Legendäre Romane und Filme auf Berliner Bühnen – „Ulysses“ am Deutschen Theater und „Kinder des Paradieses“ am Berliner Ensemble

Januar 23rd, 2018

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Ulysses – Sebastian Hartmann inszeniert am Deutschen Theater Berlin seine Adaption des berühmten Romans von James Joyce als textschweres Assoziationsgewitter

Foto (c) Arno Declair

Sebastian Hartmann hat ein Faible für schwerverdauliche Romanadaptionen. Schon zu Zeiten seiner Leipziger Intendanz hat er literarische Brocken wie Thomas Manns Zauberberg oder Lew Tolstois Krieg und Frieden recht erfolgreich auf die Bühne gehievt. Mit Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz ist ihm selbiges auch am Deutschen Theater Berlin geglückt. Nach Mann und Döblin – beide nachweislich Verehrer des irischen Schriftstellers James Joyce – lag es daher nahe, sich auch an dessen berühmten, 1922 erschienen und seitdem in der Literaturwissenschaft bis heute viel diskutierten Roman Ulysses zu wagen. Ein Unterfangen, an dem man eigentlich nur scheitern kann.

Joyce beschreibt in 18 in sehr unterschiedlichen Schreibstilen gehaltenen Episoden einen Tag in Dublin des Jahres 1904, den die Joyce-Fans jährlich am 16. Juni als sogenannten Bloomsday feiern. Der Autor hält sich im Aufbau an bestimmte Figuren und Episoden aus der Odyssee des Homer. Hauptfiguren des Romans sind der 38jährige Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom (Odysseus) sowie der etwas jüngere Lehrer Stephen Dedalus (Telemachos) – beide durchaus als Alter Egos des Autors zu verstehen – die sich auf ihrem Weg durch die Stadt Dublin immer wieder über den Weg laufen und sich so in gewisser Weise eine Vater-Sohn-Beziehung aufbaut. Die Besonderheit des Romans ist, dass die Episoden keine stringente Erzählung bilden, sondern der Leser (wie auch bei Döblin) meist nur den Gedanken der Figuren, ihrem sogenannten Bewusstseinsstrom, folgen kann, was wiederum Sebastian Hartmann bei seiner meist eher assoziativen Regiearbeit sehr entgegenkommen dürfte.

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Und Hartmann geht die theatrale Umsetzung dann auch ganz nach Joyce an. Nicht der Roman in Gänze kommt auf die Bühne, die im DT zu Beginn noch komplett leer ist und nur von einem aus roten Neonröhren geformten Portal gerahmt wird, sondern viele aneinandergereihte, szenisch aufbereitete Texthäppchen, die wiederum ein assoziativ zusammensetzbares Gedanken-Pandämonium bilden sollen. Dabei geht es Hartmann weniger um die Kenntlichmachung eines bestimmten Ortes, wie das Dublin Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern mehr um ein universelles Erkenntnismuster. Das Portal entpuppt sich so als Erden- und Höllenschlund menschlichen Denkens, eine wie bei Joyce schon angelegte Reflexion über Geburt, Leben und Tod, Politik, Philosophie, Religion und Wissenschaft.

 

Foto (c) Arno Declair

 

„Dublin brennt! Dublin steht in Flammen!“ heißt es in einem Eingangsmonolog, den Linda Pöppel allein an der Rampe spricht. Sie beschwört das Pandämonium eines fiktiven Kriegsbrandes. Der menschliche Abgrund in wenige Sätze gepackt. Ein Teil aus dem wohl eindrücklichsten Kapitel des Romans, der in den Erläuterungs-Kommentaren zum Roman mit dem Titel Circe (dem Namen der mythischen Zauberin aus der Odyssee) überschrieben ist und wie in einen Drama den Bordellgang der beiden Protagonisten beschreibt, bei dem sie wild halluzinierend ihren Verstorbenen begegnen, das Thema Vaterschaft und Schuldgefühle behandelt werden und das auch eine Art „tiefenpsychologische Walpurgisnacht“ genannt wird. Hartmann sprengt Teile davon immer wieder in die Inszenierung ein und geht auch sonst eher unchronologisch vor.

Bernd Moss spielt einen Magier mit Zylinder, der den Sound in der Hand fängt und eine imaginäre Taube aus dem Hut zaubert. Dabei steht das Ensemble ganz in Schwarz als gelenkte Sprechpuppen auf der Drehbühne. Feuerblitz und Donner, Meeresrauschen, ein assoziatives Spiel mit Gesten und Geräuschen. Auch die Musik folgt diesem Muster mal mit schweren Orgelklängen, barocken Melodien und dann wieder mit krachigem Punk und fetten Reggae-Beats. Wer sich nicht auskennt, wird vor der Pause sicher etwas hilflos dem Treiben auf der Bühne zusehen. Da folgen Szenen am Strand mit Benjamin Lillie, Birgit Unterweger und Cordelia Wege, die die Onanieszene aus dem Kapitel Nausikaa andeuten, Manuel Harder beschreibt das Braten der Frühstücksnieren, Evolution und Wiedergeburt sowie den morgendlichen Stuhlgang Blooms aus dem vierten Kapitel. Ulrich Matthes spricht sehr erhaben die Todesreflexionen Blooms aus dem Hades-Kapitel und auch eine Episode mit einem Totenritus aus der ursprünglichen Odyssee. Wieder Benjamin Lillie blödelt in Englisch oder führt als Hund einen Blinden (Edgar Eckert) über die Bühne.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Ein ironisches Nummernprogramm quer durch den Ulysses, dem es noch an der nötigen Stringenz und Bildgewalt fehlt. Die bringt Hartmann erstmals mit einer Körpermalaktion von Linda Pöppel, die sich nackt einen Eimer schwarzer Farbe über den Körper kippt, und auf einer Folie, die dann hochgezogen wird, ein großes Kruzifix schmiert. Dazu schweben immer wieder zwei riesige schwarze Discokugeln vom Schnürboden. Ein magisches Doppelgestirn, in dem man vielleicht die beiden Hauptfiguren erkennen mag, das allgegenwärtige Universum, überdimensionale Moleküle oder den Magnetismus, von dem im Roman gesprochen wird. All das ist szenisch angedeutet, näher erklärt wird es aber erst nach der Pause, wenn Bernd Moss aus der Rolle heraus- und ans Publikum herantretend über Quantenphysik, Unschärferelation und die ortsunabhängige Gleichzeitigkeit zweier Elektronen referiert. Ein augenzwinkerndes Plädoyer, trotz Nichtverstehens sich den Gesetzen des Universums vertrauensvoll und ohne Angst auszuliefern. Aber auch wissenschaftlich-philosophischer Diskurs, der vielleicht sogar Joyces Religionskritik andeuten soll. Eine ewige Kontroverse.

Im zweiten Teil nimmt die Inszenierung dann etwas an Fahrt auf. Hier überzeugen vor allem Judith Hofmann, die die Mutterliebe hochhält und gegen kleingeistige Männer ätzt, Manuel Harder im Nachthemd, der im Fruchtbarkeits-Kapitel Die Rinder des Sonnengotts gleichzeitig die Geburtswehen der Mina Purefroy und die in verschiedenen Sprachstilen gefassten Zoten der Medizinstudenten und das Wachsen des Ungeborenen im Mutterleib beschreibt, oder Cordelia Wege, die mit angeklebtem Bart den antisemitischen Bürger aus dem Kapitel Der Zyklop gibt. Und auch der Shakespeare-Disput in der Nationalbibliothek darf nicht fehlen. Judith Hofmann, Bernd Moss, Linda Pöppel, Birgit Unterweger und Cordelia Wege performen ihn als süffisant-ironisches Cocktailpartygewäsch. Dann choreografiert das großartige Ensemble unter der Anleitung von Edgar Eckert Orte und Sehenswürdigkeiten der Stadt Dublin. Daniel Hoevels als heimkehrender Bloom und Cordelia Wege als seine über Liebe, Gott, Erlösung und Reue sinnierende Frau Molly beschließen den immerhin vierstündigen Abend, an dem Sebastian Hartmann vieles, aber leider nicht alles gelingen will.

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Ulysses (DT, 19.01.2018)
nach James Joyce
Regie / Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Videoanimation: Tilo Baumgärtel
Licht: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Ulrich Matthes, Edgar Eckert, Manuel Harder, Daniel Hoevels, Judith Hofmann, Benjamin Lillie, Ulrich Matthes, Bernd Moss, Linda Pöppel, Birgit Unterweger, Cordelia Wege
Die Premiere war am 19. Januar 2018 im Deutschen Theater
Termin: 28.01. / 18., 25.02.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 20.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Kinder des Paradieses – Am Berliner Ensemble verbindet Ola Mafaalani bei ihrer Adaption des französischen Kinoklassikers von Jacques Prévert und Marcel Carné die Liebesgeschichte der Garance mit dem Leben der damaligen Hauptdarstellerin und der schwierigen Entstehungsgeschichte des Films

Kinder des Paradieses am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

„Entrez!, Entrez! hier ist die Wahrheit zu sehen“, ruft Schauspieler Sascha Nathan als Theaterdirektor zu Beginn der Bühnenadaption des französischen Filmklassikers Les Enfants du paradis (in der dt. Fassung Kinder des Olymps), die jetzt am Berliner Ensemble in einer Inszenierung der Regisseurin Ola Mafaalani – mit Anleihen an Jahrmarktszauber und Zirkusakrobatik – unter dem Titel Kinder des Paradieses Premiere feierte. Die Zirkuskunst erobert seit einiger Zeit nicht nur die Kleinkunstbühnen, sondern auch die großen Theaterhäuser. Die Berliner Festspiele haben es seit 2017 mit dem Format „Circus“ vorgemacht, nun bevölkern also auch am BE ArtistInnen Foyer und Bühne. Es sind Studierende der Schule für darstellende und bildende Kunst „Die Etage“, Abteilung Artistik/Akrobatik [alle Namen s.u.], die hier mit Bällen jonglieren, Rad schlagen und auf Stelzen laufen.

Ola Mafaalani ist in Syrien geboren, in Deutschland aufgewachsen und hat sich bereits als Leiterin der Theatercompagnie North Netherlands Toneel in Groningen einen Namen mit der Adaption von Filmen wie Himmel über Berlin von Wim Wenders, Reservoir Dogs von Quentin Tarantinos und der dänischen Serie Borgen gemacht. Der von 1943 bis 1945 unter der Regie von Marcel Carné nach einem Drehbuch von Jacques Prévert gedrehte Spielfilm Les Enfants du paradis spielt im Pariser Theatermilieu um 1835 und bedient somit eine ganz andere Kinoästhetik. Diesen vom poetischen Realismus der 1930 Jahre inspirierten Film wieder aufleben zu lassen und gleichzeitig die erschwerten Bedingungen seiner Entstehung im von den Nazis besetzten Frankreich zu reflektieren, hat sich die Regisseurin zur Aufgabe gemacht. Beides zusammen schafft die Inszenierung aber nur bedingt.

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Im Mittelpunkt von Film und Inszenierung steht die Varietee-Künstlerin Garance, die gleich von vier Männern begehrt wird. Nachdem sie sich vom zwielichtigen Autor und Gauner Pierre-François Lacenaire getrennt hat, verliebt sie sich in den Pantomimen Baptiste Deburau. Aber auch der angehende Schauspieler Frédérick Lemaître macht ihr Avancen. Nachdem Garance wegen einer Straftat von Lacenaire falsch beschuldigt wird, nimmt sie den Schutz des Grafen de Monteray an, heiratet ihn, und beide verlassen Paris. Als sie nach Jahren wiederkehren, beginnen die früheren Liebhaber wieder um sie zu buhlen. Es endet damit, dass Lacenaire den auf Lemaître und Deburau eifersüchtigen Grafen tötet. Baptist Deburau, der mittlerweile mit der Tochter des Theaterdirektors Nathalie verheiratet ist und einen Sohn mit ihr hat, verlässt für eine Nacht seine Frau, kann Garance aber nicht halten. Beide verlieren sich im Getümmel des Straßenkarnevals.

Das Geschehen spielt im Pariser Théâtre des Funambules und auf dem berüchtigten Boulevard du Temple, der wegen der vielen Boulevard-Theater, auf deren Bühnen allabendlich gemordet wurde, auch als Boulevard du Crime bekannt war. Die Kulissen dafür ließ Regisseur Carné sehr aufwendig am Drehort in Nizza aufbauen. Wer mehr über die Geschichte des mit 60 Mill. Franc teuersten Films Frankreichs erfahren möchte, lese den Artikel „Großes Theater!“ von Katja Iken auf Spiegel-Online.

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Bei Ola Mafaalani ist die Bühne (André Joosten) fast komplett leer. Die Kostüme von Johanna Trudzinski orientieren sich nicht am 19. Jahrhundert sondern eher an der Zeit der Entstehung des Films. Nur Peter Moltzen als Pantomime Baptiste trägt wie der Darsteller im Film ein weißes Pierrot-Kostüm und stellt auch die ihn einführende Pantomime fast exakt nach. Die ursprünglich für Garance vorgesehene Stephanie Eidt wird von Kathrin Wehlisch ersetzt. Ihre Rolle der Nathalie übernahm Antonia Bill, die neben Veit Schubert (als Anselme Deburau, Wirt und Kommissar) zum ehemaligen Peymann-Ensemble gehörte. Wehlisch spielt die Garance als selbstbewusste, lebensbejahende Frau, die sich alle Möglichkeiten offenhalten will, da sie an die wahre Liebe nicht glaubt. Damit steht sie diametral gegen die Auffassung Baptistes, der sie vergöttert. Sehr schön wird das in einer weiteren Pantomime gezeigt, die die Garance als Statue zeigt, die von Baptist umschwärmt wird. Die Nebenbuhler werden zynisch von Tilo Nest als Lacenaire und großspurig baggernd von Felix Rech als Schauspieler Frédérick gespielt. Letzterer sieht sich gern als großen Othello. Martin Rentzsch gibt den Grafen de Monteray erst gönnerhaft galant und nach der Pause als schlagenden Widerling.

 

Kinder des Paradieses am Berliner Ensemble 
Foto (c) Matthias Horn

 

Das Problem der Inszenierung ist, dass sie im ersten Teil zu sehr an der Vorlage klebt und im altbackenen Konversationstheaterstil fast wie eine Wiederbelebung der Peymann-Ära wirkt. Der Zauber der eingestreuten Pantomimen und Akrobatiknummern will da nicht recht zünden. Zusätzlich atmosphärische Aufladung erhält der Abend durch die fantastische Livemusik des Instrumentaltrios um Komponist Eef van Breen, der auch selbst einige Chansons singt. Leider lässt es die Regie nach der Pause ohne Unterlass aus dem Schnürboden schneien. Ein poetischer Overkill stellt sich ein.

Für die Reflexionen zum Making-of des Films sitzt zunächst recht still Ilse Ritter als gealterte Hauptdarstellerin Arletty am Bühnenrand. Zu wenig kann sie hier ins Geschehen eingreifen. Erst nach der Pause beginnt sich die Handlung um die Figur der Garance immer mehr mit der Geschichte der Schauspielerin und der Entstehung des Films zu vermischen. Arletty hatte zum Zeitpunkt des Drehs eine Affaire mit einem deutschen Offizier und wurde nach der Befreiung wegen des Vorwurfs der Kollaboration in einem Lager interniert. Ritter berichtet immer wieder aus dem Leben Arlettys und dass sie trotz allem nichts an ihrer Vergangenheit ändern würde. Daneben tritt auch Peter Moltzen aus seiner Rolle heraus und berichtet beim Abschminken davon, dass sich im Filmteam viele jüdische Künstler unter Pseudonym verstecken konnten, es aber auch eine ständige Gefahr durch die Bespitzelung der Gestapo gab. Obwohl Geldmangel und Hunger herrschte, zögerte der Regisseur die Fertigstellung bis zur Befreiung von Paris hinaus. Man wollte mit diesem Film der Hässlichkeit der Realität das Wunder der Liebe und die Schönheit der Kunst entgegensetzen.

Die Inszenierung, die viele sicher auch als hochpoetisch empfinden werden, erstickt hier aber leider auch zunehmend im Gefühlskitsch. Der Schnee färbt sich kurz rot, tiefe Melancholie macht sich auf der Bühne breit, und man fragt sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn die Verschneidung von Fiktion und Kunst mit dem wirklichen Leben nicht doch von Anfang an etwas offensiver und nicht so starr am Plot des Films hängend betrieben worden wäre. Die Story gäbe auch genug Stoff für eine interessante Dokutheaterproduktion. So bleibt man trotz der freundlichen Aufforderung vom Beginn bei diesem recht gefühlsbetonten dreistündigen Abend am Ende doch merkwürdig außen vor.

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Kinder des Paradieses (BE, 20.01.2018)
Nach dem Film von Jacques Prévert und Marcel Carné
Bühnenfassung von Ola Mafaalani und Alexandra Althoff, Deutsch von Manfred Schneider
Regie: Ola Mafaalani
Musik: Eef van Breen
Bühne: André Joosten
Kostüme: Johanna Trudzinski
Choreografie: Maria Marta Colusi
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie/Bearbeitung: Alexandra Althoff
Besetzung:
Kathrin Wehlisch als Garance
Peter Moltzen als Baptiste Deburau
Ilse Ritter als Arletty
Felix Rech als Frédérick Lemaître
Antonia Bill als Nathalie
Tilo Nest als Lacenaire
Sascha Nathan als Theaterdirektor
Martin Rentzsch als Jericho; Graf de Montray
Veit Schubert als Anselme Deburau; Wirt; Kommissar
Mitja Ley als Avril
Marc Unruh als Scarpia Barrigni
Sam Hinzmann / Liam Kinli als kleiner Baptist
Livemusik: Eef van Breen (Blechblasinstrumente, Gesang), Biliana Voutchkova (Violine), Antonis Anissegos (Tasteninstrumente)
Akrobatik: Marula Bröckerhoff, Kristina Francisco, Lukas Flint, Marvin Kuster, Mitja Ley, Karlo Janke, Marc Unruh
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
Die Premiere am Berliner Ensemble war am 20.01.2018
Termine: 24.01. / 07., 18., 25.02.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 22.01.2018 auf Kultura-Extra.

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„Glaube Liebe Hoffnung“ im Maxim Gorki Theater, „Kabale und Liebe“ im Ballhaus Ost und „Der Tag, als ich nicht ich mehr war“ im Deutschen Theater – Melancholischer Blues, Stummfilmklamotte und biedermeierlicher Klamauk zum Beginn des Berliner Theaterjahrs

Januar 17th, 2018

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Glaube Liebe Hoffnung – Hakan Savaş Mican zeichnet am Maxim Gorki Theater Ödön von Horváths „kleinen Totentanz“ als recht düster-melancholisches Wintermärchen

Glaube Liebe Hoffnung am Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Der österreichisch-ungarische Dramatiker Ödön von Horváth beschreibt in seinem 1932 erschienen Drama Glaube Liebe Hoffnung, das er in einer Randbemerkung auch einen „kleinen Totentanz“ nennt, die Passion einer jungen Frau im Deutschland der 1930er Jahre, die „im gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft“, wie es Horváth weiter beschreibt, auf der Strecke bleibt. Um einen Wandergewerbeschein zu bekommen, borgt sich die arbeitslose Elisabeth von einem Präparator des Anatomischen Instituts, wo sie zunächst für Geld ihren Körper verkaufen wollte, 150 Mark, die sie aber dazu benutzt eine Geldstrafe zu bezahlen, die sie wegen des Handels mit Miederwaren ohne jenen Schein erhalten hatte. Vom Präparator wegen Betrugs angezeigt, wird Elisabeth wegen ihrer Vorstrafe ohne Bewährung zu vierzehn Tagen Haft verurteilt. Und letztendlich scheitert deswegen auch ihre Liebesbeziehung zum Polizisten Alfons. Ein Teufelskreis der Unmenschlichkeit, bei dem die Bestrafungen von Bagatelldelikten die freie Existenz der jungen Frau zu Grunde richten, so dass die zu Beginn noch recht hoffnungsvolle Elisabeth schließlich nur noch einen Ausweg im Freitod sieht.

„Das seh ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind“, ist eines der bekanntesten Zitate der Elisabeth. Letztendlich hat Horváth diese Sichtweise menschlicher Unzulänglichkeit verschiedentlich in seinen Stücken variiert und kam so auch sicher zu der Feststellung: Glaube Liebe Hoffnung könnte jedes meiner Stücke heißen.“ Und so lässt sich natürlich das ganze Geschehen um die sich in der eiskalten Gesellschaft zu behaupten versuchende Elisabeth auch gut mit Zitaten aus anderen Horvath-Texten auffüllen. Schon Dušan David Pařízek hat in seiner Inszenierung von Niemand am Deutschen Thater den frühen mit dem späteren Horváth zusammengebracht. Am Thalia Theater Hamburg verschnitt Jette Steckel die Stücke Glaube Liebe Hoffnung und Kasimir und Karoline zu einem Requiem um Liebe und Ökonomie. Das aufBruch-Gefängnistheater verschränkte dagegen in der St. Johanniskirche Berlin-Moabit Horváths kleinen Totentanz u.a. mit Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, die Geschichte eines anderen Gestrauchelten im Deutschland zwischen den Kriegen. Was auch nur zeigt, dass die Stücke und Romane dieser Zeit heute wieder ungemein aktuell sind. Horváth ist genau wie Döblin oder Fallada ein ausgezeichneter Chronist der unruhigen Weimarer Republik auf dem Weg in den Faschismus.

Regisseur Hakan Savaş Mican belässt nun bei seiner düster-melancholischen Inszenierung im Maxim Gorki Theater die Szenerie mit einer expressionistischen Filmkulisse von Sylvia Rieger, in deren schwarzen Häusern nur hin und wieder in den Fenstern Lichter funkeln, und den zeitgemäßen Kostümen von Sophie du Vinage auch in den 1930er Jahren. Volkes Stimmung auf den Straßen und vor dem Wohlfahrtsamt würde dagegen auf jede heutige Pegida-Veranstaltung passen. Da geht es gegen Juden, Jesuiten und Freimaurer, wird dem Vaterland und der weißen Rasse gehuldigt und Krieg als ein Naturgesetz herbeigeredet. Es sind dies aber Sätze, die sich der Regisseur aus anderen Horváth-Werken geborgt hat und die sich hier wahlweise mit den Rufen nach Revolution oder Ruhe und Ordnung mischen. Dazwischen wirkt Sesede Terziyan als Elisabeth im einfachen roten Kleid und mit Handtäschchen wie die Unschuld vom Lande, die sich ihr Glück in der großen Stadt erhofft.

Zu Beginn steht die gerade Abgebaute auch noch recht hoffnungsfroh und zuversichtlich am Rand der Bühne und lauscht dem Musiker Daniel Kahn am Klavier, der ihr dann seinen Hut hinhält. Aber Geld hat auch Elisabeth nicht und so versucht sie zunächst wie oben erwähnt ihren Körper schon zu Lebzeiten ans Anatomische Institut zu verkaufen. Der Totentanz nimmt seinen, wie unabwendbar erscheinenden Lauf. Dabei begleitet wird Sesede Terziyan von Mehmet Ateşçi, Lea Draeger und Orit Nahmias, die in wechselnden Rollen das übrige Personal des Dramas verkörpern. Ateşçi spielt den aasigen Präparator mit weißer Plastikschürze und bis zum Ellbogen blutigen Armen. Als Amtsgerichtsrat rollt er Zigarre qualmend mit dem Rollstuhl über die Bühne. Ganz in Schwarz und ebenso eiskalt wirkt der Oberinspektor von Lea Draeger, als Frau Amtsgerichtsrat gibt sie der verzweifelten Elisabeth von oben herab zweifelhafte Rechtsberatung. Schillernd mit Federboa echauffierende sich Orit Nahmias als Frau Prantl. Als Maria ist sie Elisabeth eine Schwester im Geiste. Ein wenig zur sehr auf böse Karikatur gebürstet, erfüllt das doch den Zweck, die junge Frau zwischen all den Egoisten wie eine Heilige im rieselnden Schnee aussehen zu lassen.

Melancholisch spielt dazu Daniel Kahn Blues, Balladen und Klezmersongs, aber auch ein schönes Duett zwischen Sesede Terziyan und Mehmet Ateşçi. Etwas rührig wird es wenn Sesede Terziyan zu einem traurig klingenden türkischen Lied ansetzt. Der Abend legt Stimmungen und Gefühl in den recht guten Soundtrack Kahns, der auch schon mit der Interpretation von Brecht-Songs aufgefallen ist und hier die Internationale zum Unterschichtensong parodiert. Kleine szenische Lichtblicke bringt noch die kurze Beziehung Elisabeths zum Schupo Alfons, den Taner Şahintürk als geradlinigen, prinzipientreuen Menschen mit leichtem Hang zur Romantik spielt, wenn er Elisabeth mit Sträußen von weißen Winterastern überhäuft. Aber es kommt wie es kommen muss, und zum feuchten Abgang Elisabeths stehen alle noch mal palavernd Spalier. Kein großer, dafür aber sehr eindrücklicher Abend.

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Glaube Liebe Hoffnung (MGT, 13.01.2018)
Von Ödön von Horváth und Lukas Kristl
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Sylvia Rieger
Kostüme: Sophie du Vinage
Bühnenmusik und Songs: Daniel Kahn
Musik und Sounddesign: Lars Wittershagen
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit Mehmet Ateşçi, Lea Draeger, Daniel Kahn, Orit Nahmias, Taner Şahintürk, Sesede Terziyan
Die Premiere war am 13. Januar 2018 im Maxim Gorki Theater
Termine: 14., 17.01. / 09., 13.02.2018

Infos: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 14.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Kabale und Liebe – Im Ballhaus Ost inszeniert Christian Weise Schillers bürgerliches Trauerspiel mit Pantomime und Klamauk als ironischen Stummfilm

Schillers Kabale und Liebe zählt zu den Klassikern des Sturm und Drang. Zuletzt wurde das bürgerliche Trauerspiel 2013 von Claus Peymann am Berliner Ensemble als polternde Zirkusnummer in Szene gesetzt. „Vielleicht bin ich ein Anachronist, aber ich habe diesen Traum, dass dem Theater erziehende, weltverbessernde Züge anhaften – frei nach Lessing und Schiller.“ ließ der mittlerweile abgetretene Theaterpatriarch damals verlauten. Erzieherisch hat das bürgerliche Theater bereits seit langem versagt. Also was sollte man dem 5 Jahre später noch hinzufügen?

Der noch als jugendlich geltende Theaterregisseur Christan Weise versucht es nun am Ballhaus Ost mit den Vätern der Klamotte. „Christian Weise inszeniert die mit Leidenschaft und Intrigen übervolle Tragödie gemeinsam mit Student*innen der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« und zeigt sie als grellbunten Stummfilm, schwankend zwischen Anachronismus und Sehnsuchtsort.“ heißt es dazu auf der Website der kleinen Off-Bühne in der Pappelallee. Weise ließ dort schon den Flaubert-Klassiker Madam Bovary als im Milieu der Prenzlauer-Berg-Schickeria angesiedelt Komödie aufführen. Allerdings ist dieser grandiose Publikumserfolg auch schon wieder ein paar Jahre her.

Zurzeit läuft am Maxim Gorki Theater unter Weises Regie die Spolianskys-Revue Alles Schwindel. Denn der Regisseur liebt es gern grell-bunt und schrill überzeichnet. Die Deutsche Bühne bescheinigte ihm „die Macht und Kraft der Phantasie und des subversiv Widerständigen“. Widerständig gebärdet sich auch der jugendliche Schiller-Held und adlige Präsidentensohn Ferdinand. Er begehrt gegen die Klassenschranken zwischen Adel und Bürgertum auf, indem er seine bürgerliche Geliebte Luise, Tochter des armen Stadtmusikus Miller, gegen den Willen seines mächtigen Vaters ehelichen will. Elterliche Standesdünkel oder Aufstände gegen die Vätergeneration mag es sicher auch noch heute geben, ansonsten dürfte der Intrigenplot Schillers zunehmend als Old School oder Fashioned gelten und sich nur noch zum ironischen Genreschmäh eignen. Horror, Kitsch und Klamotte schlagen übermächtiges Liebespathos und jugendlichen Furor.

 

Kabale und Liebe im Ballhaus Ost – Foto (c) Ruthe Zuntz

 

Bei Weise sieht das aus wie eine Kreuzung zwischen Herbert Fritsch und Vegard Vinge. Bei denen bedient sich ja momentan eine ganze Schar junger Theatermacher. Allen voran Ersan Mondtag. Und mit Paula Wellmann hat Weise auch gleich die richtige Frau für Bühne und Kostüme. Da sind rechts die im Schachbrettmuster gehaltene Küche der Millers aus Pappwänden und -möbeln, links ein paar hohe Tische mit riesigem Pappstempel und rotem Atomknopf als Büro des Präsidenten (Jonathan Kempf), und im Hintergrund ein pinkfarbener Raum in dem die vom Vater als standesgemäße Gattin für Ferdinand auserkorene Lady Milford (Anna-Sophie Hüttl) mit Stoffhummern samt ihrer Dienerin (Gloria Iberl-Thieme) wie in einem Aquarium haust. Die Gesichter sind alle weiß geschminkt. Bei Millers kippt als Running Gag beim Eintreten immer das Regal. Ansonsten kratzt der Musikus (Felix Mayr) auf einem Papp-Cello herum, seine Frau (Clara Fritsche) raucht Kette und das Töchterchen hat einen religiösen Spleen mit Bibel und einem Kreuz, das sie über die Tür hängt.

Tatsächlich macht der Regisseur wahr, was in der Ankündigung steht. Das Spiel läuft als Livestummfilm, der Text über ein digitales Anzeigenband. Einzig der männliche Held Ferdinand (Noah Saavedra) bekommt ein paar piepsige Sätze, die er meist mit Erstaunen, dass er überhaupt eine Stimme hat, von sich gibt. Alle anderen bleiben stimmlos und der Blick geht unweigerlich immer wieder nach oben. Das ist insbesondere für die arme Luise (Noelle Haeseling) recht schade. Sie darf nur still schmachten und muss sich stumm den Avancen des schmierigen Sekretärs Wurm (Luisa Grüning), der sie mit lizzardartiger Zungenbewegung bedrängt, erwehren. Farblich unterscheiden sich die Spielebenen in Schwarz-Weiß bei Millers, Schwarz-Grün beim im Fatsuit steckenden Präsidenten und Bonbon-Pinkfarben im Palais der Lady Milford. Musik, akustische Akzente und Geräusche kommen vom Live-Musiker Jens Dohle, der links am Keyboard sitzt.

Das ist für die erste halbe Stunde sogar recht originell und witzig. Es gibt viel Slapstick, Pantomime und Grimasse. Die Masche erschöpft sich allerdings zusehends, besonders die Szenen bei der Milford ziehen sich akustisch unterstützt schon etwas in die Länge. Schöne Momente gibt es mit dem sich vor Eifersucht und Rachedrang in einen stummen Schrei und einer Jagd nach dem vermeintlichen Widersacher von Kalb (Theo Trebs) hineinsteigernden Ferdinand. Man wartet aber nach dem Austausch von Intrigen und erpressten Briefen (groß, mit Herzchen verziert) doch schon etwas auf die verhängnisvolle Limonade, die dann auch noch mit theatralischer Sterbeszene folgt.

Zuvor müssen die DarstellerInnen allerdings noch kurz aus ihren Rollen heraustreten und in echtem Namen irgendwas Witziges über ihre erste Liebe verkünden. Leider etwas banal, dieser eingeschobene persönliche Striptees, der die Story mit Aktualität aufladen und aus der Theatermottenkiste befreien soll. Nur wozu das Ganze? Für ein paar nette Regieeinfälle rein zur Belustigung des Publikums und der Erprobung studentischer Schauspielfähigkeiten lohnt die Mühe kaum. Das letzte Wort hat der Mops der Lady, der aber auch nicht so recht weiß, was das eigentlich soll. Oder frei nach dem alten Miller: Mit so viel Geld lässt sich, weiß Gott, ein trefflich Bubenstück anspannen.

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Kabale und Liebe (Ballhaus Ost, 11.01.2018)
Von Friedrich Schiller
Regie: Christian Weise
Bühne, Kostüme: Paula Wellmann
Musik: Jens Dohle
Sounds: Butch Warns
Dramaturgie: Sascha Hargesheimer
Regieassistenz: Laura Brucklachner
Lichtdesign: Fabian Eichner
Bühnenbau, Werkstatt: Ingo Mewes
Schneiderei: Anna-Sophie Koch
Assistenzen Bühne und Kostüme: Luise Bornkessel, Ran Chai Barzvi
Produktionsleitung: Peter Brix
mit Clara Fritsche, Luisa Grüning, Noelle Haeseling, Anna-Sophie Hüttl, Gloria Iberl-Thieme, Jonathan Kempf, Felix Mayr, Noah Saavedra, Theo Trebs
Eine Produktion der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« mit Studierenden der Studiengänge Schauspiel und Zeitgenössische Puppenspielkunst in Kooperation mit dem Ballhaus Ost.
Die Premiere war 11.01.2018 im Ballhaus Ost
Termine: 12., 13., 14.01.2018

Infos: https://www.ballhausost.de/

Zuerst erschienen am 13.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Der Tag, als ich nicht ich mehr war – Autor Ronald Schimmelpfennig und seine Uraufführungsregisseurin Anne Lenk vollziehen in den Kammerspielen des Deutschen Theaters die banale Ichabspaltung des deutschen Biedermanns

Foto (c) Arno Declair

Manchmal wünscht man sich als Theaterkritiker einen Doppelgänger. Das würde einem so manch enttäuschenden Theaterabend ersparen. Man hätte wieder mehr Zeit für anderes, und am Morgen könnte man beim Frühstück im Internet den eigenen Text, von einem anderen in harter Nachtarbeit geschrieben, am Frühstückstisch lesen. Träum‘ weiter, sagt man sich, und geht schön brav selbst in die Uraufführung des neuen Stücks von Roland Schimmelpfennig, das der vielgespielte Erfolgsautors als Auftragsarbeit für das Deutsche Theater Berlin geschrieben hat. Es heißt Der Tag, als ich nicht ich mehr war und handelt, wie sich schon am Titel erkennen lässt, von einem Identitätsproblem oder besser gesagt: von einer Abspaltung des eigenen Ichs.

Nämliches passiert in Schimmelpfennigs Stück einem biederen deutschen Familienvater, der von der Arbeit kommend am Abendbrottisch schon einen anderen Mann vorfindet, der ihm bis auf den Hut gleicht. Ein durchaus alptraumartiges Setting, das noch Steigerung durch die sich ebenfalls vollziehende Verdoppelung der Ehefrau erfährt.

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 Regisseurin Anne Lenk hat das nur 70-minütige Stück in den Kammerspielen inszeniert. Die Bühne von Sibylle Wallum zeigt eine Treppe vor einem mit Vorhang verschlossenen Guckkasten mit einer zweiten Bühne, auf der sich die surreal anmutenden Traumsequenzen des Mannes (Camill Jammal) und seiner Frau (Franziska Machens) abspielen. Schimmelpfennig springt – wie schon in An und aus (ATT 2016) – in der Zeit vor und zurück. Sonne und Mond als Gegensatzpaar bewegen sich ebenso vor- und rückwärts und sind als Pappsymbole anwesend wie auch zottelige Fabelwesen, die über die Bühne huschen, die Träumer erschrecken und ihre Scham bedecken. Der Mann wird im Büro zum Knopf an der Bluse der Empfangsdame (Maike Knirsch tanzt als Knopfnummerngirl) und träumt sich daheim in erotische Fantasien, die sein Doppelgänger, ein Draufgängertyp, praktisch in im Bett mit seiner Frau ausführt. Das wird mehrfach in wechselnder Konstellation durchgespielt und von den Kindern des Paars (Tabitha Frehner als Tochter und Jeremy Mockridge als Sohn) kommentiert.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Nur besonderes Interesse kann dieser, sich im Gegenpaar (Elias Arens und Maike Knirsch) manifestierende Biedermann/frau-Alptraum nicht erwecken. Zu banal und stereotyp sind diese Fantasien, die sich da u.a. in einem nächtlichen Ausflug in die Schwertfischbar verwirklichen, wo alle vier aufeinandertreffen, dem Laster Alkohol und Kartenspiel frönen und Frau 2 als Rote Rita einen Tanzauftritt hat. Während Mann 1 und Frau 1 in ihren unbefriedigenden Alltagstrott vom kleinen Haus mit Garten und hässlicher Fichte (Achtung! Philosophische Metapher) stecken bleiben, tollt das Doppelgängerpaar nackt über die Bühne und legt einfach die Axt an den Baum, der am Ende befreit über die geleerte Bühne gezogen wird. Traum und Realität fügen sich beim finalen Frühstück.

Was macht man mit einem derart biedermeierlichen Plot, der weder zum Philosophieren noch zur romantischen Boulevardkomödie reicht und nicht mal annähernd in Kleist`sche Amphitryon-Sphären aufzusteigen vermag? Anne Lenk versucht sich in die Situationskomik zu retten. Die DarstellerInnen wirken dabei allerdings in ihren Posen ziemlich unsicher bis ungelenk. Ein albernes Zappeln zu altbackenen Sätzen. Ein Probiertextchen für die Box, nur ist Schimmelpfennig dem Experimentieralter längst entwachsen. Der große Autor in der Krise. Seit einiger Zeit hat Roland Schimmelpfennig schon nicht mehr viel zu sagen, das aber mit kontinuierlicher Penetranz. Damit nimmt er anderen AutorInnen die Luft und den Platz ihr Talent zu beweisen. Aber vielleicht war das ja auch nur sein Doppelgänger.

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Der Tag, als ich nicht ich mehr war (DT-Kammerspiele: 12.01.2018)
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Sibylle Wallum
Musik: Camill Jammal
Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Camill Jammal, Elias Arens, Franziska Machens, Maike Knirsch, Tabitha Frehner, Jeremy Mockridge
Die Premiere war am 12. Januar 2018 in den Kammerspielen des DT
Dauer: 70 Minuten, keine Pause
Termine: 19., 28., 31.01. / 11., 25.02.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 14.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Zwei außergewöhnliche Künstlerinnen im Vergleich – Retrospektiven von Gabriele Münter im Lenbachhaus München und Anita Rée in der Hamburger Kunsthalle

Januar 14th, 2018

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Gabriele-Münter, 1900 – Wikipedia

Frauen in der Kunst sind in Ausstellungen leider immer noch lange nicht so präsent wie ihre männlichen Künstlerkollegen. Das vergangene Jahr 2017 hatte diesbezüglich allerdings Einiges zu bieten. Berlin, Hamburg und München zeigten z.B. große Retrospektiven von Jeanne Mammen, Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter und Anita Rée. Vier Namen (wenn auch sicherlich nicht gleich jedem präsent), die in der Kunstgeschichte durchaus als durchgesetzt gelten dürften. Ist Paula Modersohn-Becker in Deutschland mittlerweile fast schon zur Ikone der weiblichen Kunst stilisiert und in diesem Jahr sogar mit einem Biopic bedacht worden, bedarf es zum Werk der Hamburger Künstlerin Anita Rée und selbst zu dem der Münchnerin Gabriele Münter – vorrangig bekannt als Mitstreiterin der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ – sicher noch ein wenig Nachhilfe.

Die 1877 in Berlin geborene Gabriele Münter wurde bisher meist im Rahmen der im Münchner Lenbachhaus beheimateten Sammlung des „Blauen Reiters“ ausgestellt, während Werke der 1885 in Hamburg geborenen Anita Rée immer mal wieder in kleinen Überblicksschauen der Hamburger Kunsthalle zur dort ansässigen Sammlung der Hamburgischen Sezession, deren Gründungsmitglied sie 1919 war, gezeigt wurden. Es fiele aber sicher schwer, die Vielfalt des Werks beider Künstlerinnen anhand dieser kleineren Auftritte umfänglich zu beschreiben. Nun sind Münter und Rée in jeweils recht umfangreichen Retrospektiven der beiden großen Ausstellungshäuser neu zu entdecken.

Gabriele Münter – Bildnis Marianne von Werefkin, 1909, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München – Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Was diese durchaus sehr verschiedenen Künstlerinnen eint, ist zunächst ihre gutbürgerliche Herkunft, die es ihnen schon früh ermöglichte, das erst ab 1919 für Frauen zugängliche Kunststudium bereits um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert bei privaten Lehrern zu absolvieren. Bei Gabriele Münter, Tochter einer aus Nordamerika zurückgekehrten deutschen Zahnarztfamilie, war das zunächst eine private Damenkunstschule in Düsseldorf, bevor die Familie 1901 nach München umzog und sie dort in der Damen-Akademie des Künstlerinnen-Vereins ihre Studien fortsetzen konnte. Anita Rée, Tochter eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns und seiner aus Venezuela stammenden Frau, nahm ab 1905 Malunterricht beim Hamburger Künstler Arthur Siebelist. Max Liebermann, dem sie bei einem Besuch in Berlin erste Werke zeigte, riet ihr weiterzumachen. Bei Münter dürfte es die Begegnung mit dem russischen Maler Wassily Kandinsky in dessen Münchner Malklasse gewesen sein, was sie in ihrem künstlerischen Drang bestärkte. Initialzündungen waren bei beiden angehenden Künstlerinnen aber mit Sicherheit diverse Reisen ins Ausland u.a. nach Paris und in verschiede Städte Italiens.

In beiden Ausstellungen ist in den frühen Werken der Künstlerinnen vor allem der Einfluss der französischen Impressionisten erkennbar. Sind es bei Münter die flüchtigen, mit pastösem Farbauftrag gemalten spätimpressionistischen Landschaftsbilder, so sind es bei Rée Portraits und Stillleben, die in ihrem Stil deutlich an Cézanne erinnern. Das sollte sich aber bei beiden Malerinnen recht schnell ändern. Wechselte Gabriele Münter mit der Gründung des „Blauen Reiters“ zum Expressionismus mit seinen ausdrucksstarken Farbflächen, so wendet sich Anita Rée, die Expressionismus und Abstraktion eher weniger interessierten, dem Studium der italienischen Frührenaissance zu. In ihren Bildern, die sie bei längeren Aufenthalten in Positano an der italienischen Amalfiküste malte, greift sie in vielen Portraits von Einheimischen vor allem immer wieder das Madonnenthema auf. Die Hamburger Ausstellung zeigt hier wunderbare Frauen- und Kinderportraits aus den 1920er Jahren.

 

Anita Rée – Paar (Zwei römische Köpfe), 1922–1925, Öl auf Leinwand, 51 x 45,5 cm, Privatbesitz USA – Foto: Christoph Irrgang

 

Auch die Gabriele-Münter-Schau im Münchner Kunstbau beginnt mit Portraits. Am Beginn steht das wohl zum bekanntesten Lenbachhaus-Postermotiv gewordene, farbenfrohe Bildnis der Künstlerkollegin Marianne von Werefkin. In der thematisch ausgerichteten Münchner Ausstellung kann man den künstlerischen Werdegang Münters vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit und wieder zurück zu naiveren Bildern schon anhand der Portraits gut erkennen. Einfach und „ohne Umschweife“ bezeichnet sie ihre Herangehensweise. Den kräftigen Ausdruck der Gemälde, die hier meist motivisch nach Landschaften, Bildern arbeitender Menschen, Stillleben und Interieurs angeordnet sind, erzielt die Künstlerin vor allem durch die Farbe. Das hat den Bildern mit ihren flüchtig hingemalten, zumeist bäuerlichen Sujets auch den Vorwurf naiver Kunst eingetragen.

 

Gabriele Münter – Dame im Sessel schreibend, 1929 – Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

 

Nach dem Ende der Künstlergemeinschaft „Der Blaue Reiter“ und spätestens mit dem Aufkommen der Neuen Sachlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg bekam Münters Werk einen zweiten Aufschwung, oder, wie sie es bezeichnete, „eine neue Sichtweise“. Es entstanden wieder wunderbare Portraits wie Die Sinnende II, Dame im Sessel, schreibend oder Bildnis einer Künstlerin (Margret Cohen). Besonders hier ist eine gewisse Ähnlichkeit zum Werk Anita Rées, die zur gleichen Zeit als Porträtistin der Hamburger Gesellschaft reüssierte, zu beobachten. Die Kunsthalle zeigt Bildnisse des befreundeten Kunstkritikers Carl Einstein, von Otto und Gustav Pauli sowie mehrere großformatige Frauenportraits.

 

Gabriele Münter – Stilleben vor dem gelben Haus, 1953, Textiler Bildträger, 46,5 × 54,5, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München, Inv.-Nr. S 19 – Foto: Lenbachhaus

 

Während sich Gabriele Münter als „Plein-air-Malerin“ bezeichnete, sind die Landschaften in den Bildern von Anita Rée immer auch fremdländische Sehnsuchtsorte, die sie nach Eindrücken ihrer vielen Reisen malte. Anfang der 1930er Jahre entstanden Bilder mit Fabeltieren und ein mit Affen bemalter Bauernschrank. Auch Münter befasste sich mit Bauernkunst, Kinderbildern und dem sogenannten Primitivismus als Quelle der freien, ursprünglichen Kreativität. Motive finden die Malerinnen bei volkstümlichen Maskenfesten, den Anfang des 20. Jahrhunderts stattfindenden Völkerschauen oder in den Völkerkundemuseen Hamburgs und Berlins. Im Gemälde Blauer Dämon portraitiert Münter die Statue einer hinduistischen Gottheit, die noch heute im Ethnologischen Museum Berlin zu sehen ist. Interessant auch die Sammlung früher Fotografien einer Reise Gabriele Münters, die sie 1899-1900 mit ihrer Schwester zu Verwandten in den Süden der USA unternimmt.

Anita Rée – Selbstbildnis, 1930, Öl auf Leinwand, 66 x 60,8 cm © Hamburger Kunsthalle – bpk – Foto: Elke Walford

Selbstbildnisse gibt es von Gabriele Münter nur wenige. Eins zeigt sie 1909 in hellen Farben mit Blumen am Hut. Wesentlich nachdenklicher präsentiert sich Anita Rée in ihren zahlreichen Selbstportraits. In einem letzten 1930 malte sie sich sinnend im Halbakt, eine Hand an der Wange. Da stand die Malerin eigentlich im Zenit ihrer Karriere. Zwei öffentliche Aufträge für Wandbilder in Hamburger Schulen hatte sie erhalten. Vorarbeiten und Fotos sind in der Ausstellung zu sehen. Der Auftrag für die Gestaltung des Altars der neuen Ansgarkirche in Hamburg-Langenhorn wurde in Folge der Einflussnahme der erstarkenden Nationalsozialisten zurückgezogen. Die eigentlich bis dahin allgemein anerkannte Künstlerin geriet daraufhin in eine persönliche Krise. 1932 reiste Anita Rée zusehends deprimiert und einsam nach Sylt. Die dort entstanden, in gedeckten Farben gehaltenen Aquarelle von Dünen, Leuchttürmen und Tieren sind im letzten Raum ausgestellt. Kontakt hatte die Künstlerin nur zur Freundin Lotte Burk, die sie mehrfach malt. Am 12. Dezember 1933 nimmt sich Anita Rée auf Sylt das Leben. Die sehr gelungene Retrospektive entreißt sie nun dem Vergessen.

Die Münchner Ausstellung beschäftigt sich nicht weiter mit der Zeit des Nationalsozialismus. Recht unbekümmert erscheinen die 1935 gemalten Bilder der Baustelle der Olympiaanlagen in Garmisch. Nach einem Ausstellungsverbot zog sich Gabriele Münter ins Privatleben zurück. Nach dem Krieg malte sie bis zu ihrem Tod 1962 weiter. Münter kehrte dabei teilweise wieder zur Phase der expressionistischen Malweise zurück. Auch den Weg zur Abstraktion versuchte sie ähnlich wie Wassily Kandinsky. In der Ausstellung sind einige Studien, Interieurs und Stillleben vertreten, die aber nur in zwei Fällen den Grad abstrakter Auflösung in geometrische Formen wie bei Kandinsky erreichen. Natürlich ist Münters zeitweiliger Lebensgefährte nicht aus ihrer Kunst wegzudenken. Er taucht dann immer wieder in Bildern von Münters Haus in Murnau auf, wo die Künstlerin ihre Sammlung expressionistischer Gemälde der Künstlergruppe „Der Blauen Reiter“ vor dem Zugriff der Nationalsozialisten bewahren konnte. Nun ist sie Grundstock der Sammlung im Lenbachhaus, aber wie die Retrospektive nun zeigt, nur eine von vielen Facetten der Künstlerin.

 

Anita Rée – Stillleben mit Orangenbaum, vor 1920, Öl auf Leinwand, 61 x 65,2 cm, Privatbesitz – Foto: Christoph Irrgang

 

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Gabriele Münter. Malen ohne umschweife
31. Oktober 2017 – 8. April 2018
Kunstbau München in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus
Luisenstraße 33
80333 München
U-Bahnhof Königsplatz
Zwischengeschoss

Infos: http://www.lenbachhaus.de/

Anita Rée – Retrospektive
6. Oktober 2017 – 04. Februar 2018
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall 5
20095 Hamburg

Infos: http://www.hamburger-kunsthalle.de/

Zuerst erschienen am 09.01.2017 auf Kultura-Extra.

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Tief im Sumpf der Gesellschaft – „Der Hauptmann von Köpenick“ und „schlammland gewalt“ – Das Deutsche Theater Berlin veranstaltet im Dezember einen Premierenmarathon (Teil 2)

Dezember 30th, 2017

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Der Hauptmann von Köpenick – Jan Bosse inszeniert Carl Zuckmayers „Deutsches Märchen in drei Akten“ mit Milan Peschel in der Hauptrolle

Foto (c) Arno Declair

Da steht einer einsam vor dem großen Tor und kann nicht rein oder raus. So ganz genau weiß man das noch nicht zu Beginn der Inszenierung von Carl Zuckmayers Stücks Der Hauptmann von Köpenick, das 1931 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt und nun von Jan Bosse am selben Ort neu eingerichtet wurde. Der da auf der leeren Bühne von Stéphane Laimé steht, ist der Ex-Knacki Wilhelm Voigt, gelernter Schuster und wegen Betrugs vorbestraft. Ein Berliner Vorfahr des Hamburger Willi Kufalt aus Falladas Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frisst. Wir schreiben das Jahr 1890. Voigt wird ins wilhelminische Berlin entlassen und will nun ehrlich sein Geld verdienen. Dafür fehlen ihm allerdings die nötigen Papiere und die bekommt er nicht ohne feste Anstellung. Es herrschen Ordnung und preußischer Untertanengeist. Nach oben buckeln, nach unten treten. Mann muss gedient haben. Die Uniform macht den Menschen, und der ist stolz auf die Helden von Sedun.

Milan Peschel spielt den Voigt als einen aus der Welt Gekippten, der ohne Papiere nicht Einlass findet in die Gesellschaft und in den Moloch Berlin, daen er nach Öffnung der großen Schiebetür im Rundhorizont selbst aufbauen muss. Peschel zieht Häuserattrappen verschiedenster Zeitepochen auf die Bühne. Gründerzeit- und Naziarchitektur neben DDR-Plattenbau mit Staatsratsgebäude (heute Managerschule) und Potsdamer-Platz-Glasfassadenschick der Nachwendezeit. Eine Livekamera verfolgt Voigt auf seinem Weg durch die Stadt. Gesichter in Großaufnahme und bunte Werbefotos auf den Pappfassaden. Dazwischen der Heimatlose mit einem Volksbühnen-Stoffbeutel – Aufschrift: Krise. Hier verliert sich ein Leben zwischen Amtsstube, Schneidergeschäft und Berliner Eckkneipe.

Regisseur Bosse lässt den Mann nicht alleine irren, er hat ihm andere Außenseiterschicksale, aufgeschrieben vom Autor/Regisseur Armin Petras, an die Seite gestellt. Martin Otting erzählt eine Geschichte vom Flaschensammeln, Peschel erinnert sich als mit dem Zug reisender DDR-Fußballfan an eine willkürliche Festnahme durch der Transportpolizei und die Schauspielerin Steffi Kühnert schwärmt von Ensemblezeiten bei Leander Haußmann in Bochum, ist aber immer wieder gern nach Berlin zurückgekehrt. Nun muss sie aus ihrer langjährigen Wohnung, die verkauft werden soll, raus und fühlt sich zunehmend fremd im schick gentrifizierten Prenzlauer Berg. Geschichten von gestern und heute, die zeigen sollen, dass Elend, Unrecht, Gier und Bürokratie keine Frage der Zeit sind.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Sie sind auch nicht das Problem eines bestimmten Milieus. Und so ist Bosses Inszenierung trotz des typischen Berliner Dialekts und Verweisen auf die ursprüngliche Herkunft der verschiedenen Protagonisten nicht nur nostalgische Sozialstudie oder gar Darstellung eines bestimmten Zeit- und Lokalkolorits, sondern durchaus heutig, so dass es der begleitenden Einwürfe sicher nicht unbedingt bedurft hätte. Ansonsten spult Bosse die Story des nach sozialem Anschluss und Gerechtigkeit suchenden Schusters Voigt in allen Einzelheiten ab. Die Nebenfiguren des Stücks schrammen dabei allerdings immer ein wenig zu sehr an der bloßen Karikatur vorbei. Ein Defilee der Typen vom parlierenden Hauptmann von Schlettow (Timo Weisschnur) über den geschäftssinnigen Uniformschneider Wormser (Steffi Kühnert) bis zum saturierten Köpenicker Bürgermeisterpaar Obermüller, das Katrin Wichmann und Felix Goeser in monströsen Fatsuits spielen müssen.

Das spielfreudige Ensemble schlüpft auch in alle anderen Rollen. Božidar Kocevski gibt als Schneidergeselle Wabschke, Kleinkrimineller Kalle oder einfacher Soldat ein jeweils beklemmend echtes Typenportrait. Neben situationsbedingter Komik und reinster Klamotte, wenn etwa Steffi Kühnert als Gefängnisdirektor mit den Häftlingen in gestreiften Anzügen die Schlacht von Sedan nachspielt, oder Milan Peschel in eine Heinz-Rühmann-Parodie verfällt, kommt auch der ernste Hintergrund von Zuckmayers Stück nicht zu kurz. Nach dem zweiten, nun zehnjährigen Gefängnisaufenthalt wegen des Einbruchs in eine Polizeistation, um sich dort Papiere zu besorgen, kommt Voigt für kurze Zeit bei seiner Schwester (Katrin Wichmann) unter. Die Gespräche mit dem Schwager (Felix Goeser) und dem dort zur Untermiete wohnenden kranken Mädchen (Lisa Hrdina) zeigen den ausgeprägten Sinn des Ausgestoßenen für soziale Belange und Fragen der Gerechtigkeit.

Die Inszenierung verliert aber auch nicht den zweiten Hauptakteur in Zuckmeyers Stück aus den Augen. Die Hauptmannsuniform, die Voigt, nachdem sie mehrfach den Besitzer gewechselt hat, beim Trödler (Martin Otting) erwirbt, erstrahlt hier im Glitzer eines großen Showkostüms. Die sich anschließende, eigentliche Köpenickiade mit der Beschlagnahme der Stadtkasse, bei der Voigt wieder nicht sein Ziel, einen Pass zu erlangen, erreicht, verläuft ohne großen Klamauk und zeigt nur umso eindrücklicher deutsche Obrigkeitsgläubigkeit und gelernten Untertanengeist. Die finale Lustigkeit der Vorlage erspart uns der Regisseur und lässt Milan Peschel nun vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang ans Tor klopfen. Doch auch jetzt tritt ihm wieder nur die Bürokratie mit lauter Sinnfragen gegenüber. Der Mensch in den Mühlen des Staatsapparats. Manch einer kann ein Lied davon singen.

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Der Hauptmann von Köpenick (Deutsches Theater, 21.12.2017)
von Carl Zuckmayer
Fassung von Jan Bosse und David Heiligers
Mitarbeit und zusätzliche Texte von Armin Petras
Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Video: Jan Speckenbach
Dramaturgie: David Heiligers
Die Premiere war am 21. Dezember 2017 im Deutschen Theater
Besetzung:
Milan Peschel: Wilhelm Voigt
Steffi Kühnert: Wormser, Jellinek, Gefängnisdirektor, Inspektor
Božidar Kocevski: Wabschke, Kalle, Pudritzki, Eisenbahner, Soldat
Felix Goeser: Grenadier, Friedrich Hoprecht, Obermüller
Katrin Wichmann: Marie Hoprecht, Frau Obermüller
Lisa Hrdina: Plörösenmieze, das kranke Mädchen, Fanny
Timo Weisschnur: v. Schlettow, Oberwachtmeister, Polizist, Rosencrantz
Martin Otting: Willy, Schlickmann, Kellner, Schutzmann, Bulcke, Kilian
Live-Kamera: Jan Speckenbach
Termine: 31.12. / 06., 13., 25.01.2018

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schlammland gewalt  – In der Reihe „Limited Edition“ in der Box des DT bringt Josua Rösing das neue Stück von Ferdinand Schmalz zur Uraufführung

Foto (c) Arno Declair

Der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz ist bekannt für seine poetischen, sprach- und bildgewaltigen Texte, die an Elfriede Jelinek oder Werner Schwab erinnern. Nachdem der Autor in diesem Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewinnen konnte, wird er wohl auch bald seinen ersten Roman vorlegen. Zunächst hat er aber für die Box des Deutschen Theaters mit schlammland gewalt wieder einen seiner mit Wortspielereien reichen Theater-Text vorgelegt. Das Stück läuft in der Reihe „Limited Edition“, in der sich junge DramaturgInnen und RegisseurInnen in recht kurzer Vorbereitungszeit dem Publikum präsentieren können.

„Bierzeltluft, Brathendl und Blasmusik: In dieser Atmosphäre spielt der neue Text des Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz.“ heißt es in der Vorankündigung. Schmalz schaut wieder einmal in die österreichische Provinz, in der sich das Zusammentreffen von Natur- und menschlicher Gewalt zu einer Katastrophe entwickelt. Auf einem Dorffest mit Bierzelt und entsprechender Musi sorgen der Bauer Zeiringer und sein Knecht Scheuersberger dafür, das alles so bleibt wie es war. Während sein Sohn Toni sich draußen mit der nicht standesgemäßen Sandra trifft und auch der als Erzähler fungierende Brathendlverkäufer sich mit der Frau vom Scheuersberger in seinem Kühlanhänger verlustiert, versuchen die beiden Alteingesessenen die alte Ordnung mit Gewalt wieder herzustellen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Schmalz schickt seinem kleinen Stück einen poetischen, vom Schauspieler Thorsten Hierse vorgetragenen Monolog voraus, indem wie in einer alten Sage die im Nebel verirrten toten Wanderer des Teufelsfelds beschworen werden. Eine mystische Naturbeschreibung, in der es um den Verlust der Orientierung, das Ungewisse in der Nebelwand und das Im-Kreis-Laufen geht. Zusammen mit dem braunen Schlamm, in den sich im dauernden Regen das Land um das Dorffest verwandelt, ergibt das eine recht gute Metapher für die sich momentan in Auflösung befindliche Gesellschaft. Die Gewalt, die sich im Stück Bahn bricht und vom Zeiringer als Gottesgeschenk empfunden wird, schlägt als Naturkatastrophe einer Schlammlawine auf die Dorfbewohner zurück.

Der Autor arbeitet wie schon in seinem Stück dosenfleisch mit Fleischmetaphern. So werden hier etwa die nackten Hendl im Kühlwagen mit den Leibern der sich dort Liebenden verglichen. Oder die Gesellschaft versinkt ähnlich wie im herzerlfresser in einem stinkenden Sumpf. Schmalz verdichtet Öko- und Gesellschaftskrise zu schaurigen Sozialmärchen. Obwohl viel vom Fleischschneiden, von Dreck, Blut und spritzendem Bratensaft die Rede ist, bleibt die Inszenierung von Josua Rösing fast schon aseptisch rein. Die Bühne von Mira König besteht aus einer Plastikplane in deren Mitte Sebastian Deufel sein Schlagzeug zum Takt der Worte bedient. Thorsten Hierse, Caner Sunar, Olga Wäscher stecken wie nackte Hendl in beigefarbenen Kapuzenanzügen mit Gummischürzen. Sie pellen sich aus Folienverkleidungen und sprechen den Text sehr bedächtig die Worte dehnend. Josua Rösing verlässt sich hier ganz auf die Wirkung der deftigen Sprachbilder, ohne selbst bildend einzugreifen. Was das Spiel letztendlich aber so künstlich wie die Sprache selbst bleibt lässt.

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Limited Edition

schlammland gewalt
von Ferdinand Schmalz
Regie Josua Rösing
Bühne / Kostüme Mira König
Musik Sebastian Deufel
Dramaturgie Ulrich Beck, Joshua Wicke
Mit: Thorsten Hierse, Caner Sunar, Olga Wäscher
Live-Musik: Sebastian Deufel
Die Uraufführung war am 22. Dezember 2017 in der Box des Deutschen Theaters
Termine: 07., 24.01.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst veröffentlicht am 23.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Zweimal Hamlet einmal anders – Im Schauspiel Leipzig als als Prinzessin und im Berliner Ballhaus Ost kopfüber gebondaged

Dezember 28th, 2017

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Hamlet gebondaged – Dasniya Sommer und Florian Loycke führen im Ballhaus Ost frei nach Shakespeare das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister auf, was allerdings nach einer Stunde technisch und dramaturgisch etwas in den Seilen hängt

(c) Das Helmi, Ballhaus Ost

Dasniya Sommer und Florian Loycke kennen sich über die Arbeit im Puppentheater Das Helmi, in dem Loycke eine Art Mastermind darstellt und Sommer für Choreografien zuständig ist. Gemeinsam haben sie sich mit der Geschichte der Shakespeare-Figuren Hamlet und Ophelia beschäftigt und daraus das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister mit Bondage-Performance, Tanz und Puppen entwickelt. Premiere hatte die Arbeit im Sommer im Kamagol Theater Gijang, einem Stadtteil der südkoreanischen Stadt Busang. Anschließend war sie noch auf weiteren Festivals in Korea zu sehen und hatte nun im Ballhaus Ost ihre Berlin-Premiere. Kinbaku oder auch Shibari ist die japanische Kunst des Fesselns, im Westen eben auch als Bondage, einer Spielart des BDSM, bekannt. Dasniya Sommer gibt Kurse in Kinbaku. In ihren Performances verbindet sie auch Tanz mit Bondage-Kunst.

Die Beziehung des Dänenprinzen Hamlet zu seiner Geliebten Ophelia als sadomasochistischen Geschlechterkampf darzustellen, ist nicht so abwegig und sogar auf Stadttheaterbühnen nicht ganz unüblich. Die Frage ist nur, wer hier wen beherrscht. Im Shakespeare‘schen Normalfall ist Ophelia bedauernswerter Spielball der Männer und endet im Wahn als Wasserleiche, während Hamlet seinen eigenen Wahn todbringend ausleben darf und weiter Intrigen spinnt, bis er selbst einer Intrige zum Opfer fällt. Die Geschichte ist bekannt und viel gespielt: „Hamlet ist der Held, der sich in der eigenen Geschichte immer mehr verstrickt und schließlich, wenn er stürzt, die halbe Welt mitreißt – am Ende sind alle tot und es kommt Fortinbras.“ So verkürzt sieht diese Performance den Kampf Hamlets gegen die Mörder seines Vaters, der ihm als Geist erschienen aufträgt, seinen Tod zu rächen.

 

Hamlet und seine Geister im Ballhaus Ost
Foto (c) Sophie Östrovski

 

Im Wege sind ihm dabei nicht nur irgendwelche Geister, sondern vor allem sein eigener Geist, den zu befreien er nicht im Stande ist. Symptomatisch dafür steht sein berühmter Monolog „Sein oder Nichtsein“, in dem der Zweifler zwischen „Des wütenden Geschicks erdulden oder / Sich waffnend gegen eine See von Plagen“ schwankt. Wenn aber nun die Pein selbst zur Lust wird, dann können irdische Verstrickungen, oder besser die des Körpers Hülle, auch zur willkommenen Fessel werden. Dasniya Sommer und Florian Loycke spielen dieses Arrangement ganz anschaulich in ihrer Performance durch, wobei auch die Geschlechter- und Abhängigkeitsrollen gewechselt werden. Es entspinnt sich so ein Spiel aus Tanz, Gesang und gegenseitiger Fesselung, wobei sich zu Beginn Florian Loycke in einer relativ ausgetüftelten Hängebondagepartie befindet, bei der er nackt wie ein Jesus zu Karfreitag in den Seilen hängt. Man könnte es auch passend zur Jahreszeit für eine besonders raffinierte Art des Schnürens eines passenden Weihnachtspakets halten.

Dass es hier aber auch um das Ausprobieren einer neuen Identität, um das Spiel mit Manipulation und verabredeten Ritualen geht, zeigt diese mit Masken, Schminke und Kostümen dem japanischen Kabuki oder Nō Theater nahe Performance zunächst recht eindrucksvoll. Das Einfangen des anderen ist immer auch die Fesselung des eigenen Geistes, dem sich der Gefesselte mit seinem Körper stellvertretend hingibt. Leider verheddert sich dieser mit der Lust am Schmerz arbeitende Abend zusehends in Details. Loyke projiziert mit einem Overheadprojektor Zeichnungen mit Hängebondage-Fantasien, ähnlich denen des Dada-Künstlers und Surrealisten Hans Bellmer, bekannt für seine rätselhaften Fotos von Bondage-Puppen, an die Wand. Das jeweils gefesselte Bunny wird in allerlei Posen fotografiert, oder auch mal der in Südkorea erfundene Gangnam Style des Rappers Psy getanzt.

An die Tragödie Shakespeares erinnern hier nur ein paar Zeilen aus besagtem Hamlet-Monolog, der stimmlich verfremdet aus dem Off ertönt. Recht psychologisch klingen die ebenfalls vom Band eingespielten Reflektionen über den Schmerz und das Verlassen der Komfortzone. An die Ordnung der Welt rüttelt da nicht sehr viel. Dasniya Sommer schnürt dazu die restlichen Puppendarsteller des Dramas zu einem Knäuel und entsorgt sie in der Kulisse. Dass es mit der Lust am Schmerz auch eine Last sein kann, zeigt sich bei der Bondage-Session mit der Meisterin, bei der Schüler Hamlet sichtlich den Faden verliert. Trotz Degeneinsatz zur finalen Fechtszene wird die Performance nicht nur technisch, sondern zunehmend auch dramaturgisch zur Hängeparty. „He laughed to free himself from his mind’s bondage.” heißt es im Shakespeare-Disput in James Joys’ Roman Ulysses. Ob nun Tragödie oder Komödie, schlussendlich haben wir uns für ein befreiendes Lachen entschieden.

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Hamlet und seine Geister (Ballhaus Ost, 19.12.2017)
Ein dramatisch getanztes Theaterstück mit Puppen und Menschen von und mit Dasniya Sommer und Florian Loycke
Künstlerische Mitarbeit: Chae Lee, Cora Frost
Eine Produktion von Das Helmi und Haus Sommer.
Mit freundlicher Unterstützung von Ballhaus Ost, Tom Stromberg und Tina Pfurr.
Termine: 19. und 20. Dezember 2017

Infos: https://www.ballhausost.de

Zuerst erschienen am 20.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Ich bin nicht Hamlet.“ – Für die Diskothek am Schauspiel Leipzig inszeniert Lucia Bihler die Deutsche Erstaufführung des Stücks Prinzessin Hamlet, eine feministische Shakespeare-Überschreibung der finnischen Dramatikerin E. L. Karhu

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

Shakespeares Tragödie um den melancholischen Dänenprinzen Hamlet einen feministischen Anstrich geben zu wollen, ist nicht neu. An der Berliner Schaubühne inszenierte die britische Regisseurin Katie Mitchell das düster-tragische Stück Ophelias Zimmer mit Texten der Autorin Alice Birch aus der Sicht der von Männern manipulierten Hamlet-Geliebten. Nun hat in der Discothek am Schauspiel Leipzig die junge deutsche Regisseurin Lucia Bihler in deutscher Erstaufführung das von der finnischen Dramatikerin und Dramaturgin E. L. Karhu geschriebene Theaterstück Prinzessin Hamlet inszeniert. Das Stück ist allerdings nicht einfach nur Shakespeares Drama mit vertauschten Rollen. Karhu nutzt die Shakespeare’sche Vorlage lediglich als gedankliches Gerüst für eine Hinterfragung von Geschlechterrollen. Prinzessin Hamlet soll die Krone des Königreichs übernehmen, kann und will aber, wie es scheint, den an sie gestellten Ansprüchen nicht genügen. Sie zieht sich oft auf einen Felsen am Meer zurück, um dort allein ihren Selbstmordgedanken nachzuhängen.

Das wirkt ähnlich wie Mitchells Versuch von Anfang an etwas konstruiert und ist es textlich leider auch. Karhus Drama fokussiert auf ein spezielles Konstrukt. Prinzessin Hamlet ist das Bild einer Frau, die nicht ihr eigenes Leben leben kann, sondern einem bestimmten Bild von ihr entsprechen muss. Ähnlich dem von Prinzessin Diana, der Ex-Gattin des britischen Thronfolgers Prinz Charles, oder auch dem der US-amerikanischen Schauspielerin Marilyn Monroe, die als Vorbild für diese Inszenierung fungiert. Die fünf DarstellerInnen, drei Schauspielerinnen (Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt) und zwei Schauspieler (Tilo Krügel, Andreas Dyszewski) aus dem Leipziger Ensemble, stecken in farblich dem Bühnenhintergrund angepassten Abendroben und tragen für Marylin Monroe typische Lockenperücken. Beides kreiert durch den auch für Ersan Mondtag arbeitenden Bühnen- und Kostümbildner Josua Marx. Leider lenkt dieses Outfit nicht nur optisch vom allgemeinen Problem gesellschaftlich konstruierter Frauenbilder ab. Im Programmheft stützt man sich auf Judith Butlers Text Gender is Burning. Drag als „Ort einer bestimmten Ambivalenz“ ist aber letztendlich auch nur Ausdruck einer Imitation von Rollen in bestimmten Machtverhältnissen.

 

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Die Monroe ist vor allem ein Männertraum der 1950er Jahre und längst unauslöschlicher Bestandteil der Popkultur geworden. Ihre damalige Präsenz und ihr früher Tod haben einen immer währenden Mythos kreiert. Den nutzte auch Jürgen Kuttner in seinem am Deutschen Theater Berlin inszenierten Stück Feminista Baby!, dem Valery Solanas SCUM-Manifesto als Textvorlage diente. Auch E. L. Karhu bezieht sich in ihrem Stück auf den Unsterblichkeits-Mythos, wenn Prinzessin Hamlet zu ihrem 29. Geburtstag ein Fanal setzen und sich als brennende Fackel vom Felsen stürzen will. „Man erinnert sich an jene Prinzessinnen, die sich umbringen, die zeitig abtreten, spektakulär, mit großer Flamme. Die anderen, das sind Frauen, die nicht fähig waren zu leben, (…) Mir wird es nicht so ergehen.“

Gespielt wird das recht puppenhaft. Die Figuren werden in Pose gesetzt, sprechen wiederholt mit verstellten Stimmen ins Mikrofon. Es gibt keine bestimmte Rollenaufteilung. Jeder ist mal Prinzessin Hamlet oder ihre Kammerzofe Horatia. Zu Beginn verneinen alle nacheinander Hamlet zu sein und sind es dann doch. Ein dauerndes Spiel der Imitation, das schließlich auch im Stück seine Entsprechung findet, wenn Horatia auf Hamlets Wunsch deren Rolle am Hof einnimmt. Prinzessin Hamlet, durch Horatia verraten, wird von Königin Gertrud nach England an den Buckingham Palast geschickt, was sich als Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt mit Chorsingen entpuppt. Dort begegnet Prinzessin Hamlet auch Ofelio, der ebenso mehr in ein Bild von ihr verliebt ist. Das endet schließlich nicht mit dem Sprung vom Felsen, aber von der London Bridge. Der Chor singt dazu den Kinderreim „London Bridge is Falling Down“. Die Musik liefert Jam Rostron aka Planningtorock.

Vom ursprünglichen Drama Hamlet liegt nur noch der berühmte Totenschädel auf dem Schrank, in den hin und wieder Prinzessin Hamlet gesteckt wird. Aber das Volk will seine Thronerbin sehen und bekommt eine Kopie als Fake vorgesetzt. Ausdruck bekommt die Verzweiflung Hamlets nur durch die wiederholt vorgetragenen Zeilen: „Das Entsetzen schiebt ihr die Hand in die Kehle und ballt die Hand zur Faust.“ Ansonsten bleiben das poppige Tagesprogramm aus „Wahnsinn, Tod und Katastrophen“ genau wie die erwähnten Anklänge an Sarah Kane oder Heiner Müllers Hamletmaschine eher Behauptung. Das Konstruierte von Text und Inszenierung wird dieser Abend leider nie ganz los.

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Prinzessin Hamlet (Diskothek, 23.12.2017)
von E. L. Karhu
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Lucia Bihler
Bühne & Kostüme: Josa Marx
Musik: Planningtorock
Künstlerische Beratung: Sonja Laaser
Dramaturgie: Christin Ihle
Licht: Jörn Langkabel
Mit: Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt, Tilo Krügel, Andreas Dyszewski
Spieldauer: ca. 1:30, keine Pause
Die Premiere in der Diskothek am Schauspiel Leipzig war am 02.12.2017
nächste Termine: 27.01.2018

Infos: https://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst veröffentlicht am 27.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Die Zofen“ von Jean Genet und „Gertrud“ von Einar Schleef – Das Deutsche Theater Berlin veranstaltet im Dezember einen Premierenmarathon (Teil 1)

Dezember 26th, 2017

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Die Zofen von Jean Genet – Samuel Finzi und Wolfram Koch führen in der Regie von Ivan Panteleev ein launiges Existentialisten-Tänzchen auf

Foto (c) Arno Declair

Die Zofen von Jean Genet mal so zu treffen, wie es der Meister des Abseitigen sich wohl gedacht hat, scheint schwer, die Kritik nie zufriedenzustellen. Meist retten sich die Inszenierungen ins Opulente, Divenhafte oder in den Klamauk. Wirklich existentiell abgründig wird es eigentlich nie. Das war schon bei der letzten großen Aufführung der Zofen durch Luc Bondy mit Caroline Peters (Claire), Sophie Rois (Solange) und Edith Clever als gnädiger Dame 2008 an der Berliner Volksbühne so. Ein bürgerliches Rührstück im hohen Tragödienton.

Weder besonders opulent noch divenhaft gibt sich nun die Inszenierung von Ivan Panteleev, der ganz nach Genets Vorgabe seine Zofen am Deutschen Theater mit drei Männern besetzt hat. Es sind dies Samuel Finzi als Claire, Wolfram Koch als Solange und Bernd Stempel als deren gnädige Frau. Alle drei Garanten für großes Schauspielertheater, was es letzten Endes wohl auch ist, traute man den Reaktionen des Publikums beim Schlussapplaus. Allein der Glaube scheint hier mehr dem Wunsch danach entsprungen.

Genets Tragödie in einem Akt (sein erstes auf einer Bühne aufgeführtes Theaterstück) sorgte bei der Uraufführung 1947 in Paris noch für heftige Proteste. Das wird man heute schwerlich wiederholen können. Panteleev versucht auch gar nicht erst zu provozieren, er lässt seine Protagonisten einfach das tun, was sie am besten können. Der Auftritt des Traumduos Koch/Finzi in Perücken, Unterleibchen, Röcken, Strumpfhosen und Stöckelschuhen erfolgt hier zunächst als Bühnendekorations-Slapstick, bei dem die beiden Zofen Wecker und Telefon auf die Bühne stellen und Blumensträuße in großen Vasen hin und her tragen. Das spielt sich vor einer langen, drehbaren Spiegelwand ab, die den Blick auf versteckte Türen zum Auf- und Abgehen im Rundhorizont sowie den Zuschauerraum ermöglicht.

 

Foto (c) Arno Declair

 

„Die Zofen sind Ungeheuer wie wir selber, wenn wir dieses oder jenes träumen.“ Diese Aussage Genets wird immer wieder gern bemüht. Der Spiegel ist Symbol dieses faszinierenden Spiels mit den Phantasien von Gut und Böse, Macht und Unterwerfung. Ein Spiel mit verschiedenen Identitäten, zu dem auch das der Verwandlung gehört. Auf der anderen Seite der Wand hängen die Kleider der gnädigen Frau, die sich eine der Zofen in einem sich stets von neuem wiederholendem Rollenspiel anzieht und so die Machverhältnisse im Hause spiegelt. Sie proben dabei nicht nur den Aufstand und Ausbruch aus dem verhassten Heim, sondern auch die Vergiftung ihrer Herrin, deren Mann sie mit einem verleumderischen Brief hinter Gitter gebracht haben, um sich ihn als Verbrecher vorzustellen. Düstere Schwärmereien, entsprungen aus Gerichtsblättchen, die die beiden zur Erbauung lesen.

Ein reines Spiel im Spiel, nichts wirklich Großes ist das. Und nachdem Koch und Finzi die Perücken abgenommen haben, beginnen sie damit sich in Demütigung und Unterwerfung zu üben. Es ist ein Spiel mit Nuancen, wobei zunächst niemand aus der Rolle fällt. Ein schnippischer Satz von Finzi hier, ein unbeholfener Bückling von Koch da. Ein eingespieltes Team, das mimt, dass es ein eingespieltes Team mimt usw… Panteleev schließt per Programmheft Genets Zofen mit Becketts Existentialisten-Clowns aus Warten auf Godot kurz. Auch da spielten Finzi und Koch ja bereits ein Paar, das nicht aus der vorgeschrieben Rolle raus kommt. Eine weitere Referenz gibt es noch mit der Drehwand aus Dimiter Gotscheffs Perser-Inszenierung. Zwei Wiederholungtäter also, die nicht anders können als sich wie Katz und Maus spielerisch zu bekriegen und an den Enden der Wand in Stellung gehen.

Die Spiegelwand, ein ideales Möbel also für Verdoppelungen und plötzliche Auf- und Abtritte, wie den von Bernd Stempel, der als gnädige Frau im pelzbesetzten Mantel daherstöckelt und den Traum der Zofen mittels reiner Anwesenheit sabotiert. Als charmante Knallcharge klaut Stempel den beiden verhinderten Damen-Imitatoren die Show. Der Plan geht nicht auf, der vergiftete Lindenblütentee erkaltet in der darreichenden Hand von Zoferich Finzi. Nachdem gnä‘ Frau Stempel wieder entschwebt ist, bleibt den beiden nichts weiter übrig, als das Spiel selbst bis zum bitteren Ende fortzusetzen samt Schrei- und Würgeszene inklusive Trinken des Tees. Ein Achselzucken Finzis am Ende genügt, um das als nimmer endende Farce zu entlarven. Ein läppischer Sklavenaufstand, der an der Angst vor der eigenen Courage verpufft. Ein bisschen so wie im wirklichen Leben. Mehr nicht.

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Die Zofen (DT, 03.12.2017)
Von Jean Genet
Aus dem Französischen von Simon Werle
Regie: Ivan Panteleev
Bühne / Kostüme: Johannes Schütz
Sound-Design: Martin Person
Licht: Robert Grauel
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Samuel Finzi, Wolfram Koch, Bernd Stempel
Die Premiere war am 02.12.2017 am Deutschen Theater Berlin
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Termine: 09., 16.12. / 03., 21.01., 30.01.2017

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 05.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Gertrud – Jakob Fedler inszeniert in den Kammerspielen eine Bühnenfassung des großen Mutter-Romans von Einar Schleef

Foto (c) Arno Declair

Ich bins deine Mutter heißt ein Solotheaterabend, den Regisseur Jakob Fedler mit dem bekannten DT-Schauspieler Wolfram Koch 2015 für die Ruhrfestspiele Recklinghausen und das Schauspielhaus Bochum kreiert hat. Koch spricht darin Texte aus Erzählungen des eigenwilligen Schriftstellers und Dramatikers Einar Schleef und zitiert auch aus Briefen von dessen Mutter Gertrud. Nun haben die beiden ihre fruchtbare Zusammenarbeit am Deutschen Theater (wieder in Koproduktion mit dem Bochumer Schauspielhaus) fortgesetzt. Ihr neuer Abend könnte auch Ich bins deine Mutter II heißen, oder besser noch Ich bins deine Mutter hoch 3, hat doch Fedler den Text von Schleefs eintausendseitigem Mutterroman Gertrud gleich auf drei Stimmen verteilt. Neben Wolfram Koch stehen noch die Ex-BE-Schauspielerin Antonia Bill und Almut Zilcher vom DT-Ensemble auf der Kammerspielbühne, die Dorin Thomsen mit einer schrägen, kupferfarbenen Grabplatte mit Sargdeckel dekoriert hat.

Und auch die Kostüme gleichen dem aus dem ersten Schleef-Abend. Die drei stecken in bräunlichen Uniformjacken und -röcken und bilden einen kleinen Schleef-Chor. „Der Chor-Riß, die Chor-Sprengung, die Trennung von Chor und Einzelfigur ist die Tragödie des Einzelnen, dessen Tragödie sich demnach nur im Wechsel mit dem Chor abbilden läßt.“ schrieb Schleef 1997 in seinem großen Theateralmanach Droge Faust Parsifal. Sowas Ähnliches muss wohl auch Jakob Fedler vorgeschwebt haben, als er auf diese Dreierkonstellation gekommen ist. Für seinen Roman Gertrud hat Schleef noch selbst an einer Bühnenfassung gearbeitet, bevor er 2001 plötzlich an Herzversagen starb. Ein Jahr später kam der Roman dann mit dem Untertitel Ein Totenfest in der Fassung von und mit Edith Clever am Berliner Ensemble zur Uraufführung. Eine Andacht, bei der sich die ehemalige Schaubühnendiva sogar das Husten verbat. 2007 hat Armin Petras am Schauspiel Frankfurt gemeinsam mit seinem Dramaturgen Jens Groß eine weitere Adaption des Romans für vier Schauspielerinnen erstellt, die lebte und dann auch prompt zum THEATERTREFFEN nach Berlin eingeladen wurde.

 

Foto (c) Arno Declair

 

„Meine Kindheit fiel ins Kaiserreich, der Sportplatz in die Weimaraner, die Ehe auf Hitler unds Alter in die DDR. Wohin mein Kopp. Viermal Deutsches Reich, das 5. ist 2 Meter lang. Das 1 000-jährige Gottes erleb ich nimmer.“ ist wohl der Schlüsselsatz des Romans, der in den Kammerspielen auch mehrfach chorisch wiederholt wird. Ansonsten ist nicht mehr viel mit Chor. Spiel und Text teilen sich hier wieder in drei Gertrud-Individuen, die sich das Tragische im Leben der Schleef-Mutter mit viel Slapstick vom Hals halten und gelegentlich auch abrennen, wenn Antonia Bill die junge Sportlerin Gertrud darstellt. Almut Zilcher barmt die meiste Zeit und hat die klagenden Briefe an die nicht heimkommen wollenden Söhne Hans und Einar vorzutragen. Für die Komik ist Wolfram Koch zuständig, der von den Bauchbeschwerden und Kloanstrengungen Gertruds berichtet und sich dabei den Hintern im Kupfer der Grabschräge spiegelt, oder auch mal mit seinen Beinen kokettiert.

Gemeinsam geben sie einige Spielszenen wie den Besuch der Mutter bei ihrem ersten abtrünnigen Sohn im Westen. Ihrem Einar folgt Gertrud zu Theateraufführungen nach Berlin und beschwert sich über dessen Frauengeschichten. Irgendwann ist auch der weg, und die Mutter lebt allein in ihren Erinnerungen. Die junge Gertrud (meist von Antonia Bill gesprochen) nimmt nicht viel Raum ein in diesem recht wahllosen Zusammenschnitt des in einem kunstvollen Telegrammstil verfassten Gedankenstroms. Der Abend kreist doch meist um den Mann Willy, der früh erkrankte und starb. Die Witwe treiben aber immer noch Gelüste, die sie nur in einer kurzen Affäre mit einem Nachbarn im Provinzstädtchen Sangerhausen befriedigen kann. Das Städtchen in der Nähe des Kyffhäuser-Denkmals, einem Schleef‘schen Angelpunkt für die Verschränkung mit der deutschen Geschichte, wird nur kurz erwähnt. Für Schleef selbst war es von ganz zentraler Bedeutung. In seiner Berliner Wohnung hatte er sich beim Schreiben sogar einen Grundriss der Stadt auf dem Boden angelegt.

Fedlers Bühnenfassung erschöpft sich zumeist in privaten Anekdötchen, wirklich nahe kommt einem Schleefs Mutter dabei aber nicht. Und so zieht sich der Abend bis zu seinem plötzlichen Ende langsam dahin. Viel Neues ist hier nicht zu erfahren. Was den Regisseur angetrieben hat, dieses Mammut-Werk auf die Bühne zu wuchten, bleibt dem Publikum weitestgehend verborgen. Eigentlich schade.

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Gertrud
von Einar Schleef
nach dem gleichnamigen Roman
in einer Bühnenfassung von Jakob Fedler
Regie: Jakob Fedler
Ausstattung: Dorien Thomsen
Dramaturgie: Ulrich Beck
Mit: Antonia Bill, Wolfram Koch, Almut Zilcher
Die Premiere war am 15. Dezember 2017 in den Kammerspielen des DT
Eine Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum
Termine: 21.12.2017 / 04., 23.01.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 18.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Untot und aus der Welt gefallen – Anne Habermehls „Outland“ in den Sophiensaelen und Ersan Mondtags „Letzte Station“ im Berliner Ensemble

Dezember 20th, 2017

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Outland – Anne Habermehl inszeniert in den Sophiensaelen ihr neues Stück über Menschen, die aus verschieden Gründen aus der Welt gefallen sind.

Outland in den Sohiensaelen Berlin
Foto (c) Bettina Werner

Die Stücke der 1981 in Heilbronn geborene Dramatikerin Anne Habermehl sind bisher in Hamburg, München, Wien, Chemnitz oder Tübingen aufgeführt worden. Gern übernimmt sie dabei auch die Inszenierung selbst. So etwa bei Luft aus Stein am Schauspielhaus Wien oder Narbengelände am Thüringischen Landestheater Gera/Altenburg. Mit Letzterem, einem Generationenstück, das Lebensgeschichten im Vor- und Nachwende-Thüringen thematisiert, war sie 2011 zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen. Und auch in ihrem neuen Stück Outland, das Habermehl an den Berliner Sophiensaelen wieder selbst zur Uraufführung brachte, geht es um drei Generationen von Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft verloren haben. Anhand von vier Episoden werden Menschen verschiedenen Alters vorgestellt, die aus Gründen körperlicher oder innerer Versehrung aus dieser Welt gefallen sind. Gesellschaftliche Verwerfungen haben auch hier Narben in den Seelen und Gemütern der ProtagonistInnen hinterlassen, was Habermehl in ihrer typischen, auch als „schmerzvoll-poetisch“ bezeichneten Sprache beschreibt.

Zunächst ertönt allerdings ein vierstimmiges Gewirr aus beängstigenden Zustandsbeschreibungen und zynischen Selbstoptimierungsphrasen, die mehr oder weniger Ausdruck allgemeiner Hilflosigkeit sind, wie etwa: „Ich funktioniere. Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Ich kann mit Enttäuschungen umgehen. Ich frage immer nach dem Sinn. Ich bin im freien Fall. Ich bin ein Vogel, der mit ausgebreiteten Flügeln gegen die Scheibe knallt. Ich suche nach dem Wir, Ich finde nur das Ich.“ Ob nun tatsächlich noch „in Balance“, oder schon „komplett im Arsch“, die Figuren leiden ganz offensichtlich unter einer rasenden Angst vor Kontrollverlust und Einsamkeit.

 

Outland in den Sohiensaelen Berlin – Foto (c) Detlev Schneider

 

Das kennzeichnet vor allem auch die Beziehungen untereinander. Eine junge Frau, die wieder mal ihren Job verloren hat, sucht Verständnis für ihre offensichtlich psychischen Probleme bei ihrem Chef, der in ihr aber nur einen seltsamen Menschen sieht und sich nicht für ihre Existenzprobleme zuständig fühlt. Auch von ihrer Mutter bekommt die junge Frau nur Vorwürfe zu hören. Man vermag nicht miteinander zu reden. Ähnlich ist es mit der zunächst großen Liebe eines Mädchens zu ihrem Freund. Gemeinsam fühlt man sich stark die Welt zu verändern, geht auf Konzerte, kifft und hört Joy Division. Als der Junge dann allerdings beginnt an einer schizophrenen Psychose zu leiden und Stimmen im Kopf ihn zu einen Selbstmordversuch treiben, kann das Mädchen mit dieser Situation nicht umgehen und verlässt den im Krankenhaus unter Psychopharmaka stehenden Freund.

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Anne Habermehl versucht in ihrer Inszenierung den Text vor allem in Bewegung zu übersetzen. Distanz und Nähe lassen sich im großen Saal auch besonders gut darstellen. Anne Haug und Ingo Tomi gehen als Liebespaar in den Clinch, erst klammert sie, dann geht sie wieder auf Abstand. Dazu kriecht irgendwann Sabine Waibel unter den weiten Strickpullover des schizophrenen Jungen. Dazu spielt Musiker Philipp Weber einen minimalistischen Keyboardsound, der sich zunehmend verstärkt, wenn das Ensemble Plastiksäcke mit Federn auf der Bühne entleert, darin tollt und viel im Kreis rennt.

 

Outland in den Sohiensaelen Berlin – Foto (c) Detlev Schneider

 

Den Geschichten verleiht das durchaus eine zusätzliche Intensität. Wie in einem weiten Feld aus Schnee steht einsam Sabine Waibel als Ärztin, die in einer Ethikkommission mitentscheiden soll, wann ein Leben zu Ende ist, aber gerade mit ihrem eigenen nicht klar kommt. Der Sohn ist weg, die Polizei kann keine Hinweise und nichts wirklich Seltsames auf seinem PC finden. Derweil demonstrieren radikale Christen vor ihrer Wohnung, in der sich die Mutter einen Joint des Sohns reinzieht und Visionen bekommt. Zunehmend ratlos googelt sie nach Problemlösungen, geht zu einem Priester, obwohl sie nicht gläubig ist, oder befragt die Lehrer ihres Sohnes. Irgendwann ist der Filius wieder da, war nur kurz im Wald und sagt seiner Mutter, dass nicht immer alles nur mit ihr zu tun hat.

Sabine Waibel spielt diese Hilflosigkeit einer Mutter glänzend. Die Suche nach dem Sohn wird zur Suche nach Erlösung. Die Fragen nach Liebe, Spiritualität, Lebensethik drehen sich beständig im Kreis, begleitet von einem mehrstimmigen Sound aus Stimmen, den die anderen Spieler wie ein atmosphärisches Summen besteuern. Den Kreis der Genrationen und seelisch wie geistig Versehrten schließt Manfred Andrae als ins Altersheim abgeschobener Großvater, der bisher im Rollstuhl saß und nun von den anderen in einen Anzug gekleidet und von der Seite souffliert einen Monolog aus Erinnerungen an sein Leben und seine Tochter hält. Ein langsam verlöschender Geist gefangen im verfallenden Körper, der nochmal die Fragen nach Schuld und Verantwortung stellt, während die anderen die Bühne säubern. Andrae spricht einerseits von einem Land, das weder Fragen stellt, noch Antworten will und anderseits sich von 14-16 Uhr im Flüchtlingsheim von seinem Gewissen und Geschichtskoma befreit. Das Hohelied der Liebe klingt hier wie Hoffnung und Abgesang zugleich.

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Outland (Sophiensaele, 02.12.2017)
Text und Regie: Anne Habermehl
Bühne: Christoph Rufer
Musik: Philipp Weber
Kostüme: Bettina Werner
Dramaturgie: Juliane Hendes
Licht, Technik: Joscha Eckert
Mit: Manfred Andrae, Anne Haug, Ingo Tomi, Sabine Waibel
Die Uraufführung war am 02.12.2017 in den Sophiensaelen
Termine: 03., 04., 05., 06.12.2017

Infos: http://www.sophiensaele.com/

Zuerst erschinen am 04.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Lahmes Zombietheater – Ersan Mondtag scheitert am Berliner Ensemble mit seiner düsteren Sterbeelegie Die letzte Station

Die letzte Station am Berliner Ensemble – Foto (c) Armin Smailovic

Zur Situation alter Menschen in unserer Gesellschaft gibt es recht wenig Stoffe für das Theater. Die wenigen, die sich mit den Problemen des Alterns und dem Sterben befassen, betrachten das meist aus dem Blickwinkel der jüngeren Generation, die am Totenbett eines Elternteils oder nach dem Tod beim Ausräumen der elterlichen Wohnung über verpasste Chancen der Verständigung und das eigene Leben reflektieren. Über den Prozess des Wegsperrens der Alten und ihr unwürdiges Dahinsiechen in Pflegeheimen hat die junge Schweizer Dramatikerin Katja Brunner mit geister sind auch nur menschen einen sehr starken Theatertext geschrieben, den die Regisseurin Claudia Bauer (mit 89/90 auf dem letzten THEATERTREFFEN) auf der kleinen Bühne des Schauspiels Leipzig in eindrucksvolle und bildstarke Choreografien übersetzte. Für das Berliner Ensemble unter dem neuen Intendanten Oliver Reese versucht Regie-Jungstar Ersan Mondtag nun Ähnliches. Die letzte Station heißt diese neue Bühnenarbeit, für die Mondtag und Ensemble in drei Berliner Alteneinrichtungen recherchiert haben.

Das ist leider gründlich in die Inkontinenzhose gegangen. Der gute Wille – bei Ersan Mondtag auch immer mit einem großen Willen zur Form gepaart – ist erkennbar, allerdings kommt der Abend nicht über eine in sämtliche Klischeefallen stolpernde Ärgerlichkeit hinaus. Zunächst aber herrscht Stille über einem Bühnensetting mit Tannenwäldchen, Ziehbrunnen und Holzhausskelet, vor dem Neu-BE-Schauspielerin Judith Engel mit Grauhaarperücke und beigefarbenem Kostüm sitzt und andächtig wartet. Worauf wird erst nach ein paar Minuten klar, wenn Constanze Becker in Nachthemd und Pantoffeln mit einem Koffer in der Hand somnambul in Richtung Wäldchen schlurft. „Gehen Sie ruhig weiter.“ wird ihr Judith Engel im Lauf des Abends immer wieder bedeutungsvoll zuraunen. Scheinbar ist sie aber noch nicht bereit, den letzten Schritt in Richtung Jenseits zu tun, von dem man wie in einem dichten Wald nicht weiß, was einen dort erwartet. Dagegen kommen nun weitere Figuren aus dem Wäldchen heraus, sich sanft wiegend und die alte, sichtlich verwirrte Frau in die Mitte nehmend. Sie gehören neben dem kleinwüchsigen BE-Schauspieler Peter Luppa hauptsächlich zur Tanzgruppe Dance On (also: Tanz weiter), das aus TänzerInnen deutlich jenseits der 40 besteht.

 

Die letzte Station am Berliner Ensemble
Foto (c) Armin Smailovic

 

Das hat zunächst durchaus auch etwas Unheimliches, für das die Gruselmärchen der Brüder Grimm Pate gestanden haben mögen. Ein leicht dementes Krippenspiel unter Heiminsassen wird hier gegeben, das sich nach und nach von „Stille Nacht“ zu einem Altersalbtraum in Moll verwandelt. Der etwas zähe Abend schwankt dabei zwischen senilem Dahindämmern, schwindenden Erinnerungssplittern der Frau an den Mann Karl (Laurence Rupp), ihre Kinder und das Sterben der Mutter sowie einer akuten Altersdepression, die sich hier in ein paar aggressiven Schüben seitens Constanze Beckers Figur Hanna äußert. Das Warten auf das Ende wird immer wieder durch kleine Zwiegespräche der beiden Frauen unterbrochen. Der ansonsten recht sparsame Text schwingt sich dabei sogar zu einigen philosophischen Betrachtungen auf. „Sie haben ihr Leben bekommen, sie mussten es leben, jetzt geben sie es wieder hin. Sie wurden in die Windel geboren, sie gehen in die Windel zurück.“ Dabei erweist sich angesichts der voranschreitenden Demenz letztendlich sogar der Jean-Paul-Aphorismus von der Erinnerung, als einzigem Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann, als schnöde Lüge.

Die vor sich hin dämmernde Inszenierung macht einem das Verstreichen von Lebenszeit bleiern spürbar. Wären da nicht die auflockernden Tanzeinlagen der Dance-On-Mitglieder, die wie untote Geisterwesen oder Hirngespinste Hannas sich mal ironisch kabbeln, mal slapstickartiges Ringelreihen, Square Dance oder eine hinreißende Tremor-Performance vollführen, man müsste wohl allein schon aus Langeweile zu Grunde gehen. Die Frage nach dem Danach erschöpft sich dann allerdings nur in einer unversöhnlichen Hass-Suada Constanze Beckers über ein angeblich friedvolles Ende in Sterbehotels am Stadtrand und die Verlogenheit der Weihnachtsgeschichte. Ein abschließender großer Knall mit Supernova, schwarzem Loch und Zombiefluch. Der Abend möchte einem die Wut der Vergessenen ins Gesicht schreien und dabei noch möglichst kunstvoll aussehen. Leider scheitert Ersan Mondtag bei dem Versuch, das in anschaubares Theater zu verwandeln.

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Die letzte Station (BE, Kleines Haus, 14.12.2017)
von Ersan Mondtag
Regie: Ersan Mondtag
Bühne: Stefan Britze
Kostüme: Raphaela Rose
Musik: Diana Syrse
Licht: Ulrich Eh
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Mit: Constanze Becker, Judith Engel, Peter Luppa, Laurence Rupp, Ty Boomershine, Brit Rodemund, Christopher Roman, Jone San Martin, Frédéric Tavernini
Die Uraufführung war am 14.12.2017 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: 90 Minuten, keine Pause
Termine: 19., 20., 21., 28., 29., 31.12.2017 / 09., 10., 11., 18., 19., 20.01.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 17.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Fever Room“ und „News Crime Sports“ – Kunstvoll Installatives und Dilettantisch Performatives aus dem Bereich der bildenden Kunst in der neuen Volksbühne Berlin

Dezember 14th, 2017

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Fever Room – Die Volksbühne Berlin zeigt in deutscher Erstaufführung die audiovisuelle Projektions-Performance des thailändischen Filmregisseurs Apichatpong Weerasethakul

Apichatpong Weerasethakul
Foto (c) Kick the Machine Films

Den thailändischen Filmregisseur Apichatpong Weerasethakul kennen Kinoenthusiasten vorrangig durch seine preisgekrönten Spielfilme wie etwa Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben, der 2010 in Cannes die Goldene Palme erhielt. Sein letzter Spielfilm Cemetery of Splendour wurde 2015 ebenfalls beim Filmfestival Cannes gezeigt und kam unter dem Titel Friedhof der Könige im Januar 2016 in die deutschen Kinos. Die Bezeichnung Spielfilm ist hier allerdings etwas irreführend. Cemetery of Splendour bewegt sich in seinen meditativen Naturaufnahmen und beschreibenden Dialogen eher zwischen Dokumentar- und Kunstfilm. Weerasethakul beschäftigt sich hier mit dem Thema der transzendentalen Seelenwanderung, die Teil des religiösen Empfindens der Einwohner im Nordosten Thailands, der Heimat des Regisseurs, sind. Parallel zu seinen Filmen arbeitet Apichatpong Weerasethakul auch für den internationalen Kunstbetrieb. Seine Videoinstallationen wurden bei der Saitama Triennale in Japan, der Biennale in Sidney, der 13. Documenta in Kassel oder in der Tate Modern in London gezeigt. Dabei kam sicherlich auch die Verbindung zu Chris Dercon zustande.

Bei der Pressekonferenz zur Programmvorstellung der neuen Volksbühne wurde Weerasethakuls für den internationalen Festivalbetrieb entwickelte Projektions-Performance Fever Room als weitere große Regiearbeit zwischen Film und Schauspiel angekündigt. Premiere hatte die Produktion 2015 im Asian Arts Theatre Gwangju, Südkorea. Die Erstaufführung im deutschsprachigen Raum fand im September dieses Jahres beim Steirischen Herbst im Orpheum-Konzerthaus in Graz statt. Wenn auch für die Bühne konzipiert, hat Fever Room mit herkömmlichem Schauspiel allerdings kaum etwas zu tun. Schauspieler sieht man nur in den aus Cemetery of Splendour stammenden Filmszenen, auf denen die Videoinstallation zum größten Teil beruht. Ansonsten ist Fever Room eher dem Bereich bildende Kunst zuzuordnen, dem sich die Volksbühne unter Chris Dercon ja zunehmend verschrieben hat.

 

Fever RoomFoto (c) Kick the Machine Films

 

Das Publikum sitzt bei der Vorführung in der Volksbühne auf Stühlen bzw. direkt auf dem Boden der abgedunkelten Bühne im großen Saal. Aus dem Schnürboden senkt sich zunächst im Bereich des Bühnenportals vor dem noch geschlossenen Vorhang eine Videoleinwand, auf die besagte Filmszenen projiziert werden. Später kommen eine Leinwand darüber und zwei weitere links und rechts davon hinzu. Zu sehen sind Bilder aus einem Krankenhaus, von Hunden, Bäumen und Pavillons in einem Park, oder von Bergen und dem Meer, die von den beiden ProtagonistInnen, einem an der Schlafkrankheit leidenden Soldaten und einer Krankenschwester, die sich als Medium in seine Träume hineinversetzt, nacheinander beschrieben werden. Diese Sequenzen laufen nacheinander in sich wiederholenden Schleifen. Nach einer längeren Bootsfahrt auf dem Mekong, bei der Bilder der Landschaft mit denen von befestigte Uferböschungen wechseln, sieht man noch das Innere einer Höhle. Es entsteht dabei eine zunehmende visuelle und akustische Überlagerung von gleichzeitig ablaufenden Filmszenen und der aus Originalgeräuschen der Umgebung bestehenden Tonspur.

Schon das allein hat eine sehr meditative und fast magische Wirkung, die nach etwa 50 Minuten noch durch den Einsatz eines Laserstrahls verstärkt wird. Nachdem die Leinwände wieder hochgefahren werden, öffnet sich der Vorhang zum Zuschauerraum. Der sich in Trockeneisnebel drehende Laserstrahl bildet dabei wechselnd eine trichterartige Höhle oder eine sich hebende und senkende zentralperspektivische Ebene, die einem das Gefühl geben, in diese dreidimensionale Lichtinstallation eingesogen zu werden. Musik, einzelne Stimmen und schattenartige Projektionen von Menschen sollen das Geschehen und die Gedanken der sich in ihren Träumen an frühere Begebenheiten Erinnernden in eine Dimension der Transzendenz überführen. Was recht esoterisch klingt und ein wenig auch an die Intension der Performance Women in Trouble von Susanne Kennedy erinnert. Nur dass deren Arbeit nicht die immersive Kraft von Fever Room entfalten kann. Auch wenn man sich auf Weerasethakuls Denkart nicht einlassen möchte, überzeugt zumindest die technische Perfektion dieser audiovisuellen Installation, die den Raum der Volksbühne perfekt nutzt, ohne wirklich Theater zu sein.

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Fever Room (Volksbühne, 08.12.2017)
Regie: Apichatpong Weerasethakul
Visual Design: Rueangrith Suntisuk
Licht Design: Pornpan Arayaveerasid
Sound Design: Akritchalerm Kalayanamitr
Komposition: Koichi Shimizu
Produktion: Asian Culture Centre Theatre – Korea, Kick the Machine Films, Volksbühne Berlin
Die Berlin-Premiere war am 07.12.2017
Dauer: 90 min., keine Pause
Thailändisch mit deutschen und englischen Untertiteln
Termine: 26., 27., 28.01.2018

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/de

Zuerst erschienen am 10.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Seelen reisen in Gruppen und bevorzugt mit Rollkoffern – Im Grünen Salon der neuen Volksbühne laden das Künstler-Duo Calla Henkel & Max Pitegoff zu einer News Crime Sports genannten Performances- und Konzertreihe

News Crime SportsFoto (c) Calla Henkel & Max Pitegoff

Im Grüner Salon der Volksbühne sieht’s derzeit ein wenig aus wie bei Hempels unterm Sofa. Die lotterige Bühneninstallation für die neue Performance-Reihe News Crime Sports stammt von Calla Henkel & Max Pitegoff, denen Chris Dercon die Programmgestaltung der kleinen Nebenspielstätte im 1. Stock des Hauses überantwortet hat. Das in den USA geborene und seit 7 Jahren in Berlin lebende Künstler-Duo zeichnet auch für Text und Regie dieser als in loser Folge entwickelten Performances- und Konzertreihe verantwortlich. Die Musik stammt von Katrin Vellrath und dem allseits bekannten Volksbühnenurgestein Sir Henry, der hier auch den Part des Manns an den Tasten übernommen hat und in einer Art Tattoo-Überzieher den Captain Cook mimt.

Calla Henkel & Max Pitegoff sind in der Kunstszene Berlins bestens vernetzt und haben ihre Fotografien und installationsartigen Wohnräume bereits in New York, London, Rotterdam und bei der letzten Berlin Biennale 2016 ausgestellt. Vertreten werden sie von der Schöneberger Galerie Isabella Bortolozzi. Von 2013 – 2015 bespielten die beiden mit englischsprachigen Stücken auch das New Theater in einem Kreuzberger Ladenlokal. Dann kam der Ruf von Chris Dercon an die neue Volksbühne. Im ersten Teil von News Crime Sports, der zur Eröffnung des Grünen Salons uraufgeführt wurde, sieht man einer internationalen Entourage aus Kunstgroupies und Partypeople beim Zeittotschlagen zu. Das Ganze handelt laut Website „in einer undeutlichen Vergangenheit, in der Wahnsinn die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs wellenartig überfällt, während sie die Stunden, Wochen und Jahre zu füllen versuchen, die wie auf einen Schlag zu vergehen scheinen.“

 

News Crime SportsFoto (c) Calla Henkel & Max Pitegoff

 

Auf der Bühne steht dabei eine Gruppe von bildenden Künstlern, Tänzern, Performern und Musikern. Sogar ein Model mit Mick-Jagger-Schmollmund mimt hier eine Tochter aus besserem Hause, die sich in der „City of lazy, hazy, grazy People“, die sich hier auf den rumstehenden Sofas lümmeln, zunehmend langweilt. Und auch die Mutter ist als Journalistin auf der Suche nach besagten News, Crime and Sports. Zunächst gibt’s aber nur Champagner, Dosenpfirsiche und gute Ratschläge vom Hausphilosophen („Seelen reisen in Gruppen“), bis irgendwann eine mysteriöse Dame mit Rollkoffer und Einkaufstaschen die träge Gesellschaft aufmischt. „Kollektives Träumen ist möglich.“ heißt es da. Die Stimme kommt vom Band und gehört Silvia Rieger, die neben Sir Henry weiterhin zum Rumpf-Ensemble der neuen Volksbühne gehört. Dazwischen gibt es etwas Musik und ein paar Anspielungen auf das schwere und prekäre Künstlerleben. „We all need Jobs.“ Leider kann hier niemand wirklich Theater spielen und tänzelt und feudelt sich dann halt irgendwie durch.

Vor drei Jahren hat das Ballhaus Ost mit einer Romanadaption von Franz Hessels Heimliches Berlin schon mal das ewige Künstlertum in einer sich beständig wandelnden Metropole beschrieben. Seit den wilden Zwanzigern scheint sich da in Berlin nicht viel geändert zu haben. Was sich ändert sind nur die Vorzeichen, und die stehen zurzeit auf Austauschbarkeit. Worte wie Vergangenheit oder Zukunft haben hier keinerlei Bedeutung mehr, da sich die Kunst längst von Ort und Kontext befreit hat. Dabei wirkt die Performance so Old School, dass man erstaunt ist, dass es so etwas wirklich noch gibt. Oder besser, dass die Kapelle des untergehenden Kreuzfahrtdampfers immer noch so lange einfach weiterspielt, bis der Kahn tatsächlich gesunken ist. „What Time it ist?“ oder „How long are we here?“ sind dann auch die großen Fragen des Abends, die man sich notgedrungen beginnt selbst zu stellen. Wenn dann auch noch von einem von Polizisten abgesperrten Theater die Rede ist, ist das schon etwas kokett, und man fragt sich ernsthaft, warum sich die Volksbühne erst von hinten den Dilettantismus in den Grünen Salon reinholt, den sie durch die Polizei vorne hat rausholen lassen.

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News Crime Sports (Grüner Salon, 08.12.12017)
Regie und Text: Calla Henkel & Max Pitegoff
Kostüme: Ella Plevin
Komposition: Sir Henry, Katrin Vellrath
Stimme von: Silvia Rieger
Choreographie: Tarren Johnson
Musik: Sir Henry
Redaktion und Übersetzung: Alex Scrimgeour
Kuratorin: Elodie Evers
Mit: Agathe Bommier, Mia von Matt, Lily McMenamy, Leon Kahane, Theresa Patzschke, Elias Pitegoff
Die Premiere war am 17.11.2017 im Grünen Salon der Volksbühne
Mehrsprachig (Englisch, Deutsch, Französisch)

Infos und Termine: https://www.volksbuehne.berlin/de/

Zuerst erschienen am 11.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Les Misérables“ am Berliner Ensemble – Frank Castorf siedelt seine Bühnenbearbeitung des großen sozial-moralischen Elends-Romans von Victor Hugo im vorrevolutionären Kuba an

Dezember 10th, 2017

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„Frank Castorf ist der einzige Überlebende einer Zeit, in der man sich und die Welt auf der Bühne noch zur Disposition gestellt hat – inklusive Liebe und Politik; der letzte Mohikaner einer Idee, Theater als Gedankenmaschine zu betrachten.“Christoph Schlingensief

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Foto Schaukasten BE – St. B.

Mit Les Misérables (Die Elenden) hat der französische Schriftsteller Victor Hugo ein bedeutendes mehrteiliges Romanwerk geschaffen, das Charles Baudelaire zur Recht einen aufpeitschenden Mahnruf an eine selbstgefällige Gesellschaft bezeichnete. Neben dem Schreiben dieses fast 1500seitigen Sozialromans begann Hugo 1944 auch eine politische Karriere erst im Pariser Oberhaus und nach der Februarrevolution 1948 mit dem Sturz der Junimonarchie auch in die gesetzgebende Nationalversammlung. Nach der Restauration der Monarchie 1851 durch Kaiser Napoleon III. muss Hugot erst nach Belgien und später auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey ins Exil. Auf Guernsey beendet er 1862 den Roman und betritt Frankreich erst wieder 1871 nach dem Sturz Napoleons infolge der Niederlage Frankreich gegen die Deutschen in der Schlacht von Sedan. Nach dem niedergeschlagenen Aufstand der Pariser Commune setzt Hugo sich auch für eine Amnestierung der inhaftierten Kommunarden ein.

Die Pariser Commune ist es aber nicht, was den Ex-Volksbühnenintendanten Frank Castorf an Victor Hugo gereizt hat. Seine Adaption des Romans, den er ebenfalls unter dem Titel Les Misérables in seinem Exil am Berliner Ensemble, 20 Jahre nach seinem letzten Auftritt mit Heiner Müllers Der Auftrag am Schiffbauerdamm, für die erste Spielzeit des neuen Intendanten Oliver Reese inszeniert hat, verlegt Castorf ins revolutionäre Kuba der Batista-Diktatur und deren Sturz durch den Aufstand der Revolutionäre um Fidel Castro. Auch Hugos Roman befasst sich mit den Pariser Juniaufstand von 1832. Mit diesen ausführlich beschriebenen Barrikadenkämpfen bricht die Geschichte in die fiktive Erzählung um den ehemaligen Galeerensträfling Jean Valjean, der nach 19 Jahren Bagno, wo er wegen des Diebstahls eines Brots und mehrerer Fluchtversuche inhaftiert war, entlassen wird. Der Roman beschreibt Valjeans mühsame Rückkehr in die Gesellschaft, seine Wandlung hin zu Menschlichkeit und moralischem Handeln in einer barbarischen Welt voller sozialer Missstände.

„So lange kraft der Gesetze und Sitten eine sociale Verdammniß existirt, die auf künstlichem Wege, inmitten einer hoch entwickelten Civilisation, Höllen schafft und noch ein von Menschen gewolltes Fatum zu dem Schicksal, das von Gott kommt, hinzufügt; so lange die drei Probleme des Jahrhunderts, die Entartung des Mannes durch das Proletariat, die Entsittlichung des Weibes infolge materieller Noth und die Verwahrlosung des Kindes, nicht gelöst sind; so lange in gewissen Regionen eine sociale Erstickung möglich sein wird, oder in andern Worten und unter einem allgemeineren Gesichtspunkt betrachtet, so lange auf der Erde Unwissenheit und Elend bestehen werden, dürften Bücher wie dieses nicht unnütz und unnötig sein.“ heißt es dann auch zu Beginn von Hugos Roman.

 

LES MISÉRABLES am Berliner Ensemble
Foto (c) Matthias Horn

 

Auch wenn sich Frank Castorf viel mit Dostojewski und seinen Romanen voller religiöser Motive, Schuld- und Sühnegedanken befasst hat, ist er dennoch kein großer, fingerschwingender Moralist auf dem Theater. Hugos Roman ist ihm wie immer Themenlieferant für eine Verschränkung verschiedener Orte und Zeitebenen, die er angereichert mit jeder Menge Fremdmaterial dem Publikum als geschichtliches Mash-up vor die Füße kippt. Dafür hat im Aleksandar Denić wieder eines seiner großartigen monumentalen Bühnenbauwerke ins Berliner Ensemble gestellt. Die Häuserfront einer kubanischen Zigarrenfabrik, ein Gemüsemarktstand und ein mit Wachturm und Stacheldraht umzäuntes Lager, das unschwer an Guantanamo gemahnt, bilden ein „Casino de Cuba“, dessen düstere Innenräumen wieder mit der Handkamera ausgeleuchtet und nach draußen projiziert werden.

Zunächst aber sitzt dort der 85jähriger Schauspieler Jürgen Holtz und hält einen langen, bedeutsamen Monolog über das Pariser Abwassersystem. Eine kilometerlange Kloake, ein Moloch aus den unterirdisch verschlungenen Gedärmen der Stadt Paris, die jährlich 25 Millionen Franc ins Meer spülen. Die Verschwendung wertvollen, menschlichen Düngers, wie es da u.a. heißt. Das wäre in China nicht passiert. In dem seitenlangen Kapitel Das Innere des Lewiathan berichtet Hugo über die Jahrhunderte dauernde Entstehung dieses alten Kanalsystems. „Eine 60 Meilen Scheißegrube aus Schmutz und Lügen“ heißt es da, aber auch: „Die Wahrheit der Kloaken gefällt uns, denn sie beruhigt unser Gemüt“. Die Kanalisation als große Gleichmacherin. Hugo bewegen zum Thema Untergrund aber noch ganz andere Gedanken, die Castorf an diesem Abend seinem durch die Kulissen irrlichterndem Ensemble immer wieder in den Mund legt: „Die Geburtswehen der Zukunft gehören zu den Visionen der Philosophen. Die Erde als Fötus der Vorhölle, was für ein unerhörtes Bild.“

 

LES MISÉRABLES am Berliner Ensemble
Foto (c) Matthias Horn

 

Ein wahrlich großer Auftakt des alten BE-Mimen und eine bildliche starke Metapher für das nun folgende. Später gibt Holzt den Bischof Myrel, dem Jean Valjean (Andreas Döhler), nachdem er von ihm in einem Akt der Mildtätigkeit von der Straße weg zum Abendmahl geladen wurde, das Silberbesteck samt Leuchter klaut. Doch zunächst beschäftigt sich die mit 7 ½ Stunden etwas übers Planziel hinausschießende Inszenierung in den ersten 1 ½ Stunden mit dem Roman Drei traurige Tiger (1967) vom kubanischen Revolutionsteilnehmer und späteren Exildichter Guillermo Cabrera Infantes. Der Roman spielt Ende der 1950er Jahre, in denen Kuba, regiert durch den korrupten Diktator Batista, noch Hinterhof der USA und Havanna das Klein-Paris der Karibik war. Eine Gruppe von jungen Künstlern tigert durch das Havanna der Nachtclubs und Bars. Was Thelma Buabeng, Patrick Güldenberg, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Aljoscha Stadelmann und die schon in Castorfs Volksbühnen-Faust groß aufspielende Valery Tscheplanowa dann hier auch ausgiebigst und zum Teil wüst kalauernd tun. Von den Fürzen als Seufzer des Körpers bzw. Räusper der Seele bis zum Zungenbrecher aus Cabreras Roman: „Drei traurige Tiger trinken trüben Drüsentee.“

Heiner Müllers Der Auftrag – Erinnerung an eine Revolution passt da ebenso gut hinein, wie der hymnische, in schwarz-weiß gedrehte Revolutionsfilm Soy Cuba (Ich bin Kuba) des sowjetischen Regisseurs Michail Kalatosows aus dem Jahr 1964, der hier immer wieder über die Leinwand flimmert. Es geht also um den Kolonialismus, mit dem unverstellten Blick aus Lateinamerika auf ein eurozentrisches Weltbild. Und wenn der Sozialreformer Hugo in seiner idealistischen Rede bei der Eröffnung zum Pariser Friedenkongress 1849 von der Idee der Vereinigten Staaten von Europa nach dem Vorbild der USA, dem Ende aller Kriege und dem Fortschritt träumt, dann gerät schnell der Rest der Welt in Vergessenheit. Frank Castorf lässt die Rede vor der Pause wie eine alte Tonaufnahme mit Kratzern von Jürgen Holtz sprechen. Momentan trägt sich wieder mit diesem Gedanken der in den Wahlen zum Bundestag gescheiterte SPD-Vorsitzende und ehemalige Europapolitiker Martin Schulz.

 

LES MISÉRABLES am Berliner Ensemble
Foto (c) Matthias Horn

 

In diesem nach Baal in Indochina und Faust in Algerien wie der dritte Teil einer Kolonialismustrilogie wirkenden Inszenierung kommt wieder Abdoul Kader Traoré die Rolle des schwarzen Emissärs Sasportas aus Heiner Müllers Auftrag zu, der diesmal wesentlich mehr Raum einnimmt und in verteilten Rollen auch von Stefanie Reinspergers als die Revolution verratender Debuisson gesprochen wird. „Die Heimat des Sklaven ist der Aufstand“, zitiert Traoré, sagt aber auch, dass die Sklaverei nicht aus der EU-Zivilisation verschwunden sei. Dann legt er noch ganz nach jakobinischer Tradition mit Hugos Abhandlung über den Unterschied von Aufruhr und Aufstand nach und gibt einen schwarzen Voodoopriester, dem Fantine (Valery Tscheplanowa) Haare und Schneidezähne verkauft.

Natürlich handelt Frank Castorf auch die wichtigsten Stationen des Romans ab. Beginnend mit dem Martyrium jener Fantine, die ihre Tochter Cosette bei dem habgierigen Wirtsehepaar Thénardier (großartig fies von Aljoscha Stadelmann und Stefanie Reinsperger gespielt) in Pflege gibt, um sich und das Kind mit der Arbeit in einer Fabrik über Wasser zu halten. Valjean wird von Andreas Döhler zunächst als lautstarker Prolet eingeführt. Er scheint hier wie mal eben aus seiner Rolle des Franz Biberkopf aus dem DT herübergeeilt. Später als zu Geld gekommener Bürgermeister von Montreuil, rettet er die aus der Fabrik Entlassene vor dem Gefängnis und zahlt ihre Schulden. Dazwischen schiebt Castorf in langen Mono- und Dialogen die Jagd des hartnäckigen Inspektors Javert (Wolfgang Michael) nach dem ehemaligen Sträfling. In einigen Szenen nebst wildem Barrikadenkampf sieht man den jungen Rocco Mylord als pfiffigen Gassenjungen Gavroche, der später in Totenkopfmaske durch die rattenverseuchte Pariser Unterwelt führt.

LES MISÉRABLES am Berliner Ensemble
Foto (c) Matthias Horn

Irgendwie steht Castorf aber auch die Handlung des Romans beim Abspulen seiner eigentlichen Story immer wieder im Weg. So kann er im zweiten, ebenfalls an die 3 ½ Stunden dauernden Teil nicht mehr an den Fluss vor der Pause anknüpfen. Nach einem vom Balkon herunter munter philosophisch meanderndem Rededuell zwischen Aljoscha Stadelmann und Stefanie Reinsperger reibt sich die Inszenierung zwischen ausufernden Fremdszenen, Klamauk mit Hustenpastillen und dem Zweikampf zwischen Valjean und Javert auf. Das wirkt dann mit seinem Diskurs über Schuld und Sühne zunehmend einschläfernd und bricht erst weit nach Mitternacht irgendwo einfach ab. Wie man nun hört – geschickter PR-Gag, oder einfach aus der Not eine Tugend machend – wird es in Zukunft eine gestraffte 6-stündige Version und eine Art Directors-Cut mit noch nicht gezeigten Szenen geben, der mit über 8 Stunden und zwei Pausen das Herz der Castorf-Fans sicher höher schlagen lassen dürfte.

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Les Misérables
nach Victor Hugo
Regie/Bearbeitung: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Dramaturgie: Frank Raddatz
Mit: Thelma Buabeng, Andreas Döhler, Patrick Güldenberg, Jürgen Holtz, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Wolfgang Michael, Aljoscha Stadelmann, Stefanie Reinsperger, Rocco Mylord, Abdoul Kader Traoré, Valery Tscheplanowa
Premiere war am 01.12.2017 im Berliner Ensembles
Termine: 15., 16., 28., 29.12.2017 / 06., 07.01.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

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Die Eröffnung der neuen Volksbühne mit drei Beckett-Einaktern von Walter Asmus und „Women in Trouble“ von Susanne Kennedy

Dezember 6th, 2017

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Nicht Ich / Tritte / He, Joe – Walter Asmus inszeniert drei Einakter des irischen Dramatikers Samuel Beckett als Referenz für das Avantgarde-Erbe der neuen Volksbühne Berlin unter Chris Dercon

Viel Streit im Vorfeld (Castorf– versus Dercon-Jünger), dann Tanzeröffnung im September auf dem Tempelhofer Feld, eine syrische Iphigenie-Adaption im Hanger 5 und dann nochmal Ärger mit einer Besetzung des Haupthauses am Rosa-Luxemburg-Platz durch junge politisch engagierte Performance-Künstler. Sie wurden nach gescheiterten Verhandlungen durch die von Chris Dercon herbeigerufene Polizei geräumt. Absperrgitter standen seitdem vor dem Zugang. Kaum glaubte man noch daran, dass auch hier wieder Theater auf der großen Bühne gespielt werden würde. Nun ist also am Wochenende des 10. bis 12. November die Volksbühne Berlin unter neuer Intendanz doch noch ganz offiziell mit drei Beckett-Einaktern – flankiert von Arbeiten des deutsch-britischen Performances-Künstlers Tino Sehgal – feierlich eröffnet worden. Sehr begeistert zeigte sich das Gros der Kritikerzunft jedoch nicht.

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In den Spielplan der Volksbühne übernommen wurden die Einakter Nicht Ich / Tritte / He, Joe, inszeniert vom ehemaligen Beckett-Assistenten und jahrelangen Regisseur von dessen Stücken Walter Asmus, gespielt von der ehemaligen Schauspielmuse des Schaubühnenintendanten Thomas Ostermeier Anne Tismer (die schon vor Jahren ins freischaffende Performancegeschäft gewechselt ist, das Ballhaus Ost mitbegründete und eine Zeitlang in Togo lebte). In He, Joe ist der dänische Schauspieler Morten Grunwald (bekannt als Benny aus zahllosen Olsenbanden-Filmen) zu sehen.

 

Anne Tismer´s Mund im Beckett-Monolog Nicht ich an der Volksbühne Berlin – Foto (c) David Baltzer

 

Die neue Volksbühnenleitung beansprucht den irischen Schriftsteller und Dramatiker Samuel Beckett als neuen Hausheiligen. Chris Dercon ist dabei vor allem bemüht um Becketts spätes dramatisches Werk, das aus einer starken formalen Reduktion früherer Stückthemen besteht. Sehr viel Endspiel, etwas von Glückliche Tage oder auch Das letzte Band. Immer geht es um letzte Dinge, verzweifelte Rückblicke und den ausweglosen Horror aus immer gleichen, sinnlosen Verrichtungen. Hier steht aber mehr Becketts Sinn für Bilder, Bewegung, Licht, Stimme und Ton im Vordergrund. Es geht um die Frage – wie es Programmdirektorin und Dramaturgin Marietta Piekenbrock in der Einführung zur Vorstellung am 28. November ausdrückte – , welches Erbe uns das 20. Jahrhundert übergeben hat. Beckett als Motor der heutigen Avantgarde. Ein Gruß „tief aus dem Maschinenraum des 20. Jahrhunderts“ an die Zukunft, die gerade die Grenzen zwischen Theater und Performance auslotet.

Der späte Beckett mit seinen experimentellen Einaktern ist da tatsächlich eine Referenz, besonders was die Nähe zur bildenden Kunst, um die es Museumsmann Dercon ja auch geht, betrifft. Mit seinen streng zu befolgenden Regieanweisungen hat Beckett geradezu ikonische Inszenierungen geschaffen, die Walter Asmus dann auch fast schon retrospektiv rekonstruiert. Im Nachgespräch mit Intendant Chris Dercon betonte der Regisseur seine Abneigung gegenüber modernen Interpretationen, in denen etwa Glückliche Tage nicht in einem Erdhügel, sondern in einer überfluteten Küche spiele. Damit muss er wohl die Inszenierung von Katie Mitchell am Deutschen Schauspielhaus Hamburg meinen. Die ebenfalls sehr formstark arbeitende britische Regisseurin hatte bereits 2014 für die Werkstatt der Staatsoper Berlin im Schillertheater Footfalls (Tritte) mit einer Opernbearbeitung von Neither nach dem Text Becketts durch den Komponisten Morton Feldman zusammengeführt.

 


Volksbühne Berlin am 28. November 2017: Chris Dercon (li.) im Gespräch mit Walter Asmus – Foto: St. B.

 

Das ist wohl das, was Asmus dann auch mangelnde Demut oder grassierenden Hochmut des Regietheaters nennt. Variationen würden den Stücken die Poesie nehmen. Von Peter Stein und Claus Peymann sind ähnlich lautende Aussagen zum mangelnden Respekt vor Autor und Text bekannt. Dass Chris Dercon von Claus Peymann die Abschaffung des Literaturtheaters vorgeworfen wurde, kontert der nun geschickt, allerdings auch etwas anachronistisch, mit diesen werktreuen Beckett-Rekonstruktionen von Walter Asmus. Auch wenn der, wie er betonte, nicht ewig im Beckett-Schleim waten möchte, schwelgt er an diesem Abend noch etwas in Anekdoten aus Becketts Berliner Zeit und wirft dem „Dödel von der Presse“, der ihm peinlichen Kitsch vorwarf, ein „So what“ hinterher.

Dass Marietta Piekenbrock in der Einführung allerdings dermaßen vehement auf Becketts German Diaries abhebt, macht den Abend fast schon zur Werbeveranstaltung für die gerade angelaufene Ausstellung German Fever. Beckett in Deutschland und die Volksbühne Berlin zur Dependance des ausrichtenden Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Der sich 1936/37 auf Bildungsreise in Deutschland befindende Beckett trifft auf den der 1970er Jahre mit seinen legendären Inszenierungen am Berliner Schillertheater. Beckett und Deutschland eine Art stetige Hassliebe. „Ich bin froh, wenn ich hier weg bin“, schreibt Beckett über München. Wer möchte da nicht an Chris Dercon denken.

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Zur Wirkung des Abends muss man leider sagen, dass der durch eine plötzliche Unpässlichkeit Anne Tismers hier nicht wirklich in Gänze beurteilt werden kann. Die Schauspielerin erlitt direkt nach dem ersten Stück Nicht ich einen Kreislaufzusammenbruch, wie Walter Asmus später berichtete. Bei der starken Intensität der Textdarbietung, bei der gemäß Vorgabe Becketts in totaler Dunkelheit nur der angeleuchtete, grellrot geschminkte Mund der Performerin zu sehen ist, verwundert das nicht. Asmus selbst sprach von Übelkeitsanfällen im Publikum bei der Uraufführung 1972 in New York.

Es bedarf hier seitens der Schauspielerin einer bestimmten Atemtechnik, um den in stetigen Schleifen nur durch kurze Pausen und Schreie unterbrochenen, stakkatohaft ausgestoßenen Wortschwall (ein, wie es im Text auch heißt, Sausen im Hirn) zu bewältigen. Sprache und Stimme wirken hier sehr körperlich. Asmus betonte die außergewöhnliche Musikalität des Textes, der wie eine Partitur strukturiert sei. Tismer gelingt die Umsetzung dieser Kopfstimme, die sich in ständig flimmernder Selbstvergewisserung vor dem letztendlichen Auslöschen wehrt, auch auf sehr eindrucksvolle Weise.

Leider musste die anschließende Aufführung des zweiten Stücks Tritte, einem Kopfdialog einer Tochter mit ihrer Mutter, den Tismer ansonsten im Gegensatz zum Original ganz allein bewältigt, ausfallen. Als Tochter hat sie beständig eine ganz bestimmte Schrittanzahl zu absolvieren, während sie parallel auch die Mutter spricht. Eine ganz genau bemessene zeitliche Abfolge von Stimme, Licht und Bewegung im Raum, die einen sehr starken fast schon maschinellen Installationscharakter besitzt.

 

Morten Grunwald in Großaufnahme bei Becketts He, Joe an der Volksbühne Berlin – Foto (c) David Baltzer

 

Stimmen im Kopf auch bei dem 1965 für die BBC entstandene Film Eh Joe (He, Joe). Beckett hat ihn zeitlich parallel mit dem Aufkommen der Videokunst als Experiment ohne jeglichen Schnitt entworfen. Das „Stück für Stimme und Gesicht“ hat Beckett dann 1966 nochmal für den Süddeutschen Rundfunk aufgenommen. Morten Grunwald sitzt nun in der deutschen Erstaufführung einer Bühnenfassung, die allerdings schon in Kopenhagen gespielt wurde, hinter einem Gazevorhang, während sein Gesicht in Großaufnahme auf den Vorhang projiziert wird. Die Kamera fährt dabei mit der Zeit immer näher an die sich lediglich mimisch bewegende Gesichtslandschaft von Grunwald. Vom Band kommt flüsternd die Stimme Anna Tismers. Es ist die Stimme des Gewissens, die dem Mann den Selbstmord einer früheren Geliebten vorwirft und ihm seine Schuld und Einsamkeit vor Augen führt, ihn dabei geradezu verhöhnt.

Dieses sehr minimalistische Spiel mit Bild und Sprache bei Beckett ist es, was Chris Dercon so fasziniert, das er es mit zeitgemäßen Darstellungsformen vor allem in der Performancekunst wie etwa den Silikonmasken tragenden menschlichen Avataren in den Inszenierungen von Susanne Kennedy, bei der die Stimmen der ProtagonistInnen ebenfalls vom Band eingespielt werden, vergleichen will. Woman in Trouble, Kennedys erste Inszenierung für die Volksbühne, hatte auch just am 30. November im Großen Haus Premiere. Es wird sich zeigen, inwieweit die Übertragung dieses retrospektiven Avantgardegedankens aus den 1970er Jahren auf die zeitgenössische Theaterkunst nicht auf einem großen Missverständnis beruht. Ansonsten dürfte diese Art des Theaterspielens nämlich kaum noch wirklich zeitgemäß sein und auf Dauer auch nicht den großen Saal der Volksbühne füllen.

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Nicht Ich / Tritte / He, Joe (Volksbühne, 28.11.2017)
Von Samuel Beckett
Regie: Walter Asmus
Bühne & Kostüme: Alex Eales
Dramaturgie: Marietta Piekenbrock
Mit: Anne Tismer, Morten Grunwald
Die Premiere war am 10.11.2017 in der Volksbühne Berlin
Dauer: ca. 75 min.
Termine: 21., 28.12.2017

Info: https://www.volksbuehne.berlin/de

Zuerst erschienen am 01.12.2017 auf Kultura-Extra.

 

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Women in Trouble, eine 3D-Computerwelt mit Live-Avataren von Susanne Kennedy beschließt den Reigen der Eröffnungspremieren an der neuen Volksbühne Berlin

Susanne Kennedy ist seit ihren Münchner Inszenierungen von Marie-Luise Fleißers Fegefeuer in Ingolstadt und Rainer-Werner Fassbinders Warum läuft Herr K. Amok bekannt für ihre übertrieben künstliche Ästhetik, bei der die DarstellerInnen Latex-Masken tragen und die Stimmen vom Band kommen. Die Regisseurin hat dieses Prinzip immer weiter verfeinert, und in ihrer dritten Münchner Inszenierung The Vergin Sucides wandeln ihre Figuren wie Computer-Avatare durch eine künstliche Bühneninstallation. Letztere Arbeit entstand in Koproduktion mit der neuen Volksbühne unter Chris Dercon und wird dort auch im März 2018 in den Spielplan übernommen. Seitdem bekannt ist, dass Suzanne Kennedy zum künstlerischen Stab der neuen Volksbühne gehört, war man vor allem gespannt auf ihre erste Arbeit, die nun den Abschluss der Eröffnungspremieren im Haupthaus bilden sollte.

 

Women in Trouble an der Volksbühne Berlin
Foto (c) Julian Röder

 

Im Vorfeld hatte Programmdirektoren Mariette Piekenbrock die Nähe von Kennedys Maschinenwesen aus ihrer neuen Produktion für die Volksbühne zu den Figuren in den ästhetisch stark reduzierten Einaktern von Samuel Beckett aus den 1960er und 70er Jahren betont. Beckett wurde als „Motor aus dem Maschinenraum des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet und als Beglaubigung der Begründung einer neuen Theatertradition im selbst an Traditionen nicht armen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz über die erste Spielzeit gestellt. Das scheint starker Tobak, sollte sich aber nur wenige Wochen später tatsächlich bewahrheiten. Jetzt bekam das Theaterpublikum zur Premiere von Women in Trouble diese neuen Welten auch live auf der Bühne präsentiert. „Lifespring“ heißt diese Wellness-Oase, die sich Regisseurin Kennedy von ihrer Bühnenbildnerin Lena Newton mit mehreren Räumen auf der Drehbühne im Großen Haus am Rosa Luxemburgplatz hat bauen lassen.

Eine Computerspielwelt in 3D, in der mehrere wie Avatare auftretende PerformerInnen [Namen s.u.] in den besagten ausdruckslosen Silikonmasken zu einer vom Band laufenden Tonspur in englischer Sprache mit ebenso emotionslosen Stimmen die Münder bewegen. Den Text hat sich Suzanne Kennedy aus Blogs, Fernsehserien und Kinofilmen wie etwa John Cassavetes Opening Night sowie Schriften von Gilles Deleuze und Antonin Artaud zusammengesucht. Den Plot bildet dann auch eine fiktive Web-Serie, in der eine Schauspielerin namens Angelina Dreem die Hauptrolle spielt. Angelina hat Lungenkrebs und geht zur Behandlung in besagte Krebsklinik eines Dr. Chue. Aber sie spielt diesen Part gleichzeitig auch in der Serie, die ihr Sterben sozusagen als Reality-Show ausschlachtet. Sich wiederholende Szeneanordnungen, die von einer männlichen Stimme aus dem Off diktiert werden, zeigen Angelina im Gespräch mit ihrem Lover, der Mutter, dem Arzt oder bei TV-Interviews. In Drehs für die Serie, bei der sie von ihrem männlichen Partner geschlagen werden soll, thematisiert Kennedys Inszenierung auch genderspezifische Probleme.

Dabei laufen die Szenen vom einen Raum des Bühnenkarussells zum nächsten, verdoppeln und verdreifachen sich diese Angelinas oder spiegeln sich vor einer durchsichtigen Wand ineinander. Und wenn dieser weibliche Avatar ohne jegliche innere Regung betont „I am on my way to happiness and free future“, dann ist das natürlich auch eine zutiefst traurige Botschaft, sind doch diese Heilsversprechen der Selbstoptimierungsindustrie bekanntlich auch extrem fragwürdig. Die teilnahmslose Trostlosigkeit dieser Bilder überträgt sich dabei automatisch auch auf das Publikum, das sicher spätestens nach einer halben Stunde begriffen haben wird, wohin das alles zielt, allerdings nicht durch die glatte Oberfläche dieser Welt tiefer einzutauchen vermag. Durch die Röhre eines laut brummenden Computertomografen erfolgt schließlich der Übertritt in eine neue Stufe des Bewusstsein, ob nun mit oder ohne Körper. Die philosophischen und spirituellen Textsplitter vom Band lassen das Ganze wie eine pseudowissenschaftliche Esoterik-Show wirken.

 

Women in Trouble an der Volksbühne Berlin
Foto (c) Julian Röder

 

Die Verheißung der Wiedergeburt führt dann aber lediglich in eine weitere Welt des ewig Gleichen, nur dass sich die Bühne nun in die andere Richtung dreht. Ein immer währender Limbus. Die Vorhölle dessen, was nun in Zukunft an der Volksbühne stattfinden wird. Und da gleicht diese Maschinerie der Susanne Kennedy tatsächlich fatal der von Samuel Beckett, der von Marietta Piekenbrock gern als Motor aus dem Maschinenraum des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. Man hat ihn ja ganz bewusst als Beglaubigung des Folgenden an den Anfang der Spielzeit gestellt, die zunehmend eine Austreibung des Menschen-Theaters mit den Mitteln der zeitgenössischen bildenden Kunst betreibt. Objekte, Installationen und Videoarbeiten die all überall schon die Kunsthallen der Gegenwart füllen. Die 9. Berlin Biennale im vergangenen Jahr nannte das „The Present In Drag“. Die Gegenwart hat sich verkleidet, ist weder erkennbar noch zu verstehen. Konventionelle Formen der künstlerischen Gesellschaftskritik greifen daher nicht mehr. Die netzaffine Kunst ist dabei ganz in die Ästhetik der alltäglichen Werbewelt gewandet. Wobei die virtuelle Welt zunehmend als Realität wahrgenommen wird, Nationen als Marken, Menschen als Daten und die Kultur als Kapital. Ähnliches haben wir schon vom neuen Volksbühnenintendanten Chris Dercon gehört.

Und so belässt es Susanne Kennedy auch dabei, lediglich auf unseren Alltag beherrschende Widersprüche zu verweisen. Woman in Trouble ähnelt da sehr der Videoinstallation What the Heart Wants von Cécile B. Evans. Auch da geht es ja u.a. um den Menschen in der der Netz-Gegenwart, um sein Sterben und das Weiterleben als virtueller Avatar im eigenen Social-Media-Account. Sicher geht es in Kennedys Arbeit noch um einiges mehr. Aber das Erstarren des Theaters in einer bloßen Installation, die Menschen als Avatare benutzt und den Text nur als begleitende Tonschleife mitlaufen lässt, ist 2,5 Stunden lang leider ziemlich langweilig. Die fehlenden Emotionen spiegeln sich auch in einem recht eintönigen Technosoundtrack, der sich zunehmend verstärkt und schließlich am Ende in den fast schon kitschigen Choral Lacrimosa II des polnischen Filmkomponisten Zbigniew Preisner, u.a. bekannt durch hochemotionale Orchesterstücke zu Terence Maliks Tree of Life oder Krzysztof Kieślowskis Die zwei Leben der Veronika. Damit setzt Kennedy einen pathetischen Kontrapunkt.

„Ich like America and America likes Me“, heißt es einmal beiläufige im Text. So lautet auch der Titel einer kapitalismus- und kolonialismuskritischen Kunstaktion von Joseph Beyus in einer New-Yorker Galerie, bei der sich der Künstler 1976 vier Tage lang zusammen mit einem Kojoten in einen Käfig einsperren ließ. Der Kojote stand hier vor allem als Symbol für den Schöpfungsmythos der nordamerikanischen Ureinwohner. Mehr muss man zum großen Irrtum dieser bemüht an Vorbildern klebendenden Volksbühneneröffnung nicht sagen. Und wenn die letzten Worte der Inszenierung „Zeige deine Wunde“ lauten, so ist das nicht nur ein Verweis auf den großen Meister der sozialen Plastik, der in diesem Werk seine biografischen Verwundungen thematisiert hat, sondern auch auf seine Nachfolger wie etwa Christoph Schlingensief, der hier wohl auch eine der Inspirationsquellen Kennedys zu sein scheint. Nur hat Schlingensief in seinen letzten Arbeiten dezidiert sich selbst mit seiner Krankheit in den Mittelpunkt ge- und extrem persönliche Empfindungen dazu ausgestellt. Susanne Kennedy zeigt nur ein ausdrucksloses und dazu noch sehr fremdelndes Abbild dessen.

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Women in Trouble (Volksbühne, 30.11.2017)
Von Susanne Kennedy
Stationendrama
Regie & Text: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Newton
Kostüme: Lotte Goos
Licht: Rainer Casper
Video: Rodrik Biersteker
Sound Design: Richard Janssen
Mit: Suzan Boogaerdt, Marie Groothof, Niels Kuiters, Julie Solberg, Anna Maria Sturm, Bianca van der Schoot, Thomas Wodianka
Die Uraufführung war am 30.11.2017 in der Volksbühne Berlin
Dauer: 150 Min.
Englisch mit deutschen Übertiteln
Koproduktion: Theater Rotterdam
Termine: 03., 10., 23., 27.12.2017

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/

Zuerst erschienen am 03.12.2017 auf Kultura-Extra.

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