„Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams „What if Women Ruled the World?“ von Yael Bartana und Christa Wolfs „Medea. Stimmen“ – Macht- und Geschlechterfragen am Berliner Ensemble, der Volksbühne und dem Deutschen Theater

April 26th, 2018

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Endstation Sehnsucht – Am Berliner Ensemble inszeniert Michael Thalheimer Tennessee Williams Klassiker als Evolutionskampf des Stärkeren gegen den Schwachen

 

Endstation Sehnsucht am BE
Foto (c) Matthias Horn

Michael Thalheimer ist v.a. für seine Inszenierungen von antiken Tragödienstoffen bekannt, aber auch an Klassikern wie Schiller, am deutschen Naturalismus eines Gerhart Hauptmann, an Bertolt Brechts epischem Theater, Molières bösen Komödien oder kürzlich erst wieder an Heinrich von Kleist hat er sich schon abgearbeitet. Herausgekommen sind dabei meist auf ihren Kern reduzierte Stückfassungen, deren Handlungen auf das knappste verdichtet sind. Über seine Abneigung zum Naturalismus auf der Bühne hat der Regisseur kürzlich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur gesprochen. Die Bühne, meist von Olaf Altmann gestaltet, ist dann auch entsprechend von überladenden Interieurs und Requisiten entleert und zusätzlich streng räumlich verengt.

Oliver Reese ist am Berliner Ensemble angetreten, um mit Stücken moderner Autoren eine neue Zeitgenossenschaft herzustellen. Für Reese zählen darunter auch Theatertexte aus dem angloamerikanischen Sprachraum, die er mit Stücken von Tracy Letts selbst schon auf die Bühne gebracht hat. Dass hier trotz der vielen tragenden Frauenrollen fast nur von Männern geschriebene und inszenierte Stücke auf die Bühne kommen, ist allerdings auffällig. Nun hat man sich nach Brechts Der Kaukasische Kreidekreis für die zweite Thalheimer-Inszenierung am BE auf Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams verständigt. Aber auch dieser moderne Klassiker aus dem Jahr 1947 ist ja eher am amerikanischen Realismus und einer veralteten Freud‘schen Typenpsychologie orientiert.

Über die berühmte Aufführungsgeschichte inklusive der Verfilmung mit Marlon Brando und Vivien Leigh in den Hauptrollen als Stanley Kowalski und Blanche DuBois muss man nicht mehr reden. Allerdings hängt dem Stück seine Geschichte auch deutlich an. Wohl nicht nur deshalb wird es eigentlich fast ausschließlich von Regisseuren inszeniert. In Berlin etwa von Theatergrößen wie Frank Castorf oder dem bereits verstorbenen Thomas Langhoff, dessen Inszenierung aus dem Jahr 2012 noch unter der alten Intendanz von Claus Peymann am Berliner Ensemble zu sehen war. Tennessee Williams liefert mit seinem Stück eine genaue Zustandsbeschreibung der USA im Übergang von der alten aristokratischen Klassengesellschaft zum Raubtierkapitalismus jeder gegen jeden.

 

Endstation Sehnsucht am BE – Foto (c) Matthias Horn

 

Dies alles spielt in New Orleans, einem Schmelztiegel der Kulturen und Nationalitäten. Stan Kowalski stammt aus einer polnischen Einwandererfamilie und ist ein Vertreter des Subproletariats. Zwischen ihm und Blanche DuBois, der älteren Schwester seiner Frau Stella und Vertreterin der alten, gebildeten, sich aber in Auflösung befindlichen Südstaatenaristokratie, liegen Welten. Ihre unmittelbare Annäherung wird nicht nur zum gnadenlosen Kampf der Geschlechter sondern auch der verschiedenen Kulturen. Das ließe sich ja trotz des Staubs der Jahrzehnte auch heute wieder nachvollziehbar darstellen. Nur setzt Michael Thalheimer mit seiner Inszenierung erneut fast einzig auf die Wucht seiner erprobten Theatermittel wie den wummernden Beats von Bert Wrede und einer Bühne mit einem sich nach hinten zur Höhle ausweitenden schrägen Gang, den Olaf Altmann in eine ansonsten mit rostigen Metallplatten geschlossenen Wand gesetzt hat.

Den Figuren ist hier – wie immer bei Thalheimer – jeglicher Naturalismus ausgetrieben. Sie turnen wie die besagten Raubtiere im Gang, mal gebückt, mal sich mit den Händen an der niedrigen Decke abstützend, rutschen auf der Schräge ab und versuchen sie immer wieder neu zu erklimmen. Andreas Döhler scheint für die Rolle des hemdsärmeligen Machos Stan Kowalski wie geschaffen. Er hat bereits einige Erfahrung mit Thalheimer-Arbeiten am Thalia Theater Hamburg und am benachbarten Deutschen Theater gesammelt. Sina Martens als seine Frau Stella ist eine hoffnungslos verliebte Abhängige, die hin und wieder maulend aufbegehrt, dafür aber handfest in die Schranken gewiesen wird. Auch Peter Moltzen als Stans in Frauendingen ungeübter Kollege Mitch, von dem die sich im Absturz befindliche Blanche erhofft wieder aufgefangen zu werden, kann eine ganz überzeugende Typenstudie abliefern. Komplettiert wird das Männertrio vom Säufer Steve (Henning Vogt), der seine Frau Eunice (Kathrin Wehlisch) schlägt. Vom machohaften Choleriker, charmant unbeholfenen Looser, reumütigem Sünder bis zum durchgeknalltem Psychopaten ist hier alles vertreten.

Eine Entdeckung ist allerdings die bereits in Inszenierungen von Sebastian Hartmann wieder am DT aufgetretene ehemalige Volksbühnendarstellerin Cordelia Wege. Von oben herab tritt sie in die Szenerie, ihr großer Schatten wirft sich auf die untere Begrenzungswand des Gangs, später wird sie unten angekommen von Stanleys Schatten überragt. Cordelia Wege spielt die kultivierte einstige Südstaatenschönheit ganz in Weiß mal zerbrechlich mal gegen ihr Schicksal aufbegehrend. Blanche verteidigt ihr Recht auf Zauber und Poesie gegen Stans brutalen Realismus, der gnadenlos auch die letzte Wahrheit erst über den Verlust am einstigen Familienbesitz Belle Rêve und schließlich auch an ihrer menschlichen Würde aufdeckt, was letztendlich im Wahnsinn enden muss.

Michael Thalheimer schert sich da recht wenig um ein aktuelles Bild weiblicher Emanzipation, geht es hier doch eher um die Emanzipation einer sich unterdrückt fühlenden Klasse, die sich mit der ihr eigenen Brutalität das nimmt, was ihr rechtens scheint. „Jeder Mensch ist ein Kannibale“, schreibt Tennessee Williams. Auf der Strecke bleibt da die Menschlichkeit, was Michael Thalheimer wuchtig in Szene setzt. Ein brutaler Anschauungsunterricht in Sachen Stärke und Verletzlichkeit. Am Ende hat der Stärkere die Rangordnung geklärt und bestimmt, dass doch nun alles gut sei. Eine pessimistische Setzung des Abends, die trotz eindringlicher Wiederholung Stanleys durchaus fragwürdig bleibt.

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Endstation Sehnsucht (Berliner Ensemble, 21.04.2018)
von Tennessee Williams
aus dem Englischen von Helmar Harald Fischer
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Besetzung:
Cordelia Wege als Blanche
Sina Martens als Stella
Andreas Döhler als Stanley
Peter Moltzen als Mitch
Kathrin Wehlisch als Eunice
Henning Vogt als Steve
Sven Fleischmann als Pablo
Max Schimmelpfennig als Ein junger Kassierer
Reyk Hampel als Ein Arzt
Marie Benthin als Eine Krankenschwester
Die Premiere war am 21.04.2018 im Berliner Ensemble
Termine: 30.04. / 01., 11., 12., 26., 27.05.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/endstation-sehnsucht

Zuerst erschienen am 23.04.2018 auf Kultura-Extra.

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What if Women Ruled the World? – Während sich in Yael Bartanas Dokufiction an der Volksbühne 10 Frauen um den Weltfrieden bemühen, vollzieht sich im Hintergrund der Rücktritt des Intendanten Chris Dercon

Katerstimmung an der Volksbühne Berlin – Foto: St. B.

Seit dem 25. Januar 2018 steht die Doomsday Clock (Atomkriegsuhr) auf 2 Minuten vor zwölf. Der Tag des Jüngsten Gerichts ist nah, nicht erst seit Donald Trump Syrien und Russland mit „schönen, neuen, smarten“ Raketen gedroht hat. Zu Beginn des dokufiktionalen Stücks What if Women Ruled the World? (Was wäre, wenn Frauen die Welt regieren würden?) von Yael Bartana, das gestern in der Volksbühne seine Berlin-Premiere feierte, werden die Worte einer Atomwissenschaftlerin mit einem Rückblick auf des atomare Wettrüsten und Bildern aus dem Kalten Krieg untermalt. Mindestens ebenso kritisch steht es aber auch um die Volksbühne selbst und ihren Intendanten Chris Dercon, der just einen Tag nach der Premiere nun doch noch vor Ende der ersten Spielzeit das Handtuch geworfen hat. Bartanas zwischen Rauminstallation, Videokunst und Dokutheater angelegtes Stück ist leider auch wieder ein gutes Beispiel dafür, warum Dercons Konzept, theaterfernen Kunstgattungen zu Lasten des Schauspiel- und herkömmlichen Repertoiretheaters eine Bühne zu bieten, nicht aufgegangen ist.

Bereits in der letzten Volksbühnenproduktion des spanischen Filmregisseurs Albert Serra, Liberté, war das Problem überdeutlich spürbar. Eine installativ überladen wirkende Bilderbühne mit viel zu statisch und kammerspielartig agierenden DarstellerInnen ließ das eigentliche Schauspiel inhaltlich nicht richtig zur Wirkung kommen. Wie die letzten Auslastungszahlen von unter 50 Prozent zeigen, scheint zudem das Interesse an solchen Produktionen auch nicht besonders stark zu sein.

Das Stück der aus Israel stammenden Medien-Künstlerin Yael Bartana, die sich mit Foto- und Videoarbeiten auf der Documenta Kassel und der Kunstbiennale in Venedig einen Namen gemacht hat, setzt wieder auf ein starkes Bühnenbild, das dem War-Room aus Stanley Kubricks Filmklassiker Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb (Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben) von 1964 nachempfunden ist. Ähnlich wie im Film, in dem ein geistesgestörter US-Militär die damalige Sowjetunion angreifen will, wird die Welt hier von einem chauvinistischen Macho-Präsidenten mit Atomwaffen bedroht. Am Runden Tisch in der Schaltzentrale (die hier Peace-Room heißt) einer feministischen Regierung eines fiktiven Landes diskutieren ausschließlich Frauen, wie man diesem Bedrohungsszenario begegnen soll.

Yael Bartana nutzt für ihre Kunstproduktion u.a. auch gezielt Propagandaformen und politische Symbolik. Ihr Video-Beitrag And Europe Will Be Stunned für den polnischen Biennale-Pavillon 2011 in Venedig war 2012 auch auf der Berlin-Biennale in den KunstWerken und als Bühnenversion im HAU zu sehen. Im Video fordert im Warschauer Olympiastadion unter wehenden Fahnen ein Jewish Renaissance Movement in Poland (JRMiP) die Rückkehr von 3.300.000 Juden nach Polen. Vermutlich heute in der aktuellen politischen Situation Polens undenkbar. Auch What if Women Ruled the World? setzt auf Provokation, wenn auch etwas subtiler. Im größenwahnsinnigen Präsident Twittler ist aber nicht nur in der auf Video gezeigten Silhouette der US-amerikanische Präsident Trump zu erkennen.

 

What if Women Ruled the World? in der Volksbühne Berlin – Foto (c) Birgit Kaulfuss

 

Kostproben des deutlich frauenfeindlichen Twittergebarens dieses fiktiven Präsidenten und Warheads Twittler werden von der Präsidentin der Frauenregierung zum Besten gegeben. Olwen Fouéré ist als Präsidentin eine von fünf festen Darstellerinnen, die wechselnd von fünf weiteren Expertinnen aus Politik und Wissenschaft unterstützt werden. Für die Berliner Premiere sind das die deutsche Botschafterin und Außenamtsmitarbeiterin Patricia Flor, die Assistenzprofessorin am Royal Danish Defense College in Kopenhagen Dr. Carina Van Meyn, die Vizepräsidentin der Petitionsplattform change.org Paula Peters, die Sozialwissenschaftlerin und feministische Aktivistin May Zeidani und Heather Linebaugh, die als Soldatin am Antiterror-Drohnenprogramm der USA beteiligt war und nun Literatur und Linguistik studiert. Geballte weibliche Kompetenz in Sachen Abrüstung also.

Nach Kritik am Stückkonzept seitens der britischen Presse nach den Vorstellungen beim mitproduzierenden Theaterfestival in Manchester (die Produktion lief 2017 auch noch im dänischen Aarhus) hat Yael Bartana die dort monierten Eingriffe durch die Darstellerinnenriege wohl deutlich verringert, was den theatralen Wert dieser Veranstaltung aber auch nicht wirklich zu heben vermag. Zu erleben ist eine recht statische Gesprächsrunde, bei der Fragen der atomaren Abrüstung und Mittel zur allgemeinen Bekämpfung männlich chauvinistischer Machtpolitik diskutiert werden. Unterbrochen wird das immer mal wieder durch Einwürfe der als Außenministerin fungierenden Schauspielerin Anne Tismer, die mit kurzen Vorträgen zur matriarchalen Gemeinschaftsstruktur der Bonobos im Gegensatz zur patriarchalen der Schimpansen referiert. Auch empfiehlt Tismer den Einsatz von gezielter Hormonbehandlung gegen zu viel männliches Testosteron. Eine Anspielung auf Kubricks Film, in der die angenommene Fluoridierung des amerikanischen Trinkwassers zur Zersetzung der Körpersäfte der US-Bürger durch die Sowjetunion karikiert wird. Spaßig torpediert wird die Verhandlung auch durch einen Anruf von daheim, bei dem die von Noa Bodner dargestellte Generalstabschefin ihrem Kind ein Einschlafliedlichen singen muss. Als dann auch noch ein Teaboy mit nacktem Oberkörper auftaucht und Früchte verteilt, wirft ihm schließlich Vizepräsidentin Antje Stahl ihr Jackett über. Genderklischees karikiert auch Olwen Fouérés Zigarre qualmende Präsidentin.

Wer der englischen Sprache nicht wirklich mächtig ist, wird an der Diskursrunde um feministische Defense-Strategien, multilaterale Verhandlungen, die Abwehr von Maskulinums und das Fördern bürgerinitierter „Graswurzelbwegungen“ eher wenig partizipieren und dem so schon nur mäßig interessanten Abend kaum folgen können. Wer momentan noch den größeren roten Knopf hat, zeigt sich erst am Ende, wenn Präsident Twittler beim Anruf der Damen am roten Telefon einfach auflegt und das Atomszenario dröhnend und Trockeneis nebelnd seinen Lauf nimmt. Aber bei aller durchaus gegebener Diskurstiefe, was passieren könnte, wenn Frauen tatsächlich mal die Welt regieren würden, davon scheint dieser Abend kaum eine Idee zu haben.

 

Video: Julius Betschka (c) Berliner Morgenpost

 

Echte Vorstellungen zum nach dem Abgang von Chris Dercon nun von Kultursenator Klaus Lederer angestrebten „Neustart“ der Volksbühne scheint es allerdings auch noch nicht wirklich zu geben. Er hat Klaus Dörr zum Nachlassverwalter und Übergangsintendanten ernannt, der Lücken im Spielplan füllen sollen. Ob der auch Statthalter für seinen langjährigen Chef am Maxim Gorki Theater und Stuttgarter Schauspiel, Armin Petras, sein wird, ist möglich, aber nicht sicher. Auch Namen wie Matthias Lilienthal, der seinen Vertrag als Intendant der Kammerspiele nach Querelen mit der Münchner CSU nicht verlängern will, der von Gorki-Intendantin Shermin Langhoff oder des Dortmunder Intendanten Kay Voges sind im Gespräch. Die Verträge für die Produktionen der nächsten Spielzeit dürften aber schon geschlossen sein. Lederer wird diese auch nicht antasten, hat er verkündet. Man will sich bei der Suche nach einer Neubesetzung der Volksbühnenintendanz Zeit lassen. Das klingt angesichts des damaligen Schnellschusses von Tim Renner nur vernünftig. Bis dahin wird die Volksbühne weiter Ort für Spekulationen und Gerüchte sein. Der einzige Raum, den Chris Dercon in Berlin besetzen konnte.

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WHAT IF WOMEN RULED THE WORLD? (Volksbühne Berlin, 12.04.2018)
Konzept, Text, Regie: Yael Bartana
Bühne: Saygel & Schreiber
Kuratorin: Elodie Evers
Dramaturgische Mitarbeit: Alan Twitchell
Expertinnen Auswahl: Phoebe Greenwood
Künstlerische Produktionsleitung: Chris Barrett
Licht: Jackie Shemesh
Ton: Daniel Meir
Besetzung:
Präsidentin … Olwen Fouéré
Vize-Präsidentin … Antje Stahl
Friedensministerin … Jo Martin
Generalstabschefin … Noa Bodner
Außenministerin … Anne Tismer
Expertinnen … Patricia Flor, Dr. Carina Van Meyn, Paula Peters, May Zeidani und Heather Linebaugh
Uraufführung beim Manchester International Festival war am 6. Juli 2017.
Berliner Premiere: 12. April 2018
Weiterer Termine siehe:

Zuerst erschienen am 14. April 2018 auf Kultura-Extra.

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Medea. Stimmen oder Wasserspiele in Korinth – Tilmann Köhler bringt Christa Wolfs feministische Bearbeitung des antiken Mythos auf die Bühne der DT-Kammerspiele

Foto (c) Arno Declair

Man kann von Christa Wolf halten, was man will. Aus dem gesamtdeutschen Literatur-Kanon ist die 2011 verstorbene DDR-Schriftstellerin nicht mehr wegzudenken. Sie hat ihre Stimme im staatlich männerdominierten Mainstream als eigener künstlerischer Kopf immer wieder vor allem für die Rolle der Frau im Sozialismus hörbar gemacht und da wohl auch weiterhin ihre treuesten Anhängerinnen. Ihre Antikenadaptionen der Kassandra und Medea stehen da beispielhaft, mittlerweile sogar als Schulstoff im Deutsch-Leistungskurs. Das ist angesichts von Forderungen nach mehr Frauen in Führungspositionen oder in der aktuellen Me-Too-Debatte um männliche Gewalt und Sexismus auch sehr löblich. Man kann Christa Wolfs sozialistisch-humanistisch geprägten Feminismus aber nicht ohne den meist ebenfalls intendierten DDR-BRD-Diskurs haben. Das dürfte gerade auch in Hinblick auf ihren 1996 erschienenen Roman Medea. Stimmen schwer fallen.

Der Dichter Euripides hatte den vielerzählten Mythos der Medea aufgegriffenen und mit seiner Tragödie die Königstochter aus Kolchis für immer zur wilden, aus Rache an ihrem untreuen Mann Jason handelnden Kindsmörderin gestempelt. Die Tragödie wird auch heute noch oft vor allem im Zusammenhang mit der Argonautensage gespielt. Hier verhalf Medea dem Griechen Jason zum Goldenen Vlies, wofür sie auch ihren Bruder Absyrtos töten musste. Christa Wolf mochte diese einseitig von Männern geschaffene Sichtweise nicht mehr gelten lassen und änderte den Stoff an mehreren Stellen vor allem was die von Medea begangenen Verbrechen betrifft. Die Morde werden der unbequemen Heilerin von den Korinther Oberen fälschlich angelastet, um sie beim Volk verhasst zu machen. Auch das Kleid für die Hochzeit mit Jason, das sie Glauke, der Tochter des Königs Kreon schenkt, ist nicht von ihr vergiftet. Glauke begeht Selbstmord. Medeas Kinder werden vom Korinther Mob gesteinigt. Medea ist eine selbstbewusste Frau, die aus Angst vor Verfolgung aus Kolchis fliehen muss. Sie hatte die Macht ihres Vaters angezweifelt, der ihren Bruder umbrachte, um die Macht nicht teilen zu müssen. Eine Anspielung auf den alten, reformunwilligen DDR-Staatsapparat, aber auch der Staat in Korinth, mit dem Wolf die BRD verbindet, ist auf einem Verbrechen aufgebaut. Medea entdeckt den Mord an der Königstochter Iphinoe, die Kreon bei seinen Machtplänen im Wege steht. Christa Wolf idealisiert in ihrem Roman das Matriarchat vergangener Zeiten als Utopie gegen die bestehenden patriarchalen Gesellschaftsstrukturen.

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An den Kammerspielen des Deutschen Theaters hat nun der 1979 in Weimar geborene Regisseur Tilmann Köhler diesen auf elf Kapiteln mit sechs unterschiedlichen Stimmen aufgeteilten Roman für die Bühne adaptiert. Ein nicht gerade einfaches Unterfangen, elf aneinandergereihte Monologe zu einem Theaterstück zu verbinden. Bereits 2011 hatte Köhler Wolfs Roman Der geteilte Himmel mit gleich drei Hauptdarstellerinnen recht erfolgreich auf die Bühne des Staatsschauspiels Dresden gebracht. In Berlin spielt der Abend in einem die Bühne ausfüllenden Becken, das etwa fingerhoch mit Wasser gefüllt ist. Maren Eggerts Medea blickt zu Beginn wie in einen Spiegel hinein. Die Wasseroberfläche kräuselt sich bei ihren Schritten und wirft wellenartige Schatten an die beleuchtete Rückwand. Ansonsten ist es zumeist recht dunkel. Die sprechenden Figuren treten aus dem Hintergrund ins Licht nach vorn, um ihren Text zu deklamieren. Viel Interaktion findet zunächst nicht statt. Die beiden ersten Monologe der Medea, in dem es um sie und ihre Entdeckung des Mordes an Iphinoe bei einem Fest geht, und der des Jason (Edgar Eckert), der die Vorgeschichte erzählt, werden nur punktuell ineinander verschränkt. Medea weiß um ihr Unglück, den Mann schwach zu sehen, und dass Jason sich dafür rächen wird. Er legt wie ein Kind seinen Kopf in ihren Schoß, später, wenn Medea in Ungnade gefallen ist, wird er sie bedrängen und auch vergewaltigen.

Foto (c) Arno Declair

Die Stimmen der sechs im Buch sprechenden Figuren stehen bei Christa Wolf nicht umsonst separat nebeneinander. Sie sind so etwas wie Thesenträger, man könnte auch sagen Charakter-Typen oder sogar Geschlechter- und Machtmenschen-Klischees. Da stehen unerwiderte Liebe, die bei der Schülerin Agameda (Lisa Hrdina) in Hass umschlägt, neben dem Verständnis heischenden Opportunismus des zweiten korinthischen Astronomen Leukon (Thorsten Hirse), dem Machtkalkül Jasons und dem Frauen- und Fremdenhass des ersten Astronomen und Kreon-Beraters Akamas (Helmut Mooshammer) nebeneinander. Alle verhalten sich zur bestehenden Macht. Im Grunde sind es Intellektuelle, die aus bestimmten Interessen handeln wie Jason, Agameda, Akamas, oder eben nicht handeln wie Leukon und so zur Staatsraison beitragen.

Sonderpositionen nehmen Glauke (Kathleen Morgeneyer) und Medea ein. Die eine ist angepasstes, durch Nichtbeachtung und den Mord an ihrer Schwester traumatisiertes Opfer, das benutzt wird. Die andere wiedersetzt sich dieser Rolle und wird deshalb verleumdet und vertrieben. Beiden gesteht Regisseur Köhler die meisten Aktionen zu. Beide Schauspielerinnen gestalten das auch sehr eindrucksvoll. Zum Beispiel wenn Glauke, von Medea zum Ausbruch aus ihrer Fremdbestimmung angespornt, an einem von Schnürboden hängenden Seile hinauf klettert. Ansonsten muss sie viele epileptische Anfälle im Wasserbecken markieren. Der Rest spielt meist nur gut bezahlte Staffage und bildet mal hektisch umherrennend, mal im Pulk das gegen Medea aufgebrachte korinthische Volk. Schönes Bild ist auch ein intellektueller Stuhlturm des nur beobachtenden Leukon. Auch Medea wird sich später darauf setzen. Ihre Schlussworte beschreiben Christa Wolfs Pessimismus ganz ohne ein Fragezeichen. „Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.“

 

Foto (c) Arno Declair

 

Wird Tilmann Köhlers Inszenierung den Intensionen von Christa Wolf gerecht, oder was verfolgt er überhaupt mit dieser Stoffwahl? Das ist das große Problem der Inszenierung, die sich da nicht wirklich positioniert. Nicht die Stoffwahl ist das Problem, sondern die Umsetzung. Köhler hat durch die Bearbeitung des Medea-Stoffes durch Christa Wolf ja schon die halbe Miete. Er muss sich nicht mehr selbst um eine bestimmte Aktualisierung des Mythenstoffs und eine neue Lesart der Medea bemühen. Was Köhler dann allerdings macht, ist die Reduzierung auf die reine Textwiedergabe, bei der die Inszenierung versucht, aus den verschiedenen Stimmen des Romans eine sparsame Spielhandlung zu formen. Im Programmheft wird in einem Text von Christa Wolf auf das klassische Altertum als unerschöpflicher Brunnen für das Abendland in Bezug auf Ideen, Kunstmaximen, Staatstheorien, Philosophien und der großen Utopie von Demokratie hingewiesen. Sie kritisiert aber auch die Verbindung dieser über die Jahrhunderte entstandenen abendländischen Werte mit dem „rasenden technischen Fortschritt der Neuzeit“ als „Wahndenken“.

Klassischer Humanismus und Kapitalismuskritik sowie Kritik an patriarchalen, hierarchischen Gesellschaftsstrukturen und verfestigten Eigentumsverhältnissen in Hinblick auf Verteilungskriege und Ausbeutung der dritten Welt. Das ist ein Problem nicht nur der Zeit des Zweiten Golfkriegs. Sündenbock-Problematik und Populismus sind wieder in aller Munde, auch wenn im Buch kein wirklicher Populist in Aktion tritt. Akamas hört man nicht zum Volk reden. Die Stimmen reflektieren nur das Geschehen, versuchen sich davon zu entschulden oder es als unabwendbar (man könnte auch alternativlos sagen) darzustellen. Eigentlich schreit der Roman geradezu nach einer multimedialen Umsetzung, die diesem Kammerspiel mehr Wirkung geben würde. Die elektro-minimalistische Live-Musik von Michael Metzler und das Puppenspiel von Johanna Kolberg als Medeas Vertraute Lyssa sind ja ein Weg dahin. In dieser Hinsicht bleibt Köhlers Inszenierung aber viel zu blass für heutiges Regietheater. Manche mögen das sicher auch als wohltuend empfinden. Allerdings geht die politische Dimension des Buchs dabei baden.

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Medea. Stimmen (Kammerspiele, 05.04.2018)
von Christa Wolf
Fassung von Tilmann Köhler und Juliane Koepp
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Karoly Risz
Kostüme: Susanne Uhl, Henrike Huppertsberg
Musik: Jörg-Martin Wagner
Puppenbau: Franziska Stiller; Karen Schulze, Andreas Müller
Licht: Thomas Langguth
Dramaturgie: Juliane Koepp
Besetzung:
Maren Eggert: Medea
Edgar Eckert: Jason
Lisa Hrdina: Agameda
Helmut Mooshammer: Akamas
Thorsten Hierse: Leukon
Kathleen Morgeneyer: Glauke
Johanna Kolberg: Lyssa; Puppenspielerin
Michael Metzler: Live-Musik
Die Premiere war am 5. April 2018 an den Kammerspielen des Deutschen Theaters
Termine: 20., 27.04. / 04., 11., 26.05.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 07.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Max Beckmann. Welttheater – Das Museum Barberini Potsdam zeigt Werke des Künstlers zur Welt des Theaters, Zirkus und Varietés

April 25th, 2018

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Nach großen Themen-Ausstellungen zum Exil in Amsterdam und Amerika in München und Frankfurt am Main, zu den Portraits in Leipzig, den Stillleben in Hamburg und vor drei Jahren in der Berlinischen Galerie zur Präsenz des Malers in der damaligen Hauptstadtmoderne legt nun auch das Potsdamer Museum Barberini mit einer weiteren Max-Beckmann-Schau nach. Max Beckmann. Welttheater beschäftigt sich mit der Leidenschaft des 1884 in Leipzig geborenen Künstlers für die Welt des Theaters, Zirkus und Varietés. Max Beckmann malte sich sehr gern in Gesellschaft aber oft auch allein in Maske und Verkleidungen posierend. Er portraitierte die bekannten Künstler seiner Zeit und bannte das große Welttheater als grelle Show, Katastrophenszenario oder Metapher für das gegenwärtige Weltgeschehen auf die Leinwand.

Die in Kooperation mit der Kunsthalle Bremen von Ortrud Westheider und Eva Fischer-Hausdorf kuratierte Ausstellung zeigt mehr als 100 Gemälde, Skulpturen, Grafiken und Skizzenbücher aus selten gezeigten Privatsammlungen und Beständen so berühmter Häuser wie dem MoMA in New York, der Tate Gallery London, dem Harvard Art Museums/Fogg Museum in Cambridge (MA) oder der National Gallery of Art in Washington D. C. Aber auch viele deutsche Museen mit großen Beckmann-Sammlungen wie die Kunsthalle Bremen, das Frankfurter Städel, der Kunstpalast Düsseldorf, die Münchner Pinakothek der Moderne, das Museum Ludwig in Köln, die Staatsgalerie Stuttgart, das Von der Heydt-Museum Wuppertal, das Museum der Bildenden Künste Leipzig, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Nationalgalerie Berlin haben Werke beigesteuert.

Max Beckmann: Doppelbildnis Karneval, Max Beckmann und Quappie, 1925, Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf – © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Photo ARTOTHEK, Weilheim, Stiftung Museum Kunstpalast

Ausgangspunkt der Ausstellung im Barberini ist allerdings der Erste Weltkrieg, in den Beckmann mit großer Neugier und Begeisterung als freiwilliger Sanitätshelfer zog. Er erhoffte sich wie viele Künstler seiner Zeit Inspiration für seine Arbeit, wurde aber nach einem Nervenzusammenbruch stark traumatisiert wieder entlassen. In dieser Zeit entstanden düstere, theatral komponierte Radierungen wie Traum I (Totenklage) oder Das Leichenhaus, die sich im Stil des Expressionismus mit dem Tod befassen. Kurz nach dem Krieg entstanden Graphik-Mappen wie Gesichter mit Caféhausimpressionen und ersten Karnevalsbildern. Maskierte Menschen sind sein bevorzugtes Sujet. Oft malte Beckmann sich selbst als Clown. Im Selbstportrait als Clown (1921) schaut er eher traurig mit abgenommener Maske und Klatsche den Betrachter an. Aber auch als Musiker posierte der Maler gern wie in dem 1930 entstanden Selbstbildnis mit Saxophon.

Schon früh verbannt Max Beckmann viel mit dem Theater. Seine erste Frau Minna Tube, die er 1903 auf der Kunsthochschule in Weimar kennenlernte, trat neben ihrer Malerei auch als Opernsängerin auf. Eine Reminiszenz an diese Zeit ist das Gemälde Walküre von 1948. Und auch „Quappi“, seine zweite Frau Mathilde von Kaulbach, war vor der Ehe Sängerin und wurde vielfach von Beckmann portraitiert. Etwa das Doppelbildnis Karneval von 1925 zeigt Max Beckmann und Quappie in karnevalesker Verkleidung. „Maskerade. Rollenspiele im Raum“ nennt die Ausstellung dieses Werkkapitel. „Beckmann als Beobachter“ führt in Nachtlokale und Cafés, „Zirkus. Das Leben als Hochseilakt“ in die bunte Welt des Jahrmarkts und Zirkus und „Varieté. Szenen im Theater der Unendlichkeit“ in die berühmten großstädtischen Varietés der 1920er und 30er Jahre wie dem Tauentzienpalast (1924). Hier schüttelte Beckmann die schrecklichen Erinnerungen des Krieges ab. „Wenn man dies alles (…) nur als eine Szene im Theater der Unendlichkeit auffaßt, ist vieles leichter zu ertragen.“ schrieb er 1940 in sein Tagebuch. Der Hochseilakt in der Grafik Varieté von 1927 oder das Gemälde Artistin. Am Trapez von 1936 stehen hier gleichbedeutend symbolisch für einen Tanz am Abgrund der eigenen Existenz als Künstler. Waghalsig auch die Artistennummer zweier Ballonfahrer im 1928 entstandenen Gemälde Luftakrobaten. Die Welt steht Kopf in Beckmanns Bildern.

 

Max Beckmann, Schauspieler. Triptychon 1941,42; Harvard Art Museums, Fogg Museum, Cambridge, MA, Schenkung Lois Orswell
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Photo Imaging Department, © President and Fellows of Harvard

 

In den 1920er Jahren entstehen Graphikmappen wie Berliner Reise mit den Lithografien Die Enttäuschten I und II. Oft arrangiert Beckmann seine Figuren wie auf einer Guckkastenbühne, zeigt Theaterfoyers, Bühnenbilder und Menschengruppen in Logen. Was weniger bekannt ist: Beckmann steuerte nicht nur Illustrationen zu Romanen und Erzählungen bei, er schrieb auch selbst satirische Theaterstücke wie Ebbi und Das Hotel. Beide Dramen sind in illustrierten Buchausgaben ausgestellt.

Der Werkteil „Theater. Die komplexe Welt auf der Bühne“ widmet sich den Portraits von berühmten Schauspielern wie dem befreundeten Heinrich George (Familienbild George, 1935) oder dem französischen Mimen N.M. Zeretelli, den er in Öl (1927) und auf Papier (1924) verewigte. Das große Triptychon Die Schauspieler von 1941/42 aus dem Havard/Fogg Museum, Cambridge (MA) ist sicher ein Höhepunkt der Ausstellung und Beispiel für sein zum Teil surreal verrätseltes Spätwerk im Exil.

 

Max Beckmann: Apachentanz, 1938, Kunsthalle Bremen
Der Kunstverein in Bremen, Photo Lars Lohrisch, © VG BILD-KUNST, Bonn 2018

 

Was in den 1930er Jahren in Pariser Vaudevilles und Varietétheatern entstand, zeigt die Abteilung „Varieté. Szenen im Theater der Unendlichkeit“. Viele von Beckmanns Bildern tragen das Varietéthema schon im Namen wie etwa Varieté mit Tänzerin und Zauberer von 1942. Der Künstler, der in Deutschland mittlerweile als entartet gilt, malte wieder Tänzerinnen in allen möglichen Posen (Tänzerin mit Pelzmütze, 1937 oder Tänzerin in schwarz mit Laute, 1943), maskierte Schöne mit Instrumenten (Mädchen mit Banjo und Maske, 1938) und expressiv gewalttätige Bordellszenen wie das Gemälde Apachentanz aus dem Jahr 1938, in dem ein Zuhälter (sogenannter „Apache“) eine Prostituierte über dem Kopf wirbelt. Flankiert werden diese Bilder von Beckmanns biegsamen aber auch wuchtigen Bronzen von Akrobaten, Tänzerinnen und Schlangenbeschwörerinnen.

Der letzte Teil der Ausstellung „Argonauten. Das Selbstverständnis als Künstler“ ist Beckmanns Vorliebe für Mythen und Symbolik gewidmet. Schon 1923 beschäftigte er sich mit Tamerlan, einem grausamen mongolischen Tyrannen, bekannt aber auch für seinen Sinn für Kunst und Literatur. Tucholsky dichtete 1922 „Mir ist heut so nach Tamerlan zu Mut / ein kleines bißchen Tamerlan wär gut.“ Beckmann fertigte dazu ein Wimmelbild aus dem wilden Großstadtvarieté. Sicher ganz ähnlich funktioniert die Übertragung alter Mythen in die Welt der Gegenwart im Triptychon Die Argonauten von 1949/50 (Eine Leihgabe aus der National Gallery Washington). Fast eine Art künstlerisches Vermächtnis des Malers, der auf den drei Bildtafeln noch einmal mit den für ihn typischen Symbolen und Figurengruppen das ganze Spektrum des Beckmann‘schen Welttheaters zusammenfasst.

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Max Beckmann. Welttheater
24. Februar bis 10. Juni 2018
Museum Barberini
Alter Markt
Humboldtstr. 5-6
14467 Potsdam

Infos: https://www.museum-barberini.com/ausstellung-max-beckmann.welttheater/

Zuerst erschienen am 23.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Jo Fabian, neuer Schausspieldirektor am Staatstheater Cottbus, inszeniert Anton Tschechows „Onkel Wanja“ als amüsante Tragikomödie und mit „Terra In Cognita“ ein eigenes assoziatives Bildertheater zur Menschheitsgeschichte

April 24th, 2018

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Terra In Cognita – Am Staatstheater Cottbus inszeniert Jo Fabian ein assoziatives Bildertheater zur Geschichte der Menschheit

TERRA IN COGNITA am Staatstheater Cottbus
Foto © Marlies Kross

Zum Titel des Stücks Terra In Cognita von Jo Fabian (seit dieser Spielzeit neuer Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus) lassen sich gleich mehrere gedankliche Assoziationen bilden. Naheliegend ist die Übersetzung als unbekanntes Territorium, aber auch als lernendes oder auch gegenteilig unbelehrbares Land. „Die Inszenierung Jo Fabians ist der Versuch, die Entwicklungsgeschichte der Menschheit in drei Bildern zu erzählen.“ lautet die Kurzbeschreibung des Abends auf der Website des Theaters. Es ist zunächst aber v.a. ein assoziativer Bilderreigen, der eine an das sanft ironische Musiktheater Christoph Marthalers erinnernde Spielhandlung im Mittelteil rahmt.

Wuchtig ist der Beginn mit einer rhythmischen Choreografie, die einen Einzähler auf einer Galeere zeigt, der mit Trommelschlägen die Ruderer, von denen man nur die durch kleine Bullaugen gesteckten Ruder sieht, antreibt. Im Hintergrund zerfällt die Videoprojektion eines stumm schreienden Frauenkopfs, und unter einem Gazetuch singen die Verdammter der Erde einen Opferchoral. Ein zuvor auf den Vorhang projiziertes Zitat des US-amerikanischen Schriftstellers William Faulkner gibt das Motto des Abends vor. „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Auch Christa Wolf setzte ihrem Roman Kindheitsmuster dieses Zitat voran. Die Erinnerung an eine Vergangenheit aus Kriegen und menschlichem Leid, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Jo Fabian verdeutlicht dies in einem animierten Video-Diorama, das die Geschichte der Menschheit von den ägyptischen Pyramiden über Golgatha bis in die Neuzeit mit Bildern von Eroberern, christlichen Erlösern, Fahnenträgern, Agitatoren, Wissenschaftlern und Künstlern einfängt. Der bildende Künstler Joseph Beuys dient hier als Geschichtsbeobachter und bildungsbürgerliche Referent – vom Regisseur vor den Karren seiner sozialen Theaterplastik gespannt samt selbstironischer Publikumsbeschimpfung.

 

TERRA IN COGNITA am Staatstheater Cottbus
Foto © Marlies Kross

 

Im zweiten Teil nach der ersten kurzen Pause zeigt die Bühne mit den Bullaugenwänden eine Art Krankensaal mit Betten. Es könnte auch das Innere eines Flüchtlingsschiffs sein, oder ein Arche mit Überlebenden. Ein Motor springt immer wieder stotternd an, aus Blechrohren dampft es, und ein Mann mit Rohrzange irrt verloren durch den Raum. Hier sitzen ein paar Vertreter der Menschheit zusammengepfercht und sich selbst überlassen. Sie dämmern vor sich hin, schimpfen oder brabbeln Unverständliches. Die Welt ein einziges Irrenhaus aus Religion, Vorurteilen und Ideologie. Immer wieder geht einer der Insassen an ein Mikrofon an der Rampe. Der Mieteintreiber zählt Geld, ein Pater im Talar bekommt eine Handentspannung, ein orthodoxer Jude rezitiert aus Schriften Richard Wagners und Friedrich Nietzsches, ein SS-Mann fordert die totale Mietzahlungsverweigerung und fordert den Juden auf, den Davidstern zu tragen, eine blinde und scheinbar traumatisierte Frau droht mit einer Schere. Immer wieder setzen sich alle und singen das Tiroler Volkslied „Fein sein, beieinander bleibn“. Jo Fabian bringt einen politischen und religiösen Querschnitt der Weltbevölkerung aus Christ, Jude und Beduine auf engstem Raum zusammen. Stereotypen und Klischeeträger, die sich gegenseitig das Leben schwer machen und trotzdem verurteilt sind, gemeinsam auf einem untergehenden Dampfer den Weg zu den Rettungsbooten zu finden.

Das ist z.T. recht witzig gemacht, wenn auch mancher allzu plumpe Gag ins Leere laufen mag. Spätestens im dritten, wieder sehr rhythmisch durchchoreografierten Teil findet die Botschaft des Regisseurs seine Adressaten, wenn das gesamte Ensemble in schwarzen Gewändern zum Takt des Einpeitschers vom Beginn zu weiteren Videoeinspielungen eine emotional treibende Bild-Soundcollage performt. Die letzten Worte gehören Charlie Chaplin mit seiner ergreifenden Schlussrede aus dem Film Der große Diktator: „Es tut mir leid, aber ich möchte nun mal kein Herrscher der Welt sein, denn das liegt mir nicht. Ich möchte weder herrschen, noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann. Den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt.“ In diesem Sinne könnte der Abend auch eine Art Erkenntnisprozess in Gang setzen. „Wer nicht denken will, fliegt raus.“ steht auf einem Flugblatt im Foyer. Und das ist nicht nur für die Region Brandenburg oder die Stadt Cottbus wichtig. Mögen die letzten Sätze da nicht gänzlich ungehört verhallen.

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Terra In Cognita (Staatstheater Cottbus, 20.04.2016)
Choreografisches Figurentheater von Jo Fabian
URAUFFÜHRUNG
Regie/Choreografie/Bühne/Kostüme/Video: Jo Fabian
Vokalkomposition/Musikalische Einstudierung: Hans Petith
Schlagwerk-Einstudierung/Sounddesign: Lars Neugebauer
Dramaturgie: Lukas Pohlmann
Regieassistenz: Romy Schwarzer
Ausstattungsassistenz: Hans-Holger Schmidt
Mit: Ilona Raytman, Lisa Schützenberger, Michaela Winterstein
Michael von Bennigsen, Kai Börner, Rolf-Jürgen Gebert, Gunnar Golkowski, Thomas Harms, David Kramer, Boris Schwiebert, Axel Strothmann
Musiker (Schlagwerk): Lars Neugebauer
Die Premiere war am 24.02.2018 im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus
Termine: 03., 29.05. / 20.06.2018

Infos: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 22.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Geben sie dem Mann am Klavier noch ein Bier – Jo Fabian verulkt bei seinem Antritt als neuer Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus Tschechows Onkel Wanja

ONKEL WANJA am Staatstheater Cottbus – Foto © Marlies Kross

Zu seiner ersten Inszenierung für die Große Bühne am Staatstheater Cottbus gibt Jo Fabian seinem Publikum eine Art Selbstvergewisserung in Sachen Kunstverständnis mit auf den Weg. „Ich will verstehen, was die Künstler mir sagen wollen. Dazu benutze ich die mir verliehene Gabe der Interpretation. Aber auch Fehlinterpretationen werde ich mich nicht verschließen.“ Damit schlägt der Regisseur gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens soll sich das Publikum selbst Gedanken zum Stück machen, was auch bedeutet, dass ihm die Erkenntnis nicht vorbestimmt sei, und zweitens entschuldigt sich der Regisseur auch für die Möglichkeit, missverstanden zu werden. Fehldeutung seitens des Publikums sind aber durchaus gewollt und zu akzeptieren. Klingt zunächst durchaus interessant. Der Wunsch, das Theater am Ende unversehrt und unbehelligt wieder verlassen zu können, beschränkt sich demnach nur aufs rein Körperliche, nicht aber auf den Geist.

Derart gewappnet begibt sich also das Cottbuser Publikum in die Aufführung des Dramas Onkel Wanja, das auch als melancholische Komödie, 1896 vom russischen Schriftsteller und Dramatiker Anton Tschechow geschrieben, weltweit bekannt ist. Den unglücklichen, in ihrem als sinnlos empfundenen Leben gefangenen Charakteren des Stücks die Tragik mit entsprechender Komik auszutreiben, ist so neu nicht. Jo Fabians Inszenierung zielt allerdings auf einen möglichst breit angelegten Ansatz, in dem Bühnenbild, Musik, Ton und Schauspiel durch die dynamische Wahrnehmung des Zuschauers selbst zu einem möglichst vergnüglichen Gesamtkunstwerk verschmelzen sollen. Das Publikum als treibende Kraft der bildlichen Assoziation.

Und zu sehen gibt es auf der von Pascale Arndtz gestaltenden Bühne recht viel. Das Ensemble sitzt an einer Tafel inmitten eines alten Salons, der zum Zuschauerraum durch eine bröckelnde Wand mit kaputten Fenstern und großer Terrassentür abgegrenzt ist, durch die nicht von jedem Platz im Saal alles einsehbar ist. Amadeus Gollner als Telegin muss da schon mal erklärend einspringen. Ansonsten wird auch ein Perspektivwechsel durch Kartentausch in der Pause angeboten. Im Saloninneren ragen zwei kahle Birken in den Bühnenhimmel, es grasen Ziegen im Hintergrund, und eine große Uhr zeigt 5 nach 12, als wäre die sich anbahnende Katastrophe schon geschehen. Zunächst herrscht jedoch für ein Tschechow-Stück bemerkenswert langes Schweigen. Rockmusik setzt ein, und das Geräusch eines vorbeifliegenden Flugzeugs lässt die Figuren kurz aufhorchen. Ein Mann mit Bart und Melone schaut aus einem Spiegelfenster heraus, stellt sich als Onkel Wanja vor und beginnt damit, die Ausgangssituation des Stücks ins Mikrofon zu erzählen.

 

ONKEL WANJA am Staatstheater Cottbus
Foto © Marlies Kross

 

Axel Strothmann gibt seinen Onkel Wanja als ironisch-trockenen, mit russischem Akzent sprechenden Conférencier des Geschehens, die weiteren Figuren treten nach und nach aus dem Hintergrund. Auf Original-Tschechow muss man allerdings noch eine Weile warten. Mehr beiläufig ergibt sich aus diesem recht statischen Spiel so etwas wie eine Handlung, bei der sich Wanja und Arzt Astrow (Gunnar Golkowski) darüber streiten, ob das Wetter schwul oder schwül ist. Regisseur Fabian hat allen DarstellerInnen das gebrochene Deutsch verordnet, nur die alte Marina (Michaela Winterstein) darf auch ein paar Brocken auf Russisch sagen. Über allem schwebt eine hin und wieder unterbrechende Off-Stimme, die wie ein Regisseur bei den Proben Spielanweisungen gibt. Dass Fabian als stummes Faktotum mit Sonnenbrille selbst durch die Szenerie streift, verleiht dem Ganzen doch etwas den Anschein einer vagen Versuchsanordnung, die des ständigen Eingriffs bedarf.

Ansonsten lässt der Regisseur sein Ensemble aber mehr an der langen Leine agieren. Immer wieder gibt es Slapstickeinlagen, wenn sich z.B. Wanja und Astrow zu „Sympathy for the Devil“ notgeil um Jelena (Lisa Schützenberger), die junge Frau des Phrasen dreschenden Professors (Thomas Harms), prügeln, der völlig betrunkene Arzt mit Hilfe der unglücklich in ihn verliebten Sonja (Lucie Thiede) in seine Hose steigen will oder der von ihm vergötterten Jelena seine „Röllchen“ mit der Verteilung von Wald und Wildtier im Landkreis zeigt. Es werden schlüpfrige Witze erzählt bzw. das Geschehen auf der Bühne geistreich kommentiert. Die Figurenzeichnung liegt oft nah an der Karikatur. So wird die Mutter Wanjas, Maria Wassiljewna Wojnizkaja, auf einem Rollbrett umhergeschoben. Sigrun Fischer darf hier mit Liedern aus Winterreise ihr Gesangstalent beweisen. Ansonsten ist sie mehr eine senile, in der Vergangenheit lebende Diva. Begleitet wird sie vom sich ständig verbeugenden Pianisten Hans Petith, der auch recht pathetisch Satie oder Tschaikowski einstreut.

Der Tschechow-Plot passiert hier irgendwie mehr nebenbei. Dann aber umso intensiver. Große Aufregung gibt es noch einmal nach der Bekanntgabe des Professors, dass er das Gut verkaufen will. Was dann allerdings wie der Schuss aus der vom Regisseur gereichten Pistole verpufft. Wozu es des übrigen Klamauks bedarf, bleibt gut behütetes Geheimnis des Regisseurs genau wie der Running Gag, bei dem ständig nach einer schwarzen Katze gesucht wird, die man an der Garderobe abgeben soll, wie es Sonja nach ihrem berühmten Schlussmonolog über das Weitermachen sagt. Dass es sich dabei nur um einen etwas schrägen MacGuffin handeln könnte, der die Handlung zwar antreiben soll, selbst aber nie zu sehen ist, dürfte in Cottbus nicht so geläufig sein. Ein Spiel mit der Fantasie des Publikums, das sich trotz Kurzweil dann vielleicht doch etwas unter Niveau amüsiert haben dürfte.

 

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Onkel Wanja (Staatstheater Cottbus, 26.12.2017)
Schauspiel von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Regie: Jo Fabian
Bühne & Kostüme: Pascale Arndtz
Dramaturgie: Jan Kauenhowen
Regieassistenz: Lukas Pohlmann
Besetzung:
Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow: Thomas Harms
Jelena Andrejewna: Lisa Schützenberger
Sofja Alexandrowna (Sonja): Lucie Thiede
Maria Wassiljewna Wojnizkaja: Sigrun Fischer
Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Wanja): Axel Strothmann
Michail Lwowitsch Astrow: Gunnar Golkowski
Ilja Iljitsch Telegin: Amadeus Gollner
Marina: Michaela Winterstein
Tänzerin: AnnaLisa Canton, Mandy Krügel
Pianist: Hans Petith
Die Premiere war am 04.11.2017 im Staatstheater Cottbus
Dauer: 2 h, 45 min., eine Pause
Termine siehe: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 28.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Das 14. Achtung Berlin Filmfestival 2018 – Einige Beiträge aus dem Spielfilmwettbewerb

April 20th, 2018

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Berlin als Kulisse und Protagonist von Spielfilmen steht wieder im Fokus des 14. ACHTUNG BERLIN-Filmfestivals, das in diesem Jahr über die Grenzen der Stadt bis ins brandenburgische Beeskow expandiert ist. Aber auch vermehrt international ist das Festival in den letzten Jahren geworden. Filme von in Berlin lebenden RegisseurInnen oder Expats laufen hier ganz selbstverständlich. Ebenfalls erfreulich ist, dass es auch in diesem Jahr wieder einen deutlichen Überhang an Regisseurinnen gab. Im Folgenden stellen wir einige Beiträge aus dem Spielfilmwettbewerb vor.

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To go for a nigth out heißt so viel wie nachts ausgehen oder einen drauf machen. Neun Menschen unterschiedlicher Herkunft verirren sich in einer sommerlichen Samstagnacht bei einem gemeinsamen Abenteuer im Berliner Nachtleben, wie Nigth Out, der neue Spielfilm des in Berlin lebenden griechischen Regisseurs Stratos Tzitzis auch im Untertitel heißt. Man spricht Englisch, die mittlerweile vorherrschende Sprache der Berliner Nacht, wo in wilden Techno-Clubs bis in die frühen Morgenstunden getanzt und gefeiert wird. Alles scheint hier möglich und erlaubt, unabhängig von sexuellen Vorlieben und Ausrichtungen. Ein Fest für hetero- und homosexuellen Singles, Paare und Polyamore, die Spaß, Zerstreuung, Sex oder den totalen Kick suchen.

 

NightoutFoto (c) George Lavantsiotis

 

Ausgehend vom Christopher Street Day, bei dem die jungen Syrer Amir und Farouk (Spyros Markopoulos, Bejean Banner) zunächst Anschluss an Frauen suchen, folgt der sich von seinem Freund trennende Amir den Mädchen Ingrid (Sulaika Lindemann) und Lena (Julia Thomas) durch verschiedene Berliner Konzert-Locations. Amir ist fasziniert von den beiden selbstbewussten jungen Frauen, die sich aber bald mehr für sich als für den liebeshungrigen Syrer interessieren. Im legendären Kit Kat Club stoßen die drei schließlich auf eine weitere Gruppe von Nachtschwärmern. Von der Vernissage einer Ausstellung, die der schwule Gallerist Felix (Thomas Kellner) für den Londoner Künstler Michael (Martin Moeller) ausrichtet, beschließen die beiden mit Michaels Frau Sarah (Alexandra Zoe) und dem Paar Martha und Sebastian (Mara Scherzing, Jens Weber), die fast verzweifelt Sarah für die Finanzierung ihres Projekts einer Wohninsel in der Spree gewinnen wollen, noch durch die Berliner Nacht zu ziehen. In einem dritten Strang sucht die schwangere Layla (Katerina-Martha Clark) nach dem Erzeuger ihres Kindes.

Abgehobener Jetset, Kunstbetrieb und Kreativ-Business treffen im sexuell freizügigen Kit Kat Club auf ungezwungene Lebenslust, deren Reizen sie auf unterschiedlicher Weise ausgeliefert sind und sich dem faszinierenden Treiben nacheinander hingeben. Stratos Tzitzis feiert in seinem Film Berlin als Ort der nächtlichen Freiheit, des Hedonismus und eines schwul-lesbischen Selbstverständnisses, das sich nicht nur in der Vater-Vater-Kind-Familie von Felix und dessen Freund Max (Jörn Linnenbröker) manifestiert, und auch die materiellen Probleme und Lebensnöte der ProtagonistInnen nicht ausblendet. Der treibende Soundtrack und das durchweg spielfreudige Ensemble tun ihr Übriges.

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Nigth Out
Regie und Buch: Stratos Tzitzis
Kamera: Patrick Jasim
Mit: Mara Scherzinger, Jens Weber, Martin Moeller, Thomas Kellner, Alexandra Zoe, Spyros Markopoulos, Sulaika Lindemann, Julia Thomas, Katerina Martha Clark u.a.

Infos: http://www.nightoutmovie.com/

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Filme wie Nigth Out sind natürlich weitab der normalen Wahrnehmung. Selbst im neuen deutschen Film geht es vorwiegend immer noch um die Beziehungsprobleme deutscher Normalbürger. Zwei davon sind in der Beziehungskomödie Zwei im falschen Film von Laura Lackmann zu sehen. Der Film eröffnete am 11. April das Filmfestival im Kino International. Die Regisseurin konnte 2016 mit der Verfilmung des Romans Mängelexemplar von Sarah Kuttner schon einen ersten Erfolg verbuchen. Mit Laura Tonke und Marc Hosemann besetzte Laura Lackmann nun zwei echte Berliner Sympathieträger für die Hauptrollen des Paars Hans und Heinz, wie Hans seine Freundin nennt. Das mutet schon mal etwas komisch an. Merkwürdig auch, dass die beiden in den Büroräumen des Copyshops, den Hans mit einem Partner (David Bredin) betreibt, wohnen und am liebsten vor dem Fernseher sitzend Videogames spielen. Die Luft scheint etwas raus aus der Beziehung. Es stottert wie das altersschwache Auto der beiden. Nicht nur Inspiration und Romantik sind den beiden abhandengekommen, sie haben es sich auch im Mittelmaß bequem gemacht. Bezeichnender Weise hat Heinz ihre Schauspielkarriere für einen Synchronjob als Verkehrsampel aufgeben.

 

Zwei im falschen Film
Foto © Friede Clausz, Studio.TV.Film GmbH

 

Zu Beginn sehen sich die beiden in einem Kinofilm selbst auf der Leinwand als romantisches Paar bei einem Happy End am Meer. Zu unrealistisch, zu kitschig lauten ihre kritischen Reaktionen. Wer braucht das schon? Für Hans besteht das größte Glück aus Ruhe. Um nicht ganz einzuschlafen, beschließen die zwei nach einem tristen Essen zum achtjährigen Beziehungsjubiläum eine Liste mit liebeserweckenden Dingen abzuarbeiten. Das gerät allerdings schon beim nachgestellten Kennenlernen in einer leeren Diskothek zur Farce. Erst der plötzlich auftauchende Exfreund (Hans Longo) von Heinz kann für etwas Durcheinander in der eingerosteten Beziehung sorgen. Lachmanns Plot entwickelt sich dabei zwar recht behäbig aber auch nicht ganz unkomisch. Als mehr oder minder gut funktionierende Gegenpaare sieht man Rolf Becker als Hans‘ Vater und Christine Schorn als demente Mutter, seinen schwulen Bruder (Sebastian Schwarz) und dessen Freund (David Ruland), einen früheren Schulkameraden (Arnd Klawitter) und dessen frustrierte Frau (Josefine Voss) oder Heinz‘ pedantische Schwester (Kathrin Wichmann) und ihren unter der Fuchtel stehenden Mann (Felix Goeser). Da fällt die Einsicht nicht schwer, es vielleicht doch nicht ganz verkehrt zu machen. Ein Singing in the Rain ist der Film nicht gerade, aber mit ganz witzigen Mitteln versucht Laura Lackmann auch eher solche Hollywoodklischees von der großen Liebe auf die Schippe zu nehmen. Die Spielfilmjury verlieh ihr dafür immerhin den Preis für das beste Drehbuch.

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Zwei im falschen Film (D, 2017)
Regie: und Buch: Laura Lackmann
Kamera: Friede Clusz
Mit: Laura Tonke, Marc Hosemann, David Bredin, Katrin Wichmann, Christine Schorn, Hans Longo, Josefine Voss, Sebastian Schwarz, David Ruland, Felix Goeser, Rolf Becker, Marie Meinzenbach, Romina Maria Ostermann, Arnd Klawitter
Verleih: farbfilm verleih
Kinostart 31.05.2018

Infos: http://www.farbfilm-verleih.de/filme/zwei-im-falschen-film/

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39 Jahre, Single und momentan arbeitslos, so beschreibt sich die freie Texterin und Onlineredakteurin Alice (Eva Löbau). Auch sie könnte man im falschen Film vermuten. Sie verfügt über mehrjährige Berufserfahrungen und viele Qualifikationen, aber im Moment will einfach nichts gelingen. Mit kleinen Jobs bei Produkttestaktionen von Marktforschern, bei denen sie allerdings meist nur Gutscheine erhält, versucht sie sich halbwegs über Wasser zu halten und futtert sich hin und wieder bei den Eltern (Veronika Nowag-Jones und Axel Werner) durch, ist aber auch zu stolz, diese um Geld zu bitten. Alice fühlt sich wie beim Spiel Reise nach Jerusalem [so auch der Filmtitel], immer im falschen Moment am falschen Ort. Dazu kommt noch jede Menge Pech. Ein abgebrochener Zahn kurz vor einem Bewerbungsgespräch wird da zum verzweifelten Run nach dem fehlenden Geld für den Zahnarzt. An Einfallsreichtum mangelt es Alice nicht, nur an etwas Glück, dass ihr hier scheinbar nur eine frech verfasste Onlinebewerbung unter Alkoholeinfluss bringt.

 

Reise nach JerusalemFoto (c) Ralf Noack

 

Regisseurin Lucia Chiarla erzählt von den kleinen, andauernden Demütigungen des Alltags, denen Menschen ohne Job und Perspektive in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. Das geht von der Bevormundung des Jobcenters, das einem immer neue Bewerbungsschulungen und andere Maßnahmen aufdrückt, über kleine Lügen bei Freunden, die die Beschäftigungslosigkeit und den Geldmangel kaschieren sollen, bis zu existenziellen Problemen, wenn die Miete oder das Essen nicht mehr bezahlt werden können. Mit einem lachenden und weinenden Auge zeigt Reise nach Jerusalem auch ganz gut die Nöte des Berliner Kreativprekariats. Eva Löbau brilliert in der Rolle der nie aufgebenden Alice, die in ihrem gewitzten Nachbarn (Beniamino Brogi), einem Musiker und Gelegenheitsstripper, nicht nur einen dringend benötigten Freund, sondern auch einen kreativen Antreiber findet.

Der Film Lucia Chiarla gehört zu den Abräumern des achtung berlin new berlin film awards. Neben dem Preis für den besten Film, einer lobenden Erwähnung für das Drehbuch, das Lucia Chiarla selbst verfasst hat, und dem Preis des englischsprachigen Stadtmagazins The Exberliner konnte Eva Löbau auch den Preis für die beste Schauspielerin einheimsen.

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Reise nach Jerusalem (D, 2018)
Regie, Buch: Lucia Chiarla
Kamera: Ralf Noack
Mit: Eva Löbau, Beniamino Brogi, Veronika Nowag-Jones, Axel Werner, Julia Sophie Mink, Constanze Priester, Christian Schmidt, Nils Schulz, und als Gäste Jan Henrik Stahlberg, Antonio Wannek

Infos: https://filmreisenachjerusalem.com/

 

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Im kreativen Künstlermilieu spielt auch der erste Film von Schauspieler und Theaterregisseur Cornelius Schwalm. Er führte Regie, schrieb mit am Drehbuch und spielt auch selbst die Hauptrolle, einen deutschen Theaterregisseur, der mitten in den Proben zum Stück Die Ermittlung von Peter Weiss mit Teilen seines Teams nach Polen fährt, um sich vor Ort in Auschwitz inspirieren zu lassen. Wenn man Schwalm kennt, dann weiß man, dass das kein langweilig korrekter Film zur deutschen Vergangenheitsbewältigung werden konnte. Schwalm drehte eine schwarzhumorige Satire als Kommentar zur auch unter Intellektuellen verbreiteten recht verlogenen Gedenkkultur und den immer noch vorherrschenden Ressentiments vieler Deutscher, Relativierung des Holocausts inbegriffen.

 

Hotel AusschwitzFoto (c) CollaboratorsFilms/MariaKron

 

Was der sich auf dem Karrieresprung nach Hamburg befindende, recht erfolgreiche Theaterregisseur Martin für ein Typ ist, zeigen schon die Proben zu Beginn des Films. Hier soll ganz große Kunst entstehen. Man hat als Ort dafür das Haus der Berliner Festspiele nutzen können. Martin ist einerseits cholerischer Künstler und macht sich zudem noch an seine Hauptdarstellerin Sabine (Franziska Petri) ran. Die hat allerdings ein Verhältnis mit dem Hauptdarsteller Holger (Patrick von Blume), was zu einigen Komplikationen in der kleinen Reisegruppe führt. Zu der gehören weiterhin Martins Assistent Matti (Jörg Kleemann), der eigene künstlerische Ambitionen hegt, und der recht unsensible Fahrer Bronski (Oliver Bigalke). Weitere Reibungen sind da vorprogrammiert und treten auch nachdem eine polnische Darstellerin (Katharina Bellena) mit jüdischer Großmutter zum Team stößt auf.

Hotel Auschwitz karikiert den künstlerischen Gestaltungswillen des Regisseurs, der die geschichtlichen Dimensionen mit zweifelhaften Mitteln erreichen will. In vor Ort zu drehenden Videotrailern werden SS-Uniformen, KZ-Kleidung und Walter Benjamins Engel der Geschichte zu einem kulturhistorischen Klischeebrei verrührt. Die unkonventionelle Herangehensweise des polnischen Filmteams, das einen Nazitrash-Actionfilm dreht, imponiert dem Regisseur, der merklich in einer kreativen Schaffenskrise steckt und nur noch Augen für Sabine hat. Nach einer durchzechten Nacht prallen dann schließlich die aufgestaute Wut des gedemütigten Assistenten und jede Menge Egos ungebremst aufeinander. Schwalm nimmt auf ironische Weise das deutsche Theatersystem auf die Schippe und liefert ein ganz treffendes Bild für hierarchische Abhängigkeiten. Auffällig sind auch die recht bemerkenswerte Kameraführung von Birgit Möller und Florian Lampersberger sowie die eigens für den Film komponierte Musik von David Scheler.

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Hotel Auschwitz (D, 2018)
Regie: Cornelius Schwalm
Buch: Cornelius Schwalm, Christiane Lilge
Kamera: Birgit Möller, Florian Lampersberger
Mit: Cornelius Schwalm, Franziska Petri, Patrick von Blume, Jörg Kleemann, Katharina Bellena, Oliver Bigalke, Harald Siebler, Verena Unbehaun

Infos: http://www.collaboratorsfilms.com/

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Sehr wenig mit Berlin hat der Wettbewerbsbeitrag Sarah joue un loup garou (Sarah spielt einen Werwolf) der Schweizer Regisseurin Katharina Wyss zu tun. Sie studierte in Berlin an der UdK Filmregie. Die Hochschule hat ihr die Finanzierung ihres lange geplanten Erstlings mit ermöglicht. Angesiedelt ist er im schweizerischen Freiburg, der Heimatstadt der Regisseurin, wo gleichsam schweizerdeutsch und französisch gesprochen wird. So auch im Film, der die Geschichte der 17jährigen Schülerin Sarah (Loane Balthasar) erzählt. Sahra ist eher introvertiert und romantisch veranlagt und versucht ihre diffusen Gefühle in einer Jugendtheatergruppe auszuleben. Die Liebe zur Kunst und Musik hat sie von den Eltern. Der Vater liebt Wagneropern, die Mutter ist Musiklehrerin.

 

Sarah joue un loup garouFoto (c) Interemezzo Films

 

Allerdings ist das Elternhaus auch mit Sarahs größtes Problem. Der Vater scheint eine für den Zuschauer recht undurchsichtige, durchaus auch sexuell übergriffige Machtrolle zu spielen, der sich Sarahs älterer Bruder wohl auch durch ein Studium in Heidelberg entzogen hat. Allein gelassen hängt Sarah in Romeo-und-Julia-Rollenspielen ihren morbiden Tagträumen nach. Zudem erfindet sie einen imaginären Freund, der gestorben sein soll. Sarah fühlt sich von ihren Mitschülern unverstanden und isoliert sich immer mehr. Auch die Freundschaft zum Mädchen Alice aus der Theatergruppe, die Georges Batailles Das obszöne Werk liest, hält nicht lange an. Manifestiert Sarah ihre sexuellen Verstörungen in einem von der christlichen Märtyrerin Barbara inspirierten Folterspiel für die Theatergruppe, flieht Alice zu einer echten Beziehung mit einem Jungen.

Katharina Wyss‘ Film ist keine leichte Kost, taucht er doch tief in die Psyche eines heranwachsenden Mädchens ein, das sich zunehmend mit Selbstmordgedanken trägt. In teilweise fast surreal wirkenden Bildern wird der Plot fast ausschließlich aus der Sichte des Mädchens erzählt. Sarah blendet die Realität immer mehr aus, was recht verstörend wirkt, wenn sie an für die anderen nicht mehr nachvollziehbaren hysterischen Wahnvorstellungen leidet. Auch hier trägt eine exzellente Kameraführung zur ästhetischen Versinnbildlichung der inneren Probleme der Hauptdarstellerin bei. Der eindrucksvolle Film empfahl sich durchaus für einige der ausgelobten Preiskategorien, Der eindrucksvolle Film empfahl sich durchaus für einige der ausgelobten Preiskategorien. Katharina Wyss erhielt neben dem Preis für die beste Spielfilmregie auch noch eine lobende Erwähnung des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFK).

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Sarah joue un loup garou (D, 2017)
Regie: Katharina Wyss
Buch: Katharina Wyss, Josa Sesink
Kamera: Armin Dierolf
Mit: Loane Balthasar, Manuela Biedermann, Simon Bonvi, Monica Budde, Sabine Timoteo, Michel Voïta, Annina Walt

Infos: http://sarahjoueunloupgarou.ch/

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Der undotierte Preis des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFK) in der Kategorie Bester Spielfilm ging dann an Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? von Regisseurin Kerstin Polte. Die Tragikomödie beschäftigt sich mit der Liebe, dem Leben und dem Tod, also alles, was man gerne so aufschiebt oder auch verdrängt. Und so fragt sich die 60jährige Charlotte (Corinna Harfouch) nach 38 Ehejahren an der Seite ihres Mannes Paul (Karl Kranzkowski) und einer Alzheimerdiagnose: „Warum muss ich eigentlich verschwinden, wenn ich noch gar nicht richtig da war.“ Diese Frage ist eigentlich an eine höhere Instanz gerichtet, die hier in der Gestalt des melancholischen Gottes Horster (Bruno Cathomas) auf einer kleinen Insel residiert und sich ebenfalls ein paar Fragen zur eigenen Existenz und seinem schöpferischen Wirken stellt, die Frage nach dem Grund für die Liebe aber ebenso wenig schlüssig beantworten kann, wie die nach dem Tod. Letztendlich sind es die Schmetterlinge im Bauch, die auch mit den Jahren nicht wieder heraus kommen wollen, und die die ProtagonistInnen dieses kleinen poetischen Meisterwerks in ihrem Handeln bestimmen.

 

Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? – Foto (c) AlamodeFilm

 

Nichts mehr auf die lange Banken schieben möchte Charlotte und lässt Mann Paul kurzentschlossen auf einer Autobahnraststätte stehen. Statt wie immer in die Berge will sie nun endlich mal ans Meer. Begleitet von ihrer Enkelin Jo (Annalee Ranft) trifft sie dort besagten Gott Horster, der, wie er gesteht, in einer depressiven Phase, einiges falsch gepolt hat. Mit viel Witz und Situationskomik schlägt sich das Filmpersonal durch die norddeutsche Landschaft bis an die Küste, wo das Verfolgertrio bestehend aus dem verzweifelten Paul, der chaotischer Tochter und gefeuerter Fahrlehrerin Alex (Meret Becker) sowie der feinfühligen Fernfahrerin Marion (Sabine Timoteo) schließlich mit ein paar Erkenntnissen mehr auf Charlotte und ihr Traumeiland treffen. Ob es hier unbedingt der eingeschobenen Metaebene eines menschgewordenen Gottes bedurft hätte, sei einmal dahingestellt. Begleitet wird das Ganze jedenfalls von einem tollen, zum Teil live eingespielten Soundtrack von Johannes Gwisdek (Sohn von Corinna Harfouch und Käptn-Peng-Musiker) und Meret Becker. Bereits vor sieben Jahren hatte Kerstin Polte erste Ideen zum Film und dann viel Überzeugungsarbeit zu dessen Finanzierung zu leisten, es dann aber auf Anraten ihrer Hauptdarstellerin einfach ohne versucht. Eine Mühe, die sich letztendlich gelohnt hat.

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Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? (D, 2017)
Regie und Drehbuch: Kerstin Polte
Kamera: Anina Gmuer
Mit: Corinna Harfouch, Karl Kranzkowski, Meret Becker, Sabine Timoteo, Annalee Ranft, Bruno Cathomas, Nagmeh Alaei, Jonas Müller-Liljeström, David Hugo Schmitz
Kinostart: 03.05.2018

Infos: http://www.alamodefilm.de/kino/detail/wer-hat-eigentlich-die-liebe-erfunden.html

Achtung Berlin new berlin film award
11.04. – 18.04.2018

Infos: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 16.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Ästhetisches Assoziationsgewitter gegen biederes Einfühlungsdrama – Das Staatsschauspiel Dresden zeigt Dostojewskis „Erniedrigte und Beleidigte“ und Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“

April 12th, 2018

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Erniedrigte und Beleidigte – Sebastian Hartmann adaptiert am Staatsschauspiel Dresden Dostojewskis Roman als Selentaumel und Assoziationsgewitter mit eingestreuten Reflexionen über das Theater

Erniedrigte und Beleidigte am Staatsschauspiel Dresden
Foto (c) Sebastian Hoppe

Da haben sich scheinbar zwei gesucht und gefunden. Es geht um den Theaterregisseur Sebastian Hartmann und den Dramatiker Wolfram Lotz. 2013 hat der damalige Leipziger Intendant des Autors Stück Der große Marsch am Schauspiel Leipzig inszeniert, nun verschränkt Sebastian Hartmann die Hamburger Poetikvorlesung, die Wolfram Lotz im Oktober 2017 hielt, mit dem Roman Erniedrigte und Beleidigte von Fjodor Dostojewski. Der Leipziger ist zum ersten Mal Gastregisseur am Staatsschauspiel Dresden, wo Namensvetter Matthias (seines Zeichens Ex-Intendant des Wiener Burgtheaters) 2016 Dostojewskis Roman Der Idiot inszenierte. Großes Vorbild für beide Romanadaptionen dürfte die eines weiteren Ex-Intendanten sein. Frank Castorfs Inszenierung der Erniedrigten und Beleidigten an der Berliner Volksbühne (2001 in Koproduktion mit den Wiener Festwochen entstanden) muss erst noch getoppt werden. Castorf dürfte dann auch der interessanteste Premierengast in Dresden gewesen sein. In der Länge zieht Sebastian Hartmann mit knapp 3 Stunden schon mal den Kürzeren. Was Spielfreude und Assoziationsfeuerwerk betrifft, dürfte der mittlerweile regelmäßig am Deutschen Theater in Berlin inszenierende Ex-Leipziger aber die Nase vorn haben.

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 Es ist tatsächlich ein recht typischer Hartmann geworden, einer, der die melancholische Düsternis, die seine letzten Berliner Arbeiten bestimmte, mit der überbordenden Assoziations- und Improvisationsfreude seiner Leipziger Ära verbindet. Trockeneisnebel wabert zu Beginn in die vorderen Zuschauerreihen. Das Ensemble irrlichtert über die fast leergeräumter Bühne und beginnt eine große weiße Leinwand mit schwarzer Farbe zu bemalen oder zu besprühen. Auf schwarze Grundierung folgen weitere weiße und wieder schwarze Farbschichten. Videobilder des Leipziger Künstlers Tilo Baumgärtel werden auf die Leinwand projiziert und über den gesamten Abend zu einem Gemälde verdichtet. Ein gemeinsames Gesamtkunstwerk aus Schauspiel und bildender Kunst.

Mit Dostojewskis großem dreiteiligen Fortsetzungsroman über den einstmals berühmten und nun im sterbenden liegenden Schriftsteller Iwan Petrowitsch hat das eher weniger zu tun. Schon mehr mit dem Hadern und Ringen am eigenen Künstlersein und Dasein. Inhaltlich bleibt die Inszenierung sehr vage, zitiert nur punktuell splitterhaft die Handlung. Dostojewskis Romanwerk über die Kunst, das Leben, Lieben und Sterben wird dabei immer wieder assoziativ mit Passagen aus Wolfram Lotz‘ Poetikvorlesung überblendet. Es geht um die Literatur allgemein, Romandichtung gegen Theaterstück, Realismus gegen Wirklichkeit, Aufbau von dramaturgischer Spannung und Inhalt gegen die Form.

 

Erniedrigte und Beleidigte am Staatsschauspiel Dresden
Foto (c) Sebastian Hoppe

 

Yassin Trabelsi spricht diese Passagen mit großer Intensität direkt ins Publikum, auch wenn die anderen ihn daran hindern wollen. Und wie Moritz Kienemann als Schriftsteller Wanja immer wieder davon spricht, alles aufschreiben zu müssen, so geht es Lotz in seinen Ausführungen genau darum, um das Finden von Sprache, um einen Anfang: „Nix Idee, nix Meinung zu irgendwas, nix interessanter Gedanke, nix psychologisches Problem / Sondern Sound.“ Der Sound als „momentane sprachgewordene Haltung zu den Dingen / Intuitiv Form gewordener Inhalt“. Da nimmt ihn Sebastian Hartmann beim Wort. Hier wird keine einfache Geschichte erzählt, hier entsteht ein polyphones Soundkunstwerk aus Stimmen und Musik. Und dazu schmeißt Hartmann auch immer wieder die Mega-Soundmaschine an. Das ist in seiner Wucht und Vielstimmigkeit zu viel für manchen Dresdner Bildungsbürger, der seinen Dostojewski nicht erkennt, und konsterniert das Weite sucht. Die Bühne nimmt das ironisch auf, wenn da der österreichische Schauspieler Viktor Tremmel meint: „Dös ist ka Dostojewski net.“ Fürs Publikum gibt’s anschließend von Nadja Stübiger die Kurzfassung des Plots.

Eine Dreiecksgeschichte als bürgerliches Trauerspiel wie von Friedrich Schiller geschrieben zwischen der bürgerlichen Natascha (Fanny Staffa), dem adligen Aljoscha (Lukas Rüppel) und Katja (Eva Hüster) aus reichem Hause, die Fürst Walkowski lieber als Schwiegertochter sehe. Als große Rampensau des Abends gibt den das Dresdner Urgestein Torsten Ranft. Er ist in Personalunion der Vater von Aljoscha, der seinen Sohn für eine große Mitgift verschachern will, und auch der von Natascha, Walkowskis Intimfeind. Der Fürst hat seinem einstigen Altruismus aus lange Weile abgeschworen. „Und je tugendhafter eine Handlung ist, um so mehr Egoismus steckt dahinter.“ ist seine ganz materielle Einstellung. Er schwadroniert von Geltungsbedürfnis: „Die ganze Welt ist für mich geschaffen.“, erzählt von Frauenbekanntschaften und mimt mal den kindlichen Indianer und mal den dementer Engel mit schwarzen Flügeln. Dem am Leben und der Liebe kaum teilhabenden Wanja (auch er begehrt Natascha) rät er, sein Geld nicht zu verschwenden.

Der zweite Strang des Romans spinnt sich um die Waise Nelly, Tochter Walkowskis aus einer Affäre. Er hatte die Mutter Nellys einst in den Ruin getrieben. Nun muss die Tochter für die kranke Mutter anschaffen gehen und später selbst an Schwindsucht sterben. Fast surreal wirkt die Bordellszene in einem Waschzuber. Wanja wird sich um Nelly kümmern wie Jean Valjean aus Hugos Roman Die Elenden. Dostojewskis französische Vorbilder sind auch in seinen St. Petersburger Beschreibungen erkennbar. Baumgärtel zaubert dazu Videos mit Großstadtimpressionen an die Bühnenrückwand.

Schwitzend wie im Fieberwahn taumelt Kienemanns Wanja zwischen den andern Figuren oder beobachtet sie vom Rand der Bühne, berichtet vom Petersburger Sonnenuntergang, vom hellem Licht, von der Wirkung eines Sonnenstrahls in der Seele eines Menschen und ist doch dem Tod geweiht. Auch Ranft spricht widerholt von der Angst vor dem Tod. An stetiger Epilepsie leiden hier alle. Doch auch das Theater ist hier ein Patient, der ins Krankenhausbett gehört. Autor Lotz streitet in seiner Vorlesung für die Poesie und wider die Konvention. Trabelsi wettert gegen den sonntagabendlichen Tatort-Wahnsinn. Auch Herbert Fritsch hat unlängst über TV-Serien aus Fertigbauteilen und Legoschauspielerei gesprochen. „Die Welt hat einen negativen Sinn bekommen.“ ist das Credo von Sebastian Hartmanns Abend, der sich hin und wieder in den Slapstick zu retten versucht. Ein Tatort-Regisseur wird Hartmann sicher nicht mehr werden, ihm reicht als Tatort allein die Bühne.

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ERNIEDRIGTE UND BELEIDIGTE (Staatsschauspiel Dresden, 29.03.2018)
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Chorleitung: Christine Groß
Bild/Installation: Tilo Baumgärtel
Lichtdesign: Lothar Baumgarte
Licht: Peter Lorenz
Dramaturgie: Jörg Bochow
Mit: Luise Aschenbrenner, Eva Hüster, Moritz Kienemann, Torsten Ranft, Lukas Rüppel, Fanny Staffa, Nadja Stübiger, Yassin Trabelsi und Viktor Tremmel
Die Premiere war 29.03.2018 im Schauspielhaus Dresden
Weitere Termine: 21., 29.04. / 05.05.2018

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 31.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Der gute Mensch von Sezuan – Am Staatsschauspiel Dresden inszeniert Nora Schlocker Brechts episches Parabelstück als biederes Einfühlungsdrama

Zum 120. Geburtstag des Dichters und Dramatikers Bertolt Brecht hat das Staatsschauspiel Dresden die 1943 entstandene, sogenannte Opium-Version des Stücks Der gute Mensch von Sezuan ausgegraben. Es existieren mehrere Fassungen dieses Klassikers des Epischen Theaters. Brecht war wie sooft nicht wirklich zufrieden mit seinem Stück und hatte es mehrfach überarbeitet. Die Unterschiede zur häufiger verwendeten Originalfassung liegen in einem überschaubarerer Personenkreis und einer verkürzten Handlung. Regisseurin Nora Schlocker macht daraus einen pausenlosen Zweistünder, der trotzdem einige deutliche Längen aufweist.

 

Der gute Mensch von Sezuan am Staatsschauspiel Dresden
Foto (c) Sebastian Hoppe

 

Ganz neu ist diese Version dann allerdings auch nicht. Bereits 2017 inszenierte sie Jo Fabian am Theater Konstanz. Wie sich in Zeiten, da „Gutmensch“ erneut zum Schimpfwortrepertoire rechter Populisten geworden ist, Brechts Parabel interpretieren ließe, liegt da ganz im Auge des Betrachters selbst. Man muss ihn dabei eigentlich nicht unbedingt moralisch fingerhebend vor den Kopf stoßen. Genau das macht aber Nora Schlocker schon gleich zu Beginn, wenn Anton Petzold als Wasserverkäufer Wang im Parkett auf die Suche nach einem guten Menschen geht, der den in Sezuan angekommenen drei Göttern einen Platz zum Übernachten anbieten möchte. Schöner Verfremdungseffekt dabei ist höchstens der hoch im Rang positionierte Kammerchor Pesterwitz, der hier den Göttern seine ausdrucksstarke Sangesstimme leiht. Viel mehr Verfremdung oder gar epische Einschübe gibt es in dieser Inszenierung nicht. Die anderen Gesangseinlagen zur Musik von Paul Dessau verkommen zu Arien der Rührseligkeit, oder werden einfach nur dahingesprochen.

Eine schiefe Ebene hebt sich hin und wieder, dient zum Klettern, Abrutschen und für ästhetische Tableaus, wenn sich die Ex-Prostituierte Shen Te (Betty Freudenberg) und der sich aus Weltschmerz aufhängen wollende Ex-Flieger Sun (Matthias Reichwald) pathetisch an den Händen halten. Sie rettet ihn aus Liebe, er betrügt sie um ihren kleinen Tabakladen, den sie vom Götterlohn für deren Beherbergung erhalten hatte. Das Geld prasselt hier wie bei Frau Holle aus dem Bühnenhimmel. Shen Te, die Goldmarie im roten Kleid, wird alsbald von der schmarotzenden Verwandtschaft (Moritz Dürr, Hannelore Koch, Malte Homfeldt, Karina Plachetka) belagert und muss sich eines 100 Silberdollar fordernden Schreiners (Sven Hönig), der Witwe Shin (Gina Calinoiu) sowie der mondänen Vermieterin Mi Tzü (Deleila Piasko), die ihre Miete im Voraus verlangt, erwehren.

 

Der gute Mensch von Sezuan am Staatsschauspiel Dresden
Foto (c) Sebastian Hoppe

 

Das Ganze spielt sich zumeist als konventionell deklamierendes Aufsagetheater auf einem schmalen Podest an der Rampe ab. Die Habseligkeiten des kleinen Tabakladens passen in eine Zigarrenkiste. Aus der Weite der Hinterbühne strahlt immer wieder blendend ein Scheinwerferspot ins Publikum. Ihr seid gemeint, soll uns das sagen. Wie kann ein Mensch gut sein und handeln in einer Welt der Ellenbogen, wo sich jeder selbst der Nächste ist und die Liebe zur Ware gemacht wird? Das ist das Dilemma der She Te, die sich einen bösen Vetter Shui Ta hinzu erfindet. Betty Freudenberg wechselt dazu Kleid gegen Hut und viel zu großen Anzug. Was einzig gut herausgearbeitet ist: Shen Te kann in einer Welt der Männer nur als Mann bestehen. In einer stummen Szene bietet sich die Witwe Shin dem vermeintlichen Vetter an und wischt dann den Boden mit ihrem Kleid. Der Macho Sun schüttelt die Silberdollar aus dem Dekolleté der juchzenden Mi Tzü. Später, wenn Shin Te als Shui Ta nach dem Verkauf der Opiumsäcke der Verwandtschaft als Tabakfabrikant wie die Made im Speck auf der Schräge hockt, lässt sie den drogenabhängigen Su am langen Arm verhungern.

Dann wird wieder sentimentales Rührstück gespielt, wenn Betty Freudenberg als schwangere Shen Te ins Publikum barmt: „Wie behandelt ihr euresgleichen? Habt ihr keine Barmherzigkeit mit der Frucht eures Leibes?“ Auch hier kommt es zum abschließenden Göttergericht über den Vetter Shui Ta an dessen Ende Betty Freudenberg wie in Geburtswehen die bekannten Worte vom Finden eines guten Schlusses („Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“) herauspresst. Das Programmheft spricht von eingreifendem Denken bei Brecht. Auf der Bühne gibt es dagegen ein nach Empathie heischendes Einfühlungsdrama par excellence. Zeichenhafter aber biederer Stadttheaterkitsch, der Brechts Parabel gehörig verwässert. Das hat man wirklich selten so hilf- und einfallslos gesehen.

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Der gute Mensch von Sezuan (Schauspielhaus, 30.03.2018)
von Bertolt Brecht, Version 1943
mit Musik von Paul Dessau
Regie: Nora Schlocker
Bühne: Jessica Rockstroh
Kostüme: Caroline Rössle Harper
Komposition und Arrangement: Benedikt Schiefer
Chorleitung: Anne Horenburg
Musikalische Einstudierung: Thomas Mahn
Licht: Jürgen Borsdorf
Dramaturgie: Julia Weinreich
Besetzung:
Shen Te / Shui Ta: Betty Freudenberg
Yang Sun, ein stellungsloser Flieger: Matthias Reichwald
Wang, ein Wasserverkäufer: Anton Petzold
Die Witwe Shin: Gina Calinoiu
Die Hausbesitzerin Mi Tzü: Deleila Piasko
Der Mann / Der Barbier Shu Fu: Moritz Dürr
Die Frau: Hannelore Koch
Der Neffe: Malte Homfeldt
Die Schwägerin: Karina Plachetka
Der Arbeitslose / Der Schreiner Lin To / Polizist: Sven Hönig
Das Kind: Eva Lotta Wuttke
Das Kind alternierend: Darya Zaretskaya
Der Großvater: Hansruedi Humm
Die Götter: Kammerchor Pesterwitz
Die Premiere war 24.02.2018 im Staatsschauspiel Dresden
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 20.04. / 09., 28.05.2018

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 01.04.2018 auf Kultura-Extra.

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„Europa“ von Soeren Voima und „Europa verteidigen“ von Konstantin Küspert – Stücke über den Zustand des Kontinents Europas in Potsdam und Senftenberg

April 10th, 2018

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Europa  – Potsdams Noch-Intendant Tobias Wellemeyer inszeniert die ironisch warnende Antiken-Überarbeitung des Autorenkollektivs Soeren Voima als gediegenes Stadttheater

 

Europa am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Tobias Wellemeyer, noch Intendant des Hans Otto Theaters Potsdam, denkt sicher schon ans große Abschiednehmen. Bevor er es jedoch im Mai noch mal mit Shakespeare stürmisch auf der großen Bühne zugehen lassen will, musste Wellemeyer für den Regisseur Christian Weise einspringen und das Stück Europa, ein Antiken-Digest des Autorenkollektivs Soeren Voima inszenieren. Für Voima-Spezi Weise wäre dieser Zusammenschnitt aus drei Tragödien nach Sophokles und Euripides wohl auch eher ein großer Spaß gewesen. Man kennt seine ironisch überbordenden Regiearbeiten aus dem Maxim Gorki Theater und dem Ballhaus Ost in Berlin. Tobias Wellemeyer kann sich hier aber nicht so recht zwischen Tragödie und Komödie entscheiden und macht auf gediegenes Stadttheater.

Europa wurde 2000 im Theater am Turm (TAT) in Frankfurter a.M. uraufgeführt. Hinter dem Autorenpseudonym Soeren Voima verbargen sich damals u.a. der Uraufführungsregisseur Robert Schuster, sein Kollege Tom Kühnel und der Schauspieler und Autor Christian Tschirner, der mittlerweile allein weitermacht. Gemeinsam wollte man ab 1999 das traditionsreiche TAT (u.a. inszenierten hier Claus Peymann und Rainer Werner Fassbinder) reformieren. Ein Versuch, der nach drei Spielzeiten beendet war. Seit der Flüchtlingskrise europat es wieder gewaltig auf deutschen Bühnen, und selbst Ersan Mondtag hatte Textteile des Voima-Stücks für seine Inszenierung von Ödipus und Antigone am Maxim Gorki Theater verwendet. Und auch in Potsdam geht es dann zunächst um Sophokles‘ Tragödie von König Ödipus, der ohne Wissen seinen Vater Laios tötete, das Rätsel der Sphinx von Theben löste und seine Mutter, die Königin Iokaste ehelichte.

Auch Ödipus-Tochter Antigone kommt im Stück vor, allerdings mehr als Randfigur im zweiten Teil, den Phönizierinnen von Euripides, der den Kampf der beiden Ödipus-Söhne Eteokles und Polynikes um den Thron von Theben behandelt. Eine weitaus größere Rolle als Antigone, die sich nach dem Zweikampf ihrer Brüder gegen den Befehl Kreons widersetzt und den Theben-Feind Polynikes begraben will, spielt aber die zweite Ödipus-Tochter Ismene, die hier eine vermittelnde, zukunftsgewandte Rolle an der Seite ihres blinden, von Kreon aus Theben verbannten Vaters im letzten Teil Ödipus auf Kolonos von Sophokles übernimmt. Das ist zwar so nicht ganz korrekt, da dieser Teil zeitlich eigentlich zwischen den ersten beiden steht. Für das Stück Europa stellt der heilige Eumenidenhain vor den Toren des demokratisch regierten Athens allerdings das erlösende Ideal gegenüber einem sich in Kriegen vernichtenden Theben als Sinnbild für Europa dar.

 

Europa am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

 

Soweit gut und schön gedacht. Allerdings dekliniert der erste Teil des Abends trotz Kürzungen die allbekannte Ödipus-Tragödie in fast ermüdender Weise durch. Theben ist hier eine moderne Schaltzentrale der Macht, ein sogenanntes „Silikon Theben“. René Schwittay sitzt als Konzernchef Ödipus am Schreibtisch. Hinter einer Glaswand sieht man einen blinkenden Schaltkreis, und die Bürger Thebens laufen in weißen Kitteln aufgeregt hin und her. Irgendein Fehler steckt im System. Gemeint ist der Fluch der Pest, der über der Stadt liegt. Der Mörder des Königs Laios muss laut Orakelspruch von Delphi gefunden werden. Dass es Ödipus selbst ist, wird erst nach und nach klar. Christoph Hohmann tritt hier in Pennerkluft erst prophezeiend als blinder Seher Teiresias und dann als Licht ins Dunkel bringender Hirte auf. Danach gibt es Großalarm, das System stürzt ab und alle schleppen kaputte Computerteile und verknäulte Kabelreste aus der zerstörten Leitzentrale.

Vor der Pause wird noch ein bisschen Krieg gespielt. Die Thebaner tragen nun Militärmäntel und bereiten sich auf den Ansturm der von Polynikes angeführten sieben Barbarenstämme vor. Frédéric Brossier tritt als drohender Samurai mit Talibanbart auf, und Florian Schmidtkes Eteokles verkündet heroisch das Verdikt, nach seinem Tod den Feind der Stadt nicht zu begraben, und bestimmt Kreons Sohn Haimon (Friedemann Eckert) zum Bräutigam seiner Schwester Antigone (Claudia Renner). Bevor er nach der Pause die Macht an sich reißen kann, wird Kreon (Bernd Geiling) aber noch gemäß Weissagung seinen jüngsten Sohn Menoikeus (wieder Friedemann Eckert) für den Sieg verlieren. Als Französisch singende phönizische Klageweiber in Schwesterntracht sehen wir noch Rita Feldmeier, Denia Nironen und Sabine Scholze.

Sehr viel kann hier im Wüten der Männer die besänftigende Ismene nicht ausrichten. Auch später als Ödipus-Begleiterin bleibt Franziska Melzer eher blass. Warum das alles mit einem fast heiligen Ernst, der immer wieder unfreiwillig komisch wirkt, und das vielleicht in ein paar Szenen auch soll, gespielt werden muss, bleibt unklar. Dafür haben Soeren Voima aber in ihr Stück einen erklärenden Erzähler eingebaut. Jan Kersjes gibt ihn als Kadmos, Bruder der phönizischen Königstochter Europa, der auf der Suche nach seiner von Zeus als Stier entführten Schwester vom heutigen Libanon bis nach Griechenland gekommen ist und dort gemäß des Orakelspruchs aus Delphi die Stadt Theben gründete. Aus den ausgesähten Zähnen eines von ihm getöteten Drachens erwuchsen sich bekriegende Männer. Nun ist der weitgereiste Kadmos Wachmann in Theben und später Rechtsanwalt in Athen.

Jan Kersjes unterbricht im ironischen Umgangston immer wieder die sonst im hohen Verston gesprochene Handlung und führt den Fluch der Zerstörung auf die von Gottvater Zeus verübte Untat zurück. Dazu kommt die Hybris der führenden Männer Thebens. Ein vorprogrammierter Zivilisationscrash. Wissenschaft und Fortschritt versinken im alles vernichtenden Krieg. Das moderne Theben sind wir, will uns das Stück sagen. Dem stellt Regisseur Wellemeyer im letzten Teil die heilige Halle eines Kulturtempels entgegen. Ein Museumssaal mit antiken Skulpturen und dem Gemälde Raub der Europa von Max Beckmann (wohl als Reminiszenz an die Potsdamer Beckmann-Ausstellung im Museum Barbarini), in dem der blinde Ödipus erstmal einen Vase vom Sockel haut. Athen ist zudem eine Stadt der Frauen. Rita Feldmeier, zuvor noch Iokaste, ist nun König Theseus und regiert Athen mit ihren adretten Museumswärterinnen, die dem tollpatschigen Mann, der darum bittet, hier sterben zu können, eine von ihm umklammerte Statue entreißen. Nicht ganz unwitzig kann das den ansonsten eher schwachen fast dreistündigen Theaterabend allerdings auch nicht mehr retten.

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Europa
Von Soeren Voima
Nach Sophokles und Euripides
Regie: Tobias Wellemeyer
Bühne: Matthias Müller
Kostüme: Ines Burisch
Dramaturgie: Christopher Hanf
Musik: Marc Eisenschink
Theaterpädagogik: Kerstin Kusch
Besetzung:
Kadmos, Erzähler: Jan Kersjes
König Ödipus: René Schwittay
Iokaste / Theseus: Rita Feldmeier
Ismene: Franziska Melzer
Kreon: Bernd Geiling
Teiresias, Hirte: Christoph Hohmann
Antigone / 1. Aufsichtshabende: Claudia Renner
Eteokles: Florian Schmidtke
Polynikes: Frédéric Brossier
Menoikeus / Haimon: Friedemann Eckert
Die Zuständige: Denia Nironen
Frau aus Korinth / 2. Aufsichtshabende: Sabine Scholze
Thebaner: Philipp Mauritz
Thebanischer Chor: Ensemble
Chor der Phönizierinnen: Rita Feldmeier, Denia Nironen, Sabine Scholze
Die Premiere war am 7. April 2018 im hans Otto Theater Potsdam
Termine: 11., 12., 22.04. / 05., 10.05.2018

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 07.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Europa verteidigen – Im Studio der Neuen Bühne inszeniert Dominic Friedel den geschichtlichen Abriss Europas von Konstantin Küspert mit einem Ensemble aus Senftenberger Kindern

Europa verteidigen am Neuen Theater Senftenberg – Foto (c) Steffen Rasche

„Ist Europa eine Trutzburg, eine Festung gegen ,Überfremdung‘? Eine Oase des Wohlfühlens? Wer darf es sich in Europa gemütlich machen, wer muss leider draußen bleiben?“ Ist diese Europa nur in seinen Grenzen zu sehen oder nicht vielleicht doch auch als eine Idee darüber hinaus? All diese Fragen behandelt der Autor Konstantin Küspert in seinem 2016 von Cilli Drexel in Bamberg uraufgeführten Stück Europa verteidigen, das 2017 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen und dort mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde.

In drei Erzählsträngen gibt Küspert dabei einen klugen historischen Abriss Europas von seinem Gründungsmythos mit der Sage der von Göttervater Zeus in Gestalt eines Stiers entführten lykischen Königstochter Europa über viele historische Kriege, die im Namen von Nationen, Religionen und Wirtschaftsinteressen geführt wurden, bis zu einem Blick ins Heute und in die Zukunft, bei dem europäische Bürger und die Besatzung eines Frontex-Schiffs im Mittelmeer zu Wort kommen. Das erinnert im szenischen Aufbau ebenso an Heiner Müllers deutschen Geschichtsexkurs Germania wie auch dem Stück Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz, der ironisch die „Verteidigung Deutschlands am Hindukusch“ mit den Verwerfungen westlichen Kolonialerbes verbindet.

Für die Neue Bühne Senftenberg lässt Regisseur Dominic Friedel, der hier bereits 2017 mit seiner Inszenierung des Fritz-Kater-Stücks Sterne über Senftenberg überzeugte, Küsperts Stück fast ausschließlich von einem Ensemble aus Senftenberger Kindern [Namen s.u.] spielen. Ihn interessierte dabei die andere, neue Sicht auf den Text, die durch diese Art der speziellen Verfremdung entsteht. Einerseits werden wir dabei ebenso wie die spielenden jungen Menschen neu mit längst vergangener und z.T. auch vergessener europäischer Geschichte konfrontiert, über die wir längst glaubten alles zu wissen. Und außerdem, was läge näher beim Blick in die Zukunft an unseren Nachwuchs zu denken, dessen Weltbild heute mehr durch Privat-TV und Internet geprägt wird, was nicht unbedingt der Garant für eine faktentreue historische Wissensvermittlung ist.

 

Europa verteidigen am Neuen Theater Senftenberg
Foto (c) Steffen Rasche

 

Friedel lässt den Abend dann zunächst ganz spielerisch angehen. Die Kinder und die beiden Senftenberger Ensemblemitglieder Anna Schönberg, Sebastian Volk tollen umher, kitzeln einen der Erwachsen durch, erzählen sich Witze und wollen Theater spielen. Das ist die Überleitung zu einer zunächst pantomimischen Darstellung der antiken Sage durch Sebastian Volk und eines der Kinder, bis Volk den Mythos von Zeus‘ Entführung der schönen Königstochter Europa von den Gestaden des heutigen Syriens über das Mittelmeer bis zur griechischen Insel Kreta erzählt.

Es folgen kurze Spielszenen über den Mythos von der „Verteidigung Europas“ mit dem Sieg über Hannibal, der mit seinem karthagischen Heer auf Kriegselefanten über die Alpen nach Europa kam. Ein Junge mit Helm spricht als römischer Feldherr Scipio von der afrikanischen Gefahr und schilt die Zauderer im Senat, die Leute wie ihn dann ja doch rufen würden, wenn der Feind vor den Toren steht. Er fordert dazu auf, das Problem direkt in Afrika zu beseitigen, was letztendlich mit dem Untergang Karthagos in den Punischen Kriegen auch geschah. Weitere Beispiele, wie Europa und das christliche Abendland mit Kriegen und Eroberungen verteidigt wurde, sind eine Episode, in der Wikinger Erik „der Rote“ Thorvaldsson Grönland in Besitz nimmt und deren Ureinwohner tötet, sowie die Kreuzzüge nach Jerusalem, wobei die Kinder Passagen aus Walther von der Vogelweides Palästinalied über die religiöse Bedeutung des Heiligen Landes in mittelhochdeutscher Sprache aufsagen. Was wiederum durch den Hinweis auf die Plünderung der christlichen Stadt Konstantinopel im Vierten Kreuzzug aus rein wirtschaftlichem Interesse gebrochen wird.

Weiterhin gibt es einen Exkurs in Sachen deutscher Kolonialismus mit dem Völkermord an den Herero durch die Strafexpedition des wilhelminischen Oberst Lothar von Trotha in Südwestafrika. Der deutsche Altertumsforscher und SS-Sturmbahnführer Herbert Jankuhn spricht über den sagenumwobenen Teppich von Bayeux, auf dem über 68 m lang die Schlacht von Hastings um den englischen Thron im Jahr 1066 zwischen Angelsachsen und Normannen dargestellt ist. Für Jankuhn ein wichtiges Relikt zur ideologischen Verklärung des nordisch-arischen Ahnenkults. An der Küste der Normandie wird wenig später 1944 Europa durch Wehrmachtssoldaten mit Maschinengewehren gegen die Eindringlinge aus England und den USA verteidigt.

Mit wenigen Handgriffen und kleinen Kostümwechseln auf der sonst fast leeren Bühne verwandeln sich die Kinder immer wieder in die historischen Figuren. Zur Clownsnummer in Tracht mit Pappboot wird der Ausflug ins Jahr 2020 auf das österreichische Fortex-Schiff „Salzburger Land“, das im Mittelmeer ein Flüchtlingsboot versenkt. Angesichts der heutigen Realität mit einem Bundeskanzler Kurz im Bündnis mit der rechtsnationalen FPÖ bleibt einem spätestens das Lachen im Halse stecken, wenn es heißt: „Es sind immer die Österreicher, die Europa retten.“

Zwischendurch gibt es immer wieder stark choreografierte chorische Szenen, in denen heutige Europäer wie Jonathan oder Natalia in der dritten Person ihre Zweifel und Vorurteile über Europa und seine Bürokratie vortragen. Auch diese recht ironischen Bemerkungen von intellektuell besserwisserischer Seite werden durch den Vortrag des alten, stummen Försters Heinrich gebrochen, der erst spät seine Stimme wiederfindet, um von seinen Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Was letztendlich mit der Bemerkung schließt, dass seine Enkel – also wir – ihr Rentenalter in einer Zeit erleben werden, in der es in Kerneuropa seit Jahrzehnten keine Kriege mehr gegeben hat. Natürlich täuscht das auch über so manche sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen hinweg. Aber diese Bank als Verheißung auf die Zukunft, wie es so schön im Schlussmonolog von Sebastian Volk heißt, der wieder bei der mythischen Figur der Europa anlangt, für einen weiteren Kreuzzug gegen vermeintliche Feinde Europas zu verspielen, wäre in der Tat sehr fatal.

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Europa verteidigen (Studiobühne, 09.03.2018)
von Konstantin Küspert
Regie: Dominic Friedel
Bühnenbild: Norman Plathe-Narr
Kostümbild: Michaela Muchina
Mit: Anna Schönberg, Sebastian Volk, Finn Jannes Bergen, Kalila Koritnik, Károly Koritnik, Jette Lachmann, Julia Magister, Pauline Palatinus, Amelie Slomka, Julian Thaler, Phillip Thaler, Tim Thomä
Die Premiere war am 03.03.2018 am Neuen Theater Senftenberg
Nächste Vorstellungen: 14.03./ 20.04.2018

Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/

Zuerst erschienen am 11.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Zwei Herren im Anzug – Josef Bierbichler verfilmt seinen bayrischen Heimatroman „Mittelreich“ als deutsche Geschichtsstunde und Erinnerungsdrama von Vater und Sohn

April 6th, 2018

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Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Josef Bierbichler seinen grandiosen Heimatroman Mittelreich selbst verfilmen würde. Auf die Bühne der Münchner Kammerspiele und zweimal zum THEATERTREFFEN hat es das Generationenportrait einer Gastwirtsfamilie am Starnberger See, das auch autobiografische Züge trägt, schon geschafft. Nun gibt es ihn also auch als Kinofilm. Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein, da doch gerade erst wieder die bayrische CSU und ihre Schwesterpartei CDU mit Heimatministerium im Bund und unsäglichen Ausgrenzungsdebatten ihre Geschichtsvergessenheit demonstrieren. Dem hatte Bierbichler schon 2011 seinen bitterbösen bayrisch-deutschen Geschichtsabriss über zwei Weltkriege, das deutsches Wirtschaftswunder bis zur BRD des Nato-Doppelbeschlusses gesetzt. Zwei Herren im Anzug hat Bierbichler seinen Film genannt. Das Drehbuch mit vier Stunden Material musste der Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion auf immerhin noch 2,20 Stunden kürzen. Er selbst spielt den alten Seewirt und dessen Sohn Pankraz der Nachkriegsjahre. Der junge Pankraz und dessen erwachsener Sohn Semi wird von Bierbichlers Sohn Simon Donatz gespielt. Auch der im wirklichen Leben ein Kneipenwirt.

Die beiden Hauptprotagonisten treffen zu Beginn bei der Beerdigung von Pankraz Frau und Semis Mutter Theres aufeinander. Man versucht in Rückblenden die Vergangenheit zu erinnern. Zunächst der Vater in schwarz-weißen Bildern, dann der Sohn, der den Bericht des zunehmend stockenden Pankraz fortsetzt. Semis Sicht der Dinge ist eine andere. Der Vater konnte den Sohn nie lieben, ihm nicht mal nahe sein, schon fehlt ihm die Luft zum Atmen. Eine Geschichte aus Pflicht, Tradition, Wegsehen und Verdrängung, die sich hier aufblättert, beginnend mit dem hurra-patriotischen Einzug der jungen Seedorfer Bauern in den Ersten Weltkrieg, aus dem der ältere Seewirtssohn Toni (Florian Karlheim) mit einem Kopfschuss zurückkehrt und später die Kneipengäste mit antisemitischen, national-chauvinistischen Parolen agitiert. Als geisteskrank steht er als Erbe nicht mehr zu Verfügung.

 

Zwei Herren im AnzugFoto (c) Marco Nagel, X Verleih AG

 

Pankraz wird vom alten Seewirt vor die Wahl gestellt, entweder das Erbe anzutreten oder mit einer kleinen Aussteuer den Hof zu verlassen. Der wähnte sich allerdings schon als Opernsänger in der Hauptstadt und fühlt sich nun in eine Pflicht gedrängt, die ihm nicht behagt. Aus dem zuversichtlichen jungen Mann, der um seine Theres (als Mädchen: Sophie Stockinger) kämpft, wird nach dem Zweiten Weltkrieg ein missmutiger Mensch, der an seiner Bürde fast verzagt und im großen Fastnachtssturm seinen Frust über das Schicksal in Wagnerversen in Richtung aufgewühlten See brüllt. „Verfluchtes Erbe, ich hasse dieses Haus und diesen Heimatkram.“ Fast opernhaft steht Bierbichlers Pankraz auf einer Eisscholle und schimpft in Richtung des kleinen Sohns Semi am Ufer. Die Schuld an allem sucht er bei der Frau (Martina Gedeck), die ihn nicht unterstützt und doch selbst genug an den bigotten Schwestern (Irm Hermann, Sarah Camp) des Seewirts zu leiden hat.

Immer mehr flüchtet sich der junge Seewirt ins Frömmeln und in die Tradition. Die Kriegsvergangenheit verschwimmt dabei zunehmend und weicht den Wirtschaftswundern der bundesdeutschen Nachkriegszeit mit Radiogeräten, Fernsehschrank und neuem Lanz-Bulldog-Traktor. Bierbichler zeichnet seinen Seewirt Pankraz als wehleidigen Opportunisten, der die Vergangenheit ruhen lassen will, da sie nur beim Neuanfang stört. Dass der Reiz des Unterbewussten immer noch aktiv ist und in unpassenden Momenten unreflektiert wieder hochkommt, zeigt die fast surreale Fastnachtsszene im Wirtshaus mit Blackfacing und Indianerkostümen, bei der das Fräulein Meinrad (Catrin Striebeck) als aufgeilende Frau Hitler den demokratisch ausgetragenen Maskenwettstreit gewinnt. Das allerdings nur mit Rückversicherung beim schwarzen US-Armee-Kommandeur. Der Ausspruch Pankraz‘ „Ich war nie ein Nazi. Doch kein Nazi war ich nie“ ist nicht nur schöne Pointe, sondern Ausdruck dieser immerwährenden Ambivalenz.

 

Zwei Herren im AnzugFoto (c) Marco Nagel, X Verleih AG

 

Regisseur Bierbichler findet bei aller Künstlichkeit des natürlich im tief-bayrischen Dialekt daherkommenden Dialogs (hier haben sowohl Fassbinder als auch Bierbichler-Spezi Achternbusch Pate gestanden) immer wieder auch schöne, fast surreale Traumbilder wie etwa die Himmelfahrt der alten frommen Magd Mare nach der Papst-Inthronisierung im Fernsehen. Fast unerträglich sind die Szenen im katholischen Internat, bei denen der jugendliche Semi Extraturnstunden beim pädophilen Pater Ezechiel (fast diabolisch: Philipp Hochmayr) an den Ringen bekommt, oder wenn sich der junge Mann Semi zu seiner sterbenden Mutter in einer fast inzestösen Vereinigung ins Bett legt.

Die beiden titelgebenden Herren im Anzug (als Gäste der ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele Johan Simons und Kammerschauspieler Peter Brombacher) sind Geister aus Pankraz‘ Vergangenheit, die schließlich doch noch die verschütteten Kriegserinnerungen des Seewirts, der an der Vergasung von jüdischen Kindern teilnehmen musste, wieder an die Oberfläche spülen. Als weiterer Überraschungsgast ist hier Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier als Pankraz´ alter Kriegskamerad zu sehen. Das endgültige Verstummen des Seewirts angesichts dieser Erkenntnisse markiert das bittere Ende eines deutschen Familiendramas, das direkt auf den Sohn nachwirkt. Bierbichler hat seine Verfilmung fast noch unversöhnlicher angelegt als den Roman selbst. Dennoch ist Zwei Herren im Anzug neben dem familiären Dilemma ein guter und aufwühlender Beitrag zur anhaltenden Geschichtsvergessenheit, die sich momentan wieder in Deutschland breit macht.

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Zwei Herren im Anzug (D, 2018)
nach Motiven des Romans Mittelreich von Josef Bierbichler
Regie und Drehbuch: Josef Bierbichler
Tom Fährmann (Kamera)
Josef Sanktjohanser (Szenenbild)
Katharina Ost (Kostümbild)
Anette Keiser (Maskenbild)
Frank Heidbrink (Originalton)
Timo Kreuser (Originalmusik)
Franziska Aigner (Schnitt, Sounddesign, Mischung, Casting)
Martin Rohrbeck (Produktionsleitung)
Ulli Neumann (Herstellungsleitung)
Mit: Josef Bierbichler, Simon Donatz, Martina Gedeck, Sophie Stockinger, Benjamin Cabuk, Irm Hermann, Sarah Camp, Catrin Striebeck, Margarita Broich, Florian Karlheim, Thomas Ostermeier, Philipp Hochmayr, Johan Simons, Peter Brombacher u.a.
Kinostart war am 22.03.2018

Infos: http://www.x-verleih.de/filme/zwei-herren-im-anzug/

Zuerst erschienen am 29.03.2018 auf Kultura-Extra.

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„Krieg“ von Rainald Goetz und „Girls & Boys“ von Dennis Kelly – große und kleine Stücke der Stunde, inszeniert von Robert Borgmann und Lily Sykes am Berliner Ensemble

April 1st, 2018

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Krieg – Robert Borgmann inszeniert am großen Haus die textlich schwierigen Stücktrilogie und Mash-up der alten Bundesrepublik von Rainald Goetz an einem Abend

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Es war ein wenig ruhig geworden um den Theaterautor Rainald Goetz. Die Uraufführung seines letzten Stücks Jeff Koons liegt auch schon wieder 10 Jahre zurück. Die Abrechnung mit dem Hype im Kunstbetrieb bleibt wohl auch Goetz‘ bekanntester Theatertext. In Berlin ist er zuletzt 2004 am Deutschen Theater inszeniert worden. Ansonsten haben es Goetz-Texte hier nur noch in zwei Inszenierungen von Patrick Wengenroth geschafft. In Katarakt / Brief an Deutschland verknüpfte der Theaterironiker 2012 am HAU 2 Goetz‘ Monolog eines alten Mannes mit den Bild-Kolumnen des Boulevard-Journalisten Franz Josef Wagner und bereits 2010 integrierte Wengenroth in seiner HAU-Inszenierung von Karl Kraus‘ Mammut-Drama Die letzten Tage der Menschheit den Klagenfurter Bachmann-Preis-Text Subito, bei dessen Lesung sich der angehende Popliterat 1983 die Stirn mit einer Rasierklinge aufschlitzte. Drei Jahre später schrieb Rainald Goetz seine 1987 von Hans Hollmann am Schauspiel Bonn uraufgeführte Bühnentrilogie Krieg. Drei Stücke – Heiliger Krieg, Schlachten und Kolik – über die Bonner Republik, die sich damals in einer politischen Wende von Helmut Schmidts SPD zu Helmut Kohls CDU befand, an drei Abenden. Beim Berliner Theatertreffen wurde die Trilogie in einer Neun-Stunden-Marathonaufführung gezeigt. Den Mülheimer Dramatikerpreis gab es obendrein. 31 Jahre später und auch schon wieder über 25 Jahre nach der gesamtdeutschen Wende hin zu Kohl feiert nun das Berliner Ensemble die Premiere aller drei Stücke an einem Abend.

Aber was hat uns Goetz‘ popkulturelles Mash-up der alten Bundesrepublik in den Zeiten der neuen Berliner Republik noch zu sagen? In den drei Stücken treten Gestalten aus der deutschen Vergangenheit auf, alte und neue Nazis, Soldaten, die Terroristen des deutschen Herbstes, desillusionierte Revolutionäre, ein Chor junger hübscher Mädchen, Künstler und sogenannte mündige Bürger. Namen und Zitate verweisen auf Heidegger, Stockhausen, Stammheim, Harald Juhnke, Bubi Scholz oder Joseph Beuys. Im Großen und Ganzen ist Krieg aber auch eine einzige Textzernichtung. Gleichzeitig geht es um den unmöglichen Kampf, Sprache in körperliche Handlung umzusetzen. Der fast mathematisch genau rhythmisierte Text im Stakkato-Ton bietet im ersten Teil kaum Regieanweisungen nur Zwischenüberschriften wie Gliedern, Zerstückeln, Ordnen, The Texas Chainsaw Massacre oder Welcome To The Pleasure Dome. Der Mensch im Sprachgefängnis.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Der 38jährige Regisseur Robert Borgmann formt aus dem ersten Teil Heiliger Krieg ein szenisches Panorama, das trotz stark eingekürztem Text einen ganz guten Einblick in das Stück bietet. Allerdings nimmt Borgmann auch weitestgehend den Beat aus Goetz‘ Text, vor allem in einigen der längeren Monologe. Einen ersten Kontrapunkt setzt der Regisseur aber bereits zu Beginn, an dem ein Junge die Projektion des Gemäldes Wanderer über dem Nebelmeer des Romantikers Caspar David Friedrich übermalt. Die große Wand aus Gipskartonplatten wird dann vom 7köpfigen Ensemble weiter mit roter Farbe bepinselt und schließlich mit Hammer, Händen und Füßen traktiert, bis sie in Einzelteilen zerschrotet am Boden liegt. Minutenlange Aktionskunst zu düsteren New-Wave-Klängen. Man isst Weintrauben, zermatscht sie, und ein goldbemalter Amor mit Pfeil und Bogen schreitet über die Bühne. Hier soll römischer Dekadenz und deutscher Romantik der Gar ausgemacht werden.

Was folgt ist ein Defilee des deutschen Kleinbürgertums mit Stahlhelmen, Netzhemden, Stiefeln und Bomberjacken. Ingo Hülsmann und Stefanie Reinsperger als Stockhausen und Stammheimer brüllen Parolen, predigen Bier und prosten sich zu. „Ach Harald“, „Mensch Bubi“, „Sprechen wir über die guten alten Zeiten.“ Aljoscha Stadelmann schimpft als telefonierender Heidegger über die „berufsnotorische Künstlerflausenidiotie“. Querschläger aufs userfeindliche Theater gibt es auch von Stefanie Reinsperger. Desillusionierte Erinnerungsmonologe von Veit Schubert als alt-68er Lehrer oder einen Abgesang auf Politik und Vernunft von Ingo Hülsmann als enttäuschter Künstler, Historiker, Revolutionär. Wieder Reinsperger ergeht sich nackt in wirrem Gebrabbel über die befreite Frau. Hass und wissenschaftlich verbrämte Ideologie, das ist auch heute noch durchaus aktuell.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Kabarettistisch ist der Auftritt von Gerrit Jansen und Annika Meier in einer Joseph-Beuys-Parodie mit Trage und Filzdecke, der noch eine bildszenische Anspielung auf dessen Performance I like America and America likes Me folgt. Der Höhepunkt der ersten zwei Stunden vor der Pause ist mit Sicherheit beim stampfenden Monolog The Texas Chainsaw Massacre von Constanze Becker im Sado-Maso-Kostüm erreicht. Hier greift auch wieder der musikalische Beat von Rainald Goetz, zu dem ein sich drehendes, mit Neonröhren und großem Zeiger bestücktes Weltenrad von der Decke nach unten bewegt. Der Maschinen-Sound von Techno-Clubs mischt sich mit Beschreibungen eines presslufthämmernden Industrial-Konzerts und kulminiert in einem Theaterbrand bei dem Trockeneisnebel den Saal flutet. Borgmann erweist sich hier auch wieder als großer Bildkünstler.

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Nach der Pause verpufft das Bühnenfeuerwerk allerdings zu Gunsten eines recht konventionellen Familiendramas. Schlachten handelt von einem Schlachtenmaler, der mangels Kriegen seit dreißig Jahren kein Bild mehr gemalt hat und seine Frau und Töchter terrorisiert. Gerrit Jansen spielt ihn als fiebernden Patriarchen im Biedermeierfrack, der monologisierend über die Bühne wütet, Eheknast, weiberbedingten Genieverlust beklagt und die Nacht beschwört. Das übrige Ensemble spielt hier puppenhaft die Frauen in roter gesichtsloser Schwesterntracht. Nach einer Wut-Attacke gegen die Frauen mit einer zerbrochenen Flasche am Essenstisch liegt der Maler später im irren Delirium im Krankenbett und wird mit Medikamenten ruhig gestellt. Das zieht sich dann schon auch etwas hin.

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Die langsame Auslöschung eines Individuums beschreibt der Monolog Kolik im letzten Teil des Abends. Nachdem Heiliger Krieg in der Anlage und Sprache stark an österreichische Autoren wie Karl Kraus oder Werner Schwab und Schlachten an die sprachwütenden Künstlerdramen von Thomas Bernhard erinnert, ist Kolik wiederum sehr nah an Samuel Becketts Endzeitstücken. Aljoscha Stadelmann sitzt hier in clownesk zu großem Hemd und Hose auf einem Sessel in einer schmalen Kiste und monologisiert sich (bei Goetz immer wieder trinkend) langsam zu Tode. Der Redefluss wird hier immer wieder durch kurze Blacks unterbrochen. Auch das ist ein an der Sinnlosigkeit des Lebens, der Wissenschaft, Bildung, Kunst und vergehenden Zeit verzweifelnder rhythmisch aufgebauter Nonsenstext. „Delirium ad infinitum“ bis zur endgültig erlösenden Stille und Finsternis. Regisseur Borgmann gelingt im ersten Teil ein durchaus interessanter Versuch Goetz‘ sicher nicht für konventionelles Theater geeignete Sprache ästhetisch umzusetzen. Der zweite Teil zeigt deutlich die Grenzen dieses 4,5stündigen Unterfangens. Trotzdem ist der Besuch des Abends unbedingt lohnend.

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KRIEG (Berliner Ensemble, 26.03.2018)
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Bettina Werner
Licht und Video: Carsten Rüger
Musik: Rashad Becker
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Mit: Constanze Becker, Ingo Hülsmann, Gerrit Jansen, Annika Meier, Stefanie Reinsperger, Veit Schubert und Aljoscha Stadelmann
Premiere war am 17. März 2018.
Weitere Termine: 07., 13.04. / 17., 25.05.2018

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de

Zuerst erschienen am 29. März 2018 auf Kultura-Extra.

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Girls & Boys von Dennis Kelly – Als Stück der Stunde und Kommentar zur Me-Too-Debatte annonciert, entpuppt sich die Inszenierung von Lily Sykes doch als etwas dünne Dramedy mit Stephanie Eidt in der Hauptrolle

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

Grandios, furios, umwerfend brillant – die Kritiker der Uraufführungsinszenierung von Girls & Boys, dem neuen Stück von Dennis Kelly, das im Februar am Royal Court Theatre in London mit Kino-Star Carey Mulligan in der Hauptrolle Premiere hatte, sind zumeist voll des Lobes. Der britische Dramatiker ist mit seinen nicht gerade einfachen Stücken wie Schutt, Liebe und Geld, Waisen oder DNA auch in Deutschland recht erfolgreich. Er behandelte darin bisher auf teilweise recht schockierende Weise zwischenmenschliche Störungen und familiäre Verwerfungen in der kapitalistischen Gesellschaft. Nun hat Oliver Reese, der ein besonderes Faible für neue Dramatik aus dem englischsprachigen Raum besitzt, die deutsche Erstaufführung des Stücks ans Berliner Ensemble geholt. Nach Die Frau, die gegen Türen rannte von Roddy Doyle wieder ein großer Bühnenmonolog, in dem eine vom Leben gebeutelte Frau ihre Biografie vor dem Publikum ausrollt.

„Ein Stück der Stunde“, ist im Programmheft zu lesen, sei Girls & Boys. Kleiner ist es wohl nicht mehr zu haben, wenn man damit seitens des Theaters einen Kommentar zur Me-Too-Debatte annoncieren will. Kelly hat das Stück allerdings bereits vor den Vorwürfen gegen Filmproduzent Harvey Weinstein geschrieben. Ein feministisches Stück von einem Mann, das den Wandel der Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert thematisiert. Das trifft es wohl eher. Und dennoch ist dieser von Kelly mit sicherlich großem Idealismus und Herzblut verfasste Text wohl doch der erste Fehlgriff des in Sachen Well-Made-Play bisher so sicheren neuen Intendanten des Berliner Ensembles.

Mit Stephanie Eidt steht natürlich eine großartige, in Berlin nicht unbekannte Schauspielerin auf der Bühne des Kleines Hauses, die Jelena Nagorni mit einem Stahlgerüst ausgestattet hat, das mit Treppen, Fenster- und Türöffnungen das traute aber trügerische Heim der Protagonistin darstellen soll. Stephanie Eidt klettert während des ganzen Abends darin herum. Regisseurin Lily Sykes hat ihr mit dem Pianisten David Schwarz einen Mann am Klavier beigestellt, der für die musikalische Untermalung des Textes sorgt, dafür harmonische bis dissonante Töne beisteuert und zumeist eine Barversion des Nirvana-Songs All Appologies spielt. „Married / Buried“ heißt es darin. Das sagt schon alles über die von Stephanie Eidt geschilderte Beziehung zu einem Partner, der zuerst ein Traummann zu sein scheint und dann doch zum „Auslöscher“ einer ganzen Familie mutiert. Wie es dazu kommt, erzählt das Stück in etwa 100 Minuten, wobei der Text strikt bei der Sicht der Frau auf ihr Leben und die Beziehung bleibt. Ob es dabei etwas zu entschuldigen gibt, wird das Stück nicht klären können.

 

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

 

Stephanie Eidt stellt zunächst eine recht taffe junge Frau dar, die gegen eingefahrene Lebensbahnen rebelliert. Einer Phase mit Sex and Drugs folgt ein Selbsterfahrungstrip durch Europa, bei dem sie jenen Mann in der Warteschlange eines Easy-Jet-Schalters kennenlernt. Erst unsympathisch kann er schließlich doch durch eine gewissen Witz und Schlagfertigkeit Eindruck machen. Was folgt, ist eine Phase sehr intensiver, sogar irrsinnig genannter Liebe, die schließlich in eine Ehe mit Haus und zwei Kindern mündet. Beide finden zunächst Erfüllung in ihrer Arbeit. Sie setzt sich geschickt über ein Praktikum als Assistentin in ihrem Traumberuf als Dokumentarfilmproduzentin durch. Er baut ein Möbelgeschäft auf, scheitert aber, weil er die Zeichen der Zeit nicht erkennt und Pleite geht.

Das Stück ist durchzogen mit Anspielungen an Rollenbilder, die sich vage in der unterschiedlichen Auffassung vom Kinderkriegen oder in politischen Diskussionen zeigen. Im Job erlebt die Frau auch einmal einen sexistischen Annährungsversuch eines älteren Regisseurs. Letztendlich manifestiert sich das Männerbild aber in der kalten Abwendung des Ehemannes von seiner Frau und der Drohung, nachdem sie sich scheiden lassen will, dass er ihr die Kinder nicht überlassen wird. Aus einer zunächst perfekten Beziehung entwickelt sich über die Jahre fast unmerklich ein Albtraum. Kelly beschreibt das allerdings sehr langsam über das gesamte Stück. Ob aus reinen Suspense-Gründen oder um die dramatische und emotionale Fallhöhe über ein anfängliches Himmelhoch jauchzend bis zum finalen zu Tode betrübt sein zu definieren, bleibt das Geheimnis des Autors. Wir erleben es als furiosen Start einer Stand-up Comedian, die nicht vor knalligen und expliziten Worten zurückschreckt.

Später baut Kelly Zwischenepisoden ein, in der die Frau mit ihren imaginierten Kindern spricht und spielt. Es geht auch da ganz thesenhaft um Rollenbilder. Die Tochter ist der kreative Part, wogegen der Junge zu destruktivem Spielverhalten neigt. Der Mann ist hier nicht anwesend. Irgendeine Brechung oder Erklärung gibt es dazu nicht. Alles rollt auf das tragische Ende zu, das wohl von Euripides inspiriert ist, aber tatsächlich eine nicht seltene Art der männlichen Gewaltausübung darstellt, die hier bis ins Detail geschildert wird. Dafür muss schließlich sogar noch die Statistik herhalten. Es geht letztendlich um männlichen Kontrollverlust, Erfolgsneid und um die Angst dem angestammten Rollenbild nicht mehr entsprechen zu können. Das ist soziologisch untersucht und auch nicht von der Hand zu weisen. Diese Art von Mann einfach so aus dem Kopf einer Frau auslöschen zu können, wie es im Text heißt, wird ohne entsprechende Debatte kaum möglich sein. Das Stück ist allerdings zu dünn, um einen echten Beitrag dazu leisten zu können.

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Girls & Boys (BE, Kleines Haus, 12.03.2018)
Von Dennis Kelly
Deutsch von John Birke
Regie: Lily Sykes
Bühne/Kostüme: Jelena Nagorni
Komposition/Live-Musik: David Schwarz
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Mit: Stephanie Eidt
Premiere war am 10.03.2018 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: ca. 1:40 h, keine Pause
Termine: 20., 21., 22.04. / 05., 06.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 14.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Ein „Übermann“ mit Frauenüberhang und eine nette „Null“-Nummer – Volksbühnenexilanten Christoph Marthaler und Herbert Fritsch am Hamburger Schauspielhaus und an der Berliner Schaubühne

März 30th, 2018

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Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch – Christoph Marthaler imaginiert am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein männerloses Paralleluniversum der Kunst

Übermann oder die Die Liebe kommt zu Besuch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto © Matthias Horn

Wer die Inszenierungen von Christoph Marthaler schon immer für etwas seltsam hielt, der wird sich erst recht über dessen neuen Abend am Deutschen Schauspielhaus Hamburg verwundern. Benannt hat ihn der Schweizer Regisseur Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch. Inspiriert ist der Titel von dem fantastischen Roman Le Surmâle (dt.: Der Supermann) und dem Theaterstück L‘amour en Visites (dt.: Die Liebe auf Besuch) von Alfred Jarry, dem Vorläufer des absurden Theaters und als Dramatiker vor allem durch das Stück König Ubu bekannt. Viel hat der neue Marthaler aber nicht mit den genannten Werken von Jarry zu tun. Eher mit dessen Thesen von der sogenannten ’Pataphysik, einer Parawissenschaft, die sich v.a. mit imaginären Lösungen am Einzelfall und der Ausnahme von der Regel, sogenannten Epiphänomen, beschäftigt. „Die ’Pataphysik steht zur Metaphysik so wie die Metaphysik zur Physik.“ Das klingt zunächst recht absurd. Es handelt sich hierbei aber auch um die Vorstellung eines künstlerischen Paralleluniversums, das an die Stelle der bekannten Welt treten könnte. Und damit sind wir ja direkt wieder im Theater als Ort von Imaginationen und Utopien.

Letztendlich lässt sich das, was Christoph Marthaler mit seinen Theaterinszenierungen betreibt, durchaus in diese Sparte einordnen, bewegt sich der Regisseur mit ihnen doch regelmäßig am Rande des Absonderlichen und Erklärbaren, jedenfalls immer weitab vom gängigen Mainstream. Wie weit man da mitgehen möchte, da scheiden sich regelmäßig die Geister. So auch beim Übermann, für den Marthalers Stammbühnenbildnerin Anna Viebrock wieder einen ihrer zeitvergessenen hohen Räume mit fahlen Wänden, an den alte Tapetenreste kleben, gebaut hat. Wir schauen auf einen Vorraum eines alten Kongresssaales mit Garderobentresen, an dem zunächst die Besucher der titelgebenden wissenschaftlichen Jahrestagung ihre Mäntel und Hüte abgeben, die von der bewährten englischen Marthalerdarstellerin und klassischen Sängerin Rosemary Hardy als strickende Garderobiere an imaginäre Kleiderhaken gehängt werden. Das erste also, was man sich vorstellen müsste, und so fallen die Kleidungstücke auch recht erwartbar zum Amüsement des Publikums an der Rampe zu Boden.

 

Übermann oder die Die Liebe kommt zu Besuch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto © Matthias Horn

 

Danach wird es plötzlich kurz dunkel und eine computeranimierte Stimme erklärt uns das Marthaler‘sche Paralleluniversum. Nicht nur der Titel des Abends muss aufgrund unerwarteter Ereignisse komplett eliminiert werden. Auch die männlichen Tagungsteilnehmer seien durch einen starken Sonnenwind, der den Magnetschild der Erde passiert hat, was zu Strom- und Funkausfällen führte, entmagnetisiert und der Gravitation enthoben in die Erdumlaufbahn entschwebt. Nur noch ihre Schuhe stehen auf dem Bühnenboden. Die Männer (Statisterie) befinden sich also im wahrsten Sinne des Wortes außer Reichweite. Dafür hat der Sonnenwind eine Gottheit aus dem Äther auf die Erde geweht, die sich in Gestalt von Musiker Clemens Sienknecht im seidenen Bademantel ans Klavier setzt und das Paralleluniversum der ’Pataphysik repräsentierend den ganzen Abend klassische Melodien von Bach, Beethoven, Cage, Satie, Schubert, Schumann und Wagner sowie Popsongs von Abba, den Kings und den Pretenders spielt. Dazu tritt eine achtköpfige Damenriege auf, zu der neben Rosemary Hardy noch Altea Garrido, Isabel Gehweiler (die auch auf dem Cello spielt), Sachiko Hara, Anja Laïs, Sasha Rau, Bettina Stucky und Gala Othero Winter gehören.

Rosemary Hardy beginnt den Reigen der eigenartigen Texte mit einem Auszug aus Gertrud Steins A Play Called Not and Now, einem Stück abstrakter, konkreter Literatur, das von Doppelgängern bekannter Männer wie Dashiell Hammett, Charly Chaplin oder Pablo Picasso berichtet. Ein Abend der experimentellen Sprache also, zu dem auch wunderbar ein Gedicht von Nora Gomringer, der Tochter des konkreten Lyrikers Eugen Gomringer (momentan Stein des Anstoßes an einer Berliner Hausfassade), passt. „Ich mache jetzt etwas mit der Sprache / Das wird ganz unerhört sein, was ich jetzt mache mit der Sprache / Da werden Sie staunen werden Sie da.“ trägt Clemens Sienknecht mit dem Klavier rauf- und runterfahrend vor. Das sorgt natürlich für Gelächter, geht aber doch über den blanken Nonsens hinaus. Einen ähnlichen Abend hat Herbert Fritsch mit der die mann an der Volksbühne (jetzt wieder an der Berliner Schaubühne zu sehen) gestaltet, nur das Christoph Marthaler nicht auf die Klamauktube drückt und diese Erwartungen auch ganz bewusst immer wieder unterläuft.

In gewohnt entschleunigter Manier tragen die Damen nun abwechselnd weitere absurde Texte von Ilse Aichinger, Gisela Elsner, Elfriede Gerstl, Gertrud Kolmar und auch von Alfred Jarry vor, der in Gestalt des französischen Schauspielers Marc Bodnar in passendem Radlerdress auftritt, wie eine Karikatur des Supermanns auf der Stelle in die Pedalen tritt, singt, oder von den Damen zum Gesellschaftstanz genötigt wird. Ansonsten passiert tatsächlich nicht allzu viel. Sideboards fahren rein und raus, Die Damen sitzen auf Barhockern, verfallen in schläfrige Starre oder singen Choräle und schöne, sehnsuchtsvolle Ohrwürmer wie „I go to sleep, sleep /And imagine that you’re there with me“. Bettina Stucky spricht mit einer Konservendose, Sasha Rau über eine im Weg liegende Schnecke, Anja Laïs über ihre Nase, Sachiko Hara über Familienleben und singt dazu Elfriede Gerstls Schlagertext „Ich möchte mit dir staubsaugen / ich möchte dich aufräumen / am silbernen Meer.” Gott Sienknecht philosophiert über Raum und Gegenwart und eine Maschine zur Erforschung der Zeit. Schön auch der gemeinsame Text Die Welt verlangt danach, gekontert zu werden von Ilse Aichinger.

Das ist sicher mehr als nur ein ironisch-feministischer Theaterabend. Die Frage, ob eine Welt ohne Männer vorstellbar ist, lässt sich sicher auch nicht nur einfach mit der Antwort „aber sinnlos“ kontern. Ob man damit etwas anfangen kann, hängt möglicherweise davon ab, ob man überhaupt bereit ist zu imaginieren. Und wie heißt es im Stück so schön im besten Oxford-English: „In that case there are wonders.” und „Many wonders are women.“

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Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch
von Christoph Marthaler nach Alfred Jarry
Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Sara Kittelmann
Licht: Annette ter Meulen
Ton: Matthias Lutz, Christoph Naumann
Video: Marcel Didolff, Peter Stein
Dramaturgie: Malte Ubenauf
Cello: Isabel Kathrin Gehweiler
Es spielen: Marc Bodnar, Altea Garrido, Rosemary Hardy, Sachiko Hara, Anja Laïs, Sasha Rau, Clemens Sienknecht, Bettina Stucky, Gala Othero Winter, sowie: Rolf Bach, Renè Batista, Uwe Behrmann, James Bleyer, Niels Christenhuß, Tommasso DelDuca, Steffen Gottschling, Allan Naylor, Davide Pronat, Mohammad Sabra
Die Uraufführung war am 18.03.2018 im SchauspielHaus
Termine: 02., 18., 26.04.2018

Infos: https://www.schauspielhaus.de/de

Zuerst erschienen am 20.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Gut abgehangen – Mit Null, seinem zweiten Stück an der Berliner Schaubühne, umkreist Herbert Fritsch das Nichts als kreativen Ausgangspunkt für das Theater

Herbert Fritsch kokettiert im Trailer für sein neues Stück an der Berliner Schaubühne, dass er auf die Null gekommen sei, weil ihm einfach nichts mehr eingefallen ist. Sozusagen Tabula Rasa im Kopf, ein Reset auf leerer Bühne. Auch für den Altmeister unter den Theatermachern, dem britischen Regisseur Peter Brook, war der leere Raum (also das Nichts) „der Punkt oder Ort in einem kreativen Prozess, an dem mir nichts mehr einfällt und sich in meinem Kopf eine absolute Leere ausbreitet“. Wohl in diesem Sinne wollte Fritsch einfach mal etwas anfangen, ohne zu wissen, was es wird, oder wohin das führt. Eine Art Umkreisung des Nichts als kreativen Ausgangspunkt für das Entstehen von Theater.

 

Null in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Man kann das philosophisch oder mathematisch untermauern wie im Programmheft zum neuen Fritsch-Null-Abend oder einfach mal anfangen, probieren und sehen, was passiert. Und so betritt das Fritsch-Ensemble mit Florian Anderer, Bernardo Arias Porras, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler und Axel Wandtke die leergeräumte Bühne, auf deren Boden geometrische Figuren gezeichnet sind. Linien, Kreise und Quadrate gehörten schon immer zum Fritsch-Universum. Und auch diesmal hat der Regisseur die Bühne selbst gestaltet.

Die gleicht einem Turnsaal, in dem auch eine lange Kletterstange montiert ist. Und so beginnt der Abend auch mit gymnastischen Aufwärmübungen, Stellproben, Einzählversuchen und kleinen Tanzeinlagen, die vom Ensemble in wiederkehrenden Satzfetzen mit Worten wie Metronom, Tinnitus oder Tanztee kommentiert werden. Ein lustiges Mach-doch-noch-Mal in Endlosschleife bis man irgendwann die Sicherheitsgeschirre am Boden entdeckt, sich in vom Schnürboden herabgelassene Seile einhängt und choreografierte Schwebefiguren im Gleichklang oder wildem Chaos vollführt. Auf und nieder immer wieder. Nach einer halben Stunde ist dann allerdings schon Umbaupause.

 

Null in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Das bringt diesen netten, improvisiert wirkenden Anfang etwas aus dem Gleichgewicht. Ein dramaturgisch unnützer Break, der in der Volksbühne sicher nicht notwendig gewesen wäre. Das Publikum sieht nun dem Aufhängen einer überdimensionalen Gliederhand zu, die im großen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz problemlos unter dem Schnürboden hätte versteckt werden können. Also noch mal alles zurück auf Anfang. Der Abend beginnt nach fast einer Stunde wieder bei null. Die Ensemblemitglieder haben ihre pastellfarbenen 50er-Jahre-Kostüme untereinander gewechselt und treten nun zu munteren Kreisspielen an, bis Axel Wandtke mit einem Gabelstapler Florian Anderer hereinfährt und an die Decke vor die Kletterstange hebt. Krampfhaft umklammert der die glatte Metallstange und rutsch an ihr ganz langsam aber geräuschvoll herab, worauf sich alle mal in mehr oder weniger akrobatischen Slapstick- oder Pooldance-Einlagen versuchen dürfen. Komisches Scheitern natürlich inbegriffen.

Bis hierhin ist der Abend eine perfektionierte, aber auch schrecklich nette Nullnummern-Revue der lustigen Art. Projizierte Farbquadrate und rhythmisch wechselnde Spotlights, auf Rückwand oder DarstellerInnen gesetzt, lassen eine virtuos durchkomponierte Licht- und Klanginstallation entstehen. Die diesmal relativ wortlose Fritsch’sche Sinnaustreibung erschöpft sich dann in einem von Musiker Ingo Günther dirigiertem schulterzuckenden „Hä“-Chor, der auf dem Gabelstapler in die Unterbühne fährt und mit Blechblasinstrumenten wieder zum Vorschein kommt. Es folgt ein Blaskonzert aus heißer Luft, die alle lautlos in ihre Instrumente pusten. Ähnlich wie in Pfusch wird auch lange rhythmisch auf den Instrumenten geklopft. Ein minimalistisch auf null laufendes Musikkunststück.

Die an der Decke hängende Hand, die sich auch zu Beginn auch mal wie ein Schutzdach über das Ensemble gesenkt hatte, knarrt nur leise und winkt etwas bedrohlich von oben. Ihr und dem Gabelstapler gehört der letzte Teil des Abends. Nachdem das Ensemble die Bühne verlassen hat, bewegen sich die riesigen Fingerglieder zu einem technischen Roboter-Sound. Gemeinsam mit dem kreiselnden Gabelstapler entspinnt sich ein gespenstischer Tanz der Maschinen. Eine kinetische Klanginstallation im leeren Raum als Vision eines Theaters ohne Menschen. Spielerisch umkreist der Abend damit vieles und nichts. Er ist schön anzuschauen, aber zuweilen auch ein wenig beliebig.

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NULL (Schaubühne am Lehniner Platz, 24.03.2018)
Regie und Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Bettina Helmi
Musik: Ingo Günther
Dramaturgie: Bettina Ehrlich
Licht: Carsten Sander
Mit: Florian Anderer, Bernardo Arias Porras, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler und Axel Wandtke
Die Uraufführung war am 24. März 2018.
Weitere Termine: 30.03. / 01., 02., 27.-30.04. / 01., 02.05.2018

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 25. März 2018 auf Kultura-Extra.

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Panikherz – Am Hamburger Thalia Theater bringt Christopher Rüping die Suchtbekenntnisse von Benjamin von Stuckrad-Barre ein weiteres Mal auf die Bühne

März 26th, 2018

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Vor genau einem Monat von Oliver Reese am Berliner Ensemble erstmals aufgeführt, ist Panikherz – die 2016 veröffentlichte Autobiografie von Benjamin von Stuckrad-Barre – nun in einer weiteren Bearbeitung von Christopher Rüping am Thalia Theater Hamburg zu sehen. Ähnlich wie Reese in Berlin stellt Rüping einen kollektiven Benjamin auf die Bühne. Bernd Grawert, Julian Greis, Franziska Hartmann, Pascal Houdus, Peter Maertens, Oda Thormeyer und Sebastian Zimmler teilen sich die Rolle des jungen wie auch des Mitte zwanzig- bis vierzigjährigen Journalisten und Schriftstellers, der mehrere Jahre seines Lebens im Drogenrausch verbrachte und auch an Bulimie litt.

 

Foto: St. B.

 

Christopher Rüping taucht aber wesentlich tiefer in die Abgründe dieses „Vollgaslifestyles“ ein. Wie im Buch geht es hier los mit der Ankunft im legendären Hotel Chateau Marmont in Los Angeles, wo Stuckrad-Barre mit Udo Lindenberg, seinem Idol aus Jugendjahren, eincheckt und für ein ganzen Jahr bleiben wird, um runter zu kommen und über sein bisheriges Leben nachzudenken. Panikherz ist dort entstanden. Immer wieder blickt der Autor von hier zurück auf seinen Werdegang, reflektiert seine Medienkarriere und das Abdriften in die Sucht. Auf zunächst leerer Bühne treten Peter Maertens und Sebastian Zimmler im Trockeneisnebel an die Rampe. Zimmler ganz in weiß gibt hier den Hauptpart als aus L.A. zurückschauender Stuckrad-Barre, Maertens wirkt wie eine Art Alter Ego. Ein Überlebender und in die Jahre gekommene Star. Sie sind aber auch ein aneinander gebundenes Zwillingspaar. „Verweile doch! Du bist so schön!“ hängt als große Leuchtreklame über der Bühne. Rüping sieht Stuckrad-Barres Leben auch als eine große Wette. Faust und Mephisto in einer Person. Die immer währende Walpurgisnacht eines Duos infernale.

Die Jugend des Pastorensohns, beginnend im Elternhaus in Rotenburg an der Wümme, wird dann vom restlichen Ensemble in Kapuzenpullis und Jogginghosen performt. Pubertäres Gehabe wechselt mit der Verehrung für sein Idol Udo Lindenberg, dessen Musik für Stuckrad Barre zur Initialzündung seines Lebenstraums wird. „Im Licht stehen.“ Kurz abgehandelt werden auch die ersten Stationen als Musikkritiker beim Nigthlife-Stadtmagazin in Göttingen, als Redakteur des Rolling Stone und der taz in Hamburg. Ein Traum wird war: Jeder Abend ein Spektakel. Rüping inszeniert diesen Beginn atmosphärisch dicht, nimmt Tempo auf, aber auch immer wieder raus, um in ruhigen Momenten den Fokus auf das Innenleben des Autor zu lenken. Das geschieht vorn am Mikrofon. Mikros hängen auch vom Schnürboden. Die Begleitmusik mixt Live-Musiker Christoph Hart. Ein Soundmix aus Technoklängen und Samplings bekannter Songs von Nirvana, Oasis, Blur, Elvis Costello, den Bates, einer Punkband, die heute kaum noch jemand kennt, und natürlich Udo Lindenberg, dessen Musik auch mal lauthals eingefordert wird und der als Double immer stumm anwesend ist.

 

Panikherz am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Krafft Angerer

 

Eine nicht ganz von Sentimentalität freie Reminiszenz an die Musik der 1980er und 90er Jahre, in denen alles begann, aber auch die Zeit des kalten Neoliberalismus nach der Wende eingeläutet wurde. Stuckrad-Barre liest Brett Easton Ellis und Jög Fauser, Idole, denen er nicht nur im Aussehen nacheifert. Nach dem kometenhaften Aufstieg folgt der Absturz in die Kokain- und Magersucht. Hin und wieder kommt Stuckrad-Barres Erzengelstimme vom Band, und einmal wird sein Besuch bei der WDR-Talksendung „Zimmer frei“ in den Bühnennebel projiziert. Da ist der Autor 27 Jahre alt und Götz Alsmann kündigt ihn mit den vielsagenden Worten an: „Was soll aus dem Jungen noch werden? Entweder Weltstar oder Drogensüchtiger.“ Warum nicht beides? Schnelle Kostüm- und Stimmungswechsel durchziehen den Abend. Das Ensemble stüzt sich in glitzernden Abendroben in die für Rüping typischen Infantilitäten und feiert eine italienische Nacht im Berliner Drogenrausch. Nach der Party folgt der Kater, Kotz-Arien, Klo-Meditationen, diverse Aufenthalte in Suchtkliniken.

Die Rettung kommt von Udo. Das asiatische Double nimmt die vor dem durchdringenden Udo-Blick schützende Brille ab. Stuckrad-Barre kehrt in den Schoß der Familie zurück wie ein verlorener Sohn. Ein wenig pathetisch steht dann nach der Pause Sebastian Zimmler in seinem weißen Anzug an der Rampe und wendet sich direkt ans Publikum, macht Konversation, etwas, was dem monologisierenden Buch in seiner konsequenten Ichbezogenheit fehlt. Er holt Zuschauerinnen in eine Sitzecke mit Plastikpalme auf die Bühne und monologisiert seinen Text zu zweit. In den Arm möchte man ihn hier nehmen. Ein Bild, das für die Liebes- und Anerkennungsbedürftigkeit des Soloalbum-Manns Stuckrad-Barre steht. In L.A. endet eine lange Nacht im Rausch. Was bleibt, ist ein latentes Suchtverlangen nach Action und Ruhm in Kopf und Körper, das nur durch Schlaftabletten ruhig gestellt werden kann.

Rüpings Inszenierung bleibt in den drei Stunden des Abends nah am Text des Autors. Die Dimension einer allgemeingültigen Analyse von Gesellschaft und Pop-Business, die zwischen den Zeilen von Stuckrad-Barres Suchtbekenntnissen steht, vermag aber auch Rüping nicht zu lesen. Stimmungsmäßig erfasst er den Roman allerdings wesentlich besser als Oliver Reese am BE, gerade weil er sich mehr Zeit dafür nimmt. Schauspielfutter für Selbstdarsteller ist Panikherz allemal. Alle bekommen hier ihren kleinen Soloauftritt. Und letztendlich überzeugt auch im Thalia Theater ein spielfreudiges Ensemble, das vom Publikum zurecht dafür gefeiert wird.

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Panikherz
von Benjamin von Stuckrad-Barre
in einer Bearbeitung von Christopher Rüping
Regie: Christopher Rüping
Musik: Christoph Hart
Bühne: Jonathan Mertz
Live-Musik: Christoph Hart
Kostüme: Anna-Maria Schories
Video: Su Steinmassl
Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Bernd Grawert, Julian Greis, Franziska Hartmann, Pascal Houdus, Peter Maertens, Oda Thormeyer, Sebastian Zimmler
Udo Lindenberg-Double (alternierend) Wenyen You / Chen Ding
Die Premiere war am 17. März 2018 im Thalia Theater Hamburg
Termine: 21., 23.03. / 07., 08., 18.04. / 06.05. / 08.07.2018

Infos: https://www.thalia-theater.de/de/

Zuerst erschienen am 18.03.2018 auf Kultura-Extra.

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