2016
Berlinische Galerie
Museum für Moderne Kunst, Berlin
Alte Jakobstrasse 124-128, 10969 Berlin

Infos: http://www.berlinischegalerie.de

Mehr zu Paul Scheerbart gibt es hier: http://scheerbart.de/

Und zu Paul Goesch hier: http://www.freundeskreis-paul-goesch.de/_index.html

Zuerst erschienen am 28.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Unterwerfung – Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Stephan Kimmig eine weitestgehend harmlose Bühnenfassung des Skandal-Romans von Michel Houellebecq

April 27th, 2016

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Anfang Februar, ungefähr ein Jahr nach dem Erscheinen des Romans Unterwerfung von Michel Houellebecq und den islamistischen Attentaten auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo, inszenierte Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg die erste Bühnenfassung mit dem bekannten deutschen Fernseh- und Theatermimen Edgar Selge in der Rolle des windelweichen, opportunistischen Literaturprofessors François, der nach dem Wahlsieg einer gemäßigt-muslimischen Partei im Jahr 2022 in Frankreich zum Islam konvertiert. Ein großer Erfolg für Beier und Selge und ein ebensolcher Gewinn fürs Theater. Bühnen in Dresden und Wien folgten. Der Stoff ist nach wie vor brisant. Nun hat Hausregisseur Stephan Kimmig gemeinsam mit seinem Dramaturgen David Heiligers eine eigene Adaption des Romans für das Deutsche Theater Berlin geschaffen.

 

Unterwerfung nach Michel Houellebecq am DT - Foto: St. B.

Unterwerfung nach Michel Houellebecq am DT – Foto: St. B.

 

In der aseptischen Krankenhaus-Bühnenwelt von Katja Haß ist François ein leidender Patient und Sinnbild einer an ihrer Saturiertheit und zunehmenden Orientierungslosigkeit krankenden, westlichen Gesellschaft, deren Wertedecke dünn und papieren ist – wie die Lichtdecke, die über François Kopf schwebt. Er wird sie später, wenn sie sich auf ihn niedersenkt, mühelos durchstoßen können. Das ist für den Anfang und das Ende eine starke Metapher als Rahmen, die allerdings nicht die Kraft besitzt, den ganzen Abend zu tragen.

Houellebecq seziert nicht zum ersten Mal, aber in diesem Roman auf besonders intelligente und auch perfide Weise die französische Gesellschaft und beschwört den Untergang der westlichen Kultur. Hier in Gestalt eines französischen Jedermann, den der Schauspieler Steven Scharff in Kimmigs Inszenierung mal jovial, sich ans Publikum ranwanzend, mal hibbelig über die Bühne tänzelnd, bis weinerlich klagend im Bett liegend darstellt. Dass er dabei auch ein wenig irre wirkt und von Pflegern umsorgt wird, nimmt man zunächst als netten Gag mit. Die breit angelegte Innenschau des Roman-François wird dadurch allerdings zur pathologischen Diagnose eines komatösen Hypochonders, der sich aus dem realen Leben zurückgezogen hat und es nur in homöopathischen Dosen an sich ran lässt.

Diese an die Romanhandlung anknüpfenden Kurzbesuche, die von Lorna Ishema, Camill Jammal, Marcel Kohler und Wolfgang Pregler in verschiedenen Romanrollen absolviert werden, sollen dann auf Dauer auch nicht ihre Wirkung verfehlen. Kimmigs Prinzip des homöopathischen Verdünnens, sprich das Herauslösen und Aufteilen des Textes, der im Roman von François selbst als Reflexionen seines Lebens, aus Beobachtung seiner Umgebung heraus oder beim Ansehen von Fernsehdebatten erzählt wird, auf mehrere Personen, läuft dabei allerdings Gefahr, dass größere Unschärfen entstehen und letztendlich in eine völlig falsche Richtung fokussiert wird.

 

Foto (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

 

Auch wird die Rolle der bürgerlichen Parteien, die um den Sieg des Front National bei der Präsidentschaftswahl zu verhindern nur kurz am Rande erwähnt. In Videoeinspielungen von jungen National-Identitären kommt ein wenig Volkes Stimme zu Geltung. Die allgemeine Situation im Land und wie der Islam nach dem Wahlsieg des Muslimbruders Mohammed Ben Abbes in die Welt des Protagonisten einbricht, lässt Kimmig dann als Nummernrevue aus gespielten TV- Reportagen, Politikerreden und Gesprächsszenen mit François‘ Kollegen, einem geschassten Geheimdienstmann, und seiner Geliebten Myriam vorbeischnurren. Die schwarze Schauspielerin Lorna Ishema gibt hier alle Frauenfiguren, was ihr erstaunlich gut gelingt. Die Verkörperung von Marine Le Pen mit Blondhaarperücke vor Tricolore ist aber ein ebenso stark ironisierender Verfremdungseffekt wie die Darstellung als hereingefahrene schwarze Jungfrau von Rocamadour kitschig wirkt.

Die religiöse Sinnsuche des Literaturprofessors und Huysmans-Spezialisten François endet abrupt auf der einbrechenden papierenen Himmelsleiter. Weinerlich sucht er Trost in den Armen der Jungfrau. „Ich bin für nichts.“ sagt er einmal zu Myriam. Das weiche, unpolitische Handtuch reagiert relativ apathisch auf das Treiben um ihn. Und sogar die Einflüsterungen der politischen Ziele des neuen muslimischen Präsidenten, die Camill Jammal als Ben Abbes minutenlang zelebriert und sich schließlich zu François ins Bett legt, lässt er ungerührt über sich ergehen.

Die Hauptfigur verliert dabei zusehends an Kontur, was bei einem politisch desinteressierten, des eigenen Lebens überdrüssig gewordenen Niemand ja durchaus stimmig wäre. Unterwerfung als Auslöschung des Individuums und Aufgehen in etwas Größerem. Den handelnden Part übernehmen die anderen für ihn. Er bekommt Anweisungen vom Klinikpersonal, wird gewaschen, macht Hüpfballtherapie und windet sich schmerzverzerrt wegen des juckenden Ausschlags an seinen Füßen.

Für den Vergleich mit einem kranken, handlungsunfähigen Europa reicht das allerdings nicht aus. Es verfälscht zudem die Vorlage, die eigentlich auf provokante Art die innere Leere François‘ mit etwas füllt, das potentiell schon immer da war und es der Figur ohne große Mühe gestattet, wie das Wechseln der Garderobe in eine neue Identität zu schlüpfen. Andockpunkt in der Wertegeschichte des Abendlandes, für die Houellebecq in seinem Roman auch viele Beispiele bringt, gibt es genug. Da ist von linker Kapitalismuskritik über den Katholizismus und seine patriarchalen Familienstrukturen bis hin zu rechtem Nationalismus alles dabei.

Bei Kimmigs François vollzieht sich der Wandel recht schnell und fast wie nebenbei, als der neue Präsident der nun islamischen Sorbonne Rediger, ein gewendeter Nietzsche im Gewand eines Mufti (Wolfgang Pregler im seidenen Morgenmantel), bei ihm die richtigen Knöpfe drückt. Dreimal mehr Gehalt als seine Pension und die daraus resultierende Anzahl von Frauen. Das reicht schon für den Macho im Mann, der sich wie Kimmigs Inszenierung durch die Hintertür aus der Geschichte stiehlt.

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Unterwerfung
nach dem Roman von Michel Houellebecq
Fassung von David Heiligers und Stephan Kimmig
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Sigi Colpe, Musik: Michael Verhovec, Video: Julian Krubasik, Licht: Robert Grauel, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Lorna Ishema, Camill Jammal, Marcel Kohler, Wolfgang Pregler, Steven Scharf.
Premiere am Deutschen Theater Berlin war am 22.04.2016
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 27.04. / 11., 21. und 31.04.2016

Infos: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 24.04.2016 auf Kultura-Extra.

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