Aufpolilierte Klassiker – Shakespeares „Lear“ an der Berliner Volksbühne und Grillparzers Trilogie „Das goldene Vlies“ am Hans Otto Theater Potsdam

Februar 13th, 2017

___

Shakespeare für Bekloppte? – Silvia Rieger zerschlägt mit einem wüsten Lear an der Volksbühne das Erbe Frank Castorfs

LSD (c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

„Lear her oder Leben! Ostdeutsche Szene: Berliner Räuber plündern William Shakespeare in Frank Castorfs Volksbühne“ titelte die F.A.Z. im Oktober 1992. Der Großkritiker Gerhard Stadelmaier verriss die Premiere des damals frisch inthronisierten Volksbühnenintendanten Frank Castorf kurz und bündig mit den Worten: „Castorf plündert und prügelt Shakespeare.“ Was Stadelmaier nicht verhindern konnte, die Volksbühne wurde 1993 Theater des Jahres und mit Castorfs König Lear und Marthalers Murx den Europäer als einziges Haus mit gleich zwei Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Frank Castorf trug mit seinem Lear in mehrfacher Hinsicht ein greises System zu Grabe – das der alten DDR-Parteibosse und das der in seinen Augen überkommenen westdeutschen Theaterpatriarchen – besorgt von einem geharnischten Schlägertrupp aus sieben Rittern.

Mittlerweile gehört Frank Castorf – wie auch Gerhard Stadelmaier – selbst zum Alten Eisen der Theaterherrscher. Ein großer König zwar und immer noch unruhiger Geist, aber einer, der am Ende dieser Spielzeit endgültig abdanken muss. Vorab übergibt Castorf schon mal probeweise das Zepter an den Schauspielnachwuchs. Gegeben wird wieder ein Lear, als wäre es eine Reminiszenz an die alten Zeiten des Aufbruchs oder aber auch ein Abgesang an die von Frank Castorf. Regie bei dieser Kooperation der Volksbühne mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ führt Castorfs langjährige Mitstreiterin Silvia Rieger. Sie hat bereits im letzten Jahr Gorkis Sommergäste mit Studierenden der HfS ziemlich chaotisch auf Bert Neumanns kargen Asphaltbeton geknallt.

Auch bei Riegers Lear nach Shakespeare versinkt die Welt im Chaos. Ein papierenes Reich, zerrissen und zerknüllt, geworfen vor jaulende Hunde. König Lear möchte sich im Alter von der materiellen Last und Verantwortung des Regierens befreien, indem er sein Reich unter seine drei Töchter aufteilen will. Die Art des Bekenntnisses der Liebe zu ihm soll über die Größe des Erbteils entscheiden. Zwei Töchter reden dem Vater nach dem Mund, die dritte liebt ihn aufrichtig, aber nicht mehr als es einer Tochter geziemt und wird dafür von Lear verbannt. Die Welt ist schlecht, voll von Gier, Neid, Lüge und Verrat. Die Alten sind der Jugend lästig und ernten nun, was sie einst dem Nachwuchs eingepflanzt. Das kann einem schon mal die Sprache verschlagen. Lear ist ein einziger Schrei ohne Worte. Silvia Rieger gibt ihn selbst. Ein senil greinender Greis im güldenen Schlafanzug mit umgehängtem Sandmannbart.

 

Lear an der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Shakespeares Plot des von seinen Töchtern gedemütigten und langsam dem Wahnsinn verfallenden Lear ist in Silvia Riegers Inszenierung nur noch in Splittern erkennbar. Man spielt die Tragödie ganz als Castorf-Farce. Lears Töchter sehen aus wie Chicks on Speed. Regan und Goneril sind hier bipolar in einer Figur vereint, während die jüngste Tochter Cordelia nur mal kurz und stumm vorbei stöckelt. Dafür brüllen Graf Gloucester und sein Bastardsohn Edmund umso lauter. Dass im Stück mehrere Briefe mit intrigantem Inhalt hin und her gehen, verleitet die Regisseurin zu einem Slapstick mit großem Briefkasten, aus dem eine Flut von Papier quillt, die nicht mehr zu bändigen ist. Ein Running Gag des Abends. Auf derart zugemüllter Bühne entspinnt sich ebenfalls ungebremst ein zunehmender Wahn aus Kreischarien, minutenlangem Topfschlagen und anderen Blödelszenen.

Ja so warn’s die alten Rittersleut‘, ist man geneigt zu denken. Neune machen einen Lärm für Hundert. Weiter marschiert ein Trupp Rotkäppchen auf. Es wird noch was vom Pferd und Kühlschrank erzählt und Leinezwang für Bullterrier in Brandenburg gefordert. Da sperrt sich der getreue Kent glatt selbst in den Block, wie die ganze Inszenierung in einem Narrenkostüm steckt. Die Kappe dazu bietet der Lear’sche Narr seinem König an. Die Bühnenwelt ist aus den Fugen und zerfällt in zwei Teile. Links werden Heiner Müllers gesammelte Werke gegeben, rechts spielt man die von Shakespeare. Othello muss nach Zypern. Es geht gegen die Türken. Aha. Und alle wollen an die Front, doch „das kostet Menschenleben“. Na sowas.

Nachdem Riegers Lear noch was in unverständlichem Englisch gebrabbelt hat, eröffnet der Müller-Kiosk an der Wolokolamsker Chaussee. Es gibt Bier und Heiner Müller satt. „In meinem Kopf der Krieg hört nicht mehr auf.“ Cordelia stürmt als Asiat, ein Barbar aus dem Osten, die Bühne und brüllt etwas von Kriegspatriotismus – bis alles am Boden liegt. Schon zu Beginn zitiert Silva Rieger aus dem Doors-Song The End. Am Ende lässt sie den Vorhang zuziehen. Der Rest ist Schnee und Schweigen.

***

LEAR (Volksbühne, 02.02.2017)
nach William Shakespeare
Regie: Silvia Rieger
Raum: Bert Neumann
Bühne und Kostüme: Laurent Pellissier
Licht: Torsten König
Dramaturgie: Sabine Zielke
Mit: Maximilian Hildebrandt, Daniel Klausner, Benjamin Kühni, Jeremy Mockridge, Marie Rathscheck, Kim Schnitzer, Léa Wegmann, Felix Witzlau (alle 4. Studienjahr Schauspiel) und Silvia Rieger
Premiere in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz war am 01.02 2017.
Weitere Termine: 26.02. / 09. + 30.03. 2017
Eine Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“

Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/lear/

Zuerst erschienen am 03.02.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Doppeldeutiger Kugelmensch – Alexander Nerlich inszeniert am Hans Otto Theater einen in zwei Teile zerfallenden Abend um Das goldene Vlies von Franz Grillparzer

Das goldene Vlies am Hans Otto Theater – Foto (c) Göran Gnaudschun

Mit doppeldeutigen Geschöpfen hat es der junge Regisseur Alexander Nerlich. Er verdeutlicht die innere Gespaltenheit der Hauptfiguren in seinen Inszenierungen oft durch Doppelbesetzungen. Und wie schon im Urfaust und dessen nordischer Entsprechung Peer Gynt bekommt auch die mythische Medea aus Franz Grillparzers Trilogie Das goldene Vlies eine kleine Doppelgängerin an die Seite gestellt. Das ist im Falle Grillparzers nur logisch, spiegelt sich doch in seiner Medea auch Freuds Prinzip der kindlichen Triebunterdrückung, die sich dann im Erwachsenen unterbewusst bahnbricht. Am Hans Otto Theater Potsdam verkörpert die jugendliche Renée Carlotta Gerschke diese dunkle Seite der erwachsenen Medea, die von der rothaarigen Schauspielerin Marianna Linden dargestellt wird.

Medea ist die Königstochter eines antiken Barbarenvolkes auf Kolchis. Der Grieche Phryxus (Peter Pagel) brachte einst auf der Flucht das goldene Widderfell, um das es hier u.a. geht, als Gabe für den Gott der Kolcher mit. Der Gastfreund, wie auch der erste Teil von Grillparzes Trilogie heißt, wird von König Aietes (Bernd Geiling) als fremder Eindringling getötet. Er bedient sich dabei der Zauberkräfte Medeas, die sich daraufhin, geplagt von düsteren Visionen, in einen Turm zurückzieht. Auf dem Vlies lastet nun ein Rachefluch, der sich durch die ganze weitere Geschichte zieht.

Nerlichs Inszenierung streift den ersten Teil nur kurz wie eine Art Rückblende. Kaum ist Phryxos tot, landet auch schon Jason mit seinen Argonauten auf der Suche nach dem sagenumwobenen Vlies auf Kolchis. Das Land der Barbaren ist im Bühnenbild von Tine Becker ein karger, düsterer Ort. Eine schwarze Plane im Hintergrund, dürres Strauchwerk mit Tierschädeln, eine mit okkulten Zeichen bemalte kleine Hütte und eine Badewanne weisen auf primitive Opferriten hin, was sich auch in der dunklen Kleidung der Kolcher (Kostüme: Matthias Koch) spiegelt. Regisseur Nerlich liebt das Unerklärbare und Düstere, und so atmet diese an Fluxus, Informel und Art Brut erinnernde Klang-Kunst-Installation auch viel Archaik und Mystik bis hin zu einem bedrohlichen Gothik-Sound.

Viel mehr an Ideen hat diese Inszenierung bis zur Pause allerdings nicht zu bieten. Nerlich setzt voll auf die Wirkung von Bühnenbild und Körperkraft. Das psychologische Motiv der sich gegenseitig anziehenden und gleichzeitig fremden Charaktere Medea und Jason tritt dabei weitestgehend in den Hintergrund. Der bisweilen pathetische Ton der Vorlage wird durch ständige Kampfchoreografien gebrochen. Die beiden testosterongesteuerten Männer Jason (Florian Schmidtke) und Milo (Wolfgang Vogler) überrollen Kolchis wie ein SEK-Kommando in schwarzen Schusswesten. Pistolen gegen Messer. Da ist der Bruder Medeas, Absyrtus (Jonas Götzinger als Spacko im schwarzen Netzhemd), klar unterlegen. Sprüche wie „Krieg ist Scheiße, hat aber einen geilen Sound.“ oder „Erkenne deinen Herrn.“ verdeutlichen das Wesen Jasons als Eroberer. Da klingt das poetische Bekenntnis seiner Liebe zu Medea als wiedergefundene Hälfte des Platon’schen Kugelmenschen schon etwas befremdlich. Jason bleibt auch in der Liebe ein berechnender Eroberer.

 

Das goldene Vlies am Hans Otto Theater
Foto (c) Göran Gnaudschun

 

Wirklich blutig wird es allerdings erst, als Jason und Medea nun vereint sprechend im blutroten Vlies aus der Wanne steigen. Hier macht die Inszenierung einen Schnitt und setzt nach der Pause in Korinth wieder ein. Medea und Jason lagern im Zelt vor der Stadtmauer. Ein deutlicheres Bild lässt sich für Medea als Flüchtende nicht finden. Sie möchte die Vergangenheit hinter sich lassen und einen Neuanfang mit Jason. Das verfluchte Vlies versenkt sie im Bühnenboden. Einerseits Zwang zur Assimilation und andererseits Vorurteil und Ablehnung gegenüber allem Fremden bestimmen nun den Medea-Teil, der im wesentlich helleren Griechenland zwischen flexibel verschiebbaren Wänden spielt.

Peter Pagel als Korinths König Kreon und Denia Nironen als dessen Tochter Kreusa sind in Haute Couture und Benehmen das Ziel, das es zu erreichen gilt. Dabei lassen beide Medea aber stets spüren, dass sie hier nicht dazugehört. König Kreon, der selbst scharf auf das Vlies ist, hält sich das Flüchtlingspaar wie eine exotische Tierart in einem Glas-Terrarium. Als Schulmeisterin Medeas bleibt Kreusa stets reserviert. Dabei absolviert Medea ein regelrecht erniedrigendes Zuchtprogramm, das in der Katastrophe enden muss. Die Abkehr Jasons von Medea und die Zuwendung zur alten Liebe Kreusa erfolgt recht schnell. Medea wird alle Schuld angelastet. Verschmäht und der Kinder beraubt, die sich nun von Kreusa beeinflusst ebenfalls von ihr abwenden, erwacht ihr altes Ich in Gestalt ihrer Doppelgängerin, die die Widersacherin mordet. Ihre Kinder tötet Medea ja bekanntlich ebenfalls. Viel mehr vermag Nerlich aus seiner Interpretation der Doppeldeutigkeit der Figur nicht herauszuholen.

Gier nach Macht und Reichtum, endlose Gewalt, Ausgrenzung und der Zusammenprall der Kulturen gepaart mit einer leidenschaftlichen Liebe, die in einer Ehetragödie endet. Breiter gefächert könnte der inhaltliche Anspruch, dem sich die Inszenierung hier stellt, nicht sein. Aus den verschiedenen Teilen der Trilogie ein dramatisches Ganzes zu formen, gelingt Alexander Nerlich allerdings nur bedingt. Aber vielleicht lässt sich auch aus dem etwas angestaubten Grillparzer-Vlies nicht viel mehr herausklopfen. Es wäre durchaus mal wieder an der Zeit für eine neue Medea-Bearbeitung.

***

Das goldene Vlies (Hans Otto Theater, 03.02.2017)
von Franz Grillparzer
Regie: Alexander Nerlich
Bühne: Tine Becker
Kostüme: Matthias Koch
Musik: Malte Preuß
Choreografie: Alice Gartenschläger
Dramaturgie: Christopher Hanf
Besetzung:
Medea: Marianna Linden
Jason: Florian Schmidtke
Gora: Sabine Scholze
Phryxus/ Kreon: Peter Pagel
Aietes: Bernd Geiling
Peritta/ Kreusa: Denia Nironen
Milo: Wolfgang Vogler
Absyrtus: Jonas Götzinger
Junge Medea: Renée Carlotta Gerschke, Clara Sonntag
Premiere war am 03.02.2017 im Hans Otto Theater
Termine: 24.02. /  07., 19.03.2017

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 05.02.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Zwischen Magie und Wirklichkeit – Die Sammlung Scharf-Gerstenberg zeigt in der Ausstellung Surreale Sachlichkeit Werke der 1920er- und 1930er-Jahre aus dem Bestand der Neuen Nationalgalerie Berlin

Februar 8th, 2017

___

Noch bis 2020 wird die Neue Nationalgalerie am Berliner Kulturforum saniert. Bis dahin müsste die umfangreiche Sammlung der Staatlichen Museen zu Berlin an Werken der Klassischen Moderne im Depot lagern. Ein unschätzbarer Verlust nicht nur für die vielen Berlin-Touristen und deutschen Kunstliebhaber. Abhilfe sollen einige kleine Sonderausstellungen in den anderen Häusern des Preußischen Kulturbesitzes schaffen. Etwa die Ausstellung Ernst Ludwig Kirchner: Hieroglyphen in der „Neuen Galerie“ im Hamburger Bahnhof (noch bis zum 26. Februar), die der Zeichenhaftigkeit in den Bildern des deutschen Expressionisten und Brücke-Mitstreiters Kirchner, zeitgenössische Arbeiten von Rosa Barba und Rudolf Stingel gegenüberstellt. So eröffnen sich im Vergleich mit Werken anderer Kunstepochen neue Blickwinkel auf die Kunst der Klassischen Moderne.

(c) Museum Berggruen

Auch in den benachbarten Charlottenburger Häusern Museum Berggruen und Sammlung Scharf-Gerstenberg gibt es seit Ende des letzten Jahres solche interessanten Vergleichsschauen. So hat das Museum Berggruen Werke des zeitgenössischen US-amerikanischen Multi-Künstlers George Condo zwischen ihre weltberühmte Sammlungspräsentation mit Meisterwerken von Cézanne, Picasso, Matisse, Klee und Giacometti gehängt. In einer Art Vexierspiel kann der Besucher auf die Suche gehen und die als Confrontation (noch bis zum 12. März) gedachten Gemälde, Zeichnungen, Collagaen und Skulpturen Condos, die auf die verschiedensten Inspirationsquellen verweisen, mit den großen Meistern der Klassischen Moderne vergleichen. George Condo benutzt in seiner Kunst geschickt Motive quer durch die Kunstgeschichte vom Barock, über den Expressionismus und Kubismus bis zur amerikanischen Popart und Punkmusik. So kommt es, dass einem zwischen den bekannten Werken aus der Sammlung Berggruen plötzlich auch Clowns, Tänzer, Zwerge und Comicfiguren wie Batman, Bugs Bunny oder Micky Maus begegnen.

Katalog zur Ausstellung – Titel: Heinrich Harry Deierling, Selbstporträt im Spiegel, 1929
(c) Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Wer davon noch nicht genug hat, kann mit der Eintrittskarte zu George Condo. Confrontation (14 Euro, ermäßigt 7 Euro) auch die Dauerausstellung der Sammlung Scharf-Gerstenberg mit der momentanen Sonderausstellung Surreale Sachlichkeit auf der anderen Seite der Schlossstraße besuchen. Die Sammlung Scharf-Gerstenberg zeichnet sich durch einen sehr guten Querschnitt durch die in den 1920er Jahren entstandene Kunstrichtung des Surrealismus aus. Das Haus beheimatet Werke von berühmten internationalen Künstlern wie Salvador Dalí, Max Ernst, Hans Bellmer oder René Magritte. Sie mit den Künstlern der zeitgleich in Deutschland entstanden Neuen Sachlichkeit wie etwa Otto Dix, Georg Grosz oder Christian Schad zu vergleichen, scheint auf den ersten Blick etwas absurd. Die einen deuteten zeichenhaft das Unbewusste in der Wirklichkeit. Es entstanden dabei zumeist Traumbilder der Realität. Während die anderen mit einem möglichst kühlen und sachlichen Abbild der Realität, Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen übten.

Nun besitzt die Neue Nationalgalerie jede Menge Werke der Neuen Sachlichkeit und des Surrealismus, die, in einen Zusammenhang gestellt, nicht nur die Gemeinsamkeit eint von den Nationalsozialisten verfemt zu werden. Als bindendes Glied stellt die Kuratorin Kyllikki Zacharias das Gemälde Der Große Metaphysiker (1917) des italienischen Malers Giorgio de Chirico an den Anfang der 80 Werke von 63 Künstlern aus der Zeit von 1920-1930 umfassenden Schau. De Chirico gilt als bedeutender Vorläufer des Surrealismus wie auch als Inspirator der Maler der Neuen Sachlichkeit. Die Staatsgalerie Stuttgart widmete dem Gründer der „scuola metafisica“ 2016 unter diesem Vorzeichen eine große Retrospektive. Seine Werke wirken gleichsam sachlich aufgeräumt wie traumhaft surreal. De Chirico nannte das die „unbeseelte und ruhige Schönheit der Materie“.

Ernest Neuschul (1895 – 1968)
Die Plätterin, vor 1930 – © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie /J örg P. Anders | © Khalil und Misha Norland (Söhne in England)

Nun ja, das scheint sehr naheliegend und gilt in der Kunstgeschichte auch als relativ unbestritten. Ansonsten kann man natürlich auch gemäß dem Ausspruch De Chiricos: „Alles Bekannte ist auszuscheiden.“ die Auswahl der Werke auf sich wirken lassen. Es geht thematisch um Räume, Dinge und Menschen, was wiederum in einzelne Unterabteilungen mit Landschaften, Stillleben, Zierpflanzen, Accessoires, Köpfen oder Familienbildern und Bildern der Lust und des Fleisches aufgeteilt ist. In der Ausstellung sind dazu die üblichen Vertreter der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix, Georg Grosz, Karl Hofer, Christian Schad oder Rudolf Schlichter zu sehen. Aber auch weniger bekannte Maler wie Heinrich Harry Dreierling [s. Covermotiv des Ausstellungskataloges], Paula Lauenstein, Ernest Neuschul oder Curt Querner, deren Talent vor allem in der Portraitmalerei, einer Domäne der Neuen Sachlichkeit, liegt. Die Sammlung der Neuen Nationalgalerie kann hier, wie man sieht, aus dem Vollen schöpfen.

Den Veristen stehen leider nur wenige Vertreter aus der Surrealisten-Zunft gegenüber. Besonders zu erwähnen wären hier ein Selbstbildnis von Hans Bellmer, Salvador Dalis Bildnis Frau Isabel Styler-Tas (Melancholia), Richard Oelzes düster magische Kassandra oder die seltsame Muschellandschaft von Max Ernst. Der deutsche Surrealist, der seit 1922 mit Unterbrechungen in Paris lebte, kann ebenfalls als Bindeglied der beiden Kunstrichtungen gelten. Seine archaische Gipsskulptur Capricorn (eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden) beschließt die Ausstellung.

 

Surreale Sachlichkeit: Ausstellungsansicht, Sammlung Scharf-Gerstenberg, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Foto: Thomas Bruns

 

Dazwischen tummeln sich viele Werke der Zwischenkriegszeit mit den ewigen Mahnern Karl Hofer (Die Wächter) und Hans Grundig (Die Schlafkammer), den genauen Beobachtern des Volkes und seiner Peiniger wie George Grosz (Grauer Tag), Curt Querner (Bäuerin in Märzlandschaft), Ernest Neuschul (Die Plätterin) oder Otto Nagel (Weddinger Jungen). Aber auch einiges Rätselhaftes wie René Magrittes L’idée fixe oder anzügliche Bilder der vergänglichen Fleischeslust wie Otto Dix‘ Altes Liebspaar oder Henri Rousseaus märchenhaftes Gemälde Die Schöne und das Biest gibt es zu sehen. Wem das immer noch zu viel Sachlichkeit sein sollte, der kann sich danach auch weiter von der Sammlungs-Präsentation der Surrealisten im Haus Scharf-Gerstenberg verzaubern lassen.

***

Surreale Sachlichkeit
Werke der 1920er- und 1930er-Jahre aus der Nationalgalerie
13.10.2016 bis 23.04.2017
Sammlung Scharf-Gerstenberg
Schloßstr. 70
14059 Berlin
Öffnungszeiten: Di-Fr: 10-18 Uhr, Sa+So 11-18 Uhr

Infos: http://www.smb.museum/museums-institutions/sammlung-scharf-gerstenberg/home.html

Zuerst erschienen am 28.01.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Figurativ und ekstatisch – Das Potsdam Museum zeigt Die wilden 80er Jahre in der deutsch-deutschen Malerei

Januar 31st, 2017

___

Seit Anfang Dezember letzten Jahres, nur wenige Wochen vor der in der lokalen und bundesweiten Presse viel beachteten Eröffnung des Museums Barberini, beeindruckt auch das Potsdam Museum im Alten Rathaus mit einer nicht minder bemerkenswerten Schau bildender Kunst. Die beiden Ausstellungshäuser sind unmittelbare Nachbarn Am Alten Markt in Potsdam und Bestandteile des historisch wieder erbauten Ensembles mit der St. Nikolaikirche und dem Stadtschloss, das seit zwei Jahren den Brandenburger Landtag beherbergt. Auch ein Akt deutscher Vergangenheitsbewältigung, der Geschichteaufarbeitung vorrangig als Kosmetik und baulichen Historismus begreift. Will heißen, die Sache bleibt umstritten, ähnlich wie der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses in seiner historischen Hülle. Es kommt immer auch darauf an, das Innere sinnvoll zu füllen.

*

Klaus Killisch, Tango bis es weh tut, 1988, Privatbesitz, Berlin
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Foto: Michael Lüder

Die Sonderausstellung Die wilden 80er Jahre in der deutsch-deutschen Malerei im Potsdam Museum zeigt nun in wunderbarer Weise, wie das u.a. aussehen könnte. Ein Stück deutsch-deutsche Kultur- und Kunstgeschichte, die auch über eine nicht unerhebliche politische Dimension verfügt. Gezeigt werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten figurativer Malerei, wie sie in den 1980er Jahren in beiden deutschen Staaten praktiziert wurde. Der Titel verweist dabei vor allem auf die vorrangig in West-Berlin arbeitende Künstlergruppe der „Neuen Wilden“ um Maler wie Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé, Bernd Zimmer und Elvira Bach. Aber auch in anderen Teilen der alten Bunderepublik gründeten sich Kunstbewegungen, die entgegen der abstrakten Malerei des „Informel“ den menschlichen Körper wieder in den Mittelpunkt der Malerei rückten…

Der Maler Helmut Middendorf beschreibt es in einem der Künstler-Statements, die die Ausstellung in einem Begleitfilm gesammelt hat, so: „Mich haben die damalige Musikszene in Berlin und New York, das Nachtleben und seine Rituale, der Exzess, die Architektur in Berlin, der Zoo und Erlebnisse politischer Bedrohung zu Bildern inspiriert. In den 80ern war die Figur als Transportmittel für Erlebtes und Gesehenes unabdingbar.“ Ähnlich sieht es die in Lichtenstein/Sa. geborene Künstlerin E.R.N.A.: „Mich beschäftigte der Mensch, zwischenmenschliche Beziehungen, die politische Situation in der DDR, verpackt in Literatur, Mythologie, aber vor allem in der menschlichen Figur. Das Abbild des Menschen ist für mich bis heute das wichtigste Transportmittel meiner bildnerischen Ideen.“

In diesen Aussagen erkennt man neben der gemeinsamen Vorliebe für das Figurative auch den wohl gravierendsten Unterschied. Das Politische, das sich im Westen im direkten Abbild des Alltäglichen spiegelte, wurde im Osten zumeist in bildlichen Metaphern verklausuliert. Wollte man unbehelligt von staatlicher Bevormundung arbeiten, blieb oft nur diese Möglichkeit des künstlerischen Ausdrucks. Wer sich allerdings in der DDR von Anfang an außerhalb der staatlichen Kontrolle des Kunstmarktes stellte, musste auch weiterhin mit Repression rechnen. Was für viele Künstler wie auch den bereits in der Ausstellung Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989 im Martin-Gropius-Bau Berlin vertretenen Maler Hans-Hendrik Grimmling in der Ausreise aus der DDR gipfelte.

 

Bernd Zimmer, Aus dem Nebelmeer, 1982, Privatbesitz © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Archiv Bernd Zimmer

 

Die Schau im Potsdam Museum kann man daher durchaus als eine interessante Ergänzung mit dem Fokus auf die Malerei der 1980er Jahre in der DDR und der BRD sehen. Sie funktioniert aber auch ohne diesen Bezug als reine Vergleichsschau, in der sich keines der 88 Werke von insgesamt 49 Künstlerinnen und Künstlern verstecken muss. Gehängt wurden die Bilder ohne direkt ersichtliche Zuordnung der Herkunft. Man muss dazu die ausliegenden Künstlerbiografien zur Hand nehmen. Es erfolgte lediglich ein thematische Hängung, unter den Kapiteln: Figurativ & Ekstatisch, Figurativ & Beobachtend, Figurativ & Losgelöst, oder Figurativ & Kämpferisch.

Und gleich im ersten Raum muss sich der Dresdner Volker Stelzmann mit seinem sehr realistischen Gemälde Die Band gleich gegen mehrere farbig ekstatische Darstellungen westlichen Nachtlebens wie Barbara Quants My Sister in New York, Helmut Middendorfs The stage oder Bernd Zimmers Aus dem Nebelmeer behaupten. Der im Westen praktizierte farbige Neoexpressionismus zeigt sich vor allem auch in den Bildern von Rainer Fetting (Selbst), Salomé (Seerosenteich) und Elvira Bach (Die Nachteule), während des Leipziger Malers Arno Rink (Am Swimmingpool) eher surreale Figurenkonstellationen bevorzugt. Kämpferisch geben sich vor allem auch bekannte Meister aus dem Westen wie Markus Lüpertz mit Zwei Krieger oder aus dem Osten wie Wolfgang Mattheuer mit seinem Gemälde Albtraum, das später auch als Plastik Der Jahrhundertschritt bekannt wurde. Abgüsse stehen neben Leipzig und Berlin nun auch im Museum Barberini. Mit Rink, Mattheuer, Bernhard & (Sohn) Johannes Heisig sowie dem jungen Neo Rauch sind hier einige Maler der Leipziger Schule vertreten, die in ihrer Meisterschaft figurativer Darstellung weltweit anerkannt sind.

 

Wolfgang Mattheuer, Albtraum, 1982, Kunstsammlung der Berliner Volksbank © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Peter Adamik

 

Neben einer kleinen Abteilung für Arbeiten auf Papier mit Werken des Cottbusers Hans Scheuerecker, der für seine avantgardistischen LP-Cover für die Band Sandow bekannt ist, der aus Meißen stammenden Grafikerin Heidrun Hegewald, oder Salomés expressionistischen Graphikserie Götterdämmerung ist vor allem die im Erdgeschoss befindliche Themengruppe „Figurativ & Erzählerisch“ besonders sehenswert. Hier prallen noch einmal die ungezügelte Farbpracht und Vielfalt der figurativer Malerei Ost und West unmittelbar aufeinander. Ob nun Bernhard Heisig mit seinen Geschichtsbildern, die Dresdnerin Angela Hampel mit ihren Gemälden nach Figuren der griechischen Mythologie oder der an Otte Dix gemahnende Verismus in den Gemälden des Berliners Clemens Grözser, die Narrative der DDR-Maler unterscheiden sich nur unwesentlich von denen der westdeutschen Kollegen wie Georg Baselitz, Johannes Grützke, Volker Bartsch oder Elvira Bach.

Losgelöst und fast schon wieder abstrakt zeigen sich dagegen Gemälde des Berliners Martin Assig (Kopf über), des Leipzigers Hartwig Ebersbach (Kaspers Peinigung) und frühe Werke von Neo Rauch (Keimlinge), der hier wohl an der Schwelle des Übergangs zur wieder vereinigten deutschen Malerei stehen dürfte, die in ihren historischen Wurzeln doch einiges an Gemeinsamkeiten aufweist.

***

Die wilden 80er Jahre in der deutsch-deutschen Malerei
03.12.2016 – 12.03.2017
Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte
Am Alten Markt 9
14467 Potsdam
Öffnungszeiten: Di–Fr 10–17, Do bis 19, Sa, So 10–18

Infos: http://www.potsdam-museum.de/

Zuerst erschienen am 26.01.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Verunglückte Ethikrecherche und starres Authentizitätsdogma – Das Deutschen Theater Berlin versucht sich an den Zehn Geboten und einem Fest

Januar 29th, 2017

___

10 Gebote – Der verunglückte Versuch einer zeitgenössischen Ethik-Recherche in der Regie von Jette Steckel am Deutschen Theater Berlin

DT-Schaukasten – Foto: St. B.

Waren die Zehn Gebote einmal von Gott auf zehn Steintafeln an den Propheten Moses übergegebene Verhaltensregeln zum Ausdruck des Bundes seines Volkes mit ihm, so sind diese Gebote heute meist nur noch lästige Benimmregeln, an denen nicht erst der moderne Mensch tagtäglich scheitert. So jedenfalls kann man es am kleinen Sünder wie auch im großen Weltgeschehen beobachten. Ob die Zehn Gebote als Grundlage theologischer wie weltlicher Ethik heute überhaupt noch Bestand haben oder komplett neu gedeutet werden müssen, das will nun die Regisseurin Jette Steckel in ihrer groß angelegten, zeitgenössischen Theaterrecherche 10 Gebote am Deutschen Theater Berlin untersuchen.

Sie hat dazu 15 AutorInnen, FilmerInnen und MusikerInnen gebeten kurze Beiträge zum Thema zu liefern. Entstanden ist ein Konglomerat aus insgesamt 12 Werken, bestehend aus kurzen Monologen, kabarettistischen Einlagen, zwei Kurzfilmen und auch drei Minidramen, die sich alle lose um die zehn Gebote drehen, aber v.a. eine selbstbefragende Sicht auf das freigeben sollen, was uns heute diese Ge- oder Verbote im Rahmen unseres abendländisch-christlich-jüdischen Wertekanons noch zu sagen haben. Sich selber in Frage stellen, ist das weit gesteckte Ziel des Abends.

Zu Beginn herrscht allerdings erst einmal ein großes Stimmengewirr. Auf die schwarzen Wände eines raumgreifenden Drehbühnenturms zu Babel werden mit Kreide die Gebotstexte geschrieben. Dann macht sich das Ensemble locker zum Song „Immer muss ich alles sollen“ von Gisbert zu Knyphausen. Allzu hochtrabend und düster, scheint es, soll es dann doch nicht werden. Aber Clemens Meyer legt mit einem für ihn typisch kraft-Meyernden Text die Selbstbefragungslatte zunächst mal gar nicht allzu niedrig. Benjamin Lillie schafft sich zu Gebot 1: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ als junger Glaubenssucher („Ich bin ein Binnenmeer“) im Schlafstrampler an den auf ihn einstürzenden Erkenntnissen über den großen „Wolkenmäcki“ („Es kann nur einen geben.“), die Welt und manch andere Ideologie. Credo: „Wie man sich betet, so lügt man.“

Dagegen ist das kleine Dialogdrama von Sherko Fatah zum Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.“ ein eher zähes Fabulieren über die traditionelle Rolle der Frau in der Familie und einen begangenen Ehrenmord zwischen dem jungen Delinquenten (Natali Seelig) und seiner Verhörerin (Lorna Ishema). Felicia Zeller liefert zum Gebot: „Du sollst nicht lügen.“ den satirischen, hier chorisch gesprochenen Monolog eines von seiner eigenen Wahrheit Besessenen, der in Cafés Zeitungsartikel korrigiert, wobei das Ensemble im Takt auf Steintafeln herumhämmert.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Als die coolen Zyniker des Unterfangens fungieren der Journalist, Autor und Migrationsforscher Mark Terkessidis und der Rap-Musiker Maxim Drüner (K.I.Z.) gemeinsam mit dem Dramatiker Juri Sternburg. Ersterer hat einen gesellschaftskritischen Popdiskurs (Text im Programmheft) über die allgemeine Neiddebatte („Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“), die Luxus-Probleme der Mittelschicht und deren Vorurteile über das Prekariat geschrieben, den Jette Steckel als völlig überdrehtes Gespräch zweier Partygäste (Wiebke Mollenhauer und Ole Lagerpusch) inszeniert. Drüner und Sternburg gefallen sich als schwarzhumorige Kapitalphilosophen (Lagerpusch und Lillie), die sich wie Zwillings-Antipoden über das Prinzip Stehlen als gesellschaftliche Alternative austauschen. Was auch mal in dem nicht gerade p.c.-tauglichem Statement: „Du sollst keinen Laster stehlen und in einen Weihnachtsmarkt fahren.“ mündet. Hier schifft man zwar unterhaltsam zwischen Gorki-Sound, Pollesch-Diskurs und Pop-Literatur, allerdings ohne besonderen politischen Tiefgang. Wie alles andere bleibt auch das auffallend an der gerade noch mainstreamtauglichen Oberfläche.

Sich gekonnt lustig machen ist ja nicht grundsätzlich falsch, wenn man Religion kritisch hinterfragen will. Nur scheint das gar nicht das Hauptthema des Abends zu sein. Aber außer dem erklärten Willen zur Befragung wird hier nicht wirklich klar, was Jette Steckel sonst noch so umtreibt? Nichts hält diesen schier berstenden Abend irgendwie zusammen. Ein recyceltes Libretto von Dea Loher zur 2015 in Hamburg in der Regie von Jette Steckel uraufgeführten Oper Weine nicht, singe schleppt sich in einem fürchterlich pathetischem Sing-Sang schier unendlich bis zur Pause. Eine Art Endzeitstory über Grenzkriege, Flucht und schicksalhafte Verstrickungen im Gewand einer antiken Tragödie.

Was eigentlich zum Gebot „Du sollst nicht töten.“ passen würde, läuft hier unter dem Sammelgebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.“ Lediglich schräg wirkt da, das Thema Töten mit der Obsession von Männern, die geschlachtet und verspeist werden wollen, zu verbinden. Filmemacher Jan Soldat hat einen seiner ungewöhnlichen Interviewfilme über seltsame menschliche Fetische beigesteuert. „Die Idee ist Ewigkeit.“ heißt es da. Was an anderer Stelle sicher interessant wäre, geht hier kopfschüttelnd unter wie ein kleiner, sicher metaphorisch gemeinter Monolog des bekanntlich zu großen transzendenten Gedanken durchaus fähigen Schriftstellers Navid Kermani über einen Vater (Andreas Pietschmann), der seinen Sohn töten will, um ihm die Enttäuschungen des Erwachsenseins zu ersparen. Lediglich Dramatik von der Stange ist ein Kurzdrama der Schriftstellerin Nino Haratischwili zum Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen.“, was von der Regisseurin in bunten Cocktails und Discokugellicht ertränkt wird.

Wir sehen also vier Stunden fröhliche Blasphemie mit einigen versuchten Einschüben pathetisch-heiligen Ernstes, die so deplatziert wirken, wie ein echtes Schaf auf einer Theaterbühne, das Ole Lagerpusch im weißen Zottelfell als bedauernder „Créateur“ (sprich Lebensdesigner) Gott zum Ende dann noch am Strick vorführt. Rocko Schamoni hat sich die Option auf ein 11. Gebot gesichert. Enttäuscht bezeichnet Gott in seinem Monolog die Menschheit als „maximale Sackgasse“ und bittet zu den Klängen eines bekannten französischen Chansons um Pardon. Darin steckt nicht nur Ironie, sondern auch ein wenig die Sehnsucht nach dem Göttlichen zumindest in der Kunst. Lieber Bühnen-Gott, verlass mich nicht. Die Unternehmung ist da aber längst von allen guten Geistern verlassen.

***

10 Gebote (UA am 21.01.2017 am Deutschen Theater)
Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_Innen, 9 Schauspieler_Innen und 1 Schaf
Mit Texten und Videos von Maxim Drüner (K.I.Z)/Juri Sternburg, Sherko Fatah, Nino Haratischwili, Navid Kermani, Bernadette Knoller/Anja Läufer/Claudia Trost, Dea Loher, Clemens Meyer, Rocko Schamoni, Jochen Schmidt, Jan Soldat, Mark Terkessidis, Felicia Zeller
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Mark Badur
Licht: Matthias Vogel
Ton: Marcel Braun, Matthias Lunow
Dramaturgie: Anika Steinhoff
Mit: Markus Graf, Judith Hofmann, Lorna Ishema, Ole Lagerpusch, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Helmut Mooshammer, Andreas Pietschmann, Natali Seelig
Dauer: ca. 4 Stunden, eine Pause
Termine: 12.02., 26.02.2017

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 23.01.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Starres Authentizitätsdogma – Anna Lenk inszeniert auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele eine intime Version des Dogma-Films Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov

DT-Schaukasten – Foto: St. B.

Auch in der zweiten Inszenierung des vergangenen Premierenwochenendes am Deutschen Theater Berlin spielt zumindest eines der zehn Gebote eine gewisse Rolle. „Das vierte Gebot lautet: Du sollst Vater und Mutter ehren“, sagt am Ende die Großmutter (Katharina Matz) der Klingenfeld-Hansenschen Familie trotzig, nachdem die Feier zum 60. Geburtstag ihres Sohnes Helge, der gemäß der Altmänner-Tischrede seines senilen Vaters (Jürgen Huth) eigentlich schon eine Geschichte von den sieben Meeren vertragen kann, etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Mit dem Gebot meint die starrköpfige Großmutter allerdings nicht etwa ihren des Kindesmissbrauchs überführten Sohn, sondern dessen Kinder, die in dem berühmten Dogma-Film Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov erst für die Offenlegung dieses unangenehmen Familiengeheimnisses kämpfen müssen.

Tischgesellschaften zu runden Geburtstagen eignen sich immer vorzüglich, um in alten Erinnerungen zu schwelgen. So ließ auch Jette Steckel in ihrer Inszenierung der 10 Gebote das Ensemble eine große Tafelrunde mit Geschichten von Vater und Mutter garnieren. Anne Lenk lässt in ihrer Bühnenadaption des Dogma-Klassikers Das Fest die Tische weg, gruppiert aber das Publikum dennoch recht eng und intim um eine kleine Spielfläche auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele. Die Großeltern und der mit Altherrenwitzen glänzende Onkel Leif (Michael Gerber) sitzen mit unter uns. Wir nehmen also direkt teil am Geschehen, bekommen vom Toastmaster des Abends (Bernd Moss) Sekt und Wasser gereicht und sollen auch noch ein Ständchen für den Jubilar einüben.

Wer solche Art von Peinlichkeiten weder im eigenen, größeren Familienkreis noch im Theater mag, sollte lieber daheim bleiben, allerdings ist diese unangenehm vertrauliche Atmosphäre von Anfang an Teil des Regie-Konzepts und muss vom Publikum als solches auch bis zum Ende mit durchlitten werden. Es geht nicht nur um ein jahrelang unter den Familienteppich gekehrtes Geheimnis, sondern auch um die verschiedenen Arten und Wahrnehmungen von Scham und Schuld, deren Auswirkungen auf das Familiengefüge, sowie um Macht und Schuldkomplexe der Ohnmächtigen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Und das soll uns nun hier auf engstem Raume möglichst hautnah und authentisch vorgefügt werden. Es beginnt mit der Ankunft der wichtigsten Gäste, die sich plötzlich aus dem Publikum schälen oder wie zufällig hereinschneien. Ungelenke Begrüßungsszenen, möglichst improvisierter Smalltalk, man hat sich lange nicht gesehen und doch nicht allzu viel zu sagen. Es herrscht bei aller bemühten Vertrautheit eine peinliche Distanz und über allem schwebt da immer auch etwas Unausgesprochenes.

Man läuft sich warm mit Sprüchen und Kinderspielen. Beim Einmarsch von Helge (Jörg Pose) und seiner Frau Else (Barbara Schnitzler) erhebt sich alles zum Kanon mit Knicklichtern, und es gibt eine Diashow mit alten Fotos der Familie. Das ist nun für diejenigen, die Film und Geschichte kennen, insgesamt doch etwas langatmig. Bei aller gespielten Improvisation bleiben Text und Handlung immer recht nah am Original. Für die nötige Fallhöhe muss natürlich als Helges Gegenspieler, sein Sohn Christian, sorgen, den Alexander Khuon als sichtlich grübelnden Zauderer anlegt, der dann irgendwann auch zu seiner „Wahrheitsrede“ über den reinlichen Vater, der mit den Zwillingen Christian und Linda immer ins Bad wollte, ansetzt. Was folgt, sind Momente lähmenden Schweigens.

Helge sitzt die erste Attacke locker aus. Selbst Christians jüngere Geschwister, die überdrehte Helene (Lisa Hrdina) und der laute, gern übergriffig pöbelnde Bruder Michael (Camill Jammal), der mit Frau (Anita Vulesica) und eigenen Kindern angereist ist, stellen sich zunächst noch vor den Vater. Die Mechanismen der Verdrängung und des Familienzusammenhalts funktionieren hier noch recht gut. Christian steht da außen vor, während sich Michael mit peinlichen Geburtstagsständchen am Klavier sogar die Liebe und Aufmerksamkeit des Vaters erspielen will. Es gilt ein trotziges Weiter-So.

Doch das Fest verläuft unerfreulich, wie Onkel Leif sichtlich angeödet bemerkt. Die gute Stimmung lässt sich auch mit Singen und Tanzen nicht wirklich auf Dauer aufrecht halten. Geradezu perfide wirken die Versuche der Eltern, ihrerseits Christian zu diskreditieren. Aber Christian bleibt hartnäckig zusammen mit seiner Jugendfreundin Pia (Franziska Machens), die als gutes Gewissen ansonsten hier relativ blass bleibt. Man kann hier sehr schön die üblichen Abwehrmechanismen und Machtspiele der getroffenen Eltern beobachten, die Schuldzuweisungen und Schamgefühle für sich nutzen, bis das Lügengebäude durch den wiedergefundenen Abschiedsbrief Lindas zum Einsturz gebracht wird.

Allerdings krankt das Ganze auch an seiner unmittelbaren Deutlichkeit. Wilde Handgemenge, Gebrüll und viele Tränen am Ende samt Demütigung des nun überführten Vaters. Nichts wird ausgelassen. Weder die peinlichen Ausländerwitze Michaels über den arabischen Freund (Thorsten Hierse) seiner Schwester, noch die ständigen Wortmeldungen der Alten, die weiter in ihren alten Vorstellungen von Heim und Familie verharren. Nach zum THEATERTREFFEN eingeladenen Inszenierungen von Michael Thalheimer (2001) und Christopher Rüping (2015) hat Anne Lenk nach 20 Jahren Dogma dem Thema nichts Neues hinzugefügt. Das Theater unterwirft sich ohne Not einem starren Authentizitätsdogma.

***

Das Fest (DT-Kammerspiele, 27.01.2017)
von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
Regie: Anne Lenk
Bühne: Halina Kratochwil
Kostüme: Sibylle Wallum
Musikalische Leitung: Leo Schmidthals
Dramaturgie: David Heiligers
Mit: Michael Gerber, Thorsten Hierse, Lisa Hrdina, Jürgen Huth, Camill Jammal, Alexander Khuon, Franziska Machens, Katharina Matz, Bernd Moss, Jörg Pose, Barbara Schnitzler und Anita Vulesica
Die Premiere war am 20.01.2017 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin
Weitere Vorstellungen am 12., 15., und 25.02.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 28.01.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Der Mann, der Liberty Valance erschoss und The Making Of – Großes Kino am Maxim Gorki Theater Berlin

Januar 27th, 2017

___

Der Mann, der Liberty Valance erschoss – Mit seiner Bühnenadaption der Erzählung von Dorothy M. Johnson betreibt Hakan Savas Mican am Maxim Gorki Theater eine ironische Demontage amerikanischer Heldenmythen

Ein Band mit Erzählungen von Dorothy M. Johnson

Die US-amerikanische Western-Autorin Dorothy M. Johnson (1905-1984) dürfte in Deutschland eher weniger bekannt sein. Ihre Romane und Erzählungen sind teils nur im Groschenheftformat in deutscher Sprache erschienen. Sicher zu Unrecht, waren doch drei ihrer Kurzgeschichten Vorlage für große Western-Verfilmungen wie The Hanging Tree von Delmer Daves mit Gary Cooper, Maria Schell und Karl Malden, A Man Called Horse von Elliot Silverstein mit Richard Harris und The Man Who Shot Liberty Valance von John Ford mit John Wayne, James Stewart und Lee Marvin.

John Ford läutete 1962 mit seinem Film die Phase des Spät-Western ein, in der gebrochene Antihelden bereits an den Mythen des sogenannten Wilden Westens zu kratzten begannen. Aber gerade John Wayne hatte u.a. in Fords Filmen mehrfach noch den Western-Helden alten Schlags verkörpert. John Ford sagte dazu in der 1967 von Peter Bogdanovitch veröffentlichten Biografie des Regisseurs: „Wir haben eine Menge Leute, von denen angenommen wird, daß sie große Helden gewesen sind. Und Sie wissen verdammt gut, daß sie es nicht waren. Aber es ist gut für das Land, Helden zu haben, um zu ihnen aufblicken zu können.“ Geschichtlich gesehen war das Genre jedoch längst auserzählt. Die Wende kam nicht von ungefähr mit der großen Krise Hollywoods zu Anfang der 1960er Jahre.

Der Filmpublizist Michael Hanisch schreibt in seinem 1986 im Henschel Verlag Berlin erschienen Buch Western. Die Entwicklung eines Filmgenres: „Diese Entwicklung, die die Geschichte der Kolonisation des Westens darstellt, ist 1890 im wesentlichen abgeschlossen. (…) Je weiter man sich von dieser Vergangenheit entfernte, um so unschärfer wurden ihre Konturen, um so mehr überwucherten Legenden die gar nicht so spannende, aufregende Realität.“ Und kurz vor diesem Scheidepunkt, genau gesagt um 1880, spielt Dorothy M. Johnsons The Man Who Shot Liberty Valance. Eine nicht untypische Geschichte, über die Gründung amerikanischer Mythen, von Freiheit, Fortschritt und Demokratie, die auf Gewalt und kleineren, oder größeren Lügen aufgebaut sind.

Der Mann, der Liberty Valance erschoss im Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Dieses Thema hat sich nun auch Hakan Savas Mican für seine neueste Regiearbeit Der Mann, der Liberty Valance erschoss am Maxim Gorki Theater ausgewählt. Aber er lässt nicht Fords Kino-Fassung, für die Dorothy M. Johnson auch das Drehbuch schrieb, oder die 2014 uraufgeführte englische Bühnenfassung spielen, sondern legt seiner eigenen Version Johnsons Original-Story von 1953 zu Grunde. Diese zeichnet den jungen Ransome Foster von der Ostküste in seinem Idealismus wesentlich ambivalenter als in Fords Kinoversion (mit anderen Namen), die den zum Gouverneur aufgestiegenen Anwalt in einer Rahmenhandlung in das Western-Städtchen zur Beerdigung des Cowboys Bert Barricune zurückkommen lässt. Dort erzählt Foster die wahre Geschichte von der Ermordung des die Stadt terrorisierenden Banditen Liberty Valance durch Barricune, der ihm damit das Leben rettete. Worauf ein Reporter die Wahrheit mit den Worten „When the legend becomes fact, print the legend!” einfach wegwischt. Diesen bezeichnenden Satz verschenkt leider Micans Inszenierung.

Der Regisseur konzentriert sich ganz auf das hehre Vorhaben Fosters, den Bewohnern von Twotrees nicht nur Lesen und Schreiben beizubringen, sondern auch Unterricht in Demokratie zu geben. Mehmet Ateşçi entwickelt sich hier vom zunächst noch unsicheren Greenhorn mit Schlips und Aktentasche, der zu Beginn im Video vom Überfall Liberty Valance auf sich erzählt und dabei blutige Spuren ins Gesicht geschminkt bekommt, ganz zum smarten Selfmademan mit höheren Ambitionen. Sylvia Rieger hat Mican dazu eine echte Westernstadtkulisse mit Hotel und Saloon auf der einen Seite sowie Coca-Cola-Automat auf der anderen Seite gebaut. Schon das ist ein Zeichen für den unaufhaltsamen Fortschritt, der Leute wie den cool spuckenden Westerner Bert Barricune (Taner Şahintürk) und den ebenfalls sehr authentisch von Yousef Sweid verkörperten Liberty Valance, die die alte Ordnung mit der Waffe in der Hand verteidigen wollen, hinwegfegen wird.

Sie dürfen ausgiebig böse gucken und ein kleines Zwiegespräch über das innere Labyrinth des Rechts, das Foster mit seinen Wahlen errichten will, und das äußere der freien Wüste von Liberty Valance führen, in dem jeder sein eigener König ist. Ansonsten wird die Szenerie beherrscht von vielen großen Worten über Gleichheit, Gerechtigkeit und Glück für alle, woher sie auch kommen. Und das immer schön frontal ins Publikum. Einwürfe über Einschnitte beim Wahlrecht für Ausländer oder Frauen sollen das immer wieder vom Rand her konterkariert. Natürlich ist das Spiel mit Blick auf die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung auch durchzogen von Ironie und falschem Pathos. Einmal muss sogar Hallie Ericsson (Lea Draeger), kleine Hotelbesitzerin und Frau zwischen den beiden Männern Ransome und Bert, als Freiheitsstatue mit Fackel und Zackenkrone auftreten.

 

Ein altes Filmplakat des Westerns von Henry Ford.

 

Hakan Savas Mican versucht sich recht und schlecht kritisch am amerikanischen Traum abzuarbeiten. Der Bandit Valance singt noch im Sterben David Bowies Song „This Is Not America“ und auf der Videoleinwand sind Gewalt und Szenen aus der US-amerikanischen Geschichte zu sehen. DJ Volkan T. Türeli als feiger Sheriff Kane macht ansonsten einen gut abgemischten Gitarrensound, zu dem auch mal ausgelassen getanzt wird. Zunächst kein besonders standhaftes Bild der vierten Gewalt zeigt auch Tim Porath als schön versoffener Journalist Henry Locke, der sich dann aber am Ende zum charismatischen Wahlkampfredner aufschwingt. Hier schwenkt die Inszenierung mit farbigen Luftballons ins US-Wahlkampfgeschehen von heute. Lea Draeger zeigt sich als Melanie-Trump-Verschnitt und spricht davon, Amerika wieder größer machen zu wollen.

Die Drehbühne zeigt immer mal wieder die kahle Sperrholzrückseite, die wie die Story selbst den Fake verdeutlicht. Hier bildet das Theater leider selbst nur eine ziemlich platte Reproduktion der bereits bekannten postfaktischen Realität, die im Wahljahr 2017 auch Deutschland längst erreicht hat. Der sich zur Wahl stellende Foster erscheint am Ende im Leuchtanzug des Elektrischen Reiters aus dem gleichnamigen Post-Western von Sydney Pollack mit Robert Redford als uramerikanischem Helden und Einzelkämpfer für die Rechte des kleinen Mannes gegen den übermächtigen Staat.

***

Der Mann, der Liberty Valance erschoss (MGT, 14.01.2017)
Nach der gleichnamigen Erzählung von Dorothy M. Johnson
Bühnenfassung und Regie: Hakan Savas Mican
Bühne: Sylvia Rieger
Kostüme: Sophie Du Vinage
Musik: Jörg Gollasch
Video: Hannes Hesse, Sebastian Pirchner
Live-Kamera: Sebastian Pircher
Dramaturgie: Ludwig Hauck
Mit: Mehmet Ateşçi, Taner Şahintürk, Lea Draeger, Yousef Sweid, Tim Porath, Volkan Türeli
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere am Maxim Gorki Theater war am 14.01.2017
Termine: 28.01. / 12.02.2017

Infos: http://gorki.de/de/der-mann-der-liberty-valance-erschoss

Zuerst erschienen am 16.01.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Im Studio Я zeigt Nora Abdel-Maksoud mit The Making-Of eine herrliche Satire über Geschlechterrollen im Filmbusiness

The Making-Of im Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste heißt ein deutscher Independentfilm von Regisseurin Isabell Šuba, der das vergebliche Pitching eines von der Regisseurin geplanten Filmprojekts und den Chauvinismus der Filmbranche auf dem Internationalen Filmfestival in Cannes zeigt. Wohlgemerkt inkognito gedreht. Ein erfolgreiches Making-Of sieht da anders aus. Ganz großes Kino will auch die eher kammerspielartig angelegte Satire The Making-Of sein, für die die Autorin Nora Abdel-Maksoud auch gleich noch die Regie im Studio Я übernahm. In ihrem Stück will die Regisseurin eines Fledermausmann-Remakes für die Promotion ihres Films ein perfektes Making-Of drehen. Heraus kommt eine deftige Satire auf Filmbusiness und Geschlechterrollen im Mainstreamkino.

„Tittchen“ sind auch im Film der Regisseurin Gordon (Stella Hilb) von nicht unerheblicher Wichtigkeit, und so hat sie die weibliche Hauptrolle in ihrem „Jahrhundertprojekt“ mit der blonden Genderperformerin Gloria (Mareike Beykirch) besetzt, die für das entsprechende Honorar auch noch ein bisschen mehr zeigt. „Macht ist eine männliche Ressource. Geld auch. Warum in Gottes Namen sollte ich sie nicht nutzen.“ Und so ist auch der Produzent des Films ein Mann und zwar der schwedische Actionstar Dolph Lundgren, der gleich noch seinen deutschen Sohn Mads als Hauptdarsteller durchgesetzt hat. Eine Paraderolle für Eva Bay, die auch schon in Isabell Šubas Film glänzte. Und auch die damalige Hauptdarstellerin Anne Haug ist im künstlerischen Team der Gorki-Produktion.

Ohne seine Voice-Maschine besitzt der an einigen Vaterkomplexen leidende Mads allerdings eine Kastratenstimme mit schwäbischem Akzent. Geradezu zum Brüller wird der immer wieder geprobte Showdown mit dem Satz: „Was es auch ischt, es ischt nuklear.“ Sein Antagonist und Bösewicht des Fledermausstreifens ist ein Schakal (Till Wonka). Eine zunächst noch schweigsame Rolle, die Wonka allerdings nicht lange durchhält und dem schwächelnden Mads die Hauptrolle streitig zu machen beginnt. Zwecks Authentizität wird „Schackie“ aber bald wieder auf seine Naturinstinkte zurückgestutzt, schon wegen der großen Leckszene mit der immer mehr den Cocktails verfallenden Gloria.

Nora Abdel-Maksoud bürstet ihre freche Branchen-Satire ordentlich gegen den Genderstrich und spart auch nicht mit inkorrektem, kabarettistischem Wortwitz á la „Blasenentzündungen sind die ungeweinten Tränen einer Frau.“ Das chaotische Making-Of in der von Katharina Faltner entworfenen schwarzen Guckkastenbühne gerät immer mehr zum Desaster und herrlich schrägem Reflexionsrahmen für die Eitelkeiten und Wehwehchen von Möchtegernstars am Filmset und macht sich lustig über Körperkult, Filmfinanzierung, ungerechte Gagen, Penis oder Emotionen und Feminismus als Kassengift.

Als Gordon sich auch noch als desillusionierte Theaterregisseurin, die neben der künstlerischen Anerkennung endlich auch mal finanziellen Erfolg haben möchte, entpuppt, ist das Bedauern der Filmcrew groß und der Bogen zur Bühne geschlagen. Und natürlich bekommen Film-und Theaterstars wie Nina Hoss, der deutsche Nazifilme und mit einem selbstironischen Blick auch der Authentizitätswahn der Performanceszene ihr Fett weg. Als Mekka der feministischen Filmförderung wird schließlich dank Bechdaltest für die gendergerechte Einordnung von Kinoproduktionen Schweden entdeckt und zum Welthit Downtown von Petula Clark vom großartig aufspielenden Ensemble ironisch besungen. Herzzerreißend komisch das.

***

THE MAKING-OF (Studio Я, 24.01.2017)
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud
Bühne/Kostüme: Katharina Faltner
Musik: Enik
Dramaturgie: Tobias Herzberg
Künstlerische Mitarbeit: Aram Tafreshian, Till Wonka, Mareike Beykirch, Eva Bay, Stella Hilb und Anne Haug
Mit: Eva Bay, Mareike Beykirch, Stella Hilb und Till Wonka
Uraufführung am Maxim Gorki Theater war am 13.01.2017
Weitere Termine: 19. und 22.02.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

__________

René Pollesch treibt in „Bühne frei für Mick Levčik!“ Brechts berühmtes Antigone-Modell ins Absurde. Ein Gastspiel des Schauspielhauses Zürich am Berliner Ensemble

Januar 25th, 2017

___

 

(c) Schauspielhaus Zürich

Der Volksbühnenautor und -regisseur René Pollesch geht schon seit längerer Zeit auch in anderen deutschsprachigen Theatern fremd. Neben dem Burgtheater Wien und dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg zum Beispiel auch am Schauspielhaus Zürich. Aber wer hätte gedacht, dass es ihn einmal, wenn auch nur für ein kurzes Gastspiel, an das Berliner Ensemble verschlagen würde? Es hat also bis zum Ende der Intendanzen von Claus Peymann und Frank Castorf dauern müssen, bis sich die beiden so grundverschiedenen Auffassungen von Theater mal auf einer Bühne treffen.

Treffend ausgesucht für das Zürcher Gastspiel am BE ist auch das Stück, das René Pollesch im Gepäck hat. Der Autor und Regisseur in Personalunion beschäftigt sich darin mit dem Hausheiligen des BE; er brachte im Auftrag des Schauspielhauses Zürich eine Idee des verstorbenen Bühnenbildners Bert Neumann auf die dortige Pfauenbühne. Es ist eine Nachbildung des Bühnenbilds von Caspar Neher zur legendären Modellinszenierung der Antigone des Sophokles in der Bearbeitung von Bertolt Brecht für das Stadttheater Chur. Brecht hatte 1948 nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil Kontakte zum damaligen Direktor des kleinen Churer Stadttheaters Hans Curjel aufgenommen, um seine Idee des Epischen Theaters weiterentwickeln zu können.

Die Inszenierung floppte leider bei Kritik und Publikum gleichermaßen. Das Stück wurde nach drei Vorstellungen und einer halb verkauften Gastspiel-Matinée am Zürcher Pfauen wieder abgesetzt. Dank des aus dem Probenmaterial entstandenen Antigone-Modellbuchs gelangte das Experiment aber zu Weltruhm. Es hat viele Theatermacher in ihrer Arbeit inspiriert und ist als moderner Klassiker des Epischen Theaters in die Annalen der Theaterwissenschaften eigegangen. Vermutlich hat auch René Pollesch in seiner umfangreichen Bibliothek das ein oder andere Exemplar über Brechts Theaterarbeit.

Aber es wäre schon erstaunlich, würde sich Pollesch sklavisch an ein Modellbuch halten, hält er doch auch sonst nicht viel von überkommenen Theatertheorien, der Verlogenheit der Repräsentation und dem grassierenden Authentizitätswahn auf den Bühnen. Dagegen versteht er umso mehr von der Arbeit mit Verfremdungseffekten oder den Identitätsproblemen seiner Figuren, deren reales Leben stets in die Bühnensituation eindringt. Etwas Ähnliches schwebte wohl auch Brecht vor, als er den Probenprozess in die Inszenierung einbezog und Texte, mit denen die Schauspieler ihre Handlungen auf der Bühne beschreiben (die sogenannte Brückentexte), mitsprechen ließ, um den Denkprozess bei der Theaterarbeit sichtbar zu machen.

Ein gefundenes Fressen für René Pollesch und seine diskursive Arbeitsmethode, bei der noch im Probenprozess an Stück und Text gefeilt wird und sich die Schauspieler wie Koautoren einbringen können. Natürlich treibt Pollesch Brechts Modellvorstellungen mit seiner Methode nach und nach ins Absurde. Die Dinge auf der Bühne bekommen ihre eigene Dynamik, alles scheint immer weiter aus dem Ruder zu laufen. Auch Polleschs Hang zu amerikanischen Screwball-Komödien wird genüsslich ausgewalzt. Und wer wäre dafür geeigneter als Volksbühnendiva Sophie Rois, die unnachahmlich den Takt in Polleschs respektloser Brecht-Aneignung Bühne frei für Mick Levčik! angibt.

Wir sehen zu Beginn auf die Nachbildung der Neher-Bühne mit einer im Halbrund aufgestellten Rückwand, die mit roten Bastmatten bespannt ist. Das vierköpfige Ensemble (neben Sophie Rois noch Nils Kahnwald, Marie Rosa Tietjen und Jirka Zett) sitzt in ihren Kostümen auf Bänken vor der Wand und diskutiert die Auftritte ins Bühnenzentrum, das von vier Holzpfählen mit Pferdeschädeln markiert wird. Zunächst wird das von Brecht geschriebene Vorspiel „Berlin, April 1945“ vor einer heruntergelassenen Holzwand mit Tür geprobt, was bei Rois und Tietjen zum Budenzauber mit Mantel, Schinken und Brotlaib wird. Sophie Rois als Helene-Weigel-Double holt später noch Toaster, Krücke, Kuscheltier und ähnliches aus den unergründlichen Tiefen der Manteltaschen. „Man wird doch wohl noch eine Idee haben können.“ ist ihr trockener Kommentar. René Pollesch heizt an mit viel Wortwitz und gibt Raum für herrliche Slapsticknummern.

 

Schlussbeifall nach dem BE-Gastspiel des Schauspielhauses Zürich mit Bühne frei für Mick Levčik!Foto: St. B.

 

Aber, „Worum geht es eigentlich in diesem Stück?“ Um den Staat oder doch die familiäre Inzesttragödie? Eine junge Frau, besessen von Beerdigungen? Die Moral, oder den persönlichen Deal, der das große Ganze außer Kraft setzt? Das sind die Fragen des Abends, der natürlich ergebnisoffen bleiben wird, ganz wie es angeblich das Publikum bevorzugt oder doch eher der große Meister, der hier Mick Levčik heißt, propagierte. Die Produktion hat aber nicht nur mit Sinnsuche und Auslegungsproblemen zu kämpfen, sondern auch noch mit einem störrischen Jungmännerchor, der partout keine alte Frau (sprich Vettel) spielen will, sondern lieber einen schicken Nazi. Sich auf ein Alter festlegen zu lassen, würde die Karriere ruinieren.

Zum schönen Running Gag wird, dass sich der Chor nach den Worten „Die Probe ist beendet.“ immer wieder auf den jeweiligen Sprecher stürzt. Der Zusammenhang von Sprechakt und Handlung, das Transparentmachen der Theatermittel und das Zitat als eigentlicher Pool der Kunstschöpfung sind nur einige der Themen, die die Diskursschleifen der ProtagonistInnen zum Drehen und Glühen bringen, meist auch zum Spaß des amüsierten Publikums. Und auch der Chor bekommt noch seinen großen Auftritt als Boygroup und schwules Naziballett ganz wie in Mell Brooks großartiger Komödie The Producers (Frühling für Hitler). Die klärende Tragödie und verunsichernde Komödie vermischen sich aufs Feinste, auch wenn alle irgendwann feststellen, dass man sich ein bisschen verrannt hat. Aber warum sollte das nicht zu einem neuen Humor-Modell für das künftige BE unter Oliver Reese führen.

***

BÜHNE FREI FÜR MICK LEVČIK! (BE, 22.01.2017)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann/Barbara Steiner
Kostüme: Sabin Fleck
Choreografie: Sebastian Henn
Chorleitung: Christine Gross
Licht: Lothar Baumgarte, Christoph Kunz
Dramaturgie: Karolin Trachte
Mit: Nils Kahnwald, Sophie Rois, Marie Rosa Tietjen, Jirka Zett
Gastspiel des SCHAUSPIELHAUSES ZÜRICH am 21. und 22.01.2017 am Berliner Ensemble
Uraufführung am 01.04.2016 im Pfauen Zürich
Dauer: ca. 75 Minuten, keine Pause

Infos: http://schauspielhaus.ch/de/

Zuerst erschienen am 24.01.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Sex, Karriere und No Futur – Zwei Inszenierungen in Berlin und Potsdam beschäftigen sich mit Träumen und Krankheiten der Jugend in der kapitalistischen Gesellschaft

Januar 20th, 2017

___

Frühverrentet – Am Berliner Ensemble sieht Ferdinand Bruckners Krankheit der Jugend in der Regie von Catharina May ziemlich old-fashioned aus.

„Ich liebe das Bett. Ich fühle mich darin geborgen, wie in der Heimat.“ sagt die laszive, lebensmüde Desiree im 1925 von Ferdinand Bruckner geschriebenen Drama Krankheit der Jugend. Auch heute soll die Jugend ja gelegentlich nicht so recht aus dem Bett kommen. In der neuen Inszenierung von Regisseurin Catharina May im Pavillon des Berliner Ensembles lümmelt sie vorzugsweise auf einer alten, gepolsterten Couch, wenn sie sich nicht gerade an die Wäsche geht oder in die Haare gerät.

Bruckner beschreibt in seinem Drama eine perspektivlose, desillusionierte Gruppe von Studenten im Wien nach dem Ersten Weltkrieg. Zwischen Verlorenheit, Zynismus und der Suche nach Alternativen geben sich die Protagonisten wechselnden Liebesbeziehungen, Alkohol- und Drogenräuschen sowie psychologischen Experimenten hin. Für die damalige Zeit war das noch ein relativ skandalöser pathologischer Befund. Aber was könnte man nun heute als die „Krankheit der Jugend“ bezeichnen?

 

Krankheit der Jugend von Ferdinand Bruckner am Berliner Ensemble – Foto (c) Monika Rittershaus

 

Außer jeder Menge Retrochic mit Couch, Klamotten und SMEG-Kühlschrank scheint der ebenfalls noch recht jungen Regisseurin da nicht allzu viel eingefallen zu sein. Neben der sich am Ende mit Veronal ins Jenseits befördernden Desirée (Larissa Fuchs), die ansonsten mit latentem Schlafzimmerblick und rauchiger Stimme auffällt, sind es v.a. der Hedonismus in Gestalt des mit Konfetti um sich werfenden Verführers Freder (Sven Scheele), der auch mal seinen Body von Lederjacke und Shirt befreit, und die lautstarken Zickenduelle zwischen der von ihrem Möchtegernliteraten „Bubi“ Petrell (Felix Strobel) verlassenen Marie (Celina Rongen) und ihrer Rivalin, der kühlen Streberin Irene (Marina Senckel), die hier den Ton angeben.

Heißt das dekadente Credo bei Bruckner noch: „Entweder man verbürgerlicht, oder man begeht Selbstmord. Einen anderen Ausweg gibt es nicht“, scheint hier eigentlich alles schon irgendwie vollkommen saturiert. Von „Existenzirrsinn“ und dem Leiden an sich selbst wird nur noch geschwafelt. Das könnte natürlich eine mögliche heutige Setzung einer bereits bei Zeiten verspießerten Jugend sein. Auch die Moralpredigten des ziemlich schlaffen Sofasurfers Alt (Felix Tittel) verhallen hier relativ wirkungslos. So wie sein „Man desertiert nicht.“ aus einem Mangel an Alternativen resultiert, ist das Verderben des properen Hascherls Lucy (Karla Sengteller) durch Freder nur Ausdruck der Langeweile. Die Sehnsucht nach Ehe, Karriere und Verbürgerlichung ist allseits groß.

Catharina May wickelt Bruckners psychologisches Kammerspiel teils recht unterhaltsam ab. Es verkommt aber auch etwas zur komischen Nummernrevue mit 70th- und 80th-Popsongs wie „The Passenger“ von Iggy Pop oder „Sweet Dreams“ von den Eurythmics. Die Partyblase vergnügt sich bei Alkohol und pseudophilosophischen Gedankenspielen. Selbst die vorübergehende lesbische Beziehung zwischen Marie und Desirée ist da nur eine Spielart der Liebe von vielen möglichen. Die Qual der Wahl. Sich auf ihrer Reise vermeintlich ziellos Treibenlassende werden schließlich zu Passagieren hinter Glas. Zukunft scheintot oder „Rokokoschreibtisch“. Bruckners dramatisches Ende erspart uns die Regisseurin zum Teil und lässt Marie in den Kühlschrank entfliehen. Das macht Sinn.

***

KRANKHEIT DER JUGEND (BE, 05.01.2017)
von Ferdinand Bruckner
Regie: Catharina May
Bühne und Kostüme: Maria-Elena Amos
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Mit: Larissa Fuchs, Celina Rongen, Marina Senckel, Karla Sengteller, Sven Scheele, Felix Strobel, Felix Tittel
Premiere war am 05.01.2017 im Pavillon des Berliner Ensembles
Termine: 23., 30.01. 2017

Infos: http://www.berliner-ensemble.de

Krankheit der Jugend von Ferdinand Bruckner am Berliner Ensemble – Foto (c) Monika Rittershaus

Zuerst erschienen am 09.01.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Die schönen Dinge – Wojtek Klemm adaptiert den Roman Les jolies choses der französischen Skandalautorin Virginie Despentes für das Hans Otto Theater Potsdam

Die schönen Dinge am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Will man momentan etwas über das Hans Otto Theater Potsdam schreiben, kommt man nicht umhin, die Nichtverlängerung des Vertrags von Intendant Tobias Wellemeyer zu erwähnen. Ein kleiner Provinzskandal, wenn auch die Trennung „in einem gemeinsamen Entscheidungsprozess“ mit dem Potsdamer Bürgermeister Jann Jakobs vereinbart worden sein soll, wie es in der Lokalpresse heißt.

Förderverein und Ensemble stehen jedenfalls demonstrativ hinter Wellemeyer, auch wenn es Querelen hinter den Kulissen gegeben haben soll. Aber: Nichts Genaues weiß man nicht. Jakobs sieht einerseits das Theater gut aufgestellt, betont andererseits aber auch, dass es an der Zeit sei, neue Impulse zu setzen. In seinen 9 Jahren in Potsdam hat Tobias Wellemeyer als Regisseur selbst einige künstlerische Akzente setzen können. Erwähnt seien hier nur die Romanadaptionen Der Turm von Uwe Tellkamp, Alexander Solschenizyns Krebsstation oder Auferstehung von Leo Tolstoi. Als Intendant hat er ein beim Potsdamer Publikum beliebtes Ensemble aufgebaut sowie junge und interessante RegisseurInnen wie etwa Barbara Bürk, Annette Pullen, Stefan Otteni oder Alexander Nerlich ans Haus geholt.

*

Auch der polnische Regisseur Wojtek Klemm gehört durchaus zu diesem Kreis. Er hat in Berlin an der HfS Ernst Busch Regie studiert und ist bekennender Castorf-Verehrer, was man seinen Inszenierungen durchaus ansieht. Neben kleineren Arbeiten an der Volksbühne inszenierte Klemm auch in Stuttgart, Polen, der Schweiz und Israel. Nach 3000 Euro nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle sind Die schönen Dinge nach dem 1998 entstanden Roman Les jolies choses der französischen Skandalautorin Virginie Despentes seine zweite Regiearbeit am Hans Otto Theater.

Die 1969 geborene Despentes ist einem breiteren Publikum vor allem durch die Verfilmung ihres 1996 geschriebenen Erstlings Wölfe fangen bekannt geworden. Zwei vergewaltigte Frauen morden sich in einem blutigen Road- und Rache-Movie durch Frankreich. Baise-moi (dt.: Fick mich) war ein Skandal auf dem Filmfestival Cannes und wurde in Frankreich als Pornofilm auf den Index gesetzt. Pornografie, Inzest sowie die männliche Ausnutzung und Unterdrückung weiblicher Sexualität gehören zu den Themen der ehemaligen Punkmusikerin und DJane. Ganz so radikal geht Despentes in ihrem 2001 in deutscher Übersetzung als Pauline und Claudine erschienen Roman nicht zu Werk.

 

Die schönen Dinge am Hans Otto Theater Potsdam
Foto (c) HL Böhme

 

Erzählt wird die Geschichte der ungleichen Zwillingsschwestern Pauline und Claudine, die in ihrer Kindheit durch einen dominanten Vater immer wieder wechselnd gegeneinander ausgespielt wurden. Während sich die eher unscheinbare Pauline später aus der Großstadt zurückgezogen hat, lebt die mit ihrer Sexualität recht freizügig umgehende Claudine in Paris und träumt von einer Karriere als Sängerin. Sie nutzt dafür ihren Selbstdarstellungstrieb und die sexuelle Anziehungskraft als Frau aus. Da sie selbst nicht singen kann, bittet sie ihre talentierte Schwester Pauline, die Demos für einen potentiellen Plattenvertrag einzuspielen. Während eines ersten Konzerts, bei dem Pauline widerwillig die Rolle Claudines eingenommen hat, stürzt sich diese aus dem Fenster ihrer Pariser Wohnung.

Da erst setzt die Inszenierung von Wojtek Klemm in der Potsdamer Reithalle ein. Das erspart einerseits eine schwierige Doppelrolle für die Schauspielerin Nina Gummich, die hier bereits als Isa in Tobias Wellemeyers Adaption von Wolfgang Herrndorfs letztem, Fragment gebliebenen Roman Bilder deiner großen Liebe brillieren konnte. Anderseits können sich Regie und Darstellerin so ganz auf die Entwicklung der Figur der Pauline konzentrieren, die in einem Spontanakt an der Leiche der Schwester deren komplette Identität übernimmt. Und Nina Gummich macht das wieder exzellent. Ihr zur Seite stehen Friedemann Eckert als Claudines Musiker-Kollege, der die Einführung Paulines in die Welt der Schwester übernimmt, Eddie Irle als Paulines zunächst im Knast sitzender Geliebter Sébastien, der vor seiner Haft heimlich auch eine Affaire mit Claudine unterhielt, René Schwittay als Big (Platten)Boss und der Musiker Marc Eisenschink, der live den Sound zur Inszenierung sampelt.

Das entspricht in etwa auch der Figurenkonstellation des Romans, wobei Klemm die Handlung nicht ganz linear erzählt, sondern eher episodenhaft streift. Anton Unai hat dazu eine Bühne mit Doppelbett in der Mitte, einer Sitzecke mit Regal und einer Art Telefonzelle an den Rändern gebaut. Die Bühnenrückseite zieren explizite Graffitis und Sprüche. Dazwischen projizieren die Schauspieler mit mehreren Livekameras immer wieder ihre Gesichter. Wojtek Klemm hat in seiner Assistenzzeit bei Frank Castorf gut aufgepasst. Auch das Einsprengseln von Fremdtextbrocken ins Spiel hat der Regisseur von seinem Vorbild übernommen. Hier sind es vor allem Passagen aus Alice im Wunderland, wobei die Männer in Rollschuhen und Märchenkostümen auftreten, oder Peter Pan, die Geschichte von der unschuldigen Kindheit und dem Nichterwachsen-werden-Wollen.

Klemm konfrontiert Despentes‘ Story aber auch immer wieder mit Texten des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq, der u.a. wegen seiner als frauenfeindlich geltenden Darstellungen männlicher Sexualität umstritten ist. Das betrifft vor allem eine Szene des Romans, in der Pauline nach einer Party mit dem Big Boss in einem Swingerclub landet. Die Männer zwängen sich dafür mit Nina Gummich in die enge Telefonzelle. Die Sexszenen Paulines mit den wechselnden männlichen Partnern werden hier auf einem ausgerollten Teppich angedeutet. Natürlich entlarvt Despentes in ihren Romanen auch schonungslos männliches Streben nach Macht, Geld und Sex als Triebfedern des Kapitalismus. Aber v.a. die Gefälligkeiten für den Big Boss, die ihm Pauline für ihre zunächst nur des Geldes wegen angestrebten Musikkarriere gewähren muss, gestalten sich als veritable Lachnummer, in der sich René Schwittay als alternder Macho bewusst der Peinlichkeit Preis gibt.

Natürlich kommt, was kommen muss: Die zunächst noch unsicher im schwarzen Schlabberpulli auftretende Pauline verwandelt sich nach und nach mit Schminke, High Heels und durchsichtigem Glitzerdress in die verhasste Schwester Claudine. Die quälenden Erinnerungen Paulines an die Kindheit, in der sie zunächst für ihr Talent vom Vater gelobt, dann aber in dessen Gunst mehr und mehr von der kalkuliert Körper und Sexualität einsetzenden Schwester verdrängt wurde, singt Nina Gummich immer wieder direkt ins Mikro. Im großen Tohuwabohu der durchaus unterhaltsamen Inszenierung gehen Paulines Reflexionen über ihre erwachende Lust an Sex und Erfolg im Widerspruch zu ihren eigentlichen Träumen von Glück und Liebe etwas unter. Insgesamt ist die Inszenierung dank einer guten Ensembleleistung aber durchaus gelungen.

***

Die schönen Dinge (UA am Hans Otto Theater, 13.01.2017)
Von Virginie Despentes
Nach dem Roman »Les jolies choses«
Deutsch von Michael Kleeberg
Regie: Wojtek Klemm
Bühne: Anton Unai
Kostüme: Anika Budde
Musik: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Helge Hübner
Besetzung:
Pauline: Nina Gummich
Nicholas: Friedemann Eckert
Sébastien: Eddie Irle
Big Boss: René Schwittay
Premiere in der Reithalle des Hans Otto Theaters Potsdam war am 13.01.2017
Termine: 22.01. / 04., 26.02.2017

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 15.01.2017 auf Kultura-Extra.

__________

die tage in l. im bat Studiotheater – Florian Hein adaptiert die im Jahr vor der Wiedervereinigung herausgekommenen Leipziger Reflexionen von Ronald M. Schernikau darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können

Januar 15th, 2017

___

die-tage-in-l-_buchcoverMit seiner ersten Veröffentlichung kleinstadtnovelle (über ein schwules Coming out in der bundesrepublikanischen Provinz) wird der junge Ronald M. Schernikau praktisch über Nacht bekannt. „…bin weiblich, bin männlich, doppelt. ich will nicht doppelt sein. wer bin ich? will ich sein, männlich, weiblich.“ heißt es da. Das Zweideutige, die Widersprüche bestimmen sein Leben. Er sucht die Klarheit. 1960 in Magdeburg geboren und als Sechsjähriger mit der Mutter zum Erzeuger in die BRD geflohen, geht der bekennende Kommunist Schernikau 1986 zum Literaturstudium nach Leipzig und lässt sich 1989 kurz vor der Wende in die DDR einbürgern. Geht entgegen den Fluchtbewegungen vieler Ostdeutscher jener Tage aus dem Land der Träume in das Land aus Plaste und Elaste.

Für Ronald M. Schernikau liegt der Kommunismus „so auf der hand. aber vielleicht haben die anderen keine hand?“ In konsequenter Kleinschreibung huldigt er in seinem 1989 als Abschlussarbeit am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher vorgelegtem essayistischen Band die tage in l. – darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können. geschweige mittels ihrer literatur dem deutschen Arbeiter-und- Bauernstaat. „man kann nicht schreiben, wo man nur verachtet.“ zitiert er Tucholsky. die tage in l. ist ein Buch, das nicht nur durch die Länge seines Titels beeindruckt. Im Cut-up-Stil der US-amerikanischen Beatliteraten montiert er in 8 Kapiteln Texte über seine Zeit in Leipzig, über den Sozialismus, die Literatur aus Ost und West und beschreibt in Aphorismen, Zitaten, Tagebuchaufzeichnungen und Interview-Schnipseln die DDR aus der Sicht der BRD und umgekehrt.

Dieses Sammelsurium an ganz verschieden Prosa-Texten bietet sich nicht gerade für eine dramatische Bearbeitung für die Bühne an. Und dennoch hat sich der junge Regisseur Florian Hein in seiner Diplominszenierung für die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch dieses Werks angenommen. Es geht ihm um Schernikaus reflexive Betrachtung der beiden Gesellschaftssysteme im Vergleich. Und dass er dem kritikwürdigen sozialistischen Projekt dabei keine Abfuhr erteilt, sondern versucht mit Kritik etwas zu verbessern. „alles, was es auf der welt gibt, wird gemacht. die menschen leben nicht in etwas, das sie nicht selber tun.“ Daher ist die Welt für Schernikau auch veränderbar.

Zu Beginn sehen wir einen Mann zwischen den Systemen, vor und hinter der Bühnenrückwand an einer geöffneten Tür. Er erzählt die Vorgeschichte Schernikaus, von der Flucht mit der Mutter im Kofferraum, die Schernikau später selbst in dem Gesprächsband Irene Binz – Befragung verarbeitet hat, über die Schwierigkeiten im Westen bis zur Rückkehr in die DDR, die da schon am verpuffen ist. Die Tür schließt sich. Der Westen ist die Vergangenheit, der Osten ist die Zukunft. Und Florian Hein nimmt es sportlich. Der Bühnenraum im bat Studiotheater ist Turnhalle für Kreisläufer und sozialistische Werkskantine für `ne kurze „Fuffzehn“ mit Essen fassen bei der Köchin Lydia.

 

die-tage-in-l-_-foto-emmerich-antonenko

die tage in l. am bat-Studiotheater
Foto (c) Emmerich, Antonenko

 

Regisseur Hein verteilt den Text auf verschiedene Figuren mit den Attributen ihrer Tätigkeit. Ein Versuch einer kollektiven Annährung. Jede Figur ein anderer Charakter und doch auch der junge Dichter aus dem Westen, manchmal wie mit sich selbst im Streitgespräch und dann wieder gemeinsam im Chor: „wer die bananen will, der produziert die ausbeutung an anderen orten mit.“ Oder: „das projekt kommunismus ist kein spaziergang.“ „Der Wessi“ ist der Exot unter lauter grauen Mäusen. Ein Tier vom anderen Stern. Er kommt nicht mit der Bürokratie klar und wundert sich über Steine auf dem Klodeckel gegen die Ratten. Geschichten aus der sozialistischen Produktion in Schleenhain wechseln mit Songs zu Klaviermusik wie Solo Sunny, Dirk Michaelis‘ Als ich fortging oder russischen Liedern.

Die Gruppe springt in den Texten vom ökonomischen Grundgesetz des Sozialismus zur Planwirtschaft, von der marxistischen Ökonomie zum Leistungsprinzip. Man dreht sich im Kreis mit Leninbüste, Transparenten, Gorbatschow, Coca-Cola und KDW. Letztendlich schlägt der Konsum West den Konsum Ost. Der Unterschied liegt nicht allein in der Betonung. Konformismus hier, spießige Norm da. Alles nur ein Witz? „die schönsten witze habe ich denen erzählt, die sie nicht verstehen.“ DDR und BRD bleiben sich fremd, politisch wie kulturell. Die Distanz ist zu groß.

Nein sagen die meisten der BRD-Bürger auf die Frage: „möchtest du gern in der ddr leben?“ Man will seine Privilegien nicht aufgeben. Nur Schernikau glaubt weiter an das Projekt und verteidigt sogar die Zensur in der DDR-Literatur. Er gibt aber auch zu: „die ddr nervt.“ Irgendwann leider auch dieser Abend, der in seiner Patchworkartigkeit zu keinem Ganzen finden will. Etwas ratlos und depressiv, wie Schernikau selbst, der am Desinteresse der Leute scheitert. Was bleibt, ist die Liebe und die Hoffnung. Dem Begräbnis folgt die Beschreibung der Idylle auf dem Land. Es endet sehr offen mitten im Satz. Aber eigentlich endet es gar nicht. Man geht einfach und gibt Platz zum Weiterdenken.

***

die tage in l. (bat Studiotheater, 07.12.2016)
Bühnenfassung und Regie: Florian Hein
Kostüm- und Bühnenbild: Anastasia Antonenko, Magdalena Emmerich
Kamera: Dennis Metaxas
Regieassistenz: Yannick Geske
Dramaturgie: Jan Willem Dreier
Mit: Maximilian Hildebrandt, Vladimir Korneev, Luise Lein, Claus Lozek, Maximilian Meyer-Bretschneider, Viktor Nilsson, Kara Schröder, Josephine Witt
Premiere war am 07.12.2016 im bat-Studiotheater

Termine: 13. / 14.01.2017 jeweils 19:00 Uhr

Infos: https://www.bat-berlin.de/termin/die-tage-in-l-1/

Zuerst erschienen am 10.12.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Diskurstück der Stunde – Thomas Ostermeier inszeniert an der Berliner Schaubühne „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler

Dezember 29th, 2016

___

Jörg Hartmann ist Professor Bernhardi an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Der österreichische Schriftsteller und Dramatiker Arthur Schnitzler wollte sein 1912 in Berlin uraufgeführtes Theaterstück Professor Bernhardi nicht als Tendenzstück verstanden wissen. Er „habe eine Charakterkomödie geschrieben, die in ärztlichen und zum Teil in politischen Kreisen spielt“. Professor Bernhardi, Arzt für innere Medizin und Direktor des Elisabethinums, einer Wiener Privatklinik, handelt aus Überzeugung, seine Pflicht als Arzt zu tun, nicht als Kämpfer für eine bestimmte Sache und lässt sich auch vor keinen politischen Karren spannen. Dennoch wird er Opfer einer Rufmord-Kampagne von deutsch-nationalen und klerikal-konservativer Kräften, die antisemitische Ressentiments und Tendenzen zu nutzen wissen, um politischen Ziele durchzusetzen.

Schnitzlers Drama ist bis nach dem Zerfall der Donaumonarch 1918 in Österreich verboten gewesen, und es fällt schwer, wen man bedenkt, wie dem jüdischen Arzt Bernhardi hier durch politische Ränke, offenen und versteckten Verrat, Feigheit und Opportunismus mitgespielt wird, darin nur eine, wie Schnitzler sagte, „ernste Komödie“ zu sehen. Besagte Tendenzen gibt es natürlich auch heute noch. Und wenn es auch schwerer fallen dürfte, diese für ein politisches Fortkommen zu nutzen, so sind doch vor allem in Österreich und Deutschland Ressentiments gegen Minderheiten durchaus wieder salonfähig. Beispiele dafür bieten sich in der jüngsten Geschichte, und nicht erst seit der Flüchtlingsproblematik, zur Genüge. Auch die aufführende Schaubühne, die den Professor Bernhardi in der Regie des Intendanten Thomas Ostermeier, ins Programm genommen hat, ist bereits für das kritische, politische Tendenzstück Fear von Falk Richter ins Visier der AfD gerückt und von der sich verunglimpft sehenden Beatrix von Storch wegen Beleidung verklagt worden.

Ähnlich geht es Professor Bernhardi, der einem katholischen Priester nicht erlaubt, einer jungen sterbenden Frau die letzte Ölung zu verabreichen, da er ihr die letzten Stunden ihres Lebens erleichtern möchte, indem er der durch eine illegale Abtreibung an einer Sepsis Leidenden den Schrecken des nahen Todes ersparen will. Bernhardi macht sich damit aus Sicht der katholischen Majorität am Seelenheil der Verstorbenen schuldig. Der Vorfall wird künstlich aufgebauscht, gelangt durch eine Anfrage einer klerikalen Partei bis vors Parlament, das in Person des Unterrichtsministers den Weg für eine juristische Ermittlung frei macht, was schließlich in einer Verurteilung Bernhardis zu zwei Monaten Gefängnis wegen Religionsstörung mündet. Der Arzt verliert dadurch neben seinem Posten auch die ärztliche Approbation. Erst die Selbstanzeige einer Krankenschwester, die sich der Falschaussage vor Gericht bezichtigt, wendet das Blatt wieder zu Gunsten Bernhardis, der nun von liberalen Kreisen und Zeitungen zum Helden gepuscht werden soll.

 

Professor Bernhardi in der Schaubühne
Foto (c) Arno Declair

 

Nun spielt Schnitzlers Bernhardi um 1900 und ist nicht nur sprachlich der damaligen Zeit verpflichtet. Regisseur Ostermeier hat versucht, das Stück in ein heute gebräuchliches Deutsch zu transformieren. Dem fallen ein paar österreichische Titel und Spracheigenheiten zum Opfer, auch würde man heute sicher nicht mehr so schnell an einer Sepsis sterben. Standesdünkel, Männerbünde mit und ohne Schmiss, oder Parteizugehörigkeiten wirken aber sicher auch heute noch bis in die Arbeitswelt von Ärzten, Wissenschaftlern oder Juristen. Ostermeier verortet seinen Bernhardi daher eher zeitlos in ein aseptisches Krankenhausweiß mit dem auch bei Schnitzler als mäßig bezeichneten Vorraum. Ein paar Stühle, Tisch, Bett und Aktenschrank, eine große Schwingtür und eine kleinere Tür für die Auf- und Abtritte befinden sich in der weißen Wand, an die die Künstlerin Katharina Ziemke mit Farbstiften die Orte und Hauptpersonen der Handlung schreibt und zu bunten Wölkchen wieder auswischt.

Die letzte nennenswerte Neuinszenierung des Professor Bernhardi fand 2011 in der Regie von Dieter Giesing am Wiener Burgtheater statt. Das Stück steht dort immer noch auf dem Spielplan. Ähnlich wie Giesing bricht Ostermeier in Wien mit der rein männlichen Besetzung der Arztrollen. So hat die Besetzung von Dr. Wenger, den Bernhardi gegen seine Widersacher Dr. Ebenwald in der Nachfolge Dr. Tugendvetter als Abteilungsleiter durchsetzt, mit Veronika Bachfischer durchaus einen besonderen, zusätzlichen Reiz. Auch Eva Meckbach als Dr. Adler, Chefin der pathologische Anatomie, die sich zunächst im Fall Bernhardi sehr widersprüchlich verhält, ist gut gewählt.

 

Das Ensemble von Professor Bernhardi in der Schaubühne
Foto: St. B.

 

Ostermeier spult das fast drei Stunden dauernde Konversationsdrama recht flott ab. Neben den Fachgesprächen, förmlichen Debatten und einzelnen Monologen herrscht ständige Bewegung. Die Umbauten zwischen den Akten werden vom Ensemble fast wie choreografiert ausgeführt, während die Livekameras Großaufnahmen, Ansichten von Oben und Stills auf die Rückwand projiziert.

Eine Inszenierung des Bernhardi steht und fällt mit dem Hauptdarsteller. War es in Wien der sehr präsente Joachim Meyerhoff, so hat sich Ostermeier in Berlin einen alten Bekannten an die Schaubühne zurückgeholt. Jörg Hartmann, bis 2009 schon einmal Ensemble-Mitglied und danach in Fernsehserien wie Weissensee oder als Tatort-Kommissar Faber zu nationaler Bekanntheit gekommen, gibt den Bernhardi als prinzipienfesten, von sich überzeugten, aber auch nachdenklichen Menschen, der ohne Rücksicht auf Posten und Ansehen in den Disputen mit dem gottergebenen Pfarrer (Laurenz Laufenberg), dem gegen ihn intrigierenden Ebenwald (Sebastian Schwarz), oder den opportunistischen Machtmenschen Flint (Hans-Jochen Wagner) unbeirrt seine Meinung vertritt.

Und doch bleibt Bernhardi zuvorderst Mensch, ist keine politischer Held und „zum Revolutionär nicht geboren“. Eher integer würde man wohl sagen. Ganz anders als seine Gegenspieler, die Ostermeier immer mehr als Karikaturen der Bigotterie, Missgunst, Macht und des politischen Kalküls zur Kenntlichkeit dekonstruiert. Hier stimmt Schnitzlers Wort von der Komödie, die das Schauspiel-Ensemble dann auch zielsicher zu bedienen weiß. Fast schon eine erwartbare Routine-Leistung für die Regie und das Schaubühnen-Ensemble, aus der nur wenige besonders herausragen. Der Star ist ein über hundert Jahre altes Stück. Moralische Werte und Politik, Fragen zur Religion und eine Demokratie im Wandel machen Schnitzlers Bernhardi zum ganz modernen Diskursstück der Stunde. Wer hätte das gedacht?

***

Professor Bernhardi (Schaubühne, 21.12.2016)
von Arthur Schnitzler
Fassung von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Malte Beckenbach
Videodesign: Jake Witlen
Bildregie: Matthias Schellenberg
Kamera: Moritz von Dungern, Joseph Campbell, Florian Baumgarten
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Licht: Erich Schneider
Wandzeichnungen: Katharina Ziemke
Mit:
Dr. Bernhardi: Jörg Hartmann
Dr. Ebenwald: Sebastian Schwarz
Dr. Cyprian: Thomas Bading
Dr. Pflugfelder: Robert Beyer
Dr. Filitz: Konrad Singer
Dr. Tugendvetter: Johannes Flaschberger
Dr. Löwenstein: Lukas Turtur
Dr. Schreimann/Kulka, ein Journalist: David Ruland
Dr. Adler: Eva Meckbach
Dr. Oskar Bernhardi: Damir Avdic
Dr. Wenger/Krankenschwester: Veronika Bachfischer
Hochroitzpointner: Moritz Gottwald
Professor Dr. Flint: Hans-Jochen Wagner
Ministerialrat Dr. Winkler: Christoph Gawenda
Franz Reder, Pfarrer: Laurenz Laufenberg
Premiere war am 17.12.2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Termine: 03. – 06.02. und 24. – 26.02.2107

Infos: http://www.schaubuehne.de/

__________

Kleines und großes Welttheater – „Schere Faust Papier“ von Michel Decar am Thalia Theater Hamburg und „Fatrasien“ von Das Helmi am Berliner Ballhaus Ost

Dezember 28th, 2016

___

Die ganze Welt im Trichter – Ersan Mondtag inszeniert Schere Faust Papier von Michel Decar als spielerische Zivilisations-Farce mit Fellwesen auf Mondlandschaft

Michel Decar hat ein neues Stück geschrieben. Der Ort der Handlung ist ein Trichter. Da muss jede Menge durch: alle möglichen Bühnenbilder, sehr verschiedene Kostüme und Requisiten, dazu reichlich Personal aus der bewohnten Welt und der Geschichte der Menschheit.“ So versucht es jedenfalls die Website des Thalia Theaters zu erklären, an dessen Dependance in der Altonaer Gaußstraße das neue Stück des Autors am vergangenen Sonntag uraufgeführt wurde. Decar lässt darin eine nicht näher genannte Anzahl von Personen die Weltgeschichte aus Kriegen, Irrtümern, Sex, Mord und Totschlag nachspielen. Dazu werden Platons Höhlengleichnis, Stanley Kubricks Kultstreifen 2001: Odyssee im Weltraum und noch einige andere Filme, Ereignisse und Personen der Weltgeschichte bemüht. Frei nach dem Zitat von Karl Marx wiederholt sich für Decar die Geschichte aber nicht nur einmal als Tragödie und einmal als Farce, sondern 20fach als Tragikomödie, ZDF-Zweiteiler, als BBC-Miniserie, Telenovela, Eventmovie, Kriminalkomödie etc. etc.

Die Welt – oder ein fremder Planet – ist Trichter, Höhle oder einfach im Arsch. Ein Betonbunker zurückgebombt in die Steinzeit. „Da kommst du nicht raus, kannst machen was du willst, kannst dir ein Seil denken, kannst auf Gedanken kommen“, heißt es zu Beginn mehrmals. Nur ein leichtes Kratzen mit langem Vokal A glauben die Insassen immer wieder zu vernehmen. Aber nichts Bestimmtes, also macht man halt einfach weiter. Das scheint auf den ersten Blick etwas surreal und abstrus. Keine wirkliche Story – mehr eine verrückte Parabel oder eben eine Farce auf den unabänderlich scheinenden Lauf der Dinge. Und so verwundert es auch nicht, dass der Autor sein als Botenbericht, Mysterien- oder Satyrspiel mit einer Vielzahl von möglichen Bühnenbildern angekündigte Stück vom preisgekrönten Regie-Wunderkind Ersan Mondtag inszeniert haben wollte, der selbst für eine sehr offene, assoziative und zitatenreiche Spielführung bekannt ist.

 

Schere Faust Papier am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Armin Smailovic

 

 

Und Ersan Mondtag nimmt diesen Spielauftrag an. Er hat fünf Figuren – die Besetzung ist vom Autor als variabel angegeben – auf eine nicht näher definierte, klinische Mondlandschaft (Bühne: Paula Wellmann) mit kleinen Hügeln und Tälern gesetzt. Dort singen diese fünf an Bauch und Rücken bepelzten Wesen (Kostüme: Josa Marx) mit hellblauen Eierköpfen und langen Insektengliedmaßen zunächst im Dunklen zur Musik des Komponisten Max Andrzejewski den blauen Planeten Erde an. Fünf außerirdische Mondschafe, menschliche Mutanten oder was auch immer erzählen dann in einem rhythmischen Sing-Sang von ihrem Trichter, was sie hören oder sehen und was sich ihrer Meinung nach draußen abspielt, bis man sich selbst auf den Weg macht. Das lässt zunächst tatsächlich viel Raum für Assoziationen und Überlegungen, worum es sich da eigentlich handelt.

Bis man merkt, auf jeden Einschlag von draußen folgt ein Zeit- und Evolutionssprung in der Geschichte der Menschheit, die die fünf unter den Kostümen steckenden Thalia-SchauspielerInnen Marie Löcker, Thomas Niehaus, Cathérine Seifert, Oda Thormeyer und Tilo Werner nun in 90 recht kurzen Minuten durchlaufen. Ein zunächst recht witziger Exkurs von den Höhlen der Urmenschen über die Steppen mit Urrinderherden und den ersten Dörfern mit sesshaften Ackerbauern, aber auch eine Geschichte der Entwicklung der Zivilisation mit Gesetzen, Regeln und Religionen, des technischen Fortschritts und den Nebenwirkungen von Macht, Misstrauen, Gewalt und Kriegen.

 

Schere Faust Papier am Thalia Theater Hamburg
Fotos von der Premiere: St. B.

 

Das ist perfekt durchgestylt, soundtechnisch arrangiert und auf den Punkt hin inszeniert. Es wird ein bisschen rumgefickt, gemotzt, gemobbt und angebetet. Natürlich hat man das Ganze nach etwa 30 Minuten kapiert. Es ist alles ziemlich vorhersehbar. Und es wiederholt sich natürlich. Die menschähnlichen Urtierchen sitzen wie in einer Zeitschleife von immer höher technisierten Vernichtungsmaschinerien vom Dolch über den Panzer bis zum Krieg ohne Menschen. Wir sitzen mit im Trojanischen Pferd, durchlaufen das Zeitalter der Kreuzzüge, der Kolonisierung Amerikas mit der Sklaverei und der Französischen Revolution mit der blutigen Beseitigung aller Gegner. Wir hören von undeutschen Ohrläppchen, sibirischen Lagern, Schurkenstaaten und kommen irgendwann auch beim Vietnamkrieg, 68er-Pazifismus und K-Gruppengequatsche über Begrifflichkeiten sowie UN-Friedenseinsätzen an. Schuld an den vielen Toten im Vorrübergehen sind natürlich immer die anderen – oder Ausreden wie die, dass man mit dem Rauchen aufgehört hätte.

Am Ende will man irgendwelche Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, hat alles zu verhindern versucht und selbst immer nur Befehle ausgeführt. Die üblichen, unschuldigen Litaneien, die niemandem wirklich wehtun. Das es anders und durchaus auch ernst gemeint ist, ist natürlich auch klar. Nur fehlen eben auch ganz konkrete Bezüge, und das Stück besitzt in seiner durchweg ironischen Haltung, albernen Sprache und philosophischen Dürftigkeit fast schon Sesamstraßenniveau. Es fehlt nur noch ein netter Erklärbär, den uns die Regie dann doch erspart, aber nicht die Erkenntnis, das Marx nur auf ein Zitat reduziert auf einen ganzen Abend bezogen auch ziemlicher Murx sein kann.

***

Schere Faust Papier (UA) – Thalia in der Gaußstraße, 18.12.2016
von Michel Decar
Regie: Ersan Mondtag
Musik-Komposition: Max Andrzejewski
Sounddesign: Florian Mönks
Bühne: Paula Wellmann
Kostüme: Josa Marx
Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Marie Löcker, Thomas Niehaus, Cathérine Seifert, Oda Thormeyer, Tilo Werner
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere war am 18.12.2016 im Thalia in der Gaußstraße
05., 21., 22.01. / 08.02.2017

Info: https://www.thalia-theater.de/

Zuerst erschienen am 20.12.2016 auf Kultura-Extra.

**

*

Mit dem Licht die Welt zeichnen – Das Helmi zeigt Fatrasien. Ein Unsinnswelttheater in sieben Akten am Ballhaus Ost

(c) Ballhaus Ost

In ihrer neuen Produktion Fatrasien. Ein Unsinnswelttheater in sieben Akten begeben sich die kultigen Schaumstoffhelden von Das Helmi auf große Weltreise. Mit dem deutschen Filmemacher Wim Wenders und dem brasilianische Coffee-Table-Book-Fotograf Sebastiao Salgado einmal Nordpol-Südsee und zurück. Es geht um den preisgekrönten Dokumentarfilm Das Salz der Erde, den Regisseur Wenders 2014 über den solzialdokumentarisch arbeitenden Fotografen Salgado mit seinen perfekten, fast sakralen Schwarz-Weiß-Bildern von Landschaften, Tieren und Menschen gedreht hat.

Das steht natürlich in totalem Kontrast zu den flippigen, eben ganz bewusst nicht perfekten Puppenwesen aus Schaumstoffresten, die Das Helmi seit Jahren für ihre Inszenierungen baut. Und so ist das auch nicht in erster Linie eine Hommage an die Perfektion eines Wim Wenders, der seinem Idol Sebastiao Salgado beim Erklären seiner Arbeiten über die Schulter schaut, sondern eher ein liebevoll ironischer Blick in die Hinterhof-Werkstatt der Prenzlberger Kleinkunstenthusiasten vom Ballhaus Ost mit ihrem verrückten Vierspartentheater aus Puppen, Schauspiel, Tanz und Musik.

 

Fatrasien von das Helmi im Ballhaus Ost
Foto (C) Brian Morrow

 

Nach einem rockigen Tai-Chi-Kurs zweier Pferdeflüsterer zwischen einer ganzen Herde von Schaumstofrössern mit der magischen Geburt eines Fohlens treffen sich die beiden Weltreisenden bei einem schrägen Künstlerfrühstück bei Familie Salgado, wo noch der Sohn Juliano aufgegabelt wird. Wim Wenders im Trenchcoat (dargestellt von der Schauspielerin Janet Rothe) begibt sich dann zu auf einen kleinen Zwischenbesuch bei Pablo Picasso nach Paris. Der Meister (als Schaumstoffpuppe in seinem berühmten Matrosenshirt) sitzt zwischen seinen singenden Malpinseln und lädt den deutschen Filmemacher zu einem Disput über Malerei, Fotografie und Theater. Auf einer Schaumstoff-Leinwand tummeln sich bekannte Picasso-Motive mit den typischen mehrperspektivischen Gesichtern oder afrikanischen Masken, die der weltberühmte Maler hin und her scheucht, nebst Stierkampfeinlage.

Vater Salgado und Sohn treffen wir dann wieder im arktischen Eis beim Pinguinebeobachten und einem kleinen Gespräch über modernes Heldentum, während Wim Wenders lauthals die große Stille preist. Herrlich sind auch der Chor der Blues singenden Schaumstoff-Seelelefanten, Josephine Baker im Bananenröckchen, ein asiatischer Lichtertanz und vieles mehr. Sogar dem Wenders-Kumpel Peter Handke wird ein Ständchen dargebracht. Dem Einfallsreichtum der Puppenmacher sind hier keine Grenzen gesetzt. Schmal und kerzengrade wie Giacometti-Skulpturen stehen die Südsee-Ureinwohner und geben den beiden Kunstreisenden Nachhilfe in Soziologie und Familienplanung.

Mit viel Witz und Ironie zerstören die Helmis hier das Pathos der beiden Großkünstler, nicht ohne sich selbst am Ende ein wenig zu glorifizieren. Ganz zu recht natürlich. Ihre verrückte Fantasiewelt Fatrasien ist ein Muss für alle Helmi-Fans und die, die es noch werden wollen.

***

Fatrasien. Ein Unsinnswelttheater in sieben Akten (Ballhaus Ost, 22.12.2016)
Von und mit das HELMI
Installation, Skulpturen, Performance, Komposition, Tanz: Okka Hungerbühler, Felix Loycke, Florian Loycke, Brian Morrow, Johanna Olausson, Janet Rothe, Dasniya Sommer, Emir Tebatebai
Technik, Bühne, Ideen: Burkhart Ellinghaus
Künstlerische Mitarbeit: Marcel Bugiel, Cora Frost
Produktionsleitung: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro.
Eine Produktion von und mit Das Helmi in Ko-Produktion mit dem Ballhaus Ost
Premiere war am 15. Dezember 2016 am Ballhaus Ost Berlin
Weitere Vorstellungen: 03., 04., 05.02.2017

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/fatrasien/

Zuerst erschienen am 22.12.2016 auf Kultura-Extra.

__________