Nobody called? – Feydeaus „Floh im Ohr“ bleibt in der eher gebremsten Regie von Philip Tiedemann am Berliner Ensemble merkwürdig anschlusslos.

Mai 23rd, 2013
Floh im Ohr von George Feydeau im Berliner Ensemble - Foto: St. B.

“Floh im Ohr” von Georges Feydeau im Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Gute Unterhaltung ist Mangelware an den Theatertempeln der subventionierten deutschen Hochkultur. Obwohl man sich schon hin und wieder mal am gut gemachten Boulevard versucht. Neben zeitgenössischen deutschen Autoren wie David Gieselmann (Herr Kolpert) und Lutz Hübner (Blütenträume, Richtfest u.a.), dem Briten Alan Ayckbourn (Bedroom Farce, RollenSpiel, Schöne Bescherungen u.a.) oder auch der Meisterin des französischen Edelboulevards Yasmina Reza (Drei Mal Leben, Der Gott des Gemetzels u.a.), die in ihren Komödien aber immer auch eine tiefere Metaebene einziehen, eignen sich dabei besonders die französischen Autoren der Belle Époque wie Eugène Labiche (Das Sparschwein) oder sein Bewunderer Georges Feydeau, der das Vaudvilles immer gegen die Hochkultur verteidigt hatte. Dieses Genre der sogenannten leichten Muse (u.a. Jacques Offenbach) und Boulevard-Komödie erfuhr etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch an deutschen Theatern seine Hochzeit.

Das Deutsche Theater in Berlin hat sich in der Gründerzeit aus eben einer solchen Vaudeville- und Operettenbühne heraus erst zum Nationalen Kunsttempel entwickelt. Das national erstarkte deutsche Bürgertum, das sein Selbstverständnis plötzlich nicht mehr nur in der reinen Unterhaltung sah, sondern seine gerade gewonnene Freiheit wieder mit strengeren Moralvorstellungen reglementierte, entdeckte wieder Goethe, Schiller und Kleist für sich. Eine für Deutschland durchaus typische Entwicklung, die bis heute trotz Postdramatik und Regietheater anhält, und sich nun, damit ästhetisch fast am Ende, plötzlich wieder in ironischer Weise des guten alten Vaudevilles besinnt. Dass die Komödie mit ironischem Tiefgang jedoch auch gewaltig in die Hose gehen kann, hat gerade erst der oberste Hausregisseur des DT Andreas Kriegenburg mit seiner bunten Show des individualisierten Unterhaltungsterrors „Sklaven“ nach Einaktern von Georges Courteline bewiesen.

Um der Hölle der sogenannten bürgerlichen Freiheit zu entkommen, ging der vergnügungssüchtige Familienvater von jeher gerne in den Puff und daheim zum Lachen in den Keller, oder eben auch ins Boulevardtheater. Da war es fast schon zwangsläufig Bedingung, dass neben dem festgefügten bürgerlichen Weltbild auch die Hosen ordentlich ins Rutschen geraten durften. Dazu bedarf es natürlich, um nicht auch noch das Niveau allzu tief sinken zu lassen, eines glücklichen Regiehändchens und einer gut geölten Theatermaschinerie vor und hinter den Kulissen. Nichts ist auf der Bühne schwieriger, als einen Schwank so zu schmieren, dass die Chose ordentlich flutscht und dabei nicht vollends abschmiert. Was so leicht aussieht, ist also durchaus handwerkliche Schwerstarbeit, und davor steht natürlich noch der mit der nötigen Begabung fürs Feine und Grobe versehene Autor, der in seinen Stücken das Uhrwerk so genau einzustellen weiß, dass es auch an den richtigen Stellen gongt, sprich Witz und Situationskomik überhaupt erst zünden können.

Georges Feydeau (1862 - 1921)

Georges Feydeau (1862 – 1921)

Und so ein Meister der guten Theaterschmiere ist eben der bereits erwähnte Georges Feydeau. Er hat derer immerhin sechsundsechzig geschrieben. Dabei durchlebte Feydeau seine, die Doppelmoral des Bürgertums entlarvenden Komödien, geradezu am eigenen Leib. Je nach Erfolg seiner Stücke bewegte er sich in gehobeneren oder weniger solventen Kreisen, und beendete sein Leben als geschiedener Mann, der die letzen Jahre seines Lebens in einem Hotel verbrachte, infolge einer Syphiliserkrankung geistig umnachtet. Feydeaus bekanntestes und auch immer wieder auf den Spielplänen der subventionierten Stadttheater stehende Stück ist die schwankhaft-groteske Komödie „La puce à l’oreille“, zu deutsch „Der Floh im Ohr“.

Das Berliner Ensemble öffnet sich damit nun auch ganz offiziell dem breiteren Publikumsgeschmack. Was nicht weiter erwähnenswert wäre, würde man hier nicht geradezu immer wieder den Hort der politischen Widerständigkeit gegen jegliche programmatische Verflachung verteidigen. Mit Regisseur Philip Tiedemann hat man dann auch den Mann gefunden, der bereits mehrfach bewiesen hat, siehe seine Inszenierungen der Schillerversion „Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen“ nach der Komödie des Franzosen Louis-Benoît Picard oder „Immanuel Kant“ von Thomas Bernhard, dass er einer boulevardesken Figurenzeichnung durchaus nicht abgeneigt ist, und den Spagat zwischen E und U mühelos hinbekommt.

Philip Tiedemann befindet sich mit seiner Idee Feydaus Klamotte „Floh im Ohr“ auf die große Bühne des BE zu hieven in prominenter Gesellschaft. Wie bereits Martin Kušej 2004 am Thalia Theater Hamburg und Dieter Dorn 2006 am Resi in München verwendet er dabei die moderne Übersetzung von Elfriede Jelinek. Die französische Boulevardkomödie hat tatsächlich einen gewissen Reiz auf die österreichische Autorin ausgeübt, und sich mit Sicherheit auch in den oft endlos kalauernden Wortkaskaden ihrer Theatertexte niedergeschlagen.

Die scharfe Kritikerin bürgerlicher Abgründe und fieser Scheinmoral ist von Detailreichtum, Komplexität und Zeichenhaftigkeit der Sprache in der französischen Farce gleichermaßen fasziniert, wie von der rasanten Schnelligkeit und der Tatsache, das nach dem kurzen Durchrütteln der bürgerlichen Konventionen alles wieder auf den Ausgangspunkt zuläuft. Der Bürger als Hamster im Rad der gesellschaftlichen Konventionen, wie sie es beschreibt. Die Komik speist sich hier aus der Verzweifelung der Figuren, mit der sie ihre Fehltritte zu vertuschen suchen, um dabei doch nur in Höchstgeschwindigkeit scheinbar immer tiefer im Strudel um die eigenen Lügen und Intrigen zu versinken.

Der „Floh im Ohr“ von Raymonde (Swetlana Schönfeld), der Ehefrau des Rechtsanwalts Victor-Emmanuel Chandebise (Joachim Nimtz), ist die irrige Annahme, dass ihr Gatte, der sie scheinbar absichtlich vernachlässigt, eine Affäre haben muss. Denn, was ich selber denk und tu, das trau ich auch den andren zu. Beweis sind ein paar Hosenträger, die ihr aus dem berüchtigten Etablissement „Zur Zärtlichen Miezekatze“ mit der Post zugeschickt wurden. Ihr Plan ist es, mit Hilfe eines fingierten anonymen Liebesbriefs, den ihre Freundin Luceinne (Marina Senkel) schreiben muss, den Untreuen Ehemann zu überführen. Daraus ergeben sich naturgemäß in Folge die allerschönsten Verwicklungen. Die verklemmte Moral wirft im Verborgenen ihre Hosenträger ab und stolpert sogleich über die heruntergelassenen Hosen.

Floh im Ohr am BE. Bühnenbild: Norbert Bellen - Foto: St. B.

“Floh im Ohr” am Berliner Ensemble.
Bühnenbild: Norbert Bellen - Foto: St. B.

Der eigentliche Besitzer der Chandebise’schen Hosenträger ist allerdings der Cousin des Hausherrn Camille, der überdies einen veritablen Sprachfehler besitzt (Thomas Wittmann beherrscht das konsonantenlose Sprechen praktisch wie aus dem Effeff), und ohne Hilfsmittel des zwielichtigen Arztes Dr. Finache (Uli Pleßmann) nicht viel zur Aufklärung beitragen kann. Der in Liebesdingen Benachteiligte benötigt etwas erotische Nachhilfe, die er sich in den Armen „zärtlicher Miezekatzen“ erhofft.

Weiterhin verwickelt sind der bisher verschmähte Verehrer von Madam Chandebise und Mitarbeiter von Victor-Emmanuel, Romain Tournell (Veit Schubert), der für seinen vorsichtigen Chef das Rendezvous wahrnehmen soll, und der sich nun ebenfalls gehörnt glaubende spanische Gatte von Luceinne, Carlos Homenides de Histangua (Jakob Schneider). Für vollkommene Verwirrung bei allen Beteiligten sorgt noch, dass der versoffene Portier des Hotels „Zur Zärtlichen Miezekatze“, genannt Poche, Rechtsanwalt Chandebise wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Joachim Nimtz brilliert in dieser Doppelrolle mit schnellem Wechsel von Körperhaltung, Sprache und Kostüm.

Wie in jeder richtigen Boulevardkomödie klappen nun auch am BE die Türen und Bodenluken auf und zu, drehen sich Betten und verschwinden die Figuren damit im Bühnenboden, geben sich Herrenzote und Unterleibswitz die Klinke in die Hand. Nach anfänglichem Geplänkel und Ränkeschmieden im Hause Chandebise dreht die Klamotte erwartungsgemäß im 2. Akt bei den „Zärtlichen Miezekatzen“ auf. Ganz routiniert und halbwegs gut geölt läuft dann auch die Bühnenmaschinerie mit einer variabel verschiebbaren Lattenwand (Bühne: Norbert Bellen), die neben den Türen noch Platz zum Durchschlüpfen lässt und den Akteuren auch als Klettergerüst dient.

Die ganze Personage versammelt sich zum nicht ganz freiwilligen, gemeinsamen amourösen Tänzchen im verruchten Hotel. Männer stammeln, Damen kreischen. Klischee reiht sich an Klischee. Der Holzhammer regiert und Fußtritte sind noch immer probates Mittel für Schenkelklopfer. Chaplin lässt grüßen, und hat noch immer die Lacher auf seine Seite bekommen. Ein riesiger Rugbyspieler (Nicolai Despot) gibt den nach erotischen Abenteuern gierenden Engländer gleichen Namens, der sich auf alles was noch einen Rock trägt mit eindeutiger Pose stürzt. Der eifersüchtige spanische Ehemann trägt seinen Colt wie ein mexikanischer Pistolero, und kaut dabei bedrohlich auf seinem Akzent herum.

Feydeaus frecher Floh beißt sich fest im Ohr aller Beteiligten und versucht auch den gewagten Sprung ins Publikum, das bislang nur vereinzelt zu Lachen wagte. Dabei halten sich innere Abwehrhaltung und der Wille zum Amüsement vorerst die Waage. Allein das Karussell der Verwicklungen dreht sich dann doch etwas zu vorhersehbar. Man merkt dem Floh seine Jahre an, die er auf dem Buckel trägt. Es ächzt bedächtig im Gebälk der Witzmaschine. Der Sprung in die Gegenwart gerät leider etwas zu kurz. Tiedemann lässt der Farce auch nicht vollends ihren freien Lauf, bewahrt sie vor dem unkontrollierten Durchdrehen.

Das Team vom "Floh im Ohr" beim Beifall. Foto: St. B.

Das Team vom “Floh im Ohr” beim Beifall. Foto: St. B.

Zu durchsichtig scheint heute diese Verwechslungskomödie, als dass sich daraus die nötigen Funken schlagen ließen, um einen Hochkultur-gesättigten Bildungsbürger noch aus der Reserve locken zu können. Obwohl die moralischen Hosenträger sicher auch weiterhin festgezurrt am Körper sitzen, scheinen uns das vorübergehende Ausbrechen aus starren Ehe-Konventionen oder ähnlich lächerliche Befindlichkeiten, wie die Angst vor dem Skandal, der noch die Figuren in Feydeaus Komödien antrieb, heute doch eher kalt zu lassen. Oder lag es am kühlen Wetter? Trotz allem noch ein recht warmer Applaus für das aufopferungsvoll kämpfende und ausgelassen hüpfende Floh-Ensemble.

***

Termine:

  • 27.05.2013 um 19:30 Uhr
  • 28.05.2013 um 19:30 Uhr
  • 02.06.2013 um 18:00 Uhr
  • 13.06.2013 um 19:30 Uhr
  • 16.06.2013 um 19:30 Uhr
  • 28.06.2013 um 20:00 Uhr

__________

Ibsens “Volksfeind” Allways Shines on T.V. – Im Prater der Volksbühne betreiben Vinge/Müller ein virtuelles “12-Spartenhaus”, bei dem das Publikum weitestgehend außen vor bleiben muss. Ein Erfahrungsbericht.

Mai 16th, 2013

Das 12-Sparten-Haus_Prater im Prater

Sonntag, 12. Mai, kurz vor 16:00 Uhr - es regnet in Berlin. Die Menschen auf der Kastanienallee hasten mit Regenschirmen an einem vorbei oder suchen trockene Plätzchen zum Unterschlüpfen. Der Praterbiergarten ist verwaist, bis auf ein Grüppchen Übriggebliebener vom Vatertag, die sich unter ein Vordach des Ausschanks verkrochen haben. Beste Zeit also, um dem 12-Spartenhaus, das die norwegischen Performer Vegard Vinge (Regie), Ida Müller (Bühne) und Trond Reinholdtsen (Musik) im Praterinneren aufgebaut haben sollen, einen Besuch abzustatten. Aber würde es auch gelingen, Einlass zu erhalten? Man war vorgewarnt. Bei der Premiere am 4. Mai musste die versammelte Besucherschar, inklusive der zahlreich erschienenen Kritiker, die nach etwa 4 Stunden vergeblichen Wartens nicht in den Zuschauersaal vorgelassen worden waren, unverrichteter Dinge wieder abziehen. In der zweiten Vorstellung gelang es besonders Hartnäckigen erst nach 6 Stunden in die Gänge des Hauses vorzudringen. Allerdings blieben auch da die Türen zum Allerheiligsten verschlossen.

Das Interesse ist auch am dritten Tag der Performance groß. Eine kleine Schlange hat sich vor dem Prater auf dem Gehweg der Kastanienallee gebildet. Ungeduldige wollen schneller vorgelassen werden, andere fragen den Einlassdienst nach der Länge der Aufführung. Einige Wartende lachen wissend. Die Antwort fällt mit zwischen drei und dreizehn Stunden unbefriedigend vage aus. Ungläubig fragt ein englisch sprechender junger Mann nach, und lächelt verlegen, als die Antwort bestätigt wird. Trotzdem lässt er sich nicht in die Flucht schlagen. Die Neugier obsiegt. Vor einem Jahr hatte das Künstler-Duo Vinge/Müller schon einmal mit einer Art Endlosperformance das Berliner Publikum angezogen, zu großen Teilen begeistert, aber auch in einigen Fällen angeekelt wieder abgestoßen. Damals führten sie auf der Bühne des Praters, die wie ein überdimensioniertes Puppenhaus gestaltet war, ihre ganz spezielle Interpretation von Ibsens Stück „John Gabriel Borkmann“ auf. Dabei faszinierte die meisten Zuschauer die Phantasie, mit ihrem schier unerschöpflichen Bilderreichtum, und die körperliche Radikalität mit der sich die Performer immer wieder an den Rand des Darstellbaren manövrierten.

Auch im 12-Spartenhaus, das Vegard Vinge im letzten Jahr bereits angekündigt hatte, geht es wieder um den weiten Psychokosmos der Dramengestalten des norwegischen Nationaldichters Henrik Ibsen. Es ist mittlerweile bereits die fünfte Ibsen-Bearbeitung des Künstlerkollektivs um Vinge und Müller. Im Prater der Volksbühne war noch 2011 eine 24-Stunden-Wildente weitestgehend unbeachtet geblieben. Spätestens aber mit der Einladung des „Borkmann“ zum Theatertreffen 2012 war das Berliner Publikum endgültig angefixt. Nun soll es also Ibsens „Ein Volksfeind“ sein, wie man den ersten Berichten der Kritiker entnehmen kann. Ein Stück um Demokratie, Volkszorn und elitäre Machtphantasien, mit dem sich in letzter Zeit nicht nur Schaubühne und Maxim Gorki Theater in mehr oder minder gelungenen Inszenierungen befasst haben. Programmzettel, Besetzungslisten oder irgendwelche Hinweise auf den Inhalt des 12-Spartenhauses auf der Website der Volksbühne gab es wie immer nicht.

Das 12-Spartenhaus von Vinge/Müller im Prater der Volksbühne - Foto: St. B.

Eingang zum Foyer des 12-Spartenhauses von Vinge/Müller im Prater der Volksbühne – Foto: St. B.

Und so harrt dann auch alles im Foyer des Praters freudig oder eher skeptisch der Dinge, die da kommen mögen. Der Raum ist ziemlich dunkel. Die Wände mit ihren großen, aufgemalten schwarzen Mosaiksteinen schlucken jegliches Licht. Wogegen die Decken mit farblich wesentlich stärker akzentuierten Mosaiken ausgestattet sind. An der Bar steht mit weißen Buchstaben „Teewasser und Butterbrot“. Vorerst geschieht allerdings nicht viel. Aus dem Lautsprecher dröhnt es immer wieder „Das Publikum, das Publikum.“ Durch eine Tür mit Fenstern kann man auf der Treppe zum Einlass nur einige der typischen, comicartig kostümierten Vinge-Figuren mit Gummimasken sehen. Eine davon hat überdimensionale Pappschlüssel in der Hand und verordnet mit schnarrender Stimme „Mäßigung“.

Nachdem nach ca. einer halben Stunde jeder Zuschauer sein Karte gegen ein rotes Plastik-Bändchen eingetauscht hat und einige es sich auf den umstehenden Bänken bequem gemacht haben, wird auf den drei Videoleinwänden eine OP-Szene eingespielt, bei der jener Mann mit den Schlüsseln nun als Chirurg einer Puppe in den Eingeweiden wühlt und das Innere interessiert in Augenschein nimmt. Ihm assistiert eine Dame in 50er-Jahre-Haarspray-Frisur mit großer Brille. Ein Bezug zu Ibsens Volksfeind ist noch nicht zu erkennen. In den Gängen, die man auch durch ein kleines Fenster einsehen kann, geht eine Figur mit schwarzer Maske und SS-Ledermantel auf und ab und hämmert gegen die Türen, die mit Aufschriften wie Garderobe, Dramaturgie, Intendanz, Ton, Administrator, Musikzimmer, Küche, Bad etc. ein voll funktionsfähiges Theaterhaus suggerieren.

Aber auch ihm wird nicht aufgetan, und er verheddert sich zunehmend in einem nicht enden wollenden „Sieg-Heil“-Score, der mit einem Techno-Loop der Anfangsakkorde von Modern Talkings „Cheri, Cheri Lady“ unterlegt ist. Ist das die Horrorvision eines uniformierten Unterhaltungsfaschismus á la Dieter Bohlen, der hier persifliert werden soll? Oder etwa die Diktatur der unbedingten Bespaßungserwartung des Publikums? Es werden Jahreszahlen eingeblendet. Wir switchen von 1942 bis nach 2011, dem Jahr der ersten Praterbesetzung von Vinge/Müller. Gastspiel Nairobi ist auf dem Bildschirm zu lesen. In einem Fenster unter der Aufschrift „ideologische Wand“ erscheint eine Art Geisterbahnfigur. In der Dramaturgie bearbeitet jemand eine Pappschreibmaschine. Und ein grauhaariger Mann mit Brille schnarrt etwas unverständlich von „allerbesten Aussichten, in der nächsten Zeit Professor zu werden“. Offensichtlich eine Passage aus „Hedda Gabler“. Immer mehr falsche Fährten werden gelegt. Am Einlass tut sich weiterhin nichts.

Vor einer Kulisse mit malerischem Bergpanorama und Aufschrift „Badeanstalt“ spricht die Figur vom Beginn über „Maßnahmen nur auf vorschriftlichem und gesetzlichem Wege“. Es ist Stadtvogt Peter Stockmann, der wie ein Mantra ständig die Worte „eine gute Atmosphäre“ wiederholt. Als noch zwei skurrile Typen in Trenchcoat mit Aufnahmegerät und Mikrofon auftauchen und zu einem Hüpfballett repetieren „Wenn erst die Presse eingreift.“, ist spätestens klar, dass wir uns schon mitten im „Volksfeind“ aus dem Comic-Ibsen-Universum des Vegard Vinge befinden, mit jeder Menge Anspielungen, Zitaten und Wagnermusik satt. Wer bis jetzt nichts verstanden hat, bekommt dann auch endlich ein bekanntes Gesicht zu sehen. Im OP taucht im Krankenkittel Volksbühnen-Mime Volker Spengler auf und liest erst einmal aus Ibsens „Baumeister Solness“. Es ist aber mehr ein unverständliches Lallen. Von einem Jungen im Wagner-Shirt, der auch schon in der „Wildente” zu sehen war, wird er frontal bestiegen und nach einer Opernarie entbindet Spengler ein strammes Baby. „Nimm ihn an die Brust, gib ihm Milch, Vater!“ krächzt der Junge. Da ist er wieder, der große Psycho-Vater-Mutter-Komplex, den Vinge schon im „Borkmann“ bis zum Exzess strapaziert hat.

Volker Spengler liest aus Ibsens Baumeister Solness.

Volker Spengler liest aus Ibsens Baumeister Solness. Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller

Gegen 18:00 Uhr, Volker Spengler dürfte nach der Anstrengung schon Feierabend haben, gibt es erste Einblicke auf das Innere des Bühnenraums. Zur Musik aus Wagners „Parsival“ schauen wir die heilige Halle. Aber Erlösung für die Wartenden ist noch lange nicht in Sicht. Ein Intendant mit Anzug und Krawatte, ebenfalls eine Figur aus der „Wildente”, der wie ein Mix aus Heiner Müller und Frank Castorf aussieht, zeigt auf alles und wiederholt dabei immer wieder „Meins!“. Er wird vom Jungen im Wagner-Shirt verfolgt, der ihn Vater nennt. „Möglicherweise sind wir überhaupt nicht mehr allein.“ ist seine Vermutung, die angesichts des erwartungsvollen Publikums auch vollauf der Wahrheit entspricht. Vergard Vinge verknüpft hier gekonnt Ibsens Stück, mit den Publikumserwartungen und dem elitären Theaterbetrieb an sich. Im Folgenden wird von der Journalie die Druckerpresse angeworfen. Das Programm des 12-Spartenhauses entsteht als News, die als „Die Revolution“ angepriesen werden.Der Junge ergeht sich in Ganzkörperbemalungen von nackten Frauen mit Netzstrümpfen und Riesenkitzlern, während der Intendant in seinem Sessel dabei mit einem Gummipenis onaniert. Dazu jault Celin Dion „My Heart Will Go On“ aus dem Film „Titanic”. Zu vorgerückter Stunde wird der bereits aus der 24-Stunden-„Wildente“ und dem „Borkmann“ bekannte Dr. Relling (eigentlich eine Figur aus Ibsens „Wildente“) im OP aus den Ingredienzien Intendanzsperma, ein paar Eiern und dem Inhalt von in Fläschchen abgefüllten Ismen wie Materialismus, Realismus, Erotismus, Feminismus, Darwinismus, Positivismus usw. den Grundstoff für einen neuen Menschen mixen. „Die Methode ist probat.” heißt es immer wieder. Auch so ein Satz aus der Wildente. Dr. Relling, Ibsens Meister der Lebenslüge, versetzt hier keine Fontanelle, sondern schmeißt einfach den Brutkasten für den dämonischen Menschen an. Alles Weitere ist reines Kopfkino.

Bis dahin erfahren wir aber noch einiges aus dem Inneren des 12-Spartenhauses. Im Keller wird ein ordentlicher Haufen Kunstkacke mit Drehstühlen umrundet und dabei immer mehr breitgetreten. Was oben in den Gängen des 12-Spartenhauses produziert wird, verstopft unten so langsam die Kanalisation. Endlich ein Fall für den Badearzt Dr. Stockmann. Auftritt mit Schaufel. Während er im Schweiße seines Angesichts die fauligen Wasserrohre ausgräbt und bis zum Ellenbogen im Dreck verschwindet, sitzt oben Stadtvogt Peter Stockmann auf dem Lokus und sinniert: „Das ist nichts für meine Verdauung.“ Die Sache nimmt langsam Fahrt auf, als Badearzt Stockmann gegen 22:00 Uhr mit der „großen Entdeckung“ bei seinem Bruder auftaucht und immer wieder kräht: „Das Bad ist eine Pesthöhle.“. Nun kommt auch wieder Bewegung ins Publikum, das teilweise schon in Löffelchenstellung am Boden lag. Wagner kündigt wieder Großes an. Es ist aber nur ein Wutausbruch Stockmanns, der nun mit dem Rohr in der Hand zur großen Rede anhebt: „Die ganze Gesellschaft muss gereinigt werden.“ Alles strömt zum Einlass, um seinen Worten zu lauschen, leider bleibt das Portal abermals verschlossen.

Da wir nicht hinein gelangen, verlegt Peter Stockmann das Geschehen einfach mal nach draußen auf die Kastanienallee. Schüsse und Böller sind zu vernehmen. Vorsicht! Aus dem Prater wird anscheinend scharf geschossen. Eine gute Atmosphäre eben. Im Hof des Praters werkeln Bühnenarbeiter in Overalls, auf denen die Bezeichnungen, Sparte 1, 2 usw. stehen. Der Stadtvogt verkündet „Wachstum“, während er Geld gegen „Loyalität, wenn ich dir helfe, deine ökonomische Stellung zu verbessern.“ verteilt. Auch eine Möglichkeit ein 12-Spartenhaus zu finanzieren. Die Sparte Ballett dreht sich ohne Pause vor einer Pyramide, jetzt ist Aida dran, und sinkt irgendwann einfach um. Vinge überträgt die ideologischen Kämpfe um das Bad einfach auf die Verteilungskämpfe an einem Mehrspartentheater, was durchaus seinen Reiz hat. In diesem Theater, wo ebenfalls um den neuen Menschen gerungen wird und ideologisches Wasser in den Leitungen fließt, ist die Produktionsmaschinerie des Dr. Relling gegen 00:00 Uhr an ihrem Höhepunkt angelangt. Der Neue Mensch ist geboren. Das ganze Haus gerät dabei in einer rasanten Kamerafahrt durch die Gänge ins Wanken. A-ha schmettern dazu ihr „The Sun Allways Shines on T.V.”. Das Video des Songs ist ebenso eine Mischung aus Comic-Bildern und Realaufnahmen wie man sie hier in Vinges kleinem Horrorladen bewundern kann.

Jede Menge Ismen und Intendanzsperma. Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller

Jede Menge Ismen und Intendanzsperma. Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller

Als Pausenclown ist immer mal wieder der Mann im SS-Mantel zu sehen. Er singt schräg zum Pappakkordeon: „Wie einen Hund haben sie mich davon gejagt.” Es ist also Morten Kiil, der zwielichtige Fabrikant und Schwiegervater von Badearzt Stockmann, der sich über seinen Rauswurf aus dem Stadtrat beschwert. Und natürlich kommt auch noch die Ekelfraktion auf ihre Kosten. Peter Stockmann zieht u.a. genüsslich langsam einen Tampon aus der Vagina der Tochter des Badearztes und lässt sich Teewasser und Butterbrot kommen. Man fühlt sich an den alten Witz erinnert: „Lieber Gott, lass es einen Teebeutel sein.“ Danach malträtiert er noch ein wenig den Badearzt mit der Rohrzange. „Es ist nicht meine Art, mich mit jemandem in die Haare zu kriegen. Gott behüte.“ Bis dann endlich der gute alte Kapitän Horster in seinem U-Boot zur „heilen Welt“ konstatiert: „Das wird nicht seine Meinung ändern.“ Da ist es dann aber auch schon nach 1:00 Uhr nachts.Nachdem sich die schräge Ibsen-Crew in die Koje gehauen hat und zu schnarchen beginnt, wird auch dem letzten der verbliebenen Tapferen im Foyer klar, dass sich die Pforte zum Heiligtum nicht mehr öffnen wird. Vinge und seine Ibsen-Zombies legen eine kurze Pause ein, bevor die nächsten Vergnügungssüchtigen wieder die Feste bestürmen werden. Um 1:30 Uhr schließen sich unwiderruflich die Türen zum virtuellen 12-Spartenhaus. Auf der Kastanienallee tobt dagegen immer noch das reale Leben, oder was man dafür halten könnte. Berliner Nachtschwärmer sind auf der Suche nach ihrem ganz speziellen Kick. Wem das Gesehene bis dato noch nicht ausgereicht hat, kann sich ihnen anschließen, oder auf die vage Aussicht einer späteren Beglückung nicht unter 9 Stunden Wartezeit hoffen. Also dann, bis zum nächsten Versuch.

***

Oh, I can’t explain
Every time it’s the same
Oh I feel that it’s real
Take my heart
I’ve been lonely to long
Oh, I can’t be so strong
Take the chance for romance, take my heart
I need you so
There’s no time I’ll ever go

Cheri, cheri lady
Going through a motion
Love is where you find it
Listen to your heart
Cheri, cheri lady
Living in devotion
It’s always like the first time
Let me take a part

Dieter Bohlen (Modern Talking)

__________

Theater trifft Netz – Gemeinsam einsam? Claus Peymann (BE) im Gespräch mit Marina Weisband (Piratenpartei)

Mai 11th, 2013

„Das Netz ist fast das Gegenteil, das ist eine diffuse Welt von Informationen, Bildern und Texten, die keinerlei Regie gehorcht, die auch keiner Ästhetik gehorcht, jedenfalls keiner persönlichen Ästhetik, keiner Handschrift eines Regisseurs oder einer Dramaturgin. Und es ist ein interaktives Medium, also Brechts Radiotheorie auf Highspeed.“
Ralf Fücks (Heinrich-Böll-Stiftung) zum Unterschied von Theater und Netz bei der Begrüßung am Eröffnungsabend der Konferenz „Theater und Netz”.

Theater trifft Netz. Netzpolitikerin Marina Weisband und BE-Intendant Claus Peymann im Gespräch über die Schnittpunkte von Theater und Internet. Moderation: Albert Eckert

Theater trifft Netz.
Netzpolitikerin Marina Weisband und BE-Intendant Claus Peymann im Gespräch über die Schnittpunkte von Theater und Internet. Moderation: Albert Eckert – Foto: St. B.

Zwei sichtlich gut gelaunte Diskutanten verständigten sich am Vorabend der vom Theaterportal nachtkritik.de organisierten Konferenz „Theater und Netz” in der Heinrich-Böll-Stiftung eine gute Stunde lang über Schnittstellen zwischen Internet und Theater. Außer kleinen Seitenhieben von Claus Peymann an die „unwandelbare“ Kritikerschaft blieb die Runde weitestgehend moderat, wenn man mal von der Eigenart des BE-Intendanten absieht, längere Monologe a la früher war alles besser zu halten. Um sich richtig auf den Gegenüber einzustellen, wurden der alte Theaterhaudegen Peymann zur Netzkonferenz re:publica und die Netzpolitikern Marina Weisband (Piratenpatei) zum Theatertreffen geschickt. Bereitwillig gaben dann auch beide ihre Eindrücke wieder. Wobei sich Claus Peymann über die Leute wunderte, die auf der re:publica in Anzügen wie Vertreter auf den Bühnen säßen, die dort stage heißen, und fragte sich, wer die wohl bezahle. „Wer macht sein Geschäft mit dem Internet?“

„Internet ist das Kommunikationssystem der Einsamkeit.”

Claus Peymann

Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles

Claus Peymann, Intendant des Berliner EnsemblesFoto: St. B.

Für Marina Weisband hat Theater immer eine große Rolle gespielt. Schon als Kind hat sie selbst Theater gespielt. Das Theater diene als Rückzugraum für das emotionale und körperliche Erleben. Es ist der Sender, und der Empfänger Publikum könne seinerseits wieder zum Sender werden. Netzwerke bezeichnet sie als komplementäres Konzept für das Theater, als Orte für die Diskussion. Claus Peymann sieht sich dagegen als „heiliges Mammut”. Er sei ein Dinosaurier, der sein i-Phone nicht versteht und sich das Internet ausdrucken lässt, um am Morgen zu lesen, „was da wieder so los war“ auf den Kommentarseiten von nachtkritik.de. Das Internet ist für ihn das Kommunikationssystem der Einsamkeit und die Affirmation von Fernsehen und Video ein Vergehen am Theater. Der Code der digitalen Welt, der für Marina Weisband ebenso für Emotionen nutzbar ist, bleibt ihm fremd. Claus Peymann würde lieber mal so ein Gespräch führen wie die beiden Protagonisten in Peter Handkes Stück „Die schönen Tage von Aranjuez“.

Theater ist immer subversiv, betonte Regisseur Peymann und sprach von seiner Bochumer Zeit, in der das Theater der einzige leuchtende Ort in der Stadt war, und dem Theaterskandal in Wien um seine Bernhard-Uraufführung von „Heldenplatz“. Theater war schon immer der Ort der stärksten Opposition in Diktaturen, ohne das man sich jetzt wieder eine wünschen würde, um besseres Theater zu machen. Marina Weisband sprach dagegen vom Einfluss des Internets auf heutige revolutionäre Umwälzungen wie beim Arabischen Frühling. Die Vernetzung im Internet nehme den Menschen die Angst. Dabei betonte sie aber auch, das facebook allein noch keine Revolution mache. Es ist vielmehr die Magie der Körperlichkeit, die auf der Straße entsteht. Und das mache auch die Faszination von Theater aus.

„Netzwerke sind das komplementäre Konzept zum Theater.“

Marina Weisband

Maina Weisband, Netzpolitikerin (Piratenpartei)

Marina Weisband, Netzpolitikerin (Piratenpartei) - Foto: St. B.

Claus Peymann sah zumindest ein, dass es ohne dass Internet nicht geht. Für ihn ist Internet toll, wenn es von guten Leuten gemacht wird. Für deren Bildung ist laut Marina Weisband das Theater zuständig. Theater dramatisiert aber laut Peymann nicht den Schulfunk, sondern vermittelt Erlebnisse. Sei ein Fest, wie eine Messe, bei der Wasser in Wein verwandelt würde. Dies erzeuge auch beim Publikum eine kurzzeitige Verwandlung, die nachhaltig sein könne. Über die Kunst und Ästhetik im Internet gingen die Meinungen erwartungsgemäß stark auseinander.

Fazit der Veranstaltung

„Der Traum ist, dass wir zusammen stark sind und das Schlimmste verhindern, damit der größte Teil der Menschheit glücklich wird.“ sagte Claus Peymann schon zu Beginn des Abends. Welch schöne Utopie. Aber braucht das Theater überhaupt das Internet? Die Frage blieb leider weitestgehend unbeantwortet. Selbst Marina Weisband fragte sich, ob Theater etwas mit dem Internet zu tun haben muss. „Muss alles digitaler und vernetzter werden?“ Fast eine Steilvorlage für den Theateroldi Peymann. Trotzdem ein unterhaltsamer Appetizer für die folgende Konferenz. Obwohl laut Claus Peymann Amerikanismen sich wie Krebs über das Internet verbreiten und diese Art Imperialismus uns die Identität raube. Ob dadurch, dass Marina Weisband, wie Peymann feststellte, wieder an ihren Computer, und er an sein Theater gehe, die Abgrenzung von einander manifestiert bleibt, wird die Zukunft zeigen.

***

Videomitschnitt des Gesprächs

Einige Fotos und Texte zur Konferenz “Theater und Netz” vom 8. und 9. Mai 2013 in der Heinrich Böll Stiftung.

Fremde Welten – Blogbeitrag von Sascha Krieger (Stage and Screen)

Poetische Verlorenheit – Peymann traf Weisband auf der Böll-Bühne, von Jamal Tuschick (junge Welt)

__________

Leid und Schrecken der Medea – Als Männer vernichtendes Mysterium thront Constanze Becker über der Frankfurter Inszenierung von Michael Thalheimer, mit der am Freitag die 50. Ausgabe des Theatertreffens im Haus der Berliner Festspiele feierlich eröffnet wurde.

Mai 6th, 2013
In freudiger Erwartung. Das Theatertreffen ist Fünfzig.

In freudiger Erwartung.
Das Theatertreffen ist Fünfzig. Foto: St. B.

Mann, Frau, Liebe, Kind. In schneller Abfolge prasseln große Video-Piktogramme auf den sich vor seelischer Qual und unter großen Schmerzen windenden Leib der Medea. Dieser sagenhaften, fremden Prinzessin aus Kolchis, die seit der Antike immer wieder die Gemüter der Menschen bewegt und viele Künstler der bildenden und darstellenden Zunft inspiriert hat. Die Schauspielerin Constanze Becker verkörpert sie, gekleidet in ein seidenes Unterhemd und Stiefel, gezeichnet mit Tränenspuren aus dickem Kajal unter den Augen. Der Regisseur Michael Thalheimer ist nach längerer Pause ins Haus der Berliner Festspiele zurückgekehrt, wo am Freitag mit seiner Frankfurter Inszenierung des Euripides-Dramas das 50. Theatertreffen feierlich eröffnet wurde. Zuletzt war er 2007 / 2008 mit der „Orestie“ und den gefeierten „Ratten“, beides Inszenierungen am Deutschen Theater Berlin, in der Auswahl vertreten. Hier direkt im Festspielhaus konnte man ihn allerdings letztmalig 2005 mit Wedekinds „Lulu“ vom Hamburger Thalia Theater sehen. In der Hauptrolle die junge Fritzi Haberlandt, damals noch in fast jeder Thalheimerinszenierung besetzt.

Constanze Becker (Medea) beim Applaus im Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Constanze Becker (Medea) beim Applaus im Haus der Berliner Festspiele
Foto: St. B.

Am Haus der Berliner Festspiele hatte 2001 auch Michael Thalheimers Theatertreffen-Karriere begonnen. Mit einem ebensolchen Piktogramm-Gewitter wie eben beschrieben, untermalt mit den gleichen harten Gitarrenriffs von Bert Wrede und auf einer fast kahlen Bühne von Olaf Altmann, führte sich der junge Nachwuchsregisseur erstmalig ein. Der Zusammenarbeit dieses kongenialen Inszenierungstrios ist seitdem eine beachtliche Anzahl an erfolgreichen Produktionen entsprungen, was für Michael Thalheimer schließlich auch in sieben Einladungen zum Theatertreffen mündete. Das sei doch ein anständiges Stück ließ sich bei der Premiere von Molnars „Liliom“ der Hamburger Ex-Bürgermeister Franz von Dohnanyi aus dem Premierenpublikum vernehmen. Thalheimer hatte mit seinem inhaltlich stark reduzierten, dafür aber körperlich stark akzentuierten Spiel einen kleinen Theaterskandal provoziert. Die Inszenierung spaltete anschließend auch das Berliner Publikum. Schon das minutenlange, regungslose Starren von Hauptdarsteller Peter Kurth zu Beginn der Aufführung sorgte für einige Unmutsbekundungen.

Preis für den Regisseur. Der Theatertreffenstempel. Foto: St. B.

Preis für den Regisseur. Der Theatertreffenstempel.
Foto: St. B.

Letztendlich hatte diese Einladung aber eine Wende in der Auswahlpolitik des Theatertreffens zur Folge. Jüngere Regisseure wie Andreas Kriegenburg, Stephan Kimmig, Armin PetrasNicolas Stemann oder Thomas Ostermeier traten aus dem Schatten Frank Castorfs und trafen immer öfter den Geschmack der Jurymitglieder. Die Arbeiten von bis dato über Jahre etablierter Regisseure wie etwa Peter Zadek, Claus Peymann, Luc Bondy oder Andrea Breth verloren immer mehr an Bedeutung. Mittlerweile gehört Michael Thalheimer selbst zum Stadttheater-Establishment, und der letzte erwähnenswerte Skandal auf dem Theatertreffen liegt mit der Ekeldebatte um Jürgen Goschs Nackte-Männer-Macbeth auch schon einige Jahre zurück. Michael Thalheimer ist ein gutes Stück Theatertreffentradition. Und mit der Entscheidung, das Jubiläum mit der von allen Kritikern durchweg gerühmten „Medea“ zu beginnen, ist das Theatertreffen, das seit 2012 von Yvonne Büdenhölzer geleitet wird, dann auch kein allzu großes Risiko eingegangen.

Diese Medea, Enkelin des Sonnengottes Helios, unsterblich und über magische Kräfte verfügend, hilft laut den Sagen der griechischen Mythologie dem griechischen Helden Jason das Goldene Vlies für Pelias, den König von Iolkos, zu rauben. Im Laufe der antiken Geschichte wandelte sich diese zunächst durchaus positiv besetzte Figur der helfenden Jungfrau schließlich in die uns durch das Stück des Dichters Euripides bekannte der rachsüchtigen Kinds-Mörderin. Nachdem Medea bereits für Jason ihren Bruder Absyrtos getötet hatte, macht sie sich auch noch schuldig am Tode des Königs Pelias. Verlassen von ihrem Mann Jason zu Gunsten der Tochter des Königs Kreon von Korinth, wohin sich beide vor der Rache der Nachkommen des Pelias geflüchtet hatten, tötet Medea erst durch Zauberkraft und Gift die Nebenbuhlerin Kreusa und ihren Vater und dann, um den Verrat Jasons endgültig zu bestrafen, auch ihre eigenen Kinder. Auf einem Drachenwagen entflieht Medea zu König Aigeos, dem sie vorher einen Eid, sie zu beschützen, abgenommen hatte, nach Athen.

Das Schicksal der Medea hat auch in der Moderne viele weitere Bearbeitungen und Umdeutungen erfahren, z.B. von Hans Henny Jahnn mit einer schwarzen Medea, mit Jean Anouilhs Drama über die Unmöglichkeit die Vergangenheit abzustreifen, an dessen Ende sich Medea selbst tötet, oder in Heiner Müllers düsterer Endzeit-Variante „Verkommenes Ufer/Medeamaterial/Landschaft mit Argonauten“. Christa Wolf wiederum gab in ihrem aus feministischer Sicht erzähltem Roman „Medea. Stimmen“ der vermeintlichen Verbrecherin ihre unschuldige Gestalt zurück und stellte sie als Opfer von Intrigen und Fremdenhass dar. Selbst an der Grenze zum 21. Jahrhundert versuchten sich noch immer Autoren an einer Modernisierung des Medea-Stoffes, wie etwa Tom Lanoye mit seiner blutigen Neufassung der Argonautensaga „Mamma Medea“. Neil LaBute lässt in „Medea Redux“ eine junge Frau aus dem Gefängnis heraus die Geschichte einer heutigen Kindsmörderin als Teil seiner Mord-Trilogie „Bash – Stücke der letzten Tage” erzählen und Dea Loher verlegt ihre „Manhatten Medea“ in die Anonymität einer ihr fremden Mega-City. Von all dem ist auch in den zahlreichen heutigen Inszenierungen der „Medea” immer etwas dabei. Durchgesetzt hat sich auf den Bühnen letztendlich aber die Tragödie des Euripides, die auch Regisseur Michael Thalheimer in einer Neuübersetzung von Peter Krumme für seine Inszenierung wählte.

Constanze Becker und Marc Oliver Schulze © Birgit Hupfeld

Constanze Becker und Marc Oliver Schulze – © Birgit Hupfeld

Ist die Tat der Medea nun irrationaler Wutausbruch oder bewusst gesteuerte Handlung? Ist sie überhaupt mit dem reinen Verstand begreifbar? Das sind die entscheidenden Fragen, mit denen sich ein Regisseur bei jeder Neuinszenierung konfrontiert sieht. Michael Thalheimer lässt daran keine Zweifel. Bei ihm ist diese aus männlichem Eigennutz erst missbrauchte und dann verlassene, in ihren Gefühlen tief verletzte Frau nicht Opfer ihrer Leidenschaft, sondern aus dieser Erfahrung heraus ihrerseits entschlossen Leiden zu schaffen. Die zunächst noch als weit entfernte, tief ausgeleuchtet Gestalt auf einer Mauer aus schwarzen Sperrholzplatten kauernde, furchtbare Klagelaute ausstoßende Medea, geht vom tief empfunden Gefühl des Unglücks über den durch Jason erfahrenen Verrat („Unsäglich ist die Qual“), ziemlich schnell und gefasst zum fürchterlichen Racheplan über. Gerhard Stadelmaier, der Großkritiker der FAZ, schrieb 2006 über die Medea-Inszenierung von Barbara Frey am DT: „Man hätte Nina Hoss mitten auf eine leere Bühne stellen können: Sie hätte sie gefüllt.“ Constanze Becker bewältigt das, sparsam körperlich akzentuiert, zunächst allein mit ihrer Stimme. Das Erhabene der Hoss`schen Gestalt weicht hier wieder ganz dem Archaischen. Und so klar, konzentriert auf das Ursprüngliche der Figur, ohne jegliches überflüssiges Gehabe, hat man die Medea wohl schon lang nicht mehr gesehen.

Die Männer sind dagegen wachsweiche, biegsame Typen, ganz auf die Sicherung ihrer Macht bedacht. Sie treibt die Angst vor den Flüchen und den großen Gefühlsausbrüchen dieser Frau. Der Auftritt Kreons (Martin Rentzsch) ist kurz und fahrig, sichtlich um Haltung und Wahrung seiner Autorität bemüht. Jason (Marc Oliver Schulze), ganz in blauem Samt, ist eine einzige beredt schwitzende Rechtfertigung. Und der wie zufällig vorbeischreitende Aigeus (Michael Benthin), als Verkörperung eines gottesfürchtigen Mannes, nur von der Aussicht besessen, Medea würde ihm den sehnsüchtigen Wunsch nach Kindern erfüllen können. Er schwört ohne Zögern auf Helios und alle Götter, sie zu beschützen, sobald sie sich nur selbst aus dem Lande retten könne. Lange Schatten werfen diese Männer dabei im tiefen Seitenlicht auf die hohe Wand. Wie eine Megäre hockt dort Medea auf ihrem Hochsitz, lauernd wie die Spinne im Netz. Die Wand fährt schließlich langsam nach vorn, nimmt das gesamte Bühnenportal ein und drängt die unter ihr Stehenden an den Rand der Bühne, dem drohenden Abgrund entgegen.

Yvonne Büdenhölzer, Michael Thalheimer und Constanze Becker bei der tt-Stempelübergabe Foto: St. B.

Yvonne Büdenhölzer, Michael Thalheimer und Constanze Becker bei der tt-Stempelübergabe
Foto: St. B.

Die tiefe Leidenschaft, das gewaltige Herz der Medea, die sich bewusst an Jason bindet, ihre Liebe zu ihm über die eigenen Verwandten stellt, kann die Schmach nach Jasons Verrat nicht verwinden. Die seelische Verletzung ist zu tief, als dass sie das ihr zugefügte Unrecht ungesühnt lassen könnte. In der Verkennung dieser Kraft und der eigenen Selbstüberschätzung werden alle Männer leicht zum Spielball ihrer furchtbaren Rache. Die einzigen Vertrauten Medeas, die alte Amme (Josefin Platt), unsicheren Fußes auf klobigen Koturnen das Schicksal, eine auf Unrecht begründeten Liebe beklagend, und der Chor der Korinthischen Frauen, hier mit Bettina Hoppe stark in einer Person vereint, können sie nicht von ihrem Entschluss, auch noch die Kinder zu töten, abbringen. Große Genugtuung erfüllt Medea beim Bericht des Boten (Viktor Trempel) über den schrecklichen Tod Kreons und der Kreusa im von den Kindern Medeas überbrachten Kleid und Geschmeide. Letzte Zweifel auch ihre allerletzte Tat zu überdenken, sind schnell hinweggewischt. Jason, ein nasses Bündel Elend, liegt nach der Entdeckung der unfassbaren Tat nun zu ihren Füßen, vernichtet vom grausamen Willen der Verschmähten. Was unmöglich scheint, ist Götterwille, raunt der Chor. Das kann man hier getrost bezweifeln.

In der nächsten Spielzeit wird die sichtlich schwangere Constanze Becker wohl pausieren, obwohl man sich kaum eine bessere Besetzung für die von Michael Thalheimer am Schauspiel Frankfurt geplante Penthesilea-Inszenierung vorstellen kann. Nachdem Nina Hoss sich gerade frisch vom DT verabschiedet hat und an die Berliner Schaubühne wechselt, ist wohl auch nicht mit ihr zu rechnen, obwohl Thalheimer auch weiter dort am Lehniner-Platz inszenieren will. Aber vielleicht ist Constanze Becker ja bis zum Mai nächsten Jahres wieder zurück, um Kleists Stoff über die ganz von Herzen liebende Amazonenkönigin, die im Gefühlschaos Bisse für Küsse greift, gemeinsam mit Michael Thalheimer ganz neu zu befragen. Einer der entscheidenden Gründe, laut Yvonne Büdenhölzer, weshalb die „Medea“ hier beim Theatreffen zu sehen ist.

Haltestelle Theatertreffen Fünfzig Foto: St. B.

Haltestelle Theatertreffen Fünfzig – Foto: St. B.

Der Rest der Eröffnung ist schnell erzählt. „The same procedure as evrey year.” Der Theaterjetset bevölkert wieder den Bornemannbau an der Schaperstraße, der ebenfalls seinen Fünfzigsten begeht. Vor der Premiere werden Politikerreden gehalten. Es geht in den Festreden wie immer ums Geld, das man haben möchte (Festspielchef Thomas Oberender) oder um das, was man großzügig verteilen will (Kulturstaatsminister Bernd Neumann). Immer mit kleinen Seitenhieben an die Politkonkurrenz der Stadt versteht sich. Es ist schließlich Wahlkampf. Und man kann sich kaum exponierter im Rampenlicht sonnen, als auf einer echten Bühne. Ein Festival, wie ein Mann in den besten Jahren, tönt es vom Rednerpult, oder eine Frau, wie es im Publikum raunt. Die Fettnäpfchen für Politikerworte sind auch im Theater dicht gesät. Eine Sperrholzterrasse vor dem Haus läd beim anschließenden Sekt zum Verweilen ein, und an der kleinen Bushaltestelle „Theatertreffen” können nun wieder bis zum 19. Mai die Besucher austeigen, um die 10 bemerksenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum zu bewundern. Der starke Ansturm auf die Karten ist nach wie vor ungebrochen.

Gewohnter Anblick vor dem Festspielhaus.  Suche Karte - Foto: St. B.

Gewohnter Anblick vor dem Festspielhaus.
Suche Karte! – Foto: St. B.

Michael Thalheimer hat den Anfang gemacht. Ihm folgen nun weitere allseits bekannte Namen des deutschen Theaterbetriebs wie Luk Perceval, Johan Simons, Karin Henkel, Katie Mitchell oder Sebastian Nübling. Und auch Herbert Fritsch ist schon zum dritten mal hintereinander dabei. Mit Hamburg, München, Köln, Zürich und Berlin besitzen die meisten der ausgewählten großen Häuser bereits ein Abo fürs Theatertreffen. Das Fehlen der freien Szene ist trotz der ehrenwerten Entscheidung der Jury, die Produktion Disabled Theater des bekannten Choreografen Jérome Bell unter Mitwirkung behinderter Darsteller des Theaters Hora einzuladen, deutlich spürbar. Da trösten so unkonventionelle Produktionen wie die großartige Krieg-und-Frieden-Inszenierung von TT-Neuling Sebastian Hartmann oder die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Sebastian Baumgarten nur ungenügend über die sonst recht vorhersehbare Wahl im Jubeljahr des Theatertreffens. Also dann doch wieder nur business as usual? Man wird sehen.

Fortsetzung folgt.

__________

Mein Blog, das unbekannte Wesen. Eine kleine Migrationsgeschichte zum 1. Mai.

Mai 1st, 2013

___

Es ist wieder soweit. Heraus zum 1. Mai! Wann wir schreiten Seit’ an Seit’… Seid umschlungen, Millionen! Nur, wer sind eigentlich diese Millionen? Und wo sind die? Kenne ich einen davon? Manchmal plagen einen so Fragen, denke ich bei mir, während ich mein Notebook aufklappe. Und nun? Schon wieder 1.Mai. Was kann einem dazu schon noch einfallen? Ach, übrigens, hatte ich schon erwähnt, dass ich jetzt endlich auch jemanden mit Migrationshintergrund kenne? Als ich nämlich letztens meinem Blog meine neuesten, noch ganz frischen Gedanken mitteilen wollte, bevor sie im ach so schnelllebigen World Wide Web ihr Verfallsdatum erreicht haben, da versteht es mich plötzlich nicht mehr.

Mein Blog hat einen Migrationshintergrund?

Hat mein Blog einen Migrationshintergrund?

Ja, mein Blog, dieses nicht mehr wegzudenkende Anhängsel meiner virtuellen Existenz, spricht plötzlich eine andere Sprache. Es hatte klammheimlich, oder auch zwangsweise, ich rätselte noch eine Weile, sein Aussehen und seine Sprache verändert. Es kannte keine Ä-Ö-Ü- und sonstige Strichelchen mehr und die Admin-Seite befahl mir lauter Sachen auf Englisch. Schon diese merkwürdigen Internationalismen wie Admin. Früher hieß das einfach Verwalter. Ich war noch bis vor kurzem der uneingeschränkte Verwalter über einen kleinen, ganz und gar mir anvertrauten Bereich der digitalen Welt. Hier konnte ich mich sogar fast wie ein kleiner Alleinherrscher fühlen. Und nun, da mir diese Herrschaft nach und nach entglitt, was war ich jetzt?

Na ja, dachte ich mir, etwas Internationalismus im Netz kann ja heutzutage nicht schaden, solange man noch einigermaßen den Durchblick behält. Dieser Durchblick wurde mir aber nun durch eine mir völlig schleierhafte Useroberfläche und Menüführung förmlich vernebelt. Ich war so ziemlich am Verzweifeln. Admin, Admax, Admurx, ich wollte einfach mein altes Blog wieder haben.

„War mein Blog ein Netzflüchtling oder gar Opfer von digitalen Repressionen?”

Ich rief schließlich die Hotline meines Internetanbieters an. Nachdem ich eine Weile in der Warteschleife gehangen hatte, und dabei wechselweise Fahrstuhl-Musik zu hören bekam oder irgendwelche Zahlenkombinationen in den Hören bellen musste, fühlte sich endlich jemand für mein Problem zuständig. Ob ich denn nicht die Nachricht bekommen hätte. Was denn für eine Nachricht, fragte ich ziemlich zerknirscht.

Die Nachricht war vor einem Monat an die Mail-Box meines Kunden-Accounts versandt worden, die ich so gut wie nie besuchte, und lautetet: „Es ist unser Ziel, immer allen aktuellen technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen zu entsprechen. Daher teilen wir Ihnen mit, dass Ihr eingerichtetes Blog automatisch auf die aktuelle Version der Publishing-Plattform (XY) migriert wird. Und das Beste: Sie brauchen nichts weiter zu tun…“ Leider wären dabei einige Schwierigkeiten aufgetreten, an denen man aber bereits fieberhaft arbeite.

„HALLO? DEUTSCH! Versteht mich denn hier keiner?”

Ich war fassungslos. Also ohne mein Zutun migrierte mein Blog gerade in der virtuellen Weltgeschichte umher. War es zum Netzflüchtling geworden, gar Opfer von digitalen Repressionen? Musste ich mir ernsthaft Sorgen machen? Man vertröstete mich. Ich könne ja noch froh sein, dass alles in Englisch wäre. HALLO? DEUTSCH! Verstand mich denn hier keiner? Aha, ich sollte mich also allen Ernstes noch dafür bedanken, dass das Blog nicht nach China migriert sei, und ich täglich mit kryptischen Schriftzeichen begrüßt würde.

Ich war begeistert und harrte nun jeden Tag, tapfer aufkeimende nationalistische Gelüste in mir unterdrückend, auf die Rückkehr meines Blogs im Internet. Aber außer lauter Nachrichten und Kommentaren in mir nicht bekannten Sprachen, da waren sie also doch noch die chinesischen und vermutlich auch noch japanischen Kamikaze-Schriftzeichen, tat sich nichts. Ich kämpfte aufopferungsvoll gegen den auf mich einstürmenden internationalen Spam und kam mir dabei schon wie der Migrationsbeauftragte der Bundesrepublik Deutschland vor.

„Ein Musterbeispiel geglückter Integration.”

Als ich die Hoffnung so langsam aber sicher aufgegeben hatte, war es urplötzlich doch wieder da. Mein Blog, zurückgekehrt von der Bildungsreise im WWW, oder meinetwegen auch erfolgreich migriert, sprach, man glaubt es kaum, lupenreines Deutsch. Ein Musterbeispiel geglückter Integration dachte ich stolz bei mir, während sich die Seiten wieder mit meinen allerinnigsten eigenen Gedanken füllten. Ich glaube, wir werden jetzt doch noch richtig bestes Freunde, ich und mein Blog mit dem Migrationshintergrund. Aber zum eigentlichen Thema zurück. 1. Mai! Was war da gleich noch? Ach ja, genau, by the way, auf welche Demo gehen Sie eigentlich heute?

Die Digitale Bohème bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. Gemeinsam einsam im globalen Dorf des www. -  Foto: leralle unter CC-Lizens auf flickr.com

Die Digitale Bohème bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. Gemeinsam einsam im globalen Dorf des www. – Foto: leralle unter CC-Lizens auf flickr.com

_________

Am 24. April 2013 ging die 9. Ausgabe der achtung berlin – new berlin film awards mit der Preisverleihung im Kino Babylon-Mitte zu Ende – Viel Freude und jede Menge großer Emotionen nach einer Woche voll guter Filme

April 28th, 2013
Haupspielstätte des Festivals, das Kino Babylon in Berlin-Mitte

Hauptspielstätte des Festivals, das Kino Babylon in Berlin-Mitte

Die Regisseurin Biene Pilavci war hinter dem großen Pult und dem riesigen Blumenstrauß kaum noch zu sehen. Allerdings drang ihre sich freudig lautstark überschlagende Stimme bis in die hinteren Reihen des Kinos Babylon in der Rosa-Luxemburg-Straße in Berlin-Mitte. Die Emotionen brachen sich Bahn, nachdem Sie für ihren sehr persönlichen Dokumentarfilm „Alleine Tanzen“ über die schmerzvolle Vergangenheit ihrer aus der Türkei nach Deutschland migrierten Familie mit dem new berlin film award für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Die Dokfilm-Jury lobte daran dann auch den „ungewöhnlich offen Blick hinter die Kulissen eines Familiendramas“ in dem sich die jungen Filmemacherin, wie si e es selbst bezeichnete, komplett nackt gemacht hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes eine 90minütige emotionale Achterbahnfahrt, wie man in dem eingeblendeten Filmausschnitt erfahren konnte.

Biene Pilavci inmitten ihres Filmteams bei Preisverleihung für den besten Dokumentarfilm

Biene Pilavci inmitten ihres Filmteams bei der Preisverleihung für den besten Dokumentarfilm

Mit Liebe gemacht – Die Filme des Spielfilm-Wettbewerbs

Die Liebe als stärkste zwischenmenschliche Emotion stand dann auch im Mittelpunkt der meisten auf dem Festival gezeigten Kurz-, Mittellang- oder Langspiel- bzw. Dokumentarfilme. „Mit Liebe gemacht“ hieß das Festival-Motto, das sich natürlich auch in den nicht preisgekrönten Filmen widerspiegelte. Hervorzuheben sind da vor allem Filme wie „Kaptn Oskar“ von Tom Lass oder „Rona & Nele“ von Silvia Chiogna. Beide Filme zeichnet eine große Liebe zu ihren nicht ganz einfachen Figuren und zur Stadt Berlin als spannungsgeladenem Filmset aus. In „Kaptn Oskar“ beobachtet die Kamera dann auch die Protagonisten Masha (Amelie Kiefer) und Oskar (der Regisseur selbst) zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und kurzen Ausflügen ins brandenburgische Umland bei dem Versuch einer ungewöhnlichen Beziehung ganz ohne Sex und dem daraus resultierenden Beziehungsstress rein auf freundschaftlicher Basis.

Das Fimtheater am Friedrichshain (FaF)

Das Filmtheater am Friedrichshain (FaF)

Oskar versucht von seiner dominanten Ex Alex (Martina Schöne-Radunski) loszukommen, die sich ihr Verhältnis wie das von Courtney Love zu Kurt Cobain vorstellt und Oskar schon die Wohnung abgefackelt hat. Auf seiner Flucht vor einem fremdgestalteten Leben trifft er auf Masha, die ihrerseits, wie auf der Suche nach einer Art Vaterfigur, ständig mit viel älteren Männern (in Nebenrollen die Bühnenschauspieler Christian Kuchenbuch und Gunnar Teuber) schläft. Was Oskar nicht davon abhält, nach einem exzessiven Alkoholabsturz doch wieder in Alex’ Bett zu landen. Zwischen zärtlichen Annäherungsversuchen und fast autistischer Abstoßung bewegen sich die beiden verletzten Beziehungsverstörten durch ein regelrechtes Gefühlschaos, dem sie doch eigentlich zu entkommen suchen. Was Masha und Oskar immer wieder zueinander treibt, ist eine ungestillte Sehnsucht nach Liebe und körperlicher Nähe. Allein diese Sehnsucht scheint letztlich nicht auszureichen, eine neue Art von Beziehung aufzubauen. Du tust mir nicht gut, ist Oskars Reaktion auf Mashas Klammerversuche. Beide vermögen einfach nicht aus ihren eingeübten Verhaltensmustern auszubrechen.

Amelie Kiefer und Tom Lass bei der Vorstellung von Käptn Oskar im FaF

Amelie Kiefer und Tom Lass bei der Vorstellung von “Kaptn Oskar” im FaF

Ein schöner und emotional berührender Film genau wie auch Silvia Chiognas „Rona & Nele“. Die erfolglose Architekturstudentin Nele lebt ein recht unspektakuläres Leben als graue Maus. Sie sieht es als ihre vorrangige Aufgabe sich um ihre zu Depressionen neigende alleinstehende Mutter zu kümmern, bei der sie auch noch wohnt. Heimlich träumt sich Nele aber in ein aufregenderes Leben hinein. Als ihr die sich im Supermarkt auf unkonventionelle Weise selbstbedienende Rona über den Weg läuft, hängt sich Nele einfach kurzentschlossen an die allein in einem verlassenen Haus im Friedrichshain wohnende junge Lebenskünstlerin. Doch auch hier stehen sich die verschiedenen Lebensauffassungen ziemlich konträr gegenüber. Jede der beiden jungen Frauen hat ihre ganz eigenen speziellen Probleme. Selbst die so resolut und selbständig wirkende Rona schreckt vor allzu viel Nähe zurück. Erst langsam entwickelt sich nach anfänglicher Ablehnung durch Neles erstaunliche Beharrlichkeit doch noch eine durch gegenseitige Solidarität geprägte Beziehung, die schließlich in einen Versuch einer echten Freundschaft mündet. Ein bezaubernder Berlinfilm der einerseits eindrücklich die Einsamkeit der Großstadt beschreibt aber auch durch fantastische Bilder Mut machen will. Da fängt schon mal eine Hose an zu tanzen und eine Straßenkapelle spielt den magischen Soundtrack dazu.

Hauptpreis im Wettbewerb Spielfilm für „Silvi“ von Nico Sommer

Aber nicht die Beziehungsprobleme der Jugend haben letztendlich die Wettbewerbsjury Spielfilm, bestehend aus der Schauspielerin Anjorka Strechel, dem Schauspieler und Regisseur RP Kahl und dem Filmproduzenten Jan Krüger, überzeugt, sondern ein Film über eine 47-jährige, die, von ihrem Mann verlassen, nach einer neuen Liebe sucht. Nach der ersten Enttäuschung wagt sie schließlich ganz naiv auf Anraten einer Freundin den Neuanfang und probiert sich erstmals in ihrem Leben selbst aus. Kontaktanzeigen, anonymer Sex mit skurrilen Typen, wie einem Busfahrer, der ihr beim ersten Date gleich seinen Schichtplan und die wichtigsten Nachfahrverbindungen offeriert, werden zur echten Herausforderung für Silvi. Der Film „Silvi“ von Regisseur Nico Sommer lief schon in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ auf der diesjährigen Berlinale und zeigt nicht nur deswegen auffallende Parallelen zum ebenfalls auf der Berlinale sehr erfolgreichen gelaufenem chilenischen Wettbewerbsbeitrag „Gloria“.

Nico Sommer mit Filmteam bei der Preisverleihung für den besten Film für "Silvi"

Nico Sommer mit Filmteam bei der Preisverleihung für den besten Film “Silvi”

Nico Sommer hat in „Silvi“ aber tatsächlich auf eine wahre Begebenheit zurückgegriffen, und trifft damit einen Nerv der Zeit, in der mehr und mehr reifere Frauen mit ihren Erfahrungen und Sehnsüchten die Leinwand erobern. Siehe hierzu auch den 2010 bei Achtung Berlin gezeigten Film „Unbelehrbar“ von Anke Hentschel mit Lenore Steller in der Hauptrolle. Der Film ist gerade erst in den deutschen Kinos angelaufenen. Mit Lina Wedel als Silvi hat Nico Sommer auch eine wunderbare Hauptdarstellerin gefunden. An ihrer Seite überzeugen einmal mehr Thorsten Merten (Halbe Treppe, Unbelehrbar, Kohlhaas und die Verhältnismäßigkeit der Mittel), Harald Polzin, Ivan Gallardo und der große komödiantische Darsteller Peter Trabner (Dicke Mädchen, Kohlhaas und die Verhältnismäßigkeit der Mittel). Nico Sommer und „Silvi“ erhielten den new berlin film award für den besten Spielfilm und den Preis des Vereins Deutscher Filmkritiker.

Zuhälter, Psychopaten und skurrile Separatisten – Die Filme der Stars von Film und Bühne auf dem Festival konnten leider nicht durchweg überzeugen

Ein Filmfestival kommt natürlich nicht ganz ohne Stars aus. Und so waren mit Tom Schilling, Nora von Waldstetten, Nina Kronjäger oder Bruno Cathomas auch einige aus Film und Theater bekannte Größen vertreten. Jedoch allein die großen Namen konnten die Wettbewerbsjury dann doch nicht in jedem Falle überzeugen, Filmen wie der „Woyzeck“-Version von Nuran David Callas, Tim Staffels „Der Jäger ist die Beute“ oder „Freiland“ vom jungen Regisseur Moritz Laube einen Preis zuzuerkennen. Nach Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“ mit dem Ochsenknecht-Sohn Wilson Gonzales hat der Theaterregisseur Nuran David Calis mit Georg Büchners „Woyzeck“ ein weiteres Stück Weltliteratur verfilmt. Büchners Dramen-Fragment verlegt Calis in den Berliner Wedding von heute. Zwischen Nutten und Zuhältern, Hinterhofwohnung und türkischen Imbissbuden muss sich der ehemalige Restaurantbesitzer Franz Woyzeck (Tom Schilling) behaupten. Er braucht Geld für den Traum vom gemeinsamen Glück mit seiner Freundin Marie (Nora von Waldstetten) in einem Häuschen im Grünen.

Tom Schilling, Nora von Waldstätten und Regisseur Nuran David Calis bei der Premiere von "Woyzeck" im FaF

Tom Schilling, Nora von Waldstätten und Regisseur Nuran David Calis bei der Premiere von “Woyzeck” im FaF

Bei einem dubiosen Arzt (Brav Woyzeck, er bekommt Zulage.), dargestellt von Gorki-Schauspieler Gunnar Teuber, der seine Finger auch im Drogengeschäft hat, setzt er sich Arzneimittelversuchen aus und schindet sich in der Küche eines religiösen türkischen Restaurantbesitzers (Georgius Tsivanoglou vom BE), den seine Kumpels Andres und Louis (Markus Tomczyk und Christoph Franken vom DT) nur den Kanackenhauptmann nennen. Auch hier werden Büchnertexte strapaziert (Ein guter frommer Mensch tut das nicht. Woyzeck, du bist unmoralisch.). Mit den Kumpels sammelt er nachts auch noch Müll aus U-Bahnschächten und faselt dabei wie im Delirium Büchners Worte von Freimaurern und Ratten in Endlosschleife (Es ist so still, als wär die Welt tot. Man möchte den Atem halten). Dabei bleibt natürlich zwangsläufig die Libido auf der Strecke und Freundin Marie wendet sich einem Zuhälter und bekannter Kiezgröße (Simon Kirsch) zu.

Woyzeck wird durch die Medikamente immer wunderlicher und rennt schwitzend, halluzinierend und Büchnertext phantasierend durch Berlin. Es kommt was kommen muss. Wie bei Büchner verraten die Ohrringe Maries Untreue und Woyzeck greift zu Pistole und Messer. „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“, heißt es bei Büchner. Hier schwindelt einen nur ob des hanebüchenen Plots, bei dem Andres und Louis dem Zuhälter auch noch die Reifen von der Limousine klauen müssen, um sie auf dem Trödelmarkt zu verscherbeln. Büchners gesellschaftlich Ausgestoßene landen schließlich in der Mülltonne oder gehen den vorherbeschriebenen Weg in den Wahnsinn. Das hat mit einem gut gemachten sozialrealistischen Thriller so viel zu tun, wie Georg Büchner mit Martin Scorsese. Tom Schilling wird es verschmerzen können, hat er doch gerade erst verdienter Maßen zusammen mit Jan-Ole Gersters wesentlich zwingenderem Berlinfilm „Oh Boy“ beim Deutschen Filmpreis triumphiert.

Mit „Der Jäger ist die Beute“ hat Theaterautor und -regisseur Tim Staffel in Zusammenarbeit mit dem Kameramann Fabian Spuck seinen zweiten Spielfilm gedreht. Auch hier stehen wieder bekannte Namen aus der Theaterszene vor der Kamera. Nina Kronjäger, ehemalige René-Pollesch-Muse (u.a. Heidi Hoh und 24 Stunden sind kein Tag) spielt die Schrifstellerin Melanie. Als ihr muskelbepackter Lover Tyson agiert der Volksbühnenschauspieler Trystan Pütter. Melanie wird von dem ehemaligen gescheiterten Tennistalent Moira (unabwendbares Schicksal) verfolgt. Sie spricht der Schriftstellerin ständig mit verzerrter Stimme den Anrufbeantworter voll, legt ihr Blumen vor die Tür und fühlt sich im Geiste völlig eins mit ihr. Schaubühnendarstellerin Jule Böwe überzeugt hier als naive, einsame Stalkerin, die über eine überbordende Fantasie verfügt, das aber nicht selbst kreativ umzusetzen weiß.

Nina Kronjäger, Hauptdarstellerin in "Der Jäger ist die Beute" vor dem Kino Babylon

Nina Kronjäger, Hauptdarstellerin in “Der Jäger ist die Beute”, vor dem Kino Babylon

Als ungleiches Polizisten-Duo Infernale sind die beiden Schauspieler vom Thalia Theater Hamburg Bruno Cathomas und André Szymanski zu sehen. Beide sind sogenannte Stalking-Beauftragte und mit dem Fall beauftragt, den Stalker (Noch geht man davon aus, dass es sich um einen Mann handelt.) zu finden. Die beiden wegen psychischen Problemen und Inkompetenz Strafversetzten verfolgen recht unkonventionelle Methoden der konspirativen Beschattung. Erschwerend kommt hinzu, dass Enno (Bruno Cathoms) Melanies Ex ist und neue eifersüchtige Besitzansprüche in ihm erwachen. Torge (André Szymanski) ist ein stark verhaltensgestörter Rassist, den Gewaltfantasien plagen und der in Moira ein Ebenbild seiner Mutter sieht, an der er sich gerne rächen möchte. Die Polizisten verfolgen so ziemlich schnell aus reinem Eigeninteresse die Fährte ihrer Begierde. Was zur Folge hat, dass bald nicht mehr wirklich klar zu sein scheint, wer eigentlich der Jäger und wer die Beute ist.

Das ist so ungefähr bis zur Hälfte eine ziemlich gut inszenierte Komödie über die skurrilen Probleme beziehungsgestörter Großstädter. Tim Staffel wollte die verschiedensten Spielarten des Stalking beleuchten und hat dafür lange recherchiert, wie er nach der Premiere des Films erklärte. Man merkt dem Film leider seine ursprüngliche Konzeption als Hörspiel an, was sicher auch daran liegt, dass die Realisierung tatsächlich aus Kostengründen parallel erfolgte. Der Film ist stark dialoglastig (würde vermutlich auch besser als Theaterstück funktionieren) und vermag dem kaum entsprechende Bilder entgegenzusetzen. Die Story verliert sich schließlich immer mehr in den einzelnen Psychomacken, sexuellen Fantasien und der unaufgearbeiteten Vergangenheit der Protagonisten. Der Geschichte geht so nach und nach die Luft aus, und übrig bleibt lediglich die Erkenntnis, dass in jedem anonymen Großstadtbewohner ein potentieller Stalker lauern kann.

Große Erwartungen verbanden sich in Zeiten von Finanzkrise und Occupy-Bewegung mit dem Spielfilm „Freiland“ von Moritz Laube. Er beschreibt ein Experiment in dem eine Gruppe von Gesellschaft und Politik Enttäuschter einen eigen Staat in der brandenburgischen Provinz gründen. Und auch das basiert ja durchaus auf wahren Begebenheiten. Solche Art Staatsgründungen gab es tatsächlich schon. Regisseur Moritz Laube, der dieses Filmprojekt auch konzipiert hat, stellt diesen Versuch aber von Anfang an als zum Scheitern verurteiltes Unterfangen einiger fanatischer Utopisten, Ökospinnern und Sonderlingen mit Hang fürs Militärische dar. Der Lehrer Niels (Aljoscha Stadelmann) wird nach dem Besuch einer in Gewaltexzessen eskalierenden Demo mit seinen Schülern vom Schuldienst suspendiert. Er ergreift die Gelegenheit und kidnappt den in einem Wohnwagen voller Konserven durch Deutschland reisenden und Vorträge haltenden Untergangsphilosophen Christian (Matthias Bundschuh) und verschleppt ihn aufs Land, wo er ein altes Gutshaus gekauft hat.

Regisseur Moritz Laube mit dem Freiland-Team bei der Premiere im Kino Babylon

Regisseur Moritz Laube (mit Micro) mit dem Freiland-Team bei der Premiere im Kino Babylon

Der Name für den neuen Staat ist schnell gefunden und erste Mitstreiter (unter ihnen Schauspieler Andreas Leupold vom Maxim Gorki Theater) pilgern ins neue Freiland. Die Auswahl erfolgt durch ganz gezielte Fragen. Regeln werden schnell beschlossen, Pässe und Funktionen verteilt. Ein morgendlicher Fahnenappell mit Marschmusik sorgt für die notwendige Identifizierung mit der Sache. Als der Zulauf immer größer wird, werden allerdings die Grenzen schnell geschlossen und die Presse bekommt endlich auch Wind von der Sache. Der TV-Reporter (Klaas Heufer-Umlauf) weiß aber nur von hygienischen Unzulänglichkeiten, Zwang und regelmäßigen Reproduktionsabenden, bei denen die Paarungen immer wieder neu ausgelost werden, zu berichten. Das ist alles von Moritz Laube natürlich mit einem großen Schuss Ironie inszeniert. Die Freiländer reproduzieren bei ihm von der ersten Minute an das, was sie eigentlich an der bestehenden Gesellschaft, die sie verlassen haben, immer kritisieren wollten. Eine neue Art von Demokratie im Kleinen lässt sich so schwerlich umsetzen. Der Film funktioniert daher am besten noch als Farce und beweißt damit natürlich nur das Zitat von Karl Marx, dass sich Geschichte, wenn überhaupt, dann nur als Farce wiederholt.

Als hartnäckigster Widerpart der Freiländer erweist sich der lokale Bürgermeister (Stephan Grossmann), der auch schon ein Auge auf das Grundstück der Freiländer geworfen hatte. Er schleust seine Sekretärin (Henrike von Kuick) als Spionin in den Freistaat, engagiert einen finsteren Personenschützer und sorgt dafür, dass die Versorgungsquellen der Separatisten nach und nach versiegen. Als Geld und Ressourcen knapp werden, entschließt man sich einfach Essen und Strom zu rationieren. Erste aufkommende Zweifel können nur mit viel Propaganda unterdrückt werden. Spätestens nachdem der „Finanzminister“ Freilands mit den letzten Goldreserven getürmt ist, der Diesel zur Neige geht und Eifersucht, Missgunst und Allmachtphantasien überhand nehmen, ist die Gemeinschaft endgültig in Auflösung begriffen. Und das dramatische Diktum des Theaterautors Anton Tschechow „Eine Pistole, die im ersten Akt eines Stücks an der Wand hängt, muss spätestens im dritten Akt abgefeuert werden.“ erfüllt sich natürlich auch noch.

Der Theaterschauspieler Bruno Cathomas (Schaubühne Berlin, Thalia Theater Hamburg) spielt eine kleine witzige Nebenrolle als in die Welt gesandter Botschafter Freilands. Aber auch er kann Utopie und Film nicht mehr retten. Als er die Anerkennung der UNO in der Tasche nach langer kostenintensiver Reise zurückkehrt, werden die übriggebliebenen Freiländer gerade von der Polizei eingefangen und der Bürgermeister übernimmt wieder den ihm angestammten Platz in der politischen Ordnung des „lokalen“ Dorfes. Das „globale“ Dorf hat die Aussteiger schnell wieder aufgesogen, in den immer wieder dokumentarisch eingestreuten Interviewfetzen geben sie ihre ganz persönliche Sicht auf die Ereignisse in Freiland vor der Kamera wieder. Eine wirkliche Vision hatte hier niemand. Was davon übrig bleibt ist eine Erfahrung mehr und die Hoffnung auf die Macht der Liebe. Na immerhin etwas.

Jan Krüger, Anjorka Strechel und RP Kahl, die Wettbewerbsjury Spielfilm vor dem Kino Babylon

Jan Krüger, Anjorka Strechel und RP Kahl, die Wettbewerbsjury Spielfilm vor dem Kino Babylon

„Kohlhaas!!! Scheiß aufs Geld!“ – Die Welt als Wille und Vorstellung in einem Film von Aron Lehmann

Ein kleines Wunderwerk an Film hat der Regisseur Aron Lehmann mit seiner Abschlussarbeit für die HFF Potsdam-Babelsberg geschaffen. Den Mangel an Fördergeld, der so viele Low-Budget-Filmen gemein ist, nutzt er als Potential für eine ironische Betrachtung des Filmemachens in Zeiten knapper Kassen. Aus der Verfilmung eines historischen Ritterspektakel nach der Novelle „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist droht nach dem Rücktritt der bayrischen Produzenten ein Debakel zu werden. Heinrich von Kleist war mit seinen Werken der ihn umgebenden Welt um einiges voraus. Mit verzweifelter Akribie versuchte er in ihr, beeinflusst von der Philosophie des Königsbergers Immanuel Kant, seinen Platz zu finden und als „freier denkender Mensch“ nicht einfach nur da stehen zu bleiben, wo ihn das Schicksal hingeworfen hatte. Im Jahr 1811 endete die Suche allerdings mit Kleist Selbstmord am kleinen Wannsee bei Berlin. Das Kleistzitat: „Ein freier, denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo der Zufall ihn hinstößt; oder wenn er bleibt, so bleibt er aus Gründen, aus Wahl des Bessern.“ stellt der junge Berliner Regisseur Aron Lehmann seinem Film „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ voran.

„Die Welt ist meine Vorstellung.“ Mit diesem Satz beginnt acht Jahre nach dem Freitod des 33-jährigen Dichters Kleist der 31 Jahre alte Philosoph Arthur Schopenhauer sein großes pessimistisches Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Für ihn war die Welt als Vorstellung lediglich durch das vorstellende Subjekt gegeben, hing also unmittelbar vom Erkenntnisvermögen des Betrachters ab. Und er widersprach dabei in einigen Punkten der transzendentalidealistischen Auffassung Kants. Aron Lehmann bleibt hier nicht stehen. Er überträgt die These Schopenhauers, allerdings ganz im positiven Sinne, auf den Film. Für ihn entsteht die gesamte Welt (des Films) erst aus dem reinen Willen zur Imagination.

Das Filmteam von Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel vor dem Kino Babylon

Das Filmteam von “Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel” vor dem Kino Babylon

Und damit hat der Filmemacher natürlich mit den Theaterleuten einiges gemein, die auch wieder zahlreich in seinem Film vertreten sind. Sei es durch die mitwirkenden Schauspieler oder die sich selbst bühnenaffin gebenden Dorfbewohner, die sich dem Regisseur im Film als unerwartete Erfüllungsgehilfen zunächst bereitwillig andienen. Den Idealismus des jungen Regisseurs, dargestellt vom anderen Jungstar des neuen deutschen Films und Filmpreisnominierten Robert Gwisdek, teilen sie jedenfalls alle erst nach einer flammenden Motivationsrede mit anschließendem demonstrativ imaginiertem Kampfgetümmel im bayrischen Forst. Da werden Kühe und Ochsen zu Pferden und auch fehlende Schwerter, Rüstungen und brennende Kulissen halten den Regisseur nicht davon ab seinen Traum vom Film in die Realität umzusetzen. Dass ihm dabei neben dem Hauptdarsteller auch irgendwann der Sinn für die wirkliche Welt abhanden kommt, blendet er dabei allerdings nach und nach völlig aus. Die Liebe zu seiner Muse, der Darstellerin von Kohlhaas’ Frau Lisbeth (Rosalie Thomass), lässt ihn schließlich selbst als Kohlhaas in den Kampf für die Verwirklichung seiner Vision ziehen.

Aron Lehmann (mit Micro) und sein Team bei der Preisverleihung für die beste Regie im Kino Babylon

Aron Lehmann (mit Micro) und sein Team bei der Preisverleihung für die beste Regie im Kino Babylon

Der Einbruch der merkwürdigen Filmkunstschaffenden in die normale Welt der Dörfler schlägt nach anfänglicher Begeisterung schnell in Ablehnung und blanken Hass um, der schließlich sogar Kohlhaas’sche Dimensionen annimmt. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel werden a priori genau da überschritten, wo der Wille zur Vorstellung Zwang zu werden droht. Eine Binse nicht erst seit das Geld knapp und die Kunst im ständigen Existenz- und Erklärungsnotstand steht. Der irgendwo zwischen Truffauts „Amerikanischer Nacht“, Fassbinders „Warnung vor einer heiliger Nutte“ und den wahnwitzigen Filmvisionen vom Schöner-Scheitern eines Christoph Schlingensiefs angesiedelte Streifen ist ein klares Plädoyer für die schier grenzenlose Kreativität des Künstlers, das Aron Lehmann hier natürlich nicht ganz ohne Ironie und kleine Seitenhiebe auf die deutsche Kinoszene hält. Denn dass ein gut subventionierter Film über Kleists Rächer aus verletztem Gerechtigkeitsgefühl auch daneben gehen kann, hat schließlich schon Volker Schlöndorff erfahren müssen. Übrigens, wem dass nicht passt, der kann ja zu Tom Tykwer gehen, dessen ohne Wackelkamera gedrehten Filme immerhin für gute Szenenbilder, Masken und tadellos sitzende Kostüme Preise abkassieren.

Ein großes filmisches Vergnügen, an dem auch die Spielfilmjury Gefallen fand und Aron Lehmann dafür ganz zu Recht den new berlin film award für die beste Regie zuerkannte. Neben Robert Gwisdek und Rosalie Thomass stehen Lehmann hier so tolle Schauspieler wie Jan Messutat, Thorsten Merten, Heiko Pinkowski, Michael Fuith, Peter Trabner u.v.a.m. zur Seite. Was auch nicht nur bei diesem Film ein starker Beleg für den dringend zu schaffenden Darstellerpreis war, wie die Jury auch eindringlich betonte. Der Dank zum Schluss der Preisverleihung galt natürlich noch dem engagiert und aufopferungsvoll arbeitendem Festivalteam, das Achtung Berlin wieder zu einem außerordentlichen Festivalerlebnis machte. Und so kann man sich schon heute auf den Start der 10. Ausgabe des new berlin film awards am 09.04.2014 und natürlich die hoffentlich bald anstehenden Kinostarts der Festival-Filme freuen.

Das Achtung-Berlin-Festivalteam bei der Preisverleihung im Babylon Mitte

Das Achtung-Berlin-Festivalteam bei der Preisverleihung im Babylon Mitte

***

Alle Preisträger und Jurybegründungen gibt es hier.

(c) Text und Fotos: Stefan Bock

__________

Frust statt Brust – Sibylle Berg alias “Frau Sibylle” randaliert in ihrer S.P.O.N.-Kolumne auf Spiegel online und beklagt sich dabei über das Elend im deutschen Stadttheater.

April 17th, 2013

Wir kennen Sibylle Berg als genaue Beobachterin und unerbittliche Beschreiberin menschlicher Unzulänglichkeiten. Die Ergebnisse heißen dann z.B. „Das Unerfreuliche zuerst. Herrengeschichten.“ oder „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot.“ Ironie und Schwarzer Humor waren eigentlich nie ihr Problem. Seit etwas zwei Jahren schreibt Sibylle Berg eine der S.P.O.N.-Kolumnen auf Spiegel-online namens „Fragen Sie Frau Sibylle“. Unter der Schlagzeile Zeit für Frustrandale sitzt sie nun zu Gericht über die Krise des deutschsprachigen Sprechtheaters. Tatsächlich ein seltsamer Begriff. Sprechtheater klingt irgendwie wie Brechtheater, ohne zweites t in der Mitte versteht sich. Was ist passiert? Warum geht es Frau Sibylle so schlecht? Sie war lange nicht mehr glücklich im Theater. Und ich kann das sogar in Teilen nachvollziehen.

3783Sibylle Berg

Sibylle Berg (* 2. Juni 1962 in Weimar) ist eine deutsche Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie schreibt Romane, Essays, Kolumnen und Theaterstücke. – Foto: Udo Grimberg (Wikipedia)

Nur woran liegt das? An leidenden, halbnackten Frauen, zu vielen Männern am Theater oder langweiligen Spielplänen? Wer hat das deutsche Stadttheater zur „Minna“ gemacht? Wer raubt uns mit den ibs-ten „Räubern“ den Nerv? An jedem zweiten Theater wird passend zur Krise ein „Kirschgarten“ abgeholzt. Keine Ideen, kaum neue Stücke, wenig interessante Rollen für Frauen. Kurz – das Elend, konstatiert Frau Sibylle. Den schwarzen Peter bekommen nun der Stein und der Zadek. Bei denen rannten ja bekanntlich schon in den 70ern Nackte über die Bühne und schrien. Alles Schreier, außer Schlingensief und Pollesch. Wenn Christoph Schlingensief weiter brav den Messdiener gegeben hätte, würde ihn wahrscheinlich heute noch keiner kennen. Und René Pollesch ist auch erst seit ein paar Jahren etwas ruhiger geworden.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die Volksbühne vor ziemlich genau 10 Jahren drei nackte Komparsen für Schlingensiefs „Atta, Atta, die Kunst ist ausgebrochen!“ suchte. Ob diese schon nackt zum Casting erscheinen mussten, ist mir allerdings nicht bekannt. Wenn das damals nicht nur ein Fake gewesen wäre, hätte Frau Sibylle sich etwa geweigert in der Volksbühne von einem/er nackten Komparsen/in zu ihrem Platz geleitet zu werden? Bereits 1993 bei „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“ forderte Schlingensief das Publikum auf, sich nackt auszuziehen. Gleichberechtigung für alle! „…seid nackt, nackt, nackt!“ Wäre ihm Frau Sibylle gefolgt? Aber zumindest gematscht wurde jede Menge bei Schlingensief. Also bitte bloß keine neue Ekeltheaterdebatte.

Sebastian Hartmann inszeniert nach Shakespeares Was ihr wollt und dem Nackten Wahnsinn. Premiere: 19. November 2011.

Nackte am Theater? Wo gibt’s denn sowas?
Birgit Unterweger in „Nackter Wahnsinn – Was ihr wollt“ am Centraltheater Leipzig, Regie: Sebastian HartmannFoto: David Baltzer/bildbuehne.de

Man sieht, Nackte am Theater, das ist alles ein ziemlich alter Hut, auf den sie da drischt. Dazu gibt es sogar schon genau so lange, wie es Frau Sibylle gibt, eine Doktorarbeit von Ulrike Traub. Nur was will sie nun eigentlich wirklich? Allgemeine Ratlosigkeit durchzieht diese Klage. Aber lesen Sie erst noch einmal hier selbst nach. Und, schlauer? Muss man(n)/frau sich nun wohl oder übel ernsthaft Gedanken oder sogar Sorgen machen? Sicher, es ist bedauerlich, Christoph Schlingensief ist tot, Peter Zadek schon etwas länger. Nur Peter Stein geistert noch durch die Theatergeschichte, immer in gehörigem Abstand zur Gegenwart, dem Publikum und vor allem der Kritik. Einen Beitrag zur Bankenkrise oder dem Irak-Krieg würde man aber wohl auch von René Pollesch vergeblich einfordern. Die Folge ist Frust statt Brust. Randale durch sinnverhüllende Verweigerung. Frau Sibylle leidet, und wir leiden beim Lesen zwangsläufig mit.

Wissen Sie, was das Komische an Kolumnen wie „Fragen Sie Frau Sibylle“ ist? Obwohl niemand gefragt hat, bekommt jeder eine Antwort. Aber so isses halt immer schon gewesen, die Sibylle hat nie wirklich einer gefragt. Trotzdem hat sie unermüdlich geunkt, von der Antike bis in die heutige Zeit. Irgendwann hat sich das verselbständigt, und die Sibyllen schossen wie Hallimasch aus dem Boden. Vermutlich jedes zweite Kräuterfräulein, das zu viel vom eigenen Gesammelten und Gebrutzelten genascht hatte, hielt sich für eine gottberufene Prophetin. Die Sibylle entwickelte sich tatsächlich schon in der Antike schnell zu einer Art Berufsbezeichnung. Und es waren meist Männer, die in einsamen Nächten, in ihren Klosterzellen anfingen, den ganzen Unsinn aufzuschreiben. Viele Seiten füllen die verschiedensten sibyllinischen Schriften.

Jeder Kult, jede Religion, jede Epoche kennt diese weibliche Form der ekstatisch kryptischen Prophetie. Die aus rasendem Munde Ungelachtes und Ungeschminktes und Ungesalbtes redet und mit ihrer Stimme durch tausend Jahre reicht. So hat Heraklit die Sibylle beschrieben. Und es dürften mittlerweile weit über zweitausend Jahre sein. Viel schlauer ist seither allerdings noch keiner geworden. Und beim Barte des Propheten oder den roten Haaren der Sibylle, warum das so ist, daran scheiden sich noch heute die Geister.

Da unsere Frau Sibylle tatsächlich Frau Sibylle heißt, und zwischen zwei Theaterstücken und ein paar Büchern auch noch Zeit für die Prophetie hat, dürfen wir das nun im Onlinezeitalter wöchentlich lesen, was sie so umtreibt, oder ihr, wie Herr Stadelmaier (auch so eine Art Prophet am Theater) es sagen würde, durch die Rübe rauscht. Vielleicht sollte Frau Sibylle tatsächlich mal was rauchen. Das entspannt ungemein, wenn man mal wieder gerade kurz vor der Frustrandale steht. Oder, auch eine Möglichkeit, Herrn Stadelmaier fragen. Dann werden die Orakelsprüche zwar auch nicht hellsichtiger, aber höchst wahrscheinlich lesbarer.

Und so bleiben wir bis dahin ebenso ratlos, wie Frau Sibylle selbst, und schauen in das Grab, das sich da aufgetan hat und alles zu verschlucken droht. Das gute alte Stadttheater samt halbnackten Schreihälsen, die rumstehen, rumlaufen oder gute Texte in guter Betonung aufsagen und natürlich den vielen Textarbeitern, die an ihrem „heteronormativen Weltbild“ meißeln. Und Frau Sibylle, als leidende Frau und hin- und hergerissene Autorin, immer mittendrin, im Strudel der schier unendlichen Kunstformen und -begriffe, die doch keiner begreift. Zwischen Skylla und Charybdis, René Pollesch und She She Pop, klassischem Bildungsbürgertum und freien Gruppen.

Träumen von Geschwindigkeit, Bildern, Tempo, Mut, alles zu ändern? Wer will das schon, wenn es Texte wie diesen gibt, den man ohne ganz in Rage zu verfallen, zusammenfalten und als Papiertiger zu den Akten legen kann. Abteilung: Schriften aus der Grotte. Sie wissen schon, da wo die Sibylle wohnt. Und jetzt? Bei den unergründlichen Tiefen des Hellespont. Worum ging es eigentlich noch? Stein und Zadek, Nackte und Schreihälse? Selbstreferenzielles von Theaterschaffenden, Sibylle Berg, Inga Stade oder IM Lustig? Die Kommentatorenkästchen auf Spiegel-online und nachtkritik.de laufen jedenfalls über vor lauter guten Ratschlägen. Oder geht es etwa doch wieder mal um die Revolution am Theater? Sagte ich schon, dass ich ratlos bin? Ich weiß nur eines: Hallimasch macht Heil im Ar… Und jetzt raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Oder fragen Sie Frau Sibylle.

_________

globale 2013 – Das 8. globale Filmfestival Berlin findet vom 11. bis 17. April im Eiszeit Kino und im regenbogenKINO statt.

April 8th, 2013

Die globale 2013 in Berlin globale 2013

Das globale Filmfestival findet bereits seit 2003 in Berlin statt und zeigt Produktionen aus aller Welt, deren Fokus vorrangig auf der Beobachtung sozialer Missstände und Konflikte liegt. Es werden Geschichten über Widerstand und alternative Handlungsmodelle zur Gegenwehr erzählt. Die globale versteht sich dabei durchaus als politisches Festival, das mittels Filmkunst die Diskussion zu länderübergreifenden Themen und allgemeinen sozialen Problemen sucht, und damit eine möglichst breite Plattform zur Kommunikation bietet. Die Macher verstehen sich dabei als Mittler zur internationalen Vernetzung durch das vielschichtige Medium Film. Denn gerade der Film vermag am ganz konkreten Beispiel die Zusammenhänge und Verkettungen von lokalen mit globalen Machtverhältnissen sichtbar zu machen und schärft damit den Blick für die Realität.

Eine Woche lang werden nun ab dem 11.04.13 ganze 49 Dokumentar-, Kurz- und Spielfilme gezeigt. Es besteht dabei die Chance für das Publikum unterschiedliche Lebenswelten und Zusammenhänge kennen zu lernen und mit den Filmemacher_innen darüber ins Gespräch zu kommen. Das globale-Team sieht dabei die Schwerpunkte nicht nur auf den ganz alltäglichen Problemen. Sie werfen ganz konkrete Fragen auf. Es soll sich vor allem auch darüber ausgetauscht werden, wie Menschen weltweit in (post)kolonial geprägten Verhältnissen leben, welchen Einfluss der Kapitalismus und dessen neoliberale Formen auf unsere Gesellschaften haben und wie wir uns dem patriarchalisch geprägten Wertesystem widersetzen können. Die ausgewählten Filme beleuchten dabei die Institutionen und Strukturen, die hinter den Konflikten und sozialen Missständen existieren.

Abschied von Matjora Abschied von Matjora

Eröffnet wird das Festival am Donnerstag, den 11.04.13 um 18:00 Uhr mit dem österreichischen Dokumentarfilm „Der Prozess“ im Regenbogenkino in Kreuzberg. Der Film dokumentiert den Gerichtsprozess gegen eine Gruppe von Tierschützern. Die Protagonisten sehen sich staatlicher Überwachung und Gewalt ausgesetzt, gegen die es keine demokratisch garantierten Rechte zu geben scheint. Ein unbedingtes Must-Seen ist der russische Spielfilm „Abschied von Matjora“, der noch zu Sowjetzeiten 1979 gedreht wurde. Ein Dorf in der russischen Provinz soll einem Staudammprojekt weichen. Ein Beitrag über soziale Entwurzelung und staatliche Willkür, der bis heute nicht an Aktualität verloren hat, wie in weiteren Filmbeiträgen zum Thema zu sehen sein wird. „Abschied von Matjora“ wird ebenfalls am 11.04.13 um 21:00 Uhr im Eiszeitkino gezeigt.

Weitere Filme gibt es zur Arabellion in Tunesien und Libyen, zu Streikaktionen in Griechenland, interner Vertreibung der Landbevölkerung in Lateinamerika oder zum alltäglichen Rassismus und der europäischen Flüchtlingspolitik. Am 15.04.13 um 18:30 Uhr zeigt das Eiszeitkino noch einmal den russischen Dokumentarfilm „Winter, go away!“, ein Beitrag des Leipziger DOK-Filmfestivals 2012. Junge russische Filmemacher-innen verfolgen mit der Kamera die Protestaktionen während der letzten Präsidentschaftswahlen im Winter 2012 in Russland. Ein wichtiger Beitrag zur Einschätzung der politischen Verhältnisse im heutigen Russland und der oppositionellen Kräfte gegen Präsident Putin. Das Festival schließt am 17.04.13 im Eiszeitkino um 21:00 Uhr mit einer Doku über den Völkermord in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. „Deutsch-Südwas! – Erinnerung an einen deutschen Völkermord“ konfrontiert uns noch einmal mit unserer eigenen verdrängten kolonialen Vergangenheit.

winter go away Winter, go away

Das gesamte Festivalprogramm ist hier einzusehen:  globale Programm 2013

Fotos: globale-Filmprogramm

KINO-Adressen:

regenbogenKINO
Lausitzer Str. 22
10999 Berlin-Kreuzberg

Eiszeit Kino 1 und 2
Zeughofstr. 20
2. Hinterhof, 1. Etage
10997 Berlin-Kreuzberg

__________

Über das Verstummen im Bannkreis von Terror und Intrigen – Schöner Scheitern mit Schiller am Berliner Ensemble und Hölderlin beim F.I.N.D. an der Schaubühne

März 30th, 2013

___

Da ihr noch die schöne Welt regiertet,
An der Freude leichtem Gängelband
Glücklichere Menschalter führtet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!
Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!

Da der Dichtkunst malerische Hülle
Sich noch lieblich um die Wahrheit wand! –
Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,
Und, was nie empfinden wird, empfand.
An der Liebe Busen sie zu drücken,
Gab man höhern Adel der Natur.
Alles wies den eingeweihten Blicken,
Alles eines Gottes Spur.

Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder,
Holdes Blütenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben trauert das Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach, von jenem lebenwarmen Bilde
Blieb der Schatten nur zurück.

Friedrich von Schiller aus: Die Götter Griechenlands

Attika, die Heldin, ist gefallen;
Wo die alten Göttersöhne ruhn,
Im Ruin der schönen Marmorhallen
Steht der Kranich einsam trauernd nun;
Lächelnd kehrt der holde Frühling nieder,
Doch er findet seine Brüder nie
In Ilissus heilgem Tale wieder –
Unter Schutt und Dornen schlummern sie.

Mich verlangt ins ferne Land hinüber
Nach Alcäus und Anakreon,
Und ich schlief’ im engen Hause lieber,
Bei den Heiligen in Marathon;
Ach! es sei die letzte meiner Tränen,
Die dem lieben Griechenlande rann,
Laßt, o Parzen, laßt die Schere tönen,
Denn mein Herz gehört den Toten an!

Friedrich Hölderlin aus: Griechenland 

schillerdenkmal-dresden.jpg    friedrich-holderlin-pastell-von-franz-karl-hiemer_1792.jpg

Zweimal Friedrich. Schöngeist Schiller (Denkmal aus dem Jahr 1913 von Selmar Werner am Albertplatz in Dresden – Foto: St. B.) und in den Spuren seines Vorbilds der junge Hölderlin (Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792)

Mit der Theokratie des Schönen gegen den Terror – Romeo Castellucci zelebriert Hölderlins Hyperion an der Schaubühne

Ein „Gefühlsterrorist“ sei dieser Kleist gewesen, aber eben einer „im schönsten Sinne“. So Claus Peymann in einer Fernsehdokumentation zum Kleistjahr 2011 über den preußischen Dichter und Dramatiker, der „Rasende Gedichte“ schrieb und laut Peymann wie eine „Rakete“ in die Ordnungspolitik Goethes hinein „geknallt“ sei. Von einem deutschen Genie, das nur Millimeter vom Extremismus eines Dschihad-Kriegers entfernt gewesen sei, sprach der Intendant des Berliner Ensembles sogar. Und so scheint es auch gar nicht verwunderlich, dass ein anderer Theaterregisseur das stark emotionale Werk eines weiteren vom Geheimen Rat Goethe missverstandenen Dichters in die Nähe der Attentäter des 11. September rückte. Die Rede ist von Friedrich Hölderlin und seines in Briefform verfassten Romans „Hyperion – Oder der Eremit in Griechenland“. Für den italienischen Skandalregisseur Romeo Castellucci sind das nämlich „Briefe eines Terroristen“, wie seine Adaption von Hölderlins Versuch einer Reise auf der ihm bis dato fremden „terra incognita im Reiche der Poësie“, wie er es selbst bezeichnete, im Untertitel heißt.

FIND_Schaubühne2 Foto: St. B.

Hölderlin hat mit Kleist sicher die Sprachgewalt gemeinsam, eine Affinität zur Philosophie Kants und Fichtes, sowie die anfängliche Begeisterung für die Französische Revolution. Der späteren Resignation Hölderlins steht aber bei Kleist ein regelrechter Hass gegen die Napoleonische Besetzung Deutschland gegenüber. Während Kleist Stücke wie „Die Hermannsschlacht“ als verklausulierten Aufruf zum bewaffneten Kampf gegen Napoleon verfasste oder die Gewalt des Menschen in der Natur in blutigen, philosophisch reflektierten Novellen wie „Das Erdbeben von Chili“ beschrieb, ließ Hölderlin seinen griechischen Freiheitshelden „Hyperion“ nach gescheitertem Kampf zwar klagen, aber auch die Kunst als Kind der göttlichen Schönheit preisen. Und darin war Hölderlin wohl tatsächlich radikal gläubig, als ein Vertreter einer Religion der Liebe zur Schönheit, und, so scheint es zumindest Castellucci, den selbsternannten Märtyrern des islamischen Dschihad, mit ihrem unbedingten Glauben an die „ewigen Gärten“ des Paradieses (siehe Programmheft), nicht ganz unähnlich. Nur das eben Hölderlins Bombe im Geiste rein aus der Kraft der Sprache entspringt, die sich in ihrer Sehnsucht nach Größe über die seinem Ideal nicht entsprechende reale Welt hinaus erheben will.

Und dieses Ideal verlegte Hölderlin getreu seinem Vorbild Schiller, der ihm auch die Veröffentlichung der ersten Versuche am Hyperion ermöglichte, nach Griechenland, dem Sehnsuchtsort vieler deutscher Dichter jener Zeit. Jedoch bei Hölderlin ist es nicht nur das Land der klassischen Antike, das er mit der Seele suchen will, sondern das Griechenland der Befreiungskriege gegen die osmanische Vorherrschaft um 1770, was wohl auch nicht ganz zufällig mit Hölderlins Geburtsjahr zusammenfällt. Siebenundzwanzig Jahre und eine gescheiterte Französische Revolution später, schreibt Hölderlin seinen Hyperion als persönliche Reflexionen des Scheiterns aber auch der Hoffnung auf Versöhnung des Menschen mit dem Genius und der Natur, als ein utopisches Moment der Naturhaftigkeit des Subjekts. Adorno sah Hölderlins Text als eine Versöhnung von Subjekt und Objekt, wie er es in seinem Hölderlin-Essay „Parataxis“ beschreibt. Denn der Genius ist selber auch Natur und „Sein Tod (…) wäre das Erlöschen der Reflexionen und der Kunst mit ihr im Augenblick, da die Versöhnung aus dem Medium des bloß Geistigen übergeht in die Wirklichkeit.“ Und genau das ist auch das zeitgenössische Moment Hölderlins gegenüber der Weimarer Klassik, die kritisch philosophische Sicht des Aufklärers Rousseau, dem zweiten großen Vorbild und Halbgott für Hölderlin. Dessen Skepsis an der Fortschrittsgläubigkeit der Aufklärung zieht sich über Nietzsche schließlich weiter bis zu Adorno und Horkheimer, die in der „Dialektik der Aufklärung“ die Weltherrschaft über die Natur für das Ende von Subjekt und Objekt verantwortlich machen. „Naturbeherrschung zieht den Kreis, in den Kritik der reinen Vernunft das Denken bannte.“

Foto: St. B. FIND_Hyperion_Schaubühne_Applaus

So ist denn auch das eigentlich Radikale an Hölderlins Hyperion nicht allein sein Kampf für die Freiheit, sondern die Kritik an den Gründen dessen Scheiterns, sein Kulturpessimismus gegenüber den Deutschen und die bedingungslose Beschwörung der Einheit von Genius und Natur. Was Castellucci nun in seiner Inszenierung an der Berliner Schaubühne daraus macht, ist freilich etwas ganz anderes. Er sieht die Zeitgenossenschaft Hölderlins frei nach dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben, der ihm sicher näher sein dürfte als Adorno oder Horkheimer, nicht in einer aufgeklärten Aufklärung, sondern darin, in der verzögerten menschlichen Wahrnehmung von Licht, Zeit und Raum, „In der Dunkelheit der Gegenwart jenes Licht wahrzunehmen, das uns vergeblich zu erreichen versucht.” Darin bei aller pathetischen Schönheit das Licht der Aufklärung erblicken zu wollen, wäre allerdings angesichts der Versuchsanordnung Castelluccis eher etwas vermessen. Und so geht dann auch zu Beginn das Licht auf der Bühne aus und ein gut ausgerüstete Cop Squad zerstört akribisch im Schein von Taschenlampen eine gut bürgerliche Wohnlandschaft samt Sitzmöbeln, Bücherregalen und macht auch vor dem Parkettboden nicht halt. Das zieht sich so ca. 20 min. hin, und nachdem das Licht wieder angegangen ist, wird das Publikum mit einem barschen „Hier gibt es nichts zu sehen!” und „Verlassen Sie den Saal!” zum sofortigen Gehen aufgefordert. Der gerade erst seinen Sitzplatz erwartungsvoll eingenommene Bildungsbürger wird so abrupt aus dem Tempel der Kunst vertrieben und kann getrost alle Hoffnung fahren lassen. Vor allem auch der im Publikum weilende Claus Peymann hätte sich das sicher vorher nicht träumen lassen, in einer seiner früheren Wirkungsstätten wie der Schaubühne so schnell wieder hinauskomplimentiert zu werden, und dabei noch die Bühne von einer gewaltbereiten imaginären Staatsmacht besetzt zu sehen. Aber das Volk fügt sich und wird dann auch erwartungsgemäß nach einer halben Stunde Aufräumarbeit wieder in die heiligen Hallen eingelassen.

Nach der anfänglichen Demonstration roher Gewalt wird man nun im Folgenden aber mit wahrer Hochkultur beglückt. Auf leergeräumter Bühne liegt ein schwarzer Hund. Blind wie der weise Seher Teiresias und mit spitzen Ohren wie der ägyptische Gott Anubis. Ein wahrer Seelengeleiter, ein Psychopompos wie es bei Castellucci heißt, der uns gebannt lauschend anstarrt, bis er selbst von der Bühne geleitet wird. Gebannt lauschen muss nun auch der Zuschauer, da ein Kind die ersten Worte aus den Erziehungskapiteln des Hyperions flüstert. Es treten im Folgenden weitere Töchter der Schönheit auf. Rosabel Huguet, Eva Meckbach, Angela Winkler und Luise Wolfram führen durch die Lebensalter und Erfahrungsberichte Hyperions an seinen Brieffreund Bellarmin. Anfänglich ist noch die Rede vom Schwert und gerechten Krieg, dazu gibt es pathetische Bilder vom reinen Jüngling im weißen Hemd, dem der Freund Alabanda jenes Schwert darbringt, und Luise Wolfram zeigt sich geübt im Spiel damit. Da gilt noch: „sanft zu sein, zur Unzeit, das ist hässlich, denn es ist feig!“ Doch ins Erhabene mischen sich Zweifel, denn der erträumte Freistaat ist nicht zu erzwingen. Der Kunstterror nimmt seine Lauf und lässt auf grauer Plane aus Schmutz Himmel und Wolken entstehen. Aber auch eine Pistole streicht das Putzkommando der Eingreiftruppe auf die Bühne. Davor präsentiert dann Angela Winkler, wegen der wohl auch Claus Peymann vorrangig erschienen ist, die große „Scheltrede an die Deutschen“. Die „Barbaren von Alters her“, „tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark“. Ins Mark gehen einem hier auch erstmals die Worte Hölderlins. Im hohen Ton, wie er einst an der Schaubühne gepflegt und seit dem nur noch selten gehört wurde.

FIND_Hyperion_Schaubühne_Pistole Foto: St. B.

Der Philosoph Martin Heidegger, der selbst Hölderlingedichte eingesprochen hat, wusste von der Schwierigkeit den richtigen Ton zu treffen. „Durch das wiederholte Hören werden wir hörender. Aber auch achtsamer auf die Weise, wie das Gesagte des Dichters gesprochen sein möchte.“ Wirklich mißglückt ist das an diesem Abend sicher keiner der Darstellerinnen. Den Sinn hinter den Worten jenseits der stark verkünstelten Bilder hervor zu holen, ist allerdings nur Angela Winkler mit ihrer Scheltrede an die Deutschen gelungen. Daneben steht Castelluccis ästhetischen Bilderterror und eine Kunstanstrengung mit der die nackt und weiß getünchte Eva Meckbach zum Ende hin als Diotima noch einmal die Schönheit und Versöhnung von Genius und Natur anruft. Von den Außenansichten der Nackt-Tableaus ähnlich der Fotokunst eines Man Ray oder Robert Mapplethorpe mit Dildo und Gestöhn bis hin zu einem medizinisch psychologischen Blick mittels Spezialkamera ins Innere kann das alles nicht über die Realität hinweg täuschen, dass der Mensch ein zerrissenes Wesen bleiben wird, das nicht nur den Hang zum Schönen, sondern auch die Wurzeln der Zerstörung in sich trägt. Auf eine Videowand wird eine Aufzählung sämtlicher chemischer Spurenelemente des menschlichen Körpers projiziert. „Ich bin hier und ich bin bewaffnet.“ steht irgendwann an der Wand. Ist Kunst Waffe und der Künstler ein Kämpfer der Aufklärung? Der politische Dichter zwischen Ideal, Realität, Wahnsinn und Bewaffnung. Von Schiller und Goethe, Lenz und Hölderlin über Heinrich Heine, Georg Büchner bis hin zu Paul Celans Lyrik des Verstummens. Mit diesem „… ich kann kein Volk mir denken, das zerißner wäre, wie die Deutschen“, diesem Zwiespalt der deutschen Seele gilt es weiterhin zu kämpfen. Und wer, wenn nicht Claus Peymann wüsste davon ein Lied zu singen.

Das Ende des bürgerlichen Trauerspiels - Claus Peymann verjuxt Schillers „Kabale und Liebe“ am Berliner Ensemble

Nun müsste man eigentlich meinen, Claus Peymann wäre der Meister der konstruktiven Ironie und des ästhetischen Widerstands auf dem Theater. Ob er sich nun in Stuttgart für den Zahnersatz von Gudrun Ensslin einsetzte oder in Wien mit Thomas Bernhard gegen das Geschichtsvergessen der Österreicher eintrat. Seit jeher ist ihm das Erzeugen von politischem Furor unerlässliche Antriebskraft für seine Theaterarbeiten gewesen. Was schließlich zu Beginn seiner Zeit als Intendant des Berliner Ensembles in seinem hehren Anspruch, der „Reißzahn im Arsch der Mächtigen“ sein zu wollen, gipfelte. Allerdings findet Claus Peymann aus dem selbstgezogenen Bannkreis von eigenem Anspruch und tatsächlich erreichter künstlerischer Wirkung und Ästhetik nicht mehr heraus. Die von ihm ungeliebte Theaterkritik beachtet ihn kaum noch oder überschüttet ihn mit ihrer Häme. Selbst in der Flucht nach vorn, den verliehenen Titel eines Theatermuseumsdirektors ironisch übernehmend, kann Claus Peymann nicht darüber hinwegtäuschen, das Berliner Ensemble tatsächlich ästhetisch in eine theatrale Sackgasse manövriert zu haben. Und so ist denn der einstige große Mediendompteur und passionierte Leitartikler Peymann seit einiger Zeit auch einem gewissen Geschichtsdefätismus erlegen. Bereits 2011 eröffnete er dann auch der Berliner Morgenpost gescheitert zu sein und fügte hinzu: „Wir leben momentan in dieser geschichtslosen Zeit. (…) Niemand blickt zurück – oder weit nach vorn. Vielleicht bin ich ein Anachronist, aber ich habe diesen Traum, dass dem Theater erziehende, weltverbessernde Züge anhaften – frei nach Lessing und Schiller. Wir können einen Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechts leisten.“ Ein Jahr später wiederholte Peymann seine Selbsteinschätzung gegenüber der Rheinischen Post und schloss mit einem Aufruf an die jungen Dramatiker: „Wir würden gerne unsere Wut und unsere Verzweiflung über das Unrecht der Welt zeigen, aber wir haben die Stoffe nicht mehr. Dichter, wo seid ihr geblieben?“ Selbst diesen Nachwuchs zu fördern, ist ihm dabei aber nie in den Sinn gekommen.

be_kabale-und-liebe_marz-2013.JPG Foto: St. B.

Nach nunmehr einem Jahr und mehreren Premierenverschiebungen und -absagen inszeniert er nun „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller, einem Klassiker des Sturm und Drang. Nach Georg Büchners resignativem Revolutionsdrama „Dantons Tod“ im letzten Jahr nun also wieder ein Stück des klassischen Bildungskanons. Das BE mit dem Auftrag zur moralischen Anstalt. Die Wiederherstellung der höheren Ordnung der Welt, welche nach Schillers Diktum Gottes Gericht als letzte Instanz vor die weltlichen Justiz stellt, am Beispiel des bürgerlichen Trauerspiels. Im August 2012 hatte das BE noch eine Fahne mit dem Schillerzitat „Die Kunst ist die Tochter der Freiheit“ als Solidaritätsbekundung für die russische Punkband Pussy-Riot gehisst. Für jene drei jungen Frauen, die, nachdem sie den Aufstand gegen Wladimir Putin und die staatliche Verstrickung mit der orthodoxen Kirche in der Christ Erlöser Kirche in Moskau geprobt hatten, nach einer Art Schauprozess zu zwei Jahren Lagerhaft wegen Rowdytums und Schürens von religiösem Hass verurteilt wurden. Von Seiten des BE hieß es dazu, die Aktion zeige die Wirksamkeit der Kunst und verbinde den „Traum von der Erziehung des Menschengeschlechts unserer Klassiker mit der politischen Gegenwart.“ Frage wäre nun, was für politische und vor allem künstlerische Konsequenzen erwachsen eigentlich daraus einem subventionierten Stadttheater mit Bildungsauftrag.

Wozu inszeniert Claus Peymann noch und was kann und soll uns sein Wirken ist da natürlich auch der Knackpunkt seiner Schiller-Inszenierung. Ich habe ja eine der vielen Voraufführungen zu „Kabale und Liebe“ gesehen. Das hat durchaus seinen Reiz, gibt doch der Hausherr jeweils zu Beginn eine seiner unnachahmlichen Erklärungen ab. Man kann sich sozusagen als Testperson fühlen und wird darauf aufmerksam gemacht, dass man ruhig lachen kann, wenn es einem danach ist. Die Komik wäre da bei Schiller schon drin, aber eben bitte auch das Mitfühlen nicht ganz außer Acht lassen. Es geht also um die große Liebe und das Mitgefühl. Na um was geht es denn sonst seit über 2.000 Jahren am Theater? Große Gesten, Große Gefühle, alles ganz Groß. So hält es Claus Peymann ja auch seit Jahren. Allerdings schließt sich so langsam der Kreis, um das mit Kreide gemalte Zeichen auf der Bühne von Achim Freyer aufzunehmen, ohne dass sich mal wieder Gewolltes und Gekonntes darin annähernd treffen würden. Bezüglich seiner These des persönlich gescheitert zu sein, fällt dann in meinen Augen auch Peymanns „Kabale und Liebe“-Inszenierung tief resignativ aus. Das weinende und das lachende Auge treffen sich bei Peymann im Bannkreis von Schillers Trauerspiel der Intrigen.

Foto: St. B. be_kabale-und-liebe_marz-2013_buhne.JPG

Wirklich was zu Lachen hat hier aber kaum noch einer, auch wenn der höfische Popanz von Kalb (Thomas Wittmann) als Clown auftritt und Mottenpulver unter den Achseln zu haben scheint. Der Präsident (Joachim Nimtz) als Zirkusartist auf Stelzen, die ihm im Angesicht der Liebe und des ungestümen Drangs seines Sohnes Ferdinand wegzuknicken scheinen. Nun also nicht mehr Dompteur großer Polit-Tiere sondern biederer Zirkusdirektor. Bei Peymann wird der Hof zur Manege, und Politiker zu albernen Zauberkünstlern der Macht und Intrige. Norbert Stöß erreicht hier in seiner Darstellung des schwarzbefrackten Kabalenschmieds Wurm beinahe mephistophlische Ausmaße. Allerdings versagen seine Verführungskünste bei Luisen, die hier fast zum jungfräulichen Gretchen mutiert. Und mit den Ferdinands ist das auch so eine Sache. Wenn sie nicht die Wände hochgehen (DT, Inszenierung Stephan Kimmig) dann zerschlagen sie Geigen. Mit einem Schlagzeug wäre allerdings noch mehr Furor zu erzeugen, wie man von Jette Steckels Danton zu berichten weiß. Allerdings ist Stadtmusikant Miller (Martin Seifert) nun mal nicht bei der Steve Miller Band angestellt und Ferdinand (Sabin Tambrea) und Luise (Antonia Bill) weder Children of the Future noch of the Revolution. Der Musikus, halten zu Gnaden, übt lieber Bückling und überlässt seiner Tochter mit den großen Augen das Feld. Peymann inszeniert seine Frauen auch ganz groß. Sie heben sich schon in ihren Kostümen von der übrigen Personage ab und beherrschen die großen Gesten und die Gefühle nach Belieben. Katharina Susewinds Lady Milford in zartrosa auf eine Schaukel drappiert und Antonia Bills Luise ganz in unschuldigem Weiß. Abstufungen in den Farben verdeutlichen klar die moralische Position oder hierarchische Stufe, auf der die Figuren anzusiedeln sind. Eine Differenzierung ist aber weder Schillers noch Peymanns Ding. Die Hoffnung trägt dementsprechend immer helle Farben und die Söhne marschieren auch heute wieder ins Ausland.

Und es ist die gute bürgerliche Moral, die das feststellen muss, und um die es Peymann auch geht. Wenn schon nicht der Sieg der Liebe, dann doch der des Bildungsbürgertums. Wenn schon nicht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, dann wenigstens Mitgefühl. Von Dantons Tod zum Limonadengift. Von der gescheiterten Revolution, die ihre Kinder frisst, zum bürgerlichen Trauerspiel. Der aufgeklärte Schillerianer Peymann hebt noch einmal den Zeigefinger und winkt uns damit zu. Das sich Schillers Ideal nicht erfüllt hat, weiß aber auch er, und so fällt die Schmacht- und Reuearie des Präsidenten aus. Das hätte ein großes, kluges, wenn auch resignatives Alterswerk sein können. Das Vermächtnis des Claus Peymann sozusagen, obwohl er uns den Lear noch schuldig ist. Da er aber weiter machen will, bleibt es nur eine unter vielen verjuxten Alterswerken am Theatermuseum BE. „Wir werden noch spielen, wenn aus dem Wiener Burgtheater eine Diskothek und aus dem Berliner Ensemble ein Supermarkt geworden ist. Theater ist ein Teil der menschlichen Psyche und wird darum nie untergehen.“ Vom Burgtheaterdirektor zum ewigen Filialleiter am BE. Vom Supermarkt der großen Gefühle zum allabendlichen Untergang in Kitsch und Tränen. Claus Peymann ist mit seinen Ideen aus der Stadttheatermottenkiste nicht mehr allzu weit davon entfernt.

be_kabale-und-liebe_marz-2013_beifall2.JPG Foto: St. B.

***

Literaturhinweis:

Die Untüchtigen: Kunst, Spektakel, Revolution – Revolutionäre Poetik. Oder: Wie vom Schweigen sprechen? Zur Dichtung Hölderlins und Celans - Ein Vortrag von Nikolai E. Bersarin (Jahrgang 1964)

_________

Frühlingspoesie im Schnee. O weh!

März 20th, 2013

Draußen rieselt leis der Schnee,
In die Stille starrt ein Reh.
Und in seinem dünnen Rock
Steckt ein Fläschchen Winter-Bock.
Zaghaft bricht es aus dem Wald -
Glaube nur, es ostert bald.

winter-bock.jpgText und Collage: St. B.

_________